Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


30JUL2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Von Zeit zu Zeit muss es einfach sein. Das Aufräumen. Und vor allem das Ausräumen. Denn nicht alles, was sich im Haushalt so ansammelt, lohnt sich aufzuheben. Ich weiß das, und doch tue ich mich schwer damit, Dinge wegzuwerfen oder wegzugeben, die mich eine Zeitlang begleitet und gute Dienste geleistet haben. Es kann sein, dass ich etwas, das ich brauche, überhaupt nicht mehr finde, weil sich so viel Unnützes drübergestapelt hat und das Wichtige richtiggehend unter sich begräbt. Dann hilft alles nichts, der Keller muss entrümpelt werden. Aber: was kann weg? Die Fritteuse vielleicht? Oder die Wanderschuhe, die sich doch nicht mehr zu reparieren lohnen? Die Lampe, die immer schon unpraktisch war, aber eben so gut in meine erste Wohnung gepasst hat?

Meine letzte Kelleraktion war nicht sehr erfolgreich. Ich konnte nur wenig ausmustern. Aber die Sortiererei hat mich auf einen Gedanken gebracht, an dem ich seither immer wieder rumdenken muss. So ähnlich wie mit meinem Abstellkeller ist das doch mit allem. Mit unserer Geschichte, mit unserer Kultur und auch mit der Kirche.

Was hat sich in der langen Geschichte der Kirche nicht alles angesammelt: Wie viele Lebensgeschichten und Bekenntnisse, aber auch Konflikte und Spaltungen! Und alles, was vergangen ist, hat man quasi im „Keller“ der Kirchengeschichte abgelegt. Dieser „Keller“ ist angefüllt mit allem Möglichen, das zu einer bestimmten Zeit wichtig war und gestimmt hat. Aber auch hier gilt wie in meinem Keller: die Zeit geht weiter. Zum Glück gab es zu allen Zeiten Menschen, die den übervollen Keller der Tradition immer wieder etwas entrümpelt haben. Sie haben den Blick auf das gelenkt, was es wert ist, bewahrt zu werden. Franz von Assisi fällt mir da zum Beispiel ein, der arm unter Armen lebte. Oder der Reformator Martin Luther, der mit Fehlentwicklungen in der Kirche aufräumen wollte.

Ich sehe, dass es auch heute mutige Menschen gibt, die miteinander anfangen, den Keller der Tradition aufzuräumen, sich von Altem zu trennen, wenn es nicht mehr zu gebrauchen ist. Und ich wünsche mir, dass bei dieser großen Aufräumaktion, zu der heute Viele in der katholischen Kirche bereit sind, auch die verantwortlichen Amtsträger mitmachen. Denn sie sind es, die letztlich zu entscheiden haben, was bleiben muss – und was weg kann. Um wieder Platz und Luft zu schaffen. Für das Evangelium. Für das, was in der Kirche wirklich wichtig ist. Und für Neues, das JETZT dran ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35832
28JUL2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Sommerferien, endlich! Es gibt wenige Tage, die in meiner Erinnerung mit einem solchen Hochgefühl verbunden sind, wie der Beginn der ‚großen Ferien'. In diesen sechs Wochen, da tickt die Zeit einfach anders.

Die Franzosen nennen diese Zeit ‚vacances‘. Auf deutsch ‚leere Zeit‘. Also eine Zeit, die nicht durchgetaktet und durchgeplant ist. Eine Zeit, in der ich nicht dauernd etwas erledigen muss und immer etwas von mir erwartet wird. Ich darf sie selbst füllen, und wenn ich sie mal nicht fülle, dann ist es auch gut.

Anders ist es im Englischen, da heißen Ferien ‚holidays‘, ‚heilige Tage‘. Und unser Wort ‚Ferien‘ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet ‚Ruhetage‘. Das waren Tage, an denen nicht gearbeitet wurde, sondern gefeiert.

Leere Zeit, festliche Zeit, heilige Zeit. Auch wenn wir heute ganz anders leben und glauben, vielleicht hat sich darin doch nicht so viel verändert. Denn in der Freizeit, in den Ferien, im Urlaub, da spüren wir manchmal etwas von dem, was die Sprache noch bewahrt hat: Zeit ist ‚heilig‘, weil sie geschenkt ist. Gerade die ‚leere Zeit‘ macht das deutlich. Wir können sie nicht herstellen, nicht kontrollieren. Sie ist einfach da.

Was ‚heilige Zeit‘ für mich bedeuten kann, das habe ich vor Jahren im Urlaub mal gespürt. Dabei war es gar nichts Besonderes. Wir saßen in einem kleinen Straßencafé, der Plastikstuhl wacklig und nicht sehr sauber. Die Wirtin brachte den Kaffee, wortreich, aber in einem Dialekt, von dem ich kein Wort verstanden habe. Daneben eine Familie mit Kindern, die sich lebhaft stritten. Und mitten in diesem Durcheinander auf einmal die Gewissheit: es ist gut, wie es ist. Ich bin ganz bei mir selbst – und zugleich ganz aufmerksam für alles um mich her, und mit allem einverstanden, was geschieht. 

In meiner Erinnerung war das ein heiliger Moment, ein Gottesgeschenk. Wie wenn sich mein Leben darin verdichtet hätte. Solche Augenblicke gibt‘s nicht so oft, und wir können sie ebenso wenig machen, wie wir die Zeit machen können. Aber ich glaube, dass es sie in jedem Leben gibt. Ganz unscheinbar. Ganz alltäglich. Und in den Ferien, in der ‚leeren Zeit‘, da sind wir vielleicht aufmerksamer, um sie auch wahrzunehmen, wenn sie kommen.

Leere Zeit, gefüllte Zeit, heilige Zeit – wie auch immer. Ich wünsche Ihnen schöne und erholsame Sommertage!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35831
27JUL2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wenn es im Frühjahr warm wird, warten viele ungeduldig darauf, dass das Freibad öffnet. So ist es auch in Rottenburg, da, wo ich lebe. Das Freibad ist in der Stadt eine richtige Institution, sehr beliebt bei allen Altersgruppen. Aber diesmal startete die Saison mit einer Enttäuschung: Es fehlte an Personal, deshalb mussten die Öffnungszeiten erst mal stark eingeschränkt werden.

Mittlerweile hat sich das geändert, zur Freude der ‚Frühschwimmer‘, die gern am Vormittag oder sogar schon vor der Arbeit ihre Runden drehen. Badeaufsicht machen jetzt zwei junge Schwimmmeister. Sie sind beide durch eine ganz ähnliche, ganz spezielle Lebensgeschichte zu dieser Aufgabe gekommen.

Einer von ihnen ist Karim. Er stammt aus Syrien, aus einer wüstenähnlichen Gegend um  Mossul. Wasser gab es nur zum Trinken, um Schwimmbäder zu füllen war es viel zu kostbar. Deshalb konnte er auch nicht schwimmen, als er 2015 mit seiner Schwester in ein überfülltes Schlauchboot stieg. Von der türkischen Küste aus wagten sie die Flucht übers Mittelmeer. Sie haben‘s geschafft, irgendwie, allen Gefahren zum Trotz. 

Irgendwann landen die beiden Geschwister dann schließlich in Baden-Württemberg. In Tübingen kommt der Nichtschwimmer Karim in Kontakt mit einer deutschen Frau. Die hat sich zur Aufgabe gemacht, Schwimmkurse für Kinder und Jugendliche zu organisieren, gerade auch für solche, die von zu Hause nicht so gefördert werden. Auch Karim darf einen Kurs besuchen. Er lernt dabei nicht nur schwimmen. Er lernt auch das Wasser ganz neu kennen. Nicht nur wie in Syrien, als Trinkwasser, das man flaschenweise teuer kaufen muss. Und auch nicht nur als unheimliche bedrohliche Flut, so wie auf seiner Flucht. Erst macht er das ‚Seepferdchen‘, dann weitere Schwimmabzeichen, bis er‘s mit konsequentem Training schließlich bis zum Rettungsschwimmer schafft.

Und hier schließt sich der Kreis. Karim ist jetzt einer der Bademeister im Rottenburger Freibad. Er passt auf, dass alle, die baden, auch wieder gut und gesund aus dem Wasser raus kommen. So, wie er, der Nichtschwimmer, in einem überfüllten Schlauchboot heil aus dem Mittelmeer gekommen ist. Heute sagt er: „Es gefällt mir, schwimmen zu können, und besonders auch, anderen helfen zu können.“ Ja, das kann er. Und wie er das kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35830
26JUL2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wer in einer Lotterie spielt, hofft auf das große Glück. Am liebsten eine Million am Stück, oder auch ein Goldbarren, eine Weltreise, ein Sportwagen…. Ich hab so was auch mal versucht, mit einem Jahreslos für eine Sofortrente. Natürlich hab ich nicht gewonnen.

An einer Lotterie ganz anderer Art konnten BesucherInnen des Katholikentags im Mai in Stuttgart teilnehmen[1]. Es war eine „Lebenslotterie“, und das Rad, das gedreht wurde, war kein ‚Glücksrad‘, im Gegenteil. Wenn es anhielt, zeigte es nicht eine Zahl an, sondern ein Lebensschicksal. Das sollten die TeilnehmerInnen auf sich wirken lassen. Wie fühlt es sich an, im Rollstuhl zu sitzen und in einer Einrichtung zu leben? Oder wie geht es einem 54-Jährigen, der zwar mittlerweile clean ist, aber die vergangenen drei Jahre in einer Notunterkunft war? Und wie ist der Alltag einer Mutter, die mit drei Kindern in einem Flüchtlingsheim lebt? 

Es hat Mut gebraucht, ein schweres Schicksal so nah an sich ranzulassen. Und einige MitspielerInnen sagten später, dieses andere Leben habe sie nicht so schnell wieder losgelassen. Auch lange nach dem Spiel seien sie mit einem anderen Blick durch die Stadt gegangen.

Das war natürlich Absicht. Den Mitspielenden bewusst zu machen, wie ungleich die Chancen sind, mit denen Menschen ins Leben starten. Den meisten wurde klar, wie sehr sie selbst doch Glück hatten, unterm Strich, bei allen Härten und Problemen, die jedes Leben nun mal mit sich bringt. Man konnte dann schon ins Nachdenken kommen: Wie könnte ich vielleicht etwas zurückgeben, um einen kleinen, vielleicht winzig kleinen Ausgleich zu schaffen in der ungleichen Verteilung der Lebenschancen? Wer wollte, konnte Vorschläge bekommen und erfahren, in welchen Diensten für andere man sich engagieren kann. Ganz nach den eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten und Vorlieben. Geflüchteten helfen, deutsch zu lernen oder sie zum Arzt begleiten. In einem Seniorenheim vorlesen oder Volkslieder singen. Jemand mit Handicap zum Einkaufen fahren. Mit dem Hund rausgehen, wenn die Besitzerin nicht mehr gut zu Fuß ist.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie viele Menschen anderen helfen. In organisierten Diensten oder einfach so. Und damit dem Glücksrad der großen Lebenslotterie ein wenig in die Speichen greifen. Ein ganz klein wenig. Aber besser als nichts. Viel besser.

 

[1] Angeboten wurde das Rollenspiel von Mitarbeitenden des Freiwilligenzentrums ‚Caleidoskop‘ Stuttgart (https://www.caleidoskop-stuttgart.de), einer Einrichtung der Caritas.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35829
25JUL2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Radfahrer und Fußgänger. Autofahrer und Radfahrer. Fußgänger und Autofahrer. Das ist ein Kapitel für sich. Sofort hab ich Bilder im Kopf und Erinnerungen. Da gab es gefährliche Situationen, die ich schon erlebt habe. Und auch verursacht. Und aggressive Kommentare, wenn ich zu schnell, zu langsam, zu dicht oder sonstwas war.

Aber auch abseits befahrener Straßen und sogar mitten im Wald kann es Ärger geben zwischen den unterschiedlichen Verkehrsteilnehmern. Und vollends in der Coronazeit.  Anfangs wusste ja keiner, wie man sich unterwegs denn nun verhalten sollte. Da haben sich dann die Forschen über die Vorsichtigen geärgert, und die Vorsichtigen wiederum über die Sorglosen, die sie rücksichtslos fanden. Wenigstens das hat sich inzwischen etwas normalisiert. Aber es bleiben auch so noch genügend Gelegenheiten, sich im Umgang mit anderen zu ärgern oder sogar Streit zu bekommen. 

Auf einem beliebten Weg, den ich oft gehe, gibt es eine unübersichtliche Engstelle. Dort kommt es immer wieder zu Beinah-Unfällen zwischen Fußgängern und Radfahrern. Seit ein paar Wochen ist da auf dem Asphalt zu lesen: #Rücksicht macht Wege breiter! Mit Schablone und weißer Farbe angebracht, so groß und deutlich, dass es auch beim Drüberdüsen nicht zu übersehen ist.

Rücksicht macht Wege breiter ist eine Initiative rund um die Schwäbische Alb. Getragen wird sie von Landkreisen, Kommunen, Naturparks und vielen Vereinen. Vielleicht bild ich mir‘s ja nur ein, aber ich meine, ein ganz kleines bisschen seien die Wege tatsächlich breiter geworden, seit wir alle über diesen Spruch weg müssen, zu Fuß, mit E-Bike, Rennrad oder E-Scooter. Und dieser Grundsatz gilt nicht nur auf engen Waldwegen. Auch auf der Autobahn, im Treppenhaus, vor einem Supermarktregal. Überall, wo ich darauf achten muss, wer außer mir noch so da ist und Platz braucht. Und sogar dann, wenn es ‚nur‘ um unterschiedliche Meinungen geht, die einander quasi im Weg stehen. Mal vom andern her zu denken, sich in seine oder ihre Sicht hineinzuversetzen, das macht auch beim Denken und Urteilen Wege breiter.

Radfahrer und Fußgänger. Autofahrer und Radfahrer. Fußgänger und Autofahrer. Wenn sie alle mit Rücksicht unterwegs sind, dann werden wirklich alle Wege ein bisschen breiter.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35828
07MAI2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Bis vor einigen Jahrzehnten hat die überwältigende Mehrheit der Menschen in unserem Land einer christlichen Konfession angehört. Man wurde in die Kirche hineingeboren und hineingetauft, der schon die Eltern und Großeltern angehört haben.

Was noch in meiner Kindheit so selbstverständlich war, hat sich grundlegend verändert, wie so Vieles andere auch. Heute ist nur noch etwas weniger als die Hälfte der Bevölkerung entweder evangelisch oder katholisch, etwa zehn Prozent gehören kleineren christlichen Kirchen an. Und knapp sieben Prozent sind Muslime.

Das bedeutet: etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung ist „konfessionslos“, wie das amtlich heißt. Entweder ohne kirchliche Bindung aufgewachsen oder aus einer Kirche ausgetreten. Für einen Austritt gibt es vielerlei Gründe, und manche davon kann ich nur allzu gut verstehen. Leider kann ich keinen einzigen dieser Gründe ändern. Gut finde ich, dass es bei uns heute wirkliche Religionsfreiheit gibt. Das ist ohne Zweifel eine kostbare Errungenschaft. Denn zur Würde des Menschen gehört auch die Freiheit, zu glauben oder nicht zu glauben, was man für richtig hält, ohne aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. 

Der tschechische Religionssoziologe Tomáš Halík hat untersucht, was Menschen in Europa derzeit glauben. Dabei hat er so etwas wie eine neue Konfession ausgemacht: Viele seien „Etwasisten“. So nennt er Menschen, die glauben, irgendetwas Höheres werde es schon geben. Dieses Etwas genauer beschreiben wollen sie gar nicht. Es genügt ihnen, einfach offen zu sein.

Ich habe oft mit Menschen zu tun, die nach dieser Bezeichnung Etwasisten sind. Ich schätze an ihnen, dass sie offen sind, auch nach oben offen. Denn sie halten ja für möglich oder auch wahrscheinlich, dass es irgendein ‚Etwas‘ gibt, das größer ist als ich, als wir, größer als die Welt, die man vermessen kann. Das glaube ich auch, und darin sind wir verbunden. Freilich, mein Glaube geht darüber hinaus, ich glaube an den Gott, den die Bibel bezeugt. Aber manchmal, da kann auch ich nicht viel mehr und viel konkreter glauben, als zu vertrauen, dass ich irgendwie getragen werde. Und dann wieder bin ich ganz gewiss, dass dieses Etwas einen Namen hat. Dass ‚es‘ auch meinen Namen kennt und ich ‚es‘ ansprechen darf. ‚Gott‘ sagen darf, ‚du, Gott‘. Und ich bin sicher, dass er sich auch von den Menschen ansprechen lässt, die ihn vorsichtig und zögernd ‚Etwas‘ nennen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35325
06MAI2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Jede Zeit bringt ihre eigene Mode hervor. Ihren ganz eigenen Stil, sich einzurichten, sich zu kleiden und auch ihren eigenen Stil zu sprechen. Da schaffen‘s kleine Wörter quasi über Nacht, zu den meistgesprochenen Wörtern zu gehören. In meiner Jugend hießen die ‚klasse‘ oder ‚toll‘ oder ‚super‘. Später ‚echt‘ oder ‚cool‘.

In letzter Zeit fällt mir auch so ein Wörtchen auf, das in jedem zweiten Satz gesagt wird, ‚gefühlt‘ jedenfalls, auch so ein schickes Modewort. Und nicht etwa nur von anderen, ich sag das auch ziemlich oft. Das Wort, das ich meine, heißt ‚tatsächlich‘. Eigentlich ist es doch dafür da, etwas zu bekräftigen, was nicht so recht geglaubt wird. Aber es wird auch in harmlose Sätzchen eingestreut, etwa, dass diese Pizza besser schmeckt als die andere.

Modewörter fallen nicht vom Himmel, sie passen immer zu der Zeit, in der sie entstehen. Warum, so frage ich mich, müssen wir derzeit alles, was wir sagen, nochmals eigens bekräftigen? Eine Antwort könnte sein: Die ‚Wahrheit‘ ist heute nicht mehr so eindeutig, nicht mehr der feste Boden, auf dem wir alle stehen und auf dem wir uns verständigen können. Was einmal ‚Lüge‘ hieß, wird heute gern als ‚alternative Fakten‘ bezeichnet. Und sogar in meiner Kirche haben sich hochrangige Vertreter in einem Netz von Schweigen und Halbwahrheiten verfangen, die die Glaubwürdigkeit der Kirche zutiefst erschüttern.

Kein Wunder, dass so Viele verunsichert sind. Und weil mir das auch so geht, hab auch ich das Bedürfnis, das, was ich sage, gleich noch zu beglaubigen, zu betonen, dass es ‚tatsächlich‘ so ist und dass ich nicht lüge. Schlimm eigentlich.

„Die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Johannes 8,32) Das hat Jesus gesagt. Und Wahrheit beginnt immer unscheinbar. Sie beginnt mit meiner Wahrhaftigkeit, mit dem, wie ich im Alltag rede und handle. Ich glaube, das macht wirklich frei. Frei von der Angst, mich in meinen Lügen zu verheddern und aufzufliegen. Frei von der Sorge, wie ich dastehe, wenn ich nichts Interessantes erzählen kann. Und am Ende auch frei von dem Misstrauen, immer und überall belogen zu werden. Denn so wie mir geht‘s doch sicher auch vielen anderen. Die genug haben von Lügen und Unwahrheiten. Und einfach mal anfangen, der Wahrheit zu vertrauen. Der ganz kleinen alltäglichen Wahrheit, die man Wahrhaftigkeit nennt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35324
05MAI2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

In einem Spielzeugladen habe ich vor Jahren mal ein paar Jonglierbälle entdeckt. Gesucht hatte ich ein Geschenk für ein kleines Mädchen, viel zu klein noch um Jonglieren zu lernen. Aber ich war sofort fasziniert. Jonglieren können, das war so ein heimlicher Traum, als ich ein Kind war. Nur ergab sich eben nie die Gelegenheit. Aber der Wunsch ging offenbar mit, wie so mancher andere auch – und tauchte aus den Tiefen der Kindheit erst wieder auf, als ich die Bälle sah. Ich hab sie auf der Stelle gekauft, im Affekt sozusagen. Und daheim gleich mal versucht, zwei Bälle gleichzeitig zu werfen und zu fangen. Ging natürlich nicht, wie auch, ohne Anleitung. Und auch mit Internetvideos kam ich nicht viel weiter.  

Doch dann hat mir eine Bekannte gezeigt, wie‘s geht. Und mir erst mal die Illusion genommen, mit zwei Tagen Üben könnte ich das auch. Zuerst sollte ich nur einen Ball von der linken in die rechte und von der rechten in die linke Hand werfen. Möglichst gleichmäßig, in meinem eigenen Tempo und Rhythmus. Dann das Gleiche mit zwei Bällen. Wenn einer fällt, einfach wieder von vorn. Unbeirrt. Und ganz wichtig dabei: dem Ball nicht hinterherschauen. Ich muss immer auf den obersten Punkt der Flugbahn schauen, nicht auf die Hände. Das Werfen und das Fangen muss ich nicht sehen, sondern spüren. Und eine andere Regel heißt: immer aufs Werfen konzentrieren, nie aufs Fangen. Das Werfen ist das, was ich aktiv tue, das Fangen geschieht quasi von selbst. Natürlich gab‘s noch viel mehr zu beachten, aber mit diesen beiden Regeln hab ich viel mehr gelernt als so leidlich mit Bällen zu jonglieren.

Für mich ist das auch ein Bild dafür geworden, worauf‘s in meinem Leben ankommt: ‚Werfen‘, das heißt dann: das tun, was ich zu tun habe, konzentriert, beherzt und ohne zu zögern. In meinem eigenen Rhythmus und auf meine eigene Art. Und das ‚Fangen‘, so verstehe ich dieses Bild, das Auffangen und aufgefangen werden soll nicht meine Sorge  sein. Ich kann vertrauen, dass all das, was ich anstoße und bewirke und tue, nicht ins Leere fällt. Sondern an ein Ziel kommt. Aufgefangen wird in einer größeren Hand. Und diese große Hand, so hoffe ich, die wird mich auch selbst einmal auffangen, am Ende meines Lebens. Diese große gute Hand, aus der nichts herausfallen kann und die alles auffängt, was fällt. Ich nenne sie Gott.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35323
04MAI2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Wir müssen reden!“ Wenn ich das höre, weiß ich, jetzt wird‘s ernst. Es ist etwas zu klären, etwas Grundsätzliches. Es muss sich etwas ändern, etwas Wichtiges. Und das Gespräch, das dann folgt, ist meist nicht angenehm. Wenn‘s gut läuft, öffnen sich beide Gesprächspartner, sagen einander, wie sie die Sache sehen und empfinden, hören einander zu, und finden einen Weg, der den Streitpunkt klärt und vielleicht sogar die Beziehung zwischen beiden verbessert. Aber am Anfang dieses Prozesses steht die Uneinigkeit, die erst zur Sprache kommen muss, bevor man wieder zusammenfinden kann. 

„Du, Gott, wir müssen reden!“ Manchmal schießt mir das einfach so durch den Kopf, wenn ich von irgendwas Schlimmem höre. „So geht das doch nicht, Gott, so kannst du die Welt doch nicht in ihre eigene Zerstörung laufen lassen.“ Oder den jungen Mann an seiner Drogensucht zugrunde gehen lassen. Oder zusehen, wie Städte von Bomben plattgemacht und Millionen Menschen vertrieben werden ...

Ich weiß, dass ich menschliche Bosheit und menschliches Versagen nicht Gott vorwerfen kann. Und ebenso, dass Gott nicht wie eine Respektsperson ist, die im Konfliktfall ein Machtwort spricht – und basta. Das sehe ich alles, und doch bin ich manchmal so ratlos, so verzweifelt, dass mir nichts anderes mehr einfällt. Dann mach ich‘s so, wie‘s schon die Menschen in den Psalmen der Bibel vor zweieinhalbtausend Jahren gemacht haben.

„Du, Gott, wir müssen reden!“ So hört sich das bei mir an, wenn ich von allem genug habe und keinen Rat mehr weiß. Und dann erlebe ich oft, dass sich wirklich etwas verändert. Nicht, dass das Problem sich sofort löst. Aber in mir kann sich etwas lösen. Ich übergebe es in eine größere Hand, die mehr bewirken kann als ich. Und noch etwas ändert sich in mir: Ich höre auf, Gott genau zu sagen, was er tun soll. Und wenn ich für Menschen bete, dann nenne ich nur ihre Namen und leg sie quasi in seine Hand. Und langsam werde ich dann sicher: Hier ist der richtige Ort für all das Ungeklärte und Trübe, das ich nicht klären kann. Und für die schrecklichen Geschehnisse in der Welt, für die bisher niemand eine Lösung findet. 

Es ist ein innerer Weg, den ich da immer wieder von neuem gehe, gehen muss. Von „Gott, wir müssen reden!“ zu „Gott, du weißt, was wir brauchen.“ Manchmal ist es ein ganz schön langer Weg. Aber bisher bin ich noch immer weitergekommen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35322
03MAI2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Frieden ist kostbar. Das begreift man erst so richtig, wenn er bedroht ist, oder verloren wie derzeit im Osten Europas. Frieden ist nie selbstverständlich, er ist immer das Ergebnis von aktiver Bemühung. Von Verhandlungen, von Verträgen, von lebendigen Beziehungen zwischen Ländern und Kulturen. Am Frieden bauen aber auch die vielen einzelnen Menschen, die sich in ihrem Alltag bemühen, gut und fair miteinander umzugehen. Sie schaffen die Basis für eine friedlichere Welt.

Der große indische Pazifist Mahatma Gandhi hat dafür Regeln entwickelt, Friedensregeln. Fünf einfache, ganz konkrete Grundsätze, die auch ich im Alltag immer wieder anwenden kann.

Erstens: Ich will bei der Wahrheit bleiben. Für mich heißt das: Wenn ich erzähle, versuche ich, nicht zu übertreiben. Ich will klar und eindeutig reden und vielsagende Andeutungen vermeiden, die zum Spekulieren einladen.

Zweitens: Ich will mich keiner Ungerechtigkeit beugen. Wenn ich daran denke, versuche ich, Ungerechtigkeiten überhaupt erstmal wahrzunehmen. Dazu gehört auch zu sehen, wo ich selbst Vorteile habe gegenüber so vielen anderen: weil ich bisher keinen Krieg erleben musste, weil ich wirtschaftlich gesichert lebe, weil ich fraglos hierher gehöre und mir niemand meine Zugehörigkeit absprechen kann.

Drittens: Ich will frei sein von Furcht. Auch von der Furcht, als Spielverderber zu gelten, wenn ich mich traue, mal nicht mitzulachen oder sogar zu widersprechen, wenn gegen einzelne oder gegen Gruppen gehetzt wird.

Viertens: Ich will keine Gewalt anwenden. Nicht nur körperlich. Ich will auch nicht manipulieren. Niemand bloßstellen oder in Grund und Boden reden.

Und schließlich die fünfte Friedensregel: Ich will in jedem zuerst das Gute sehen. Sogar dann, wenn ich mich auf jemand ‚eingeschossen‘ habe, wie man so verräterisch sagt. Dann brauche ich einen neuen Blick, neue Augen sozusagen. Zum Beispiel die Augen eines Menschen, der diese Person zum ersten Mal sieht.

Die Friedensregeln sind kein Programm, mit dem sich konkrete Politik machen lässt. Dennoch sind sie ein Beitrag zum Frieden. Denn jeder Frieden fängt in den Köpfen und Herzen von Menschen an. Auch in meinem Kopf und in meinem Herzen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35321