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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

So einen Vater lob ich mir. Mitten in der Stadt habe ich die beiden beobachtet: Ein Vater, so etwa Ende 20. Und sein kleiner Sohn. 1 ½ vielleicht. Im Kinderwagen. Die Welt um sich herum haben beide völlig vergessen. Weil sie ganz in ihr Spiel vertieft waren und viel Spaß dabei hatten.
Das Spiel hat so funktioniert: Der Vater lässt den Kinderwagen mit Sohn drin am oberen Ende einer schiefen Ebene los. Der Kinderwagen rollt allein die Ebene runter. Papa geht zwar nebenher, aber so, dass der Kleine ihn während seiner Fahrt nicht sehen kann. Aber das macht dem anscheinend nichts aus. Fahren ist toll. Vielleicht 8- 10 Meter rollt er so. Unten angekommen, zeigt sich der Vater wieder, fängt ihn ab und der Kleine quittiert das Ganze mit lautem Jauchzen. So geht das zigmal.
So einen Vater lob ich mir. Der diese Kunst beherrscht: Kind loslassen, allein laufen lassen und da sein und Gesicht zeigen, wenn es an der Zeit ist. Ich glaube: So lernt ein Kind Vertrauen.
Wenn man diese Balance immer neu hin kriegt mit Kindern. Auch dann noch, wenn sie in die Pubertät kommen oder schon selber erwachsen sind. Vater sein und immer neu das Maß finden, das gut ist. So dass man später mal sagen kann, eigentlich war es im Ganzen gut, wie wir es miteinander hingekriegt haben. So einen Vater lob ich mir.
Auch darum, weil man Kindern so eine Ahnung davon mitgibt, wie das sein könnte zwischen uns Menschen und Gott. Jedenfalls mit dem Gott, wie Jesus ihn erfahren hat.
„Vater im Himmel," das ist ein passender Name für Gott. Hat Jesus gemeint. Ich verstehe das so: An Gott glauben, bedeutet Vertrauen haben können, dass ich nicht gottverlassen durchs Leben laufe. Für mich schwingt da so etwas mit, wie bei dem Vater und seinem Kleinen. ER lässt einen los ins Leben. Ich muss frei laufen. Ich kann frei laufen. Und Gott, der mich frei gelassen hat, ist zeitweise auch nicht zu sehen. Unsichtbar. Ich kann sogar leben, als hätte ich nie einen Vater gehabt. Als hätte ich mich von ihm losgesagt.
Und wenn das Leben sich anfühlt wie eine schiefe Ebene, auf der es bergab geht? Dass man nicht mehr so leicht lachen hat wie der Kleine im Kinderwagen.
Ich hoffe, Sie und ich, trauen trotzdem, dass der himmlische Vater da ist wie der Vater, der mit seinem Sohn gespielt hat. Vertrauen setzt Kräfte frei. Hilft aufstehen gegen Dinge, die schief laufen. Hilft auch, sich zu wehren und zu kämpfen.
Solche Väter lobe ich mir: Die einem solches Vertrauen geben, auf der Erde und im Himmel.

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