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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Es ist eines meiner liebsten Urlaubsvergnügen: an der Nordsee friesischen Tee trinken. Aus schönem Geschirr, mit Kandis und flüssiger Sahne, und vor allem auch mit Zeit zum Verweilen und zum Genießen. Und damit ich den Tee nicht zu lange ziehen lasse, wird mir auf dem Tablett auch eine kleine Sanduhr gebracht. Wenn die durchgelaufen ist, kann ich den Tee eingießen.
So kannte ich‘s schon lange. Aber in diesem Sommer war etwas anders. Es war die Sanduhr. Der Sand, der rinnende Sand, hatte die Richtung gewechselt. Er lief nicht wie seit eh und je von oben nach unten, sondern: von unten nach oben. Okay, dachte ich: wenn ich statt Sand Kunststoffkügelchen einfülle, dann geht das natürlich, physikalisch gesehen, weil die leichter sind und nach oben steigen. Aber warum macht man das?
Die Kellnerin wusste es auch nicht. Sie wusste nur, dass diese neuen Sanduhren, die quasi verkehrt rum liefen, offenbar Laune machen. Denn viel öfter als früher, sagte sie, nähmen die Gäste sie in die Hand und spielten damit, spielten quasi mit der Zeit.
Auf alten Darstellungen, vor allem im Barock, sind Sanduhren nicht selten zu finden. Oft zusammen mit einem Skelett, das die Sanduhr in der Knochenhand hält. Und dann ist gruselig klar: Die Sanduhr zeigt nicht die Zeit, sondern das Vergehen der Zeit. Und damit unsere Vergänglichkeit. Meine Vergänglichkeit.
Ganz anders bei einer ‚Sanduhr‘, die umgekehrt läuft, von unten nach oben, quasi in Gegenrichtung. Wie allen anderen Gästen tut es auch mir gut, zuzuschauen, und auch mir macht es Spaß, das Teil immer wieder umzudrehen.
Für mich ist diese Spielerei auch ein spirituelles Bild. Meine Lebenszeit nimmt ab, klar, so ist das. Aber sie rinnt nicht einfach ‚den Bach runter‘, oder ins Nichts, oder wohin auch immer. Meine Lebenszeit führt mich – nach oben. Dorthin, wo man sich früher den ‚Himmel‘ vorgestellt hat. Dorthin, wo alles Irdische mündet, und wo es vollendet wird. Auch mein Leben. Auch meine Zeit. Die schweren Tage, die es zu bestehen gilt. Und die so lebendigen, leichten Urlaubstage, die bald wieder vorbei sein werden. Aber jetzt – jetzt lasse ich mir erstmal den friesischen Tee schmecken, und die Sanduhr rückwärts laufen.
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Wo das noch hinführt…… Das denke ich manchmal, wenn ich mir die Welt so anschaue. Kriege, Klimakatastrophen, Hunger, politische Umwälzungen….
Manchmal zieht mich das richtig runter. Weil ich den Eindruck habe, ich kann dem so wenig entgegensetzen, und schon gar nichts verändern. Wenn ich mich in diese Stimmungsspirale hineindrehen lasse, dann geht‘s auch mir richtig schlecht, so schlecht wie der Welt, die ich gerade den Bach runter gehen sehe. Und dann, wie komm ich da wieder raus?
„Ich sehe Schwarzes, aber ich sehe nicht schwarz.“ Diesen Satz habe ich in einer Podiumsdiskussion gehört. Es ging genau darum, wie wir den gewaltigen Herausforderungen in der Welt, in der Gesellschaft, in der Kirche begegnen können. Auf dem Podium saß auch ein kluger älterer Herr, in jüngeren Jahren war er Bischof einer Freikirche.[1] Er war es, der diesen Satz gesagt hat: „Ich sehe Schwarzes, aber ich sehe nicht schwarz.“ Und ich meine gespürt zu haben, wie stark das gewirkt hat, nicht nur bei mir, sondern auch auf dem Podium und bei denen, die neben mir saßen.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade ein Christ wie dieser Bischof den Blick weitet. Auch er sieht Schwarzes. Auch er sieht, was nicht in Ordnung ist, was uns und unsere Welt gefährdet. Aber er sieht eben nicht nur Schwarzes. Es gibt auch Helles. Schönes, das aufatmen lässt und Gutes, das Hoffnung macht. Und er glaubt, dass die Welt nicht nur unser Machwerk ist, sondern zuerst Gottes Schöpfung. Und das wird sie auch zuletzt noch bleiben, geschunden und ausgebeutet, wie sie ist.
Das glaube auch ich, und deshalb – gerade deshalb – lege ich eben nicht die Hände in den Schoß, und sehe einfach nur noch schwarz. Nein, im Gegenteil: das gibt mir immer wieder die Kraft zu tun, was ich tun kann, um das Dunkle und Lebensfeindliche aufzuhellen. Ich kann einen einsamen Menschen regelmäßig anrufen. Ich kann das Kind einer alleinerziehenden Nachbarin aus der Kita abholen. Ich kann – wenn ich genug habe – einen Euro pro Tag spenden. Dafür bekommt ein Kind in Ostafrika jeden Tag eine Mahlzeit in der Schule. So wenig nur, aufs Ganze gesehen. Aber eben mein Anteil. Mein winziger Anteil daran, die Welt so zu gestalten, wie Gott sie gemeint hat.
[1] Volker Kühnle von der Neuapostolischen Kirche bei der Podiumsdiskussion zum Thema Warum wir an Zukunft glauben am 29.03.2025 in Rottenburg (im Rahmen der ‚Nacht der offenen Kirchen‘)
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Es gibt Menschen, die könnten alles werden. Alles lernen, alles studieren, in vielen Berufen Karriere machen. Weil sie einfach so vielseitig begabt sind. Ganz schön schwierig, bei all den Möglichkeiten dann den eigenen Weg zu finden.
So ging es auch einem Mann, dessen Name weltweit bekannt ist: Albert Schweitzer. Heute vor 60 Jahren ist er gestorben.
Wer war er? Und womit verbindet man seinen Namen? Bekannt geworden ist er als der ‚Urwalddoktor‘, wie man ihn damals genannt hat. In Lambarene, im heutigen Gabun, hat er ein Krankenhaus aufgebaut und geleitet, das es heute noch gibt. Und in diesem Beruf als Arzt hat er schließlich auch seine Lebensaufgabe gefunden. Zuvor hatte er schon sehr erfolgreich Philosophie und Theologie studiert, und sich darüber hinaus auch als Kirchenmusiker einen Namen gemacht – ein richtiges Allroundtalent.
Natürlich war Albert Schweitzer wie jeder Mensch auch ein Kind seiner Zeit. Etwa, wenn er afrikanische Mitarbeiter nicht auf Augenhöhe sah und sie eher wie Kinder behandelte.
Ja, in manchem blieb er Kind seiner Zeit. Und war ihr in anderem doch schon meilenweit voraus. Was er als Philosoph, als Theologe, als Arzt erkannt hat, das hat er in genialer Weise zusammengefügt. Daraus hat er eine ganz eigene Ethik entwickelt, er nennt sie „Ehrfurcht vor dem Leben“. Das Neue daran: Er schaut nicht nur auf den Menschen, sondern auf die ganze Schöpfung in ihrer Vielfalt, auf alles Lebendige, winzige Käfer und Mäuse nicht weniger als Affen und Elefanten. Sein Grundsatz heißt: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.“ Jedes Lebewesen hat sein Recht zu leben. Und unsere Aufgabe als Menschen ist es, jedes Lebewesen auch zu seinem Recht kommen zu lassen. Was für ein Gedanke – und was für ein Perspektivenwechsel! In einer Zeit, in der noch niemand an Artensterben und Erderhitzung gedacht hat. Dass er sich vegetarisch ernährt hat, war für ihn nur konsequent. Und ebenso, dass er zutiefst Pazifist war.
1954 hat Albert Schweitzer den Friedensnobelpreis bekommen. Für seinen Einsatz für Frieden und für Gerechtigkeit. Zwischen Mensch und Mensch. Zwischen Mensch und Tier. Zwischen Geschöpf und Schöpfung.
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„So was“. So heißt die Überschrift einer kleinen Rubrik in meiner Tageszeitung. Jeden Tag steht da eine kurze Notiz über irgendetwas Kurioses oder Lustiges, das sich ereignet hat.
Als im Frühjahr die Eissaison wieder so richtig in Schwung kam, hat sich in einer Eisdiele in Pforzheim Folgendes abgespielt: Ein älterer Herr kommt herein – und legt einfach so 180 Euro auf den Tresen – mit der Bitte, dafür Eis auszugeben. Umsonst, an die Kunden, die reinkommen. So lange, bis das Geld alle ist. Zur Erklärung sagt er, er habe einen Herzinfarkt überstanden und zudem sei heute der Geburtstag seiner Tochter. Da habe er einfach das Bedürfnis, sein Glück mit anderen zu teilen.[1]
‚So was‘ schrieb die Zeitung über diese Notiz. Und das dachte ich auch, als ich‘s gelesen habe. Ich war gerührt über diese nette kleine Geschichte, bei der einem ja schon ein bisschen das Herz aufgeht. Auch mir.
Der Zufall wollte es, dass mir beim Weiterblättern ein Spendenaufruf ins Auge fiel. Ein Hilfswerk machte auf die dramatische Hungerkatastrophe im Sudan aufmerksam und warb um Spenden. Ich hatte noch die hundert verschenkten Eiskugeln vor Augen, und musste denken: Wäre es nicht vernünftiger gewesen, das Geld zu spenden, um wirkliche Not zu lindern? Eis ist ein schöner kleiner Luxus, Brot oder Reis ist lebensnotwendig.
Aber schnell wurde mir klar: Teilen. Das ist es, was so unterschiedliche Situationen wie die Eisaktion und den Spendenaufruf verbindet. Teilen, was wir alle brauchen, in ganz unterschiedlicher Weise. Nahrungsmittel, Wasser, ein Dach über dem Kopf. Aber auch Zuwendung und Aufmerksamkeit, Bildung und Sicherheit, Wohlwollen und Wertschätzung.
Der nette Spender weiß natürlich, dass er mit ein paar Kugeln Eis nicht die Welt rettet. Und doch hat er damit vielleicht mehr bewirkt als er wissen kann. Auf jeden Fall hat sich seine Freude ausgebreitet. Und vielleicht hat er manchen, die nicht gut drauf waren, ja ein bisschen Geschmack aufs Leben gemacht. Auf Leben, das nach Himbeeren schmeckt oder nach Schokolade. Nach Leichtigkeit. Nach Überraschung. Nach geteilter Freude. ‚So was‘ soll‘s geben. Und manchmal steht‘s dann sogar in der Zeitung.
[1] Schwäbisches Tagblatt, 17.05.2025
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Es ist halt so: Es gibt Menschen, die kann ich nicht leiden. Ja, mehr als das, einfach nicht ausstehen. Zum Glück sind es nicht viele, aber es gibt sie, leider. Da war vielleicht mal eine Begegnung, bei der ich das Gefühl hatte, dass mich jemand herablassend behandelt oder nicht ernst nimmt. Oder ich ärgere mich über Verhaltensweisen, die ich für rücksichtslos oder angeberisch oder einfach für unsozial halte. Und wenn dann noch eine politische Haltung dazukommt, die der meinen widerspricht – dann wächst manchmal kein Gras mehr. Das kann sogar so weit gehen, dass ich mich regelrecht auf jemanden ‚einschieße‘ – was für ein schrecklicher Begriff, und zugleich so verräterisch.
Und indem ich mich so auf jemand ‚einschieße‘, schließe ich mich auch ein, in meine Sichtweise, in meinen Groll, in meine Abneigung. Und beschäftige mich innerlich viel zu viel damit, Recht zu behalten und mein Bild vom andern zu zementieren.
Wie ich da wieder raus kommen kann? Immer wieder hab ich versucht, mit psychologischen Tricks und Übungen da raus zu kommen, aber so richtig genützt hat nichts davon. Dann hab ich in einem ganz biederen Heftchen, das ich eher aus Langeweile in die Hand genommen habe, einen Satz gelesen, der bei mir sofort gezündet hat: „Lieber Gott,“ stand da, „segne ihn einmal mehr, als ich ihn verfluche.“
Das war‘s. Das hat den Bann gebrochen. Auch wenn ich noch nie jemand verflucht habe, zum Mond gewünscht reicht ja auch. Und dann diese neue Perspektive: Ich nehm diesen nervigen Zeitgenossen – und stell ihn quasi vor Gott. Und meine Abneigung gegen ihn gleich mit dazu. Ich traue Gott zu, dass er auch den unsympathischsten oder fiesesten Menschen als sein Geschöpf liebt. Mehr in ihm sieht, als ich sehen kann: sein Kind, und damit meinen Bruder, meine Schwester. Meinen Groll muss ich nicht unterdrücken oder weglächeln. Ich darf so fühlen wie ich fühle. Aber meine finsteren Gedanken und Gefühle sind mein Bild von diesem Menschen, nicht das Bild, das Gott von ihm hatte, als er ihn geschaffen hat. Deshalb müssen wir noch lange nicht Freunde werden. Aber ich kann ihn leben lassen, weil Gott ihn leben lässt. Und nicht nur ihn, sondern auch mich selbst. Denn auch ich darf leben – mitsamt all dem, was andere an mir vielleicht auf den Mond schießen könnten.
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Sie geht einfach nicht auf, die Tür in der S-Bahn. Wie verzweifelt ich auch den Knopf drücke, es tut sich nichts. Ich muss doch raus, denke ich, schon leicht panisch. Es ist schon spät, und ich kenne mich in der Gegend nicht gut aus, weiß nur, an welcher Haltestelle ich aussteigen soll. Während ich so erfolglos versuche, die Tür zu öffnen, kommt von der Seite ein junger Mann, mit mir der einzige Fahrgast im Abteil. Lässig geht er auf die andere Tür zu, gegenüber, und öffnet sie. Wir steigen beide aus. Ich geniere mich ein bisschen. Aber zum Glück kennt mich hier ja niemand, deshalb verfliegt meine Verlegenheit auch schnell und ich denke nicht mehr weiter dran.
Woran ich dagegen heute noch denke, das ist die Sache mit der Tür. Mit der falschen Tür, an der ich umsonst gerüttelt habe. Denn auch im ‚richtigen Leben‘ passiert mir das immer wieder mal, dass ich quasi ‚an falschen Türen‘ stehe und darauf warte, dass sie sich öffnen. Da plane ich irgendetwas und gehe ganz selbstverständlich davon aus, dass es klappt. Eine Reise etwa. Und dann, kurz vor der Abreise, kommt etwas dazwischen. Das Auto streikt. Oder das Bahnpersonal. Oder ich liege mit Fieber flach. Die ‚Tür‘, vor der ich stehe, geht nicht auf. Mein Plan geht nicht auf.
Meine Erwartungen können mich dazu bringen, vor der falschen Tür zu stehen, meine Vorstellungen davon, wie etwas zu laufen hat und wie nicht. Und weil ich mich so sehr auf die eine Tür fixiere, sehe ich gar nicht, dass gegenüber eine andere schon angelweit offen steht. Ich müsste nur die Perspektive ändern, die Blickrichtung. Aber was heißt ‚nur‘ – das ist es ja oft, was so schwer fällt. Mich umdrehen. Zur Seite treten. Meinen Stand verändern, und damit auch meinen Stand-punkt.
Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass ich die Türen, die sich dann auch öffnen, gar nicht selbst suche. Ich glaube vielmehr, ich werde geführt. Von Menschen, die mir immer wieder zeigen, dass es mehr Türen gibt, als nur die, vor der ich stehe. An der ich vielleicht panisch rüttle, wie damals in der S-Bahn. Oder es sind Ereignisse, oder Umstände, die eben sind, wie sie sind. Ich glaube ja, dass das alles nicht zufällig ist wie es ist. Und nicht zufällig geschieht. Sondern dass ich geführt werde, von Schritt zu Schritt, von Ziel zu Ziel. Von Tür zu Tür. Bis an die letzte ‚Tür‘ meines Lebens. Und durch sie hindurch – irgendwann.
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„Sammeln Sie Treuepunkte?“ Als ich diese Frage zum ersten Mal gehört habe, musste ich mir noch erklären lassen, was das ist und wie‘s funktioniert. Mittlerweile kommt das ebenso selbstverständlich wie die Frage „Bar oder mit Karte?“ Das Prinzip ist nicht neu. Früher gab‘s mal Rabattmarken, die hat man gesammelt und in ein Heftchen geklebt. Heute geht das – natürlich – digital und mit Chipkarte, bei jedem Einkauf, so ganz nebenbei. Aber das Wort kommt ganz groß und bedeutend. Es geht um ‚Treue‘, um meine ‚Treue‘. Aber nicht etwa meine Treue zu einem Menschen oder zu einer Aufgabe, sondern – zu einem Unternehmen.
Mich ärgert, wenn große Gefühle wie Treue oder Liebe dafür eingesetzt werden, um Kunden dazu zu bringen, immer wieder hier und nur hier einzukaufen. Und wenn ich dieses oder jenes Markenprodukt kaufe, so wird mir eingeflüstert, dann tue ich etwas Gutes. Dann liebe ich meine Familie mehr, wie wenn ich mit günstigen Produkten koche, die keinen klingenden Markennamen haben. Wie wenn ich ein besserer Mensch wäre, wenn ich einer bestimmten Supermarktkette ‚die Treue halte’. Und diese ‚Treue’ wird dann ‚belohnt’. Je mehr ich kaufe, desto günstiger wird’s.
Mich ärgert das auch deshalb, weil‘s da ja nicht nur um meine persönlichen Gefühle geht, sondern auch um ethische Werte. Grundlegende Werte, die wir für unser Zusammenleben brauchen, privat ebenso wie in der Gesellschaft und im Staat. Treue, Verlässlichkeit, Durchhaltevermögen. Treue hängt mit Trauen, mit Vertrauen zusammen, und vertrauen kann ich, wenn ich glaube, dass jemand aufrichtig ist. Und dass das, was er sagt, der Wahrheit entspricht. Im Englischen ist das noch zu erkennen: ‚true‘ klingt ganz ähnlich wie treu und heißt auf deutsch ‚wahr‘.
Eine zentrale Aussage der Bibel heißt: Gott ist treu. Das heißt doch: Es gibt eine Instanz, eine Wirklichkeit, eine Kraft, die größer ist als wir alle. Und die ist verlässlich. Wenn ich merke, dass ich Orientierung brauche, dann sage ich gern, mit einem anderen Bibelwort: Zeig mir, Gott, welchen Weg ich gehen soll. Dann will ich ihn gehen. In Treue – in deiner Treue. Weil du treu bist, gibst du mir Kraft, dass auch ich treu sein kann. (nach Psalm 86,11)
Mir hat das schon oft geholfen. Ohne Kundenkarte. Ohne App. Und ganz ohne Treuepunkte.
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Jeden Morgen dasselbe. Der Wecker klingelt. Jetzt hab ich die Wahl: Ausschalten und einfach weiterschlafen? Liegenbleiben und die Schlummertaste drücken? Oder doch gleich aufstehen?
In der Psychologie geht man davon aus, dass wir jeden Tag sage und schreibe 20 000 Entscheidungen treffen. Die allermeisten sind uns gar nicht bewusst. Denn zum Glück kann unser Gehirn bei alltäglichen Dingen quasi auf Autopilot schalten. Beim Aufstehen sind die Möglichkeiten ja noch übersichtlich. Später beim Einkaufen muss ich erstmal 5 Quadratmeter abscannen, wenn ich nur mal eine Tube mittelscharfen Senf kaufen will.
Eigentlich ist es ja schön, die Wahl zu haben. Aber: Immer mehr Wahlmöglichkeit macht mich eben nicht immer zufriedener, denn immer könnte es ja etwas noch Besseres geben. Manchmal habe ich schon gedacht: Wenn ich ein Teufel wäre, dann würde ich den Menschen so viele Möglichkeiten vorsetzen, dass ihnen der Kopf schwirrt und dass sie vor lauter Vergleichen und Auswählen zu gar nichts anderem mehr kämen – schon gar nicht mehr zum Leben. Denn das Leben verlangt ja, dass ich mich entscheide, und dass ich zu dem, was ich gewählt habe, dann auch stehe. Wenn ich mich für einen Beruf entscheide, werde ich andere interessante Berufe eben nicht kennenlernen. Und wenn ich ein Kind habe, kann ich im Job eben nicht rund um die Uhr und rund um die Welt verfügbar sein.
So ist das eben. Denn ich bin ein Mensch, ein endliches, begrenztes Geschöpf, und deshalb kann ich nicht unendlich viele Lebensläufe ausprobieren. Nur meinen eigenen. Aber was heißt da „nur“? Meinen eigenen, meinen unverwechselbaren Lebenslauf. Mit Momenten von prallem Leben und Zeiten von öder Leere. Von Glück und Schmerz. Von Einsamkeit und Aufgehobensein.
Ich bin nicht mehr jung, und die Gelegenheiten werden weniger, in denen ich ganz Neues erleben kann. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, etwas Wesentliches verpasst zu haben. Etwas, das ich unbedingt hätte erleben, erfahren, ausprobieren sollen. Ich übe mich jeden Tag darin, mein Leben anzunehmen. Es ist meines, und es passt zu mir. Und als Christin rechne ich damit, dass mein begrenztes Leben auf dieser Welt nicht alles ist, was Gott mit mir vorhat. Natürlich weiß ich es nicht, und ich kann‘s mir auch nicht wirklich vorstellen. Aber gerade deshalb bin ich gespannt.
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Naturwissenschaften haben mich schon immer fasziniert. …… Lange wollte ich auch einen naturwissenschaftlichen Beruf ergreifen, die Chemie fand ich besonders interessant. Und dann hab ich doch ganz andere Fächer studiert, auch Theologie. In meinem Umfeld war das offenbar befremdlich. Von außen betrachtet schien das eine 180-Grad-Wende zu sein, und ich musste oft erklären, warum ich mich am Ende dann doch dafür entschieden hatte.
Für mich selbst war das nie so. Ich habe nie gedacht, Naturwissenschaft und Religion seien Gegensätze, so wenig wie Chemie und Theologie. Denn es geht um ganz unterschiedliche Fragen. Die Naturwissenschaft fragt nach dem Wie, wie etwas entstanden ist und wie es funktioniert, woraus es besteht und welche Funktion es im Ganzen einnimmt. Die Religion dagegen fragt nach dem Warum, warum überhaupt etwas ist, und wozu es da ist. Die Blickrichtung ist ganz unterschiedlich. Wenn ich mir das klarmachen will, dann hilft mir ein Bild: Es ist, wie wenn auf einen geschliffenen Edelstein Licht fällt. Je nachdem, woher das Licht kommt, werden einzelne Facetten beleuchtet, immer nur einzelne, nie der ganze Stein. Deshalb ist es eigentlich absurd, Naturwissenschaft und Religion gegeneinander auszuspielen. Mir hilft das Bild vom geschliffenen Edelstein mit seinen vielen Facetten. Es hilft mir zu verstehen, warum man die eine Wirklichkeit auf so verschiedene Weise sehen kann.
Vor drei Jahren wurde der Nobelpreis für Physik an den Quantenphysiker Anton Zeilinger verliehen. Der Naturwissenschaftler sagt: „Gott ist nicht fassbar“, deshalb kann man Gott weder beweisen noch widerlegen. Zeilinger selbst ist gläubig, und er sieht es als eine wichtige Aufgabe an, Wissenschaft und Religion zusammenzusehen. Er zitiert Werner Heisenberg, einen anderen Physiknobelpreisträger: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaften macht atheistisch, aber am Grunde des Bechers wartet Gott.“
Wenn ich als Theologin das sagen würde, käme es mir überheblich und übergriffig vor. Und ich würde es auch anders ausdrücken. Aber Naturwissenschaftler dürfen das sagen und auch so denken. Auch die, die keinen Nobelpreis bekommen.
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Wo Menschen zusammen sind, braucht es Regeln. Anstandsregeln, die klarmachen, wie man sich verhält, was man in welcher Situation tut oder eben nicht tut. Diese Regeln sind wie eine eigene Sprache.
Ich bin froh, dass ich diese ‚Sprache ohne Worte‘ in meiner Kindheit lernen konnte. Jedenfalls den Grundwortschatz der Verhaltensregeln, die bei uns gelten. Dass man die Tür nicht zufallen lässt, wenn hinter einem jemand rein will. Dass man schnell aufsammeln hilft, wenn eine Tüte geplatzt ist und die Orangen auf dem Boden kullern. Dass man die Kassiererin anschaut und kurz grüßt, bevor man die Sachen einpackt. …… Ich muss nicht unbedingt wissen, wie man bei einem fünfgängigen Menü den Tisch deckt oder welche Kleidung bei einem Staatsempfang korrekt ist. Dafür aber wie man sich im Alltag verhält, in ganz banalen Situationen.
Eine der wichtigsten Anstandsregeln ist für mich: dass ich bitte sage, wenn ich etwas möchte, und danke, wenn ich etwas bekomme. Auch wenn‘s um Kleinigkeiten geht. Denn damit zeige ich anderen, dass ich sie überhaupt wahrnehme, wenigstens flüchtig.
Aber bitte und danke sag ich nicht nur für andere. Fast noch mehr sag ich‘s für mich. Weil‘s mir guttut. Weil‘s mir guttut, mich daran zu erinnern, dass ich niemals aus mir selbst heraus leben könnte. Dass ich jeden Tag darauf angewiesen bin, zu bekommen, was ich zum Leben brauche. Von anderen Menschen. Ihre Gemeinschaft, ihren Respekt, ihre Aufmerksamkeit, ihr Wohlwollen. Und von einigen Menschen sogar ihre Liebe. Und wenn ich im Alltag bitte und danke sage, denn denk ich auch manchmal daran, dass ich aufgehoben bin in einer Kraft, die mich leben lässt. Und mit mir all die anderen Menschen, denen ich heute begegne oder nicht begegne. Und mein eher beiläufiges danke kann dann schon mal zu einem kleinen Gebet werden. Danke, dass es andere Menschen gibt, und danke dir, Gott, dass wir alle miteinander Platz haben in deiner Hand. Die aufmerksamen …..... und hilfsbereiten, und die, die eher muffelig sind und mit sich selbst genug zu tun haben.
Zu Kindern sagen wir manchmal: „Wie heißt das Zauberwort?“ Es heißt bitte. Und Kinder lernen schnell, wie es funktioniert. Mein Zauberwort heißt mittlerweile eher danke. Weil es auch in mir selbst etwas verändert. Mich zufriedener macht, offener, freundlicher.
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