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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Komplimente hört man gern, jedenfalls, wenn sie ernst gemeint sind. Manche überraschen nicht, weil wir sie nicht zum ersten Mal hören. Tolle Jacke, du hast eben Geschmack. Oder: wie du das wieder gemacht hast, das kannst du einfach. Manchmal kommt eine solche Rückmeldung aber auch unerwartet, weil man es selbst ganz anders empfunden hat. 

So ging es mir vor einiger Zeit. Ich hatte lange mit einer Frau geredet, die in eine schwierige Situation geraten war. Nun stand sie vor einer Entscheidung, in der sie das Gefühl hatte: Ob ich's so mache oder anders, es ist immer falsch, ich kann gar nicht richtig entscheiden. Es war nicht nur Schicksal, sie hatte auch selbst dazu beigetragen, dass sie jetzt in diese Krise geraten war. Sie hatte das Bedürfnis zu erzählen und ich hab ihr zugehört, hin und wieder nachgefragt, aber das war auch alles. Je länger das Gespräch dauerte, desto ratloser wurde auch ich. So gern hätte ich ihr geholfen, irgendetwas gesagt, das ihr eine neue Perspektive gibt. Aber es gab nichts. Ich fühlte mich hilflos, und am Ende konnte ich nur sagen: Ich denke an Sie.

Das habe ich auch getan. Und gehofft, dass da noch eine andere Kraft im Spiel ist und diese verkorkste und verworrene Geschichte doch noch irgendwie zum Guten fügt. Zugleich aber blieb in mir das flaue Gefühl: ich bin der verzweifelten Frau etwas schuldig geblieben.

Ein paar Wochen später haben wir uns zufällig auf der Straße wiedergesehen. Gut, dass ich Sie treffe, sagte sie, ich wollte Ihnen nämlich sagen, wie gut mir unser Gespräch getan hat. Sie haben mir zugehört ohne zu werten.

Ich war wirklich platt, denn ich hatte es so ganz anders erlebt. Ich hatte ja nichts weiter tun können als eben zuhören und mich in sie hineinversetzen, es schien mir selbst zu wenig zu sein. Aber offenbar war es das, was sie gebraucht hat.

Richtet nicht, hat Jesus gesagt, und vielleicht hat er das gemeint: zuhören ohne zu werten, den Gesprächspartner nicht bewerten und schon gar nicht abwerten. Versuchen, ihn zu verstehen und nicht wissen müssen, was für ihn jetzt das Richtige ist. Ich habe gelernt, wie hilfreich dieses Lassen sein kann. Und ganz nebenbei hat es mir eines der schönsten Komplimente eingebracht, die ich je gehört habe: Sie haben mir zugehört ohne zu werten.

 

 

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