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SWR1 Begegnungen

Peter Annweiler trifft Wiltrud Bauer, „Erfinderin“ tiergestützter Seelsorge
Teil 1: Begegnungen mit Alpakas
Bei bester Frühlingssonne stehe ich auf einer Weide im saarländischen Schiffweiler, neben mir neben die „Erfinderin“ tiergestützter Seelsorge. „Tierisch“ neugierig bin ich und – schwupp – kommen ihre tierischen Mitarbeiter auf mich zu: Elf Lamas und Alpakas. Neugierig und kontaktfreudig, als ob sie auf mich gewartet hätten.
Die Tiere sind sehr zugewandt. Ein Alpaka kommt auf einen zu und schaut einem in die Augen, mit beiden Augen schaut es in deine Augen und man hat das Gefühl, da entsteht direkt eine Verbindung. Ein Alpaka ist zugewandt, es ist wahnsinnig neugierig, es will dich kennenlernen.
Und genau das spüre ich sofort. Fasziniert (wie ich bin) mache ich dann das, was Menschen gegenüber Vierbeinern halt so machen: Ich strecke meine Hand aus und will in das flauschige Fell fassen. Doch das mag mein Gegenüber gar nicht und wendet sich gleich wieder ab. Wiltrud Bauer weiß:
Gleichzeitig ist es zurückhaltend und achtet die Privatsphäre, weil es möchte die selber haben. Das sind Tiere, die sind uns Menschen gar nicht so unähnlich.
Also schon mal Respekt, liebe Alpakas, für diesen Auftakt: Zuviel Nähe am Anfang mag ich ja eigentlich auch nicht, eine tätschelnde Übergriffigkeit schon gar nicht. Schön, wie ich darüber gleich mit Wiltrud Bauer ins Gespräch komme. Sie hat den Kontakt mit den südamerikanischen Lasttieren „eigentlich“ gar nicht aktiv gesucht.
Dann bin ich zufällig auf dem Alpaka-Hof gelandet. Und ich habe die Tiere dort angeschaut und ich war verliebt. Es gibt so einen Spruch, der heißt, man darf dem Alpaka nicht so tief in die Augen schauen, weil das stiehlt einem die Seele.
Der wache und weite Blick: Er zeichnet auch die Seelsorgerin Wiltrud Bauer aus. Sie hat mit ihrer feinen und zarten Art ganz schnell gesehen, wie gut die Vierbeiner in Gemeinde und Seelsorge wirken können – und dann prompt eine Weiterbildung zur Fachkraft für tiergestützte Intervention gemacht. Heute setzt sie ihre Tiere ganz vielfältig ein: In der Arbeit mit Konfis, in der Begleitung von Trauernden oder in der Seelsorge mit psychisch Kranken. So oft wirken die Tiere im Kirchendienst ganz ohne Worte stärkend und heilend.
Wir hatten einen großen Termin im Altenheim hier in der Näheund eine Frau war ganz begeistert, die saß im Rollstuhl. Und dann steht sie aus dem Rollstuhl auf und läuft auf uns zu. Und dann sagt die Hausleitung zu mir: Das war jetzt ein echtes Wunder, die hatte einen schweren Schlaganfall … und seit sie aus dem Krankenhaus gekommen ist, hat sie nicht mehr laufen können, obwohl sie eigentlich hätte laufen können. Und in dem Moment, wo sie unbedingt zu dem Tier wollte, ist sie einfach aufgestanden und gelaufen.
Wie ein Wunder scheint das, ist aber keine Wunderheilung. Sondern eher eine wundervolle Begegnung.
Teil 2: Tiere als Mitgeschöpfe
Die 53jährige Wiltrud Bauer hat entdeckt, wie wirksam Tiere in der Seelsorge sind. Wenn sie mit ihren Lamas und Alpakas unterwegs ist, dann wird oft das wieder weicher, was sich bei Menschen in Krisen und Krankheit verhärtet hat.
Sie begegnen dem Alpaka und sie öffnen sich, sie lassen los, sie entspannen.
Und dabei passiert genau das, was für die Pfarrerin in der Seelsorge wesentlich ist.
Ich sag‘ immer so ein bisschen flapsig, wir spiegeln, was Gott eigentlich von uns will. Da-Sein, dem Menschen zugewandt Sein und Gucken, was dann passiert.
Wiltrud Bauers Bauers Tiere sind darauf trainiert, sich auf Menschen zu beziehen. Es ist, als ob sie damit Menschen helfen, von sich abzusehen – und „weiter“ zu werden. Tiere sind geschaffen und endlich wie wir. Sie entstammen dem selben Schöpfungs-Paradies – das hat allerdings der Mensch laut biblischer Erzählung aus dem Gleichgewicht gebracht und wird daraus ausgeschlossen.
Die Tiere haben sich da nie draus entfernt. In ihrem Dasein sind die immer noch diese Geschöpfe und die sind da nicht weg davon. Das verbindet uns und das trennt uns. Und dieses zurückzukommen zu dem Leben miteinander, zu schauen, wie bin ich als Geschöpf unterwegs.
Tieren zu begegnen – das bindet uns Menschen an die Schöpfung zurück. Und das wird in einern digitalen Welt immer wichtiger. Wenn SmartPhones vertrautere Begleiter als Tiere sind, wenn KI uns immer weiter entgrenzt, dann ist es höchste Zeit für eine neue Balance, meint Wiltrud Bauer:
Man muss nicht die Welt immer auf dem Display vom Smartphone sehen. Natürlich habe ich auch ein Smartphone und mache Fotos von meinen Tieren. Aber irgendwo muss man das auch mal weglegen und irgendwo muss man auch mal sein. Und zwar mit beiden Füßen auf dem Boden und mit der Nase atmend und mit den Händen was tun – und ich genieß das wahnsinnig.
Wiltrud Bauer regt mit ihren tierische Begleitern dazu an, sinnlich und geschöpflich im Leben zu stehen – und das kann gelingen, wenn Mensch und Tier gut aufeinander bezogen sind. Genau das können wir übrigens auch heute am Palmsonntag sehen. Bei seinen Lesungen spielt ja auch ein Tier eine prominente Rolle.
Der Esel beim Einzug in Jerusalem, der die Last der Welt auf den Rücken trägt. Ich habe ja so ein großes graues Lama, das ist ja so in bester Eselfarbe. Ich denke mir immer, das könnte wunderbar den Einzug nach Jerusalem darstellen. Jesus wusste ja, wo der Weg hinführt. Der Esel hat ihn da hingetragen und hat ihn dann eine Weile davon entlastet.
Wegweisend und entlastend also, wenn Tier und Mensch gut aufeinander bezogen sind. Ich wünsche Ihnen einen tierisch angeregten und weg-weisenden Palmsonntag.
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Mehr Infos zur Arbeit von Wiltrud Bauer:
https://www.seelsorge-tiergestuetzt.de/
SWR1 Begegnungen

Peter Annweiler trifft Sarah Vecera
Teil 1: Krippe kultursensibel
Am Bildschirm bin ich mit Sarah Vecera verabredet. Eine Frau Anfang 40 - dunkler Teint, dunkle Haare - lächelt mich an und ich erfahre gleich als erstes von ihr: Schon als Kind hat sie an Weihnachten gespürt, wie ihr Aussehen auf andere wirkt.
Beim Krippenspiel durfte ich häufig die Maria spielen, weil gesagt worden ist, dass ich der Maria vermutlich am ähnlichsten gesehen habe bei allen Kindern, die sonst so im Kindergottesdienst waren und eben blonde Haare hatten und keine internationale Familiengeschichte hatten. Und das war vor allem schön, weil ich mich sonst in der Kirche sehr wenig repräsentiert gefühlt habe. Denn Kinder und Menschen, die so aussahen wie ich, die habe ich vor allem auf Spendenplakaten gesehen, vornehmlich zu Weihnachten.
… und das war merkwürdig für das Kind mit dunkler Hautfarbe in seiner ganz normalen Ruhrpott-Realität: Sarah Vecera ist in Oberhausen geboren und lebt bis heute im Ruhrgebiet. Ihr Vater stammt aus Pakistan, sie hat eine internationale Familiengeschichte. Naheliegend also, dass Sarah Vecera kultursensibel ist. Die studierte Theologin ist heute Referentin für Globales Lernen bei der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal. Mit diesem Blick fallen ihr gerade zu Weihnachten viele Details auf.
In vielen deutschen Krippen ist Jesus ja eher so ein rosa, europäisches Baby meist auch mit blonden Locken und historisch gesehen, würde ich halt sagen, kam Jesus aus dem Nahen Osten und sah vermutlich nicht so westeuropäisch aus, wie in den meisten Krippen.
Ja, denke ich: Das ist wohl auch gar nicht zu vermeiden: Dass unsere kulturelle Prägung auch unsere historischen Jesusbilder prägt. In Bildern, Krippen und Liedern geschieht das, eben inklusive Haut und Haaren. Vom „holden Knaben im lockigen Haar“ singe ich mit meinem Mehrheitsblick an Weihnachten ja ganz selbstverständlich und gewohnt. Ich finde das auch ganz in Ordnung. Und deshalb bin ich neugierig, wie das für Sarah Vercera ist.
Ich muss gestehen, ich habe sie mir auch immer blond vorgestellt, die Haare, aber dem ist ja gar nicht so. Und ich kann eigentlich mit dieser Zeile ganz gut leben, weil ein holder Knabe kann auch dunkle Locken haben. Und so stelle ich ihn mir heute vor.
Da wirbt Sarah Vecera für einen Blick, der empfänglich ist für die Perspektiven von Minderheiten und Menschen am Rand und fragt gleichzeitig, wie unsere mitteleuropäische Perspektive eigentlich entstanden ist. Und darüber hat sie ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Wie ist Jesus weiß geworden?“
Wenn ich die Frage stelle, wie ist Jesus weiß geworden, dann geht es mir darum, dass Menschen ein Aha-Erlebnis haben. Und wenn wir dann ins Gespräch kommen, ohne Schuld und Scham auch eine Rolle spielen zu lassen, sondern uns selbst reflektieren und sagen, Mensch, das ist was, da habe ich mir nie Gedanken drüber gemacht.
Bei mir hat das schon mal genau so funktioniert.
Teil 2: Weihnachten weltweit.
Als Theologin beim Wuppertaler Missionswerk ist sie sensibel für die Vorstellungen geworden, die wir uns von Jesus machen – und das wirkt sich für die Mutter von zwei Kindern auch zu Hause aus. Etwa, wenn es darum geht, welche Hautfarbe das Krippenkind hat.
Wir haben sogar drei Krippen zu Hause. Meine Kinder, die spielen gerne da auch damit. Wir haben eine schlichte Holzkrippe. Da gibt es eigentlich gar keine Hautfarben. Dann haben wir eine aus Tansania aus Bananenblättern. Und wir haben eine Spielzeugkrippe, in der hat Jesus eher so meinen Hautton. Also sieht eher braun aus und nicht weiß von der Hautfarbe her.
Über die eigene Lebensgeschichte ist Sarah Veceras Buch „Wie ist Jesus weiß geworden?“ entstanden. Darin macht sie stark, dass alle Menschen Gottes Ebenbild sind und plädiert leidenschaftlich für eine weltweite Kirche und eine vielfältige Gesellschaft. Bitter, wenn sie dann bei Lesungen und Vorträgen die Erfahrung machen muss,
dass durch meine Öffentlichkeit sich mir viele Menschen anvertrauen, die internationale Familiengeschichten haben, Migrationshintergrund haben und viele von diesen Menschen mittlerweile einen Plan B mittlerweile haben, weil sie Angst haben, weil sie nicht wissen, was in diesem Land passieren wird. Und sie sich überlegen, wo können wir leben, wenn wir nicht mehr in Deutschland leben können? Und das ist für mich wirklich erschütternd.
Wie beklemmend, wenn immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund in Angst und Sorge um ihre Zukunft leben. Sie brauchen Verbündete – und dazu zählen besonders die Kirchen mit der Weihnachtsbotschaft:
Jedenfalls wäre mein Wunsch in diesen Zeiten gar nicht so sehr darauf angelegt, Jesus nicht länger weiß zu malen, sondern eine starke Kirche in einer Zeit zu sein, die eine Botschaft hat, die sich hinter Menschen stellt, die in Bedrängnis kommen, sich denen zuwendet, die ausgegrenzt werden, die Angst haben und die Zuflucht suchen.
Das ist die Botschaft von Weihnachten und die bleibt weit über die Feiertage hinaus aktuell. Gerade heute ist deshalb wichtig, was Sarah Vecera so formuliert:
Für mich ist die Mitte von Weihnachten die radikale Hoffnung und Gerechtigkeit, die wir, glaube ich, in diesen Zeiten auch ganz gut brauchen. Also es ist schön, Weihnachten zu feiern in einer Welt, die häufig sehr hoffnungslos uns vorkommt und das ja auch an vielen politischen Punkten auch ist. Gott kommt klein und verletzlich, bringt Frieden und stellt die Verhältnisse dieser Welt auch erst mal auf den Kopf. Und das finde ich sehr hoffnungsvoll.
Buchtipp:

SWR1 Begegnungen

Peter Annweiler trifft Diemut Meyer
Teil 1: überraschend
Etwas Ur-altes macht sie top-aktuell: Sie bringt Segen „auf die Straße“. Und dabei verströmt die Frau eine Fröhlichkeit und brennt für ihre Sache. Vor allem an Feiertagen und bei Festen ist die Pfarrerin mit ihrem Team unterwegs. Erst seit eineinhalb Jahren ist sie in der Pfalz am Start – und erreicht Menschen genau da, wo sie gerade sind.
Ich habe es sehr oft erlebt, dass Menschen auch nach der Segenshandlung weinen oder auch erleichtert sind, aber auch manchmal ganz glücklich strahlend von dannen ziehen. Also so wie die Lebenssituation gerade ist und dieses Wahrnehmen des Menschen, das ist das, was mich selber beglückt.
Segen ist ja eine religiöse Urkraft. Sie wirkt, weil sie einen größeren Horizont schafft und Menschen stärkt. Das ist es, was dann auch durch die Segnenden „strahlt“: eine unverfügbare Kraft, uns zugewandt und ganz nah dran am Leben:
Ich habe drei Mädchen gesegnet, drei Freundinnen und dann habe ich gefragt, was ihnen gerade wichtig ist und die eine hatte gerade ihr Haustier verloren und die andere,die ist noch ganz mit ihrer Oma verbunden und dann habe ich versucht, die Themen, die sie beschäftigen in einen größeren Horizont zu stellen
- und diesen Horizont erlebt Diemut Meyer als stärkende Himmelskraft. Davon möchte sie zuerst etwas weitergeben. Aber ganz wichtig sind ihr vorher oder nachher auch „irdische“ Begegnungen und Gespräche auf Augenhöhe.
Unsere orangenen Segensbar: Mit der ziehe ich hier auch durch die Pfalz, an dem Tresen finden Gespräche statt, aber da kann man auch, wie zum Beispiel als ich in Neustadt war, kriegte man auch einen Segenscocktail, also man kann auch ein Getränk bekommen und ich dachte: Diesen mobilen Bargedanken mit dem Thema Segen zu verbinden, das fand ich großartig und ich merke, dass das gut angenommen wird.
„Segen to go“ oder „Pop Up Trauungen”. So heißen manche Angebote des Segensbüros. In ganz Deutschland gibt mittlerweile solche Formate. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Menschen oft außerhalb von Kirchenräumen und Gottesdiensten ansprechen. Etwa bei Festen, die man gar nicht mit Religion in Verbindung bringt. Wie beim größten Weinfest der Welt in Bad Dürkheim.
Dass Menschen auch an ganz normalen Alltagsorten den Segen Gottes erbitten, das haben wir ja beim Wurstmarkt möglich gemacht, dass Menschen sich im Riesenrad, wo sie sich kennengelernt haben, segnen und trauen lassen.
Ein ganzes Riesenrad voll mit Liebenden. Ein großartiger Drehmoment zwischen Erde und Himmel: 80 Trauungen und Segnungen haben 20 Geistliche dort an einem Tag vorgenommen. Das finde ich enorm. Und bin baff. Darüber, wie belebend die neue Lust am Segen und am Segnen in einer kirchenskeptischen Zeit ist.
Teil 2: wirksam.
Mit ihrer großen Schaffenskraft hat die gebürtige Bochumerin schon viel bewegt. Lange war die Pfarrerin Leiterin der Kulturkirche in Bremen. 2024 hat sie sich nach Speyer aufgemacht und das Segensbüro „Blessed“ in der Pfalz aufgebaut. Sie stärkt damit die neue Lust am Segen, die ihr bei Menschen begegnet.
Ich glaube, Menschen erbitten Segen, weil sie merken: Es gibt mehr als mein normales Leben, es gibt eine Kraft, die darüber hinaus ist, die mich als Mensch wertschätzt, die mich als Geschöpf sieht
Gerade in ungewissen Zeiten mit viel Zuspitzung braucht es diese Kraft, finde ich. Denn sie macht in Krisen „resilient“, wie wir heute ja auch gerne sagen. Eben weil sie Menschen stärkt.
Dieser Segen ist der Zuspruch, dass du ein wunderbarer Mensch bist, dass du geschaffen bist und auch in allen positiven oder auch schwierigen Situationen von diesem Segen Gottes, von dieser Kraft begleitet bist und das den Menschen zuzusprechen, das ist eine wunderbare Aufgabe und für mich eine Kernaufgabe auch der Kirche.
Diese Kernaufgabe ausbauen – das ist Diemut Meyers Mission. Und mir gefällt, dass sie dabei Segen weder vereinfacht noch überhöht. Segen ist für sie mehr als ein einfaches „Wünsch dir was“. Und auch keine magische „Himmelsspritze“. Er ist immer verbunden mit einer ganz persönlichen Zuwendung – und manchmal ja auch nötig, wenn uns die nicht so wundervollen Seiten an uns selbst bewusst werden.
Das ist für mich Seelsorge: Dass ich frage: Was sind eure Sorgen? Wo drückt der Schuh? Wofür braucht ihr den Segen Gottes?- Und aus diesemGespräch heraus, entfalte ich dann den Segen und das finde ich schön, weil jeder ein anderes Thema hat, was gerade bei ihm im Leben gerade besonders freudig oder auch schwer ist und wofür man besonders diesen Segen braucht.
Segen ist Sorge für die Seele – und deshalb kann in ihm so viel zusammen finden.
Ich spreche von der Theologie des Augenblicks. Also, dass sich im Augenblick, ich sage mal, Zeit und Ewigkeit vermengen und wenn man im Augenblick da ist für Menschen, dass sich ganz viel auch erfüllt.
Segen gehört nicht der Kirche. Und das, was in einer Segenshandlung geschieht, das wird nicht durch die Segnende bewirkt. Diemut Meyer weiß, dass sie weitergibt, was ihr selbst geschenkt ist – und was sie mit anderen Christenmenschen teilt. Ich bin mir sicher: Es braucht diese Demut und diese Qualität, damit Segen wirkt.
Unser Auftrag ist ja nicht, die Leute in die Institution zurückzubringen, sondern bei ihnen zu sein und aus dieser Fülle auch des Reichtums und des Glaubens, so wie es in der Bibel steht, diese Fülle weiterzugeben, ohne Voraussetzungen, sondern wir selber als von Gott Beschenkte geben diesen Segen an andere weiter.
Weiterschenken, was wir selbst empfangen haben.
Verströmen, was durch uns fließt.
Ich wünsche Ihnen einen „gesegneten“ Sonntag,
einen Tag mit viel Verschenken und Verströmen.
Mehr zum Segensbüro „Blessed“:
https://blessed-pfalz.de/
Instagram: #blessed_pfalz
SWR1 Begegnungen
Peter Annweiler trifft Denise Mawila
Teil 1: Ein stilles und freies Leben mitten in Frankfurt
Manchmal ist mir alles zu viel: Zu viel Kontakt. Zu viel Anforderung. Zu viel Krisen in der Welt. Da will ich mich nur noch zurückziehen und sehne mich danach, dass es mal so richtig still wird um mich und in mir. Nur: Wenn es außen mal still wird, dann merke ich leider oft, wie laut es in mir ist – und wie viele Dinge mich antreiben.
Genau deswegen will ich Denise Mawila treffen. Die 55-Jährige hat nämlich Stille und Zurückgezogenheit zum Kompass ihres Lebens gemacht. Krass finde ich, dass sie das mitten in Frankfurt übt.
Für mich bedeutet die Zurückgezogenheit auch eine Fähigkeit, mit sich alleine sein zu können, sich selbst aushalten zu können, sich auch mit sich selbst zu konfrontieren. Das als was sehr Lebendiges zu erleben. Also ich bin gerne mit mir alleine und kann das sehr gut und brauche das eben auch für mich.
Denise Mawila ist alles andere als isoliert oder einsam. Sie ist verheiratet, sie ist in ihrer evangelischen Kirche engagiert und arbeitet als ehrenamtliche Seelsorgerin in einem Krankenhaus. Und sie wirkt auch nicht streng mit sich und anderen. Alles was sie versucht, ist: In der Stille verwurzelt sein. Sie will „eremitisch“ leben.
Wie sieht mein Alltag aus? Eben dass ich sehr viel Zeit alleine verbringe, ich auch nicht so viel soziale Kontakte habe, dass ich auch zum Beispiel kein Mobiltelefon habe. Ich habe jetzt nicht wie andere vielleicht, die sich Eremiten nennen, nen ganz strikten Tagesablauf. Ich sitze in der Regel 25 Minuten. Ja und Phasen, wo das aber auch ganz hinten runterfällt, sage ich mal, weil ganz andere Dinge mich mehr in die Stille bringen.
Eremiten – die habe ich mir bisher vorgestellt als Einsiedler in der Wüste. Denise Mawila lebt dagegen mitten in der Großstadt. Sie übt sich ganz stimmig darin, „nichts“ zu tun und im Moment zu sein. Deshalb schweigt, sitzt und betet sie viel.
In der Begegnung mit ihr lerne ich: „Eremitisch“ – das ist: Aussteigen aus dem Haben, Machen und Müssen. Einsteigen in ein „einfaches“ Sein und Wirken. Und diese spirituelle Sehnsucht haben in meinen Augen heute viele. Denise Mawila beeindruckt mich, weil sie dieser Sehnsucht so undogmatisch nachgeht.
Ich könnte das natürlich jetzt auch vielleicht in ähnlicher Weise praktizieren und sagen, dass es jetzt meine Erholung oder Selbstoptimierung oder so. Aber für mich ist es eine Entscheidung einfach gewesen, zu sagen: Ich nehme dieses spirituelle Angebot meinem Tun gegenüber, weil es ist nicht so gewesen bei mir, dass ich mir überlegt habe: ‚Ach, ja, ich würde gerne eine Eremitin sein. Oder ich möchte gerne irgendwie einen kontemplativen Weg gehen.‘ Sondern ich bin auf diesen Weg geraten.
Teil 2: Ein zurückgezogenes und zugewandtes Leben als Schwarze Deutsche
Ich habe mich irgendwann konfirmieren lassen und war da ganz klar: Das ist mein Glaube! -Diese Klarheit hat sich dann auch irgendwie verflüchtigt, sowie das häufig der Fall ist … Aber ich bin dann wieder dahin zurückgekommen. Wenn ich das irgendwann mal gewählt habe, dann setze ich mich jetzt damit auseinander – und beiß mir daran die Zähne aus. So ist das einfach wie ich gestrickt bin, würde ich sagen.
Auf ihrem Weg hat sie ihr Wirken als Kreative und Lehrende für Tanz in eine innere Bewegung verwandelt und sich dabei besonders an einer christlichen „Landkarte“ orientiert.
Also das Mystische ist das, wo ich mich wiederfinde, und da vor allen Dingen, dass in der christlichen Mystik eben auch viele Frauen vertreten sind. Also ja, das ist für mich sehr -ja – „beheimatend“.
In der Mystik ist sie zu Hause. Das Mystische verbindet Gotteserfahrung mit dem Alltäglichen. Und in dieser Verbindung hat Denise Mawila auch gespürt, wer sie ist und welche Lebensaufgabe ihr zukommt.
Auch tatsächlich dadurch, dass ich eine schwarze deutsche Person bin, ein ungefragter unerbetener Auftrag, sich mit Vielem auseinandersetzen zu müssen und konfrontiert zu sein und letztlich daraus aber auch eine erweiterte Liebesfähigkeit entwickelt zu haben. Man ist da konfrontiert mit Zuschreibungen, mit Entmenschlichung. Ich sag jetzt mal so krass, wenn man nicht daran stirbt, wächst man darüber hinaus: Sich immer wieder trauen zu müssen und immer wieder rausgehen zu müssen. Also ne Stärke,eine größere Umarmung letztlich zu vollziehen.
Auch an schwierigen Erfahrungen zu wachsen - so, dass sie nicht dauerhaft bitter und aggressiv wird. Was für ein Richtungswechsel! - Ich stelle mir vor: Er ist das Ergebnis von viel Rückzug und Stille. Von viel Gottes- und Selbsterkenntnis. Und dabei hat Denise Mawila in ihrem eremitischen Leben womöglich „ganz einfach“ gespürt, Gottes Ebenbild zu sein.
Ganz und einfach sein. Und darin gottbezogen leben. Denise Mawila hat mir eine Ahnung davon gegeben, wie erfüllend das sein kann. Als ich nach Hause fahre, ist es stiller in mir und ich fühle mich mit einer großen Umarmung beschenkt.
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Peter Annweiler trifft die Bildhauerin Madeleine Dietz
Teil 1: Ihre Materialien
Ich besuche die 71-jährige Künstlerin in Landau in ihrem Atelier. Da riecht es nach Erde, denn damit arbeitet die Bildhauerin. Egal ob geschüttet, geschichtet oder gekrümelt: Erde ist ihr Markenzeichen. Und sie ist staub-trocken. Denn genau damit regt Madeleine Dietz die Betrachter an.
Ich hoffe, dass Menschen darüber nachdenken, wenn sie getrocknete Erde sehen: Was passiert mit ihr? Ich nehme die Menschen quasi mit und bitte sie, mitzudenken und mitzuarbeiten. Und vielleicht kommen sie dann auch die Idee, dass die Erde gegossen werden könnte. Und dass dann wieder alles möglich ist, was vorher aussah, wie wenn es vertrocknet wäre.
Getrocknete Erde – ohne künstlerischen Anstoß scheinbar ohne großen Wert. Madeleine Dietz macht Behälter dafür. Sie schweißt schwere Stahlplatten zusammen und schafft „Tresore“, um sie „nur“ mit getrockneter Erde zu füllen.
Beim Blick auf ihre Kunst wird schnell klar: Erde verkörpert Werden und Vergehen. Und
sofort fällt mir auch der biblische Satz ein: „Von der Erde bist du genommen und zu Erde wirst du werden.“
Ich musste mir überlegen: Wie kann ich denn diese Erde, von der wir essen und trinken, in die wir auch wieder hineingehen - wie kann ich diese Erde aufbewahren? Und da kam ich eigentlich direkt darauf, dass es Schreine für was Wertvolles sein sollten: Schmuck oder Goldbarren. Und für mich ist dann eben das der Platz, wo ich die Erde aufhebe.
Erde ist ja so was wie der „Urstoff“ des Lebens, nicht umsonst auch der Name unseres ganzen Planeten. Und gleichzeitig ist sie auch das Symbol für Vergänglichkeit. Madeleine Dietz musste schon früh im Leben lernen, was es heißt, nahe Menschen zu verlieren und Abschied zu nehmen.
Quasi ist mir das so vor die Füße so als Stolperfalle gelegt worden in diesem Leben. Ich habe es aufgegriffen. Das war mein Glück eigentlich, dass ich mit dem Thema dann arbeiten konnte und auch damit auch abarbeiten konnte.
Gut, dass Madeleine Dietz nicht nur ins Stolpern geraten ist, sondern dieses Stolpern künstlerisch bearbeiten konnte. Für mich wird als Betrachter ihrer Werke sofort spürbar: Ihre Kunst entsteht aus existenziellen und religiösen Fragen. Deshalb sprechen mich ihre Werke sofort an. Sie wirken klar und offen, irgendwie sogar tröstend und weitend.
Genau in dieser Wirkung sind Kunst und Religion ja verwandt. Beide helfen, die Perspektive auf das Leben zu verändern. Und genau das regen auch die Werke von Madeleine Dietz an. Wohl deshalb ist die Bildhauerin sehr gefragt, gerade in Abschiedsräumen und in Kirchen.
Teil 2: Ihre Räume
Die Erde holt sie meistens direkt vom Feld, trocknet sie und füllt sie dann in großformatige „Tresore“, die überall im Atelier rumstehen.
Meine Arbeit – und ich sag‘ jetzt mal Arbeit, nicht einmal Kunst -hat mich ein Leben lang getragen, aber auch beschäftigt, im Schlechten wie im Guten. Ohne diese Arbeit wäre ich nicht dieser Mensch, wäre ich nicht das, was ich geworden bin.
Ein Künstlerleben lang hat die gebürtige Mannheimerin ihre Handschrift verfeinert, vielfach ist sie ausgezeichnet. Für mich ist es zentral, dass Madeleine Dietz im wahrsten Sinn des Wortes ihre „Bodenhaftung“ behalten hat. Sie ist eine Fragende geblieben.
In der Kunst stelle ich ja eigentlich Fragen. Fragen, die ich mir selber nicht beantworten kann. Und dieses Unergründliche dieses Daseins und auch diese Unergründliche von: Was ist, wenn mein Partner geht, zum Beispiel oder wenn eines meiner Kinder sterben würde? Diese große Frage: Was ist denn dann? Ist da nur das dunkle Grab? Ist da nur noch die Asche? Ist da nur noch meine Erinnerung? Oder gibt's da noch was, von dem ich selber keine Ahnung habe?
Madeleine Dietz hat in verschiedenen Krankenhäusern sogenannte Abschiedsräume gestaltet, in denen verstorbene Patienten aufgebahrt werden. Und dann auch Kolumbarien, also Urnengräber auf Friedhöfen oder in Kirchen. Vielleicht wurde sie dazu eingeladen, weil sie sich neben allem Fragen auch auf eine Gewissheit verlässt.
Als Christ sowieso: Wir wissen, was Ostersonntag ist: Es geht um Auferstehung. Es geht um „Weiter“. Der Tod allein besiegt das Leben nicht. Das sind meine Themen, die ich versuche, in so nem Raum darzustellen.
Zugleich fragend und doch voller Gewissheit gestaltet Madeleine Dietz Räume für die Seele. Fast schon klar, dass sie da auch ganz sensibel für Kirchenräume ist.
Ich gehe, wenn ich nen Kirchenraum betrachte, mal davon aus, dass es ganz, ganz viele Menschen sind, die in diesem Raum ihre Nöte, ihre Ängste .. Gott darlegen. In der Hoffnung, Hilfe zu bekommen. Es sind also Treffpunkte von was ganz Wesentlichem.
In dieser Haltung gestaltet Madeleine Dietz Kirchenräume: Mit dem Urstoff Erde gibt sie uns einen Hinweis auf die göttliche Schöpfung. Mit den tresorartigen Stahlbehältnissen zeigt sie aber auch menschliche und industrielle Schaffenskraft. Diese „Signatur“ ist mittlerweile in ganz schön vielen Kirchen präsent: Unter anderem in Stuttgart, Bad Dürkheim und Worms. Im Mainzer Dom zeigt sie gerade eine Installation zum Heiligen Jahr. Und in Mannheim habe ich mich in meiner früheren Gemeinde noch längst nicht an ihrem Altar satt gesehen.
Was für ein Segen, wenn Kunstschaffende wie Madeleine Dietz gleichermaßen gegenwartsbezogen und überzeitlich sein können.
Mehr Infos zur Künstlerin:
https://www.madeleinedietz.de/
SWR1 Begegnungen


Peter Annweiler trifft Nina Roller vom Mannheimer „Studio Herrlichkeit“
Teil 1: Überraschung in Gold
Die Mannheimer Pfarrerin mag es gerne schön. Und sie brennt für überraschende Begegnungen. Beide Vorlieben kann sie jetzt mitten in einer Mall in den Mannheimer Quadraten entfalten:
Wir merken, wenn Menschen vorbeikommen an unserem Pop Up, dann freuen die sich über die Aufmachung, über die Schönheit, über das viele Gold. Und dann gleitet der Blick über das Schaufenster. Und dann steht da Evangelische Kirche Mannheim. Und da sind Menschen schon irritiert. Was macht jetzt die Kirche in einem Laden?
Den Weihnachtsladen hat die 38-jährige zusammen mit der Grafikerin und Gestalterin Valentina Ingmanns entworfen – als Teil des Innovationsprojekts „Studio Herrlichkeit“. Kleine Geschenke kann man zum Beispiel da kaufen: Tassen, Mützen, Socken – mit einem aufgedruckten oder eingenähten Segenswort. Bei meinem Besuch krieg‘ ich zuerst eine Tasse Tee aus einem goldenen Samowar. Und dann seh‘ ich es immer wieder leuchten: Goldene Kerzen am Adventskranz, goldene Tischdecken, goldene Wandbehänge.
Stilprägend ist, dass immer wieder die Farbe Gold auftaucht. Wenn man in die Kunst schaut, wenn man in Kirchen schaut, dann ist die Farbe Gold die Farbe, die für das Göttliche steht. Und Weihnachten bedeutet für uns: Gott kommt in die Welt und dafür steht diese Farbe Gold auch.
Angenehm und wohltuend empfängt mich dieser temporäre kirchliche Ort in der Konsumwelt. Pfiffige Ideen, zugewandte Menschen und viel Herzenswärme umgeben mich. Und doch: In mir ist noch eine skeptische Stimme, die fragt: “Vergoldetes Design in allen Ehren – aber gibt es nicht wichtigeres für die Kirche: Etwa ihre Kraft gegen die Armut einzusetzen?“
Ich glaube, wirklich schön sind Dinge dann, wenn sie auch nicht die Augen verschließen vor dem, was schwierig ist und was wehtut. Und ich glaube, so was Schönes kann auch eine Form der Rebellion sein gegen all das, was schmerzt, gegen alles, was uns besorgt, gegen all das, was uns stresst.
Schönheit als Rebellion gegen das, was schlimm und schrecklich ist. - Ja, so überzeugt mich der Laden und mit ihm Nina Roller: Sie bringt Form und Inhalt, Schönheit und Tiefe zusammen. Und dadurch ist der Laden ein Kraftort in einer taumelnden Welt. Wobei diese Kraft ja ganz unspektakulär aufkommt: Beim gemeinsamen Basteln oder beim Singen von Weihnachtsliedern. In der Dynamik von Begegnung und Gespräch.
Fast wie bei den Begegnungen an der Krippe, wo etwa Hirten und das junge Paar mit dem Kind aufeinandertreffen. Auf solche Momente wartet Nina Roller.
Ich liebe die Überraschung. Ich liebe, dass ich selbst überrascht werde in der Begegnung mit Menschen. Von ihren Gedanken, von ihren Fragen, von ihrer Offenheit, von dem, was entsteht, wenn man sich wirklich füreinander öffnet.
Teil 2: Ganzjährig glänzend
Ihr „Christmas Pop Up“ ist Teil von „Studio Herrlichkeit“ – und mit dem steht Nina Roller für innovative Formate in der Kirche. Zusammen mit ihrer Kollegin, der Grafikerin und Gestalterin Valentina Ingmanns, hat sie dafür ein frisches Erscheinungsbild entwickelt.
Irritationen stiftet für manche der Stil, also der doch sehr popkulturaffine, moderne Stil, der auch mit einem Augenzwinkern daherkommt.
Und der zeigt sich auch bei dem unkonventionellen Namen „Studio“. Nina Roller hat sich gut überlegt, was sie damit verbindet.
Zum einen eine Versuchsbühne, wenn man innovativ Dinge gestalten will. Dann verbindet sich für mich mit dem Studio zum anderen das Fitnessstudio. Das heißt, ein Studio ist ein Ort, an dem ich zu Kräften komme, im besten Falle. Und dann das Atelier: Das Kunst-Studio. Kreative Kirche sein ist uns wichtig. Und dann ist das Studio ja auch die lichtdurchflutete Wohnung.
Auch für den Namen „Herr“lichkeit hat sie gute Gründe gefunden, gerade wenn zwei Frauen dieses Studio leiten.
Die Herrlichkeit ist im Alten Testament übrigens eine weibliche Facette Gottes, ganz anders als der Name es im deutschen Sprachgebrauch nahe legt und es passt auch gut zu Weihnachten: Jesus kommt in die Welt, Gott kommt in die Welt – lässt sich gut in Verbindung bringen mit der Einwohnung Gottes in die Welt.
Wichtig ist Nina Roller, das Kreative und Innovative mit theologischem Tiefgang zu verbinden. Sie weiß, dass Segen nicht „konservierbar“ ist – und dass heilige Momente nicht „produzierbar“ sind. In dieser Haltung bietet sie „Glanz-Momente“ an: In einem Segenszelt auf dem Maimarkt, mit besonderen Beats zum Tanz im Kirchenraum, oder jetzt in einem Weihnachtsladen.
Wenn ich sage: Etwas ist herrlich, dann sind das Momente, in denen ich spüre: Da ist für einen Moment zumindest eine Erfüllung da. Und solche Momente wollen wir generieren und verschenken. Und das ist dann so eine Art Holy Glow, also ein heiliger Glanz, der sich ins Leben legt.
Im Gespräch mit Nina Roller spüre ich: Die Frau ist genau richtig bei diesem Projekt: Sie macht es Menschen leicht, Kirche sympathisch zu finden. Und bei allem Glanz und Glitter bleibt sie auch dem Schweren verbunden.
Ich bin natürlich immer wieder herausgefordert. Dadurch, dass die Welt überhaupt nicht nur herrlich ist und das auch in meinem pastoralen Handeln, also in dem, was ich predige und auch in dem, wie ich Seelsorge mache, nicht wegzuleugnen. Auch im Sinne dessen, was mein Auftrag ist: die Hoffnung und die Freude groß zu machen. Aber eben nicht blind für das, was schmerzt.
Hoffnung und Freude stärken – und gleichzeitig das Schmerzhafte sehen. Das ist die starke Basis von Kirche, längst nicht nur beim „Studio Herrlichkeit“ und längst nicht nur zur Weihnachtszeit.
Mehr Infos zu Studio Herrlichkeit, dem Innovationsprojekt der Ev. Kirche Mannheim und seinem Christmas Pop Up (bis 04.01.25)
https://studioherrlichkeit.de/
https://www.kirche-im-swr.de/?m=41258SWR1 Begegnungen

Peter Annweiler trifft Anahita Azizi, Aktivistin von Frauen.Leben.Freiheit
Teil 1: Mutiges Engagement
Sie ist klug, sanft und engagiert - für Menschenrechte im Iran. Tief bewegt bin ich, als Anahita Azizi bei einer Ausstellung von Frauen- und Kinderzeichnungen in Mannheim spricht. Jetzt habe ich mich mit ihr verabredet und will mehr von der Aktivistin erfahren, die sich bei Frauen.Leben.Freiheit. engagiert. Schnell erzählt sie mir ihre Migrationsgeschichte.
Ich bin mit viereinhalb Jahren nach Deutschland gekommen, und damals sind wir geflohen, und das politische Asyl wurde hier gewährt. Und irgendwann war es dann möglich, mal zurückzugehen als Erwachsene. Das war spannend zu sehen, wie offen die Menschen sind, dass sie immer ein Spruch auf den Lippen, ein Lächeln auf den Lippen haben, neugierig sind, herzlich und gastfreundlich.
So wertvoll: Mit den eigenen Wurzeln in Kontakt zu bleiben. Gerade, weil Anahita Azizi es geschafft hat, in Deutschland zu Hause zu sein und beruflich erfolgreich in der IT-Branche zu arbeiten. Doch der Blick ins Land der Mullahs ist seit 45 Jahren beschwert.
Jetzt ist es aber so, dass diese Liebe zum Heimatland der Eltern, auch der eigenen Wurzeln, auch mit Schmerzen verbunden ist. Wenn man die Liebe dahin empfinden möchte und diese Sehnsucht, dann öffnet man den Kanal nicht einspurig, sondern mit ihr kommen furchtbare Bilder vom Leid anderer Menschen, vom Tod anderer Menschen, von den Mark erschütternden Schreien von Menschen. Diesen Kanal zu öffnen, das war eine bewusste Entscheidung, und das hält dich nachts wach. Und das muss man sich gut überlegen, ob man sich dem hingeben möchte.
Anahita Azizi nimmt schlaflose Nächte in Kauf und geht hohe persönliche Risiken ein. Wie mutig. Wie entschlossen. Alles, weil die Mittdreissigerin an Leib und Seele erleiden musste, was Machtmissbrauch zerstören kann. Und deshalb will sie nicht, dass andere ähnliches erleiden.
Wenn wir uns den Iran angucken, dieses fundamentalistische Regime, dann habe ich in meiner eigenen Familie erlebt und auch in meinem Herzen, dass man das Gefühl hat, dass einem nicht nur die Heimat genommen worden ist, sondern Gott selbst - und das ist eine große Ungerechtigkeit.
Sogar Gott wird einem genommen. Religiöser Fundamentalismus zerschlägt und zerstört so Vieles. Klar, dass die Exil-Iranerin da der Religion gegenüber erst mal reserviert geblieben ist. Und doch hat sie, die keine Christin ist, sich eine Hoffnung bewahrt.
Es ist ein Glaube, dass es besser werden kann und dass, wenn wir daran basteln und daran arbeiten, uns auch wieder zur Erinnerung rufen: Wie wollen wir eigentlich mit den Schwächsten umgehen auf der Welt?
Sich einzusetzen für die Schwachen - das kann die Welt verändern. Und das ist ja auch eine Wurzel des Christentums. Deshalb spornt mich Anahita Azizis Haltung „von außen“ auch als Christ an.
Teil 2: Besonderes Bündnis
Sie hat zum Beispiel in der Mannheimer CityKirche Konkordien eine Ausstellung begleitet. Gezeigt wurden Bilder von Frauen und Mädchen aus dem Iran.
Ein Bild, das mich besonders mitgenommen hat, ist ein großes Bild einesMädchens mit wallenden langen Haaren. In diesen Haaren war eine ganze Welt. Da waren Tiere drin, das war Spielzeug abgezeichnet. Es war, es waren Figürchen. Es war so viel in diesem Haar, und ich schätze: Das muss das erste Jahr gewesen sein, dass sie dann ein Kopftuch hat tragen müssen
Sie, die über sich sagt: „Die Mullahs haben mir auch Gott genommen“, hat keine positive Erfahrung mit Religion gemacht. Denn die steht in Anahita Azizis Leben für Kopftuchzwang, Frauenfeindlichkeit und Diktatur. Deshalb war eine Ausstellung in einer Kirche für sie ungewohnt. Aber sie hat schnell gespürt: In der kirchlichen Menschenrechtsarbeit findet sie Verbündete – und erkennt, wie Religion Menschen auch positiv prägt.
Ich selber, ich habe das Gefühl nicht, Ehrfurcht zu erleben, wenn ich vor einer prunkvollen Kirche stehe oder Kathedrale. Was mich überkommt, ist das Fremdsein, die Etikette, nicht gern aufzufallen, dass man sagt: „Was macht die hier?“ - Und das Gefühl hatte ich keine Sekunde. Und ich bin seither in vielen Kirchen gewesen, auch in der katholischen Kirche und durfte dort sprechen. Also es erweitert sich jetzt, und das war ein starkes Gefühl, das mich innerlich gestärkt hat: Zu wissen, was möglich ist – Wahnsinn
Eine aufgeklärte, selbstkritische Religion – die kannte Anahita Azizi bisher nicht.
Für mich war die Erfahrung sehr neu, dass die größte Kritik an der evangelischen Kirche aus der evangelischen Kirche selbst ist, das war für mich so überwältigend zu sehen: dieses kritische Denken, dieses sich selbst Hinterfragen.
Und dann überrascht sie mich, wenn sie mir sagt, wie weit sie für kirchliches Engagement in Menschenrechtsfragen in ihren Kreisen gehen würde:
Soweit mich meine Füße tragen! - Ich habe tatsächlich das schon machen müssen. Das Projekt mit der Kirche, die Kunstausstellung zu verteidigen und zu sagen wir haben uns das wohlüberlegt. Und da kann ich schon überzeugend für die Kirche sprechen.
Für mich ein innerer Ansporn: Wenn Menschenrechtsaktivisten überzeugt von Kirche sprechen. Eben, weil sie in der Begegnung mit Christen spüren: Es geht im Christentum nicht um Kirchenmitglieder. Es geht um Gerechtigkeit und Würde für alle.
Schön, dass die Zusammenarbeit rund um die Ausstellung zu Frauen.Leben.Freiheit im November weiter geht. Wieder in einer Kirche. Und dass die mutige und kluge Anahita Azizi auch in der Speyrer Gedächtniskirche wieder engagiert dabei ist.
Mehr Infos zur Ausstellung Frauen.Leben.Freiheit. in Speyer:
https://www.speyer.de/de/familie-und-soziales/frauen/ausstellung-frau-leben-freiheit/

SWR1 Begegnungen


Peter Annweiler trifft Dorothee Höfert, im Feld von Kunst und Religion engagierte Kunsthistorikerin
Teil 1: lebensgeschichtlich und klassisch
Stundenlang kann ich ihr zuhören: Dorothee Höfert erzählt frisch, fundiert und humorvoll. Die Kunsthistorikerin bringt Schwung in die Bude. Beruflich hat sie den als Leiterin der Kunstvermittlung in die Mannheimer Kunsthalle getragen. Immer wieder ist sie auch davon begeistert, wie Kunst und Religion zusammenwirken können.
Wenn man zumindest mal den Verlauf der 2000 Jahre europäischen Kunst sehen will, dann kommt man ja nicht umhin, sich auch mit theologischen oder religiösen Fragestellungen zu beschäftigen. Denn ein Großteil der auf uns gekommenen Kunst ist religiös, und da war ich dann immer ganz munter dabei.
Diese Munterkeit von Dorothee Höfert gefällt mir. Egal, ob zeitgenössisch oder traditionell. Egal ob Kirche oder Museum. Da spricht eine Frau, deren Herz höherschlägt, wenn die Geschwister Kunst und Religion zusammenfinden.
Mich fasziniert, wie früh das für die 63jährige angefangen hat: In ihrer Kindheit in einfachen Verhältnissen in Norddeutschland.
Ich habe sehr früh lesen gelernt und stöberte in den Büchern, den wenigen, die es bei uns zu Hause gab, und vor allen Dingen an den langen Winterabenden. Und dort ist ein Buch ganz wichtig für mich geworden. Das hieß tausend Jahre deutsche Malerei. Ein Prachtband, den ich bis heute besitze und ich konnte diese Texte überhaupt nicht verstehen. Kunsthistorisches Kauderwelsch -
aber eben die Bilder: Die erreichen nicht nur Kinder schnell, direkt und emotional. Noch Jahrzehnte später erinnert sich Dorothee Höfert an ein besonderes Bild:
Es ist ein Gemälde aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Michael Pacher ist der Autor. Es ist eine Altartafel. Ich bin ziemlich sicher, dass es der heilige Antonius ist. Und der steht vor einer grünen Dämonengestalt mit vielen Augen und Hufen. Und diese Dämonengestalt hält ihm ein aufgeschlagenes, riesiges Buch hin. Die Begegnung eines würdig gekleideten Kirchenmannes mit einem Dämon. Also eine solche Figur würde man auch heute in irgendeinem Horrorfilm sofort einbauen können - das fand ich ungeheuerlich, dass sich da zwei Sphären auf Augenhöhe begegnen und offenbar miteinander kommunizieren.
Faszinierend, was Kunst ganz ohne Worte sichtbar machen kann: Gefühle, Lebenslagen und -fragen. Manchmal gar nicht „schön“, sondern ungeheuerlich und ungewohnt. Eine grüne Dämonengestalt mit Hufen hält einem Heiligen ein Buch hin. Das Teuflische und das Heilige begegnen sich. Kunst weitet den Blick. Hin auf das, was unsere Augen so nicht im Alltag sehen können. Und genau darin ist sie mit der Religion verwandt: Dass wir mit neu geöffneten Augen ganz andere – und womöglich größere, göttliche - Zusammenhänge sehen, in denen wir Menschen stehen.
Teil 2: zeitgenössisch und interreligiös
Bei ihren Führungen in der Mannheimer Kunsthalle beobachtet die Kunsthistorikerin gerade bei zeitgenössischer Kunst, dass die Leute
ganz schnell sich zurückziehen und sagen, das verstehe ich nicht. Es spricht mich nicht an, das ist hässlich, oder das ist ja gar keine Kunst, weil sie zu schnell vielleicht sich abschrecken lassen von etwas, was erstmal tatsächlich auch Fragen aufwirft. Das geht mir nicht anders.
Ganz entlastend finde ich das, wenn auch die Fachfrau erst mal irritiert ist. Und dann hilft sie mit ihrer Kompetenz eben doch, „dran“ zu bleiben: Sie verhindert, dass ich mich abwende – und trägt dazu bei, dass ich geduldig und neugierig auf ein Kunstwerk blicke.
Was ist da eigentlich los? Denn wenn es gute Kunst ist, dann ist es etwas Menschliches. Dann fließt etwas von dem Menschen, der es gemacht hat, hinein in das Werk. Und ich kann das herausnehmen. Ich kann das versuchen zu verstehen. Ich komme in Kontakt mit etwas, und das kann mich im besten Fall faszinieren, kann mich weiterbringen, kann mich zu einer neuen Sicht auf die Welt stimulieren.
Kunst bildet nicht das Sichtbare ab, sondern macht sichtbar – sagt der Maler Paul Klee – und eben darin bleibt sie für mich verwandt mit Religion. Dabei brauchen zumindest meine Augen für das Sehen des Neuen oft eine Sehhilfe. Dorothee Höfert engagiert sich schon lange für diese Sehhilfe. Deshalb hat sie Gespräche zwischen Kunst und Religion in die Kunsthalle gebracht. Denn sie findet,
dass man auch da ein Angebot schaffen muss. Und wie soll das aussehen? Und dann hab ich gedacht, na ja, ich bin keine Theologin. Ich bin Kunsthistorikerin. Ich würde das ganz gerne mit jemandem zusammen machen, der sich fachlich theologisch dazugesellt. Und auf diese Weise haben wir ganz allmählich etwas aufgebaut, was jetzt 15 Jahre später sogar noch erweitert worden ist. Einfach weil sich das Interesse daran ergeben hat. In … Mannheim, wo ganz viele Muslime auch leben, wo es eine rege jüdische Gemeinde gibt, zu sagen wir bauen das aus in ein interreligiöses Gespräch
- und gerade das lockt bei ihren monatlichen Gesprächen im Feld von Kunst und Religion viele Gäste in die Kunsthalle. Wenn ich an so einem Gespräch teilnehme, dann spüre ich, wie diese Geschwister Kunst und Religion wieder zusammenfinden. Und darüber hinaus sich auch die Religionen auf das besinnen, was sie vereint…
Mir fällt da ein Begriff gerade ein: existenziell. Den Menschen betreffend, menschliche Fragen betreffend, wo kommen wir her? Wo sind wir? Wo gehen wir hin?Gibt es Hoffnung? Ist das Leben zu Ende? Wenn wir sterben, geht es darüber hinaus.
Über diese großen existentiellen Fragen sind Kunst und Religion verbunden. Dorothee Höfert lässt mich neu spüren, wie lebendig diese Verwandtschaft ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=40116SWR1 Begegnungen

Am Bildschirm bin ich mit Kerstin Söderblom verabredet. Ihr Buch „Queersensible Seelsorge“ hab‘ ich gerne gelesen und frage die Mainzer Hochschulpfarrerin erst mal, woher das Wort „queer“ eigentlich kommt.
Es heißt auf deutsch so was wie komisch, seltsam, verrückt, pervers. Es ist ein englisches Wort und ist eigentlich ein Schimpfwort für Lesben, Schwule, Trans- und Inter-Personen. Dieses Wort hat eine interessante Wendung gemacht. In den 80er/90er Jahren ist aus diesem Wort eine stolze Selbstbezeichnung geworden
„Queer“ – das klingt für manche ganz selbstverständlich. Anderen bleibt das Wort fremd und sie fragen sich, ob es keine wichtigeren Themen gibt. - Kerstin Söderblom hat ihr Buch nun deshalb geschrieben, weil sie als Seelsorgerin herausgefunden hat: Es gibt gerade bei vielen jungen Menschen große Themen und Fragen rund um ihre sexuelle, geschlechtliche und religiöse Identität.
Mein Ziel war es, meine ersten drei Jahre als Hochschulpfarrerin auszuwerten, weil mir dort von meiner ersten Minute an sehr, sehr viele queere Personen begegnet sind, die bei mir Seelsorge und Beratung gesucht haben. Das war zunächst nicht zufällig. Ich bin selber offen lesbisch und das ist bekannt. Trotzdem war es für mich bemerkenswert, wie viele junge Studierende, Anfang zwanzig, im Grunde gekämpft haben mit ihrem Coming-out oder mit Fragen der Transition, also geschlechtsangleichenden Maßnahmen - und immer in Kombination mit Religion.
In diesen Begegnungen wird Kerstin Söderblom klar, wie wenig sich eigentlich geändert hat. Und das ist sehr auffällig, denn schließlich stimmt es doch auch, wenn die 60-jährige feststellt, was sich den letzten 30 Jahren verändert hat.
Kirchenrechtlich sind wir in den evangelischen Kirchen in Deutschland sehr viel weiter gekommen. Es gibt keine wirklich starke Form der Diskriminierung mehr, sondern Gleichberechtigung bis hin zur Trauung. Transpersonen müssen vielleicht die Gemeinde wechseln, aber es gibt absolut Anerkennung, dass selbstverständlich Transpersonen existieren und genau wie alle anderen Gottes geliebte Kinder sind.
Was theologisch richtig ist, ist eben noch lange keine selbstverständliche kirchliche Kultur. Was jahrhundertelang gelehrt wurde, lässt sich wohl auch nicht in einer Generation verändern. Und manchmal erleben queere Menschen Kirche auch als unglaubwürdig, weil zwar gesagt wird, dass „alle“ willkommen sind, aber sie dann doch ganz schnell spüren, dass sie gemieden oder ausgegrenzt werden. Oft ist ja auch vorausgegangen, dass
queere Personen sehr schlechte Erfahrungen in Kirchenräumen gemacht haben, in Gruppen, die gesagt haben, dass queere Personen sündig sind oder nicht gottgewollt sind oder Christ*innen zweiter Klasse.
Und deshalb gibt es immer noch einen hohen Bedarf an queersensibler Seelsorge – und es braucht eine Brückenbauerin zwischen schlechten und besseren Erfahrungen, zwischen gestern und heute, zwischen queerer und kirchlicher Welt. Die Mainzer Hochschulpfarrerin wandert gerne zwischen Welten, die auf den ersten Blick nicht zusammen gehören.
Ich bin zwar Theologin und Pfarrerin, gleichzeitig auch lesbische und queere Aktivistin und setze mich sehr mit Fragen von sozialer Gerechtigkeit und Menschenrechten auseinander. Da sehe ich mich als Brückenbauerin zwischen denen, die häufig gesellschaftspolitisch unterwegs sind und die zum Teil mit Kirche oder religiösen Kreisen überhaupt nichts zu tun haben. Und umgekehrt religiöse Kreise, die nicht so viel mit säkularen Menschenrechtsaktivisti*innen zu tun haben.
Brückenbauen zwischen Menschen und Gruppen. Schon im römischen Reich eine priesterliche Aufgabe – und auch der Papst hat ja den Titel Pontifex Maximus, größter Brückenbauer. Kerstin Söderblom sieht ihre Begabung zum Brückenbauen vor allem seelsorglich. Sie erzählt mir davon, wie
ein schwuler Mann, der mit seinem Partner schon viele Jahre zusammen lebte … aus dem Nichts an einem Herzinfarkt gestorben ist. Und das Problem war, dass die Eltern dieses schwulen Mannes nicht wussten, dass der Mann schwul ist und auch den Partner nicht kannten. Und nun ging es darum, wo wird der Mann beerdigt und wie wird diese Traueransprache gehalten, ohne dass da immer nur die Hälfte der Geschichte erzählt wird.
Und dann baut Kerstin Söderblom tragende Brücken: Sie bringt Partner und Eltern zusammen – und sie gestaltet eine für beide Seiten stimmige Beerdigung. Sie macht sensibel dafür, dass alles auch ganz anders sein kann. Sie lädt ein, die verborgenen Seiten des Lebens zu erahnen, zu würdigen und freizulegen. Ihre starke Motivation zum Brückenbauen schöpft sie aus der Erfahrung,
dass queere Menschen, die sich selbst als gläubig oder religiös bezeichnen, häufig solche sind, die zwischen allen Stühlen sind. Nämlich in der queeren Community häufig schräg angeguckt werden, weil sie noch was mit Religion und Kirche zu tun haben. Und in der … kirchlichen Welt, weil sie queer sind – und deshalb finde ich es gerade wichtig, dass kirchliche Orte da 'ne Sensibilität dafür haben, dass gerade diese Personen auch in religiösen Kreisen respektiert und angenommen werden.
Und in dieser Willkommenskultur geht es in meinen Augen nicht darum, die Interessen einer queeren Minderheit oder Lobbygruppe zu berücksichtigen. Es geht darum, eine Gemeinschaft zu sein, in der es sich erübrigt, in Kategorien von richtig und falsch, von stark und schwach, von Vielen oder Wenigen einzuteilen. Es geht um die ganze Kirche und um die Herzensmitte des Glaubens.
Das ist doch der christliche Auftrag, zu sagen: Du bist Gottes geliebtes Kind, in Gottes Ebenbild gemacht. Herzlich willkommen!
Mehr von Kerstin Söderblom:
Buchtipp: Kerstin Söderblom, Queersensible Seelsorge, Göttingen 2023

SWR1 Begegnungen
Peter Annweiler trifft Ingo Bracke, Lichtkünstler und Chefbeleuchter
Teil 1: Urstoff Licht
Er kennt sich aus mit Licht: Ingo Bracke ist seit langem Licht-Künstler und seit kurzem Beleuchtungschef des Nürnberger Staatstheaters. Und weil ich heute das weihnachtliche Licht „beleuchten“ möchte, besuche ich den 51-Jährigen in seinem Atelier in der Westpfalz.
Kabel und Scheinwerfer von seinem letzten Projekt sind noch nicht weggeräumt – da sprudelt es schon aus dem flinken und feinfühligen Mann heraus.
Das unglaubliche Tolle, mit Licht zu arbeiten, ist, dass es ein Medium ist, das sehr, sehr stark ist – also was ich einsetze. Und plötzlich ist der Raum ganz anders. Und gleichzeitig ist es aber auch sehr zart.
Das hab‘ ich auch schon bei einem Weihnachtsprojekt mit ihm erlebt: Ganz zart und doch sehr kräftig ist der Kirchenraum da in eine ganz andere Farbe, Temperatur und Schwingung geraten. Ein anderes Licht legt sich durch Ingo Brackes Schaffen über vertraute Konturen und Räume, sogar über Landschaften: Ins Ahrtal, wo er geboren ist, hat er nach der Flut künstlerische „LichtBlicke“ gelegt. Und der Loreley im Mittelrheintal hat er die Schroffheit genommen und nachts mit geheimnisvollen Lichtzeichen überkleidet.
Um überhaupt mit Licht arbeiten zu können, braucht man die Dunkelheit. Das heißt, ich sag dann gern ein bisschen flapsig: Ich bin ein Verdunklungskünstler, ein Nachtkünstler, ein Verdunklungskünstler und ich modelliere dann aus der Dunkelheit wieder etwas heraus.
Ohne die Erfahrung von Dunkelheit keine Wertschätzung des Lichts. Und gerade weil es durch das Kunstlicht für uns selbst im Winter immer weniger Dunkelheit gibt, ist uns womöglich auch das Erstaunliche und Geheimnisvolle des „Urstoffs“ Licht verloren gegangen.
Wenn man sich‘s aus der Physik anschaut, dann merkt man: Das ist so gar nicht greifbar: Es gibt ne Teilchentheorie – das ist also irgendwie ein Ding – und dann gibt es eine Wellentheorie – da verhält es sich ganz anders. Das ist nicht zu vereinbaren. Und eigentlich dürfte es so was gar nicht geben in unserer Welt und trotzdem ist es da.
Zumindest können wir eben Licht naturwissenschaftlich nicht vollends erfassen. Und das ist für mich auch eine weihnachtliche Einsicht: Licht und Leben sind eben nicht gänzlich zu ergründen, dafür aber wunder-bar und gott-gewollt.
Das Licht bricht sich Bahn in diese Welt und Gott Vater, der dann so was gebärendes ist, also nicht nur männliche Qualitäten, sondern auch weibliche hat, ist der, der dann diesen abstrakten Mega-Geist umbiegt, da sind wir wieder bei der Teilchentheorie mit dem Licht: Licht ist Welle und gleichzeitig Teilchen. Irgendwie schafft es dann dieser Gottvater aus der Welle ein Teilchen zu machen. Und das Teilchen ist dann – der Sohn. Oder sichtbar für uns Menschen.
Zuerst komme ich bei diesen Gedanken kaum mit. Doch dann staune ich über die Weihnachtsbotschaft des Künstlers so ganz ohne Maria, Josef und das Krippenkind: So wie Licht beides ist - Welle und Teilchen - so ist Christus Gott und Mensch. So wie Licht wirkt – ohne dass wir genau sagen können, wie – so wirkt der mensch-gewordene Gott. Durch ihn wird es hell in der dunklen Welt. Das feiern wir an Weihnachten.
Teil 2: Weihnachten – erhellend und liebevoll
Ingo Bracke arbeitet künstlerisch mit Licht. Seit Anfang Dezember ist der 51jährige auch Chefbeleuchter am Staatstheater Nürnberg.
Ich bin als Quereinsteiger ans Theater gerutscht –… und da geht es ums Geschichtenerzählen mit Licht. Und genau das ist, was sich immer weiter durch mein Leben zieht: Ich erzähle Geschichten mit Licht an besonderen Orten.
Und dabei kommt es ja immer drauf an, wie man eine Geschichte erzählt. Oder im Fall des Lichtkünstlers: Wie man eine Geschichte inszeniert und beleuchtet.
Schon in der Bibel ist das so: Die Evangelisten Lukas und Matthäus erzählen ganz anders von Weihnachten als Johannes. Die einen mit Darstellern, Handlung und „Story“, mit einer dramatischen Geburtsgeschichte, mit Hirten, Engeln und Königen. Der andere mit philosophischen Begriffen und mit der Wirksamkeit des Lichts. „Das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“ heißt der Weihnachtssatz des Johannesevangeliums. Ingo Bracke sagt das eine Menge:
Das Bild von Johannes ist ja genau das: Es ist erst mal eine Welt, die dunkel ist. Und das Tolle ist, dass das Licht aus irgendeinem Grunde diese Dunkelheit erhellt – und wenn man jetzt wieder in die Physik geht – das sind ja alles ungeklärte Sachen: Es ist irgendwie dunkle Materie, das heißt: rein faktisch ist es so: Wir haben ein dunkles Universum und das Licht geht da durch und es wird nicht geschluckt.
Dass Licht wirkt und sich nicht die Dunkelheit durchsetzt – das ist also gar nicht selbstverständlich. Für mich heißt das: Weihnachten wird es, wenn ich neu staune über die Kraft und Dynamik des Lichts - eben auch in „finsteren“ Zeiten wie der unseren mit ihren Kriegen und Krisen.
Kreative und Kunstschaffende wie Ingo Bracke regen genau dieses erhellende Staunen an, indem sie altbekannte Symbole und Zeichen neu inszenieren und kombinieren.
Also das stärkste Symbol ist das Herz. Und das taucht ja nicht ganz umsonst ganz oft auf. Es gibt diese Christusdarstellungen, wo dieses Herz leuchtet. Schlussendlich ist es ein megastarkes Symbol und wenn man es schafft, es aus der Verkitschung zu holen, dann ist es unglaublich!
Und weil der Lichtkünstler offen für die Verbindung von Kunst und Religion ist, findet sich in seiner Kunst auch eine geistliche „Herzensspur“.
Es ist halt nicht nur physisch das Herz, sondern es ist auch metaphysisch - und Liebe ist auch das stärkste metaphysische Instrument, was wir in der Zwischenmenschlichkeit haben. Deshalb sind ja auch die meisten Religionen extrem auf Herz, auf die Nächstenliebe und die Liebe fokussiert.
Eigentlich kenne ich diese Bilder ja schon lange: Licht und Herz. Aber Ingo Bracke hat sie mir bei unserem Ateliergespräch wieder frisch zum Leuchten gebracht. Deshalb kann ich heute neu sagen: Weihnachten ist das Fest der Liebe und des Lichts.
Und so wünsche ich Ihnen heute einen er-hellenden und liebe-vollen Weihnachtstag!
Mehr zur Kunst von Ingo Bracke:
https://ingobracke.de
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