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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

In rund drei Wochen ist bereits Weihnachten! Ich finde: Das kommt sehr überraschend und eigentlich viel zu schnell!
Als Kind habe ich immer auf Weihnachten gewartet, aber die Zeit verging unendlich langsam. Gab es damals mehr Zeit wie heute?
Aber wenn ich dann meine Mutter überreden konnte, mit mir Strohsterne zu basteln oder Plätzchen zu backen, dann war die Zeit bis Weihnachten zwar immer noch lang, aber auch wunderschön.
Und heute? Da ist es auf einmal Weihnachten - und ich bin irgendwie noch gar nicht richtig angekommen. Dabei sind mir Strohsterne am Weihnachtsbaum und Plätzchen immer noch sehr wichtig - aber das ist einfach nicht mehr das Selbe. Warum nur?
Liegt das vielleicht daran, dass ich heute die Strohsterne kaufe und mir die Plätzchen geschenkt werden? Wahrscheinlich.
Das Besondere in meiner Kindheit waren ja gar nicht die Plätzchen oder die Sterne, es war die gemeinsame Zeit mit meiner Mutter. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit Begeisterung Spritzgebäck produziert habe und wie es dabei in der Küche aussah, spätestens, wenn der Schokoguss ins Spiel kam. Aber die Plätzchen dann zu genießen war mir als Kind gar nicht so wichtig - die Zeit mit meiner Mutter sehr wohl.
Als ich später selber Kinder hatte, habe ich mir immer ein Bild von ihnen gewünscht - manche davon hängen noch heute bei mir im Büro. Solch ein Bild war etwas ganz persönliches, etwas mit Zeit und Liebe drin.
Heute sind meine Kinder groß. Wenn sie mich fragen, was ich mir wünsche, dann sage ich: "Du brauchst mir nichts zu kaufen" und will eigentlich damit sagen: "ich hätte gerne wieder etwas Persönliches, etwas mit Zeit und Liebe von dir".
Aber ich mache es ja auch nicht anders und kaufe Geschenke auf den letzten Drücker und fülle jeden Moment meiner Zeit aus - gerade im Advent. Warum selber Plätzchen backen, wenn man genauso gut welche kaufen kann? Warum Strohsterne basteln, wenn ich viel schönere fertig kaufen kann?
Weil mir dann die Zeit des Backens und die Zeit des Bastelns fehlt!
Ich habe mir daher vorgenommen, in diesem Advent etwas daran zu ändern. So erzählte mir eine Bekannte, dass sie am Wochenende in einem wunderschönen Adventskonzert war. Das war für sie der Einstieg in den Advent, eine Zeit, die sie sich selbst gegönnt hat. Es ist schon komisch, das Wertvollste können wir uns nicht kaufen, aber wir brauchen es auch gar nicht! Wir haben viel Zeit, wir müssen sie uns nur nehmen und uns von niemanden - nicht einmal von uns selbst - einreden lassen, das dies vergeudete Zeit sei.
Es muss ja nicht Plätzchenbacken sein, vielleicht tut mir ein schönes Konzert gut, oder ein besonderer Adventsgottesdienst, oder ein Spaziergang mit meiner Frau oder ein Besuch bei meinen Eltern? Es gibt viele Möglichkeiten, mir und anderen Zeit zu gönnen. Ich wünsche Ihnen solch einen Advent.

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