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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Ich bin nicht so der kirchliche Typ“, das höre ich als Pfarrer oft. Das erste Mal begegnet ist mir dieser Satz vor vielen Jahren. Ich war damals noch Student und habe oft das Musikgeschäft in unserer Stadt besucht. Als der Besitzer hörte, dass ich Theologie studiere, erzählte er mir von seiner Großmutter. Die sei auch so ein unheimlich gläubiger Typ gewesen. Er fand das toll, weil die immer so gut gelaunt war. „Die war mit ihrem Glauben so gut drauf“, sagte er, „dafür brauche ich drei Bier“. Ich hab ihn dann gefragt, ob der Glaube nicht vielleicht auch was für ihn wäre. Aber da winkte er nur ab: „Ne, das ist irgendwie nicht mein Ding“.
Ist das so? ist der Glaube Typsache? Ist die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen ausschlaggebend dafür, dass der eine mit Gott, Jesus und Kirche etwas anfangen kann und der andre nicht?
Wenn ich in die Bibel schaue oder in die Kirchengeschichte, dann finde ich dort ganz viele unterschiedliche Typen. Der Reformator Martin Luther war zum Beispiel ein eher in sich gekehrter, melancholischer Typ, er konnte zwar das Leben in vollen Zügen genießen, aber immer wieder gab es bei ihm auch Phasen der Traurigkeit und der Depression. Ganz anders der Apostel Paulus. Er war extrovertiert, ein richtiger Macher, pausenlos in Sachen Mission unterwegs. Er sagte allen, die es wissen und auch denen, die es nicht wissen wollten, seine Meinung. Oder da gab es den Jünger Petrus, einen geborenen Anführer, der immer wusste, was zu tun war und der immer die erste Geige spielen musste. Neben ihm hatte es der zögernde und zweifelnde Jünger Thomas sicher nicht einfach. Dann gibt es da noch den Typ Matthias Claudius, Dichter, Familienmensch, meistens gut gelaunt, aber sehr arbeitsscheu.
Wenn ich mir das so anschaue, dann kommen mir starke Zweifel, ob der Glaube tatsächlich von der Persönlichkeit abhängt. Ich denke, man findet die unterschiedlichsten Charaktere und Typen bei Christen und bei Nicht-Christen.
Der Apostel Paulus hat die christliche Gemeinde einmal mit einem menschlichen Körper verglichen. So wie der aus ganz unterschiedlichen Körperteilen besteht, so gibt es auch in einer Gemeinde ganz unterschiedliche Menschen.
Das, was alle miteinander verbindet, sagt Paulus, ist die Beziehung zu Jesus Christus. Und die ist unabhängig vom Typ. Die Beziehung zu Jesus Christus ist eine Liebesbeziehung. Und Liebe und Anerkennung braucht jeder Mensch. Jesus Christus ist nicht wählerisch. Er kann mit mir etwas anfangen, auch wenn ich mit ihm nichts anfangen kann. Alle dürfen kommen: Alte und Junge, Fröhliche und Traurige, Faule und Fleißige, Omas und Musikhändler, Pfarrer und auch die, die nicht so der kirchliche Typ sind.
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