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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Kann man befehlen, einen Menschen zu lieben? In der Bibel begegnet die Aufforderung zur Liebe auf Schritt und Tritt. „Liebe deinen Nächsten“ – das sei das wichtigste Gebot von allen, hat Jesus einmal gesagt (Markus 12, 31). Aber: Dass ich jemanden liebe, dass ich mich zu ihm hingezogen fühle, dass ich einen Menschen sympathisch finde, dazu kann ich mich doch nicht entscheiden, das passiert einfach so, oder es passiert eben nicht. Das hat doch ganz viel mit Gefühlen zu tun, und Gefühle kann man nicht befehlen. Was soll also diese Aufforderung? Da wird doch eigentlich etwas Unmögliches verlangt. Und wird es nicht vollends unsinnig, wenn sich dieses Liebesgebot auch noch auf meine Feinde erstrecken soll?
Aber das Gebot „Liebe deinen Nächsten“ hat noch einen Nachsatz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Und ich glaube, auf diese drei Wörter „wie dich selbst“ kommt es an, damit man das Liebesgebot richtig versteht.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie morgens in den Spiegel schauen. Bei mir entflammt der Blick in den Spiegel jedenfalls keine heftigen Gefühle und ich fühle mich auch nicht sehr zu mir hingezogen.
Worin zeigt sich denn die Liebe zu mir selbst? Na ja, ich versuche gut mir umzugehen, mir selbst nicht zu schaden und wenn ich in eine Notsituation komme, so schnell wie möglich wieder raus zu kommen. - Ich denke, genau diese ganz praktische Liebe ist auch mit der Nächstenliebe gemeint.
Das ist uns etwas fremd, weil für die meisten Menschen die Gefühle bei der Liebe ganz im Vordergrund stehen. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat einmal gesagt:
Die Gefühle begleiten zwar die Liebe, aber sie machen sie nicht aus. Liebe ist kein Gefühl. Stattdessen versucht Martin Buber eine andere Definition der Liebe: „Liebe ist“, sagt er, „Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du“ (Martin Buber, Das dialogische Prinzip, S. 18). Nächstenliebe meint also: Ich fühle mich für meine Mitmenschen verantwortlich, und ich nehme diese Verantwortung wahr, ganz ähnlich wie ich mit mir selbst auch verantwortlich umgehe.
Das heißt nicht, meinen Nächsten zu bemuttern, Nächstenliebe muss die Mündigkeit des anderen zu respektieren. Aber Nächstenliebe heißt: Mir sind die Menschen, denen ich begegne nicht egal. Ich weiß, dass ich für sie Verantwortung trage, genauso wie sie auch für mich Verantwortung tragen. Und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass es ihnen gut geht.
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