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21JUN2020
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Britta Geburek-Haag

Verwundete Seelen heilen

Praxis verrät nichts von den Abgründen, in die sie blickt. Hell und bunt sind die Zimmer des Psychosozialen Zentrums Pfalz mitten in Ludwigshafen. Hier berät die 52jährige Traumapädagogin psychisch kranke und traumatisierte Geflüchtete. Unfassbares muss die Pfarrerin manchmal hören. Es verblüfft mich, wie positiv sie dabei bleibt.

Meistens geht es mir so, wenn ich in die Geschichten eintauche dass ich dann nur staunen kann, was ein Mensch aushalten kann, was ein Mensch ertragen kann, wie viel Leid, wie viel Schmerz, wie viel Demütigung möglich ist – und Menschen dann doch weiter leben.

Staunen über einen Willen zum Leben trotz allem. Über eine Kraft, die in uns Menschen liegt und uns hilft, auszuhalten: Eben nicht nur die Pandemie, hier und weltweit. Sondern auch Schicksale von Gewalt und Flucht mit schrecklichen Erlebnissen: Etwa, dass jemand den Bruder, die Frau oder ein Kind im Mittelmeer ertrinken sehen muss.

Britta Geburek-Haags Klienten haben alle Schlimmes hinter sich. Oft hat es eine seelische Wunde, ein Trauma, hinterlassen. Und manchmal macht das erst lange nach der akuten Gefahr krank. Wie bei der Frau aus Somalia, die meine Gesprächspartnerin Sara nennt. Sara kommt 2016 in einem schlechten Zustand zu ihr: schwanger und schwer depressiv.

Dann stellte sich eben raus, dass diese Frau mit knapp 16 zwangsverheiratet wurde mit einem 30 Jahre älteren Mann, In der Ehe permanent missbraucht wurde, sexuell ausgebeutet wurde – und so wie die wahrscheinlich 99% der somalischen Frauen als Mädchen beschnitten wurden – war sie eben auch schwerst beschnitten und der gewalttätige Ehemann hat eben sich immer wieder mit Gewalt und unter größten Schmerzen genommen, was er wollte – und sie hat dann vier Kinder geboren im Laufe von mehreren Jahren – und wurde bei jeder Geburt immer wieder aufgeschnitten und danach wieder zugenäht.

Solche Schicksale machen mich stumm – und doch spreche ich heute darüber. Eben um zu zeigen, wie wichtig es für die Geflüchteten ist, nicht zu verstummen, sondern Räume und Menschen zu finden, mit denen sie reden können. Nicht Wegschauen und Dichtmachen. Sondern Dasein, Hinschauen und Stand halten. Das ist oft der Anfang seelsorglicher und therapeutischer Hilfe. So können aus Worten Wege werden – wie bei Sara.

Ihr ist es so gegangen, dass sie das erste Mal in ihrem Leben drüber gesprochen hat und ihr eigentlich bewusst wurde: Das ist unglaubliches Unrecht, was da geschieht – und das darf man auch beweinen und betrauern und wütend drüber sein.

All das kann Hilfe und Heilung in seelischen Krisen sein. So kann Sara heute sogar für andere da sein und wirkt als Sprachmittlerin für Geflüchtete.

Mit den Augen der anderen sehen

Britta Geburek-Haag berät psychisch kranke und traumatisierte Geflüchtete bei der Diakonie in Ludwigshafen. Viele Geschichten von Flucht, Folter und Gewalt muss die Traumapädagogin und Pfarrerin hören. – Wie geht das? frage ich sie: So nah bei verletzten Seelen zu sein – und trotzdem selbst nicht zu verzweifeln.

Vieles, über das ich mich mal aufgeregt hab – das ich mir gewünscht hab, wo ich gedacht hab: aah, das möcht´ ich anders haben – das erscheint mir jetzt nicht mehr so bedeutend. Ich bin wirklich sehr dankbar und zufrieden und auch irgendwie demütiger geworden

„Demütiger“ – das verstehe ich so: Wenn man nah an Geflüchteten ist, dann muss man von sich selbst absehen können und sich auf die Perspektive der anderen einlassen können. Und dort – in der Perspektive der Erniedrigten – sind die eigenen Themen oft nur noch „Problem- chen“. Und: es kann noch etwas viel Größeres aufscheinen.

In dieser Begegnung da zeigt sich letztendlich auch die Beziehung zu Jesus und die Gottesbeziehung - wie ernst sie mir ist - und da die Gottebenbildlichkeit und die Würde des Menschen gerade diesen zukommen zu lassen.

Im Anderen zeigt sich Gott. Das Christentum ist keine „Lehre“. Es wächst in Berührung, Begegnung und Gespräch, gerade mit den Schwachen. „Ich war fremd – und ihr habt mich aufgenommen“ sagt Christus – und in dieser Linie ist es zentrale Aufgabe von Kirche und Diakonie, berührbar für die Not der anderen zu sein. Gerade auch derer, die durch ihre Flucht am wenigsten vor Coronainfektionen geschützt sind.

Ich finde es ganz unsäglich, dass weltweit so viele Menschen auf der Flucht sind: Zig Millionen. Dass aber kaum noch welche hier in Europa ankommen können, weil sie eben festgehalten werden an den EU-Außengrenzen, weil sie in den Lagern festsitzen und dort nicht mehr rauskommen.

Dass wir da tatenlos zuschauen, dass wir noch nicht mal die Schutzbedürftigsten unter ihnen rausholen, nicht wenigstens die Minderjährigen.Ich find‘ da fast keine Worte für – das empört mich unglaublich und ich finde es gut und wichtig, dass auch die Kirche und die Diakonie da ein deutliches Wort sprechen.

Sicher: Empörung ist noch keine Lösung. Aber ein Anfang. Denn wir leben – gerade mit der Pandemie – weiter in der einen Welt. Zwar kann man – wie ich das in letzten Wochen meist auch getan habe – die Augen schließen vor der Not der anderen. Wir haben ja genügend Probleme im eigenen Umkreis. Aber das ist zum einen keine Lösung und zum anderen keine Perspektive, die die Weite meines christlichen Glaubens aufgreift. Ein Leben, das nur um „mich“ und „uns“ kreist, ist in ihr nicht vorgesehen. Die Begegnung mit Britta Geburek-Haag hat mich aus diesem Kreisen herausgeholt.

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17MAI2020
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Sven-Joachim Haack Sven-Joachim Haack

Peter Annweiler trifft Sven-Joachim Haack, Pfarrer und Mediationsleherer 

Einfach nichts tun.

Jetzt in dieser aufgewühlten Zeit findet er eine „Kultur der Stille“ besonders wichtig. Der 60jährige ist Pfarrer in einer Klinik im Taunus und gleichzeitig Meditationslehrer am Benediktushof bei Würzburg. Jahrzehntelang hat er geübt, „einfach nichts“ zu tun. Beim Sitzen in der Stille hat er eine besondere Gebetspraxis entwickelt - und genau diese Erfahrung bleibt für ihn trotz der Lockerungen weiter eine gute Übung für die Zeit der Pandemie.

Es geht darum, in einer offenen und ungewissen Situation gleichzeitig zu entspannen. Und das ist die Grundübung: Ich setz mich in die Stille, nicht wissend, was mich erwartet, was in mir auftaucht, wohin es mich führt – und versuche gleichwohl, ganz präsent, gelassen entspannt zu bleiben.

Es klingt so einfach: Sich in die Stille zu setzen – und einfach „nichts“ zu tun. – Haben Sie das mal versucht? – Bei meinen Versuchen damit erlebe ich immer wieder, wie wenig „still“ es in mir ist. Wie viel an Gedanken, Plänen und Fragen durch meinen Kopf rasen. Für Sven-Joachim Haack gehört das alles dazu: Für ihn weist gerade die innere Unruhe auf die große Chance der Stille hin.

Für mich persönlich ist sie stark zusammengefasst in der sehr tiefen Erlaubnis: Dasein. Einfach Dasein. Einfach Dasein Dürfen, mit allem, was da ist, was sich zeigt, du mitbringt, zu dir gehört: Die große Einladung. Die riesige Herausforderung.

Ich spüre sofort: Der Mann weiß, wovon er redet. Und ganz bestimmt liegt es nicht an seiner tiefen Stimme, wenn ich den Eindruck habe, dass da einer aus der „Tiefe“ spricht. Bedacht, ruhig und kraftvoll wirkt Sven Joachim Haack auf mich. Eben in einem tiefen Sinn „geistlich“ – und ganz bei den Themen unserer Tage.

Wir geben uns unendlich viel Mühe, den Anschein aufrecht zu erhalten, ich hätte Kontrolle, wobei wir aber keine haben. Und deshalb finde ich Übung und gegenwärtige Situation auch gar nicht unendlich weit auseinander, sondern ganz eng verschränkt.

Die Pandemie zeigt uns, wie wenig wir eigentlich wissen und wie wenig wir letztlich unter Kontrolle haben. Im wahrsten Sinne des Wortes sind wir „still gelegt“ und irgendwie gelähmt. Für viele ist das ein Schock. Sven Joachim Haack sieht darin aber auch die Chance, tiefer zu erkennen, wer wir „eigentlich“ sind. Es geht in diesen Tagen um „Existentielles“, materiell und seelisch – und manche kommen da in Berührung mit großen spirituellen Fragen.

Ich möchte Menschen, die ich begleite, gerne verlocken: Zu sich selbst. Die meisten Menschen kommen aus einer Sehnsucht. Also: ‚Ich möchte gerne zur Ruhe finden.‘ ‚Ich möchte gerne aus diesem Getriebensein der Ansprüche raus:‘ ‚Ich hätte gern ein Empfinden für: Was ist eigentlich meine Mitte?‘ ‚Wer bin ich denn jenseits der Rollen, die ich so spiele?‘

Stille und Fülle
Stille - eine starke Kraftquelle, gerade jetzt in der Coronazeit, wenn wir auch mit Öffnungen weiter aus- und durchhalten müssen. Sven-Joachim Haack lebt aus dieser kraftvollen Stille. Der evangelische Pfarrer ist Lehrer des Würzburger Forums der Kontemplation. Besonders im Sitzen in der Stille findet er seine geistlichen Einsichten.

Sieht ja ein bisschen karg aus, wenn da Menschen in größerer Gruppe schweigend still vor einer Wand sitzen. Aber letztlich geht’s um Fülle. Es bei, mit mir und dem, was ist, aushalten. Damit öffnet sich das Tor und die Tür in den Raum der Fülle – und immer wieder auch der Glückseligkeit.

Fülle in der Stille - das ist ungewohnt. Viel eher denken wir doch oft: Fülle – das kommt von „Viel“ und nicht von „Wenig“!

In meiner protestantischen Prägung habe ich dazu noch geübt und gelernt: Das Wort ist die Fülle. Sprechen, Begegnung und Dialog stehen im Mittelpunkt – und deshalb sind Gottes Wort, die Bibel oder eigene Gebetsworte für den Glauben so zentral. Spielt dieses „Wort“ in der Kontemplation überhaupt eine Rolle, frage ich meinen Gesprächspartner, der viel von seinem (kürzlich verstorbenen) Lehrer Williges Jäger, dem Benediktinerpater und Zenmeister, gelernt hat. Sven-Joachim Haack:

Wir kennen Situationen, in denen uns etwas anspricht, was wir hundert Mal gesehen haben, vielleicht tausend Mal vorbei gegangen sind, auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause , und auf einmal geht so was wie ein Licht an.. und wir mit neuen Augen sehen. Im Grunde ist aber alles, was uns begegnet, Wort – Ausdruck dieses liebenden schöpferischen Wollens.

Alles kann mich „ansprechen“ – und auf den liebevollen Grund des Seins verweisen. Zwar frage ich mich, wie die heftigen und erschütternden Erfahrungen wie Krankheit, Gewalt oder Tod mich so ansprechen könnten. Aber ich spüre auch: Sven-Joachim Haack möchte aus der Stille heraus anleiten, ein inneres Konzert mit vielen Stimmen und auch Fragen zu hören. Stille - das lerne ich von ihm – ist so etwas ganz anderes als Verstummen. Oder anders gesagt:

Kann ich eine Verfassung unterstützen, kultivieren, in der – und das Bild liebe ich sehr – die Fülle des Seins aufrauschen kann?

Wenn mich in diesen Tagen das frische Grün der Buchen und die prallen Knospen der Pfingstrosen „ansprechen“ – dann ahne ich etwas von diesem „Aufrauschen“. Dieses Rauschen braucht keine Ge-räusche. Es kann aus der Stille kommen – und es kann Ursprung und Ziel des Lebens verbinden.

Was mich so lange auf dem Weg und auch bei meinem Lehrer gehalten hat, ist, dass es eine ganz schlichte und ganz einfache Übung ist. Es geht immer und immer wieder darum, zurückzukehren, einzukehren, heim zu kommen.

So eine einfache, uralte und topaktuelle Form des meditativen Gebets habe ich bei Sven-Joachim Haack neu schätzen gelernt. Auf der Heimfahrt denke ich: „‘Wie gut tut eine ‚Kultur der Stille‘ in diesen belastenden Tagen der Pandemie!“

 

Mehr Informationen zur Kontemplation und zu Sven-Joachim Haack.
www.kontemplationundmystik.de

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23FEB2020
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Wolfgang Schumacher

Von der Kanzel in die Bütt

Peter Annweiler trifft Wolfgang Schumacher, Pfarrer und Pressesprecher der evangelischen Kirche in der Pfalz.

Er kann Kanzel und er kann Bütt. Und auf beiden hat er gelernt: Worte wirken. Dass er als Pfarrer und Pressesprecher der evangelischen Kirche der Pfalz oft seriös, fundiert und ernsthaft sprechen muss, ist für den 59jährigen kein Widerspruch zur spritzigen Rhetorik der Fastnacht. Als politischer Büttenredner hat der Kaiserslauterer schon viele Rollen ausgefüllt.

Also ich war mal Müllmann und hab den ganzen Dreck der Stadt aufgeräumt und Ich war als Schüler aufgetreten, der endlich mal seinen Lehrern Kontra bieten konnte. Zu Zeiten der Kohlschen Spendenaffäre war ich als Kofferträger unterwegs auf der Bühne – also immer wieder andere Figuren, die als Figuren einfach Bildmöglichkeiten geboten haben…

Denn starke Bilder und eine Prise Humor – die sind für Wolfgang Schumacher in einer politischen Büttenrede genauso wichtig wie in einer tiefsinnigen Predigt. Im Karneval ist es zu seinem Markenzeichen geworden, dass er ein aktuelles Geschehen in seinen politischen Dimensionen humorvoll aufgreift – und damit zeigt: Fastnacht ist viel mehr als ein privates Ausgelassensein.

Einfach mich auseinandersetzen immer schon mit aktuellen Themen, lokalpolitischen Themen und die in karnevalistischer Form auf die Bühne zu bringen. Die Inhalte auch im Angesicht von politisch Handelnden also vom Oberbürgermeister über Landtagsabgeordnete auch gleich an den Mann oder Frau zu bringen und ich glaub‘ , das war meine Form, mich ein bisschen in Politik einzumischen.

Traditionell kriegen die Politiker im Karneval „ihr Fett“ weg. Da übernehmen die Narren die Macht und nehmen die hohen Herren und Damen auf die Schippe, entlarven Besserwisserei und Eitelkeit. Die Narrenrolle hat für mich auch etwas Prophetisches: Sie regt zu einem Umdenken an. Der Narr ist überzeugt: Alles kann anders – und vielleicht sogar besser werden. Wolfgang Schumacher hat dabei aber auch eine Versuchung kennen gelernt.

Sowohl im realen Leben als auch im Faschingsleben sollte man nicht mit erhobenem Zeigefinger arbeiten: Also der Pfarrer, der alles besser weiß und sonntags von der Kanzel predigt oder der Redner im Karneval, der auch den Finger erhebt – und … ein bisschen wie ein Moralapostel wirkt – das halte ich für verzichtbar.

Besonders in der Fastnacht gilt ja eine Haltung, die „eigentlich“ immer gelten sollte – und die durch und durch christlich ist.

Durchs Leben gehen mit einem Lächeln im Gesicht – das finde ich ist für den Christen eigentlich die angemessene Haltung, weil eine schöne Zukunft uns erwartet und weil wir auch auf dieser Erde dazu da sind, die frohe Botschaft weiter zu geben.

Nicht immer schön lustig…

Im „Hauptberuf“ ist Wolfgang Schumacher Pfarrer und Pressesprecher der evangelischen Kirche in der Pfalz. In der „fünften Jahreszeit“ ist er durch sein Faible für die Fastnacht auch zum politischen Büttenredner geworden.

Ich bin in einer karnevalistischen Familie groß geworden, der Vater war ein „Erzkarnevalist“, war Chorleiter eines närrischen Chores, hat Büttenreden gehalten in einem Duo mit politischen, lokalpolitischen Themen, war Vizepräsident des örtlichen Karnevalvereins und vieles anders mehr. Und da wächst man so herein und geht als Kind mit auf den Kinderfasching…

Bei mir lag das so gar nicht in der Familie – aber heute bin ich gerne am Karnevalswochenende auf einer Sitzung oder beim „Zuch“ dabei. Für Wolfgang Schumacher ist es eher umgekehrt: Er hatte früh seine Freude daran, sich – auch im Verein – karnevalistisch zu engagieren. Und doch hat er damit vor einiger Zeit aufgehört.

In gewissem Turnus kommt wahrscheinlich gerade bei Karnevalsvereinen immer mal wieder Streit auf, vereinsintern - und irgendwann habe ich gemerkt: Ich werde in den Streit selber hinein gezogen und das war ein Punkt zu sagen: Das war’s.

Karneval scheint manchmal auch ein „ernstes Geschäft“ zu sein. Manchmal „menschelt“ es da ganz schön heftig: Da gibt es Streit um Auftritte, Posten oder Witze auf Kosten von Minderheiten.

Meine These ist, dass sich Narren oft ein bisschen zu wichtig nehmen. Also das, was sie anderen vorwerfen dann aber bei sich selber dann leben. Also ein bisschen Eitelkeit, ein bisschen Wichtigtuerei ist da immer dabei – und wenn man das durchschaut, kann man damit umgehen.

Das beeindruckt mich, wenn einer, der das Geschäft von innen kennt, die Größe hat, aufzuhören. Wolfgang Schumacher hat auf das Scheinwerferlicht der Bühne verzichtet.

Die Alternative ist, dass man nicht dem Motto folgt: Lieber einen guten Freund verlieren als eine gute Pointe, sondern dass man lieber die gute Pointe bei Seite lässt und den Freund nicht verärgert.

Es geht ja schließlich beim Karneval nicht um die Konkurrenz, sondern um die Gemeinschaft. Und in meinen Augen ist das in digitalen Zeiten das Wichtigste am fastnachtlichen Feiern: In fröhlicher Leichtigkeit leibhaftig gemeinsam lachen und in anderen Rollen unterwegs sein. Das hat mit der befreienden Leichtigkeit des Glaubens zu tun.

Ich finde, unabhängig von Konfessionen, dass Christsein eigentlich nur geht, wenn man das fröhlich lebt. Wir haben als Pfarrer, aber jeder auch in der Gemeinde jeder auch die frohe Botschaft weiter zu geben – und zu leben – und das heißt wirklich: Frohe Botschaft. Ich finde es immer schade, wenn ich griesgrämigen Gesichtern gegenüber sitze.

Und so kann es in diesen Tagen auch für Christenmenschen ein wirkungsvolles „Anti-Griesgram-Programm“ sein, wenn es nach dem Motto zugeht „Die „Hände zum Himmel“ und lasst uns fröhlich sein!“ - Ich wünsche Ihnen fröhliche nächste Tage!

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26DEZ2019
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Margarete GortnerPeter Annweiler trifft Margarete Gortner

Unterstützung finden
Die 62jährige hat beruflich viel mit Weihnachten zu tun. Bei der Diakonie in Pirmasens berät sie Eltern, Kinder und Jugendliche. Oft arbeitet sie mit getrennten Paaren und ihren Kindern – und erfährt dabei, wie schnell unterschiedliche Interessen zu Konflikten führen können: Besonders an den Feiertagen zeigt sich, was da alles geregelt werden muss.

Nehmen wir ein Beispiel: Ein Kind besucht gerne den  , zusammen mit einem Elternteil. Der andere Elternteil hat mit Gottesdienst überhaupt nichts am Hut, er ist aber derjenige, der an diesem Tag für das Kind zuständig ist.

Herzenswünsche von Kindern auf der einen Seite. Und manchmal juristisch geklärte Zuständigkeiten auf der Elternseite. Das ist der Stoff, aus dem kleine und große Dramen entstehen können.

Es gibt dann Konflikte, wenn Eltern es nicht schaffen, auf das Kind zu schauen, das Kind im Blick zu haben, mit seinen Bedürfnissen und nicht etwa dem Gedanken zu folgen: „Ich habe das Recht und den Anspruch über die Zeit des Kindes zu verfügen – und ich bin sozusagen ein ‚Gönner’, wenn ich dem anderen Elternteil das Kind einmal überlasse, für zwei Stunden extra.“

Auf das Kind schauen – in Krippenspielen und Weihnachtsgottesdiensten üben wir ja eigentlich genau das: Auf das Kind schauen, seine Verheißung und den Frieden spüren, der von ihm ausgeht. Margarete Gortner fällt in ihren Gesprächen mit getrennt lebenden Elternteilen auf, wie manchmal gerade dieser Blick fehlt.

Da kann man schon den Eindruck gewinnen, dass Kinder so etwas sind wie ein „geschätzter Gegenstand“, der hinübergegeben wird zur Überlassung – gütig und mit großem Herz. Eltern verstehen oft nicht, dass Kinder unter dem Eindruck der Trennung und der Konfliktlage nichts mehr wünschen als eine Einigung und einen guten Blick der Eltern zueinander.

Doch wie kann der wieder entstehen, wenn ein Paar sich entzweit hat? Da sind die Verletzungen doch oft so tief, dass kaum ein wertschätzendes Gespräch zu Stande kommt.

Also braucht es unbedingt einen haltenden Rahmen – und das bieten wir in der Beratungsstelle, wo es möglich ist, ohne persönliche Verletzungen wirklich zuzuhören, was eigentlich der andere möchte. Ich vereinbare dann, dass mein kleiner Assistent – das ist ein Quietsch-Schwein – dass der immer dann quietscht, wenn es losgeht mit einer persönlichen Abwertung oder wenn eine Beschuldigung oder Verallgemeinerung im Raum ist.

Schön, wenn im Schutz der Beratung auch Eltern in Trennung besser zu einander finden. Und wenn sie dann dadurch auch wieder gemeinsam auf ihr Kind schauen, stellt sich in meinen Augen „Weihnachten “ ein – auch wenn das im März oder im Mai sein sollte.

Beziehungen stärken

Margarete Gortner berät Eltern, Kinder und Jugendliche bei der Diakonie in Pirmasens. Rund um die Feiertage und zwischen den Jahren kriegt die 62jährige Mutter und Großmutter da viel mit von den Sehnsüchten und Enttäuschungen in Familien. Besonders gut kennt sie die Herausforderung von Patchworkfamilien, wenn also bisherige und neue Familienmitglieder zusammen leben.

Behutsam und respektvoll nähert sich die Therapeutin ihrem Thema an:

Da werden Stoffteile zusammengesetzt, die eigentlich in einem anderen Großen und Ganzen gewachsen sind. Und so ähnlich ist es auch in der Patchworkfamilie: Menschen kommen zusammen, die unterschiedliche Traditionen haben, die unterschiedliche Rituale haben, auch gerade in Bezug auf Feste.

Margarte Gortner erlebt dann in ihren Gesprächen, wie schwierig es für Eltern ist, Feiertage zum Wohl der Kinder zu gestalten: Jedes Elternteil hat da klare Vorstellungen – und manchmal wird deshalb ein Kind an den Feiertagen zeitlich „zerrissen“, um scheinbar allen Seiten gerecht zu werden.

Und gerade über dieses individuelle Wollen wird vergessen, dass ein Kind ein Mensch ist, der Obhut braucht – und die Bereitschaft der Eltern, sich zu einigen über schwierige Dinge und auch Regeln einzuhalten und Absprachen einzuhalten.

Schon die biblische Weihnachtsgeschichte stellt die „Obhut“ für ein Kind in einer ungewöhnlichen Familienkonstellation in den Vordergrund: Eine Minderjährige hat ja da bekanntlich in einem Stall ein Kind mit unklarer Vaterschaft geboren. Josef, der Mann an Marias Seite, ist sich nicht sicher, ob das Kind von ihm ist. Trotzdem nimmt er die soziale Vaterschaft an – und die Drei fliehen vor dem Gemetzel des Königs Herodes nach Ägypten. Beschützt durch einen Wink des Himmels und zusammengehalten durch den Blick auf das Kind machen sie sich auf den Weg, erzählt die Bibel: Alles andere als ein „heiliges“ Familienidyll von „Vater, Mutter, Kind“. Sicher eher eine sehr herausfordernde Wegstrecke – und bestimmt gab es da oft nur „zweitbeste“ Lösungen. Aber da ist ein gemeinsamer Wille, gut für ein Kind zu sorgen. Und der ist für Margarete Gortner Kern des Weihnachtsfestes – auch und gerade in Patchworkfamilien:

Gerade, wenn es keine gute Lösung gibt, was die Feiertagsaufteilung anbelangt, sich klar zu machen, dass Weihnachten kein Datum ist – sondern ein Raum, ein Zeitraum, der gefühlt werden will: Durch Beziehung.

Weihnachten ist mehr als ein Datum. Deshalb wird es erst wirklich weihnachtlich, wenn wir Beziehungen mit Leben und Liebe füllen: Zu Kindern, Partnern, Eltern und Geschwistern, aber auch zu ehemaligen Partnern, mit denen wir eine Geschichte behalten und im Scheitern verbunden bleiben.
Schön, wenn wir an Weihnachten Beziehungen liebevoll stärken können. Dadurch bleibt es zurecht ein wichtiges Familienfest.

Informationen zu Beratungsstellen in Ihrer Nähe finden Sie unter
www.dajeb.de

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24NOV2019
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...…gegen die Ungleichheit Andreas Pitz

Peter Annweiler trifft Andreas Pitz, Kurator der Ausstellung Kunst trotzT Ausgrenzung

In der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Osthofen sind wir verabredet - ein beklemmender Ort für ein erstes Treffen. Doch ich bin auch gespannt auf den 59jährigen Rheinhessen, der dort und in Worms für die Diakonie Deutschland eine Ausstellung kuratiert hat: „Kunst trotzt Ausgrenzung“ ist eine künstlerische Absage an Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus. Und dafür ist die Gedenkstätte ein kraftvoller Ort: Hier waren Menschen im Dritten Reich zusammengepfercht – und hier machen Künstler heute Menschen am Rand sichtbar. Andreas Pitz schärft mir bei unserem Rundgang die Augen dafür.

Das sind die Stickereien von Sybille Löw: Sie hat Portraits von Menschen gestickt, die aus unterschiedlichsten Gründen ihre Heimat verlassen haben – freiwillig, unfreiwillig, Das Ganze hat sie Einwanderung genannt – und von der Vorderseite sieht man einfach 60 Gesichter – und dann, oft im Stirnbereich, sind so rote Fäden zu sehen. Man weiß gar nicht, was soll das: Sind das Narben oder Falten?

Gestickte Portraits? Narben oder Falten?- Kunst muss irritieren, Fragen aufwerfen, die gewohnte Sicht durchbrechen. Nur so kann sie aufrütteln, verändern und warnen. Und das ist für den Protestanten mit der künstlerischen Ader heute bitter nötig.

Wir befassen uns nicht nur mit Migration und Flucht, sondern wir befassen uns mit all den Themen, die im Augenblick wieder von der neuen Rechten in Frage gestellt werden: Wie gehen wir mit Menschen am Rande um, mit Obdachlosen, mit Behinderten, mit Menschen, die ne andere sexuelle Prägung haben.

Rechtsextreme Parolen sind in unserem Land leider nichts Neues. Umso wichtiger, dass die Ausstellung zeigt, wie wir etwa Geflüchteten anders als mit Abwehr oder Mitleid begegnen können. Zum Beispiel in dem großen Werk von Georg Friedrich Wolf:

Der hat mit 70 Flüchtlingen dreieinhalbtausend Nägel geschmiedet, zwanzig Zentimeter lange riesige Nägel und dann haben sie mit alten Balken aus einer Hugenottenscheune - also auch Menschen, die vor Jahrhunderten schon fliehen mussten – ein riesiges Floß zusammengezimmert. Und das Ganze hat er „Odyssee“ genannt – und das steht jetzt im Augenblick direkt vor dem Wormser Dom.

Da zeigt ein Künstler mitten in der Stadt eine Irrfahrt mit einem Floß. Nicht nur für Geflüchtete ist das ein starkes Bild. Ich finde, es ist ein Sinnbild für unseren Planeten: Zerbrechlich ist er. Die Steuerungsmöglichkeiten sind begrenzt. Und gerade auf einem Floß gilt: Alle müssen zusammenhalten und sind gleichwertig. Andreas Pitz:

Ich bin sehr froh, dass Kirche und Diakonie „Flagge zeigen“, Stellung beziehen – das ist nicht selbstverständlich.

Wenn ich sehe, wie Rechtspopulisten versuchen, neue Grenzen zwischen „uns“ und den „Anderen“ zu ziehen, dann tut es mir gut, wenn meine Kirche nicht nur mit Worten, sondern auch mit Kunstwerken Flagge für eine Überzeugung zeigt: Menschen sind und bleiben gleichwertig.

Mit Kunst Flagge zeigen
und mit kreativem Trotz

Andreas Pitz hat für die Diakonie Deutschland Werke von mehr als 50 Künstlern zusammengetragen. Zur Zeit ist die Ausstellung „Kunst trotzt Ausgrenzung“ in Worms und der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Osthofen zu sehen. Dort treffe ich mich mit dem 59jährigen gelernten Sozialarbeiter – und staune über seinen Weg:

Ich hab das immer sehr bedauert, dass ich mein Interesse für die Kunst mit meinem Berufsalltag überhaupt nicht unter einen Hut bringen kann – und nachdem ich zwanzig Jahre lang die Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe der Diakonie in Mainz verantwortet hatte, habe ich aus unterschiedlichsten Gründen beschlossen, mal was ganz Neues zu machen

Und das Neue hat dann mit einem Buch über die bisherige Arbeit begonnen. Aber irgendwie ging das zuerst nicht so recht voran.

Es hat überhaupt keinen Sinn, fünfzig traurige Biographien von Obdachlosen aneinander zu reihen. Nach der dritten Seite schlägt jeder das Buch wieder zu. Und da hatte ich die Idee, zu gucken: Wie haben eigentlich Künstlerinnen und Künstler sich diesem Thema genähert. Und ich war bass erstaunt, wie viele renommierte Kunstschaffende sich mit solchen Themen befasst hatten,

Bei seinen Ausstellungen kommt dann stets der Trotz im Titel vor: „Kunst trotzt Armut“ und „Kunst trotzt Demenz“ hießen frühere Projekte. Als Typ wirkt Andreas Pitz auf mich allerdings eher weniger trotzig. Er kommt bedacht, umgänglich und freundlich „rüber“. Deshalb bin ich mir sicher: Er hat den Wert von „Trotz“ eher von „seiner Sache“ - also von der Kunst her – gelernt.

Also mich haben solche Künstler wie Beuys schon immer ungeheuer fasziniert, die einfach mit ihrer Kunst wirklich auch gesellschaftliche Missstände versucht haben, sichtbar zu machen – und die sich eingemischt haben mit ihrer Kunst.

Wenn einer mit Straffälligen und Obdachlosen arbeitet und sich für zeitgenössische Kunst interessiert, kann das schnell aus der Komfortzone führen.

Ich hab mich immer versucht zu engagieren und das durchaus trotzig und für die Rechte der Benachteiligten versucht einzusetzen. Insofern zieht sich das wie ein roter Faden durch mein Berufsleben, aber auch durch meinen Alltag: Dinge zu hinterfragen, die von allen anderen als vollkommen normal oder selbstverständlich hingenommen werden.

Trotz war für mich bisher keine positive Haltung. So leicht kann er stur und starr daherkommen. Am Ende unseres Rundgangs hat mir Andreas Pitz beim gemeinsamen Blick auf die Kunst gezeigt: Trotz gibt auch Kraft und einen langen Atem. Sowohl die Kunst als auch die Religion sind für mich darin verwandt, dass sie uns ein „Trotzdem“ schenken: Die Kraft zum Widerspruch und die Phantasie wie es anders sein kann.

Die Ausstellung „Kunst trotz(t) Ausgrenzung“ ist bis 15. Dezember 2019 in Worms und Osthofen zu sehen. Mehr Informationen unter:

www.kunst-trotzt-ausgrenzung.de

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20OKT2019
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Peter Annweiler trifft Esther Graf, Judaistin und Kunsthistorikerin aus Mannheim

Als Jüdin auf Augenhöhe mit anderen Religionen
Das Herz der 49jährigen Mannheimerin schlägt für die Begegnung der Religionen. Als promovierte Judaistin und Kunsthistorikerin hat sie gelernt, ihren jüdischen Glauben tiefer zu verstehen – und ihn in den Dialog der Religionen zu bringen.
Gerade nach dem Anschlag von Halle interessiert mich, was sie in unserem Land als Jüdin erlebt: Mitleid und Bewunderung hat sie kennen gelernt.

Zweierlei Reaktionen sind mir recht häufig begegnet: Das eine war, dass Leute sagen: „Ach Gott, das tut mir Leid!“, weil sie wahrscheinlich eben nur die Shoa im Kopf haben und diese ganze Opferrolle, die man dann hat: „Wie schrecklich, dass man jüdisch leben muss!“ Und zum anderen die Reaktion: „Ach, das ist aber toll!“

Wie ein rohes Ei behandelt werden – das mag die Mutter zweiter Töchter gar nicht.

Das ist ein bisschen schwierig, wenn man solche Reaktionen zu hören bekommt, weil es ist weder wahnsinnig tragisch – es ist wie es ist – und es ist zum anderen auch gar nicht so toll, sondern das ist die Identität, die man zum einen von den Eltern mitbekommen hat und zum anderen die, die man sich selber geformt hat.

Da wünscht sich eine Begegnungen auf Augenhöhe – und muss manchmal erfahren, wie wackelig diese Augenhöhe in Deutschland ist. Wie gut, dass mir in Esther Graf eine Frau begegnet, die offen und ehrlich ausspricht, was sie im Alltag umtreibt.

Ich persönlich habe Gott sei Dank in den letzten Jahren überhaupt keine negativen Erfahrungen gemacht. Aber wo ich es schon merke, dass es mich betrifft und betroffen macht, ist, dass ich mir schon sehr wohl überlege, wenn ich meinen Davidstern tragen will: „Mache ich das oder mache ich es nicht?“ Dass ich mir sehr wohl überlege, ob ich in der S-Bahn meine „Jüdische Allgemeine Wochenzeitung“ öffentlich aufschlage oder nicht.
Und das ist etwas, wo ich mir schon immer wieder denke: „Das kann doch nicht sein, dass ich zwar immer sage: ‚ O, ich erlebe keinen Antisemitismus, wie schön!. Aber andererseits bei so stinknormalen alltäglichen Dingen eingeschüchtert bin, dass ich mir überlege: ‚Mache ich sie oder nicht?’

Jetzt, nach dem Anschlag auf die Synagoge von Halle kann ich noch besser verstehen, wie zentral es für Esther Graf ist, zuerst das Herz jüdischer Religion und Kultur stark zu machen: Etwa die Wohltat des Sabbats, die Traditionen der Befreiung oder den Humor. Judentum ist etwas ganz anderes als Opfer sein!
Auf dieser Grundlage hat die gebürtige Wienerin zusammen mit einer Partnerin schon 2008 eine „Agentur für jüdische Kultur“ gegründet.

Ausschlaggebend war damals, dass wir gesagt haben: Wir wollen Judentum positiv vermitteln - und heute stellt es sich so dar, dass wir Vorträge machen zu jüdischen Themen der Kultur, Geschichte und Religion. Dass wir Ausstellungen kuratieren.

In unserem Gespräch und mit ihrer Arbeit überzeugt sie mich neu: Augenhöhe wächst dort am besten, wo wir mehr von einander wissen und echte Begegnungen haben.

Trialog der abrahamischen Religionen (Jüd*innen Christ*innen und Muslime im Trialog)

Esther Graf mag keine Klischées. Wenn es um Religion geht, ist es ihr wichtig, die Vielfalt wahrzunehmen: In der eigenen jüdischen Religion genauso wie bei den anderen. Deshalb hat die 49jährige Mannheimerin eine eigene Agentur für jüdische Kultur gegründet. Außerdem ist sie im Vorstand der jüdischen Gemeinde Mannheim aktiv und sie engagiert sich in der Begegnung zwischen Juden, Christen und Muslimen.

Ganz am Anfang des Trialogs war es so, dass ich auch so ein sehr unreflektiertes Bild von Musliminnen und Muslimen im Kopf hatte : Die mit Kopftuch – das sind die, die ganz religiös sind – und dann gibt’s auch andere. Ich habe dann sehr schnell gemerkt, dass es alle Schattierungen - schwarz, weiß , grau - genauso gibt wie bei uns und dass Frauen, die Kopftuch tragen, nicht alle gleich sind.

Es ist so einfach, aber doch so schwierig: Die anderen in ihrer Vielfalt wahr zu nehmen – und nicht alle in einen Topf zu werfen. Esther Graf erinnert mich daran,

dass immer wieder Leute denken, egal welchen Alters: Juden sind alle sehr fromm, sie essen alle koscher – und wir halten all streng den Schabbat. Das ist so, wie wenn ich sagen würde: Und ihr Christen, ihr geht alle sonntags in die Kirche, ihr haltet die Adventszeit, die Fastenzeit, zwischen Aschermittwoch und Ostern ist euch heilig .

Klar, als Christ lege ich wert darauf, mit meiner protestantischen Prägung wahr genommen zu werden. Aber bei Juden und Muslimen wäre es mir lieber, sie wären alle gleich. Vor allem, wenn es um negative Vorurteile geht, macht mir ein Jesuswort klar, wie wenig ich manchmal von der Welt sehe: „ Was siehst du den Splitter im Auge des anderen, aber den Balken im eigenen Auge – den siehst Du nicht?“

In der Begegnung mit Esther Graf merke ich wieder einmal, wie gut es ist, über den eigenen Kirchturm hinauszuschauen – und in unseren Städten auch die Synagoge und die Moschee wahrzunehmen. Und dabei spüre ich oft: Uns verbindet viel mehr als ich gedacht habe. Esther Graf:

Ich denk, es ist ganz wichtig, dass wir das Miteinander pflegen und dass wir auch mal zeigen können: Juden und Muslime hassen sich nicht alle, sondern wir können superfriedlich auf nem Podium sitzen, uns gut verstehen, auch Gemeinsamkeiten herausstreichen – von dem her muss es diesen Strang des abrahamischen Trialogs auf jeden Fall weiter geben.

In den drei Weltreligionen gibt es noch genug Konfliktpotenzial. Unterschiede will ich nicht „wegkuscheln“. Aber Hass und rechter Terror sind jetzt so bedrohlich, dass alle drei in ihrem menschenfreundlichen Kern getroffen sind. Für mich ist es deshalb ein gutes Zeichen, wenn auf den Synagogenanschlag von Halle Kirchen und Moscheegemeinden gemeinsam ihre Solidarität im Gebet zeigen. So kann in unserem Land hoffentlich das erhalten bleiben, was für Esther Graf Frucht ihrer Arbeit ist.

Ich hab schon die letzten zwanzig Jahre beobachtet, dass sich viel verändert hat. Dass sich die Fragen der Menschen verändert haben, dass sie viel mehr über Judentum wissen als früher. Das ist sehr positiv, dass hier wirklich etwas passiert ist.

Mehr Informationen zu Esther Grafs Agentur:
www.juedische-kultur.eu

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30JUN2019
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Frank RichterPeter Annweiler trifft Frank Richter

Verstehen heißt nicht akzeptieren.

Der sächsische Bürgerrechtler, Theologe und Politiker brennt für die Demokratie. Klar und leidenschaftlich engagiert der 59jährige sich gegen Rechts.

Es gibt Gegner, sagen wir ruhig: Feinde der Demokratie - die sprechen auch von Demokratie, sie meinen aber keine liberale und pluralistische und solidarische, sondern sie meinen eine völkische, eine autoritäre und nationalradikale Demokratie.

Lieber alarmieren als verharmlosen - das ist Frank Richters derzeitiger Blick auf die politische Lage und besonders auf die neuen Bundesländer. In Sachsen gibt der  Querdenker immer wieder wichtige Anstöße. Zuletzt im Frühjahr mit seinem provozierenden Buch „Gehört Sachsen noch zu Deutschland?“

Nachdem er sich in der Bürgerrechtsbewegung der DDR engagiert hat und in der Kirche gearbeitet hat, ist er unter anderem Leiter der Landeszentrale für politische Bildung gewesen. Jetzt ist er parteiloser Kandidat für die sächsische Landtagswahl im Herbst.

Ich treffe ihn am Rand einer Tagung, wo er über Seelsorge und Politik spricht. Seine feine, humorvolle und kluge Art erreicht mich sofort. Er ist zugewandt und zeigt doch klare Kante.  So  bringt er seelsorgliche und politische Haltung überzeugend zusammen.

Also zunächst möchte ich und muss ich als Demokrat und auch als Christ einem anderen widersprechen, wenn ich seine Einseitigkeiten, seine Grenzen, seine Fehler sehe. Ich tue es nicht, um ihn klein zu machen, sondern ich tue es, um ihn groß zu machen und selber etwas dabei lernen

Dialog heißt für Frank Richter immer auch: Den anderen verstehen wollen - und dabei etwas lernen. Diese Haltung hat ihm auch schon den Vorwurf des „Pegidaverstehers“ eingebracht. Er ist sich jedoch sicher: Verstehen heißt nicht akzeptieren! Und deshalb wirbt er unermüdlich für den Dialog in einer komplizierten Welt.

Ich  glaube, manchmal halten wir die Komplexität und Widersprüchlichkeit nicht aus und neigen dazu, uns dann doch in der eigenen Wahrheit einzugraben und die eigene Wahrheit dem anderen wie einen nassen Waschlappen um die Ohren zu schlagen - und spätestens dann fängt der Bürgerkrieg im Kleinen an.

‚und wie können wir da gegensteuern?’,  frage ich mich: Wenn das mit dem nassen Waschlappen  in den sozialen Medien immer weiter zunimmt, wenn es  so aussieht als ob Gewalt als Handlungsmöglichkeit wieder salonfähig wird? Frank Richter als politischer Christenmensch baut darauf, dass im Christentum eben nicht der Krieg angelegt ist, sondern: der Dialog. Darauf, dass Menschen auch dann weiter miteinander reden, wenn sie verschieden sind:

Ich finde am Christentum so gut, dass es die Spannung hält. Es gibt auch Weltanschauungen oder Religionen, die glätten alles - und dann ist alles einfach. Im Christentum ist nichts einfach, im Christentum ist alles spannend.

„Chefmoderator Heiliger Geist“

Frank Richter ist besorgt über das Klima in unserem Land. Der 59jährige Sachse ist jedoch weder „besorgter Bürger“ noch primär Klimaschützer. Der DDR-Bürgerrechtler, Theologe und Politiker sorgt sich eher darum, wie sich das politische Klima verändert.

Politiker sollten das Ohr an der Masse haben. Das heißt: Sie sollten hören und verstehen, was die Menschen bewegt. Diesbezüglich hat es leider ziemliche Entfremdungsprozesse gegeben. Viele Menschen haben den Eindruck, dass die Politiker sie nicht mehr verstehen.

Und dazu kommt noch der Eindruck. Keiner hat mehr Zeit. Immer schneller, immer hektischer fühlt sich das Leben an.

Wir brauchen Geduld für einander, wir müssen uns Zeit füreinander nehmen. Die haben wir oft nicht, weil wir meinen, wir müssen in dieser Hochgeschwindigkeitsgesellschaft immer mehr leisten, leisten, leisten. Das ist wie ein ICE, der irgendwann vor die Wand fährt.

Und um das zu verhindern, engagiert sich Frank Richter als Brückenbauer, als Moderator. Beispielsweise hat er Pegida-Anhänger empfangen und sich damit Kritik von allen Seiten eingehandelt. Aber trotz Gegenwind - einer ganz einfachen Überzeugung bleibt er treu:

Im Christentum können wir Gott nicht ohne den Menschen denken und die Menschen nicht ohne Gott denken. Das Christliche ist ein dialogisches Unternehmen, vom Heiligen Geist angezettelt.

Mit einander reden ist besser als aufeinander schießen. Wertschätzende Begegnung und streitbarer Dialog sind Kern und Stern des Christentums, davon ist Frank Richter überzeugt. Autoritäre Strukturen sind für ihn nicht mit dem christlichen Gottesbild vereinbar.

Der Chefmoderator im christlichen Glauben  - der heißt: Heiliger Geist und wenn wir genau nachdenken, was in unserem Glaubensbekenntnis steht, dann wissen wir: Da steht: Ich glaube an Gott -Vater, Gott- Sohn, Gott- Heiliger Geist. Das heißt das christliche Gottesbild ist ein offenes und dialogisches.

Das beeindruckt mich: Wenn ein Politiker tragende christliche Überzeugungen mit dem Notwendigen verbindet: Die Gesellschaft spaltet sich weiter. Viele haben Angst vor der Zukunft. Da brauchen wir Ermutigung.

Weil wir von so viel Unsicherheit umgeben sind, meinen wir, wir müssten uns abschotten gegenüber anderen, auch gegen das, was der Heilige Geist uns sagen will. Das hat in der Geschichte noch nie Gutes bewirkt, so schwer wie das auch manchmal sein mag: Wir brauchen diese geistliche Offenheit für einander und für das was, was Gott uns sagen will.

Da frage ich mich zwar, ob wir das auch hören wollen und können. Doch Frank Richter ist hier durch und durch Optimist. Politik und Christentum gehören für ihn zusammen -  und genau darin ist er für mich ein pfingstlicher Mensch:  Er vertraut darauf, dass Menschen sich entwickeln und Strukturen sich verändern können.  Manche finden das vielleicht naiv. Ich bin mir sicher: Seine Botschaft hat etwas damit zu tun, dass er vor 30 Jahren schon einmal ein Pfingstwunder erlebt hat: Als er nämlich 1989 an der gewaltfreien Revolution in der DDR beteiligt war - und  Demonstrationen, Kerzen und Gebete gezeigt haben: Veränderung ist möglich – auch gegen alle Wahrscheinlichkeit.  

 

 

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Professor BayerBegegnungen, heute von der Evangelischen Kirche mit Peter Annweiler 

... und mit Dirk Bayer. Der Mann ist unkonventionell und kreativ. Er ist Professor am Fachbereich Architektur an der TU Kaiserslautern. Zugleich führt der 50jährige mit seiner Frau - ebenfalls vom Fach - ein freies Architekturbüro. Und: Er gehört zu einer Minderheit unter den Architekten. Seinen Gestaltungswillen setzt er nämlich oft für Kirchenräume ein. Eher beiläufig hat sich das 2004 rund um den Kirchbautag in Stuttgart ergeben:

Ich  hab damals einfach nur die Hand gehoben und gesagt: Mich interessiert das schon als junger angehender Architekt: Ist doch vielleicht eine Königsaufgabe, nen Sakralbau zu machen. So hat man es ja aus der Baugeschichte auch gelernt. 

Seine Vorliebe für die „Königsaufgabe“  führt ihn dazu, sich einer kreativen  Gruppen namens „Kirchentrojaner“ anzuschließen: Kleine Verrücktheiten und viele  Gespräche über die Zukunft von Kirchenräumen sind bis heute ihr Markenzeichen.

Sonntags in der Matthäuskirche wurden einmal alle Gesangbücher nach vorne hinter den Altar gestellt - und alle waren irritiert, mussten nach vorne an der Pfarrerin vorbei, sich das Gesangbuch nehmen und hatten dann natürlich nen ganz anderen Konmunikationsort am Anfang  - das war ganz schön.

Und dann haben die Kirchentrojaner im Gottesdienst Haare geschnitten und andere schräge Dinge gemacht. Immer, um Gemeinden wach zu rütteln und zu fragen: Wie „heilig“ ist ein Kirchenraum eigentlich? Und wie viel „Welt“ darf in ihm vorkommen?

Im strengen Sinn gibt es im evangelischen Verständnis ja gar keine heiligen Räume. Luther hat sogar mal gesagt, Christen können auch im Kuhstall ihren Gottesdienst feiern. Das stimmt für mich zwar theologisch. Aber dennoch freut mich, dass auch in meiner evangelischen Kirche ein neues Bewusstsein für schöne Kirchen gewachsen ist. Räume, die der Gegenwart Gottes in der Welt gewidmet sind. Kostbare Zonen, zum Nachdenken und Umkehren. Zum Beten und Singen. Wöchentlich werden sie oft nur für ein paar Stunden genutzt. Ein wirtschaftlicher Unsinn ist das zwar - aber doch so wichtig: Für seelische, kirchliche und kulturelle Gesundheit in unserem Land. Der Architekt stimmt mit mir überein und formuliert doch ganz anders.

Wenn ich einen Profanbau habe, habe ich immer so diese Zweckerfüllung. Das unterscheidet ja - glaube ich - den Architekten vom Künstler. Wir sind immer einer Funktion verpflichtet. Aber beim Sakralbau wird genau diese Funktion aufgelöst: Aus der reinen Zweckerfüllung so was Spirituelles, mit einem Raum, der nun einem dient, einfach mit diesen Grundelementen von Länge, Breite, Höhe und Licht auskommt.

Ja, das ist das Starke an Kirchenräumen: Sie sind der alltäglichen Zweckerfüllung enthoben. Sie lassen eine andere, hellere  Welt aufscheinen. Als ob es in ihnen ums Ganze geht.

So „ein bisschen“ kann man das gar net machen. Man muss das von Grund auf denken, man muss immer die Grundsatzfrage stellen und ich weiß das: Alle Emotionen hängen da dran.

Wie Dirk Bayer dabei mitwirkt, Kirchenräume in diesem Sinn umzugestalten und attraktiv zu halten - davon erzähle ich gleich nach dem nächsten Titel.

Teil 2: Last am Kirchenraum

Seine Vorliebe für Kirchenräume tut gut, besonders in Zeiten, in denen Gemeinden oft über die Last der Gebäude stöhnen:  Dirk Bayer ist Architekt und lehrt an der TU Kaiserslautern. Der 50jährige Vater dreier Töchter verteidigt die „echten“ Räume mit ihren Mängeln gegenüber virtuellen Räumen. Selbst mit Mängeln sind Kirchen unersetzbar, weil sie Lust am Raum machen.

Es gibt ja auch so ein Portal „Virtuelle Kirche“. Aber ich glaub’ es ist besser, wenn es  auch mal durch ein Dach reinregnet und man wird nass. (lacht)

Vielleicht ist das die Realität vieler kleiner Kirchengemeinden: Die Gebäude sind eher ein Klotz am Bein als Schätze. Da braucht es Lust und einen langen Atem, wenn man etwas verändern will.

Bei unserem Gespräch in Dirk Bayers Büro umgeben mich Modelle von Umbauten: Eine Drehung der Achse im Kirchenraum. Ein Einbau zur Verlagerung von Gemeinderäumen unter das Dach der Kirche. An machbaren Ideen mangelt es nicht.

Genau in diesen kleinen Projekten liegt die Spannung und auch unser Interesse. Weil ich glaube, es passiert nicht in Paris, London, New York, Peking oder in der großen Welt, sondern es passiert vielleicht am Ende in Kusel, Hütschenhausen, wo man auf einmal was Neues kreiert, was in die Welt wieder rausstrahlt.

Das Lob der Provinz überrascht mich genauso wie das Heitere und Jugendliche, das sich der Kaiserslauterer Architekt bei aller Zähigkeit der Aufgaben bewahrt hat.  Da hat sich einer Kirchenräumen verschrieben und gestaltet mutige Umnutzungen. Auch Neues hat der Mann schon gebaut wie den Kirchenpavillon auf dem Gelände der Gartenschau in Landau.

Wir haben eine Grundradikalität. Wir können uns viel vorstellen, wir haben nicht die Angst,  was falsch zu machen, sondern sind sehr offen in der Diskussion - und wenn man dann eine starke Pfarrerin oder Pfarrer hat, der das mitgeht und seine Liturgie im Griff hat und ein Ziel vor Augen hat, wo er eigentlich hin möchte, dann macht das richtig Spaß, diese Dinge zu formen. 

Welch’ eine schöne Haltung, wenn die Freude am Gestalten erhalten bleibt und nicht die Mühen und Mühlen der Gremien, der Finanzierung oder der Verwaltung den Schwung bremsen.

Wenn dann noch das Miteinander der Aufgaben und Professionen dazu kommt, gelingt es mühelos, Stillstand zu überwinden und Zukunft zu gestalten. Kirchen sind Gestaltungsräume für Architekten und Theologen. Kirchensollen Spielraum schaffen: Räume, die durch ihre Gestaltung Gott ins Spiel bringen: Im Licht, in Farben, in Weite.

Dirk Bayer sieht in dieser Aufgabe das Fundament für die Zukunft: 

Genau das macht ja auch unser Glaube aus, dass wir uns Dinge vorstellen, die gar nicht so richtig greifbar sind. Und daran arbeiten wir uns ja ab und kommen auch ein Stück weiter.

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Jonas Bedford-Strohm, Foto: Fabian Stoffers

Peter Annweiler trifft Jonas Bedford-Strohm

Sohn und Vater

Der 26jährige ist das, was ich unter einem „smarten“ jungen Mann verstehe: Der Theologe und Medienethiker ist klug, sympathisch und kontaktfreudig. Immer wieder wird er zuerst  als „der Sohn von“ wahrgenommen. Ja:  Er ist Sohn des EKD-Ratsvorsitzenden und bayrischen Landesbischofs Heinrich Bedford-Strohm. Und weil er das ist, hat er viel um seinen eigenen Weg gerungen.

Es war schon immer ein spannungsreiches Verhältnis. Weil - natürlich will man sein eigenes Ding machen, gerade als ältester Sohn ist das sehr wichtig. Aber natürlich schaut man auch auf die Dinge, die der Vater macht - und er hat - glaube ich - viele gute Arbeit geleistet und es beeindruckt natürlich einen Sohn auch.  Aber gleichzeitig bin ich halt doch meine eigene Person und musste meinen eigenen Weg da finden.

Das war für ihn nicht immer einfach: Der eigenen Theologen-Dynastie verbunden zu sein und gleichzeitig Teil einer anderen Generation zu sein. Einer Generation, die so gar nicht mehr selbstverständlich mit Kirche und ihrem Wortschatz zu tun hat.

Ich denke, dass man nicht mehr diese Grundbegriffe so voraussetzen kann wie früher - also es hat natürlich einen Generationsabbruch gegeben. Ich hab mich damit identifiziert mit dieser Generationenfrage, dass da in der Kirche lauter Begriffe rumgeschmissen werden, mit denen ich noch nicht so viel anfangen kann.

Jonas Bedford-Strohm hat diese Generationenfrage innerfamiliär geklärt, aber mit großer Außenwirkung.

Ich habe mal eines Nachts alles aufgeschrieben, was mich so verwirrt und gestört und verwundert hat an der christlichen Kirche und hab dann meinem Vater  das mal geschrieben und hab dann gefragt: Hey,  vielleicht wollen wir mal ein Buch draus machen  Und ich hatte das Glück, dass mein Vater drauf angesprungen ist und ich glaube ohne dieses Buch wäre ich nicht zum Theologiestudium gekommen.

 „Wer’s glaubt wird selig“ heißt das Buch mit dem Untertitel: „Glaubensgespräche zwischen Vater und Sohn“. Die sind zwischen Männern ohnehin ziemlich selten - und zwischen Vätern und Söhnen sind sie erst Recht kostbar. Auch für Jonas Bedford-Strohm sind seine Erkenntnisse daraus ungeheuer wertvoll.

Für mich war  Gott  groß: war ein König oder  ein CEO - wie man heute vielleicht sagt - oder einer, der die Ansagen macht - und dieses Gottesbild ist gebrochen worden durch die Gespräche mit meinem  Vater. Ehrlich gesagt kann ich jetzt mich Gott viel eher nähern in vielleicht den Themen Verletzlichkeit. Ich kann plötzlich erkennen: Jesus am Kreuz hat Verletzlichkeit erlebt und hat’s  ausgehalten und durchgestanden. Und es gab die nächste  Befreiung, es gab die Auferstehung,  den Neubeginn.

Weil in ihnen so viel Befreiendes und Erneuerndes aufzuspüren ist - deshalb lohnt es sich, die Themen und Bilder des christlichen Glaubens auch den Jüngeren verständlich zu machen. Jonas Bedford-Strohm will das außerhalb des Pfarrberufs tun. Dabei bewahrt er das Zentrale und setzt Akzente für seine Generation. Wie es kommt, dass er sich dabei als „wandelndes ökumenisches Projekt“ versteht - das erzähle ich gleich nach dem nächsten Titel.

Wandelndes ökumenisches Projekt

Jonas Bedford-Strohm ist sechsundzwanzig. Er ist in der digitalen Welt aufgewachsen und bewegt sich als Medienethiker ganz selbstverständlich darin. Was den Münchner Sohn des EKD-Ratspräsidenten von anderen jungen Menschen unterscheidet: Er ist auch ganz selbstverständlich in der Kirchenwelt zu Hause. Er hat Theologie studiert und bezeichnet sich selbst als ein „wandelndes ökumenisches Projekt“ 

Ich hab’s ein bisschen humorvoll versucht über mich selbst zu sagen, weil ich tatsächlich ein ziemliches Sammelsurium an kirchlicher Sozialisation bin. Fünfhundert Jahre zurück in meinem Stammbaum sind lauter Pfarrer, das heißt, ich hab’ ne  sehr deutsche, kirchliche, protestantische Sozialisation - aber gleichzeitig gibt es auch ein paar Elemente, die nicht ganz so traditionell sind.  Meine Mutter ist Amerikanerin,  das heißt als Kleinkind in New York im Kindergarten waren wir in der Gemeinde in Harlem, ne ganz andere kirchliche Kultur, die mir sehr aus dem Herzen spricht, sehr verkörpert, sehr offen, sehr präsent, sehr aktiv. So ein bisschen davon möchte ich  auch in Deutschland mit rein bringen.

Ganz bunt ist deshalb auch das heutige „Profil“ von Jonas Bedford-Strohm: Er gehört zur evangelischen Landeskirche.  Mit seiner Frau ist er auch in einer methodistischen Freikirche aktiv - und für seine Forschungsarbeit darüber, wie die digitale Kultur die Kirche verändert, ist er bei der katholischen Kirche an der Hochschule für Philosophie angestellt.

Das kirchliche Grundanliegen, nämlich zu schauen, wie die christliche Orientierung sich in unseren Zeiten verhalten kann, dieses Grundanliegen ist nicht besonders konfessionell zur Zeit.

Die Generation der 20-30jährigen bewegt sich auch religiös in neuen Freiheitsräumen. Doch die haben auch unbeabsichtigte Folgen.

Der Drill  bei diesem ganzen Thema ist gewichen einer freiheitlichen Idee dabei. Das führt natürlich manchmal dazu, dass man die Leute dann auch manchmal ohne Begriffe lässt und wenn man kontrovers sein will, viele religiöse Analphabeten rumlaufen (lacht)

Vielleicht ist das die Schattenseite der neuen Freiheit: Für viele scheinen Religion und Kirche überflüssig. Sie haben die Antenne und die Sprache dafür verloren.

Doch die Empfänglichkeit für die christliche Botschaft hängt nicht allein an Begriffen, sondern an - womöglich unspektakulär erscheinenden - Begegnungen: Seelsorge nennt man das klassisch - und die ist nicht an theologische Experten gebunden.

Deswegen finde ich das Entscheidende, dass wir hinhören, wie Menschen leben, wo sie an Grenzen geraten, wo die echten Probleme sind. Jeder Mensch hat sein „Kreuz“ zu tragen - man kann es oft von außen gar nicht sehen, was für ein Gepäck jemand mitschleppt  - und da sensibel für zu sein, interessiert zu sein, wirklich ECHT neugierig zu sein, an dem Menschen  - ich hab noch nie erlebt, dass ein echt neugieriges Gespräch abgelehnt wurde.

Die Zukunft des Christentums in unserem Land hängt nicht an der Lehre, sondern an der Neugier. Gerade, wenn die, die „drinnen“ sind  - in der Kirche - neugierig auf die bleiben, die „draußen“ sind, dann gelingt es auch umgekehrt: Die da „Draußen“ werden neugierig auf die Glut von Christen. Jonas Bedford-Strohm fördert solche Perspektivwechsel.

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Michael ScheuermannPeter Annweiler trifft Michael Scheuermann

Arrival City und Ausgehviertel
An einem heißen Sommertag begrüßt er mich noch abends in seinem Büro - mitten im Mannheimer Jungbusch. Die Hitze steht in den Straßen, sein Büro ist verdunkelt.  Der  57jährige Sozialpädagoge ist so etwas wie der Bürgermeister in einem schwierigen Viertel. Als „Quartiermanager“ kennt er die wunden Punkte.

Ich sehe Kontraste, Spannungen, Widersprüche – das ist das Markante, wenn man heute durch den Jungbusch geht: Menschen, die ihren Cocktail in der Bar schlürfen und nebendran Kinder in Armutssituationen, die im Müll spielen.

Auf engstem Raum gibt es Arme und Wohlhabende.  Schlicht- und Luxuswohnungen liegen ganz nah beisammen. 68 % der Bewohner des Hafenviertels haben Migrationshintergrund. Schon lange steht eine große Moschee  direkt neben der Kirche. Der Jungbusch ist „Arrival City“,  erster Anlaufpunkt für Migrantengruppen, und gleichzeitig Ausgehviertel. Ganz schön viele Themen prallen da aufeinander. Doch Michael Scheuermann lässt sich in seiner Liebe zum Quartier nicht beirren:

Ich seh‘ weiter das, was mich von Anfang an fasziniert hat, an diesem Stadtteil. Er ist unglaublich lebendig, er hat Atmosphäre – und die Menschen sind im wahrsten Sinne des Wortes auch Lebenskünstler.

Klar, das ist nicht immer ganz so einfach. Aber irgendwie ist es gelungen, das „Kippen“ dieses Stadtteils zu vermeiden.

Auf der einen Seite ist es die Irritation und die Überforderung und die Angst, aber auf der anderen Seite kann man auch kollektiv auf so etwas zurückgreifen, was dieser Stadtteil sich in Jahrzehnten aufgebaut hat: in der Zuwanderung, in der Vielfalt auch das Positive zu sehen und mit Gelassenheit auf solche Veränderungen zu reagieren.

Wenn auf engem Raum nur das Eigeninteresse im Blick ist, dann kippt ein Gemeinwesen  in meinen Augen schnell in Richtung „Babylon“. Dieser Name der alten Hauptstadt des Zweistromlandes ist in der Bibel ein Symbol  für die egoistische, gewalttätige und gottesferne Stadt. Daneben steht die Utopie für eine gemeinschaftliche und heilige Stadt – das himmlische Jerusalem. Und das finde ich erstaunlich: Dass Gottes Reich sich in der Stadt verwirklicht. Eben nicht in einem paradiesischen Garten, nicht auf einen einsamen Gipfel. Sondern in einer Stadt! Für mich ist das  Anreiz und Verpflichtung, Stadtviertel wie den Jungbusch nicht aufzugeben.

Gutes Leben in der Stadt - es ist die Vielfalt, es ist die Offenheit, auch die Weltoffenheit. Es ist aber vom Utopischen her der Gedanke, dass ein gutes Leben ein Geben und Nehmen braucht. Den Stadtteil zeichnet aus, dass viele Menschen an diese Möglichkeit glauben und an diese Chance glauben, dass Vielfalt Reichtum ist.

Gemeinwohl vor Eigennutz
Michael Scheuermann kennt den Mannheimer Jungbusch wie kaum ein anderer. Seit 25 Jahren leitet er das Gemeinschaftszentrum des dynamischen Hafenviertels. Er ist Vermittler zwischen Bewohnern und Verwaltung, aber auch Brückenbauer vor Ort.

Ich weiß noch, dass ich mal vor der Moschee gestanden bin und dass mich dann jemand fragte: „Da drüben steht doch die Kirche. Unsere Verwandten aus Anatolien sind da- die haben noch nie eine Kirche gesehen.“

Klar: Da hat Michael Scheuermann eine Kirchenführung vermittelt - und bald ist in der Yavuz-Sultan-Selim-Moschee das Modell der „offenen Moschee“ entstanden. Bis heute werden dort Einzelne und Gruppen immer gastfreundlich empfangen. Dass die Religionsgemeinschaften eine große Rolle für den sozialen Frieden in einem sensiblen Stadtteil spielen, ist für den 57jährigen Katholiken selbstverständlich.

In der Tat ist der Jungbusch sehr stark davon geprägt, dass hier die zwei größten Moscheen Mannheims stehen, dass hier die evangelische Hafenkirche seit vielen Jahrzehnten eine sozialräumliche Arbeit macht ....  – und dass die katholische Liebfrauenkirche einen Steinwurf von der Moschee entfernt ist – also ein Symbol auch, dass die Religionen sich hier die Hand geben.

Wenn die Wege kurz sind, ist der Dialog leichter. Das hat sich in Mannheim als ein wichtiges Prinzip für interreligiöse Begegnungen gezeigt. Wenn etwa „der Busch spielt“, dann laden im Ramadan Kirchen und Moscheen zu einem kulinarischen und kulturellen Abendprogramm auf den Quartiersplatz ein. - Dass so etwas entstehen kann, hat auch viel mit Michael Scheuermanns persönlicher Überzeugung zu tun:

An der Stelle versuche ich auch mein Christsein zu verdeutlichen – auch mich selber auf die Suche zu machen, wo ich Belege dafür finde, dass wir an einen Gott glauben, auch wenn er sich sehr unterschiedlich darstellt.

Wenn ich selbst eine Überzeugung habe, kann ich besser nach dem suchen was verbindet. Oder auch benennen, was trennt. Der Schwerpunkt für den Jungbusch ist jedoch klar:

Dass wir hier nach Gemeinsamkeiten schauen – und dass auch Kirchen und Moscheen ...  nach den Gemeinsamkeiten schauen – und damit auch einen Zusammenhalt hier im Stadtteil befördern, der dringend nötig ist, wo 60 verschiedene Nationalitäten leben, das war mir immer ein Herzensanliegen.

Mit dem Herzen dabei sein - das ist wohl das Wichtigste, wenn es darum geht, ein „Gemeinwesen“ zu zimmern. Nur „mit dem Herzen“ kann es gelingen, Gemeinwohl vor dem Eigennutz zu platzieren. Nur so - mit dem Herzen motiviert - können Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, Religion und  Einkommenslage in einem Sozialraum mit einander leben - gerade im Blick auf die Ereignisse in Chemnitz ist das neu deutlich geworden. Wie gut, wenn Profis wie Michael Scheuermann genau dafür einstehen. Und mit ihrem Wirken gegen alle Tendenz, sich „first“ und rücksichtslos zu geben, zeigen: Nur gemeinsam können wir groß sein!

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