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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Schade dass ich nicht dabei sein kann. In Danzig. Nicht nur beim Spiel. Heute Abend ist ja wieder Viertelfinale bei der Europa-Meisterschaft. Ich meine auch die Stadt. Seit ich dort war, weiß ich, diese Stadt ist was Besonderes. Rein äußerlich schon. Liegt nah an der Ostsee. Sehr schöne Altstadt. Aber vor allem „innerlich." Ich finde, es gibt so was wie den Geist dieser Stadt. Überall spürt man, wie eng die Nachbarschaft zwischen Deutschen und Polen ist. Seit Jahrhunderten schon.
Das ging selten ohne Konflikte. Am Schlimmsten war es vor nicht mal 70 Jahren. In Danzig haben deutsche Truppen den Zweiten Weltkrieg begonnen. 1945 schien dann die Jahrhunderte lange deutsch-polnische Geschichte am Ende. Wie ganz Europa.
Und wie Danzig. Die Stadt war zu 90 Prozent zerstört.
Heute lebt sie wieder. Die deutsch-polnische Nachbarschaft lebt wieder
und auch Europa lebt, wenn wir es nicht tot reden.
Dass die deutsch-polnische Nachbarschaft lebt, kann man in Danzig erleben. Man ist willkommen als Deutscher. Die Nationalmannschaft hat das auch gespürt, glaube ich. Viele Danziger haben sich gefreut, als sie in ihrer Stadt Quartier bezogen hat.
‚Das ist doch nichts Besonderes. 70 Jahre sind eine lange Zeit. Menschen vergessen', sagen Sie? Aber das ist es in Danzig grade nicht. Die Gastfreundlichkeit, die man dort wohltuend spürt, kommt nicht davon, dass die Menschen das Schlimme einfach vergessen hätte. Im Gegenteil, die Erinnerung ist lebendig. Bei Polen und Deutschen. Entscheidend ist aber ja wie man sich erinnert. Dass man nicht Wut und Hass aufeinander fortsetzt. Sondern, dass man sich versöhnt.
Viele Deutsche, die aus Danzig fliehen mussten, haben sich in den vergangenen Jahrzehnten für diese Stadt engagiert. Unterstützen soziale oder kulturelle Projekte. Pflegen Kontakte und Freundschaften. Damit die großen Wunden der Vergangenheit versöhnt werden.
Ich glaube, man kann in Danzig etwas davon spüren, was Jesus in der Bergpredigt gesagt hat:
Selig sind die Friedensstifter; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
„Frieden stiften," nüchtern betrachtet heißt das. Versöhnt Euch, steht zusammen und haltet zusammen, obwohl ihr Konflikte miteinander hattet oder habt. Ich glaube, man kann Danzig auch als Beispiel sehen: Wir brauchen in unsere Krise heute nicht weniger Europa, sondern mehr.
Damit die Spannungen und Probleme, die da sind, so ausgetragen werden, dass daraus kein Unfriede werden kann. In diesem Sinn braucht es viel Einsatz, damit Europa meisterlich wird.

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