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12AUG2021
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Mitten im Chaos hab´ ich ihn gesehen: Den Regenbogen. Ich bin an der Ahr. Helfe mit beim Aufräumen auf einem Winzerhof. Gestern haben wir den Keller vom gröbsten Dreck befreit. Keine schöne Arbeit. Im Keller ist es dunkel, nass und es riecht ganz schön muffig. Wir haben Schlamm in Kisten geschippt und nach oben geschafft. Heute habe ich das große Los gezogen, darf im Freien arbeiten. Mit einem Wasserschlauch mache ich diese total verdreckten Schlammkisten sauber. Nicht nur, dass ich an der frischen Luft arbeiten darf, es scheint auch noch die Sonne. Und deshalb habe ich das Glück, dass er mir ab und zu erscheint, der Regenbogen, wenn auch ein ganz kleiner. Wenn ich die Düse vom Wasserschlauch zu drehe, der Strahl also immer feinperliger wird, dann erscheint er manchmal im Wasserstrahl, aber immer nur ganz kurz.

Ich freue mich darüber, denn der Regenbogen ist ein altes Hoffnungszeichen. Er steht für die Zusage Gottes, dass er den Menschen nicht vernichten will. Denn am Ende der Sintflut, dem großen Hochwasser in der Bibel, schließt Gott mit dem Menschen einen Vertrag und verspricht: „Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, … Solange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." (Gen 8,21bf) Und den Regenbogen macht Gott zum Zeichen für diese Zusage.

Mitten im zerstörten Ahrweiler, zwischen Müll- und Abfallbergen sehe ich für Sekunden im Wasserstrahl eines Schlauches einen Regenbogen. Und ich frage Gott, wie es aussieht mit seinem Versprechen von damals und der Zerstörung hier und heute im Ahrtal? Und ich bekomme keine Antwort, Gott schweigt. Dann höre ich auf einmal das Lachen von jungen Frauen aus dem Münsterland. Sie sortieren vom Schlamm verschmierte Weinflaschen und haben offensichtlich Spaß dabei. Sie sind für ein paar Tage angereist um hier zu helfen – einfach so. Und ich sage: Danke, Gott!

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15JUL2021
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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Liberté, Egalité und Fraternité daran wurde gestern wieder in ganz Frankreich erinnert. Am 14. Juli 1789 brach mit dem Sturm auf die Bastille in Paris die Französische Revolution aus. Und das waren die Forderungen der Revolutionäre: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Diese Forderungen waren damals nicht nur gegen den absolutistischen König und den Adel gerichtet, sondern auch und gerade gegen die katholische Kirche, speziell gegen die Leitung der Kirche, gegen den Klerus. Verständlich, denn die Kirche war ein ungutes Verhältnis mit den Mächtigen eingegangen, Thron und Altar stützten sich gegenseitig. Unverständlich, wenn man auf den Anfang der Kirche schaut. Jesus selbst hätte wohl die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit direkt unterschrieben und für Paulus, der Jesus in Europa erst bekannt gemacht hat, waren das geradezu seine Lieblingsforderungen. Starke Sätze spricht er da zum Beispiel im Brief an die Galater: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! (Gal 5,1). Oder, wenn es um die Gleichheit geht: Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid einer in Jesus Christus (Gal 3,27). Und Brüderlichkeit ist für ihn selbstverständlich, permanent spricht er die Mitglieder in den verschiedenen christlichen Gemeinden als seine Brüder an. Sicherlich heute sprechen wir lieber von Geschwisterlichkeit als von Brüderlichkeit. Aber da waren sowohl Paulus als auch die Revolutionäre in Frankreich Männer ihrer Zeit.

Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit. Politische Forderungen aus denen letztlich unsere heutigen Demokratien hervorgegangen sind. Für mich sind es aber auch Werte, die mich als einzelnen Menschen stark machen und zwar so, dass meine Stärke nicht auf der Schwäche des andern beruht. Ich bin ein freier Mensch. Ich muss mich vor niemandem klein machen. Ich darf aber auch andere nicht klein machen, denn es sind meine Brüder und Schwestern. Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Ich fühle mich gut aufgehoben in diesen Werten.

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05JUN2021
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„Also Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein.“ Ein Satz aus der Bibel. Einer, der mir in den letzten Monaten sehr geholfen hat. Immer dann, wenn mich der Coronablues überfiel. Ich leicht depressiv wurde wegen all der Einschränkungen. Sich möglichst mit niemandem treffen. Auf keinen Fall sich umarmen, selbst der freundschaftliche Klaps auf die Schulter – alles tabu. Distanz war und ist immer noch das Gebot der Stunde. Ich sehe das alles ein, habe mich auch darangehalten und werde es – soweit nötig - auch weiter tun. Aber manchmal war ich es einfach leid. Und da hat er mir geholfen, dieser einfache Satz aus der Bibel: „Also iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein.“ Das ist so ein typischer Ratschlag aus dem Alten Testament. Genauer gesagt aus dem Buch Kohelet – wie wir Katholiken sagen – oder gut evangelisch: aus dem Buch Prediger. Dabei haben viele Sätze in diesem Buch eher einen pessimistischen Zug. „Alles ist Windhauch.“ Immer wieder wiederholt Kohelet, der Prediger, diesen Satz. Aber dann, mittendrin: „Also iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein.“ Was er damit sagen will: Gerade weil das Leben oft sehr frustrierend ist, langweilig und grau.  Und einem vieles sinnlos vorkommt, Windhauch eben, gerade deshalb ist es wichtig, sich an den elementaren Dingen des Lebens zu erfreuen. Und dazu zählt natürlich auch Essen und Trinken. Und so war es dann auch, wenn mich der Coronablues überfallen hat. Wenn ich mich zu nichts aufraffen konnte. Und das ewige Projekt „Keller aufräumen“ mich erst recht nicht in bessere Stimmung brachte. Dann tat es gut, Kartoffel zu schälen, Gemüse zu putzen und Eier, Fisch oder Fleisch in die Pfanne zu hauen. Und anschließend diese Mahlzeit mit Genuss zu essen und dazu auch vergnügt ein Glas Wein zu trinken. Das hat die Welt nicht gerettet, aber meinen Coronablues ein wenig vertrieben. Danke für den Tipp lieber Kohelet, Prediger aus dem Alten Testament.

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04JUN2021
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„Schenke mir ein hörendes Herz“ (1 Kön 3,9), man glaubt es kaum, ein Politiker hat das gesagt. Ist schon ein bisschen her, der Satz steht nämlich in der Bibel. Und der Politiker war der König Salomo. Normalerweise kommen in der Bibel die Könige Israels nicht gut weg. Häufig werden sie mehr kritisiert als gelobt. Eine Ausnahme bildet Salomo. Zu Gott hat er ein gutes Verhältnis, deshalb gewährt ihm Gott am Anfang seiner Regentschaft auch einen Wunsch. Und Salomo, der sich eigentlich zu jung und unerfahren für seine Aufgabe fühlt, bittet Gott, ihm ein „hörendes Herz“ zu schenken. Nicht Macht, nicht Reichtum, nicht Kriegsglück, sondern ein hörendes Herz wünscht er sich für seine Regentschaft.

Das Herz ist im Judentum der Sitz von Verstand und Wille, nicht von Gemüt und Gefühl wie bei uns. Salomo bittet Gott also: Schenke mir die Kraft, meinen ganzen Willen und meinen Verstand dafür einzusetzen, Dir und dem andern gut zuzuhören. Zuhören können und versuchen den andern - gerade auch den politischen Gegner - zu verstehen, ist eine wichtige Tugend in der Politik.

In einigen Monaten ist Bundestagswahl. Die Kanzlerkandidaten stehen fest und die Parteien haben auch ihre Leute für das Parlament aufgestellt. In den politischen Talkshows im Fernsehen hat der Vorwahlkampf schon begonnen. Frauen und Männer treten dort gegeneinander an und kämpfen manchmal recht laut und rechthaberisch um meine Stimme. Ich will mal darauf achten, wer von Ihnen am besten zuhören kann und sich redlich bemüht, den politischen Gegner zu verstehen. Denn die Zeit des Salomo, des Königs mit dem hörenden Herzen, zählt zu den glücklichsten Epochen in der Geschichte Israels.

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02JUN2021
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„Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (Joh 8,8). Ein geflügeltes Wort, es stammt aus der Bibel. Eine Frau wurde beim Ehebruch ertappt. Steinigung war damals die vorgesehene Strafe für ein solches Vergehen. Die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Moralisten jener Zeit, schleppen die Frau vor Jesus und wollen seine Meinung wissen. Er weigert sich aber Stellung zu beziehen, sagt nicht ja oder nein, richtig oder falsch, sondern er sagt diesen Satz: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Jesus macht einfach nicht mit beim Beurteilen und Verurteilen, beim berühmten Daumen-runter-Spiel.

Steinigungen gibt es bei uns schon lange nicht mehr, erst recht nicht bei Ehebruch. Aber das Daumen-runter-Spiel ist weit verbreitet. Und Dank der so genannten sozialen Netzwerke zu einem Massenphänomen geworden. Permanent wird man dort aufgefordert zu beurteilen und zu bewerten. Daumen hoch oder Daumen runter. Alles, Restaurants, Hotels, Ärztinnen, Handwerker, Politikerinnen, Sänger, Schauspielerinnen, jeder und jede wird beurteilt und das in aller Öffentlichkeit. Wehe dem, der einmal einen Fehler macht oder gar ein unbedachtes Wort loslässt. Wenn er Pech hat, wird er dann Opfer eines Shitstorms, einer Lawine von negativer Kritik – einer virtuellen Steinigung.

In der biblischen Geschichte haben die Pharisäer und Schriftgelehrten die Frau nicht gesteinigt. Nach Jesu Satz „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ ging einer nach dem andern fort, zuerst die Ältesten. Sie haben ihre Lektion gelernt, es ist ihnen vielleicht nicht leichtgefallen, aber sie haben die Steine aus der Hand gelegt.

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01JUN2021
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„Gott der Herr nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und hüte“ (Gen 2,15). Ein Satz aus der Bibel. Im Paradiesgarten in Koblenz kann ich ihn lesen. Er steht dort in Stein gemeißelt auf einem großen Wasserbecken. Ich gehe gerne in diesen Paradiesgarten: Schöne alte Bäume stehen dort, Blumen, Wiese, Bänke - eine kleine Oase mitten in der Stadt.

„Gott der Herr nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und hüte.“ Das Paradies, der gute Anfang, war also ein Garten. Ein Garten, kein Urwald. Nicht Natur pur, sondern gestaltete Natur, wo Wege angelegt werden, wo es Beete gibt und wo Bäume und Sträucher auch mal gestutzt werden. Und das ist ja dann auch der Auftrag Gottes an uns, wir sollen diesen Garten bebauen. Das haben wir jetzt auch hinlänglich Jahrtausende lang gemacht. Haben nicht nur Bäume und Sträucher gestutzt und Wege angelegt, sondern ganze Wälder abgeholzt, riesige Löcher in die Erde gebaggert und ganz schön viel Boden zugepflastert. Und viele haben sich dabei auch noch auf den Auftrag Gottes „den Garten zu bebauen“ berufen. Typisch Mensch, Gottes Gebrauchsanweisung mal wieder nur halb gelesen.  Dass da auch noch das Wort „Hüten“ steht, haben wir geflissentlich überlesen. Hüten bedeutet nämlich vorsichtig sein. Aufpassen, dass da nichts zerstört wird von der guten Schöpfung Gottes. Mit allem pfleglich umgehen, sich liebevoll um alles Lebendige in diesem wunderschönen Garten kümmern. Nach dem wir Jahrtausende lang wie wild rumgebaut haben ist jetzt mal hüten angesagt. Sonst wird es für unsere Kinder und Kindeskinder keine Paradiese mehr geben auf dieser Welt.

In unserm Paradiesgarten in Koblenz ist noch ein zweiter Spruch in Stein gemeißelt, er stammt von Erich Kästner und passt wunderbar zum Spruch aus der Bibel: „Die Erde soll früher einmal ein Paradies gewesen sein, möglich ist alles. Die Erde könnte wieder ein Paradies werden, alles ist möglich.“

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31MAI2021
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„Bei Euch soll es nicht so sein.“ Ein Forderung Jesu an seine Jünger. Die Szene dazu:  Jakobus und Johannes, Jünger Jesu von Anfang an, bitten Jesus um einen besonders guten Platz im Himmel. Sie wollen direkt neben ihm sitzen, rechts und links von ihm – sozusagen in der ersten Reihe. Jesus nutzt diese Bitte der beiden, um mal was Grundsätzliches loszuwerden. Originalton Jesus: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“ (Mk 10,42-44). Das hat gesessen. Ich stelle mir vor, dass sich nach dieser Antwort Jesu Jakobus und Johannes ganz kleinlaut in eine Ecke verkrümelt haben, mal über sich selbst, ihr Denken und Tun, nachgedacht und für eine Zeitlang die Klappe gehalten haben.

Und das hat nicht nur damals gesessen, das sitzt auch heute noch. Als Anspruch an alle, die sich auf diesen Jesus berufen. Erst recht als Anspruch an die Kirche, die ja von sich behauptet eine Gemeinschaft von Jüngerinnen und Jünger Jesu zu sein.

Es tut mir weh festzustellen, dass auch in der Kirche Macht missbraucht wird. Genau wie bei den Mächtigen dieser Welt, von wegen „bei Euch soll es aber anders sein.“

Was ich mir in dieser Situation von meiner Kirche wünsche: Dass wir erstmal kleinlaut werden und gründlich über uns selbst nachdenken. Dass wir Täter benennen und Opfern zur Seite stehen. Dass wir alles, was Machtmissbrauch fördern kann, kritisch unter die Lupe nehmen. Unsere Strukturen, unsere Ämter, unsere Lehrsätze, unser Gehabe und Getue.  Und dass wir als Kirche – zumindest in Fragen der Sexualmoral – für eine Zeitlang einfach mal die Klappe halten.

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27FEB2021
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Ein typischer Kurzdialog dieser Tage: „Und? Wie geht’s?“ „Wie soll’s schon gehen, langsam ist man‘s leid, aber was will man machen!“ Für mich steckt in diesem Satz viel Weisheit.

„Langsam ist man’s leid“, das ist eine Klage. Ich klage über die Corona- Einschränkungen, d.h. nicht, dass ich ihre Notwendigkeit nicht einsehe. Ich habe mich darangehalten und tue es weiter. Aber ich leide darunter, dass ich meine Enkelkinder nicht mehr in die Arme nehmen kann, der Kontakt zu meinen Freunden nur noch per Telefon oder Video läuft und dass ich schon so lange nicht mehr in Gemeinschaft laut gesungen habe. Und dieses mein Leid, muss ich auch mal zum Ausdruck bringen. Ob resignativ „langsam ist man’s leid“ oder auch wütend „So langsam hab‘ ich die Schnauze voll“. Beides ist OK. Wer klagt, der lebt noch, der hat noch Gefühle. Und für die psychische Gesundheit ist es oft gut, seine Gefühle auch mal rauszulassen. Deckel auf, damit der Dampf abziehen kann.

Mit dem zweiten Teil des Satzes: „Aber was will man machen!“ relativiere ich meine Klage. Eine Klage ist keine Anklage. Ich brauche die Klage, damit es mir besser geht, aber ich klage niemanden an. Darüber hinaus ist „Aber was will man machen!“ auch mein Eingeständnis, dass ich auch keine andere Lösung weiß. Ich hätte so gerne wieder ein Leben ohne Coronabeschränkungen, aber ich habe letztlich auch keinen Plan. Ich leide zwar darunter, aber ich weiß im Moment gilt es die Situation auszuhalten. Da muss ich eben durch.

Wie dieser typische Kurzdialog dieser Tage zeigt, haben das die meisten Menschen auch kapiert. „Und, wie geht’s?“ „Wie soll’s schon gehen, langsam ist man‘ leid, aber was will man machen!“

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26FEB2021
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Hauptsache, ich habe einen Schuldigen. Einen, den ich verantwortlich machen kann für die Dinge, die nicht klappen. Das steckt in uns Menschen drin und deshalb spielen wir es gern: Das Schwarze-Peter-Spiel. Der Schwarze Peter, die Schuld, soll doch bitte schön immer am andern hängen bleiben. Denn Schuld haben immer die andern. Und in diese Kerbe hauen sie rein, die Verschwörungstheorien. Sie bedienen meinen Wunsch, die Schuld andern in die Schuhe zu schieben. Sie machen mein Leben so wunderschön einfach: Ich muss mich nicht mit irgendwelchen komplizierten wissenschaftlichen Erklärungen herumschlagen, brauch mich nicht nach Ursache und Wirkung zu fragen oder gar: Wo muss ich mein Verhalten ändern? Denn Schuld sind irgendwelche Bösen. Besonders beliebt bei den Verschwörungstheoretikern: Man schiebt die Schuld geheimen Mächten, undurchsichtigen Gruppierungen oder am besten einem ganzen Volk zu. Ganz oft trifft das dann die Juden. Immer wieder in der Geschichte schiebt man ihnen die Schuld in die Schuhe.

Heute feiern die Juden das Fest Purim, zu Deutsch Los, Schicksal. Sie erzählen sich dabei eine Geschichte, die vor 2500 Jahren in Persien spielt. Haman, ein hoher Beamter des Königs spielt geschickt das Schwarze-Peter-Spiel. Er macht dem König klar, dass die Juden an allem Unheil in seinem Reich schuld sind. Der willigt ein und gibt den Befehl, alle Juden zu töten. Aber die Königin Esther, eine Jüdin, tritt für ihr Volk ein und entlarvt Haman als Verschwörungstheoretiker. Einer, der nur von seiner eigenen Schuld ablenken will. Durch Esther hat die Geschichte für die Juden ein Happy End. Das feiern sie heute, wohl wissend, dass dies in der Geschichte leider nicht so oft vorkam. Aber Geschichte ereignet sich nicht, ist nicht Schicksal, sondern wird durch Menschen gemacht. Und schuldig werden dabei nicht nur die Täter, sondern auch die Zuschauer.

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25FEB2021
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Lockdown und Regentag. Gute Voraussetzungen für schlechte Laune. Es ist Anfang Februar, ich sitze am Schreibtisch und bereite eine Veranstaltung vor, von der ich nicht weiß, ob sie stattfinden wird. Nicht zum ersten Mal in den letzten Monaten. Zu dem trüben Wetter kommen trübe Gedanken. Wie lange noch soll das ganze dauern, wann endlich können wir uns wieder frei bewegen, uns ungehindert treffen, singen, tanzen und feiern. Und dann, ganz plötzlich reißt der Himmel auf. Die Sonne kommt zwischen den Wolken hervor und – wie schön – ein Regenbogen zeigt sich. Prompt denke ich als Theologe natürlich an die alte Geschichte von der Sintflut, Noah, Gott und dem Regenbogen.  

Mit der Sintflut, einem großen Hochwasser, will Gott die Menschen wegen ihrer Schlechtigkeit vernichten. Einen aber rettet Gott und das ist Noah. Und mit ihm, er steht jetzt für die ganze Menschheit, schließt Gott nach der Sintflut einen Bund, einen Vertrag. Er verspricht dem Menschen: „Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe. Solange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." (Gen 8,21bf) Und den Regenbogen macht Gott zum Zeichen für diese wunderbare Zusage. Er sagt: „Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch." (Gen 9,14)

Ich schaue von meinem Schreibtisch durch’s Fenster auf den Regenbogen. Ich frage mich: „Gilt diese Zusage Gottes auch mir, hier und heute mitten in der Pandemie?“ Und ich denke an die vielen Generationen vor mir, die auf diese Zusage Gottes vertraut haben. Und die oft in schwierigeren Situationen standen als ich heute. Der Regenbogen, der Glaube an einen Gott, der mich nicht vergisst, hat ihnen immer wieder Kraft gegeben. Ich stelle mich in die Reihe meiner Vorväter und -Mütter und lass mich von ihrem Glauben tragen.

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