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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Einmal mit dem Fahrrad quer durch Deutschland. Von München bis nach Rügen. Das sind 1260 km. Eine 70jährige Münchnerin hat das geschafft. 50 Tage war sie unterwegs - begleitet von „Sauser", ihrem Rauhaardackel, den sie im Fahrradkorb durch das Land gefahren hat.

Eine reife Leistung und vor ein paar Wochen durfte ich diese Frau kennenlernen. Sie erzählte mir, wie sie überhaupt auf die Idee gekommen ist, in ihrem Alter solch eine Reise zu machen. Denn normalerweise sind Menschen Ihres Alters doch eher in komfortableren Hotels oder in Kurorten zu finden. Doch die begeisterte Radlerin wollte auch nach ihren Hüftoperationen weiter mobil und eigenständig sein. Da kam ihr das Fahrrad mit Elektro-Hilfsmotor gerade recht. Und dass es dann gleich eine Tour nach Rügen sein würde, ergab sich eher im scherzhaften Gespräch mit dem Fahrrad-Verkäufer.

Sich mobil zu fühlen - das war ihr Ziel und es passt zu der sportlichen und ehrgeizigen Frau. Doch sie wollte mit der ungewöhnlichen Reise noch etwas anderes: nämlich die Langsamkeit wiederentdecken. Sie ist überzeugt, dass sich jeder Mensch seinen eigenen Zeitbegriff aneignen sollte, um nicht vom Zeit- und Leistungsdruck aufgefressen zu werden. Sei er gesellschaftlich- oder eigenmotiviert. Das Fahrrad könnte man daher gut als Trainingsgerät und ihre Radtour als 50tägiges Intensivtraining bezeichnen. Und bis heute erinnert die Münchnerin das Radfahren daran, dass es nicht nur darum geht ans Ziel zu kommen. Sondern dass es das Leben lebenswerter macht, wenn man genügsam und gelassen das eigene Tempo annehmen kann.

Gelassener an mein Leben herangehen. Das passt gut zu meinem Gottesbild. Ich glaube nämlich, dass Gott mich beweglich geschaffen hat. Er will, dass ich körperlich und seelisch beweglich bin. Mit meiner eigenen Art und meinem eigenen Tempo. Mit einem Vertrauen, dass am Ende Gott alles zu Ende bringt, was ich mit meiner Art und meinem Tempo eben nicht geschafft habe.

Ab und an habe ich schon die Freude und die große Freiheit gespürt, die dann entsteht, wenn ich vertraue. Wenn ich Gott den Platz in meinem Leben lasse, das zu vollenden, was er durch mich bereits begonnen hat. Einfach, ist das für mich nicht. Und ein Gelassenheits-Training wie es die sympathische Münchnerin mit ihrem Fahrrad praktiziert, tut auch mir gut. Jeden Tag aufs Neue.

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