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16OKT2022
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Gerhard Marcel Martin Foto: privat

Peter Annweiler trifft Gerhard Marcel Martin, Theologieprofessor und Autor des Buches „Sehnsucht leben

Sehnsucht – ein Unruheherd?

An ihm hat mich immer beeindruckt, wie kreativ und weit er denken kann und dabei doch genau bleibt. Schon als ich bei ihm studiert habe, hat mir gefallen, wie der Marburger Theologieprofessor Religion mit Kultur und Psychologie im Gespräch hält. Jetzt habe ich ihn wieder besucht, weil er ein Buch über Sehnsucht geschrieben hat. In seinem Spätwerk hat sich dieses Motiv immer öfter bemerkbar gemacht, sagt er – und lädt ein, genauer hinzuschauen.

Sehnsucht ist so weit zu fassen als Phänomen, dass sie eigentlich ne Unruhe, einen Unruheherd in allen Lebensbereichen ist.

„Unruheherd“? –  Sehnsucht gibt sich nicht mit dem zufrieden, was ist. Sie treibt mich weg von dem, was mich im Moment umtreibt – und führt mich zu dem, was womöglich wesentlich ist. Ja, so passt es für mich auch in unsere Tage:  Gerade wenn ein Krieg grausam wütet, wird meine Sehnsucht nach Frieden erst recht geweckt!

Wohin zielt die Sehnsucht: Kann Sehnsucht gestillt werden oder ist sie unstillbar? Und ich gehe davon aus, dass Sehnsucht tatsächlich nicht erfüllt wird. Aber alles beginnt mit der Sehnsucht- und wo Sehnsucht sich erfüllt, dort bricht sie noch stärker auf.

Sehnsucht richtet sich also auf ein unerreichbares Ziel. Vielleicht ist sie wie ein Motor, der auch in verzwickten Zeiten und nach schweren Enttäuschungen am Laufen bleibt. Ihre Geschwister Optimismus und Hoffnung scheinen ihr gegenüber schneller am Ende. 

Optimismus ist ziemlich „pausbackig“, oft – und lässt den Schmerz  draußen. Hoffnung ist schon sehr viel aufgerauhter und enttäuschbarer und offen, während Sehnsucht demgegenüber geradezu diffus und unbestimmt ist, was aber auch ihre Stärke ist.

Ich weiß es ja von mir: Schmerzhaft ist mein Optimismus zerbrochen,  dass dieser Krieg schnell vorbei gehen kann. Und meine Hoffnung, dass es nicht so viele Tote geben möge, war schnell zerstört. Meine Friedenssehnsucht aber lebt noch.

Darin ist Sehnsucht womöglich auch wie eine Bewegung auf Gott hin – sie führt nicht auf ein behagliches Ruhekissen, sondern ist ein Unruheherd, der mich davor bewahrt, zu schnell zufrieden und beruhigt zu sein. Sie ist also auch ein Motor, nicht aufzugeben.

Und das ist die Dynamik der Sehnsucht, die auch dazu antreibt, es also nicht bei der inneren Erfahrung sein zu lassen und auch dazu ermuntert, in den sozialen Aktivitäten andere Spuren, einen Tiefgang, einen spirituellen, aber auch einen politischen, zu bewahren.

Sehnen und Suchen

Gerhard Marcel Martin hat ein Buch mit dem Titel „Sehnsucht leben“ geschrieben. Für den emeritierten Marburger Professor der Praktischen Theologie hat Sehnsucht viel mit dem Kern von Religion zu tun: Hoffnung und Verzweiflung, Glück und Schmerz finden in ihr zusammen. Gerade in Krisenzeiten treibt sie über Rückschläge und Enttäuschungen hinaus. Religion und Sehnsucht gehören für Gerhard Marcel Martin aus einem ganz einfachen Grund zusammen:

Religion ist ein Lebensphänomen und kein Denkereignis. Und von da aus muss sie und ist auch immer mit Lebenserfahrung  und mit Enttäuschung und Schmerz und Sehnsucht verbunden.

Das gefällt mir: Religion ist nichts Exklusives - etwa nur für Kirchenmitglieder. Sie gehört mitten ins Leben: Als ein „Lebensphänomen“ hält sie Schmerz und Sehnsucht verbunden.  Sie gehört zu einem Drang, der sich manchmal gar nicht aussprechen lässt, so tief ist er im Grund des Lebens angelegt.

Das Klassische ist bei Paulus, dass die ganze Schöpfung sich sehnt nach der Erlösung, nach Lösung, nach Freiheit – und dass dies zum Ausdruck gebracht wird über ein Stöhnen, über ein Seufzen, also etwas Vorsprachliches, aber zutiefst Leibhaftiges.

Ja, manchmal möchte ich auch nur noch Stöhnen und Seufzen über den Unfrieden, das Taumeln unseres Planeten und die Rückfälle im politischen und menschlichen Bemühen.

In seinem Buch geht Gerhard Marcel Martin davon aus, dass wir genau so – auch im Stöhnen und Seufzen - „Sehnsucht leben“ können.

Sehnsucht ist unterbestimmt und kann  den Zielgegegenstand (schmunzelt), das Ziel gar nicht benennen, weil es in die Weite und ins Offene geht, was lebensdienlich ist, aber auch gefährlich sein kann. Und in dem Sinn kann aus Sehnsucht auch eine Abhängigkeit und eine Sucht werden

- und dabei kann Sehnsucht krank machen, weil sie immer weg zieht von dem, was ist. Und weil Menschen manchmal versuchen, die Sehnsucht mit Suchtmitteln ruhig zu stellen.

Und in dem Sinn müsste auch Sucht-Therapie befreien durch ein Lernen der Sehnsucht. Aus der Sucht kommt man nur heraus, wenn man in die Sehnsucht um-steigt…

Mir gefällt die kreative Nach-denklichkeit, mit der Gerhard Marcel Martin denkt, spricht und schreibt. Er berührt mich mit dem, was er aus Psychologie und Religionswissenschaft, aus Musik, Kunst und Bühnenwelt zusammen trägt

Wenn Religion diesen Anschluss an die Weite der Kultur und die Weite menschlicher Erfahrung verliert, dann ist sie „Plastik“ und verliert den Lebensatem.

 

Buch-Tipp:
Gerhard Marcel Martin, Sehnsucht leben, Stuttgart 2022

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36338
21AUG2022
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Rebecca Anderson

Peter Annweiler trifft Rebecca Anderson, Pfarrerin und Storyteller in Chicago

Kirche in der Kneipe

Sie hat Humor. Sie liebt es, unkonventionell zu sein. Und sie ist Pfarrerin von GILEAD, einer humorvollen, unkonventionellen, junge Gemeinde im Norden Chicagos. Dort, in Chicago, durfte ich mich ein Vierteljahr umschauen an der Uni, in den Kirchen und in der Stadt. Und ich muss Ihnen hier im Radio einfach von GILEAD und Rebecca  erzählen. Frische Ideen für die Kirche verdienen Aufmerksamkeit.   

The phrase “queer story telling bar church” will make people’s head turn So it’s a short cut, that even though you and I know,  that plenty of Christians drink beer, for other people who are steeped in a special kind of American evangelism it just cuts through noise. 4.45 It says something to the people who it’s for. It says: We mean it. It really is different.

 

Das Motto weckt die Leute auf. Ohne Umschweife.  -  Klar, für viele ist es kein Widerspruch, wenn Christen Bier trinken. Aber manche stecken fest in einer speziellen Art von amerikanischem Evangelikalismus. Und genau zu denen spricht unser Motto. Es macht klar: Wir meinen es ernst und es ist wirklich anders.

 

„Queer storytelling bar church“.  - Soll das heißen: Kirche in der Kneipe? So richtig regelmäßig für PartyPeople mit Pop und Rock? Und offen für Schwule, Lesben und Transpersonen, die ihre Geschichte da erzählen?
Ja – so kann man es erleben, wenn nicht gerade Corona ist. Ich jedenfalls bin bis heute baff über diese Mischung aus Musik, Geschichten und Gebet. Und für Rebecca Anderson ist ganz klar, was dabei wichtig ist.  

What we thought would be our three core practices which we would do: make beautiful, creative worship together, we would grow and share good food and we would tell true stories that saved lives.

 

Drei Dinge machen unsere Arbeit aus:  Wir feiern wunderbare, kreative Gottesdienste. Wir bereiten tolles Essen zu und genießen es gemeinsam. Wir erzählen Geschichten, die Leben gerettet haben. 

 

Gottesdienst, Essen und Trinken, Stories. So einfach klingt das. Und doch steckt so viel Aufmerksamkeit , Mühe und Liebe zum Detail dahinter. Rebecca Anderson fängt vor fünf Jahren einfach damit an. „Church Planter“ sagen die Leute zu einer wie ihr. Sie pflanzt eine neue Gemeinde. Nicht als Einzelkämpferin, schon mit einem Team, mit Projektmitteln, mit Spenden. Aber auch mit einem großen amerikanischen Pioniergeist. – Ich weiß: Der lässt sich nicht so einfach hierher übertragen. Und doch wünsche ich mir manchmal mehr davon. Mehr Schwung, der es einfacher macht, Tanzen und Beten, Party und Gottesdienst zusammen zu bringen.

We have a pretty robust theology of parties and festing and joy that does not require alcohol. But Isaiah 25 was one our grounding scriptures: that God will make on his mountain a feast for all peoples with rich food and clear wine. 

 

Für unsere Sache braucht es eigentlich keinen Alkohol. Aber bei Jesaja steht: Gott wird ein großes Fest auf seinem Berg veranstalten - für alle Menschen mit opulentem Essen und gutem Wein.

 

Ganz genau spüre ich: Es geht Rebecca Anderson nicht um den Rausch der Party oder den Erfolg. Wenn etwas ver-rückt daran ist, dann ist es die ver-rückende Sicht Gottes.

So part of what undergrids the passion for my work is trying to create conditions for another specific translation of the gospel, so that other people may come and have that feeling or experience where they can understand the gospel.

Was die Begeisterung für meine Arbeit trägt, ist ganz einfach der Versuch, eine neue und aktuelle Übersetzung für Gottes Evangelium zu finden. So dass auch andere Menschen es erleben und sich verstanden fühlen können.

 

Und wieso Rebecca Anderson für das neue Verstehen der alten Botschaft  auf „Storytelling“ schwört, davon erzähle ich Ihnen gleich nach der Musik.

 

Storytelling

Rebecca Anderson ist Pfarrerin von GILEAD, a queer story telling bar church. Gut, es ist zwar in Chicago, dort durfte ich mich dieses Jahr ein bissel umschauen. Aber weil ich immer noch so fasziniert bin, möchte ich Ihnen heute zeigen, wie einfach Kirche lebendig sein kann.

What we’ve said initially: we are a church for and with people who have been told or made them feel that church is not for them. And people that come to my mind immediately are queer people. And lots of other people have been told that church is not for them: you know, including smart people  (laughs)

Von Anfang an haben wir gesagt: Wir sind eine Kirche von und mit Menschen, die immer hören oder fühlen mussten : ‚Kirche ist nichts für Dich!‘ – Und zuerst fallen mir dazu queere Menschen ein. Aber auch viele andere haben das ja genauso empfunden, zum Beispiel „Smart People“, also  echte Intelligenzbolzen… (lacht)

 

Menschen zu gewinnen,  die dachten , die Kirche sei nichts für sie – das macht die Mittvierzigerin jetzt seit fünf Jahren.  Schließlich ging es ihr selbst so.

So my dad is a pastor, an evangelical pastor of small evangelical churches, white conservative. When I was ten or so I really wanted to be a pastor’s wife. That’s what was available. We did not have women in any leadership roles at all – we certainly were not affirming queer people.

Mein Vater ist ein evangelikaler Pastor in einer kleinen weißen konservativen Gemeinde. Als ich zehn war, wollte ich Pfarrfrau werden! – Das ist das einzige, was für Frauen in der Kirche ging. Da waren keine Leitungsaufgaben und erst recht keine Akzeptanz für Homosexuelle.

Eine Geschichte von Verletzung und Heilung schließt sich an. Lange Jahre der Distanz. Sie entdeckt ihr Talent, Geschichten zu erzählen. Sie wird bekannt für ihr Storytelling. Flott und frisch tritt sie in Bars und Clubs auf. Und dann begreift sie es als ihren Weg, das alles mit der Kirche zu verbinden.

When I came to Chicago I discovered that the LIVE-Story-Telling Scene was kind of blowing up through the mars and was captured my imagination of what it was that people were so hungry to hear these true stories. And the part of me that’s actually quite evangelical (smiles),  is that my response was like: ‘Do we not have a true  story that we believe in telling in community?’ And felt like it was coming on us as a church to get in on that moment that was happening culturally.

Als ich nach Chicago am, entdeckte ich, dass die Story-Telling-Szene gerade durch die Decke ging. Und ich war fasziniert davon, dass die Leute so scharf drauf waren, diese einfachen und wahren Geschichten zu hören. – Und da gab es einen missionarischen Anteil in mir, der sagte: ‚Leben wir in der Kirche nicht davon, eine wahre Geschichte zu erzählen? – Und ich dachte, es ist unsere Aufgabe, diesen kulturellen Storytelling-Trend in die Kirche zu bringen

Theologie und Trend finden auf Rebecca Andersons Weg zusammen. Schließlich ist schon die Bibel ist ein Buch voller Geschichten und schon Jesus war ein großer Storyteller.

If many of us have been told that our stories are not welcome at church or are not appropriate for church or not part of the church story, that does at least two things: 1) It is damaging to the person who is silenced. 2) The body of Christ is missing parts.

Viele von uns haben es so empfunden, dass sie mit ihrer Lebensgeschichte nicht in der Kirche willkommen sind. Das macht mindestens zwei Dinge: Es schadet denenigen, die zum Verstummen gebracht werden. Und es amputiert Teile vom Leib Christi.

Es ist so einfach: Jede Lebensgeschichte ist es wert erzählt zu werden. Und Geschichten von denen am Rand sind der größte Schatz der Kirche.

I think it is doing honor to parts of the body that have been silenced …  to invite them to a microfon,  hear them tell their story and say “This is the word of God” That is theologically probably the biggest reason why we do it. Also it makes forbid-church. It’s fun. (laughs)

Ich glaube, es ehrt die Menschen, die übersehen wurden, ihre Geschichte zu hören und zu sagen: „Das ist Gottes Wort.“ - Aber es ist auch so ne Art subversive Geheimkirche. Es macht Freude!“ (lacht)

 

Wunderbar, wenn Kirche so einladend ist, so viel Heilung schenkt und so viel Freude macht.  Für diese Entdeckung muss man eigentlich nicht nach Chicago. Aber in der Ferne leuchtet manches kräftiger!

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Mehr Informationen zu Gilead:
www.gileadchicago.org

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35980
13FEB2022
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Georg Wenz

Peter Annweiler trifft Georg Wenz, Weltanschauungsbeauftragter der ev. Kirche der Pfalz

Teil 1: Wertschätzen und Warnen  

Eine schwerkranke Frau zahlt viel Geld für eine „garantierte“ Heilung. Ein Mann spricht ständig vom Teufel. Ein Impfgegner wittert hinter allem Verschwörungen. Manchmal schließen sich Menschen auf der Suche nach spiritueller Orientierung umstrittenen Gruppen und Meinungen an. Georg Wenz kommt in Kontakt ihnen.

Als Weltanschauungsbeauftragter kümmert man sich um religiöse Gruppierungen, früher gabs häufig noch den Ausdruck „Sekten“. Aber man kümmert sich um Gruppen, die zumindest im Verdacht stehen, dass sie auf Menschen eine nicht sehr positive Wirkung haben.

Er weiß: Manchmal hat Religion „Risiken und Nebenwirkungen“. Und damit beschäftigt sich  der 58jährige Theologe. Gar nicht so leicht finde ich das: Einerseits andere auf ihrem religiösen Weg zu akzeptieren und ihnen nicht von oben herab „reinzureden“. Und andererseits auch im Blick zu haben, wenn ein Weg gefährlich wird. Die Balance zwischen Wertschätzen und Warnen ist eine Herausforderung. Doch Georg Wenz hat da ein Kriterium:

Einer meiner theologischen Lehrer, Fulbert Steffensky, sprach immer von der Lebensförderlichkeit. Das heißt: Für mich ist tatsächlich die Grenze dort erreicht, wo Religion toxisch wird, wo sie Menschen in Abhängigkeiten bringt.

Im guten Sinn hilft Religion zum Leben. Sie hält das Leben offen für Gott und für andere. Doch wenn aus dieser Offenheit eine geschlossene Welt-Anschauung wird, wenn Menschen sich von andern abkapseln, dann ist es in wichtig, auch vor den Folgen für andere zu warnen.

Diese toxische Form, diese Form von – ich würd` sie gar nicht Religiosität nennen, - Sondern tatsächlich Abhängigkeit – und insbesondere dann, wenn es auch um Kinder geht – da sind für mich klare Grenzen erreicht, wo ich sehr deutlich dann dagegen Stellung beziehe.

Weltanschauungsbeauftragte in den Kirchen haben den Auftrag, zu beraten und zu begleiten. Deshalb haben sie gemeinsam eine „Spirituelle Apotheke“ ins Netz gestellt, wo man sich über Risiken und Nebenwirkungen informieren kann. – Ein interessantes Bild, finde ich: Theologen als Apotheker, bei denen Ratsuchende informiert werden und über Heilungswege ins Gespräch kommen. Bei Georg Wenz geht’s da schnell um viel mehr als um Informationen.

Uns wird ein Vertrauen entgegen gebracht und man weiß auch, dass Seelsorge in der Kirche nicht bedeutet, dass auf die Uhr geguckt wird und nach zwanzig Min abgebrochen, sondern dass man für jemand auch längerfristig da ist. Und entsprechend werden wir eben auch in sehr private Situationen mit hineingenommen.

Teil 2: Pandemie und Weltanschauung

Manchmal wird der 58jährige Pfarrer da ganz schön herausgefordert:

Gerade aus einem missionarischen Drive heraus werde ich häufig auch angerufen von Personen, die mit ihrer „Predigt“ sozusagen beginnen und erst auf Nachfrage überhaupt merken, dass hier eine Person am anderen Ende ist, die ein Gespräch möchte und keinen Monolog.

In einem solchen Gespräch geht es darum Anteil zu nehmen und auch bereit zu sein, die eigene Sicht zu erweitern. Doch das scheint zunehmend schwierig zu werden – manchmal sogar unmöglich: Für viele sind zum Beispiel Impffragen auf einmal mit „Glaubensbekenntnissen“ verbunden. Irgendwie kommt da eine Leidenschaft ins Spiel, die in den letzten Jahren in unserem Land verschwunden schien. Georg Wenz trifft oft auf solchen Eifer.

Dann kann man schon feststellen, dass die Gegner von Coronamaßnahmen häufig ein sehr stark ausgeprägtes Bekehrungselement haben, d.h. wenn man das übersetzt in die Familien hinein, dann kann man sich ausmalen, wie heftig teilweise die Gespräche und Diskussionen sind, zumal Argumente dann häufig nicht mehr greifen.

Wenn etwa Verschwörungstheorien Argumente ersetzt haben, wird es schwer, Menschen zu erreichen. Auch und gerade, wenn sie einem ganz nahestehen.

Wie ist es möglich, dass, wenn jemand für Argumente nicht mehr zugänglich ist, trotzdem zu signalisieren: Das was, du von dir gibst, das kann ich nicht teilen, aber als Person bist du mir wichtig.

Es zählt nicht allein das, was du sagst oder tust, sondern wer du bist. Das ist manchmal eine große Herausforderung. Etwa, wenn ein runder Geburtstag ansteht und bei der Feier Ungeimpfte und Geimpfte zusammenkommen sollen. 

Dann kann es auch gelingen zwischen Partnern oder zwischen Eltern und Kindern oder auch zwischen Geschwistern – dass dann in solchen Konfliktfeldern es tatsächlich möglich wird, respektvoll miteinander umzugehen und auch wieder Wege zu finden, weiter zusammen zu leben, obwohl man politisch sich doch sehr von einander entfernt hat.

Versöhnlich miteinander leben, das ist es ein zentrales christliches Motiv. Zu unterscheiden zwischen dem, was ein Mensch sagt und macht und dem, was davon ganz unberührt bleibt: Er bleibt ein Mensch, den Gott liebt. Wenn wir einander so begegnen, dann kann ich eine unterschiedliche Meinung haben und trotzdem zugewandt bleiben. Ich kann anderen auch auf der Basis der Differenz begegnen.

Im Gespräch mit Georg Wenz habe ich gelernt: Gerade weil er die „Risiken und Nebenwirkungen“ von Religion kennt, hält ein Weltanschauungsbeauftrager solche Begegnungsräume offen. Und das ist gut so.

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Mehr Infos zur Spirituellen Apotheke der Weltanschauungsbeauftragten
www.spirituelle-apotheke.de

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25DEZ2021
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Ulrike Manthey Foto: privat

Teil 1: Weihnachtsglut

Peter Annweiler trifft Ulrike Manthey, Beraterin für Geflüchtete

Sie ist so was wie die Wirtin im Krippenspiel. Obwohl schon alles ausgebucht ist, findet die nämlich eine Unterkunft für die unfreiwillig umherirrende Familie in Betlehem. Zwar ist es dort nur ein Stall, aber immerhin: Eine Bleibe in der Not und mit Sicherheit die berühmteste provisorische Unterkunft der Welt.
Ulrike Manthey, die 58jährige Mannheimerin hat für die Diakonie schon vielen unfreiwillig Geflüchteten geholfen, eine Bleibe zu finden. Bei meinem Besuch merke ich gleich: Die Frau macht viel mehr als einen Job.

Ich würd schon sagen, dass meine Passion, Leidenschaft  immer war, doch so viel wie möglich zu helfen wie es nur geht, dass es eben doch ne Möglichkeit gibt, in den Aufenthalt, in das Bleiberecht zu kommen.

Ihre Augen leuchten, wenn sie das sagt. So ein Leuchten ist für mich die Glut für eine Welt mit menschlichem Antlitz. Und ganz bestimmt ist es weihnachtlich, wenn jemand nicht nur vermittelt und verwaltet, sondern sich berühren lässt von Schicksalen und Begegnungen. Aber Ulrike Manthey zeigt mir auch sofort, dass Barmherzigkeit allein nicht reicht, um Geflüchteten zu helfen. Als Sozialpädagogin kennt sie sich aus mit professionellen Wegen, mit Ämtern, mit Rechten und Pflichten. 

Die Familien, meistens sind es die Mütter, die zu uns in die Beratung kommen – es geht um Wohnung, es geht ums Geld, es geht um die Kinder, es geht um die Betreuungsplätze, es geht auch immer wieder um Probleme mit dem Asylverfahren, Ausländerbehörde.

Ihre derzeitige Aufgabe nennt sich vornehm „Integrationsmanagement“. Mit einem zeitlich begrenzten Auftrag kümmert sie sich um Geflüchtete mit einer guten Bleibeperspektive. Oft kamen die 2015 nach Deutschland. Mir gefällt, wie bei Ulrike Manthey ein weites Herz und ein realistischer Blick zusammenfinden.

Wenn ich jetzt an ne irakische Familie denke, die ich betreue: Ja, die lebt trotzdem für sich in der Neckarstadt, eigentlich eher isoliert und hat nicht so viel Kontakt zu den Deutschen oder den Einheimischen. Dass man jetzt sagt, sie werden eingeladen zu Weihnachten oder so – eher nicht.

Sie sagt das ohne Wertung. Eher beschreibend, wie unsere Gesellschaft eben tickt. Ja, die Willkommenskultur ist zurückgegangen. Aber gerade weil Stimmungen und kulturelle Prägungen nicht alles sein dürfen, müssen bei der Aufnahme von Geflüchteten auch grundsätzliche Fragen ihren Platz haben.

Die Arbeit im Asylbereich ist immer ne politische Arbeit, man sollte politisch interessiert sein und es ist natürlich ne Menschenrechtsarbeit, das hat mich immer fasziniert.

„Politisch“ und „barmherzig“. Weihnachten heißt für mich: Menschenrechte und persönliches Engagement zusammen zu halten. So ist ja auch die Wirtin im Krippenspiel nicht nur barmherzig, sondern ihr Handeln wirkt in die Welt des Kaisers Augustus hinein.

Teil 2: Weihnachtsspielraum

Ulrike Manthey kümmert sich seit fünfzehn Jahren um Geflüchtete. Bei meinem Besuch in ihrem Büro hat die Mitarbeiterin der Mannheimer Diakonie ganz viele Fotos und Erinnerungsstücke ausgebreitet. Beim Zuhören spüre ich deutlich, wie sie engagiert bei den Menschen ist.

Ich hab jetzt heute hier mal einen Engel mitgebracht, der steht hier auf dem Tisch. Der ist so gebastelt worden von einem Kind: Der Duran war ein 14jähriger Junge, der in der Schule gewisse Probleme hatte, sehr große Probleme. Und ich hab ne Schwimm-AG zu der Zeit organisiert und die Kinder sind mit Begeisterung zum Schwimmen gefahren, und auch der Duran. Dann ist er immer wieder negativ aufgefallen.

Klar: Menschen, die Traumatisches erlebt haben, sind nicht immer „nett“.  Erst recht Kinder können manchmal nicht anders: Sie zeigen sich aggressiv oder sie verstummen. Sie beschuldigen andere oder kommen einfach nicht zu einer Verabredung. Ulrike Manthey macht immer wieder die Erfahrung: Menschen sind trotzdem mehr als die Summe ihrer Belastungen:

Wie auch immer: Zu Weihnachten die große Überraschung. Duran kommt in mein Büro, bringt mir ein Päckchen mit drei Dingen, die er gebastelt hat, unter anderem dieser schöne Engel. Das hat mich wahnsinnig gefreut, weil ich es grad von ihm nicht erwartet hatte.

Um so heftiger, dass Ulrike Manthey nach einiger Zeit über die mazedonische Familie erfahren muss,

dass sie abgeschoben wurden – und zwar halt – wie es leider so oft ist – unter furchtbaren Umständen, dass halt in der Nacht, am frühen Morgen, die Polizei kommt. Das hat mich wahnsinnig getroffen: Licht und Schatten ist da ganz nah beisammen. Die Freude mit den Menschen aber dann auch die Abschiebung, als wirklich was, was ich in den ganzen Jahren so erlebt hab, immer als was ganz Furchtbares.

Zu Ulrike Mantheys Klienten gehörten auch Menschen, die nicht bleiben durften: Die werden „zurückgeführt“ und abgeschoben. Oft in ganz bedrohliche Lebensverhältnisse.
Unser reiches Land liegt eben nicht in einer „heilen“ Welt.  Im Gegenteil, die Welt ist wund. Und es ist für die nächsten Jahre nicht zu erwarten, dass es besser wird. Natürlich weiß ich: Wir können nicht die Welt retten, indem wir alle Menschen aufnehmen. Aber es macht in meinen Augen einen Unterschied, ob ich unberührt die kalte Schulter zeige. Oder ob ich einen weihnachtlichen Spielraum auslote. Ulrike Manthey:

Ich glaub schon, dass ich mich da ein bissel schwer tun, einfach zu sagen: Die Gesetze sind so. Ich glaub‘, ich hab‘ da sehr viel versucht, so gut es geht, was auszureizen, was möglich ist.

Wenn es gelingt, das Mögliche auszuloten – und nicht allein das Unmögliche zu betonen, kommt ein Weihnachtsspielraum in die Welt.
„Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“  Das jüdische Sprichwort  fällt mir ein, als ich mich von Ulrike Manthey verabschiede. Mit ihm wünsche ich Ihnen frohe Weihnachten!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34490
10OKT2021
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Peter Annweiler trifft Michael Borger, Referent für „Globales Lernen“

Teil 1: Über den eigenen Kirchturm hinaus schauen

Der eigene Kirchturmhorizont reicht ihm nicht. Als Referent für „Globales Lernen“ ist die ganze Welt sein Feld. Wenn nicht gerade Pandemie ist, ist er am liebsten unterwegs und steckt andere mit seiner Leidenschaft an.

Das Feuer, das ich in mir spüre, und was es mir tatsächlich leicht macht, mich schon lange Jahre für dieses Thema einzusetzen, sind meine Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. Ich habe verstanden: Wir sind Bewohner einer Welt.

Da brennt einer für seine Sache. Und wenn ich ihm zuhöre, frage ich mich: Wie schafft der Mann das: Zuversichtlich zu bleiben für die Anliegen der „einen“ Welt? – Das ist ein hoher Anspruch und ich kenne von mir: Es ist mir manchmal auch zu viel.  Zwar weiß ich: Es ist nicht egal, was ich esse, was ich anziehe und wie ich mich fortbewege. All das hat einen Einfluss darauf, wie es der Welt im Ganzen geht, aber ständig will ich eben auch nicht damit konfrontiert sein.

Vielleicht erzählt Michael Borger mir ja genau deshalb mehr von der Lust als von der Last seines Anspruchs.

Wenn wir Kontakte haben mit Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt, wenn wir die kennen lernen, dann sind uns deren Fragen, deren Probleme, deren Anlässe zur Freude nicht mehr egal. Da wird es ganz persönlich – und da ist auch die Motivation da, sich zu engagieren.

Begegnungen als Herzschlag globalen Lernens - ich frage nach, wie das konkret aussieht.

Ein Projekt fand ich sehr erfolgreich: Das ist ne Partnerschaft zwischen Jugendlichen aus der Südwestpfalz und Jugendlichen aus dem Township im Port Elizabeth . Da haben wir jedes Jahr uns getroffen, einmal bei uns in der Pfalz, einmal in Südafrika – und

haben dort im Township Erste Hilfe Kurse gemacht, Aidsprohylaxe gemacht. Da haben wir festgestellt: Das gibt es nicht. Und wenn die südafrikanischen Jugendlichen bei uns waren, dann haben die drei Wochen in einem Waldkindergarten mitgearbeitet bei Landau – das war einer der Höhepunkte im Jahr der Kinder, weil sie Kontakte hatten in alle Welt.

Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. In den Unterschieden das Verbindende wahrzunehmen – das gelingt nur auf der Basis eines guten Fundaments.

Wir sind alle eins. Wir gehören alle zusammen. Und meine Geschwister in anderen Ländern der Welt sind mir nicht egal, wenn ich sie kennen lerne.

Er sagt tatsächlich „Geschwister“ und nicht „Mitmenschen“ oder „Partner“. Ein starkes Bild, finde ich: Dass die Christenfamilie eine besondere Verantwortung für das gemeinsame Leben aller auf unserem Planeten hat. Ein Bewusstsein dafür kann gar nicht früh genug geweckt werden, meint Michael Borger  – und deshalb ist für ihn das globale Lernen mit Kindern und Jugendlichen  eines der wichtigsten Arbeitsfelder der Kirche. Davon erzähle ich Ihnen gleich nach der Musik.

Teil 2: Früh im Leben anfangen

Das globale Lernen hat es Michael Borger angetan. Er organisiert für das Jugendpfarramt der Pfalz Reisen und Freizeiten und hat dabei besonders junge Menschen im Blick. Ihnen will der 61jährige sein Engagement für die „eine Welt“ nahe bringen.

Es ist eine wunderbare Aufgabe, Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, dass sie die Kraft für nachhaltigen Lebensstil haben, dass sie sich für eine humane, zukunftsfähige Gesellschaft einsetzen. Dass sie Visionen für ne gerechte Welt entwickeln, dass sie an ihre Selbstwirksamkeit glauben und sich nicht unterkriegen lassen.

„Wie?“  frage ich ihn. Wie gelingt es, diese großen Ziele umzusetzen? - Und er erzählt mir, dass er ein Spiel entwickelt hat: „Weltivity“.  Das geht ein bisschen wie Monopoly, aber doch ganz anders. Denn es zeigt spielerisch, was es etwa schon für einen Unterschied macht, ob ich in Deutschland oder in Palästina geboren bin.

Ein moralischer Zeigefinger – den kann man da nicht gebrauchen. Und ich glaub, die Art und Weise, wie wir mit Kindern arbeiten, ist da der Schlüssel.

Weil es um ihre eigene Zukunft geht – deshalb sieht Michael Borger bei Kindern und Jugendlichen ein großes Potenzial für Veränderungen. Der Klimawandel – der betrifft Menschen um so krasser je jünger sie sind.

Dann sind mir manchmal die Tränen gekommen ob der Wahrhaftigkeit, mit der Kinder von 8-12 Jahren sich schon mit Weltthemen auseinander setzen - und welche ein großartiges Gerechtigkeitsempfingen sie haben. Und wie sie Erwachsenen den Spiegel vorhalten, wie ein aufrichtiges, ein nachhaltiges Leben sein könnte.

Michael Borger engagiert sich schon seit seiner Kindheit in der evangelischen Jugend. Die Erfahrungen dort haben sein Leben verändert und ihm neue Horizonte eröffnet.

Ich bin ja ein Kind der Evangelischen Jugend. Von Kindergruppen und Kindergottesdienst und ehrenamtliches Freizeitleiten habe ich das schon mein ganzes Leben gemacht. Ich hab‘ ne Ausbildung gemacht als Zerspanungsmechaniker und bin dann den Weg gegangen zum Sozialpädagogen mit dem Gedanken, mein Hobby zum Beruf zu machen. Das war schon eine Verheißung – ich hätte mich aber nicht getraut ohne meine Erfahrungen bei der evangelischen Jugend.

Und das will er weitergeben. Weil er sicher ist: je früher Menschen lernen, dass sie Teil der einen Welt sind desto nachhaltiger ist die Erkenntnis. So hat er es selbst  erlebt:

Ich hab das von Kindesbeinen an gelernt, dass es ein inneres Anliegen ist, dass Kirche sich für Gerechtigkeit einsetzt und  für Frieden – und auch für diese wunderbare Natur, in die wir hineingeboren worden sind.

Die Chance, den Klimawandel zu bremsen, wird größer, wenn wir aus Einsicht handeln. Michael Borger hat mir mit seinem Engagement für Schöpfung, Frieden und Gerechtigkeit gezeigt: Wir können nicht früh genug anfangen, solche Einsichten durch „Globales Lernen“ wachsen zu lassen. 

Informationen zum Spiel „Weltivity“:

https://www.ejpfalz.de/fileadmin/user_upload/LJPA/Globales_Lernen/Spielanleitung_Weltivity.pdf

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34022
29AUG2021
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Peter Annweiler trifft Ingo Schenk, Impulsgeber für die „Ideenschmiede ländlicher Raum“

Teil 1: Landliebe

Der 52jährige brennt dafür, auf kreative Weise „die Kirche im Dorf zu lassen“. Weil er selbst dort groß geworden ist, kennt der Sozialpädagoge sich gut aus mit Menschen und Mentalitäten in der „Alten Welt“, dem Landstrich zwischen Kaiserslautern, Kusel und Bad Kreuznach.

Wir haben rausgefunden, dass diese Region immer ein Stück vergessen worden ist. Und was daraus entsteht, ist so ein Vorbehalt gegen Neues und auch gegen Veränderungen, was auch verständlich ist, weil die Leute am Bewährten festhalten, was für sie immer richtig war.

Auf dem Land ist es irgendwie „eng“ – in den Dörfern und den Köpfen. Mit diesem Klischee bin ich ja auch losgefahren nach Reipoltskirchen in der Nordpfalz, wo ich mit Bus oder Bahn kaum hingekommen wäre. Doch schnell bin ich gepackt: „Ideenschmiede Alte Welt – Projektentwicklung ländlicher Raum“ steht auf dem Schild an einem frisch sanierten Haus. Und als Ingo Schenk mir die Tür öffnet, treffe ich auf einen hip aussehenden Typ mit Dutt.

Gemeinsam mit den Menschen vor Ort  überlegt der Referent des Jugendpfarramts, wie das Landleben attraktiver werden kann. Dafür bringt er bodenständiges Leben, soziologische Theorien und innovativen Idee zusammen. Es gefällt mir, wie der Pfälzer seine Herkunft gründlich und wertschätzend bedacht hat.

Also man ist nicht immer so anfällig dafür jedem Trend nachzurennen, sondern ich habe ein sehr starkes Bewusstsein dafür, was mich auch trägt von meiner Biographie her und was das Land mir auch gegeben hat: Das sind die ganzen Beziehungen, das Wissen um natürliche Ressourcen, die Erfahrung beim Bauer, mit Lewwerworschtebrot, Senf und Gurke, wo man nach getaner Feldarbeit gemeinsam am Tisch saß und diese Gemeinschaft gespürt hat.

Zuerst klingt das für mich ein bißchen nach Sommerromantik. Doch Ingo Schenk setzt seine persönlichen Erfahrungen ja für eine wichtige Aufgabe ein:

Der Gänsehautmoment ist der Moment, dass ich mit jungen Menschen arbeiten darf, die in dieser Region leben und so hoch kreativ sind, auch in der Dorfforschung und der Zusammenarbeit mit uns – das ist wie ein innerer Antrieb.

Seine Projekte begeistern junge Leute für ihren Lebensraum. Sie gehen dann auf die Älteren und Entscheidungsträger zu und überlegen gemeinsam, wie etwa der Wegzug gestoppt werden kann. Da geht es auch um gute Atomsphäre – und deshalb finden die Zukunftsgespräche nicht mit externen Experten in großen Sälen statt, sondern private Wohnzimmeratmo wandert ganz einfach auf die Straße.  

Wir haben im Retro-Style n Wohnzimmer mit Kaffee,  mit Sitzgarnitur, mit Lampen, hingestellt, haben eingeladen – es kamen fünfzig Leute. (lacht)

Die Jugendlichen waren skeptisch und  es hat funktioniert und die machen das seit 7 Jahren mittlerweile- haben jetzt schon viele Preise gewonnen, waren im Fernsehen, reisen da rum, waren in Schulklassen – genial.

Schön, wenn ohne Schwellen Ideen für eine Zukunft im Dorf geschmiedet werden. Mit Menschen und Kräften, die schon da sind. Ich lerne von Ingo Schenk: Es ist schon viel „Kirche im Dorf“ gelassen, wenn es gelingt, Begegnungen zu organisieren, die sonst nicht stattfinden.

Teil 2: Menschenliebe

Ingo Schenk leitet eine „Ideenschmiede für den ländlichen Raum“ in der Nordpfalz. Der Sozialpädagoge entwickelt für das Jugendpfarramt in der Pfalz Zukunftsideen – und die dürfen für ihn nicht aus Modellen entstehen. Sie müssen aus Begegnungen wachsen.

Ich bin derjenige, der unheimlich gern mit unterschiedlichsten Menschen zusammenarbeitet im Alltagsgespräch. Ich mag keine gestellten Situationen, sondern wirklich hier auf die Straße gehen, mit dem Bürgermeister was zu entwickeln, mit Pfarrer, mit Bürgern. Also einfach rausgehen – und mit den Menschen was tun.

Der 52jährige liebt es, Begegnungen anzustiften. Begegnungen, die sonst nicht stattfinden würden. Zwischen jung und alt, zwischen zugezogen und alteingesessen. Zwischen Theorie und Praxis, zwischen Kommune und Kirche.

Was mich kirchlich geprägt hat, sind Personen, das heißt: Ganz klare Begegnungen

Es zeichnet Kirche von Anfang an aus: Menschen zusammen zu bringen, die sonst nicht zusammenfänden: Juden und Griechen. Arme und Reichere, Traditionelle und Progressive. Oft ging es dabei auch darum, wie Menschen aus dem Glauben heraus ihr Zusammenleben neu begreifen und organisieren - ohne Rücksicht auf Herkunft, Geschlecht oder Geld.

Deshalb bleibt es eine wichtige Aufgabe von Kirche Begegnungen zu ermöglichen – über die Gottesdienstgemeinde hinaus und weit in den Sozialraum hinein: Zum Beispiel zwischen heimatverbundenem Landwirt und dem Homeoffice-Menschen, der mit der Pandemie aus der Stadt geflohen ist.

Aus unerwarteten und wertschätzenden Begegnungen heraus können Menschen sich heilsam weiter entwickeln. Das vertraut mir Ingo Schenk auch aus seiner eigenen Lebensgeschichte an.

Ich war in meiner Kindheit und Jugend jemand, der zurückhaltend war und Fußballer. Und da war ein Pfarrer, der hat am Rand gestanden und gesagt: Traut dem Ingo! - Diese Wertschätzung, dass er mich anspricht, mit mir in den Dialog geht, dass er mich ernst nimmt. Das hat mich dann dazu bewogen zu studieren. Weil ich hab ja vorher ein Handwerk gelernt. Ich war KFZ-Mechaniker und habe mit 21 noch mal Mittlere Reife absolviert

Heute ist der schüchterne Junge Vater zweier Töchter. In seinem Dorf ist er der Trainer der Mädchenfußballmannschaft. In seiner Arbeit begeistert er sich für gesellschaftliche Theorien.

Der Mann mit dem Dutt versucht so ganz gründlich, Menschen in ihrem Alltag zu verstehen. Auch sich selbst. Vielleicht kann er deshalb Bodenständigkeit und neue Ideen, Landliebe und Menschenliebe so gut zusammenbringen. Auf jeden Fall ist er in meinen Augen der richtige Mann für eine „Ideenschmiede“ in der dörflichen Welt. Auf der Rückfahrt weiß ich nicht mehr, wie ich darauf kam zu denken, es sei „eng“ - dort auf dem Land.

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Mehr Infos zum Projekt:

https://www.alte-welt.com

https://www.dorfraum-entwickler.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33825
04JUL2021
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Julia Wege

Auswege aus Parallelwelten

… und mit Julia Wege. Die 36jährige arbeitet im Rotlichtmilieu. Sie kümmert sich um Frauen in der Prostitution und leitet das Mannheimer Beratungszentrum AMALIE.
„Wow“! – denke ich gleich, als ich die ehemalige Eckkneipe mitten im Kiez der Neckarstadt betrete: Bunte Bilder. Frische Blumen. Hell und einladend. Das Gegenteil von „Schmuddelecke“.
Seit 2013 hat die engagierte Sozialarbeiterin das alles aufgebaut.

Ich hatte natürlich immer sehr hohe Ansprüche und habe gesagt: Wenn ich mal eine Beratungsstelle eröffne, dann soll es die schönste bundesweit sein (schmunzelt). Ich hab‘ ein bestimmtes Bild gehabt … wie wir hier arbeiten, was unsere Grundwerte ausmacht, wie wir den Frauen mit Würde und Respekt begegnen können.

Fein, stimmig und vertrauenserweckend – so wirken nicht nur die Räume der diakonischen Beratungsstelle. Für mich verkörpert Julia Wege diese Eigenschaften in ihrer Person. Und solche Menschen braucht es „draußen“, wo es um das Geschäft mit dem Sex geht. Oft hat sie da mit traumatisierten jungen Frauen oder gar Minderjährigen aus Bulgarien und Rumänien zu tun. Ein „Lover Boy“ hat ihnen Liebe und Heirat versprochen, sie nach Deutschland gelockt – und sie dann in die Sexarbeit gezwungen. Für diese Frauen ist Julia Wege manchmal die einzige Ansprechpartnerin.

(Da fällt mir eine Situation ein von einer Aussteigerin, die in großer Not zu uns kam, an der Tür geklingelt hatte, mit dem Hinweis, dass sie schwanger sei. Sie vermutet, dass das Kind bereits tot ist – sie kommt direkt vom Straßenstrich, hat keine Krankenversicherung, vermutet, dass sie im siebten Monat ist. Ich hab dann vereinbart, dass wir direkt den Krankenwagen holen für ins Klinikum zu fahren. Dann haben die Ärzte festgestellt: Die Schmerzen, die sie hatte – das waren tatsächlich schon die Wehen, das Kind lebt noch. Und die Geburt erfolgt dann wenige Stunden danach.

Als Geburtshelferin hat Julia Wege hier gewirkt. Und weil sie da ist und hilft - anstatt zu verurteilen- öffnen sich ihr die Frauen:

Die Frau hat unter Tränen mir im Krankenhaus gesagt, sie kann für das Kind nicht sorgen. Keine Mutter gibt ihr Kind gerne weg und hat sozusagen alles unterschrieben, dass das Kind zur Adoption frei gegeben wird. Sie hat gesagt, sie wird von zwei Zuhältern überwacht, einem rumänischen, einem deutschen Zuhälter – und dass keiner wissen darf, dass sie entbunden hat, dass sie überhaupt schwanger ist – und dass sie jetzt bald wieder arbeiten müsse.

Empörend finde ich solche Lebensbedingungen. Und beschämend, wie schwer es offenbar ist, etwas dran zu verändern.

Ich hab‘ der Frau alle Möglichkeiten aufgezeigt, wie wir mit Polizeischutz im Klinikum ihr Hilfe bieten können, auch ihrem Kind – und sie musste aber sagen: Die deutschen Gesetze helfen mir nichts.

Die junge Frau ist dann doch zur Aussteigerin geworden. Vertrauen hat ihre Angst überwunden. Vertrauen in eine engagierte Sozialarbeiterin, die auch unkonventionelle Wege geht: So hat sie eine Stadtgemeinde dazu gebracht kurzerhand in einem Gottesdienst Spenden für die Erstausstattung des Babys zu sammeln.
Welche Konsequenzen Julia Wege aus Geschichten von Aussteigerinnen zieht – davon erzähle ich Ihnen gleich nach der Musik.

Nah bei den Menschen
Julia Wege kümmert sich für die Diakonie um Frauen in der Prostitution. Sie leitet die Beratungsstelle AMALIE in Mannheim. Viele Fotos von Lotusblüten hängen dort – und das hat seinen Grund:

Die Lotusblüte wächst in schlammigen Gewässern auf und entfaltet ihre Blüte, Stärke, Strahlkraft, wenn die Sonne scheint. 2.20 Ich seh‘ da einfach Parallelen – in der Regel sind es oft auch düstere, dunkle Ecken, in denen sie leben und arbeiten. Und wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, zu strahlen, dann haben sie auch die Chance auf ein anderes Leben.

Den Frauen einen Weg zu weisen in ein normaleres Leben, in dem sie aufblühen können – dafür setzt sich Julia Wege ein. Sie kämpft da auch für mehr Sichtbarkeit.

Grundsätzlich interessiere ich mich schon viele Jahre für gesellschaftliche Tabuthemen – und auch grad Randbereiche. Weil ich denke, dass man sich auch dort einsetzen sollte, wo niemand gerne hinschauen möchte.

Julia Wege hat gerade in der Coronazeit viele Hintergründe erfahren – und ist mit realer Not konfrontiert worden.

Wir haben sehr viele Anfragen erhalten, die Frauen waren mittellos und überfordert mit der ganzen Situation. Auch überfordert zum Beispiel, Hilfen zu beantragen – ohne Meldebescheinigung, ohne Krankenversicherung ohne Steuernummer, um diese Hilfen überhaupt abrufen zu können.

Gesellschaftlich bestimmen zur Zeit zwei Positionen den Blick auf Prostitution: Die einen wollen Prostitution verbieten – manchmal auch mit christlicher Motivation. Die anderen neigen dazu sie zu verharmlosen:

Viele verbinden Prostitution mit einer legalen Erwerbstätigkeit, mit einer sexuellen Dienstleistung, Sex gegen Entgelt: Der Freier bezahlt das Geld und damit ist die Abhandlung abgeschlossen.

Die Frauen geraten bei beiden Positionen oft aus dem Blick, findet Julia Wege. Deshalb ist es so wichtig, genau hinzuschauen. Um den Frauen und Ihren ganz unterschiedlichen Lebensumständen gerecht zu werden.

Wir erleben, dass es gewisse Klischees und Vorurteile oder bestimmte Meinungen gibt, die oft sehr voyeuristisch sind. 3.03 Prostituierte haben keine gute gesellschaftliche Stellung. Von daher ist es für uns auch immer sehr wichtig, dass wir Aufklärungsarbeit leisten, weil viele über die Hintergründe gar nicht Bescheid wissen.

Wie gut. Wie wichtig: Dass da eine die Hintergründe kennt. Dass sie parteilich auf der Seite der betroffenen Frauen steht.
Wie schön, wenn die Ästhetin Julia Wege weiter Lotusblüten in schlammigem Gewässer zum Blühen bringt.
Ich finde mit ihrem Engagement setzt sie den allerersten Auftrag von Kirche um: Nah bei den Menschen sein und sie bedingungslos annehmen.
Mitten im Rotlichtmilieu. Mitten im Kiez.


Informationen zur Beratungsstelle AMALIE
www.amalie-mannheim.de

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23MAI2021
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Sebastian Baden

Peter Annweiler trifft Sebastian Baden, Kurator der Kunsthalle Mannheim

Teil 1: Neues Verstehen
Sperrig, irritierend oder provozierend? – Kein Problem für den 40jährigen. Der Kunstwissenschaftler kümmert sich um zeitgenössische Kunst an der Mannheimer Kunsthalle. Mich fasziniert, dass der Mann nicht nur kundig über Kunst spricht, sondern Vieles mit seinen Händen angepackt hat.  

Ich bin von Hause aus eigentlich Bildender Künstler, ich hab‘ Bildhauerei gemacht an der Akademie, hab geschweißt, Holzbildhauerei gelernt, auch Buchbinderei, also alle die Dinge, die man für eine Vermittlungsarbeit auch später gebrauchen kann.

Und heute vermittelt er: Zwischen Werk und Betrachtenden. Zwischen Theorie und Anschauung. Wer vermittelt, muss vieles kennen. Und genau wie Sebastian Baden Werkstoffe kennen gelernt hat, weiß er auch: Er kann seinen Job nur gut machen, wenn er etwas über das Christentum weiß.

Es ergeben sich eben Kennlernmomente – und besonders, wenn man für’s Staatsexamen büffeln muss, hat man die ganze christliche Ikonographie vor Augen, wie sie aus dem Frühchristentum entstanden ist. Das war faszinierend zu sehen, dass auch ohne Glaube die Notwendigkeit der Kenntnis dieses Systems von Bild, Denken und Schrift wichtig ist, um das eigene Berufsbild zu definieren.

Klar, denke ich: Grünewald, Michelangelo, Da Vinci - ein Kunsthistoriker muss sich beruflich gut mit Darstellungen biblischer und religiöser Themen auskennen.

Doch der Protestant mit pfälzischen Wurzeln ist auch persönlich offen geblieben für Religion in der Kunst. Jetzt gerade wieder: Er hat die Ausstellung zu Anselm Kiefer in Mannheim gemacht, einem der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler:   

Eine riesige entwurzelte Palme liegt da zum Beispiel. Kraftvoll und kraftlos zugleich. Wunderbares und Zerstörtes finden in der Handschrift des Künstlers zusammen. Ich fühle mich ausgeliefert und zugleich aufgehoben in einem Zusammenhang, der viel größer ist als ich. Worte sind zu klein dafür.

Sebastian Bastian sagt es so:
Mich hat überrascht, wie ich mich plötzlich für diese Fragestellung des Undarstellbaren begeistern kann. Das war eine Überlegung, wie sich die Kunst mit der Darstellung Gottes beschäftigt: Dass also ein Künstler wie Anselm Kiefer einen auf diese Suche von Undarstellbarkeit bringt, sowohl aus der jüdischen Perspektive wie eben auch aus der christlichen.

Das Undarstellbare – für mich ist es auch ein Name für Gott. Denn Gott ist immer größer als das, was ich weiß, kenne oder ausdrücken kann.

Das sind wirklich spirituelle Momente, die am Anfang auf mich so gewirkt haben wie etwas, das ich von mir weisen müsste, weil es zu spirituell war – und dann dachte ich: Nein! Ich lass‘ mich drauf ein und versuch‘ zu erkennen, was dahinter steckt. Und da eröffnen sich plötzlich ganz neue Momente der Welterkenntnis.

Mich drauf einlassen. Auf das, was mir fremd, rätselhaft und voller Fragen erscheint. Und dann entsteht auf diesem Weg ein „neues Verstehen“ von mir, von Gott und unserer Welt.  Für mich klingt darin auch etwas Pfingstliches an.

Teil 2: Pfingstliche Inspirationsräume

Der 40jährige macht Ausstellungen für helle, hohe und weite Räume – und die sind für ihn mehr als ein „white cube“, ein neutraler, weißer Hintergrund.

Die Kunsthalle, finde ich, das ist ein sehr spiritueller Ort, der ne Stille ausstrahlt. Das schreckt einerseits die Menschen ab, führt aber auch dazu, dass es eine respektvolle Haltung gibt. Und die bedeutet ja auch wie in der Kirche ne Art von Meditation. Und ich glaube, dieses Zur-Ruhe-Kommen, dieses Sich-Selbst-Entdecken in diesen Räumlichkeiten ist ein wichtiger Faktor.

Kirchenräume  und Museen sind einander ähnlich. Sie sind Inspirationsräume, die etwas anderes als „Alltag“ bieten. Sie können mich an meinen Ursprung zurück binden und Offenheit für Neues wecken. Es gibt aber keine exklusiven Orte für Religion und Inspiration.

Wenn ich Protestant bin zum Beispiel, dann lässt sich die Religiosität ja auch in einem anderen Ort finden, also durchaus auch in einem Museum in einem Kunstwerk. Und dann kann das Werk immer noch christlich sein, weil es einen bestimmten Inhalt transportiert, den ich aus meiner evangelischen Sozialisation heraus entdecke – und andere Menschen aber nicht.

Klar: Die eigene Prägung macht aus, welche „Antennen“ ich entwickle. Für mich ist noch mehr im Spiel. Kunst und Religion werden erst lebendig, wenn es einen Schwung, einen Überschuss von schöpferischen Kräften, ein neues Verstehen gibt. Etwas, das das Leben neu beseelt – und das wir uns nicht vornehmen können. Das heutige Pfingstfest steht genau dafür und hat viel mit den Künsten zu tun. Sebastian Baden:

Mittlerweile bin ich beruflich auf Pfingsten hin ausgerichtet, weil es damit um ein sehr konzeptuelles, spirituelles Ereignis geht: Also die Aussendung des Geistes und damit etwas, das man rein rational überhaupt nicht erklären kann. Sondern das ist etwas, was empfunden werden muss. Und diese subjektive Empfindsamkeit – die hat sehr viel mit künstlerischem Erleben zu tun.

Vom Verstehen zum Empfinden. Vom Denken zum Begeistern. Das ist der Pfingstweg – und der kann auch die Geschwister Kunst und Religion wieder zusammen bringen, die sich in der Moderne auseinander gelebt haben.

Beide sind ja Schwestern, die  sich gemeinsam entwickelt haben. Erst die Moderne hat mit der Revolution ein Schisma gebracht (wenn man so will), das die Kunst von der Religion getrennt hat. Und das hat mich auch fasziniert: Wie ist ein Graben entstanden, den man wieder schließen kann?

„Kurator“ – das ist jemand, der sich sorgt und kümmert. Der „Kümmerer“ Sebastian Baden sorgt mit seinem Wirken dafür, dass der Graben zwischen Kunst und Religion nicht tiefer wird.  Die Begegnung mit ihm macht mir neu bewusst: Überall, wo Menschen sich darum kümmern, dass Gräben zugeschüttet werden, kommt pfingstlicher Geist ins Leben.

Mehr Informationen Sebastian Baden, zur Anselm-Kiefer-Ausstellung und zur Kunsthalle Mannheim unter:
www.kuma.de

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07MRZ2021
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Patrick Roth

Nachbarschaft von Bibel und Traum

Peter Annweiler trifft den Schriftsteller Patrick Roth 

Religion und Literatur passen für den Schriftsteller gut zusammen. Deshalb lässt der 66jährige sich oft von den Bildern und Figuren der Bibel anregen. Im „Gottesquartett“, dem neuesten Buch des profilierten Autors, verbinden sich zum Beispiel Abraham, Samuel oder Paulus mit Geschichten in Los Angeles und Mannheim. In beiden Städten ist Patrick Roth verwurzelt.
„Gottesquartett“. Ich hab‘ das Buch gelesen – und freu‘ mich dran, wie da einer die Glut weckt, die in alten Geschichten liegt. Patrick Roth findet: Wenn wir mit biblischen Bildern in Kontakt kommen, dann

wirkt das sinnvoll, in irgendeiner Weise erfüllend. Sie können’s nicht richtig sagen, was es ist. Aber es ist so, als hätten sie wichtige Teile im Innen berührt, massiert, wieder gesehen, aus dem Dunkel herausgerufen.

Was ein schönes Bild: Biblische Motive können mich von innen „massieren“. Wenn ich also vom Sturm auf dem See Genezareth lese, dann geht es darum, im Hier und Jetzt berührt zu werden und etwas aus dem Schatten des Unbewussten herauszuholen.

Das ist das Großartige, das Geschenk: Die Bilder erzeugen Bilder, die von Dir sprechen. Wir sind also ganz bei uns – und haben die Nachbarschaft, die psychische Nachbarschaft dieses Gedankens oder Gefühls … besucht.

Die seelische Nachbarschaft zwischen einem alten, archetypischen Bild und meinen eigenen Gedanken oder Träumen ist Patrick Roth wichtig. Durch diese Nachbarschaft können sie nämlich eine Verbindung zum Heiligen anbahnen. Patrick Roths Interesse für diese Verbindung hat schon in der Schule angefangen. Und zwar damit,

dass ein katholischer Pfarrer uns zum ersten Mal einen Überblick gab über die Psychologie: Feuerbach, Freud und so weiter.  Das war ungeheuer eindrucksvoll – der machte nicht nur Religionsunterricht, sondern der gab uns ein Bild von der Psyche, das wir so noch nicht gesehen hatten – das sprach mich sofort an.

Die Tiefenpsychologie von Carl Gustav Jung hat Patrick Roth dann weiter begleitet. Durch seine Zeit beim Film. Durch seine Jahrzehnte in Hollywood. Auf seinem Weg zurück nach Deutschland. Und in seiner Handschrift als Schriftsteller.

Für ihn, der von Kalifornien an den Rhein zurückgekehrt ist, gibt es eine bleibende menschliche Herausforderung für jeden. Eben

weil wir mit uns selbst nicht auskommen können. Weil wir die Sprache, die die Psyche spricht, nicht sprechen. Und also diesen Partner, innen, ich rede jetzt von der Seele nicht erkennen können. Die Bilder, die er spricht oder sie spricht gar nicht verstehen können.

Wir tun also gut daran, diese seelische Sprache besser zu lernen  - ein Leben lang, so verstehe ich Patrick Roth.

Lockdown und Babylonisches Exil

Die Oberfläche reicht ihm nicht. Der Schriftsteller Patrick Roth sucht seine Erkenntnisse in der Tiefe der Seele. Als „Tiefentaucher“ - so liest der 66jährige auch die Bibel: Ihre Bilder kommen aus dem Unbewussten und aktualisieren sich in der Gegenwart.
Nehmen wir den Lockdown. Der kommt vordergründig ja gar nicht in der Bibel vor. Aber Patrick Roth hat ein Motiv dazu parat und verbindet es mit seinem biblischen Wissen.

Wir sprechen ja von der Babylonischen Gefangenschaft zunächst mal der Israeliten, die entführt wurden, deren Tempel, d.h. höchster Wert, deren Mitte zerstört worden war

Stark finde ich das, wenn ein Schriftsteller unserer Tage die Geschichten der Bibel in die Gegenwart trägt. Denn für Patrick Roth gilt auch heute: Wenn die Religion als Mitte fehlt, dann wirkt diese Lücke verheerend.

Was wäre nun eine Babylonische Gefangenschaft der Welt? - Das hieße, unser Tempel ist zerstört. Die Religion als das eigentliche Zentrum, der lebendige Mythos, ist verloren gegangen. Das heißt:  Die ganze Welt lebt in gewisser Weise in einer babylonischen Gefangenschaft.

Gefangen im Materialismus und in einer unübersichtlichen Lage. Das Bisherige trägt da nicht mehr weiter. Und Neues ist noch nicht in Sicht.

Also die babylonische Gefangenschaft wäre für den einzelnen dann das, was wir als Lockdown bezeichnen. Dieses Eingesperrt sein  - wenn es als Bild zum Beispiel im Traum auftaucht –durchaus bedeuten kann: „Introvertiere. Wende dich nach  innen! Nein, geh nicht nach außen!“

Wie soll das gehen, wenn viele es kaum noch aushalten, „drinnen“ zu bleiben? frage ich mich. Patrick Roth macht stark, dass wir den Herausforderungen nicht ausweichen können.

Das Problem liegt im Psychischen, nicht im Lockdown.  Also irgendwas in der Historie, die wir jetzt durchleben, durchleiden, zwingt uns, Übersehenes wahrzunehmen.

Das wäre auch eine Chance der Krise: Das Übersehene neu wahrnehmen. Im damaligen Exil in der Bibel– da haben die Menschen sich ja auch neu ausgerichtet. Sie haben anders hoffen und träumen gelernt als in den Bahnen der Tradition.

Wenn uns jetzt nicht einfach Verzweiflung ergreifen soll – kann man sich an diesem Bild orientieren, kann man sehen, dass eine ganz neue Beziehung zum Religiösen, Beziehung zum heiligen Bild, Beziehung zur Schrift entstand.

Darum geht es dem Schriftsteller: Neu zu fragen, was uns heute eigentlich „heilig“ ist  - und dabei auf die Bilder der Seele und der Bibel zu hören. Denn die können uns gerade in der Krise neu ausrichten.
Dazu hat Patrick  Roth mir einen Anstoß gegeben. - Vielleicht Ihnen ja auch!

Mehr Infos zu Patrick Roth unter http://www.patroth.info/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32727
20DEZ2020
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Sabine Schwenk-Vilov

Peter Annweiler trifft Sabine Schwenk-Vilov, Gemeindepfarrerin in Weihnachtsvorbereitungen

Teil 1: Schafsgeruch beim Krippenspiel

Es ist ja nicht das erste Krippenspiel, das die 42jährige plant. Seit dreizehn Jahren ist die Mutter zweier Söhne Gemeindepfarrerin in Altenkirchen in der Westpfalz. Da hat sie viele Erfahrungen gesammelt. Manchmal auch die, dass beim Krippenspiel die Botschaft vom „Frieden auf Erden“ schon vor dem Fest in Gefahr ist. Dieses Jahr nicht.

Normalerweise gibt es bei der ersten Krippenspielprobe immer Streit, wer darf Schäflein sein und wer ist der Engel – und diesmal ist die Frage nach den Schafen von Natur aus geklärt – die Rolle ist besetzt.

Denn dieses Jahr will die Gemeinde das Krippenspiel nach draußen verlegen: Auf eine Weide mit echten Schafen. Klar, dabei sollen die Menschen vor dem Virus geschützt werden – und auch die Tiere sollen nicht zu viel Rummel abbekommen, 

aber zwei, drei Schafe, die werden mitspielen. Und zwar mit der Besitzerin gemeinsam. Es soll so ein bisschen  das Feeling wiedergeben von damals: Die Hirten, die draußen sind und die Schafe, die dazu gehören.

Als Städter spricht mich ein Krippenspiel auf der Weide irgendwie besonders an, vielleicht sehne ich mich dabei auch nur nach ländlicher Idylle. Und doch bin ich davon überzeugt: Es ist viel mehr als Idylle und Folklore, wenn ein Krippenspiel aufgeführt wird:  Hirten, Schafe, Engel. Maria, Josef und das Kind: Seit 2000 Jahren sind das mit die stärksten Motive der Weltliteratur. Und ich finde: Sie klingen noch stärker in die Gegenwart, wenn es nach Schafen riecht und Hirtenmusk in die Dämmerung tönt.

Wie ansprechend die Geschichte schon für die Kleinen  ist  - darüber konnte Sabine Schwenk-Vilov in den letzten Wochen immer wieder staunen.

Vor kurzem klingelt‘ s Telefon und ein kleines Mädchen von sechs, sieben Jahren ruft mich an und nennt ganz stolz ihren Namen und sagt „Ich mach‘ mit!“ – Und ich stand total aufm Schlauch und hab‘  gesagt: „Wo, bei was?“ – „Ei, beim Krippenspiel, ich bin dabei“. Dass Kinder selbst anrufen, weil es ihnen wichtig ist da, mitzumachen - das zeigt doch auch, dass Weihnachten für die Kinder mehr ist als nur Geschenke.

Weihnachten in diesem Jahr – das scheint auch die Chance zu bieten, das Wesentliche an diesem Fest herauszufinden. Glühwein, Großfamilienbesuche und Konzerte – all das mag jetzt ausfallen. Doch die Weihnachtsbotschaft ist ja viel größer als das Fest und alles, was wir organisieren. Sie kann weit über die Feiertage hinaustragen.

Wenn es uns gelingt, dass wir merken, dass Weihnachten nicht nur so ein Punkt ist im Jahr, also dass Weihnachten nicht nur der 24.,25.,26. (Dezember)ist, sondern dass Weihnachten weiter geht. Wenn Gott in die Welt kommt, dann kommt der nicht für drei Tage, dann kommt er für lange.

Teil 2: Alles bleibt anders

Sabine Schwenk-Vilov ist Pfarrerin in Altenkirchen in der Westpfalz. Sie hat in den letzten Wochen erlebt, wie anders sie an die  Weihnachtsgottesdienste herangehen musste als sonst  – und dabei überraschende Parallelen entdeckt.

Das ist auch so etwas, das komisch ist: Leute aufzuschreiben, die kommen wollen – und dann vielleicht auch zu sagen: Tut mir Leid, für Sie ist kein Platz mehr. Das ist natürlich wie an Weihnachten:Maria und Josef, die  durch Betlehem gehen und klopfen und sagen: Hallo, wir würden gerne noch ein Plätzchen haben – und dann sagt jeder: Nö, bei uns nicht. 

Und eine Gemeinde, die sich abschottet – das geht für die 42jährige gar nicht. Deshalb sind bei der Planung für die Weihnachtsgottesdienste in Altenkirchen  - genau wie in vielen anderen Gemeinden – nicht weniger sondern  mehr und neue Ideen entstanden.

Einmal Open Air am Wald – für die, die gut zu Fuß sind und die auch Nieselregen aushalten und Kälte. Dann für die, die sagen: „Weihnachten gehört in die Kirche“ – also auch in das Gebäude Kirche, ne Andacht in der Kirche anzubieten. Für die, die sagen „Wir sind wirklich sehr vorsichtig wir sind auch belastet – Risikogruppe“, zu sagen: Ok, es gibt die Möglichkeit,  das, was wir Open Air machen,  vorher aufzuzeichnen  - und das im Internet zur Verfügung zu stellen.

Draußen, drinnen, digital. Da will eine den ganzen Spielraum ausschöpfen: In der Natur, in der Kirche und im Internet. Und selbst wenn am Ende nur das Internet übrig bleibt: Die Pandemie regt an, zu fragen, was wesentlich am Fest ist – und wie wir trotz allem Schweren stimmig feiern können.

Diese Begeisterung für dieses Fest – das ist für mich ein ganz besonderes Geschenk. Dass es nicht mehr darum geht: „Was essen wir?“ oder „Wer hat das schönste Geschenk?“, sondern: „Schaffen wir es, miteinander auf Distanz -  aber trotzdem miteinander Gottesdienst zu feiern?“  – und es Weihnachten werden zu lassen.

Oft geht es mir an Weihnachten ja so, dass ich viel zu genau weiß, wie die Feiertage verlaufen werden.  Und sicher, wir brauchen seelisch auch Wiederholungen, um stabil zu sein. Doch manchmal habe ich genug von „Alle Jahre wieder dasselbe.“  - Dieses Jahr ist das anders. Das Fest fordert heraus, das Gewohnte anders zu gestalten und uns Ungewohntem zu stellen. Vielleicht spüre ich ja  genau in dieser Mischung aus Vertrautem, das wir brauchen – und Neuem, das uns entgegenkommt, wie wir an Weihnachten Beschenkte werden. Eben nicht, weil das Fest kommt und wir es bewältigen müssen, sondern weil Gott in die Welt gekommen ist.

Das Wunder der Weihnacht – das liegt nicht in unsrer Hand: Gott kommt zu uns – und er kommt, ob wir jetzt in ‚ner hochpolierten Marmorkirche sitzen: Steril, alles perfekt er kommt dorthin oder er kommt auf eine matschige Wiese. Ich weiß nicht, was der bessere Ort ist. Es ist beides gut. Aber Gott kommt, das kann ich net beeinflussen, das kann die Pandemie net beeinflussen das kann niemand beeinflussen  – und das feiern wir, dass Gott zu uns kommt, egal wie die Welt ist.

Informationen und Zugang zum Krippenspiel in Altenkirchen:

https://www.pfarrei-altenkirchen.de/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32278