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Muss ich in der Religion eigentlich alles glauben und verstehen? Drei Geschichten aus drei Religionen.
Sie ist auf dem Weg in den Gottesdienst. Die alte jüdische Dame in einer Seniorenresidenz in Frankfurt. 96 ist sie. Es ist Sabbatabend.  Der Rabbi hat sie eingeladen.  Seit sie da wohnt, geht sie immer in den Sabbatgottesdienst. Dem Rabbi zuliebe, sagt sie und zwinkert mit den Augen. Ein Fernsehteam begleitet sie bis zur Tür. Ob sie oft betet, wird sie gefragt. „Beten? So ein Quatsch. Ich gehöre einfach dazu. So ist das Leben." Sagt's, verschwindet in der Synagoge und lauscht dem fremden vertrauten Klang der hebräischen Worte. Vielleicht wird sie einige mitmurmeln. Sie weiß nicht, wie das geht: beten. Sie tut's einfach. Weil sie dazu gehört. Das erleichtert das Herz.
In seinem Roman „Tausend strahlende Sonnen" erzählt  Khaled Hosseini von Mulla Faizallah in Afghanistan: Der gibt der kleinen Mariam Koranunterricht. Einmal sagt er ihr, dass er den Sinn der arabischen Worte im Koran eigentlich nicht verstehe. Aber er liebe ihren Klang. Sie trösten ihn und erleichtern sein Herz. „Auch dich werden sie trösten, Mariam', sagt er. ‚Du kannst sie aufrufen, wenn du Kummer hast. Und du wirst nicht enttäuscht sein, denn Gottes Worte täuschen nie, mein Mädchen.'"
Szenenwechsel: Mittagsgebet in meiner Kirche in Frankfurt. Mehrere Wochen hintereinander dieselben Gebete und Lieder. Viele kenne ich auswendig. Ich bin mit meinen Gedanken ganz woanders. Spreche die Worte irgendwie mit. Verstehe nicht wirklich. Wie geht das eigentlich - beten? Manchmal weiß ich es nicht. Aber ich tu es trotzdem. Der Klang erleichtert mein Herz. Ich gehöre dazu. So ist das Leben.
Drei Geschichten aus drei Religionen. Judentum, Islam, Christentum.  Alle haben Worte, die wir aufrufen können, wenn wir Kummer haben. Worte, die wir nicht immer verstehen oder glauben müssen. Der Theologe Fulbert Steffenski meint: „Sie sind die Notsprache, wenn uns das Leben die Sprache verschlägt." Auswendig gelernte Worte. Deren Klang uns tröstet. Gut, wenn wir solche Worte haben.

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11. November, Martinsumzug. Als Kind war ich jedes Jahr dabei. Und ich liebte dieses Schauspiel vor der Kirche: St. Martin steigt von seinem Pferd herunter, schneidet seinen Mantel in der Mitte durch und legt die eine Hälfte einem Bettler um die Schultern. Die Szene hat mich fasziniert. Die Dunkelheit und Kälte, die vielen Laternen und die Fürsorge dieses Mannes. Da war so eine Stimmung. Eine große Gemeinschaft. Wir waren uns einig: Den Armen muss geholfen werden. Anfangs hab ich noch gedacht: Was soll der Bettler mit einem halben Mantel? Da hat doch keiner was davon, wenn eine Hälfte des Körpers friert. Aber dann habe ich gesehen: Das ist ein Riesenumhang. Der reicht für zwei.
Teilen ist Christenpflicht. Das habe ich beim Martinsumzug gelernt. Ob bei Mänteln oder bei Schulden. Wir Deutschen haben das schon mal erlebt. Nach dem zweiten Weltkrieg. Da haben uns die Siegermächte die Hälfte  der Schulden erlassen. Sonst wären wir wirtschaftlich nicht so schnell wieder auf die Füße gekommen. Den Steuerzahlern in England und Amerika hat das sicher nicht so gefallen. Aber letztlich hatten alle was davon. Frieden und Wohlstand über lange Zeit. Ob so ein Schuldenschnitt Griechenland auf die Füße helfen wird  - so genau weiß das noch keiner. Aber die Stimmung ist wichtig. Die Haltung: Den Armen muss geholfen werden, nicht nur den Banken.  Teilen dient dem sozialen Frieden.
Hinzu kommt: Noch die Generation meines Vaters hatte Griechenland überfallen. Im 2. Weltkrieg. Als Besatzer haben sie das Land wirtschaftlich bis zum vollständigen Bankrott ausgebeutet. Deutsche haben Griechen getötet, Hungersnöte verursacht und viel Leid gebracht. Heute sucht die Gemeinschaft der Europäer nach Wegen, wie Griechenland zu helfen ist. Ist es da nicht ein Glück, dass wir Deutschen bei der Rettung dabei sein können? Könnte man das nicht auch mal so sehen?
50% Schuldenerlass, das ist der Riesenmantel, den man in der Mitte teilt. Der reicht für zwei. Wenn Mäntel oder Schulden in der Hälfte durchgeschnitten werden, wachsen Menschen zusammen. So entsteht eine große Gemeinschaft -  nicht nur bei Martinsumzügen, sondern auch zwischen Völkern. Das wünsche ich uns für Europa.

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Da steht er und kann nicht anders. Martin Luther, vor Kaiser und dem ganzen Reichstag in Worms. Heute ist sein Geburtstag. Luther widerruft seine Meinungen nicht. Und er sagt am Ende seiner Verteidigungsrede: „Gott helfe mir. Amen."
Hilfe hat er nötig. Denn nach dem Reichstag ist er „vogelfrei". Jeder kann ihn töten, ohne dafür bestraft zu werden. Luther bekommt Hilfe. Kurfürst Friedrich der Weise lässt ihn kurzerhand entführen und versteckt ihn auf der Wartburg.
Wer was riskiert braucht Hilfe. Von Gott und irdischem Sicherheitspersonal.
So sieht das auch Rebecca Lolosoli aus Kenia. Ihr geht es nicht viel anders als Luther. Sie ist auch so etwas wie vogelfrei. Weil sie sich um vergewaltigte Frauen kümmert und Mädchen vor der Beschneidung bewahrt, wird sie bedroht. Und trotzdem kann sie nicht anders. Sie hat ein Frauendorf errichtet.   48 Frauen leben und arbeiten dort. Die Frauen nennen sie Mama Rebecca. „Ich kümmere mich um alle so, wie es eine Mutter tun würde", sagt sie. „Und wer kümmert sich um Sie?", wird sie in einem Interview gefragt. Rebecca Lolosoli antwortet nüchtern: „Gott. Und mein Sicherheitspersonal."
Martin Luther und Rebecca Lolosoli. Sie können nicht anders. Deshalb brauchen sie Hilfe. Von Gott   und seinem Sicherheitspersonal. Ich stelle mir da so eine Art Arbeitsteilung vor. Die Sicherheitskräfte kümmern sich ums Überleben. Gott kümmert sich um die Lebenskraft. Denn es ist ja nun mal so: Gott sorgt nicht immer für das Überleben seiner Menschen. Viele sind für ihren Glauben oder für ihr Engagement getötet worden.  Da ist es ein Wunder, dass es Menschen wie Rebecca Lolosoli gibt, die ihr Leben für eine gute Sache riskieren. Woher haben diesen Mut? „Gott kümmert sich um mich", meint Rebecca Lolosoli.
Man sieht ihr diesen Mut nicht auf den ersten Blick an. Eine einfache Frau aus Afrika mit einem scheuen Lächeln. In den Augen aber die Energie einer Frau, die nach wirklichem Leben strebt, nicht nur nach dem Überleben. Mich hat das tief beeindruckt. Lebenskraft, die überspringt, die uns erfasst und aufrichtet -   das wünsche ich Ihnen und mir. Dazu helfe uns Gott. Amen.

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„Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind" (Sprüche 31,8)
Steht in der Bibel, im Alten Testament.
Amnesty international macht das. Seit 50 Jahren schon. Tut den Mund auf und spricht für die, die verlassen sind. In Gefängnissen, Flüchtlingslagern und Slums. Ehrenamtliche und Hauptamtliche sprechen  und schreiben Briefe an Minister und Regierungen. „Lasst die Gefangenen frei, die ihr ins Gefängnis gebracht habt, nur weil sie eine andere Meinung haben. Achtet die Menschenwürde - auch bei denen, die sich schuldig gemacht haben."
Jeden einzelnen suchen sie. Nicht nur prominente Gefangene wie Ai Weiwei. Auch Unbekannte wie die Studentin Ayat Al-Qarmezi aus Bahrain. Sie kam ins Gefängnis, weil sie ein kritisches Gedicht gegen den König vorgetragen hatte. Amnesty international schreibt Briefe für sie. Und fordert uns normale Bürger auf, ebenfalls Briefe zu schreiben. Per Post, per Fax oder per E-Mail. Also habe ich eine E-Mail an den König von Bahrain geschrieben.
Was können Briefe schon ausrichten? Fragen viele. Sie können, das haben sie bewiesen. Wenn ein König, wenn ein Staatsoberhaupt innerhalb kurzer Zeit mit zigtausend Briefen und E-Mails wegen eines einzelnen Menschen bombardiert wird - das macht schon Eindruck. Denn jeder Brief sagt ihnen: Die Welt beobachtet euch. Und den Betroffenen sagen sie: Ihr seid nicht allein.
Manchmal sprechen und schreiben sie vergeblich. Wie neulich zum Beispiel. Da wurde im US-Bundesstaat Alabama der geistig behinderte Eddie Duval Powell hingerichtet. Er war des Mordes schuldig gesprochen. Die Briefaktion wurde beendet. Aber der Kampf gegen die Todesstrafe geht weiter.
„Wie hältst du das aus, dauernd mit dem Leiden konfrontiert zu sein?", wird eine Ehrenamtliche von Amnesty international gefragt. Sie sagt: „Wenn ich einen ehemaligen Gefangenen in Freiheit treffe, in seine Augen sehe und seine Stimme höre - dann wird mir ganz schwindelig vor Glück. Wer dieses Privileg jemals erfahren durfte, wird mich verstehen." Und so tut sie weiter ihren Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.

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„Die Depression ist gleich einer Dame in Schwarz. Tritt sie auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch und höre, was sie zu sagen hat." Von C.G. Jung ist der Satz, dem großen Psychoanalytiker. Depression - die Dame in Schwarz. Jeder vierte Deutsche hat ihren Auftritt schon mal erlebt. Viele auch mehrmals.
Aber wer hat schon gerne diese Dame in Schwarz am Kaffeetisch sitzen? Ich stelle mir das vor. Eine Erdbeertorte auf dem Tisch. Eigentlich liebe ich Erdbeertorte. Aber mit der schwarzen Dame am Tisch kriege ich keinen Bissen runter. Kaffee vielleicht. Schwarz und möglichst bitter, sehr bitter. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Wir schweigen uns an. Es ist schwer, mit der Dame in Schwarz allein zu sein. Aber bin ich denn allein?
Bin ich nicht. Da sitzt noch jemand am Tisch. Ich habe ihn nicht gleich bemerkt. Die Bibel beschreibt den zweiten Gast so: „Mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast." Gott mit hellem Kleid sitzt auch am Tisch. Er wirft etwas Licht auf die Dame in Schwarz. Auch auf mich. Das hilft. Jetzt kann ich ihr zuhören.
„Nimm mich ernst", könnte sie sagen. „Tu nicht so, als wäre alles o.k. Das macht dich krank. Schau an, was ich alles in mir verschlossen habe: Deine ganzen Gefühle. Deine Trauer und deine Wut. Aber nicht nur die. Auch deine Freude und dein Glück. Alles habe ich in Schwärze gehüllt. Aber nicht, um deine Gefühle zu töten. Nein, sondern, um sie zu retten.
Als ich entstand, warst du noch zu klein. Da musstest du deine Gefühle verschließen. Die Verletzungen an deiner Seele waren zu groß. Aber jetzt bin ich da, um dir das alles zu zeigen. Schick mich nicht weg. Schau genau hin. Unter der Schwärze sind die Farben deiner Gefühle. Eine ganze Farbpalette. Schön und prächtig. Verschwende doch nicht deine Kraft, um mich zu verbergen. Das klappt eh nicht. Setz dich einfach neben mich. Dann weinen wir ein wenig zusammen. Und dann lachen wir und essen deine Erdbeertorte. Das tröstet nämlich. Und dann bitten wir Gott, uns zu verraten, wo man so helle Kleider herkriegt."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11209

„Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf", steht in der Bibel. In Psalm 127. Und der singt ein Lied der Faulheit. „Es ist vergeblich, dass ihr früh aufsteht und danach lange sitzt und esst euer Brot mit Sorgen." Lasst das mal Gottes Sache sein und vertraut drauf: „Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf." Das klingt schön. Aber vielleicht gehören Sie auch zu denen, die früh aufstehen, danach lange sitzen und sich viele Sorgen machen. Und die alles, nur nicht faul sein wollen. Dabei ist Faulheit wichtig. Sie fördert die seelische Widerstandskraft, die so genannte „Resilienz".
Und es ist tatsächlich so: Manche Probleme lösen sich über Nacht von selbst. Im Schlaf. Vor allem im sogenannten REM-Schlaf. Das ist der Schlaf, bei dem wir träumen und die Augen sich dabei hin- und herbewegen. Im Schlaf vollbringt unser Gehirn die größte geistige Leistung, ohne dass wir was davon mitkriegen. Da arbeitet das Gehirn wie eine „Mülltrennanlage". Der Alltag wird sortiert. Wichtiges vom Unwichtigen getrennt. Und Probleme werden gelöst. Das wussten die Psalmbeter schon vor 2 ½ tausend Jahren! „Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf", Überhaupt erzählt die Bibel von einigen großen Schläfern. Von Elia zum Beispiel. Der ist vor Erschöpfung eingeschlafen. Eine Depression hat ihn umgehauen. „Burn out" würden wir heute sagen. Ein Engel erscheint ihm und stärkt ihn. Allerdings braucht Elia dann drei Anläufe, bis er wieder auf die Füße kommt. Manchmal reicht einmal  schlafen nicht aus.
„Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf."
Aber wo Sie jetzt schon mal wach sind, kann ich Ihnen sagen: Tagträume helfen auch. Sich die Zeit nehmen. Dasitzen und einfach vor sich hingucken. Oder einen Spaziergang machen. Am besten in der Arbeitszeit, so zwischendurch. Arbeitsforscher haben herausgefunden: Unternehmen, die das ihren Mitarbeitern erlauben, sind produktiver. Diese kleinen faulen Auszeiten machen Leute kreativ. Wirklich wahr.
Wenn Ihre Firma das noch nicht erkannt hat, können Sie sich ja andere Zeiten der Faulheit nehmen. Jetzt in der Ferienzeit zum Beispiel. Oder abends: Statt Fernsehen einfach nur dasitzen und da sein. Und Gott die Sorgen überlassen. Der gibt's im Schlaf.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11208

Muss ich in der Religion eigentlich alles glauben und verstehen? Drei Geschichten aus drei Religionen.
Sie ist auf dem Weg in den Gottesdienst. Die alte jüdische Dame in einer Seniorenresidenz in Frankfurt. 96 ist sie. Es ist Sabbatabend. Der Rabbi hat sie eingeladen. Seit sie da wohnt, geht sie immer in den Sabbatgottesdienst. Dem Rabbi zuliebe, sagt sie und zwinkert mit den Augen. Ein Fernsehteam begleitet sie bis zur Tür. Ob sie oft betet, wird sie gefragt. „Beten? So ein Quatsch. Ich gehöre einfach dazu. So ist das Leben." Sagt's, verschwindet in der Synagoge und lauscht dem fremden vertrauten Klang der hebräischen Worte. Vielleicht wird sie einige mitmurmeln. Sie weiß nicht, wie das geht: beten. Sie tut's einfach. Weil sie dazu gehört. Das erleichtert das Herz.
In seinem Roman „Tausend strahlende Sonnen" erzählt  Khaled Hosseini von Mulla Faizallah in Afghanistan: Der gibt der kleinen Mariam Koranunterricht. Einmal sagt er ihr, dass er den Sinn der arabischen Worte im Koran eigentlich nicht verstehe. Aber er liebe ihren Klang. Sie trösten ihn und erleichtern sein Herz. „Auch dich werden sie trösten, Mariam', sagt er. ‚Du kannst sie aufrufen, wenn du Kummer hast. Und du wirst nicht enttäuscht sein, denn Gottes Worte täuschen nie, mein Mädchen.'
Szenenwechsel: Mittagsgebet in meiner Kirche in Frankfurt. Mehrere Wochen hintereinander dieselben Gebete und Lieder. Viele kenne ich auswendig. Ich bin mit meinen Gedanken ganz woanders. Spreche die Worte irgendwie mit. Verstehe nicht wirklich. Wie geht das eigentlich - beten? Manchmal weiß ich es nicht. Aber ich tu es trotzdem. Der Klang erleichtert mein Herz. Ich gehöre dazu. So ist das Leben.
Drei Geschichten aus drei Religionen. Judentum, Islam, Christentum.  Alle haben Worte, die wir aufrufen können, wenn wir Kummer haben. Worte, die wir nicht immer verstehen oder glauben müssen. Der Theologe Fulbert Steffenski meint: „Sie sind die Notsprache, wenn uns das Leben die Sprache verschlägt." Auswendig gelernte Worte. Deren Klang uns tröstet. Gut, wenn wir solche Worte haben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11207
Als Kind war ich ziemlich wild, aber auch fromm. Ich hab immer draußen gespielt, am liebsten auf den Trümmergrundstücken, die es Anfang der 60er Jahre in Bochum noch gab.
Eines Tages spielte ich mit ein paar Freunden in einem Steinbruch. Wir waren alle so 8/9 Jahre alt. Wir kletterten in dem Steinbruch immer weiter nach oben. Und schließlich waren wir so weit oben, dass wir nicht mehr runterkamen.

Die Panik war groß. Dann kam eins der Mädchen auf die Idee, wir könnten doch beten. Gott kann uns doch helfen. Schließlich ist er zuständig für Menschen in Not. Das war uns sonnenklar. Ich weiß nicht mehr, welche meiner Freunde eigentlich dabei waren. Aber ich weiß noch genau, wie wir 5 Kinder uns in einen Kreis aufgestellt haben. Jeder hat seine Hände gefaltet. Wir haben Gott gebeten, dass er uns jetzt hilft. Und dann haben wir das Vater unser gebetet. Ich kann mich noch heute erinnern, wie sich das angefühlt hat. Mir war klar: da ist Gott, der passt auf uns auf. Wir sind nicht allein. Und ich fühlte mich geborgen, trotz der brenzligen Lage.

Das Vater unser - So viele andere Gebete kannten wir auch nicht. Und wir haben kaum verstanden, was wir da beteten. Aber das war egal. Hauptsache Gebet, und das konnten wir alle auswendig.
Fremde Worte - geliehene Worte. Worte, die in unser jugendliches Unterbewusstsein gerutscht waren. Gut, wenn man solche Worte parat hat.
Sie sind die Notsprache, wenn einem das Leben die Sprache verschlägt, sagt der Theologe Fulbert Steffensky.
Ich weiß auch nicht mehr, wie wir schließlich aus dem Steinbruch wieder rausgekommen sind. Ich weiß nur, dass wir alle damals unverletzt nach Hause gingen.

Heute erlebe ich manchmal am Krankenbett oder am Sterbebett, wie das Gebet hilft, aus einer schwierigen Situation herauszufinden. Menschen, die kaum noch sprechen können, bewegen ihre Lippen mit, wenn ich das Vater unser bete. Ich spüre den Trost und kann ihn sehen im Gesicht der Kranken. Denn Gott ist da.

Ob man ein wildes Kind ist oder ein gebrechlicher älterer Mensch, Unser Vater im Himmel – der gibt Geborgenheit, Schutz in der Not – im Steinbruch, im Krankenbett, immer.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=4326
Auch Musikstars werden älter. Ob sie wollen oder nicht. Die Pop-Ikone Madonna ist letzte Woche 50 geworden. Und das hat sie gefeiert, sogar öffentlich. Sie ist so alt wie ich, aber sie singt und tanzt, als wäre sie 25. Kein Gramm zu viel auf der Hüfte, naja, ein bisschen zu dünn, würde ich sagen.

Nein, keine Angst, jetzt kommt kein Lamentieren über den heutigen Jugendwahn. Über Gesichts-Lifting und Fettabsaugen. Ist ja wahr: viele übertreiben es. Haben Angst vor dem Älterwerden. Dabei sind Fettpölsterchen und Falten ein guter Anlass, sich zu fragen: wie lebe ich mit dem, was ich nicht ändern kann?

Mir hilft dabei die Bibel. Jung zu sein gehört da nicht zusammen mit einer glatter Haut. In der Bibel hat Jungsein was zu tun mit Fröhlich sein. Und das ist nun mal keine Frage des Alters. „Lobe den Herrn, meine Seele“, heißt es im 103. Psalm. „Und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.“

Das Geheimnis der Jugend - es liegt in einem fröhlichen Gemüt. Das ist ein Geschenk Gottes. Nun - ein bisschen was kann man schon selbst dafür tun. Z.B. mit Singen und Tanzen. Das heißt, sich bewegen - atmen, die Seele öffnen zu Gott hin.

Das muss nicht so perfekt sein wie bei Madonna. Die ist ja auch wirklich ein bisschen schrill. Aber sie hat Temperament und Ideen, und so regt sie mich an. Sie erinnert mich an das Kind, an die Jugendliche, die ich mal war und doch auch irgendwo immer noch bin. Man muss nicht eine Figur haben wie Madonna. Auch mit 50 oder 80 kann man das Kind, das man immer auch ist, tanzen und singen lassen.
Sich daran erinnern, was Gott einem im Leben alles Gutes getan hat. Darüber fröhlich werden und jung wie ein Adler. Ja, das geht.

Dann kommen zu den Sorgenfalten auch ein paar Lachfalten. Die haben Leute wie Madonna weniger. Schade eigentlich. Aber wer weiß, wie sie aussieht, wenn sie sich abends abgeschminkt hat mit ihren 50 Jahren. Immerhin: sie feiert als Pop-Ikone ihren 50. Geburtstag öffentlich. Und das zeugt doch von einem fröhlichen Gemüt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=4325
So ein Umzug wirbelt schon das Leben durcheinander. Bis alles so seinen Platz hat in der neuen Wohnung! Wohin mit dem Bild, das vorher im Wohnzimmer hing? Wohin in der Küche kommen die Töpfe, wohin die Gläser? Und: wo komme ich vor in den neuen vier Wänden?

Neue Möbel kommen zu den alten. Meine Couch steht andersrum als vorher. Wenn ich mich jetzt zum Fernsehen hinlümmeln will, habe ich die Rückenlehne rechts statt links. Und meine linke Hand greift ins Leere. Da muss ich mich erst dran gewöhnen. Die Lampen sind noch in der Kiste. Die müssen auch irgendwann montiert werden, und bis dahin liegen die genauso verloren herum wie ich. Was ist schon so ein Umzug? Nichts Besonderes, scheints. Und doch zwingt er mich zu Fragen wie: Wo gehöre ich eigentlich hin? In der neuen Wohnung, in der neuen Stadt? Und im Leben?

Klar, ich werde mich einleben. Die neue Wohnung wird irgendwann ein wirkliches Zuhause sein. Aber in all den Umbrüchen wird mir erst bewusst, wie sehr ich von dem lebe, was mir vertraut ist, und was bleibt.

Das erste Bild, das ich in meiner neuen Wohnung aufgehängt habe, ist von Marc Chagall, König David mit seiner Harfe. Leuchtende Farben, rot vor allem. Das Bild erinnert mich ans Singen und Psalmen beten. Es erinnert mich daran, dass man auch in Gott ein Zuhause haben kann. Wenn äußerlich alles drunter und drüber geht – Gott ist da, Gott hält mich mitten im Chaos. Bei ihm habe ich meinen Platz.

Besonders nah ist mir der eine Psalm Davids, der unter der Nummer 139 in der Bibel steht. Und weil ich es nicht besser ausdrücken kann, möchte ich Ihnen den einfach mal vorlesen.
Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von fern. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Nähme ich die Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4324