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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Jetzt hilft nur noch Beten“ heißt es oft, wenn alles Menschenmögliche getan ist. Aber viele Menschen können das gar nicht mehr - beten. Sie bekommen höchstens noch ein paar Bruchstücke aus ihren Kindergebeten zusammen. Und die sagen ihnen dann meistens nichts mehr, weil sie eben kindisch sind; “Ich bin klein, mein Herz ist rein...“, „Lieber Gott mach’ mich fromm, dass ich in den Himmel komm’“ oder so ähnlich.
Beten ist aber so wichtig und gesund, eine Art Psychohygiene, wenn es nicht magisch missverstanden wird. So nach dem Zigarettenautomatenprinzip: Gebetswunsch oben rein und unten kommt die Erfüllung heraus.
Beten, richtiges Beten wird auch das Atmen der Seele genannt. Aber wie betet man, wie betet man richtig? Zunächst einmal so, dass es einem gut tut. Das kann ein inneres Sprechen sein, mit Worten, ganzen Sätzen, vertraut wie mit einem guten Freund und vielleicht noch viel offener. Das können Satzfetzen sein, Stoßseufzer, Gott angebotene Gefühle. Beten kann durchaus auch in Formeln geschehen, ritualisiert als eine Art innere Stütze. Es gab Situationen, da fiel mir ganz einfach nicht mehr ein, als ein Vater Unser zu sprechen. Bei einem Autounfall für die Menschen, die gerade von den Notärzten versorgt wurden.
Beten für etwas oder für jemanden ist eine der klassischen und schönsten Gebetsformen. Beten für die Gesundheit und das Glück der Menschen, die einem lieb sind. Oder für den Frieden. Für Menschen in Leid oder Not.
Ich bin überzeugt davon, dass das Beten Wirkungen hat. Auch hier natürlich nicht magisch missverstanden, dass ich irgend etwas überirdisch beeinflussen oder gar steuern kann. Sondern eine Wirkung als Kraft, die von den Menschen ausgeht, die beten. Und wenn es nur ihre eigene Ruhe oder Friedfertigkeit ist, die entseht oder verstärkt wird.
Ich glaube auch, dass es eine ansteckende Wirkung des Gebets gibt. Ansteckend im guten Sinn. So wie die Menschen von der zerstörerischen Aggression angesteckt werden können, die sich ausbreiten kann wie ein Flächenbrand, so glaube ich auch an die geistliche Ansteckungskraft des Gebetes. Wenn ich in der Kirche die Menschen zur Kommunion oder zum Abendmahl gehen sehe, dann stelle ich mir vor, wie viele Menschen zu dieser Zeit, in genau dieser Stunde in aller Welt in der Kirche sind. Stelle mir die vielen Menschen vor, die ihre Gedanken vor Gott bringen; ihre Sorgen, ihre Freuden, ihre Ängste und Nöte, oder ihren Dank. Und alle nichts Schlechtes dabei tun. Nur beten.
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