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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Stellen Sie sich vor: Ein älteres Ehepaar geht zu einem der Möbelhäuser, die es inzwischen fast überall gibt weil man in denen billig einkaufen kann. Das Ehepaar bleibt lange vor einem Schrank stehen, öffnet und schließt die Türen, zieht und schiebt die Schubladen, prüft das Holz, streicht über die Oberflächen, geht um das Stück herum, überlegt, sinniert. Schließlich sagt die Frau zu ihrem Mann: „Den nehmen wir. Der ist schön und solide, von dem wird unser Enkelchen noch etwas haben!" 

Vielleicht amüsiert Sie diese kleine Geschichte. Dann geht es Ihnen wie all den anderen Zuhörern, die lachen, wenn ihnen diese erfundene Episode erzählt wird. Denn wer heute ein Möbelstück kauft tut es in der Regel nicht mit der Absicht es später zu vererben. Auch Möbel sind Modeerscheinungen, die in vielen Haushalten nach fünf, sechs Jahren ausgetauscht werden. Das ist normal. 

Die kurze amüsante Geschichte hat ein Mann geschrieben, der sich mit der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft beschäftigt. Sie steht in dem spannendsten Sachbuch, das mir in letzter Zeit in die Hände gefallen ist. Der Mann denkt schonungslos über Konsum und Wirtschaftswachstum nach. Er analysiert dabei sehr klug wie ich finde und schafft es, dass ich das Buch neugierig zu Ende lese. Auch er zeichnet düstere Prognosen zum Klimawandel, zum Thema Rohstoffe und Energie und trotzdem gebe ich nicht resigniert auf. Weil er Beispiele erzählt, die Hoffnung machen dass auch Einzelne wirksam handeln können. Weil er mich auffordert, selbst aktiv zu werden. Was er mir vorschlägt, erscheint mir möglich. Das kann ich, das überfordert mich nicht. „Selbst denken" ist der Titel des Buches. 

Ganz ehrlich. Ich kaufe auch in dieser Möbelhauskette ein von der anfangs die Rede war weil ich mir teurere Möbel nicht leisten kann. Das ist das eine und verständlich. Bei meiner Buchlektüre ist mir aber klar geworden, dass ich keine Sekunde mehr darüber nachdenke. Das ist das andere und unverständlich. Mein Geldbeutel ist das einzige Kriterium. So normal ist es geworden, dass ich in einer Wegwerfgesellschaft lebe. Ich trage die Termine für den Sperrmüll in meinen Müllkalender ein. Das war's. Viel mehr beschäftige ich mich nicht damit wie all das entsorgt wird was wir kurzlebig konsumieren.

 Welzer, Harald: „Selbst denken". Eine Aufforderung zum Widerstand. S. Fischer Verlag. März 2013

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