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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es ist eines dieser altmodisch klingenden Worte: Barmherzigkeit. Ich mag dieses Wort, denn es steckt Erbarmen drin und Herz. Wenn sich jemand anrühren lässt und hilft. Im Hebräischen ist das Wort Barmherzigkeit gleichbedeutend mit Mutterschoß. Wie passend als Ausdruck für eine Fürsorge, die Geborgenheit schenkt und schützt. Schon lange mal wollte ich schauen, welches die sieben Werke der Barmherzigkeit sind. Die Klassiker der christlichen Nächstenliebe. Als ich sie gelesen habe, kamen sie mir seltsam unzeitgemäß vor. Darum hab ich mir überlegt, wie sie in unsere Zeit übersetzt werden könnten. „Die Hungrigen speisen zum Beispiel" - materiell muss bei uns eigentlich keiner mehr hungern, aber seelisch hungern viele. Und wirklich hungern tun viele Menschen auf der Südhälfte unserer Erdkugel. „Durstige tränken" - auch eine Wohltat, die eher in südlichen Gefilden nötig ist. Frisches, sauberes Wasser als Lebenselixier. Bei uns dürsten die Menschen eher nach Sinn, nach Zeit oder nach Zuwendung. „Fremde beherbergen" - das dritte Werk der Barmherzigkeit, ist schon eher zeitlos. Den Menschen, die wegen Krieg oder wirtschaftlicher Not ihre Heimat verlassen haben, freundlich begegnen, gast-freundlich. „Nackte bekleiden", auch eine Tat, die hier und heute nicht nötig erscheint. Im übertragenen Sinn aber schon. Wenn jemand einen Fehler gemacht hat, ihn nicht bloß stellen oder eine peinliche Situation überbrücken helfen, das sind auch Werke der Barmherzigkeit. Ohne Zweifel zeitlos: „Kranke pflegen" - mit einem kurzen Besuch zum Beispiel. Nicht anders bei Gefangenen. Das betrifft zwar nur wenige, die dann aber umso härter. Außerdem gibt es verschiedene Arten von Gefängnissen. Nicht nur äußerliche, auch innere, die die Menschen von den anderen trennen. Sucht zum Beispiel, Schmerz oder Trauer. Was mich zum letzten der 7 Werke der Barmherzigkeit bringt: „Die Toten bestatten" - sehr aktuell, denn es gibt immer mehr Menschen, die allein leben oder für die eine Bestattung zu teuer ist. Dass diese Menschen nicht ohne ein Wort und ohne Begleitung verscharrt werden, das ist tatsächlich ein Werk der Barmherzigkeit. Das letzte der sieben und das letzte, das man einem Menschen erweisen kann.

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