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Soweit sind wir also. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung hat vor wenigen Tagen für Aufsehen gesorgt. Er hatte den Juden geraten, sie sollten sich nicht überall in Deutschland mit der Kippa zeigen. Kippa ist eine kleine Kopfbedeckung, die für Männer jüdischen Glaubens eine große Bedeutung hat. Begründet wurde die Empfehlung mit der "zunehmenden gesellschaftlichen Enthemmung und Verrohung“. Ich finde das ungeheuerlich! Wer Jude ist, muss  sich verstecken, um überall in Deutschland sicher zu sein. Er soll nach außen hin nicht zeigen dürfen, welcher Religionsgemeinschaft er angehört. Darauf gibt es für mich nur eine Antwort: Nein, das darf nicht sein! Wenn das so ist, wenn das so bleibt, versagen wir vor unserer Geschichte Es kann doch nicht sein, dass bei uns wieder braune Parolen auftauchen und Nazi Schmierereien zu lesen sind und man einfach vergisst, was dem jüdischen Volk angetan wurde. Das jüdische Sprichwort stimmt: Vergessen hält die Erlösung auf, Erinnern bringt sie voran.

Es ist dringend notwendig, gerade in kirchlichen Kreisen an einen wegweisenden Beschluss des II Vatikanischen Konzils zu erinnern. Der Oberrabbiner von Rom hat diesen Beschluss  damals eine "Revolution" im Verhältnis der katholischen Kirche zur jüdischen Religion genannt. Nach der verheerenden systematischen Vernichtung der Juden im Dritten Reich, die ohne größeren Protest der christlichen Kirchen  mit brutaler Gewalt durchgeführt wurde, war es höchste Zeit, dass sich die Kirche einerseits zu ihrem Versagen bekennt und andererseits ihr Verhältnis zu den Juden neu bestimmt.

Sie sind nicht die Gottesmörder. Sie sind unsere älteren Geschwister. So hat es Papst Johannes Paul II bei seinem historischen Besuch in der römischen Synagoge gesagt. Ihr Glaube ist die Wurzel, die auch den christlichen Glauben trägt. Jesus, Maria und Josef waren Juden und die Heilige Schrift der Juden ist auch  ein Teil unserer Heiligen Schrift. In den christlichen Gottesdiensten werden die Psalmen gebetet, das gemeinsame Gebetbuch von Juden und Christen. Bei allem Unterschied, das Gemeinsame wiegt schwer und reicht tief. Christen und Juden sollten einander begegnen, voneinander lernen und sich so dann auch besser verstehen. Viele unserer christlichen Feste haben ihre Wurzeln im Festkreis des Judentums, viele ausgezeichnete Zeugnisse in Kunst, Literatur und Musik verdanken wir jüdischen Mitbürgern Wer das jüdische Erbe auslöschen will, löscht einen Teil der deutschen Kultur aus. Und wer gegen die Juden hetzt, zeigt, wie wenig er vom sogenannten christlichen Abendland verstanden hat.

 Teil 2

Juden und Christen begegnen einander. Darüber spreche ich heute in den SWR4-Feiertagsgedanken am Pfingstmontag. Das große Pfingstereignis damals in Jerusalem ist eine faszinierende Geschichte. Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit ganz verschiedenen Sprachen begegnen einander und können sich verständigen. Es liegt eine Kraft in der Luft, die Menschen aus allen Ländern/Nationen und mit ganz verschiedenen Kulturen zusammenführt. Sie verstehen sich trotz ihrer Unterschiede, sie  respektieren einander, obwohl sie  sich fremd sind.

Gewiss ist das keine spannungsfreie heile Welt und sicher immer wieder auch anstrengend. Man muss aufeinander hören, statt von vorneherein zu urteilen, man muss es aushalten, dass andere anders sind und anders denken, anders glauben, anders leben als man selbst. Am Pfingsttag zeigt Gott, dass er nicht das Einerlei liebt, sondern die Vielfalt, und dass er den Menschen die Kraft gibt, diese Vielfalt zu gestalten. Das geht nicht ohne eigenen Standpunkt, ohne eigene Überzeugung, ohne klare Identität. Und es geht auch nicht ohne die demütige Erkenntnis, dass man nicht das Maß aller Dinge ist. Gerade am Umgang mit einem Anderen oder Fremden erweist es sich, wes Geistes Kind man ist.

Warum sollte also ein Jude nicht seine Kippa tragen dürfen. Gott sei Dank leben wir in einem Land, in dem  schon von der Verfassung her, jedem die freie Ausübung seiner Religion garantiert wird. Ich freue mich, wenn ich Andersgläubige kennen lerne und etwas von ihren Gebräuchen und Ritualen erfahre. Und ich denke an ein Wort von Benedikt dem XVI, der einmal gesagt hat: “Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt“. Diese Vielfalt müssen wir schützen.

Gerade den Juden gegenüber haben wir eine besondere Verantwortung. Heute können wir nicht mehr schweigen und wegschauen, wenn unsere älteren Geschwister diffamiert und mit neuen Hassparolen überschüttet werden. Aber genauso wenig darf unsere Solidarität  von deren Seite missbraucht werden. Ich bin ein Freund der Juden, ich bin sehr beschenkt von ihrer reichen Tradition und den Zeugnissen ihres Glaubens. Dennoch erlaube ich mir, die israelische Politik zu kritisieren. Auch Kritik ist eine Form des Respektes und der genseitigen Achtung. Unter Geschwistern erst recht.

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Vor kurzem ging in Panama, in Mittelamerika, der große Weltjugendtag zu Ende. Auch Papst Franziskus hat an diesem Treffen teilgenommen und mit ihm Jugendliche aus allen Teilen der Welt. In einer bewegenden Ansprache  hat der Papst deutliche und ermutigende Worte gefunden. Für ihn ist es ein großartiges Geschenk, dass verschiedene Kulturen und Völker, verschiedene Sprachen und Mentalitäten zusammen kommen. Jedes der Herkunftsländer hat eine andere Geschichte und andere Verhältnisse. Also viele Unterschiede und Dinge die trennen können. Aber nichts davon hat die jungen Menschen daran gehindert zusammenzukommen. Und dann sagte er wörtlich: 

„Mit euren Gesten und eurem Verhalten, mit euren Blicken, Wünschen und vor allem mit eurer Sensibilität widerlegt und entschärft ihr all jene Reden, die darauf bedacht sind, Spaltung hervorzurufen und die mit aller Kraft diejenigen ausschließen und vertreiben wollen, die „nicht wie wir sind“. Der Papst lobt mit diesen Worten das feine Gespür der Jugendlichen, die offensichtlich  begriffen haben, dass man ganz verschieden sein und sich dennoch respektieren kann .Er sagt zu ihnen:: “Ihr zeigt uns, dass Begegnung nicht bedeutet, dass man sich verstellt, und auch nicht, dass man dasselbe denkt oder den gleichen Lebensstil pflegt, indem man dieselben Dinge tut und nachmacht, dieselbe Musik hört .Nein, das ist nicht gemeint. Die Kultur der Begegnung ist ein Aufruf und eine Einladung, mit Mut einen gemeinsamen Traum lebendig zu halten.“

Es ist so wohltuend wie dieser betagte Papst in der Begegnung mit jungen Menschen zu träumen beginnt. Er trifft den richtigen Ton und versteht seine Zuhörer und sie verstehen ihn. Er redet nicht nur über Begegnung sondern lebt sie, einfach und bescheiden. Franziskus ist ein Papst zum Anfassen. Er braucht keine Bodyguards die ihn abschirmen. Herzlich und spontan geht er auf  die Menschen Er zeigt mit seinem eigenen Beispiel was “Kultur der Begegnung“ bedeutet. Und hält damit für und mit den Jugendlichen einen Traum lebendig, der wahrscheinlich in uns allen schlummert und darauf wartet, aufgeweckt zu werden.

Gegen alle Gleichgültigkeit eine Kultur der Begegnung schaffen-darüber spreche ich heute in den SWR4-Sonntagsgedanken. Einen (anderen) Menschen irgendwo zu treffen heißt noch nicht ihm tatsächlich zu begegnen. Oft sind es nur ein paar kurze Worte, die wir wechseln oder Gespräche, die über Alltägliches gehen und an der Oberfläche bleiben. Manchmal sind es nur allzu kurze Momente, weil man in Gedanken schon anderswo ist.

Und leider geschieht es nicht selten, dass man aneinander vorbeiredet oder sich sogar übersieht.

Ich entdecke in den Geschichten, die über Jesus in der Bibel erzählt werden, einen wahrlichen Meister der Begegnung. Sie beginnen oft so: “als Jesus den Menschen sah“ Er konnte offensichtlich richtig gut sehen und das lag weniger an seinen Augen als an seinem offenen und weitsichtigen Herzen. Und er konnte hören und fühlen und jedem das Gefühl geben, dass jetzt in diesem Augenblick nichts anderes wichtig ist als diese Begegnung. Ich denke zum Beispiel an die Szene, die sich am Jakobsbrunnen abspielt. Einem Treffpunkt, wo Menschen sich gewaschen, erfrischt und miteinander gesprochen haben. Jesus  ist müde von einem langen Weg, es ist um die Mittagszeit und sehr heiß. Er, ein Jude, bittet eine samaritanische Frau am Brunnen um Wasser, schon das ist außergewöhnlich, Weil die Juden nicht mit den Samaritanern sprechen. Schon nach einem kurzen Wortwechsel geht es nicht mehr um den Durst und das Wasser, sondern um viel Tieferes. Jesus spürt dass die Frau eine große Enttäuschung mit sich herumträgt. Sie hat mit mehreren Männern zusammengelebt und ist jedes Mal in ihrer Liebe enttäuscht worden. Jetzt ist Zeit und Ort über diese Erfahrungen zu sprechen und so kommt es in einer ganz alltäglichen Szene zu einer berührenden Begegnung.

Das ist möglich, wenn zwei Menschen einander vertrauen, wenn auch Schmerzliches und Leidvolles zum Ausdruck kommen kann, wenn zwei beieinander stehen bleiben und wirklich ganz da sind. Ob es zu einer Begegnung kommt ist weniger eine Frage der Themen, über die gesprochen wird oder eine Frage der Dauer. Ich meine, entscheidender ist viel mehr, offen und aufmerksam zu sein, eben ein echtes Interesse an dem Menschen, der mir gegenüber steht.

Der Papst hat in Panama von einer Kultur der Begegnung geträumt. Und er versucht überzeugend, diesen Traum wahr werden zu lassen. Mich erinnert er an sein großes  biblisches Vorbild und an ein Wort, das die Haltung Jesu gut zusammenfasst: Ein großer spiritueller Meister hat es so beschrieben:Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch immer der, der dir gerade gegenübersteht, und das notwendigste Werk ist immer die Liebe. (Meister Eckhart)

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Keine andere Zeit im Jahr ist so von guten Wünschen geprägt wie die Zeit zwischen den Jahren. Da wünscht man sich einen guten Rutsch oder ein friedvolles Neues Jahr und manch einer traut sich sogar von Gottes Segen zu sprechen. Und wenn Sie nun für das kommende Jahr einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen? Gesundheit? Einen lieben Menschen an Ihrer Seite? Glück für sich und Ihre Familie? Genug Geld für ein unbeschwertes Leben? Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen? Diese Aufzählung könnte ich wohl noch lange fortsetzen. Wünsche über Wünsche! Und steckt nicht hinter jedem ((immer wieder)) die eine Bitte, dass es gut gehen möge-und dass Gott diese Welt nicht vergisst 

Zum bevorstehenden Jahreswechsel erzähle ich Ihnen eine uralte Geschichte, Sie steht  im Alten Testament der Bibel. Der junge Salomo soll  als neuer König in die Fußstapfen seines Vaters David treten. Eine große Verantwortung wartet auf ihn. Der junge Mann fühlt sich überfordert, er hat Angst und ist hin und her gerissen. Da erscheint ihm Gott nachts im Traum  und gibt ihm einen Wunsch frei.“ Was für ein Glück!“ Jetzt ist alles möglich, vorausgesetzt, er wünscht sich das Richtige.

Nein, der junge Mann wünscht sich nicht Erfolg und Glück, nicht Reichtum und Macht, nicht den Sieg über seine Feinde  oder ein langes und gesundes Leben. Er wünscht sich nur eines, ein hörendes Herz. Und Gott gewährt ihm diese Bitte. Er schenkt ihm ein „weises und verständiges Herz“ damit er sein Volk gut regieren und das Böse vom Guten unterscheiden kann.

Das Herz, von dem die Bibel hier spricht, ist mehr als ein pumpender Muskel, ohne den kein höheres Lebenswesen auskommt. Herz im biblischen Sinn ist der Sitz von Vernunft und Willen, ist auch der Ort der Gefühle und des Gewissens. Ein hörendes Herz ist empfindsam für die Klopfzeichen menschlicher Not ,ist wie eine innere Stimme, die einem sagen  kann was gut und richtig ist. Und ein hörendes Herz ist aufmerksam und sensibel für die vielen Zeichen, die uns auf Gott hinweisen können. .Mit einem solchen Herzen bleibt der junge König offen für alle Menschen, die ihm anvertraut werden. Und er bleibt bescheiden und demütig genug, weil er auch um seine eigenen Grenzen und Fehler weiß.

 

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Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich für das neue Jahr wünschen? Diese Frage beschäftigt mich heute in den SWR4-Sonntagsgedanken.

Ich bin sicher, ein hörendes Herz, ein weises Herz, ein mitfühlendes Herz -würde die Welt  verändern. Und hätte ich einen Wunsch frei, ich würde dieses Mal nichts anderes wünschen. als so ein offenes und aufmerksames Herz.Dann würden wir nicht weiterhin oft so verallgemeinernd über andere reden. Die Fremden die Nachbarn, die Katholiken, die Juden Ich wünschte es mir  und uns allen, damit wir unterscheiden können, was gut ist und was nicht, und ob etwas wahr ist oder nicht.

Ich glaube, ein hörendes Herz kennt vor allem die Zwischentöne. Wir alle wissen und erfahren es immer wieder: Was uns im Leben passiert ist mehrdeutig. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, richtig oder falsch. Die Wahrheit liegt oft dazwischen. Das ist anstrengend und manche suchen  deswegen viel lieber nach einfachen und oft vorschnellen Lösungen.

In einem Zeitungsmagazin las ich vor kurzem von einem jungen deutschen Mann der für kurze Zeit in Syrien für den sogenannten Islamischen Staat gekämpft hatte. Auf die Frage, was ihn dazu bewegt hat, meinte er sinngemäß: „Bei den Islamisten war mir ganz klar, wo die Guten und wo die Schlechten stehen. Ich wusste, was ich zu tun und was ich zu unterlassen habe. Ich musste mich nicht ständig selbst entscheiden, was ich machen soll. Ja, mir wurde sogar das Denken und Nachdenken abgenommen.“

Aber genau das ist der falsche Weg. Niemand darf uns das Nachdenken abnehmen.

Ein hörendes Herz wirkt am sichersten gegen alle verführerischen Parolen, misstraut den Versprechungen all derer, die an die Macht wollen  und plappert nicht gedankenlos nach, was sogenannte Meinungsführer vorgeben. Ein hörendes Herz ist mehr als ein Schnellschuss aus dem Bauch heraus und weit mehr als nur emotionales Betroffen sein. Das hörende Herz ist unser wichtigstes Organ. Es bringt Denken und Fühlen zusammen und lässt uns verantwortlich handeln und entscheiden.

Wie das gehen kann? Der weise Philosoph Sokrates zeigt mir dafür einen Weg. Er sagt, prüfe alles was du sagst durch drei Siebe. Frag dich ob es wahr ist, was du sagst, frag dich ob es notwendig ist  was du sagst und frag dich schließlich ob es gut ist.

Ich meine das wäre eine gute Wegweisung für alle Verantwortlichen in den Parlamenten, in den Kirchen, in den Konzernen, aber auch für jeden einzelnen. Und darum wünsche ich allen ein gutes und gesegnetes neues Jahr und dazu in jedem Fall ein hörendes Herz.

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Unsere Welt braucht Orte des Friedens. Orte, an denen wir lernen, miteinander zu leben. Orte, die Verbindendes bestärken und dennoch Trennendes sichtbar machen. Es müssten Orte des Lernens sein, wo Menschen unterschiedlicher Weltsichten, Glaubensrichtungen und Nationalitäten sich begegnen. Sie können dazu beitragen Missverständnisse und Vorurteile aus der Welt zu schaffen

Leider bestimmen andere Orte zurzeit die Schlagzeilen. Lautstarker Protest gegen Ausländer, aggressive Parolen gegen Politiker, neuerlich ein Anschlag gegen ein jüdisches Restaurant, Demonstrationszüge, bei denen bekannte Symbole der Nazi-Herrschaft wieder auftauchen. Das alles macht mir große Sorgen. Erst recht wenn gewählte Politiker statt Lösungen zu suchen, weiter Benzin ins Feuer gießen Wenn behauptet wird, die Migration sei die Mutter aller Probleme dann sind die Schuldigen schnell ausgemacht. So einfach kann man es sich machen. Und so heizt man eine fremdenfeindliche Stimmung gewaltig an.

Auf meiner Suche nach Hoffnungszeichen in dieser aufgewühlten Zeit habe ich einen solchen Ort gefunden. Juden, Christen und Muslime haben sich in Berlin auf den Weg gemacht, und bauen für eine Verständigung unter den Religionen ein völlig neuartiges, zukunftsweisendes gemeinsames Haus. Ein Haus mit mehreren Versammlungsmöglichkeiten für die jeweilige Glaubensgemeinschaft und einem großen Foyer zur gemeinsamen Begegnung.

Kirche, Synagoge und Moschee unter einem Dach, das hat es so noch nirgends gegeben. Es sind die drei großen Religionen, die alle an den einen Gott glauben. Die oft ihre Gemeinsamkeit nicht mehr im Blick haben und für das Unterscheidende keine Sprache finden. Es ist nicht zu leugnen, dass gerade von diesen Religionen Gewalt ausging, was in manchen Teilen unserer Welt bis heute andauert. Der Mut derer, die dieses Projekt gestartet haben, fasziniert mich. Ich höre natürlich auch die Einwände: Das sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein, das würde nur zu einer Vermischung der Unterschiede führen, das sei nur eine verschwindend kleine Minderheit, die so tolerant ist usw. Einwände und Argwohn gibt es sicher genug Dennoch! Nächstes Jahr soll der Grundstein für das gemeinsame Haus gelegt werden.

Unsere Welt braucht Orte des Friedens, Orte des Lernens, Orte der Begegnung. Ich spreche heute in den Sonntagsgedanken über eine Initiative in Berlin, die auf mich großen Eindruck macht.

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Vertreter der drei großen Religionen, Islam, Judentum und Christentum planen und bauen ein geräumiges Haus, in dem eine Synagoge, eine Moschee und eine Kirche Platz finden sollen. Und daneben gemeinsame Räume der Begegnung. Ich bin von dieser Idee begeistert. Statt sich voneinander abzusondern suchen sie die Begegnung, statt Ängste zu schüren, wollen sie sich kennen lernen, statt auf die Unterschiede zu pochen, blicken sie auf die Gemeinsamkeiten. Für mich ist dieses Haus wirklich ein ganz besonderer Lernort.

Ein Auf der Internetseite dieses wunderbaren Projektes wird erzählt, wie ein zwölfjähriger Junge, der selber keiner Religion angehört, der Reihe nach den Pfarrer, den Rabbi und den Iman fragt, was ihrer Meinung nach die Religionen verbindet und was sie trennt. Er erlebt wie alle drei ganz freundlich und respektvoll von ihrer eigen und von der jeweils anderen Religion sprechen. Am Ende wird der Junge gefragt, was nun für ihn das Wichtigste aller drei Religionen sei: Der Junge ganz spontan: “Respekt“.

Vielleicht ist es genau das, was uns heute verloren geht. Respekt! Der kleine Junge hat erfahren, wie unterschiedliche und fremde Menschen versuchen, sich zu verstehen. Ich glaube, er hat dabei eine wichtige Lektion für sein Leben gelernt. Er hat es selber erlebt: Begegnung mit anderen, die anders leben und glauben, weitet den Horizont, macht einen in seinen Urteilen vorsichtiger und in seinen Ansprüchen bescheidener.

Wir brauchen solche Lernorte nicht nur in Berlin. Es kann gar nicht genug davon geben, weil der Bedarf so groß ist. Es müssen auch nicht nur solch große Projekte sein. Lernen beginnt immer im Kleinen. Das gilt auch für den Respekt. Im eigenen Haus, am Arbeitsplatz, in der Kirche oder auf der Straße. Respekt ist der erste Schritt zum Frieden.

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Verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, ich wünsche Ihnen einen guten Morgen und einen hoffentlich schönen und erholsamen Feiertag. Die Christen haben gestern Pfingsten gefeiert. Dabei kam mir wieder eine unvergessliche Begegnung in den Sinn. Mit dem kreativen und inspirierenden Priester und Maler Sieger Köder. Der Maler hat mir eines seiner Pfingstbilder gezeigt. Abgebildet der große Papst Johannes XXIII. im Gespräch mit dem Naturwissenschaftler und Theologen Teilhard de Chardin. Im Hintergrund des Geschehens ein  alter ehrwürdiger Palast, dunkel und unzugänglich bis auf einen lichten Moment: ein offenes Fenster. Der Maler erinnert mit diesem Detail daran, was von dem damals frischgewählten Papst erzählt wird. Er geht/schreitet durch die hohen und geschichtsträchtigen Räume des Vatikans. Plötzlich stoppt er, geht zum Fenster, öffnet es und meint: Hier muss frische Luft rein.

Im wörtlichen und übertragenen Sinn. Darum hat Johannes XXIII. ein Konzil, also eine große Kirchenversammlung, einberufen und viele Fenster zur modernen Welt hin aufgemacht. Er wollte keine Kirche von gestern und/oder vorgestern, sondern eine Kirche, die sich den heutigen Herausforderungen der Welt stellt. Das offene Fenster wirkt wie ein Signal. Der Papst will nicht die Abschottung sondern das Gespräch, er will Brücken bauen, er sucht nicht den Rückzug, sondern den Aufbruch.

Manchen ist dieses offene Fenster bis heute eine Provokation. Unser jetziger Papst  hat sich ganz eindeutig zu einer offenen und menschennahen Kirche bekannt. Er hat aber alle Hände damit zu tun, dass die Fenster nicht wieder geschlossen werden. Mit großer Herzlichkeit geht er auf die Menschen zu, vertritt nicht nur die Lehre und die Prinzipien sondern immer auch die Barmherzigkeit, die keinen Menschen ausschließen will. Franziskus steht für eine Kirche, die besonders bei den benachteiligten und rechtlosen Menschen zu finden sein soll. Für ihn stehen der einzelne Mensch und sein Leben im Vordergrund und nicht das Gesetz.

Unsere deutschen Bischöfe haben sich von der offenen Art des Papstes anregen lassen .Sie haben mehrheitlich beschlossen, ein längst fälliges Fenster zu öffnen. Unter bestimmten Umständen sollen evangelische Christen in einer katholischen Messe auch an der Kommunion teilnehmen können. Besonders dann, wenn sie mit einem katholischen Partner verheiratet und mit diesem durch Taufe und Ehesakrament verbunden sind. Und mit ihm nicht nur das Leben sondern auch die Liebe zu Jesus zu teilen. Wie gesagt ein seit langem fälliges Fenster, das viele Betroffen schon längst selber aufgemacht haben. Aber was die einen als frische und befreiende Luft empfinden, wirkt für/auf andere wie Zugluft. So dass man möglichst schnell wieder alles dicht macht.

Pfingsten und das offene Fenster. Ich spreche iüber unterschiedliche Vorstellungen, wie Kirche sein soll. Wir erleben gerade eine spannungsvolle Zeit. Erleben einen dynamischen und aufgeschlossen Papst, der immer wieder drängt, nach draußen und bis an die Ränder zu gehen. Und erleben gleichzeitig wie selbst in den engsten Mitarbeiterkreisen des Papstes sich Bedenkenträger zu Wort melden.

Solche Spannungen und Konflikte hat es in der langen Geschichte der Kirche schon immer gegeben. Für manche Streitfragen gab es einmütige Lösungen, andere führten zu Trennung und Spaltung. Gott sei Dank scheint die Zeit der Machtworte von oben vorbei zu sein. Da nützt es auch nichts, aus den gemeinsamen Beratungen auszuscheren und sich direkt an den Papst zu wenden, wie es manche der deutschen Bischöfe im Streit um die Zulassung zur Kommunion versucht haben. Statt den Konflikt unter sich zu klären, suchen sie das entscheidende Machtwort von oben

Der Papst spielt den Ball zurück. Die Bischöfe sollen selber eine Lösung finden. Das ist ihre Aufgabe und auch ihre Zuständigkeit Er will, dass nicht angeordnet, sondern miteinander gesprochen wird, er vertraut der Klugheit und Erfahrung vor Ort und hat immer die konkreten Menschen im Blick.

Ich habe Papst Franziskus vor ein paar Wochen in Rom erlebt. Ganz oben an seinem Fenster, hat er zu den Menschen auf dem Petersplatz gesprochen. Räumlich weit weg aber stimmlich und inhaltlich ganz nah. Einer, der nicht abgehoben und weltfremd über die Menschen hinweg spricht, sondern zu ihnen, sehr herzlich und verbindlich.

Man merkt, dass er das offene Fenster liebt. Er hat keine Angst, vor dem was von draußen hereinströmt, noch scheut er sich die Botschaft des Evangeliums zu verkünden, sei es gelegen oder auch nicht. Seine berührende und berührbare Menschlichkeit lassen erahnen, von welchem Geist er bewegt ist.

Dass unter ihm das Fenster zur Welt und zu allen Menschen hin offen bleibt ist für viele Hoffnung und Wunsch. Ich wünsche ihm alle Kraft und bin dankbar, dass dieser Papst so unverzagt ans Werk geht.

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Gestern war Holocaustgedenktag. Ich möchte mit meinen Sonntagsgedanken noch einmal auf diesen wichtigen Tag des Gedenkens zurückkommen. Wir denken an die Opfer des Nationalsozialismus,  an Juden, Christen, Sinti und Roma, an Menschen mit Behinderung, denen jedes Lebensrecht verweigert wurde. Wir denken an Männer und Frauen des Widerstandes, an Homosexuelle, an Künstler und Wissenschaftler. Sie alle wurden Opfer des Regimes genauso wie viele Kriegsgefangene und Deserteure. Millionen Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt, gefoltert und getötet worden sind.

Der Gedenktag ist 1996 durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt und auf den 27. Januar festgelegt worden. Weil am 27. Januar 1945 Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des Konzentrationslagers Ausschwitz-Birkenau befreit haben, des größten Vernichtungslagers des Nazi-Regimes.

Roman Herzog  hat damals in seiner Rede Folgendes gesagt: „Die Erinnerung darf nicht enden. Sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Eine Erinnerung, die in die Zukunft, wirkt. Mir scheint, so eine Erinnerung ist heute wichtiger denn je. Es ist inzwischen kaum mehr zu übersehen, dass in unserem Land/Deutschland (und anderswo auch)  Formen der Judenfeindlichkeit zunehmen, dass die Gräuel der Nazis verharmlost werden und erneut rassistische Parolen in aller Öffentlichkeit, sogar im Bundestag, zu hören sind.

Manche meinen, man soll die alten Geschichten endlich ruhen lassen und stattdessen Denkmäler für unsere Erfolge und Siege errichten. Ich finde solche Gedanken unerträglich. Sie verhöhnen nicht nur die Opfer, sie weigern sich auch, aus der Geschichte zu lernen. „Das Vergessen verlängert das Exil, in der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.” Das ist eine uralte Erfahrung des Volkes Israel und darum sagen Juden zu recht: Wer das Geschehene  vergessen will, tötet die Opfer ein zweites Mal

„Das Vergessen verlängert das Exil, in der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung”, Einer der sich leidenschaftlich dafür eingesetzt hat, dass wir das Geschehene nicht vergessen, war Elie Wiesel, der 2016 verstorbene Friedensnobelpreisträger. Er erzählt wie er nach Auschwitz kam. Jeder durfte nur einen Koffer von zu Hause mitnehmen. Und im Koffer des jungen Wiesel waren sein Gebetsschal und Gebetsriemen, einige religiöse Bücher, diverse rituelle Gegenstände, sonst nichts.

Mit nicht ganzsechzehn Jahren wurde er in die Konzentrations- und Todeslager deportiert Unmittelbar nachdem er  den Zug verlassen hatte, an der berüchtigten Rampe von Auschwitz-Birkenau, hat er seine Mutter und seine kleine Schwester zum letzten Mal gesehen. Natürlich wurde ihm auch der Koffer entrissen. Er klammerte sich an seinen Vater, der später im KZ Buchenwald starb. Elie Wiesel war einer der wenigen, der  das KZ überlebt hat.

Lange Zeit konnte er nicht über seine Erlebnisse sprechen. Die Hölle, der er entkommen war, hatte ihn stumm und sprachlos gemacht .Aber mit den Worten kam auch das Leben zurück .Und gegen alles Vergessen setzte er die Erinnerung. Schonungslos hat er gezeigt, was geschehen war und eindringlich stellte er die Frage, wie dieses unsägliche Unheil von Menschen angerichtet werden konnte.

Und noch abgründiger: Die Frage, wie Gott all diese Grausamkeiten zulassen konnte. Elie Wiesel schildert, wie drei fromme Rabbiner beschlossen hatten, über Gott deswegen zu Gericht zu sitzen. Sie haben Gott nicht nur angeklagt, sondern schuldig gesprochen. Sie haben nichts verdrängt, nichts fromm übertüncht, sie haben Gott nicht aus der Verantwortung entlassen, sondern mit ganzer Leidenschaft vor ihm ihr verwundetes Herz ausgeschüttet. Offen und ehrlich, unverblümt und direkt. Auch Gott soll nicht vergessen. Schon gar nicht seinen Bund, den er mit den Menschen geschlossen hat.

.Darf man so mit Gott umgehen? Elie Wiesel zeigt uns, wie fromme Juden den Konflikt mit Gott nicht scheuen. Immer wieder blitzt in seinen Erzählungen eine entscheidende Erfahrung auf: Man kann Jude sein mit Gott, in Gott, sogar gegen Gott, aber nicht ohne Gott. Auch Gott muss immer wieder erinnert werden, nicht zuletzt an seinen Namen. Denn mit dem hat er für alle Zeit/auf immer versprochen hat, dass er für uns Menschen da sein will.

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Als vor einigen Jahren die Schriftstellerin Herta Müller den Nobelpreis für Literatur erhielt, hat sie ihre Rede mit einer außergewöhnlichen Frage begonnen: “Hast du ein Taschentuch?“ Das war in ihrer Kindheit jeden Morgen die Frage ihrer Mutter und Herta Müller hat erzählt, wie sie dann wieder ins Haus ging und ein Taschentuch geholt hat. So sei das Taschentuch mit der Zeit für sie zum Beweis geworden, dass die Mutter sie behütet, eine Form der Zärtlichkeit, die ihr für den Alltag so viel Sicherheit gegeben hat. Sie konnte immer auf die Straße gehen, als wäre mit dem Taschentuch auch die Mutter dabei.

Herta Müller erzählt, wie wichtig das Taschentuch in ihrem weiteren Leben geworden ist - auch als sie schon längst erwachsen war. Sie hat damit immer die Erinnerung an ihre Mutter bei sich gehabt und damit die Erinnerung an Trost und  Behütetsein. Zum Beispiel als sie von heut auf morgen nicht mehr an ihren Arbeitsplatz durfte. Sie hatte sich geweigert mit dem rumänischen Geheimdienst zusammenzuarbeiten. Buchstäblich vor die Tür gesetzt, blieb ihr nur das Treppenhaus. Dort hat sie sich auf ihr Taschentuch gesetzt und trotz aller Widrigkeit ein wenig Trost gefunden. Das kleine Taschentuch hat wie ein Stück Heimat gewirkt. Plötzlich war sie wieder das Kind ihrer Mutter, denn sie hatte ein Taschentuch. Plötzlich war sie nicht mehr so allein.

Für mich passt zu dieser Geschichte eine kleine Episode, die vom Kreuzweg Jesu durch Jerusalem erzählt wird .Sie hat allerdings in der biblischen Überlieferung keinen Niederschlag gefunden. Eine Frau sieht den geschundenen Mann aus Nazareth, wie er sein schweres Kreuz durch die Straßen schleift und von vielen verlacht und verhöhnt wird. Da hat diese unbekannte Frau den Mut nach vorne zu treten. Sie lässt die schreiende Menge hinter sich, reicht Jesus ein Tuch, damit er sich sein Gesicht trocknen kann. Eine wunderbare, menschliche Geste. Mitten in einer aufgeheizten und aggressiven Stimmung zeigt jemand ehrlich sein Gefühl. Man hat der Frau später den Namen Veronika gegeben. Das heißt auf Deutsch: das wahre Gesicht. Diese eine kleine Geste hat sie bekannt gemacht. Ihr Schweißtuch wurde zum Zeichen, das hoffen lässt.

Kleine Zeichen der Aufmerksamkeit, die eine große Wirkung entfalten können. Das können einfache Worte sein oder Gesten und Zeichen, die dem Gegenüber sagen: “Du bist nicht allein“ .Sie setzen jedoch voraus, dass ich mich von der Not eines anderen berühren lasse.

Eine ehrliche Frage “wie geht es dir“ oder „kann ich dir irgendwie behilflich sein?“ mag alltäglich und unscheinbar klingen, sie hat aber die Kraft, jemand in seiner Not aufatmen zu lassen. Worte der Anteilnahme wirken manchmal Wunder. Und wenn einem die Worte fehlen? Dann sind es kleine Zeichen und Aufmerksamkeiten, die eine ähnliche Wirkung haben .Manchen Brief bewahre ich auf, weil ich darin so viel Nähe empfinde. Ich habe unscheinbare Gegenstände auf meinem Bücheregal, die mich mit einem anderen Menschen verbindet. Ich bin dankbar für all die Menschen, die wie Veronika ein menschliches Gesicht gezeigt haben. Und ich in ihrem Gesicht und in ihren Worten erkennen durfte, dass ich nicht allein bin.

Die Geschichte mit dem Schweißtuch der Veronika hat viele Künstler inspiriert und so sind wunderbare Bilder entstanden. Auf einigen von ihnen sieht man auf dem Schweißtuch die Spuren eines Gesichtes. Es ist das Gesicht Jesu

Veronika hat ihr Herz sprechen lassen. Ihre spontane Zuwendung braucht keine großen Worte. Im entscheidenden Augenblick reagiert sie ganz menschlich und sympathisch, voller Mitgefühl. Sie zeigt ihr wahres Gesicht und lässt den geschundenen Mann nicht im Stich. Solche kleinen menschlichen Aufmerksamkeiten lassen hoffen. Gegen sie hat die zwischenmenschliche Kälte, keine Chance. Das ist gut so.

Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag.

 

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Ohne das erforderliche Passwort geht heute gar nichts mehr. An meinem Computer oder am Bankautomaten, beim Einschalten meines Handys oder beim Starten des Autos, immer wieder werde ich nach dem Passwort gefragt, das mir dann das betreffende Programm aufschließt. Und wehe ich habe es vergessen oder bei all den verschiedenen Passwörtern verwechselt! Dann geht gar nichts. Es fehlt der Schlüssel!

Papst Franziskus hat in einer Ansprache betont, dass es auch für das menschliche Zusammenleben solche Passwörter gibt, Schlüsselwörter, die ein gutes Miteinander fördern und die oft gestörte Kommunikation erleichtern. Die Passwörter, von denen der Papst spricht, sind weder geheim noch für wenige reserviert, sie sind öffentlich und beim ersten Zuhören fast zu einfach: Bitte, Danke, Entschuldigung. Alltägliche Worte, aber leider oft aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Diese einfachen Worte, so der Papst, seien die Würze in jeder Beziehung.

Wer „Bitte“ sagt, fragt einen anderen höflich, ob er in sein Leben eintreten darf. Er benimmt sich ihm gegenüber nicht wie ein Elefant im Porzellanladen sondern erweist ihm Respekt und Aufmerksamkeit. Nicht umsonst wird die Höflichkeit  Schwester der Liebe genannt. Einen anderen um etwas bitten klingt verbindlicher und herzlicher als im harschen Befehlston etwas zu fordern. Und jede Bitte zeigt wie sehr wir aufeinander angewiesen sind und uns gegenseitig brauchen und ergänzen .Keiner kann alles und hat alles und niemand genügt sich selbst.

„Danke“ ist das andere Passwort, das Wunder wirken kann. Nichts versteht sich von selber. Wie oft werde ich beschenkt. Jemand hilft mir aus der Patsche, oder springt für mich ein, womit ich nie gerechnet hätte. Ich werde von vielen in meiner Arbeit unterstützt ohne dass sie eine Gegenleistung erwarten und wie oft erfahre ich, dass sie mich akzeptieren und auch meine Schwächen ertragen. Und manche sind wirklich ein Geschenk für mich, weil sie mein Leben bereichern und ich ihnen in Freundschaft verbunden bin. Wenn ich mir es genau überlege, es gibt so viele Gründe und Anlässe, von Herzen „Danke“ zu sagen.


Es sind Allerweltswörter: Bitte, Danke, Und dann gibt es da noch ein drittes dieser Passwörter: “Entschuldigung“. Wie schnell suchen wir die Fehler und die Schuld bei anderen und reden uns heraus “ich war es nicht“. Aber es gibt keinen, der perfekt wäre, keinen, der immer nur Recht hätte und keinen, der nicht lieber/manchmal den anderen anklagt. Natürlich zeige ich eine Schwäche, wenn ich mich entschuldige, aber nur so ist Vergebung möglich, nur so kann eine Störung in unserem Zusammensein behoben werden

Bitte. Danke. Entschuldigung. Alle drei Worte kommen aus der gleichen/ein und derselben Haltung. Sie ist für jede menschliche Beziehung im privaten wie im öffentlichen Bereich ganz entscheidend. Ich meine den Respekt. Die Lyrikerin Rose Ausländer hat in einem ihrer Gedichte diese Haltung einmal so umschrieben:“ Wir wohnen/ Wort an Wort/Sag mir/ dein liebstes/ Freund/ meines heißt/ DU“

Nicht das oberflächliche und vielleicht kumpelhafte Du. Sondern das Wort, das den anderen einzigartig sein lässt, gerade weil wir Wort an Wort wohnen, das heißt, weil wir miteinander leben und sprechen, sind besonders die Worte wichtig, die uns miteinander verbinden. Schlagwörter sind dafür nicht geeignet. Schlagwörter einmal/zumal ganz wörtlich verstanden.

Was wir auf allen Ebenen brauchen ist ein respektvoller Umgang und eine respektvolle Sprache. Unabhängig ob wir zueinander Du oder Sie sagen, das entscheidende geschieht immer zwischen uns und hängt davon ab, wie wir zu einander stehen und was wir von einander denken. Ein respektvolles Gespräch ist für mich immer auch die Umsetzung der biblischen Weisung “du sollst deinen nächsten lieben wie dich selbst“ oder noch treffender ausgedrückt: „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du.“(Martin Buber)

Diese Liebe bedeutet nicht, dass mir jeder Mensch sympathisch sein muss aber doch dass ich jedem anderen die Achtung entgegenbringen soll die ich selber für mich erwarte. Diese Achtung kann man lernen, davon bin ich überzeugt. Papst Franziskus nennt dazu die drei entscheidenden Passwörter: Bitte, Danke, Entschuldigung! Ich wünsche Ihnen einen guten/frohen/gesegneten Sonntag!

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Teil 1

Auf meinem Schreibtisch liegt seit Jahren ein kleiner, unscheinbarer Stein, der für mich aber einen unschätzbaren Wert hat. Nicht materiell gesehen. Auf den ersten Blick ist er ganz gewöhnlich und wäre (unter normalen Umständen) schon längst entsorgt worden. Der Stein ist ein kleines Stück der Mauer, die  lange Zeit Berlin geteilt und viele menschliche Beziehungen zerrissen hat. Er erinnert mich an eine leidvolle Geschichte und hält mir vor Augen, wie Menschen verachtend und verletzend solche Mauern sein können.

Dass der Stein auf meinem Schreibtisch liegt, bedeutet aber noch etwas: Die Mauer ist gefallen. 1989 gab’s eine große Wende in unserem Land. Auch wenn es viel Zeit braucht,  bis die Mauern und Barrieren in den Köpfen und in den Herzen der Menschen gefallen sind. Der Weg zu einem vereinten und gemeinsamen Leben in Deutschland ist frei. Es wächst wirklich zusammen, was zusammen gehört.

So einen Weg wünsche ich auch den christlichen Kirchen in unserem Land. Seit der Reformation gibt es eine fünfhundertjährige Geschichte von Spaltung und Trennung. Das hat für viele Menschen unvorstellbares Leid und tiefe Verletzungen mit sich gebracht. Die verschiedenen Kirchen  haben sich Gott sei Dank längst schon auf den Weg gemacht, diese Trennung zu überwinden. Sie spüren gerade in diesem Jahr des großen Reformationsgedenkens, dass man die gegenseitigen Verwünschungen und Verletzungen nicht bloß vergessen und unter einen Teppich kehren kann.

Deshalb kommen an diesem Wochenende offizielle Vertreter der christlichen Kirchen  und viele Gemeinden zusammen. Sie stellen sich ausdrücklich diesem schmerzlichen und doch heilsamen Prozess. Sie beschreiten gemeinsam einen Weg der Buße und Umkehr. Und machen öffentlich, dass die Kirchen versagt haben Sie haben Schuld auf sich geladen und sind der ursprünglichen Einheit untreu geworden sind.

Miteinander die Wahrheit anschauen; vom eigene Versagen sich erschüttern lassen; einander in die Augen schauen und sich vergeben; ich glaube, es gibt keinen anderen Weg, wie Erinnerungen heil werden und Mauern zwischen Menschen fallen können. Auch hier gilt die tiefe jüdische Überzeugung: “Vergessen hält die Erlösung auf, Erinnern bringt sie voran.

Teil 2 

Vergessen hält die Erlösung auf, Erinnern bringt sie voran. Ich spreche heute in den Sonntagsgedanken über Wege der Versöhnung, die die christlichen Kirchen in diesen Tagen gemeinsam beschreiten. Über Jahrhunderte haben sie sich auseinander bewegt. Anderen den rechten Glauben abgesprochen und stur die eigene Rechtgläubigkeit behauptet. Sie haben sich voneinander abgeschirmt. Bibellesen war für Katholiken verpönt und die Evangelischen beargwöhnten den katholischen Bilderreichtum.

Wie haben sie sich das Leben schwer gemacht! Nicht der Mensch war wichtig, sondern das rechte Gesangbuch; nicht das Christsein, sondern das rechte Bekenntnis. Man hat sich gegenseitig verteufelt und die Spaltung ging tief zwischen Familien und Nachbarschaften, zwischen Ortschaften und Städte. Und nicht selten wurden aus den Spannungen blutige Glaubenskriege.

Und viele haben mitgespielt: Päpste und Pröpste, Lehrer und Leiter, Pastoren und Pfarrer, Väter und Mütter, Kollegen und Vorgesetzte. Heute tut es weh, einander daran zu erinnern. Erst recht, wenn’s immer noch geschieht. Darum ist es ein wichtiger Schritt, sich dieser Erinnerung zu stellen, einmal auszusprechen, was sich tief in die Seelen eingraviert hat. Wir Christen sind aneinander schuldig geworden. 

Auch wenn sich in den letzten Jahren viel getan hat-wir sind noch nicht beieinander. Wir sind die eine Kirche Gottes in immer noch getrennten Menschen-Kirchen. Aber wenn es heute den Verantwortlichen wirklich ernst ist, dann erhoffe ich von den Begegnungen an diesem Wochenende einen neuen Impuls. Dass wir über alle Verschiedenheiten hinweg miteinander staunen, beten,essen und lachen, dass wir einander zeigen können, was wir an unserem Glauben lieben und schätzen und dass wir vor allem achten, was den anderen an ihrem Glauben wichtig und wertvoll ist. 

Ich freue mich, dass ich aus der Begegnung mit evangelischen Christen für meinen Glauben ungeheuer viel geschenkt bekomme. Sie zeigen mir wie wertvoll die Botschaft des Evangeliums ist. Sie nehmen mir den Druck, mich selber vor Gott ins rechte Licht setzen zu müssen. Und ihre wunderbaren Lieder und Choräle singen von einem Gott, der alles im Innersten zusammenhält. 

Wir können froh sein, dass die Kampflieder gegeneinander verstummt sind. Dass wir nichts von unserer leidvollen Geschichte vergessen und verdrängen müssen. Wir können froh und dankbar sein, dass wir uns gegenseitig um Vergebung bitten können. Gerade weil wir an einen Gott glauben, dessen Friede größer ist als alle menschliche Vernunft.

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Evangelische Christen begehen heute den Totensonntag oder den Ewigkeitssonntag, wie er auch genannt wird .

Ein sehr nachdenklich stimmender Tag. Viele gehen auf die Friedhöfe, zünden an den Gräbern ihrer Verstorbenen Lichter an. In den Gottesdiensten werden die Namen all derer genannt, die in diesem Jahr von uns gegangen sind. Die Verstorbenen sind uns auf einmal wieder ganz nah. Wir erinnern uns an sie, erzählen aus ihrem Leben und oft empfinden wir wieder den tiefen Schmerz des Abschieds. Der heutige Tag bringt noch einmal alles zurück, was in unserem Alltag sehr schnell verloren geht und in Vergessenheit gerät. Weil das Leben ja weiter gehen muss, ist für Trauer oft nicht viel Platz. .Es ist sonderbar. Nichts ist so sicher wie der Tod, aber nichts ist uns auch so fremd und so bedrohlich wie der Tod. Gerade an einem Tag wie heute spüre ich, wie wichtig unsere Friedhöfe sind. Hier wird die Erinnerung an unsere Toten aufbewahrt. Hier findet die Trauer einen Ort und dürfen die Tränen zugelassen werden. Und wir Lebenden werden daran erinnert, dass auch unsere Zeit befristet ist. Manchmal kommt mir der Gedanke, dass die Friedhöfe gar nicht Orte des Todes sind, sondern Orte voller Leben. Voll von, ganz vielen Lebensgeschichten. Hinter den Namen der Verstorben entdecke/steckt ich glückliches und unglückliches, gelungenes und gescheitertes, reif gewordenes und jung gebliebenes Leben. Hinter jedem Namen vermute ich aber auch den großen Wunsch, mit dem wohl jeder Mensch sich beschäftigt. Ich meine den Wunsch, ohne Wenn und Aber geliebt und angenommen zu sein. Eine Hoffnung die trotz mancher Enttäuschungen und Verwundungen unausrottbar bleibt .Jeder möchte ankommen, jeder möchte seinen Platz finden, jeder möchte,- mit einem schwäbischen Wort gesagt-, aufgehoben sein. Aufheben meint/bedeutet: etwas Kostbares aufbewahren, es an einem sicheren Ort hinterlegen, es hüten und schützen, es buchstäblich ans Herz nehmen, weil es einem so wichtig ist. Ich denke, so ist es auch mit unseren Verstorbenen. Wir bewahren sie in unserer Erinnerung, wir pflegen ihre Gräber und wir bleiben über den Tod hinaus mit ihnen verbunden. Und wer nicht mehr zum Friedhof gehen kann, wird gerade heute besonders an seine verstorbenen denken. Der Tod kann uns vieles nehmen und gewaltig in unsere Beziehungen einbrechen, er kann uns aber nicht die Liebe nehmen, in der wir die Verstorbenen bei uns aufheben. Wenn wir von ihnen erzählen bleibt die gemeinsame Lebensgeschichte lebendig. Erinnern heißt: das Gespräch mit den Toten fortsetzen. So bleiben wir mit den Menschen, mit denen wir durchs Leben gegangen sind,, verbunden, so bleiben wir beieinander. Doch dieses Aufgehoben sein der Toten in unserer Erinnerung ist nicht von Dauer .Spätestens wenn wir selber sterben, stirbt auch diese Erinnerung. Dann verblassen nicht nur die Schriftzüge auf den Grabsteinen, dann verstummen auch die Erzählungen und mit der Zeit gibt es niemand mehr, der sich an einen erinnern könnte.

Heute ist Totensonntag. Ich spreche in den Sonntagsgedanken über die Erinnerung an unsere Verstorben und frage danach, was bleibt, wenn sich mit der Zeit niemand mehr an die Toten erinnern wird. Ist das die letzte und tiefste Stufe des Todes: Vergessen zu werden? Die Autorin Marie Luise Kaschnitz hat sich sehr mit dieser Frage auseinandergesetzt, besonders nach dem Tod ihres Mannes. Sie ist einmal gefragt worden ob sie denn an ein Leben nach dem Tod glaube. Was sie dazu sagt, berührt mich sehr. In einem Gedicht schreibt sie ihre Antwort: “und ich antwortete ja .Aber dann wusste ich keine Antwort zu geben wie das aussehen sollte, wie ich selber aussehen sollte dort.“ Dann zählt sie auf, wie sie sich das eher nicht vorstellen kann. All die Bilder, mit denen man Himmel und Hölle ausmalt: die goldenen Stühle oder die niederstürzenden Seelen, die brennenden Feuer oder die schwebenden Wolken. Ihre Antwort lautet: “Nur, nur Liebe –frei gewordene, niemals aufgezehrte, mich überflutend.“ Das ganze Gedicht liest sich wie ein Stammeln und Ringen um die richtigen Worte. Kaschnitz weiß, dass man über das Leben nach dem Tod keine Auskunft geben kann. Wer wüsste denn darüber wirklich Bescheid? Und darum sucht sie eine Antwort jenseits von allen Bildern und Vorstellungen. Sie glaubt an die Kraft der Liebe. Sie und wiederholt was schon in der Bibel in einem wunderbaren poetischen Buch zu lesen ist: “Stark wie die Liebe ist der Tod“ (Hoheslied 8,6).Der Tod. ist eine gewaltige Macht, er zerstört Beziehungen, er trennt Liebende Menschen voneinander und hat doch nicht das letzte Wort. So glaubt Kaschnitz an ein Leben nach dem Tod. “Nur, nur Liebe-frei gewordene, niemals aufgezehrte, mich überflutend.“ Jesus ist einmal in einen Streit über die Auferstehung verwickelt worden. Seine Gegner wollen das Leben nach dem Tod lächerlich machen, Auch Jesus gibt keine genaue Beschreibung, wie dieses Leben aussehen könnte. Er verweist auf den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, und zeigt dass diese Namen und all unsere Namen in Gott aufgehoben sind .Denn Gott ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten .Und Jesus erinnert damit an den Gott, der nie und nimmer die Namen der Menschen vergessen wird. Das Leben nach dem Tod ist also nicht bloß die Fortsetzung des irdischen Lebens an einem anderen Ort. Ewiges Leben oder Leben nach dem Tod ist bei Jesus Gemeinschaft mit Gott. Zu ihm gehen wir. Bei ihm sind wir aufgehoben und aufbewahrt in seiner Liebe. Unsere Namen sind in sein Herz geschrieben, für immer. Sie könnten mich jetzt fragen, mehr erwarten sie nicht nach dem Tod? Und ich würde ihnen dann mit Marie Luise Kaschnitz antworten: “Weniger nicht“!.

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