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Begegnungen

20SEP2026
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Maike Schult Foto: privat

Peter Annweiler trifft Maike Schult, Expertin für traumasensible Seelsorge

Teil 1: Von 9/11 in die Traumaforschung

Vor genau 25 Jahren hat die Marburger Theologieprofessorin angefangen, sich mit dem Phänomen „Trauma“ zu beschäftigen – also mit tiefen seelischen Verletzungen. Damals, im Jahr 2001, war sie dort, wo das Jahrhundert so prägend begonnen hat.

Ich war ein einziges Mal in meinem Leben in den Vereinigten Staaten und das war nun ausgerechnet über den 11. September. Ich war gar nicht selbst Teil der Ereignisse. Aber ich habe an mir beobachtet, dass mich die Berichterstattung über 9/11 noch über sehr viele Jahre sehr stark emotional beschäftigt hat. Wenn ich die Bilder gesehen habe, hat es in mir einfach geweint - und auch nach außen geweint, und ich konnte diese tiefe, vielleicht zu tiefe Einfühlung in die Ereignisse nicht abstellen.

Wenn wir in erster Reihe oder auch „nur“ medial bei einer bedrohlichen Lage dabei sind, hat das manchmal kaum kontrollierbare Folgen. Und die können sogar bei Zeugen ein Trauma auslösen. – Doch wie erkennt man so eine verletzte Seele?  Wenn Menschen zunächst gar keine Worte finden?

Betroffene schweigen vor allem. Wenn sie davon erzählen, erzählen sie immer wieder dasselbe, ohne Fortschritt. Und bei mir selber entsteht vielleicht ein Gefühl der Aussichtslosigkeit, als ob ich mit jemandem im Kreis fahren würde. Auf der anderen Seite ist es dann oft der Körper, der spricht. Es sind Körpersymptome, die sich zeigen können. Angststörungen, Panikattacken, Schweißausbrüche.

Maike Schult hat sich gründlich mit dem Phänomen Trauma auseinandergesetzt. Mich beeindruckt, wie sie theoretisch fundiert und praktisch versiert damit umgeht.  

Es gibt manche Dinge, die man tun sollte und manche, die man lieber lässt. Das eine ist zum Beispiel, Traumatisierte nicht noch stärker in die Vergangenheit wieder hineinzuführen, weil sie manchmal nicht aus eigener Kraft aus der alten Geschichte herausfinden. Trauma ist etwas, was sich nicht abnutzt, es meldet sich wieder mit einem Hier-und-Jetzt-Gefühl.

Und diese Forschungsergebnisse hat Maike Schult in einem Buch zusammengefasst: „Ein Hauch von Ordnung – Traumaarbeit als Aufgabe der Seelsorge“ heißt es. Und darin wird klar:

Für Betroffene ist es oft so, dass ihre Welt aus den Fugen geraten ist. Sie sehnen sich danach neu geordnet, vielleicht auch behütet, wieder durchs Leben gehen zu können. Aber dieses Bedürfnis nach Ordnung kann auch schnell kippen in die andere Richtung und wird dann zwanghaft. Dann gibt es ein Zuviel an Ordnung.

Wer ständig Ordnung um sich braucht, ist nicht mehr fähig, sich auf Neues einzulassen. Wie schön, dass die Theologin dafür eine Perspektive zeigt:

Dann braucht es den Hauch, um die Dinge zu beleben, wie wir ihn aus der biblischen Schöpfungsgeschichte kennen, die Ruach, die Beseelung des Menschen. Und mit diesem Hauch verbinden wir vielleicht auch so einen Moment der Leichtigkeit, der Distanzierungsfähigkeit, die Möglichkeit zu beleben, kreativ zu werden.

Beides ist für Traumatisierte also wichtig: Die haltgebende Ordnung und der beseelende Hauch – das Geschenk, sich neu lebendig zu fühlen.

Teil 2:  Von der Traumaforschung in die  Seelsorge

Die Marburger Theologieprofessorin hat sich viel mit traumasensibler Seelsorge beschäftigt  – und dabei in der letzten Zeit eine Veränderung festgestellt.  Das kleine Wort „Trauma“ meint ja eigentlich  eine seelische Wunde und das „Unbesprechbare“ an erlebtem Schrecken, an Kriegen, Krisen und Katastrophen. Trotzdem ist das Wort ja gerade in aller Munde. Seit Maike Schult an dem Thema arbeitet

ist aus einem Tabuthema ein Modethema geworden. Und man hat ein bisschen den Verdacht, dass man gerade über das ständige Benennen von Trauma dem Gegenstand selber wieder ausweicht.

Das habe ich auch schon beobachtet: Manchmal kommen die Worte „Trigger“ oder „Trauma“ so oft vor, dass ich mich frage: Wer kümmert sich da eigentlich noch um die seelische Wunde?

Nach meiner Erfahrungsprechen Traumatisierte von sich selber sehr selten mit Trauma-Vokabular. Sie erzählen ohnehin nicht gerne ihre Geschichte, sie sind eher scheu, sich mit diesen Dingen auszuweisen.

Im Blick auf ein Trauma genau das zu hören, was jemand nicht sagen kann –am besten gelingt das in der Seelsorge, wenn jemand nicht nach Details fragt – und auch nicht versucht, empathisch mitzufühlen. Traumatisierte brauchen eher ein ordnendes und lenkendes Gegenüber. Da muss man auch aushalten, etwas „Unverdauliches“ vor die Füße gespuckt zu bekommen. Manchmal müssen sich Zorn oder Klage  einfach Bahn brachen - ohne ein  „schönes“ oder „lösendes“ Gespräch. Und womöglich hilft genau das, anzuerkennen wie zerbrechlich das Leben ist.

Trauma ist vielleicht ein Extremereignis, aber erinnert doch an eine Grundbefindlichkeit des Lebens, dass wir ein sehr verletzliches Leben haben und eben auch nur eines, dass in Sekundenschnelle zerstört werden kann, mindestens verwundet werden kann.

Und hier kommt für die Theologin Maike Schult die Mitte der christlichen Religion zum Tragen. Denn in der Mitte steht in Jesus Christus ein gekreuzigter Mensch, der auch  unfassbar Schreckliches erlebt hat.

Da könnte ich mir vorstellen, dass wir eigentlich eine Grundakzeptanz haben, uns auch einen verwundeten Gott zum Beispiel vorzustellen und ausdieser Haltung heraus vielleicht nicht der Illusion anhängen, dass Traumatisierungen einfach geheilt werden können, aber dass auch dieses verwundete Leben bei Gott gesehen wird.

Und das ist tröstlich: Dass ich auch trotz Verwundungen ein wertvolles und würdiges Leben führen kann. In meinen Augen ist das der wichtigste Beitrag der Seelsorge für die Krisen der Gegenwart: Menschen mit ihren Verwundungen „resilient“, also stark, zu machen. Durch eine Botschaft, die auch dem Unaussprechlichen und Unverdaulichen Raum gibt.
Maike Schult leistet mit ihrer Forschung zu traumasensibler Seelsorge einen wichtigen Beitrag dazu.

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Mehr Infos:
Maike Schult, Ein Hauch von Ordnung: Traumaarbeit als Aufgabe der Seelsorge, Leipzig 2023

https://www.kirche-im-swr.de/?m=45189
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Begegnungen

28JUN2026
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Karen Baradaran Foto: privat

Peter Annweiler trifft Karen Baradaran, Christ aus dem Iran

Zuerst habe ich ihn im Gottesdienst gehört. Gitarre gespielt hat er da – und dazu gesungen. So viel Sehnsucht und Klage liegt in seiner Musik, dass ich den 28jährigen Iraner unbedingt kennen lernen will. Ich will erfahren, wie er Christ geworden ist. Wie er es geschafft hat, nach Deutschland zu kommen und in Mannheim eine Ausbildung zu machen.
Ich treffe ihn an einem Tag, an dem es ihm nicht gut geht. Schlecht geschlafen hat er – aus Sorge um die Freunde im Iran.  Und dazu dann noch der Konflikt mit den USA.vor dem, was sich noch alles zuspitzen kann. Da ist es gut, zuerst über Kraftquellen zu sprechen.

Mit Musik habe ich guten Kontakt zwischen der Bibel und Gott gefunden. Mit Musik, ich spreche mit meinem Gott einfach.Ein Weg zwischen mir und meinem Gott – das ist Musik einfach.

Wie schön, wenn sich Musik und biblische Botschaft verbinden. Für mich eine geistliche Kraftquelle, die ich von klein auf kenne. Für Karen ist es eine neue Erfahrung. Er ist nämlich in einer Familie mit rigider muslimischer Tradition aufgewachsen – und in der gilt eigenes Musizieren eher als des Teufels,

weil ich habe Musik angefangen zu lernen und mein Onkel und mein Opa und meine Oma, sie haben gesagt, ja du bist nicht Muslim, du bist kein Mensch. Das ist alles „haram“ - das heißt „verboten“.Also sie haben gesagt, du bist kein Mensch mehr. Das war so schlimm für mich -

und so kommt es zum Bruch mit seiner Familie. Neben dem frühen Tod seines Vaters bringt ihn dann auch eine eigene Herzkrankheit in einer schwere Krise.

Ich hatte viel zu viel Schmerzen, also ich habe alles verloren, meine Glauben, Familie, Freunde, alles. Und das war, Leben für mich ist Ende. Das war alles dunkel und schwarz. Ich hatte keine Hoffnung, nix.Ich habe gesagt, Gott ist nicht da.

Karen fällt heraus aus allem, was er bisher gekannt hat. Und findet in der Zeit der Gottesferne neuen Halt:  Er lernt iranische Christen in einer Hauskirche kennen. Singen und Beten, Fürsorge und eine liebevolle Gemeinschaft verändern ihn:

So viele Leute, sie waren so lieb, einfach so lieb wirklich: mit viel Musik und Hoffnung und Energie. Sie waren so herzlich zu mir. Und dann habe ich da das beste Geschenk in meinem Leben bekommt, eine Bibel: Neue Liebe einfach, habe ich gelernt. Es gibt auch Gott! Also habe ich meinen richtigen Weg gefunden!

Es ist, als ob in einem Leben etwas neu zu glühen und blühen anfängt. Karen kommt tatsächlich gut durch eine Herzoperation und wird gesund. Durch seine Konversion kann er aber nicht im Iran bleiben. Seit gut 3 Jahren lebt er in Deutschland – denn er ist Christ geworden und für seine Lebenswende hat er eine Fluchtgeschichte auf sich genommen.

Wir waren mit meinem Bruder auf der Arbeit und meine Mutter hat ein paar Mal angerufen. Und ich habe richtig Angst bekommen und meine Mutter hat nur am Telefon geschrien. Einfach gesagt, kommt nie wieder, die Polizei ist hier und sie suchen nach euch. Was habt ihr gemacht? Was passiert hier?

Und dann merke ich, wie Karen die Stimme stockt. Den muslimischen Glauben abzulegen ist im Iran streng verboten. Ich ahne, welche Todesangst er gehabt haben muss. Dazu dann die Flucht - davon kann man nicht „einfach so“ erzählen.
Wie stark, dass er trotz erster Ablehnung seines Asylantrags sagen kann:  

Ich bin natürlich safe. Ich bin nicht tot. Deutschland hat neue Hoffnungen und natürlich neue Chancen zu leben gegeben.

- und konkret heißt das: In Heidelberg kommt er an, in Mannheim lebt er jetzt.

Nach seiner Taufe kommt er regelmäßig zum Gottesdienst und merkt: Ich will fester in meinem Glauben werden, ich will konfirmiert werden. Stolz liest er mir das Bibelwort für seine Konfirmation vor:

Jesaja 41,10: „Fürchte dich nicht! Ich stärke dich, ich helfe dir auch. Ich erhalte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“

Wie stark, wenn er einer nach einer traumatischen Flucht vertrauensvoll im Leben steht. Karens Geschichte spornt mich an, zuerst auf Gottes fürsorgendes Wirken zu vertrauen. So hat das ja mal angefangen mit der Kirche: als sich Menschen verbinden und verbünden, weil sie von einer Liebe getragen sind, die Grenzen einreißt und frei macht. Karen formuliert es im Rückblick so:

Das war wichtig für mich: nur Hoffnung und Liebe, weil für meine Religion, also die letzte Religion für mich, war keine Liebe mehr. und alles war Hassen und Muss, Muss, Muss, Muss. Aber in der Bibel habe ich kein Muss und Hassen gefunden.

Für Karen ist das eine neue Erfahrung: Dass Religion frei machen kann und darin hilft, auch Schweres auszuhalten, etwa die Todesnachrichten, die ihn seit Januar nach den Protesten im Iran erreichen.

Viele Leute, sie sind auf der Straße immer noch, sie kämpfen wegen Freiheit, sie wollen nur Freiheit: Freiheit für Religion, einfach Freiheit und Demokratie.

Wie schwer das für Exiliraner wohl ist: Aushalten, was passiert – und doch die Hoffnung nicht aufgeben. Karen würde bestimmt sagen: Es bleibt nichts anders als zu demonstrieren, zu hoffen und zu beten. Ich wünsche ihm von Herzen die Anerkennung seines Asylantrags. Und unserem Land und meiner Kirche wünsche ich viele Begegnungen mit Geflüchteten wie ich sie mit Karen erleben durfte.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44675
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Begegnungen

29MRZ2026
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Wiltrud Bauer

Peter Annweiler trifft Wiltrud Bauer, „Erfinderin“ tiergestützter Seelsorge

Teil 1: Begegnungen mit Alpakas

Bei bester Frühlingssonne stehe ich auf einer Weide im saarländischen Schiffweiler, neben mir neben die „Erfinderin“ tiergestützter Seelsorge. „Tierisch“ neugierig bin ich und – schwupp – kommen ihre tierischen Mitarbeiter auf mich zu:  Elf Lamas und Alpakas. Neugierig und kontaktfreudig, als ob sie auf mich gewartet hätten.

Die Tiere sind sehr zugewandt. Ein Alpaka kommt auf einen zu und schaut einem in die Augen, mit beiden Augen schaut es in deine Augen und man hat das Gefühl, da entsteht direkt eine Verbindung. Ein Alpaka ist zugewandt, es ist wahnsinnig neugierig, es will dich kennenlernen.

Und genau das spüre ich sofort. Fasziniert (wie ich bin) mache ich dann das, was Menschen gegenüber Vierbeinern halt so machen: Ich strecke meine Hand aus und will in das flauschige Fell fassen. Doch das mag mein Gegenüber gar nicht und wendet sich gleich wieder ab. Wiltrud Bauer weiß:

Gleichzeitig ist es zurückhaltend und achtet die Privatsphäre, weil es möchte die selber haben. Das sind Tiere, die sind uns Menschen gar nicht so unähnlich.

Also schon mal Respekt, liebe Alpakas, für diesen Auftakt: Zuviel Nähe am Anfang mag ich ja eigentlich auch nicht, eine tätschelnde Übergriffigkeit schon gar nicht. Schön, wie ich darüber gleich mit Wiltrud Bauer ins Gespräch komme. Sie hat den Kontakt mit den südamerikanischen Lasttieren „eigentlich“ gar nicht aktiv gesucht.

Dann bin ich zufällig auf dem Alpaka-Hof gelandet. Und ich habe die Tiere dort angeschaut und ich war verliebt. Es gibt so einen Spruch, der heißt, man darf dem Alpaka nicht so tief in die Augen schauen, weil das stiehlt einem die Seele.

Der wache und weite Blick: Er zeichnet auch die Seelsorgerin Wiltrud Bauer aus. Sie hat mit ihrer feinen und zarten Art ganz schnell gesehen, wie gut die Vierbeiner in Gemeinde und Seelsorge wirken können – und dann prompt eine Weiterbildung zur Fachkraft für tiergestützte Intervention gemacht.  Heute setzt sie ihre Tiere ganz vielfältig ein: In der Arbeit mit Konfis, in der Begleitung von Trauernden oder in der Seelsorge mit psychisch Kranken. So oft wirken die Tiere im Kirchendienst ganz ohne Worte stärkend und heilend.

Wir hatten einen großen Termin im Altenheim hier in der Näheund eine Frau war ganz begeistert, die saß im Rollstuhl. Und dann steht sie aus dem Rollstuhl auf und läuft auf uns zu. Und dann sagt die Hausleitung zu mir: Das war jetzt ein echtes Wunder, die hatte einen schweren Schlaganfall … und seit sie aus dem Krankenhaus gekommen ist, hat sie nicht mehr laufen können, obwohl sie eigentlich hätte laufen können. Und in dem Moment, wo sie unbedingt zu dem Tier wollte, ist sie einfach aufgestanden und gelaufen.

Wie ein Wunder scheint das, ist aber keine Wunderheilung. Sondern eher eine wundervolle Begegnung.  

Teil 2: Tiere als Mitgeschöpfe

Die 53jährige Wiltrud Bauer hat entdeckt, wie wirksam Tiere in der Seelsorge sind. Wenn sie mit ihren Lamas und Alpakas unterwegs ist, dann wird oft das wieder weicher, was sich bei Menschen in Krisen und Krankheit verhärtet hat.

Sie begegnen dem Alpaka und sie öffnen sich, sie lassen los, sie entspannen.  

Und dabei passiert genau das, was für die Pfarrerin in der Seelsorge wesentlich ist.

Ich sag‘ immer so ein bisschen flapsig, wir spiegeln, was Gott eigentlich von uns will. Da-Sein, dem Menschen zugewandt Sein und Gucken, was dann passiert.

Wiltrud Bauers Bauers Tiere sind darauf trainiert, sich auf Menschen zu beziehen. Es ist, als ob sie damit Menschen helfen, von sich abzusehen – und „weiter“ zu werden. Tiere sind  geschaffen und endlich wie wir. Sie entstammen dem selben Schöpfungs-Paradies – das hat allerdings der Mensch laut biblischer Erzählung aus dem Gleichgewicht gebracht und wird daraus ausgeschlossen.

Die Tiere haben sich da nie draus entfernt. In ihrem Dasein sind die immer noch diese Geschöpfe und die sind da nicht weg davon. Das verbindet uns und das trennt uns. Und dieses zurückzukommen zu dem Leben miteinander, zu schauen, wie bin ich als Geschöpf unterwegs.

Tieren zu begegnen – das bindet uns Menschen an die Schöpfung zurück. Und das wird in einern digitalen Welt immer wichtiger. Wenn SmartPhones vertrautere Begleiter als Tiere sind, wenn KI uns immer weiter entgrenzt, dann ist es höchste Zeit für eine neue Balance, meint Wiltrud Bauer:

Man muss nicht die Welt immer auf dem Display vom Smartphone sehen. Natürlich habe ich auch ein Smartphone und mache Fotos von meinen Tieren. Aber irgendwo muss man das auch mal weglegen und irgendwo muss man auch mal sein. Und zwar mit beiden Füßen auf dem Boden und mit der Nase atmend und mit den Händen was tun – und ich genieß das wahnsinnig.

Wiltrud Bauer regt mit ihren tierische Begleitern dazu an, sinnlich und geschöpflich im Leben zu stehen – und das kann gelingen, wenn Mensch und Tier gut aufeinander bezogen sind. Genau das können wir übrigens auch heute am Palmsonntag sehen. Bei seinen Lesungen spielt ja auch ein Tier eine prominente Rolle.

Der Esel beim Einzug in Jerusalem, der die Last der Welt auf den Rücken trägt. Ich habe ja so ein großes graues Lama, das ist ja so in bester Eselfarbe. Ich denke mir immer, das könnte wunderbar den Einzug nach Jerusalem darstellen. Jesus wusste ja, wo der Weg hinführt. Der Esel hat ihn da hingetragen und hat ihn dann eine Weile davon entlastet.

Wegweisend und entlastend also, wenn Tier und Mensch gut aufeinander bezogen sind. Ich wünsche Ihnen einen tierisch angeregten und weg-weisenden Palmsonntag.

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Mehr Infos zur Arbeit von Wiltrud Bauer:
https://www.seelsorge-tiergestuetzt.de/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44138
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Begegnungen

25DEZ2025
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Sarah Vecera Bildquelle: Lara Diederich

Peter Annweiler trifft Sarah Vecera

Teil 1: Krippe kultursensibel

Am Bildschirm bin ich mit Sarah Vecera verabredet. Eine Frau Anfang 40 - dunkler Teint, dunkle Haare - lächelt mich an und ich erfahre gleich als erstes von ihr: Schon als Kind hat sie an Weihnachten gespürt, wie ihr Aussehen auf andere wirkt. 

Beim Krippenspiel durfte ich häufig die Maria spielen, weil gesagt worden ist, dass ich der Maria vermutlich am ähnlichsten gesehen habe bei allen Kindern, die sonst so im Kindergottesdienst waren und eben blonde Haare hatten und keine internationale Familiengeschichte hatten. Und das war vor allem schön, weil ich mich sonst in der Kirche sehr wenig repräsentiert gefühlt habe. Denn Kinder und Menschen, die so aussahen wie ich, die habe ich vor allem auf Spendenplakaten gesehen, vornehmlich zu Weihnachten.

… und das war merkwürdig für das Kind mit dunkler Hautfarbe in seiner ganz normalen Ruhrpott-Realität: Sarah Vecera ist in Oberhausen geboren und lebt bis heute im Ruhrgebiet. Ihr Vater stammt aus Pakistan, sie hat eine internationale Familiengeschichte. Naheliegend also, dass Sarah Vecera kultursensibel ist. Die studierte Theologin ist heute Referentin für Globales Lernen bei der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal. Mit diesem Blick fallen ihr gerade zu Weihnachten viele Details auf.

In vielen deutschen Krippen ist Jesus ja eher so ein rosa, europäisches Baby meist auch mit blonden Locken und historisch gesehen, würde ich halt sagen, kam Jesus aus dem Nahen Osten und sah vermutlich nicht so westeuropäisch aus, wie in den meisten Krippen. 

Ja, denke ich: Das ist wohl auch gar nicht zu vermeiden: Dass unsere kulturelle Prägung auch unsere historischen Jesusbilder prägt. In Bildern, Krippen und Liedern geschieht das, eben inklusive Haut und Haaren. Vom „holden Knaben im lockigen Haar“ singe ich mit meinem Mehrheitsblick an Weihnachten ja ganz selbstverständlich und gewohnt. Ich finde das auch ganz in Ordnung. Und deshalb bin ich neugierig, wie das für Sarah Vercera ist.

Ich muss gestehen, ich habe sie mir auch immer blond vorgestellt, die Haare, aber dem ist ja gar nicht so. Und ich kann eigentlich mit dieser Zeile ganz gut leben, weil ein holder Knabe kann auch dunkle Locken haben. Und so stelle ich ihn mir heute vor.

Da wirbt Sarah Vecera für einen Blick, der empfänglich ist für die Perspektiven von Minderheiten und Menschen am Rand und fragt gleichzeitig, wie unsere mitteleuropäische Perspektive eigentlich entstanden ist. Und darüber hat sie ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Wie ist Jesus weiß geworden?“

Wenn ich die Frage stelle, wie ist Jesus weiß geworden, dann geht es mir darum, dass Menschen ein Aha-Erlebnis haben. Und wenn wir dann ins Gespräch kommen, ohne Schuld und Scham auch eine Rolle spielen zu lassen, sondern uns selbst reflektieren und sagen, Mensch, das ist was, da habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht.

Bei mir hat das schon mal genau so funktioniert.

 

Teil 2: Weihnachten weltweit.

Als Theologin beim Wuppertaler Missionswerk ist sie sensibel für die Vorstellungen geworden, die wir uns von Jesus machen – und das wirkt sich für die Mutter von zwei Kindern auch zu Hause aus. Etwa, wenn es darum geht, welche Hautfarbe das Krippenkind hat.  

Wir haben sogar drei Krippen zu Hause. Meine Kinder, die spielen gerne da auch damit. Wir haben eine schlichte Holzkrippe. Da gibt es eigentlich gar keine Hautfarben. Dann haben wir eine aus Tansania aus Bananenblättern. Und wir haben eine Spielzeugkrippe, in der hat Jesus eher so meinen Hautton. Also sieht eher braun aus und nicht weiß von der Hautfarbe her.

Über die eigene Lebensgeschichte ist Sarah Veceras Buch „Wie ist Jesus weiß geworden?“ entstanden. Darin macht sie stark, dass alle Menschen Gottes Ebenbild sind und plädiert leidenschaftlich für eine weltweite Kirche und eine vielfältige Gesellschaft. Bitter, wenn sie dann bei Lesungen und Vorträgen die Erfahrung machen muss,

dass durch meine Öffentlichkeit sich mir viele Menschen anvertrauen, die internationale Familiengeschichten haben, Migrationshintergrund haben und viele von diesen Menschen mittlerweile einen Plan B mittlerweile haben, weil sie Angst haben, weil sie nicht wissen, was in diesem Land passieren wird. Und sie sich überlegen, wo können wir leben, wenn wir nicht mehr in Deutschland leben können? Und das ist für mich wirklich erschütternd.

Wie beklemmend, wenn immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund in Angst und Sorge um ihre Zukunft leben. Sie brauchen Verbündete – und dazu zählen besonders die Kirchen mit der Weihnachtsbotschaft:

Jedenfalls wäre mein Wunsch in diesen Zeiten gar nicht so sehr darauf angelegt, Jesus nicht länger weiß zu malen, sondern eine starke Kirche in einer Zeit zu sein, die eine Botschaft hat, die sich hinter Menschen stellt, die in Bedrängnis kommen, sich denen zuwendet, die ausgegrenzt werden, die Angst haben und die Zuflucht suchen.

Das ist die Botschaft von Weihnachten und die bleibt weit über die Feiertage hinaus aktuell. Gerade heute ist deshalb wichtig, was Sarah Vecera so formuliert:

Für mich ist die Mitte von Weihnachten die radikale Hoffnung und Gerechtigkeit, die wir, glaube ich, in diesen Zeiten auch ganz gut brauchen. Also es ist schön, Weihnachten zu feiern in einer Welt, die häufig sehr hoffnungslos uns vorkommt und das ja auch an vielen politischen Punkten auch ist. Gott kommt klein und verletzlich, bringt Frieden und stellt die Verhältnisse dieser Welt auch erst mal auf den Kopf. Und das finde ich sehr hoffnungsvoll.

Buchtipp:

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43567
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Begegnungen

12OKT2025
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Diemut Meyer Foto: privat

Peter Annweiler trifft Diemut Meyer

Teil 1: überraschend

Etwas Ur-altes macht sie top-aktuell:  Sie bringt Segen „auf die Straße“. Und dabei verströmt die Frau eine Fröhlichkeit und brennt für ihre Sache.  Vor allem an Feiertagen und bei Festen ist die Pfarrerin mit ihrem Team unterwegs. Erst seit eineinhalb Jahren ist sie in der Pfalz am Start – und erreicht Menschen genau da, wo sie gerade sind.

Ich habe es sehr oft erlebt, dass Menschen auch nach der Segenshandlung weinen oder auch erleichtert sind, aber auch manchmal ganz glücklich strahlend von dannen ziehen. Also so wie die Lebenssituation gerade ist und dieses Wahrnehmen des Menschen, das ist das, was mich selber beglückt.

Segen ist ja eine religiöse Urkraft. Sie wirkt, weil sie einen größeren Horizont schafft und Menschen stärkt.  Das ist es, was dann auch durch die Segnenden „strahlt“:  eine unverfügbare Kraft, uns zugewandt und ganz nah dran am Leben:   

Ich habe drei Mädchen gesegnet, drei Freundinnen und dann habe ich gefragt, was ihnen gerade wichtig ist und die eine hatte gerade ihr Haustier verloren und die andere,die ist noch ganz mit ihrer Oma verbunden und dann habe ich versucht, die Themen, die sie beschäftigen in einen größeren Horizont zu stellen

- und diesen Horizont erlebt Diemut Meyer als stärkende Himmelskraft. Davon möchte sie zuerst etwas weitergeben. Aber ganz wichtig sind ihr vorher oder nachher auch „irdische“ Begegnungen und Gespräche auf Augenhöhe.

Unsere orangenen Segensbar: Mit der ziehe ich hier auch durch die Pfalz, an dem Tresen finden Gespräche statt, aber da kann man auch, wie zum Beispiel als ich in Neustadt war, kriegte man auch einen Segenscocktail, also man kann auch ein Getränk bekommen und ich dachte: Diesen mobilen Bargedanken mit dem Thema Segen zu verbinden, das fand ich großartig und ich merke, dass das gut angenommen wird.

„Segen to go“ oder „Pop Up Trauungen”. So heißen manche Angebote des Segensbüros. In ganz Deutschland gibt mittlerweile solche Formate. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Menschen oft außerhalb von Kirchenräumen und Gottesdiensten ansprechen.  Etwa bei Festen, die man gar nicht mit Religion in Verbindung bringt. Wie beim größten Weinfest der Welt in Bad Dürkheim.

Dass Menschen auch an ganz normalen Alltagsorten den Segen Gottes erbitten, das haben wir ja beim Wurstmarkt möglich gemacht, dass Menschen sich im Riesenrad, wo sie sich kennengelernt haben, segnen und trauen lassen.

Ein ganzes Riesenrad voll mit Liebenden. Ein großartiger Drehmoment zwischen Erde und Himmel: 80 Trauungen und Segnungen haben 20 Geistliche dort an einem Tag vorgenommen. Das finde ich enorm. Und bin baff. Darüber, wie belebend die neue Lust am Segen und am Segnen in einer kirchenskeptischen Zeit ist.

Teil 2: wirksam.

Mit ihrer großen Schaffenskraft hat die gebürtige Bochumerin schon viel bewegt. Lange war die Pfarrerin Leiterin der Kulturkirche in Bremen. 2024 hat sie sich nach Speyer aufgemacht und das Segensbüro „Blessed“ in der Pfalz aufgebaut. Sie stärkt damit die neue Lust am Segen, die ihr bei Menschen begegnet.

Ich glaube, Menschen erbitten Segen, weil sie merken: Es gibt mehr als mein normales Leben, es gibt eine Kraft, die darüber hinaus ist, die mich als Mensch wertschätzt, die mich als Geschöpf sieht

Gerade in ungewissen Zeiten mit viel Zuspitzung braucht es diese Kraft, finde ich. Denn sie macht in Krisen „resilient“, wie wir heute ja auch gerne sagen. Eben weil sie Menschen stärkt.

Dieser Segen ist der Zuspruch, dass du ein wunderbarer Mensch bist, dass du geschaffen bist und auch in allen positiven oder auch schwierigen Situationen von diesem Segen Gottes, von dieser Kraft begleitet bist und das den Menschen zuzusprechen, das ist eine wunderbare Aufgabe und für mich eine Kernaufgabe auch der Kirche.

Diese Kernaufgabe ausbauen – das ist Diemut Meyers Mission. Und mir gefällt, dass sie dabei Segen weder vereinfacht noch überhöht. Segen ist für sie mehr als ein einfaches „Wünsch dir was“. Und auch keine magische „Himmelsspritze“. Er ist immer verbunden mit einer ganz persönlichen Zuwendung – und manchmal ja auch nötig, wenn uns die nicht so wundervollen Seiten an uns selbst bewusst werden.

Das ist für mich Seelsorge: Dass ich frage: Was sind eure Sorgen? Wo drückt der Schuh? Wofür braucht ihr den Segen Gottes?-  Und aus diesemGespräch heraus, entfalte ich dann den Segen und das finde ich schön, weil jeder ein anderes Thema hat, was gerade bei ihm im Leben gerade besonders freudig oder auch schwer ist und wofür man besonders diesen Segen braucht.

Segen ist Sorge für die Seele – und deshalb kann in ihm so viel zusammen finden.

Ich spreche von der Theologie des Augenblicks. Also, dass sich im Augenblick, ich sage mal, Zeit und Ewigkeit vermengen und wenn man im Augenblick da ist für Menschen, dass sich ganz viel auch erfüllt.

Segen gehört nicht der Kirche. Und das, was in einer Segenshandlung geschieht, das wird  nicht durch die Segnende bewirkt. Diemut Meyer weiß, dass sie weitergibt, was ihr selbst geschenkt ist – und was sie mit anderen Christenmenschen teilt. Ich bin mir sicher: Es braucht diese Demut und diese Qualität, damit Segen wirkt.

Unser Auftrag ist ja nicht, die Leute in die Institution zurückzubringen, sondern bei ihnen zu sein und aus dieser Fülle auch des Reichtums und des Glaubens, so wie es in der Bibel steht, diese Fülle weiterzugeben, ohne Voraussetzungen, sondern wir selber als von Gott Beschenkte geben diesen Segen an andere weiter.

Weiterschenken, was wir selbst empfangen haben.
Verströmen, was durch uns fließt.
Ich wünsche Ihnen einen „gesegneten“ Sonntag,
einen Tag mit viel Verschenken und Verströmen.

Mehr zum Segensbüro „Blessed“:
https://blessed-pfalz.de/
Instagram: #blessed_pfalz

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43098
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Begegnungen

06JUL2025
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Peter Annweiler trifft Denise Mawila 

Teil 1: Ein stilles und freies Leben mitten in Frankfurt

Manchmal ist mir alles zu viel: Zu viel Kontakt. Zu viel Anforderung. Zu viel Krisen in der Welt. Da will ich mich nur noch zurückziehen und sehne mich danach, dass es mal so richtig still wird um mich und in mir. Nur: Wenn es außen mal still wird, dann merke ich leider oft, wie laut es in mir ist – und wie viele Dinge mich antreiben.
Genau deswegen will ich Denise Mawila treffen. Die 55-Jährige hat nämlich Stille und Zurückgezogenheit zum Kompass ihres Lebens gemacht. Krass finde ich, dass sie das mitten in Frankfurt übt.

Für mich bedeutet die Zurückgezogenheit auch eine Fähigkeit, mit sich alleine sein zu können, sich selbst aushalten zu können, sich auch mit sich selbst zu konfrontieren. Das als was sehr Lebendiges zu erleben. Also ich bin gerne mit mir alleine und kann das sehr gut und brauche das eben auch für mich.

Denise Mawila ist alles andere als isoliert oder einsam. Sie ist verheiratet, sie ist in ihrer evangelischen Kirche engagiert und arbeitet als ehrenamtliche Seelsorgerin in einem Krankenhaus. Und sie wirkt auch nicht streng mit sich und anderen. Alles was sie versucht, ist: In der Stille verwurzelt sein. Sie will „eremitisch“ leben.

Wie sieht mein Alltag aus? Eben dass ich sehr viel Zeit alleine verbringe, ich auch nicht so viel soziale Kontakte habe, dass ich auch zum Beispiel kein Mobiltelefon habe. Ich habe jetzt nicht wie andere vielleicht, die sich Eremiten nennen, nen ganz strikten Tagesablauf. Ich sitze in der Regel 25 Minuten. Ja und Phasen, wo das aber auch ganz hinten runterfällt, sage ich mal, weil ganz andere Dinge mich mehr in die Stille bringen.

Eremiten – die habe ich mir bisher vorgestellt als Einsiedler in der Wüste. Denise Mawila lebt dagegen mitten in der Großstadt.  Sie übt sich ganz stimmig darin, „nichts“ zu tun und im Moment zu sein. Deshalb schweigt, sitzt und betet sie viel.
In der Begegnung mit ihr lerne ich: „Eremitisch“ – das ist: Aussteigen aus dem Haben, Machen und Müssen. Einsteigen in ein „einfaches“ Sein und Wirken. Und diese spirituelle Sehnsucht haben in meinen Augen heute viele. Denise Mawila beeindruckt mich, weil sie dieser Sehnsucht so undogmatisch nachgeht.

Ich könnte das natürlich jetzt auch vielleicht in ähnlicher Weise praktizieren und sagen, dass es jetzt meine Erholung oder Selbstoptimierung oder so. Aber für mich ist es eine Entscheidung einfach gewesen, zu sagen: Ich nehme dieses spirituelle Angebot meinem Tun gegenüber, weil es ist nicht so gewesen bei mir, dass ich mir überlegt habe: ‚Ach, ja,  ich würde gerne eine Eremitin sein. Oder ich möchte gerne irgendwie einen kontemplativen Weg gehen.‘ Sondern ich bin auf diesen Weg geraten.

Teil 2: Ein zurückgezogenes und zugewandtes Leben als Schwarze Deutsche

Ich habe mich irgendwann konfirmieren lassen und war da ganz klar: Das ist mein Glaube! -Diese Klarheit hat sich dann auch irgendwie verflüchtigt, sowie das häufig der Fall ist … Aber ich bin dann wieder dahin zurückgekommen. Wenn ich das irgendwann mal gewählt habe, dann setze ich mich jetzt damit auseinander – und beiß mir daran die Zähne aus. So ist das einfach wie ich gestrickt bin, würde ich sagen.

Auf ihrem Weg hat sie ihr Wirken als Kreative und Lehrende für Tanz in eine innere Bewegung verwandelt und sich dabei besonders an einer christlichen „Landkarte“ orientiert.

Also das Mystische ist das, wo ich mich wiederfinde, und da vor allen Dingen, dass in der christlichen Mystik eben auch viele Frauen vertreten sind. Also ja, das ist für mich sehr -ja – „beheimatend“.

In der Mystik ist sie zu Hause. Das Mystische verbindet Gotteserfahrung mit dem Alltäglichen. Und in dieser Verbindung hat Denise Mawila auch gespürt, wer sie ist und welche Lebensaufgabe ihr zukommt.

Auch tatsächlich dadurch, dass ich eine schwarze deutsche Person bin, ein ungefragter unerbetener Auftrag, sich mit Vielem auseinandersetzen zu müssen und konfrontiert zu sein und letztlich daraus aber auch eine erweiterte Liebesfähigkeit entwickelt zu haben. Man ist da konfrontiert mit Zuschreibungen, mit Entmenschlichung. Ich sag jetzt mal so krass, wenn man nicht daran stirbt, wächst man darüber hinaus: Sich immer wieder trauen zu müssen und immer wieder rausgehen zu müssen. Also ne Stärke,eine größere Umarmung letztlich zu vollziehen.

Auch an schwierigen Erfahrungen zu wachsen - so, dass sie nicht dauerhaft bitter und aggressiv wird. Was für ein Richtungswechsel!  - Ich stelle mir vor: Er ist das Ergebnis von viel Rückzug und Stille. Von viel Gottes- und Selbsterkenntnis. Und dabei hat Denise Mawila  in ihrem eremitischen Leben womöglich  „ganz einfach“ gespürt, Gottes Ebenbild zu sein.
Ganz und einfach sein. Und darin gottbezogen leben. Denise Mawila hat mir eine Ahnung davon gegeben, wie erfüllend das sein kann. Als ich nach Hause fahre, ist es stiller in mir und ich fühle mich mit einer großen Umarmung beschenkt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42476
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Begegnungen

06APR2025
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Madeleine Dietz Foto: privat

Peter Annweiler trifft die Bildhauerin Madeleine Dietz

Teil 1: Ihre Materialien

Ich besuche die 71-jährige Künstlerin in Landau in ihrem Atelier. Da riecht es nach Erde, denn damit arbeitet die Bildhauerin. Egal ob geschüttet, geschichtet oder gekrümelt: Erde ist ihr Markenzeichen. Und sie ist staub-trocken. Denn genau damit regt Madeleine Dietz die Betrachter an.

Ich hoffe, dass Menschen darüber nachdenken, wenn sie getrocknete Erde sehen: Was passiert mit ihr? Ich nehme die Menschen quasi mit und bitte sie, mitzudenken und mitzuarbeiten. Und vielleicht kommen sie dann auch die Idee, dass die Erde gegossen werden könnte. Und dass dann wieder alles möglich ist, was vorher aussah, wie wenn es vertrocknet wäre.

Getrocknete Erde – ohne künstlerischen Anstoß scheinbar ohne großen Wert. Madeleine Dietz macht Behälter dafür. Sie schweißt schwere Stahlplatten zusammen und schafft „Tresore“, um sie  „nur“ mit getrockneter Erde zu füllen.

Beim Blick auf ihre Kunst wird schnell klar: Erde verkörpert Werden und Vergehen. UndKunstobjekt von Madeleine Dietz sofort fällt mir auch der biblische Satz ein: „Von der Erde bist du genommen und zu Erde wirst du werden.“

Ich musste mir überlegen: Wie kann ich denn diese Erde, von der wir essen und trinken, in die wir auch wieder hineingehen -  wie kann ich diese Erde aufbewahren? Und da kam ich eigentlich direkt darauf, dass es Schreine für was Wertvolles sein sollten: Schmuck oder Goldbarren. Und für mich ist dann eben das der Platz, wo ich die Erde aufhebe.

Erde ist ja so was wie der „Urstoff“ des Lebens, nicht umsonst auch der Name unseres ganzen Planeten. Und gleichzeitig ist sie auch das Symbol für Vergänglichkeit. Madeleine Dietz musste schon früh im Leben lernen, was es heißt, nahe Menschen zu verlieren und Abschied zu nehmen.

Quasi ist mir das so vor die Füße so als Stolperfalle gelegt worden in diesem Leben. Ich habe es aufgegriffen. Das war mein Glück eigentlich, dass ich mit dem Thema dann arbeiten konnte und auch damit auch abarbeiten konnte.

Gut, dass Madeleine Dietz nicht nur ins Stolpern geraten ist, sondern dieses Stolpern künstlerisch bearbeiten konnte. Für mich wird als Betrachter ihrer Werke sofort spürbar: Ihre Kunst entsteht aus existenziellen und religiösen Fragen. Deshalb sprechen mich ihre Werke sofort an. Sie wirken klar und offen, irgendwie sogar tröstend und weitend.
Genau in dieser Wirkung sind Kunst und Religion ja verwandt. Beide helfen, die Perspektive auf das Leben zu verändern. Und genau das regen auch die Werke von Madeleine Dietz an. Wohl deshalb ist die Bildhauerin sehr gefragt, gerade in Abschiedsräumen und in Kirchen.

Teil 2: Ihre Räume

Die Erde holt sie meistens direkt vom Feld, trocknet sie und füllt sie dann in großformatige „Tresore“, die überall im Atelier rumstehen.

Meine Arbeit – und ich sag‘ jetzt mal Arbeit, nicht einmal Kunst -hat mich ein Leben lang getragen, aber auch beschäftigt, im Schlechten wie im Guten. Ohne diese Arbeit wäre ich nicht dieser Mensch,  wäre ich nicht das, was ich geworden bin. 

Ein Künstlerleben lang hat die gebürtige Mannheimerin ihre Handschrift verfeinert, vielfach ist sie ausgezeichnet. Für mich ist es zentral, dass Madeleine Dietz im wahrsten Sinn des Wortes ihre „Bodenhaftung“ behalten hat. Sie ist eine Fragende geblieben.

In der Kunst stelle ich ja eigentlich Fragen. Fragen, die ich mir selber nicht beantworten kann. Und dieses Unergründliche dieses Daseins und auch diese Unergründliche von:  Was ist, wenn mein Partner geht, zum Beispiel oder wenn eines meiner Kinder sterben würde?  Diese große Frage: Was ist denn dann? Ist da nur das dunkle Grab? Ist da nur noch die Asche? Ist da nur noch meine Erinnerung? Oder gibt's da noch was, von dem ich selber keine Ahnung habe?

Madeleine Dietz hat in verschiedenen Krankenhäusern sogenannte Abschiedsräume gestaltet, in denen verstorbene Patienten aufgebahrt werden.  Und dann auch Kolumbarien, also Urnengräber auf Friedhöfen oder in Kirchen. Vielleicht wurde sie dazu eingeladen, weil sie sich neben allem Fragen auch auf eine Gewissheit verlässt.

Als Christ sowieso: Wir wissen, was Ostersonntag ist: Es geht um Auferstehung. Es geht um „Weiter“.  Der Tod allein besiegt das Leben nicht. Das sind meine Themen, die ich versuche, in so nem  Raum darzustellen.

Zugleich fragend und doch voller Gewissheit gestaltet Madeleine Dietz Räume für die Seele. Fast schon klar, dass sie da auch ganz sensibel für Kirchenräume ist.

Ich gehe, wenn ich nen Kirchenraum betrachte, mal davon aus, dass es ganz, ganz viele Menschen sind, die in diesem Raum ihre Nöte, ihre Ängste ..  Gott darlegen. In der Hoffnung, Hilfe zu bekommen. Es sind also Treffpunkte von was ganz Wesentlichem.

In dieser Haltung gestaltet Madeleine Dietz Kirchenräume: Mit dem Urstoff Erde gibt sie uns einen Hinweis auf die göttliche Schöpfung. Mit den tresorartigen Stahlbehältnissen zeigt sie aber auch menschliche und industrielle Schaffenskraft. Diese „Signatur“ ist mittlerweile in ganz schön vielen Kirchen präsent: Unter anderem in Stuttgart, Bad Dürkheim und Worms. Im Mainzer Dom zeigt sie gerade eine Installation zum Heiligen Jahr. Und in Mannheim habe ich mich in meiner früheren Gemeinde noch längst nicht an ihrem Altar satt gesehen.

Was für ein Segen, wenn Kunstschaffende wie Madeleine Dietz gleichermaßen gegenwartsbezogen und überzeitlich sein können.

Mehr Infos zur Künstlerin:
https://www.madeleinedietz.de/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=41909
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Begegnungen

22DEZ2024
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Nina Roller Foto: ekiba

Peter Annweiler trifft Nina Roller vom Mannheimer „Studio Herrlichkeit“

Teil 1: Überraschung in Gold

Die Mannheimer Pfarrerin mag es gerne schön. Und sie brennt für überraschende Begegnungen. Beide Vorlieben kann sie jetzt mitten in einer Mall in den Mannheimer Quadraten entfalten:

Wir merken, wenn Menschen vorbeikommen an unserem Pop Up, dann freuen die sich über die Aufmachung, über die Schönheit, über das viele Gold. Und dann gleitet der Blick über das Schaufenster. Und dann steht da Evangelische Kirche Mannheim. Und da sind Menschen schon irritiert. Was macht jetzt die Kirche in einem Laden?

Den Weihnachtsladen hat die 38-jährige zusammen mit der Grafikerin und Gestalterin Valentina Ingmanns entworfen – als Teil des Innovationsprojekts „Studio Herrlichkeit“. Kleine Geschenke kann man zum Beispiel da kaufen: Tassen, Mützen, Socken – mit einem aufgedruckten oder eingenähten Segenswort. Bei meinem Besuch krieg‘ ich zuerst eine Tasse Tee aus einem goldenen Samowar. Und dann seh‘ ich es immer wieder leuchten: Goldene Kerzen am Adventskranz, goldene Tischdecken, goldene Wandbehänge.  

Stilprägend ist, dass immer wieder die Farbe Gold auftaucht. Wenn man in die Kunst schaut, wenn man in Kirchen schaut, dann ist die Farbe Gold die Farbe, die für das Göttliche steht. Und Weihnachten bedeutet für uns: Gott kommt in die Welt und dafür steht diese Farbe Gold auch.

Angenehm und wohltuend empfängt mich dieser temporäre kirchliche Ort in der Konsumwelt.  Pfiffige Ideen, zugewandte Menschen und viel Herzenswärme umgeben mich. Und doch: In mir ist noch eine skeptische Stimme, die fragt: “Vergoldetes Design in allen Ehren – aber gibt es nicht wichtigeres für die Kirche: Etwa ihre Kraft gegen die Armut einzusetzen?“

Ich glaube, wirklich schön sind Dinge dann, wenn sie auch nicht die Augen verschließen vor dem, was schwierig ist und was wehtut. Und ich glaube, so was Schönes kann auch eine Form der Rebellion sein gegen all das, was schmerzt, gegen alles, was uns besorgt, gegen all das, was uns stresst.

Schönheit als Rebellion gegen das, was schlimm und schrecklich ist. - Ja, so überzeugt mich der Laden und mit ihm Nina Roller: Sie bringt Form und Inhalt, Schönheit und Tiefe zusammen. Und dadurch ist der Laden  ein Kraftort in einer taumelnden Welt. Wobei diese Kraft ja ganz unspektakulär aufkommt: Beim gemeinsamen Basteln oder beim Singen von Weihnachtsliedern. In der Dynamik von Begegnung und Gespräch.

Fast wie bei den Begegnungen an der Krippe, wo etwa Hirten und das junge Paar mit dem Kind aufeinandertreffen. Auf solche Momente wartet  Nina Roller.

Ich liebe die Überraschung. Ich liebe, dass ich selbst überrascht werde in der Begegnung mit Menschen. Von ihren Gedanken, von ihren Fragen, von ihrer Offenheit, von dem, was entsteht, wenn man sich wirklich füreinander öffnet.

Teil 2: Ganzjährig glänzend

Ihr „Christmas Pop Up“ ist Teil von  „Studio Herrlichkeit“ – und mit dem steht Nina Roller  für innovative Formate in der Kirche.  Zusammen mit ihrer Kollegin, der Grafikerin und Gestalterin Valentina Ingmanns, hat sie dafür ein frisches Erscheinungsbild entwickelt.

Irritationen stiftet für manche der Stil, also der doch sehr popkulturaffine, moderne Stil, der auch mit einem Augenzwinkern daherkommt.

Und der zeigt sich auch bei dem unkonventionellen Namen „Studio“. Nina Roller hat sich gut überlegt, was sie damit verbindet.

Zum einen eine Versuchsbühne, wenn man innovativ Dinge gestalten will. Dann verbindet sich für mich mit dem Studio zum anderen das Fitnessstudio. Das heißt, ein Studio ist ein Ort, an dem ich zu Kräften komme, im besten Falle. Und dann das Atelier:  Das Kunst-Studio. Kreative Kirche sein ist uns wichtig. Und dann ist das Studio ja auch die lichtdurchflutete Wohnung.

Auch für den Namen „Herr“lichkeit  hat sie gute Gründe gefunden, gerade wenn zwei Frauen dieses Studio leiten.

Die Herrlichkeit ist im Alten Testament übrigens eine weibliche Facette Gottes, ganz anders als der Name es im deutschen Sprachgebrauch nahe legt und es passt auch gut zu Weihnachten: Jesus kommt in die Welt, Gott kommt in die Welt – lässt sich gut in Verbindung bringen mit der Einwohnung Gottes in die Welt.

Wichtig ist Nina Roller, das Kreative und Innovative mit theologischem Tiefgang zu verbinden. Sie weiß, dass Segen nicht „konservierbar“ ist – und dass heilige Momente nicht „produzierbar“ sind. In dieser Haltung bietet sie „Glanz-Momente“ an: In einem Segenszelt auf dem Maimarkt, mit besonderen Beats zum Tanz im Kirchenraum, oder jetzt in einem Weihnachtsladen.

Wenn ich sage: Etwas ist herrlich, dann sind das Momente, in denen ich spüre: Da ist für einen Moment zumindest eine Erfüllung da. Und solche Momente wollen wir generieren und verschenken. Und das ist dann so eine Art Holy Glow, also ein heiliger Glanz, der sich ins Leben legt.

Im Gespräch mit Nina Roller spüre ich: Die Frau ist genau richtig bei diesem Projekt: Sie macht es Menschen leicht, Kirche sympathisch zu finden.  Und bei allem Glanz und Glitter bleibt sie auch dem Schweren verbunden.

Ich bin natürlich immer wieder herausgefordert. Dadurch, dass die Welt überhaupt nicht nur herrlich ist und  das auch in meinem pastoralen Handeln, also in dem, was ich predige und auch in dem, wie ich Seelsorge mache, nicht wegzuleugnen. Auch im Sinne dessen, was mein Auftrag ist: die Hoffnung und die Freude groß zu machen. Aber eben nicht blind für das, was schmerzt.

Hoffnung und Freude stärken – und gleichzeitig das Schmerzhafte sehen. Das ist die starke Basis von Kirche, längst nicht nur beim „Studio Herrlichkeit“ und längst nicht nur zur Weihnachtszeit.

Mehr Infos zu Studio Herrlichkeit, dem Innovationsprojekt der Ev. Kirche Mannheim und seinem Christmas Pop Up (bis 04.01.25)

https://studioherrlichkeit.de/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=41258
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Begegnungen

06OKT2024
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Anahita Azizi

Peter Annweiler trifft Anahita Azizi, Aktivistin von Frauen.Leben.Freiheit

Teil 1: Mutiges Engagement

Sie ist klug, sanft und engagiert - für Menschenrechte im Iran. Tief bewegt bin ich, als Anahita Azizi bei einer Ausstellung von Frauen- und Kinderzeichnungen in Mannheim spricht. Jetzt habe ich mich mit ihr verabredet und will mehr von der Aktivistin erfahren, die sich bei Frauen.Leben.Freiheit. engagiert. Schnell erzählt sie mir ihre Migrationsgeschichte.  

Ich bin mit viereinhalb Jahren nach Deutschland gekommen, und damals sind wir geflohen, und das politische Asyl wurde hier gewährt. Und irgendwann war es dann möglich, mal zurückzugehen als Erwachsene. Das war spannend zu sehen, wie offen die Menschen sind, dass sie immer ein Spruch auf den Lippen, ein Lächeln auf den Lippen haben, neugierig sind, herzlich und gastfreundlich.

So wertvoll: Mit den eigenen Wurzeln in Kontakt zu bleiben. Gerade, weil Anahita Azizi es geschafft hat, in Deutschland zu Hause zu sein und beruflich erfolgreich in der IT-Branche zu arbeiten. Doch der Blick ins Land der Mullahs ist seit 45 Jahren beschwert.

Jetzt ist es aber so, dass diese Liebe zum Heimatland der Eltern, auch der eigenen Wurzeln, auch mit Schmerzen verbunden ist. Wenn man die Liebe dahin empfinden möchte und diese Sehnsucht, dann öffnet man den Kanal nicht einspurig, sondern mit ihr kommen furchtbare Bilder vom Leid anderer Menschen, vom Tod anderer Menschen, von den Mark erschütternden Schreien von Menschen. Diesen Kanal zu öffnen, das war eine bewusste Entscheidung, und das hält dich nachts wach. Und das muss man sich gut überlegen, ob man sich dem hingeben möchte.

Anahita Azizi nimmt schlaflose Nächte in Kauf und geht hohe persönliche Risiken ein. Wie mutig. Wie entschlossen. Alles, weil die Mittdreissigerin  an Leib und Seele erleiden musste, was Machtmissbrauch zerstören kann. Und deshalb will sie nicht, dass andere ähnliches erleiden.

Wenn wir uns den Iran angucken, dieses fundamentalistische Regime, dann habe ich in meiner eigenen Familie erlebt und auch in meinem Herzen, dass man das Gefühl hat, dass einem nicht nur die Heimat genommen worden ist, sondern Gott selbst - und das ist eine große Ungerechtigkeit.

Sogar Gott wird einem genommen. Religiöser Fundamentalismus zerschlägt und zerstört so Vieles. Klar, dass die Exil-Iranerin da der Religion gegenüber erst mal reserviert geblieben ist. Und doch hat sie, die keine Christin ist, sich eine Hoffnung bewahrt.

Es ist ein Glaube, dass es besser werden kann und dass, wenn wir daran basteln und daran arbeiten, uns auch wieder zur Erinnerung rufen: Wie wollen wir eigentlich mit den Schwächsten umgehen auf der Welt?

Sich einzusetzen für die Schwachen - das kann die Welt verändern. Und das ist ja auch eine Wurzel des Christentums. Deshalb spornt mich Anahita Azizis Haltung „von außen“ auch als Christ an.

Teil 2: Besonderes Bündnis

Sie hat zum Beispiel in der Mannheimer CityKirche Konkordien eine Ausstellung begleitet. Gezeigt wurden Bilder von Frauen und Mädchen aus dem Iran.

Ein Bild, das mich besonders mitgenommen hat, ist ein großes Bild einesMädchens mit wallenden langen Haaren. In diesen Haaren war eine ganze Welt. Da waren Tiere drin, das war Spielzeug abgezeichnet. Es war, es waren Figürchen. Es war so viel in diesem Haar, und ich schätze: Das muss das erste Jahr gewesen sein, dass sie dann ein Kopftuch hat tragen müssen

Sie, die über sich sagt: „Die Mullahs haben mir auch Gott genommen“, hat keine positive Erfahrung mit Religion gemacht. Denn die steht in Anahita Azizis Leben für Kopftuchzwang, Frauenfeindlichkeit und Diktatur. Deshalb war eine Ausstellung in einer Kirche für sie ungewohnt. Aber sie hat schnell gespürt: In der kirchlichen Menschenrechtsarbeit findet sie Verbündete – und erkennt, wie Religion Menschen auch positiv prägt.

Ich selber, ich habe das Gefühl nicht, Ehrfurcht zu erleben, wenn ich vor einer prunkvollen Kirche stehe oder Kathedrale. Was mich überkommt, ist das Fremdsein, die Etikette, nicht gern aufzufallen, dass man sagt: „Was macht die hier?“ - Und das Gefühl hatte ich keine Sekunde. Und ich bin seither in vielen Kirchen gewesen, auch in der katholischen Kirche und durfte dort sprechen. Also es erweitert sich jetzt, und das war ein starkes Gefühl, das mich innerlich gestärkt hat: Zu wissen, was möglich ist – Wahnsinn

Eine aufgeklärte, selbstkritische Religion – die kannte Anahita Azizi bisher nicht.

Für mich war die Erfahrung sehr neu, dass die größte Kritik an der evangelischen Kirche aus der evangelischen Kirche selbst ist, das war für mich so überwältigend zu sehen: dieses kritische Denken, dieses sich selbst Hinterfragen.

Und dann überrascht sie mich, wenn sie mir sagt, wie weit sie für kirchliches Engagement in Menschenrechtsfragen in ihren Kreisen gehen würde:

Soweit mich meine Füße tragen! - Ich habe tatsächlich das schon machen müssen. Das Projekt mit der Kirche, die Kunstausstellung zu verteidigen und zu sagen wir haben uns das wohlüberlegt. Und da kann ich schon überzeugend  für die Kirche sprechen.

Für mich ein innerer Ansporn: Wenn Menschenrechtsaktivisten überzeugt von Kirche sprechen. Eben, weil sie in der Begegnung mit Christen spüren: Es geht im Christentum nicht um Kirchenmitglieder. Es geht um Gerechtigkeit und Würde für alle.

Schön, dass die Zusammenarbeit rund um die Ausstellung zu Frauen.Leben.Freiheit im November weiter geht. Wieder in einer Kirche. Und dass die mutige und kluge Anahita Azizi auch in der Speyrer Gedächtniskirche wieder engagiert dabei ist.

Mehr Infos zur Ausstellung Frauen.Leben.Freiheit. in Speyer:

https://www.speyer.de/de/familie-und-soziales/frauen/ausstellung-frau-leben-freiheit/

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40779
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Begegnungen

16JUN2024
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Dorothee Höfert

Peter Annweiler trifft Dorothee Höfert, im Feld von Kunst und Religion engagierte Kunsthistorikerin

Teil 1: lebensgeschichtlich und klassisch

Stundenlang kann ich ihr zuhören: Dorothee Höfert erzählt frisch, fundiert und humorvoll. Die Kunsthistorikerin bringt Schwung in die Bude. Beruflich hat sie den als Leiterin der Kunstvermittlung in die Mannheimer Kunsthalle getragen. Immer wieder ist sie auch davon begeistert, wie Kunst und Religion zusammenwirken können. 

Wenn man zumindest mal den Verlauf der 2000 Jahre europäischen Kunst sehen will, dann kommt man ja nicht umhin, sich auch mit theologischen oder religiösen Fragestellungen zu beschäftigen. Denn ein Großteil der auf uns gekommenen Kunst ist religiös, und da war ich dann immer ganz munter dabei.

Diese Munterkeit von Dorothee Höfert gefällt mir. Egal, ob zeitgenössisch oder traditionell. Egal ob Kirche oder Museum. Da spricht eine Frau, deren Herz höherschlägt, wenn die Geschwister Kunst und Religion zusammenfinden.

Mich fasziniert, wie früh das für die 63jährige angefangen hat: In ihrer Kindheit in einfachen Verhältnissen in Norddeutschland.

Ich habe sehr früh lesen gelernt und stöberte in den Büchern, den wenigen, die es bei uns zu Hause gab, und vor allen Dingen an den langen Winterabenden. Und dort ist ein Buch ganz wichtig für mich geworden. Das hieß tausend Jahre deutsche Malerei. Ein Prachtband, den ich bis heute besitze und ich konnte diese Texte überhaupt nicht verstehen. Kunsthistorisches Kauderwelsch -

aber eben die Bilder: Die erreichen nicht nur Kinder schnell, direkt und emotional. Noch Jahrzehnte später erinnert sich Dorothee Höfert an ein besonderes Bild:

Es ist ein Gemälde aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Michael Pacher ist der Autor. Es ist eine Altartafel.  Ich bin ziemlich sicher, dass es der heilige Antonius ist. Und der steht vor einer grünen Dämonengestalt mit vielen Augen und Hufen. Und diese Dämonengestalt hält ihm ein aufgeschlagenes, riesiges Buch hin. Die Begegnung eines würdig gekleideten Kirchenmannes mit einem Dämon. Also eine solche Figur würde man auch heute in irgendeinem Horrorfilm sofort einbauen können - das fand ich ungeheuerlich, dass sich da zwei Sphären auf Augenhöhe begegnen und offenbar miteinander kommunizieren.

Faszinierend, was Kunst ganz ohne Worte sichtbar machen kann: Gefühle, Lebenslagen und -fragen. Manchmal gar nicht „schön“, sondern ungeheuerlich und ungewohnt. Eine grüne Dämonengestalt mit Hufen hält einem Heiligen ein Buch hin. Das Teuflische und das Heilige begegnen sich. Kunst weitet den Blick. Hin auf das, was unsere Augen so nicht im Alltag sehen können. Und genau darin ist sie mit der Religion verwandt: Dass wir mit neu geöffneten Augen ganz andere – und womöglich größere, göttliche - Zusammenhänge sehen, in denen wir Menschen stehen.

Teil 2: zeitgenössisch und interreligiös

Bei ihren Führungen in der Mannheimer Kunsthalle beobachtet die Kunsthistorikerin gerade bei zeitgenössischer Kunst, dass die Leute

ganz schnell sich zurückziehen und sagen, das verstehe ich nicht. Es spricht mich nicht an, das ist hässlich, oder das ist ja gar keine Kunst, weil sie zu schnell vielleicht sich abschrecken lassen von etwas, was erstmal tatsächlich auch Fragen aufwirft. Das geht mir nicht anders.

Ganz entlastend finde ich das, wenn auch die Fachfrau erst mal irritiert ist. Und dann hilft sie mit ihrer Kompetenz eben doch, „dran“ zu bleiben: Sie verhindert, dass ich mich abwende – und trägt dazu bei, dass ich geduldig und neugierig auf ein Kunstwerk blicke.

Was ist da eigentlich los? Denn wenn es gute Kunst ist, dann ist es etwas Menschliches. Dann fließt etwas von dem Menschen, der es gemacht hat, hinein in das Werk. Und ich kann das herausnehmen. Ich kann das versuchen zu verstehen. Ich komme in Kontakt mit etwas, und das kann mich im besten Fall faszinieren, kann mich weiterbringen, kann mich zu einer neuen Sicht auf die Welt stimulieren.

Kunst bildet nicht das Sichtbare ab, sondern macht sichtbar – sagt der Maler Paul Klee – und eben darin bleibt sie für mich verwandt mit Religion. Dabei brauchen zumindest meine Augen für das Sehen des Neuen oft eine Sehhilfe. Dorothee Höfert engagiert sich schon lange für diese Sehhilfe. Deshalb hat sie Gespräche zwischen Kunst und Religion in die Kunsthalle gebracht. Denn sie findet,

dass man auch da ein Angebot schaffen muss. Und wie soll das aussehen? Und dann hab ich gedacht, na ja, ich bin keine Theologin. Ich bin Kunsthistorikerin. Ich würde das ganz gerne mit jemandem zusammen machen, der sich fachlich theologisch dazugesellt. Und auf diese Weise haben wir ganz allmählich etwas aufgebaut, was jetzt 15 Jahre später sogar noch erweitert worden ist. Einfach weil sich das Interesse daran ergeben hat. In … Mannheim, wo ganz viele Muslime auch leben, wo es eine rege jüdische Gemeinde gibt, zu sagen wir bauen das aus in ein interreligiöses Gespräch

- und gerade das lockt bei ihren monatlichen Gesprächen im Feld von Kunst und Religion viele Gäste in die Kunsthalle. Wenn ich an so einem Gespräch teilnehme, dann spüre ich, wie diese Geschwister Kunst und Religion wieder zusammenfinden. Und darüber hinaus sich auch die Religionen auf das besinnen, was sie vereint…

Mir fällt da ein Begriff gerade ein: existenziell. Den Menschen betreffend, menschliche Fragen betreffend, wo kommen wir her? Wo sind wir? Wo gehen wir hin?Gibt es Hoffnung? Ist das Leben zu Ende? Wenn wir sterben, geht es darüber hinaus.

Über diese großen existentiellen Fragen sind Kunst und Religion verbunden. Dorothee Höfert lässt mich neu spüren, wie lebendig diese Verwandtschaft ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=40116
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