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SWR Kultur Wort zum Tag
Eine Geschichte über einen Fisch hat mich demütig werden lassen. Seitdem gelingt es mir ab und zu, die Welt mit anderen Augen zu sehen.
Die Geschichte geht so: Ein junger Fisch macht sich auf eine Entdeckungstour durch seinen See. Alles hat er bereits genauestens erkundet: den sandigen Grund, die Steinhalde und das Feld mit Seegras. Vor seinem Papa prahlt er, dass er den See jetzt bestimmt genauso gut kenne wie er. Da sagt der Papa: „Eines hast du bestimmt noch nicht entdeckt.“ „Was denn?“, fragt der junge Fisch. Da wedelt der Papa-Fisch mit seiner Flosse und sagt: „Das hier um uns rum, das Wasser. Es ist immer da und so normal für uns, dass wir es gar nicht mehr registrieren. Aber ohne das Wasser könnten wir gar nicht leben.“
Genauso ist es mit uns Menschen. Vieles erkunden wir und finden es aufregend oder wichtig: fremde Städte, exotische Urlaubsorte, ausgefallene Hobbies oder feine Weine. Aber die Luft, ohne die wir gar nicht leben könnten, die schätzen wir erst, wenn sie uns mal wegbleibt oder gar ausgeht. Es gibt noch andere wie selbstverständliche Dinge, die ich erst wahrnehme, wenn sie mir fehlen: Dass Strom aus der Steckdose kommt oder Geld aus dem Bankautomaten. Dass Pflanzen bestäubt werden, dass Vögel singen oder dass meine Katze mir um die Füße streicht. Dass ich sauberes Wasser aus dem Hahn trinken kann, oder dass sich ab und zu ein Freund bei mir meldet. Dass ich mich in der Nacht erholen kann oder dass eine Wunde heilt.
Aber wehe, wenn eines dieser selbstverständlichen Dinge auf einmal nicht mehr ist. Wenn der Strom ausfällt, wenn Lebensmittelpreise oder Mieten durch die Decke gehen, wenn der eigene Arbeitsplatz auf der Kippe steht, wenn mich starke Schmerzen nicht mehr schlafen lassen, wenn jemand aus der Familie schwer krank wird oder gar stirbt. Erst wenn Teile meines gewohnten Systems zusammenbrechen, dann wird mir schmerzlich bewusst, wie gut es mir gegangen ist, als alles noch wie selbstverständlich war.
Deshalb hat mir die Geschichte mit dem Fisch und dem Wasser gut getan und mich daran erinnert: Ich sollte die vielen schönen Dinge um mich herum wieder wahrnehmen und dankbar für sie sein. Und dann natürlich: sie lieben und schützen mit aller Kraft.
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Wer noch einen Brief ans Weihnachtspostamt in Himmelstadt schreiben möchte, sollte es heute tun. Denn alle Briefe, die bis übermorgen eingehen, werden noch beantwortet. Es unterschreibt das Christkind, aber natürlich stecken jede Menge Ehrenamtliche hinter der Aktion. Rosemarie Schotte ist eine von ihnen – und das schon seit über 30 Jahren.
Sie und ihr Team beantworten jährlich um die 80.000 Briefe – meist von Kindern geschrieben. Sie sind alle ans Christkind adressiert. Rosemarie Schotte sagt: „Meistens sind es mehr oder weniger lange Wunschzettel, die hier landen. Besondere Briefe beantworten wir sogar individuell. Und auf alle Antwortbriefe kommen Sondermarken und ein extra Weihnachtsstempel.“
Dabei ist die Sache mit dem Christkind, das Geschenke bringt, eigentlich ein Missverständnis: Früher hat das Christkind nämlich die Geschenke bekommen und nicht gebracht. Aber dann haben sich im Laufe der Zeit zwei Dinge miteinander vermischt: zum einen die Krippenfigur des Jesuskindes, das ursprünglich beschenkt wurde. Und zum anderen die sogenannten „Christkinder“. Das waren Kinder, die bei den Weihnachtsspielen zur Krippe gezogen sind und dem Jesuskind Geschenke gebracht haben. Zwei Mal „Christkind“ – und auf einmal war nicht mehr so ganz klar, wer hier wem was schenkt.
Die Tradition der Christkinder, die dem Jesuskind etwas bringen, wird heute wieder in einigen Familienchristmetten praktiziert: Da dürfen die Kinder im Gottesdienst nach vorne kommen und das Christkind in der Krippe anschauen. Und viele von ihnen bringen dann noch ein Spendenkässchen aus Pappe mit und legen es ins Stroh. Den ganzen Advent über haben die Kinder Kleingeld in diesem Kässchen gesammelt. Mit dem Geld werden dieses Jahr Kinder und Familien in der Amazonasregion unterstützt.
Die Geschenke fürs Christkind kommen also anderen Menschen zugute. Das passt sehr gut zu Jesus. Sein oberstes Prinzip heißt Liebe. Jesus hat immer die Liebe zu den Menschen in den Vordergrund gestellt – und natürlich auch die Liebe zu Gott, seinem Vater.
Und trotzdem: Die Kinder, die ans Christkind in Himmelstadt schreiben, erhoffen sich wohl eher ein handfestes Geschenk. Na ja, sie müssen ja nicht wissen, dass die Geschenke eigentlich von den Eltern kommen. Und egal wie lange die Wunschzettel der Kinder sind - das wichtigste Geschenk ist und bleibt doch die Liebe – und die gibt’s vom Christkind für alle Kinder gratis dazu.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43479SWR3 Worte
Eine Nikolausgeschichte von Gerhard Eberts:
Der junge Student rief sich noch einmal alles in Erinnerung, was man ihm beim Nikolaus-Verleihdienst gesagt hatte. Auf keinen Fall dürft ihr den Kinderschreck machen, hatte man ihm gesagt. (…)
Aber es half nichts. Das Kind schrie wie am Spieß. (…) Ganz langsam nahm er die Bischofsmütze vom Kopf (…) und legte (…) den weiten roten Mantel zur Seite. Das Kind sah (…) mit großen Augen zu und vergaß zu weinen. (…)
Jetzt löste der Student den langen Bart. Ein junges, verlegenes Gesicht kam unter dem Bart hervor. (…) Der Student und das Kind (…) lachten miteinander.
Der Student erzählte (…) dass (Nikolaus) schon lange tot und ein guter Mensch gewesen sei. Und (…) dass seither junge Männer in die Rolle (…) schlüpfen, um sich an ihn zu erinnern. Das Kind hörte mit großen Augen zu.
Der Zauber sei dahin, sagten die Erwachsenen. Der Student dachte: Was uns bleibt, ist das Wunder.
Quelle
Gerhard Eberts, Das Wunder, in: Andere Zeiten e.V. (Hg), Der Andere Advent 2013/2014, 6.12.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43402SWR3 Worte
So viele Gerüche strömen auf unsere Nasen ein, besonders in der Adventszeit. Die Autorin und Bloggerin Susanne Niemeyer ist überzeugt:
(…) Gerüche sind deine Heimat, dein Seelenkissen. Der Geruch von Schnee am Morgen, Wunderkerzen und Maronen, ein angerissenes Streichholz, (…) Schokokringel und Räuchermännchen. Das alles kannst du auch jetzt riechen, deine Erinnerung hat es gespeichert. Und du fühlst dich geborgen darin, und plötzlich fragst du dich, ob Gott wohl einen Duft hat. Ob man ihn, wenn denn schon nicht sehen, so doch vielleicht riechen kann. Und du brauchtest nur einzuatmen.
Quelle
Susanne Niemeyer, Weihnachtsduft, in: Andere Zeiten e.V. (Hg), Der Andere Advent 2010/2011, 25.12.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43401SWR3 Worte
Was ist besser: Vorsorgen oder vertrauen? Die Schriftstellerin Luise Rinser hat einen klaren Favoriten und erzählt:
Einer meiner Bekannten malt sich alle schlimmen Ereignisse, die ihm vielleicht zustoßen könnten, im Voraus genauestens aus, dann legt er sich zurecht, wie er sich in jeder Situation zu verhalten habe. (…)
Aber ist er deshalb glücklich und ruhig? Keineswegs.
Ich kenne ein weit besseres Hilfsmittel. Es ist im Grunde dasselbe, das ein Kind anwendet, wenn man es in den dunkeln Keller schickt: Es singt laut. Damit zeigt es dem Unbekannten, dass es ihm etwas entgegenzusetzen hat: den Mut. Und Mut ist eine Art des Vertrauens. Nicht in die eigene Kraft, sondern in etwas, das uns beschützt.
Quelle
Luise Rinser: Vorsorge, in: Andere Zeiten e.V. (Hg), Der Andere Advent 2019/2020, 5.12.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43400SWR3 Worte
Sich einmummeln und gar nichts tun – das muss manchmal einfach sein. Das steht im Internetauftritt des Franziskanerordens „barfuß und wild“. Dort heißt es:
Es gibt Tage, an denen die Blume nicht blüht, sondern in der Erde ruht. Manchmal ist der mutigste Akt, sich selbst in eine warme Decke zu wickeln, Tee zu trinken und für heute nicht aufzutauchen. Du musst nicht immer „on“ sein. Das ist keine Flucht. Es ist Heimkehr.
Quelle
https://www.barfuss-und-wild.de/seelenfutter-2512 (aufgerufen am 30.10.2025)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43399SWR3 Worte
Warum ist Schnee für viele so faszinierend? Der Soziologe Hartmut Rosa meint:
Wir können ihn nicht herstellen, nicht erzwingen (…): Wenn wir ihn in die Hand nehmen, zerrinnt er uns zwischen den Fingern, wenn wir ihn ins Haus holen, fließt er davon, und wenn wir ihn in die Tiefkühltruhe packen, hört er auf, Schnee zu sein. Vielleicht sehnen sich deshalb so viele Menschen (…) nach ihm. (…) Und natürlich fehlt es nicht an Versuchen, Schnee verfügbar zu machen.
Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung aber entstehen aus der Begegnung mit dem Unverfügbaren.
Quelle
Hartmut Rosa, Vom Schnee in: Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, Residenz Verlag Salzburg / Wien 2018.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43398SWR3 Worte
Was ist besser: Andere nachahmen oder lieber meinen eigenen Weg finden? Der Theologe und Autor Jan Frerichs hat eine klare Meinung dazu. Er sagt:
Kleine Erinnerung: Du wurdest als Original geboren. Sterbe nicht als Kopie.
Quelle:
https://www.barfuss-und-wild.de/seelenfutter-2369 (aufgerufen am 09.06.2025)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43397SWR3 Worte
Advent ist Glühwein, Plätzchen und vielleicht ein bisschen Besinnung. Für die Autorin Andrea Schwarz ist Advent noch mehr – nämlich Abenteuer. Sie meint es so:
Abenteuer Advent – das ist warten und lauschen, ob sich irgendetwas tut. (…) Das ist sich nicht zufrieden geben mit dem was ist – das ist sich ausstrecken nach dem, was noch nicht ist – aber was sein könnte. Das ist sehnsüchtig sein nach mehr Leben und Lebendigkeit, das ist Ausschau halten nach Gott in meinem Leben. Das ist staunen können, wach sein, hellwach – und (…) hinschauen auf mein Leben, auf diese Welt.
Quelle
Ulrich Sander (Hg), In heiliger Nacht, Herder-Verlag, Freiburg 2008, S. 23.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43396SWR Kultur Wort zum Tag
Versteckspielen mit Papa gehört für meine Kinder zu den Highlights. Manchmal brauchen sie ganz schön lange, bis sie mich haben. Und auch diesmal ist es wieder so. Ich stehe strumpfsockig auf dem Fensterbrett in der Küche und bemühe mich, in eine Falte des Vorhangs zu passen. Da ruft es: „18, 19, 20 - ich komme“, und ich richte mich ein auf eine unbequeme Wartezeit.
Was ich schon alles gesucht habe! Zeugnis oder Generalschlüssel zum Beispiel. Wenn die weg sind, dann falle ich erst mal in eine Art Schockstarre. Und dann fange ich an, wie wild zu suchen. Unbeschreiblich ist der Moment, wenn ich es dann wiederfinde. Unsere Katze war mal 5 Tage verschwunden. Und dann nachts um elf höre ich die Katzenklappe, und sie steht vor mir und tut, als ob nichts gewesen ist. Pure Erleichterung, überschäumendes Glück wallen in mir auf. Und manches Verlorene bleibt auch verschollen: der praktische Inbus-Schlüssel mit Griff zum Beispiel oder die Bob Marley CD, von der ich nur noch die Hülle habe.
Gesucht wird aber noch mehr, viel Existentielleres: Der richtige Beruf zum Beispiel. Oder die Liebe des Lebens. Manche suchen eine Heimat, andere die richtige Therapie oder gar den Sinn, warum man überhaupt lebt und hier ist.
Meine Kinder durchstreifen die Küche. Ich halte die Luft an und mach mich noch ein bisschen dünner. Puh, nochmal gut gegangen. Ich kenne Kinder, die sind totunglücklich, wenn sie beim Versteckspielen nicht gefunden werden. Und vielleicht ist das auch eine Sehnsucht von uns Menschen im Leben: dass wir gefunden werden - von einer lieben Partnerin oder einem Partner, von jemandem, der mich so nimmt, wie ich bin oder letztlich auch von Gott.
Ich glaube an einen Gott, der mich gerne findet. Und natürlich ist es sinnlos, sich vor ihm zu verstecken. Das drückt auch der Psalm 139 aus dem Alten Testament aus. Dort heißt es: „Du bist vertraut mit all meinen Wegen. (…) Von hinten und von vorn hast du mich umschlossen (…). Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen (…). Wohin kann ich gehen (…), wohin vor deinem Angesicht fliehen? Wenn ich hinaufstiege zum Himmel - dort bist du; wenn ich mich lagerte in der Unterwelt - siehe, da bist du. Nähme ich die Flügel des Morgenrots, ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten (…).“
Das hört sich ein bisschen nach aussichtslosem Versteckspiel an. Aber sich finden lassen hat hier nichts mit erwischen zu tun, nichts mit einem übellaunigen Überwachungsgott, sondern mit bergen, begleiten und behüten - so wie bei mir und meinen Kindern.
„Papa, hab dich!“ Mist, so war das jetzt nicht gemeint.
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