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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

27JUN2026
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Zum Abschied  

 

„Wie kommst du eigentlich auf die Ideen für deine Beiträge im Rundfunk?“ Oft bin ich das schon gefragt worden. Dann erzähle ich. Dass manchmal beim Zeitung Lesen irgendwas aufblitzt. Oder wenn ich mit anderen spreche. Und dass mir Gedanken besonders oft zufliegen, wenn ich im Wald bin, einfach so vor mich hin gehe mit offenen Sinnen.  

 

Aber wie wird aus der Idee dann ein Beitrag? Manchmal fällt es mir ganz leicht und alles läuft fast von selbst, wie im Flow, wie man heute sagt. Und dann gibt‘s wieder Beiträge, da muss ich mehrmals ran, weil ich spüre: Das, was mir so wichtig ist, dass ich‘s hier sagen will, kann ich einfach noch nicht so recht ‚packen‘. 

 

Aber eines ist immer gleich. Bevor ich mit einem Beitrag anfange, setze ich mich hin, schließe die Augen und hole mir im Gedächtnis ein sehr altes Gebet her. Es ist aus dem 13. Jahrhundert und es geht so: 

Alles erschaffender Gott,

dich können unsere Gedanken und Worte nicht fassen.

Du Quell des Lichtes und der Weisheit,

du alles umgreifender Urgrund.

In deiner Liebe lass einströmen einen Strahl deiner Helle

in das Dunkel meines Geistes

und vertreibe aus mir die mehrfache Dunkelheit,

in der ich geboren bin:

die Unkenntnis, die Eitelkeit, die Angst, nicht gut genug zu sein.

Schenke mir Scharfsinn zum Begreifen,

volle Kraft des Aufnehmens und Behaltens,

die Fähigkeit, das Erkannte gut fasslich darzustellen

und sorgsam auszudeuten,

und gib mir die lautere Fülle der Sprache.

Lehre das rechte Beginnen,

leite das Vorangehen,

fülle auf, was am Ende noch fehlen wird.

(Thomas von Aquin, Gebet vor Studium und Predigt)

 

Dieses Gebet begleitet mich schon lange und ist mir mit den Jahren immer kostbarer geworden. Ich habe es oft gebetet, bei ganz unterschiedlichen Aufgaben, gerade auch, wenn‘s schwierig wurde. 

Und heute möchte ich mich mit diesem Gebet verabschieden, von meiner Arbeit im Rundfunk – und von Ihnen, den Hörerinnen und Hörern dieser kleinen geistlichen Impulse am Morgen. Ich möchte es Ihnen, wenn Sie mögen, weitergeben, quasi als kleines Abschiedsgeschenk. Und ich freue mich, wenn es auch dem einen oder der anderen von Ihnen ein bisschen hilft, das Leben und den Glauben miteinander zu verbinden.

Ich danke Ihnen fürs Zuhören, in all den Jahren. Leben Sie wohl – und bleiben Sie im Segen.  

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

25JUN2026
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Glauben. Es gibt nicht viele Wörter, die so unterschiedlich verwendet werden wie dieses schlichte Tätigkeitswort. ‚Ich glaub‘ schon‘ sage ich, wenn ich etwas nur vermute. ‚Glauben heißt nicht wissen‘ sagen die Skeptiker gern. ‚Ich glaub dir‘ sag ich zu einem Menschen, dem ich vertraue. 

Wenn von religiösem Glauben die Rede ist, dann geht es auch darum, was da geglaubt werden soll. Das Glaubensbekenntnis der Christen ist quasi die kurze Zusammenfassung der Bibel. Und all der vielen und vielfältigen Erfahrungen, die Menschen über viele Generationen hinweg mit ihrem Gott gemacht haben. Wie sie ihn erfahren haben, in den Höhen und Tiefen der Geschichte, auf den Wegen und Umwegen und Irrwegen des eigenen Lebens. Und alle die vielen Stimmen, die in der Bibel zu Wort kommen, sagen vor allem anderen: Gott ist da. Er geht mit, wohin ich auch gehe.

In Lauf der Jahrhunderte haben gläubige Menschen versucht, all diese unterschiedlichen Erfahrungen in eine Ordnung zu bringen. So kam es zu großen und immer größeren theologischen Werken. Kluge Denker und Dichter, Wissenschaftler und Philosophen haben ganze Bibliotheken gefüllt. Mit der Zeit entstanden anspruchsvolle theologische Systeme. Und auch Glaubenssätze, die oft nicht mehr so leicht zu verstehen sind.

Und was aus all dieser Fülle soll ich glauben und bekennen? Bin ich keine wirkliche Katholikin, wenn ich manches aus der katholischen Lehre nicht persönlich nachvollziehen kann?

„Je älter ich werde, desto weniger glaube ich. Aber das um so fester.“ Das hat einer gesagt, der noch ein ganzes Stück älter ist als ich. Er heißt Fidelis Ruppert und war früher Abt des Klosters Münsterschwarzach.

„Je älter ich werde, desto weniger glaube ich. Aber das um so fester.“ Das spricht mir aus der Seele, denn genauso geht‘s mir auch. Gott ist ja unendlich viel größer als alles, was wir von ihm wissen können. Deshalb kommt es nicht so sehr darauf an, dass ich jeden Satz des Glaubensbekenntnisses verstehe, und nachvollziehen kann. Ich konzentriere mich auf das, was ich verstehe. Dass Gott da ist. Und dass er mich und die Welt in seiner Hand hält. Das glaube ich. Das kann ich glauben. Und das will ich glauben. Je älter ich werde, umso fester.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

24JUN2026
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Schlagfertig sein – wie sehr habe ich mir das immer gewünscht. Spontan eine Antwort parat zu haben, die unangenehme Fragen oder Bemerkungen oder auch Angriffe elegant  abschmettert. Mir gelingt das nur selten. Denn meistens bin ich erstmal so perplex, dass ich gar nichts sagen kann, und wenn mir dann was einfällt, das so richtig sitzt, dann ist es oft schon zu spät. 

Schlagfertig, was für ein Wort! Eine französische Freundin war mal ganz erstaunt, wie martialisch dieses deutsche Wort doch eigentlich ist. Zuvor war mir das noch gar nie aufgefallen. Schlag-fertig – das heißt ja: immer bereit sein zum Ausholen und Zurückschlagen. 

Vor ein paar Monaten habe ich von einer Initiative gelesen, die Papst Leo ins Spiel gebracht hat. Er sieht – wie wir alle – mit Sorge, wie sprachliche Gewalt immer stärker zunimmt. Der Umgangston wird immer ruppiger, Beleidigungen kennen kaum noch Tabus, und selbst dreiste Lügen werden salonfähig. Papst Leo ruft dazu auf, sprachlich abzurüsten, statt den „Krieg der Worte“ immer weiter eskalieren zu lassen. In einer Rede vor Journalisten sagte er: „Lasst uns die Worte entwaffnen – und wir helfen damit, die Welt zu entwaffnen“.  

Aber – wie soll das gehen? Ich habe zwei Möglichkeiten: Entweder ich lass mich entmutigen und versuch‘s erst gar nicht, oder ich fang ganz ganz klein an. Bei den Worten, die ich spreche, und noch besser: bei denen, die ich denke. ‚Müssen diese Halbstarken den ganzen Bus beschallen?‘ oder: ‚Wir haben auch genervt, als wir so jung waren.‘ ‚Wie kann man nur so was Hässliches anziehen‘ oder: ‚Geschmäcker sind eben verschieden.‘ Ganz alltägliche Beispiele. Ob das zum Weltfrieden beiträgt, dürfen Sie gern bezweifeln, ich weiß es auch nicht. Aber es macht mich friedlicher, wenn ich merke, dass ich mal wieder an allem was auszusetzen habe.   

Ich versuche, mich zu entwaffnen. Und dann ist es mir auch nicht mehr so wichtig, ‚schlagfertig‘ zu sein, schnell und scharf und dabei witzig kontern zu können. Ich muss überhaupt nicht antworten, ich kann eine fiese oder spitze Bemerkung auch mal ins Leere laufen lassen, weil ich gar nicht antworten will. Ob ich‘s könnte, ist dann gar nicht mehr so wichtig. 

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23JUN2026
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Na, wie geht‘s? Gut, und selbst? Auch gut. Es ist schon fast so etwas wie eine Grußformel, so oft kann man diesen kleinen Wortwechsel hören. Den ganzen Tag.

 

Schön, wenn‘s mir wirklich gut geht. Und wenn nicht, dann sag ich trotzdem schnell ‚danke, gut‘ und kleb damit quasi ein kleines Pflaster auf all die Kratzer, die zeigen würden, wo‘s mir gerade nicht so gut geht. Geht ja keinen was an. Das haben wir mitbekommen, sozusagen als genetisches Überlebensprogramm. Bloß keine Schwäche zeigen, und schon gar keine Wunden. Sonst kann ich nicht mithalten, mit dem, was von mir erwartet wird. Und so zeige ich Stärke, manchmal auch da, wo ich sie gar nicht wirklich habe.   

 

„Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Das hat der Philosoph Adorno gesagt. Schwach sein dürfen und doch geliebt, akzeptiert, respektiert – ohne Angst haben zu müssen, überhebliche Schadenfreude auf mich zu ziehen. Wie schön wäre das doch!  

Vor ein paar Jahren habe ich mal erlebt, wie so was gehen kann. Es war auf dem Katholikentag in Stuttgart, in einer eher kleinen Veranstaltung. Da waren nicht nur Katholiken angesprochen, sondern Männer und Frauen aus ganz verschiedenen Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Das Thema dieses ökumenischen Gesprächs hieß: Einander die eigenen Schätze zeigen – und die eigenen Wunden. Es war das erste Mal, dass ich so etwas erlebt habe: Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, neuapostolische Christen……, alle haben einander zugehört und dabei erfahren, was in anderen Kirchen gut läuft (vielleicht besser als in der eigenen) – und ebenso, worunter die Brüder und Schwestern dort auch leiden. Nicht besserwisserisch, nicht schadenfroh, nicht überheblich. Und der Tenor war: Wie berührend das ist – und wie befreiend: nicht so tun zu müssen, wie wenn alles bestens wäre, sondern auch das zu zeigen, was weh tut, was nicht oder nur schwer gelingt.  

Das war eine richtige Sternstunde, des Zuhörens, des Mitfühlens, des gegenseitigen Respekts. Wie schön wäre das doch, wenn wir solche Erfahrungen auch öfter mal in gesellschaftlichen Debatten machen könnten: Schwäche zeigen dürfen, „ohne Stärke zu provozieren.“  

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

22JUN2026
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Wenn man mit anderen wandern geht, dann gibt es in der Gruppe immer welche, die ein Fernglas mitnehmen. Das sind oft die, die auch als erste auf dem Gipfel stehen oder auf dem Aussichtsturm und die Umgebung erkunden. Und dann gibt‘s manchmal auch die anderen, die eine Lupe im Rucksack haben. Das sind die, auf die die auf dem Turm meistens warten müssen, weil sie sich unterwegs mit Käfern oder winzigen Blüten beschäftigen. Zu denen gehöre auch ich, ich bin auch fasziniert von allem Kleinen. Von dem, was so winzig ist, dass man‘s mit bloßem Auge kaum sieht. Wenn ich eine Raupe über die Straße kriechen sehe, oder eine Fruchtfliege mit ihren winzigen Beinchen über den Tisch krabbeln, dann denk ich: So klein, so winzig, und doch: alles dran.

Deshalb finde ich es auch so genial, dass kluge Forscher im 17. Jahrhundert nicht nur das Fernrohr erfunden haben, sondern auch: das Mikroskop. Um auch das ganz Kleine sichtbar zu machen. Ohne das Mikroskop blieben uns sage und schreibe 90 Prozent der Lebewesen auf der Erde verborgen.  

Als ich das gelesen habe, dachte ich: Da bin ich ja in bester Gesellschaft mit meiner Vorliebe fürs Kleine. Der Schöpfer selbst scheint seine Freude daran zu haben. Wie schön, dass er seine Kraft nicht nur in astronomische Weiten legt, in imposante Berge oder tonnenschwere Tiergiganten. Sondern auch in Ameisen, in primitive Einzeller, in Nanostrukturen, die wir eben erst anfangen zu erforschen.                        

Das bringt mich auf einen kühnen Gedanken: Wenn Gott in seiner Schöpfung das Kleine so wichtig ist, dann ist ihm vielleicht auch sonst nichts zu klein, zu unbedeutend, zu banal. „Nachher brauche ich einen Parkplatz, Gott, du weißt, ich kann nicht rückwärts einparken....“ Kann, darf, soll ich Gott mit so was kommen? Oder fühlt er sich vielleicht gar nicht belästigt, sondern liebt auch hier das Kleine, Unbedeutende, Banale? Ich weiß es nicht, aber ich merke, ich werde immer unbefangener, auch meinen Alltag Gott anzuvertrauen, ihm quasi wie ein Kind alles ins Ohr zu flüstern. 

Und oft erlebe ich dann, dass sich Situationen entspannen, weil ich gelassener werde. Und Probleme, die mir Angst gemacht haben, lassen sich leichter lösen. Und dann, dann lobe ich Gott – für seine Größe. Für die Größe, dass ihm nichts zu klein ist.   

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

21JUN2026
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Sonnenaufgang 5.23 Uhr, Sonnenuntergang 21.29 Uhr. Fast 16 Stunden ist dieser Tag heute lang, ein Sonntag, der auch astronomisch ein wirklicher Sonnen-tag ist. Es ist der längste Tag dieses Jahres. Ein ganz besonderes Datum: Die einen feiern den Sommer, der nach dem Kalender heute beginnt. Und freuen sich an dieser Jahreszeit, die die meisten von uns als die schönste empfinden. Andere werden ganz wehmütig, dass die Tage ab jetzt wieder kürzer werden, und das Jahr schon Halbzeit hat.

Das alles liegt in diesem Tag heute. Aber die Hauptrolle, die spielen nicht wir, sondern die Sonne. Sie steht heute am höchsten Punkt des Himmels. Und zeigt sich in ihrer ganzen Kraft. Mit maximal intensiver Einstrahlung, und mit maximaler Tageslänge.

Die Sonne. Unser Zentralgestirn. Schon immer waren Menschen fasziniert, von diesem Licht, ohne das kein Leben möglich wäre. Von dieser unzähmbaren Kraft. Von dieser Gewalt, die alles austrocknen und verbrennen kann. 

Die Sonne lässt staunen, immer wieder. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen Menschen gibt, der bei einem Sonnenuntergang am Meer nicht überwältigt ist. Vom Staunen. Von einem sprachlosen Staunen, das auch Menschen erleben, die alle physikalischen Zusammenhänge erklären und berechnen können.

Dieses Staunen ist sozusagen der Nährboden, aus dem alle Philosophie wächst, und alle Religion. Im Staunen sind wir alle Kinder der Erde, und untereinander Geschwister.   

Und so staunen wir heute alle, über die Natur und ihre Ordnung. Und erinnern uns vielleicht an Gedichte und Lieder, in denen unser sprachloses Staunen Worte findet. Ich bin Christin, und mir fällt da immer ein Lied ein, das in der Schöpfung den Schöpfer preist. Es stammt von Franz von Assisi und wird – wie passend für diesen Tag heute – ‚Sonnengesang‘ genannt: Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, besonders Bruder Sonne, der uns den Tag schenkt und durch den du uns leuchtest. Und schön ist er und strahlend in großem Glanz: von dir, Höchster, ein Sinnbild.“ 

Ob ich dann wirklich dran denke, wenn die Sonne heute kurz vor halb zwei den höchsten Stand dieses Jahres erreicht? Wahrscheinlich nicht, da bin ich mit anderem beschäftigt. Aber jetzt, jetzt denke ich daran. Und staune.        

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06SEP2025
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Es ist eines meiner liebsten Urlaubsvergnügen: an der Nordsee friesischen Tee trinken. Aus schönem Geschirr, mit Kandis und flüssiger Sahne, und vor allem auch mit Zeit zum Verweilen und zum Genießen. Und damit ich den Tee nicht zu lange ziehen lasse, wird mir auf dem Tablett auch eine kleine Sanduhr gebracht. Wenn die durchgelaufen ist, kann ich den Tee eingießen.

So kannte ich‘s schon lange. Aber in diesem Sommer war etwas anders. Es war die Sanduhr. Der Sand, der rinnende Sand, hatte die Richtung gewechselt. Er lief nicht wie seit eh und je von oben nach unten, sondern: von unten nach oben. Okay, dachte ich: wenn ich statt Sand Kunststoffkügelchen einfülle, dann geht das natürlich, physikalisch gesehen, weil die leichter sind und nach oben steigen. Aber warum macht man das?  

Die Kellnerin wusste es auch nicht. Sie wusste nur, dass diese neuen Sanduhren, die quasi verkehrt rum liefen, offenbar Laune machen. Denn viel öfter als früher, sagte sie, nähmen die Gäste sie in die Hand und spielten damit, spielten quasi mit der Zeit. 

Auf alten Darstellungen, vor allem im Barock, sind Sanduhren nicht selten zu finden. Oft zusammen mit einem Skelett, das die Sanduhr in der Knochenhand hält. Und dann ist gruselig klar: Die Sanduhr zeigt nicht die Zeit, sondern das Vergehen der Zeit. Und damit unsere Vergänglichkeit. Meine Vergänglichkeit. 

Ganz anders bei einer ‚Sanduhr‘, die umgekehrt läuft, von unten nach oben, quasi in Gegenrichtung. Wie allen anderen Gästen tut es auch mir gut, zuzuschauen, und auch mir macht es Spaß, das Teil immer wieder umzudrehen. 

Für mich ist diese Spielerei auch ein spirituelles Bild. Meine Lebenszeit nimmt ab, klar, so ist das. Aber sie rinnt nicht einfach ‚den Bach runter‘, oder ins Nichts, oder wohin auch immer. Meine Lebenszeit führt mich – nach oben. Dorthin, wo man sich früher den ‚Himmel‘ vorgestellt hat. Dorthin, wo alles Irdische mündet, und wo es vollendet wird. Auch mein Leben. Auch meine Zeit. Die schweren Tage, die es zu bestehen gilt. Und die so lebendigen, leichten Urlaubstage, die bald wieder vorbei sein werden. Aber jetzt – jetzt lasse ich mir erstmal den friesischen Tee schmecken, und die Sanduhr rückwärts laufen. 

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

05SEP2025
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Wo das noch hinführt…… Das denke ich manchmal, wenn ich mir die Welt so anschaue. Kriege, Klimakatastrophen, Hunger, politische Umwälzungen….

 

Manchmal zieht mich das richtig runter. Weil ich den Eindruck habe, ich kann dem so wenig entgegensetzen, und schon gar nichts verändern. Wenn ich mich in diese Stimmungsspirale hineindrehen lasse, dann geht‘s auch mir richtig schlecht, so schlecht wie der Welt, die ich gerade den Bach runter gehen sehe. Und dann, wie komm ich da wieder raus?

„Ich sehe Schwarzes, aber ich sehe nicht schwarz.“ Diesen Satz habe ich in einer Podiumsdiskussion gehört. Es ging genau darum, wie wir den gewaltigen Herausforderungen in der Welt, in der Gesellschaft, in der Kirche begegnen können. Auf dem Podium saß auch ein kluger älterer Herr, in jüngeren Jahren war er Bischof einer Freikirche.[1] Er war es, der diesen Satz gesagt hat: „Ich sehe Schwarzes, aber ich sehe nicht schwarz.“ Und ich meine gespürt zu haben, wie stark das gewirkt hat, nicht nur bei mir, sondern auch auf dem Podium und bei denen, die neben mir saßen.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade ein Christ wie dieser Bischof den Blick weitet. Auch er sieht Schwarzes. Auch er sieht, was nicht in Ordnung ist, was uns und unsere Welt gefährdet. Aber er sieht eben nicht nur Schwarzes. Es gibt auch Helles. Schönes, das aufatmen lässt und Gutes, das Hoffnung macht. Und er glaubt, dass die Welt nicht nur unser Machwerk ist, sondern zuerst Gottes Schöpfung. Und das wird sie auch zuletzt noch bleiben, geschunden und ausgebeutet, wie sie ist. 

Das glaube auch ich, und deshalb – gerade deshalb – lege ich eben nicht die Hände in den Schoß, und sehe einfach nur noch schwarz. Nein, im Gegenteil: das gibt mir immer wieder die Kraft zu tun, was ich tun kann, um das Dunkle und Lebensfeindliche aufzuhellen. Ich kann einen einsamen Menschen regelmäßig anrufen. Ich kann das Kind einer alleinerziehenden Nachbarin aus der Kita abholen. Ich kann – wenn ich genug habe – einen Euro pro Tag spenden. Dafür bekommt ein Kind in Ostafrika jeden Tag eine Mahlzeit in der Schule. So wenig nur, aufs Ganze gesehen. Aber eben mein Anteil. Mein winziger Anteil daran, die Welt so zu gestalten, wie Gott sie gemeint hat.

 

[1]  Volker Kühnle von der Neuapostolischen Kirche bei der Podiumsdiskussion zum Thema Warum wir an Zukunft glauben am 29.03.2025 in Rottenburg (im Rahmen der ‚Nacht der offenen Kirchen‘)

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04SEP2025
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Es gibt Menschen, die könnten alles werden. Alles lernen, alles studieren, in vielen Berufen Karriere machen. Weil sie einfach so vielseitig begabt sind. Ganz schön schwierig, bei all den Möglichkeiten dann den eigenen Weg zu finden.

So ging es auch einem Mann, dessen Name weltweit bekannt ist: Albert Schweitzer. Heute vor 60 Jahren ist er gestorben.

Wer war er? Und womit verbindet man seinen Namen? Bekannt geworden ist er als der ‚Urwalddoktor‘, wie man ihn damals genannt hat. In Lambarene, im heutigen Gabun, hat er ein Krankenhaus aufgebaut und geleitet, das es heute noch gibt. Und in diesem Beruf als Arzt hat er schließlich auch seine Lebensaufgabe gefunden. Zuvor hatte er schon sehr erfolgreich Philosophie und Theologie studiert, und sich darüber hinaus auch als Kirchenmusiker einen Namen gemacht – ein richtiges Allroundtalent. 

Natürlich war Albert Schweitzer wie jeder Mensch auch ein Kind seiner Zeit. Etwa, wenn er afrikanische Mitarbeiter nicht auf Augenhöhe sah und sie eher wie Kinder behandelte.

Ja, in manchem blieb er Kind seiner Zeit. Und war ihr in anderem doch schon meilenweit voraus. Was er als Philosoph, als Theologe, als Arzt erkannt hat, das hat er in genialer Weise zusammengefügt. Daraus hat er eine ganz eigene Ethik entwickelt, er nennt sie „Ehrfurcht vor dem Leben“. Das Neue daran: Er schaut nicht nur auf den Menschen, sondern auf die ganze Schöpfung in ihrer Vielfalt, auf alles Lebendige, winzige Käfer und Mäuse nicht weniger als Affen und Elefanten. Sein Grundsatz heißt: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.“ Jedes Lebewesen hat sein Recht zu leben. Und unsere Aufgabe als Menschen ist es, jedes Lebewesen auch zu seinem Recht kommen zu lassen. Was für ein Gedanke – und was für ein Perspektivenwechsel! In einer Zeit, in der noch niemand an Artensterben und Erderhitzung gedacht hat. Dass er sich vegetarisch ernährt hat, war für ihn nur konsequent. Und ebenso, dass er zutiefst Pazifist war.

1954 hat Albert Schweitzer den Friedensnobelpreis bekommen. Für seinen Einsatz für Frieden und für Gerechtigkeit. Zwischen Mensch und Mensch. Zwischen Mensch und Tier. Zwischen Geschöpf und Schöpfung.  

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

03SEP2025
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„So was“. So heißt die Überschrift einer kleinen Rubrik in meiner Tageszeitung. Jeden Tag steht da eine kurze Notiz über irgendetwas Kurioses oder Lustiges, das sich ereignet hat.

Als im Frühjahr die Eissaison wieder so richtig in Schwung kam, hat sich in einer Eisdiele in Pforzheim Folgendes abgespielt: Ein älterer Herr kommt herein – und legt einfach so 180 Euro auf den Tresen – mit der Bitte, dafür Eis auszugeben. Umsonst, an die Kunden, die reinkommen. So lange, bis das Geld alle ist. Zur Erklärung sagt er, er habe einen Herzinfarkt überstanden und zudem sei heute der Geburtstag seiner Tochter. Da habe er einfach das Bedürfnis, sein Glück mit anderen zu teilen.[1]

‚So was‘ schrieb die Zeitung über diese Notiz. Und das dachte ich auch, als ich‘s gelesen habe. Ich war gerührt über diese nette kleine Geschichte, bei der einem ja schon ein bisschen das Herz aufgeht. Auch mir.

Der Zufall wollte es, dass mir beim Weiterblättern ein Spendenaufruf ins Auge fiel. Ein Hilfswerk machte auf die dramatische Hungerkatastrophe im Sudan aufmerksam und warb um Spenden. Ich hatte noch die hundert verschenkten Eiskugeln vor Augen, und musste denken: Wäre es nicht vernünftiger gewesen, das Geld zu spenden, um wirkliche Not zu lindern? Eis ist ein schöner kleiner Luxus, Brot oder Reis ist lebensnotwendig. 

Aber schnell wurde mir klar: Teilen. Das ist es, was so unterschiedliche Situationen wie die Eisaktion und den   Spendenaufruf verbindet. Teilen, was wir alle brauchen, in ganz unterschiedlicher Weise. Nahrungsmittel, Wasser, ein Dach über dem Kopf. Aber auch Zuwendung und  Aufmerksamkeit, Bildung und Sicherheit, Wohlwollen und Wertschätzung.  

Der nette Spender weiß natürlich, dass er mit ein paar Kugeln Eis nicht die Welt rettet. Und doch hat er damit vielleicht mehr bewirkt als er wissen kann. Auf jeden Fall hat sich seine Freude ausgebreitet. Und vielleicht hat er manchen, die nicht gut drauf waren, ja ein bisschen Geschmack aufs Leben gemacht. Auf Leben, das nach Himbeeren schmeckt oder nach Schokolade. Nach Leichtigkeit. Nach Überraschung. Nach geteilter Freude. ‚So was‘ soll‘s geben. Und manchmal steht‘s dann sogar in der Zeitung.

 

 

[1]   Schwäbisches Tagblatt, 17.05.2025

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