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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Schöne Menschen haben es leichter, heißt es. Und Untersuchungen zeigen, es ist so. Beim Bewerbungsgespräch zum Beispiel. Schöne Menschen finden auch leichter einen Partner. Sie kriegen sogar leichter geholfen. Ich habe so eine Situation beobachtet.
Hauptbahnhof Stuttgart - es hätte auch jeder andere sein können. Oben an einer Treppe zu einer Unterführung eine junge Frau. Vielleicht 25, schlank, gut aussehend. Dicker Koffer. Sie ist gerade dabei, die Treppe in Angriff zu nehmen, da spricht sie ein Mann freundlich an. „Darf ich Ihnen helfen?" Freundlicher Blick zurück. „Ja, gern." Er trägt ihr das dicke Ding die Stufen runter. Übergibt ihr den Koffer. Noch ein nettes: „Danke und tschüs". Und beide gehen ihrer Wege. Natürliche Freundlichkeit.
Auf einmal geht mir die Frage durch in den Kopf: Hätte er den Koffer auch geschleppt, wenn sie unscheinbar, 15 Jahre älter und nicht so hübsch gewesen wäre? Ich habe meine Zweifel. Wieso? Es gibt einfach jeden Tag zu viele Frauen auf Bahnhöfen, die ihre Koffer allein herum wuchten. Unbeachtet von uns Männern, die unsere Wege gehen. Schöne Menschen haben es leichter. So weit- so natürlich. So weit - so gut?
Jesus hat eine Strategie gegen dieses einfache Strickmuster propagiert. Er hat gemeint: Seid klug, und gewöhnt euch rechtzeitig ein anderes Verhaltensmuster an. Aus intelligentem Eigennutz. Nicht „selig sind die Schönen" sondern „Selig sind die Armen, Hilfe für die Kranken und Liebe für die Normalen und die Loser." Das ist nicht nur barmherzig, das ist vor allem auch intelligent vorausschauend. Der natürliche Bonus der Schönheit, der kommt schnell in die Jahre. Sie und ich, wir alle haben bessere Karten, wenn wir unsere Menschlichkeit viel breiter streuen.
Diese Strategie von Jesus ist anstrengend? Aber wer sagt, dass Menschlichkeit geht ohne Anstrengung? Wir Nicht-so-Schönen, Behinderten, Kranken, Loser, Normalen und Mittelmäßigen brauchen das, dass wir uns auch anstrengen füreinander.
Immer nur die Schönen sehen? Kann deshalb eigentlich nicht sein. Es kann nicht sein, dass man als Lehrer vor der Klasse, als Chef im Büro und überall den Schönen den Vorzug gibt, bloß weil sie schön sind. Wenn es menschlich zugehen soll, muss man die anderen sehen.
Wenn man den Mechanismus unserer blöden Natur erst mal begriffen hat, wird es menschlich interessant. Zu sagen: Ist halt so!
Das geht ja wohl gar nicht. Wenn ich an das Erlebnis am Bahnhof denke, finde ich: Auch wir Männer können viel mehr als „naturlich".

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