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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es gibt Menschen, die brauchen nur den Mund aufzumachen und ich bin auf 180. Da ärgert mich jeder Kommentar, Kleinigkeiten bringen mich zur Weißglut und ich muss mich mächtig anstrengen, um nicht gleich pampig zu werden. Dass ich dann so bin, nervt mich ziemlich, denn es passt so überhaupt nicht zu meinem eigenen Idealbild. Schließlich weiß ich doch eigentlich, wie unangenehm es ist, wenn jemand nur an mir herumnörgelt.

Ein wenig tröstet es mich, dass es nicht nur mir so geht. Denn leider gehört es wohl zu uns Menschen, dass wir uns nur zu gerne auf die schlechten Eigenschaften eines anderen versteifen. Alles andere - und sei es noch so gut - blenden wir dann einfach aus. So ist es auch bei einer Bekannten. Sie ist Mutter eines vierzehnjährigen Sohnes, der gerade mitten in der Pubertät steckt und das auch voll auslebt. Wie oft hat sie schon versucht mit ihm Regeln zu vereinbaren, die das Zusammenleben vereinfachen würden. Ein paar Stunden später scheint das schon wieder vergessen und der nächste Streit ist in vollem Gange. Beide fallen dann in ihre typischen Rollen, die schon lange eingeübt sind.

Carl Rogers, ein amerikanischer Psychotherapeut, hat einen - wie ich finde - hilfreichen Vergleich gefunden, um in solchen Momenten gelassener zu bleiben. Er schreibt: 

„Eines der befriedigendsten Gefühle habe ich, wenn ich einen Anderen auf dieselbe Weise genieße wie zum Beispiel einen Sonnenuntergang.

Menschen sind genauso wundervoll wie ein Sonnenuntergang, wenn ich sie sein lassen kann. Ja, vielleicht bewundern wir einen Sonnenuntergang gerade deshalb, weil wir ihn nicht kontrollieren können.

Wenn ich einen Sonnenuntergang betrachte, höre ich mich nicht sagen: ‚Bitte das Orange etwas gedämpfter in der rechten Ecke und etwas mehr Violett am Horizont und ein bisschen mehr Rosa in den Wolken.' Das mache ich nicht. Ich versuche nicht, einem Sonnenuntergang meinen Willen aufzuzwingen. Ich betrachte ihn mit Ehrfurcht."
Annehmen, wie der andere ist...man! Das ist manchmal schon sehrschwer. Aber es liegt nun mal nicht in meiner Macht den anderen zu verändern. Um dennoch gut miteinander auszukommen, hilft der Blick auf das Schöne, nicht auf das, was mich stört. Wenn ich lerne den Anderen auf diese Weise anzuschauen, dann gehe ich vor Ärger nicht gleich in die Luft. Und dann habe ich auch eine Chance zu entdecken, was ihn sonst eigentlich so wertvoll macht. Einfach ist dieser Perspektivenwechsel nicht, ich weiß: aber ich versuche es immer wieder und bin erstaunt, was sich bei anderen so alles an Schönem entdecken lässt.

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