Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Mittlerweile ist sie in aller Munde: die Inklusion. Gemeint ist damit, dass so genannte behinderte Menschen an allen Feldern des Lebens teilhaben und grundsätzlich nirgendwo ausgeschlossen sind. 

Ich selbst hatte dazu vor Jahren ein Schlüsselerlebnis. Auf einer Wallfahrt nach Frankreich war eine Gruppe von jungen Leuten mit dem so genannten Down-Syndrom dabei. Beim Essen im Hotel haben sie die andern mit ihrer fröhlichen Herzlichkeit angesteckt. Die französische Kellnerin war von ihrem Charme so betört, dass sie sich zu ihnen setzte und ein Glas mittrank.

Als behindert bezeichnen wir Menschen, die körperlich oder geistig irgendwie eingeschränkt sind. Solche Handicaps lassen sich meist nicht verbergen. Aber gibt es nicht auch andere Arten von Behinderung, andere Hindernisse, die das Leben mühsam machen, auch wenn sie nicht gleich jeder sieht? Wer spricht schon von sozialer Behinderung, wenn jemand nicht wirklich in Beziehung leben kann? Und wie schwer kann man fürs ganze Leben behindert sein durch einen Mangel an Vertrauen, an Liebesfähigkeit, an Lebensfreude? Was heißt normal und was heißt behindert?

 Normal ist, dass Menschen unterschiedlich sind.

 Sichtbare Behinderungen, die ich an anderen wahrnehme, erinnern mich an meine eigenen, die oft verborgen sind. Das ist nicht unbedingt angenehm. Es gehört Mut dazu, in der Behinderung anderer auch meiner eigenen Schwäche zu begegnen und ihr standzuhalten.

Ich stelle mir vor, wie das wäre, wenn wir alle diesen Mut hätten, uns so zu zeigen, wie wir sind. Wenn ich nicht mehr ängstlich darauf achten müsste, dass die anderen nur ja nichts merken von meinen Behinderungen und Schwachstellen. Wenn auch ich etwas spüren dürfte von den Einschränkungen derer, die mich mit ihrer Tüchtigkeit einschüchtern.

Vielleicht kann uns die Inklusion ja Mut machen, zu zeigen wie wir sind: stark und schwach zugleich, reich und bedürftig, behindert im einen und nicht- behindert im anderen. Es ist gerade diese Mischung, die uns menschlich macht. Und gerade durch diese menschliche Unvollkommenheit leuchtet für mich das Angesicht Gottes hindurch.

 

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15435