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21JUL2022
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Eigentlich war Daniel ein Fremder im Land, einer von den vielen Israeliten, die sein Vorgänger nach einem Krieg  verschleppt hatte nach Babylon. Aber jetzt meinte die Königin, er könnte vielleicht die letzte Chance sein für König Belsazar angesichts seiner großen Ratlosigkeit.

So erzählt es die Bibel: Großes Gelage – eigentlich eher ein Besäufnis – am Königshof. Sie erdreisten sich sogar, aus den heiligen Bechern und Schalen zu schlürfen, die sie im Tempel in Jerusalem erbeutet und mitgenommen hatten. Plötzlich erbleicht der König; Luther übersetzt „entfärbte sich“; eine riesige Menschenhand hatte etwas an die weiße Wand geschrieben –  und niemand von den vielen Fachleuten und Hofschranzen  und angeblichen Propheten konnte das lesen oder auch nur deuten. Lass den Daniel rufen, schlägt die Königin vor –  und dem bietet der König alles Mögliche an,  wenn er ihm die Schrift an der Wand nur deutet… Schon klar: Irgendwie erwartet er trotz allem eine gute Nachricht, obwohl er so einen großen Schrecken verspürt.

Daniel ist unbestechlich – und liest vor:  Mene mene tekel u-parsim – dein Königtum ist beendet; man hat dich zu leicht befunden. Dein Reich ist zerteilt. Und der König wird noch in der Nacht ermordet.

Das Menetekel ist in die Alltagssprache eingezogen –  steht für ein schlechtes Zeichen, mindestens. Oft genug ein Zeichen, das die Allgemeinheit lesen kann, schon ohne die Fachleute.  Die übersetzen es dann noch mal für die Menschen in Politik und Wirtschaft, damit die darauf reagieren können und müssen. Naturkatastrophen spielen eine solche Rolle –  seit ein paar Jahren noch mehr als lange zuvor.  Weder die Flut noch das Virus hat Gott geschickt oder gewollt. Aber Erdbeben und Reaktorschmelze in Fukushima waren Menetekel; die Flutkatastrophe im letzten Jahr:  neben all der Not im Ahrtal und anderswo hat sie auch darauf hingewiesen, dass die Geduld der Schöpfung mit den Menschen erschöpft ist. Und auch das Corona-Virus menetekelt  viele verschiedene menschengemachte Probleme an die Wand…

Die Bibel erzählt die Menetekel-Geschichte natürlich  als Beweis dafür, dass Israels Gott der Herr der ganzen Welt ist und den anderen so genannten Göttern überlegen. Vielleicht sollten die Menschen sich von den modernen Menetekeln darauf hinweisen lassen, dass sie aufhören müssen, die Schöpfung zu verbrauchen,  statt sie zu bewahren.

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20JUL2022
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Das klang schon immer seltsam – und heute wieder.  Es war ein großes Hindernis auch für die Frauen und Männer, die am 20. Juli 1944 versucht haben, Hitler zu töten und Deutschland und Europa von der Naziherrschaft zu befreien.  Gerade die Christinnen und Christen aus Militär und Politik mussten damals irgendwie mit dem umgehen, was der Apostel Paulus der Gemeinde in Rom geschrieben hat:

„Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter.  Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott… Denn sie steht im Dienst Gottes für dich zum Guten.“

Staatliche Gewalt – die Mächtigen von Gott eingesetzt. Dabei war es doch kein Kaiser von Gottes Gnaden mehr, der da die Welt in den Untergang jagte –  anderseits faselte der österreichische Gefreite Hitler immer davon, dass er im Dienst der Vorsehung unterwegs sei. Niemals!

Wie also sollten Christenmenschen sich verhalten –  einfach den biblischen Auftrag missachten, wäre schwierig gewesen. Von heute gesehen würde ich mir wünschen,  dass auch die offiziellen Kirchen sich deutlicher verhalten hätten. Es gab Widerspruch und Protest – wenn auch zu wenig; manche Mordpläne hatten die Nazis daraufhin vorerst gestoppt, hatten etwa aufgehört, alle Menschen mit Behinderungen zu töten.

Dabei hätten Kirchen und Christen im Römerbrief einfach weiter lesen können: „Alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst:  Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. … Und das tut im Wissen um die gegenwärtige Zeit:  Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf.“

Dass die Hitlerei die pure Bosheit und Lieblosigkeit war –  viele haben es auch damals schon gewusst oder wenigstens geahnt; dass auch die Christenheit noch viel mehr Liebe zu  und Achtung vor den Nächsten entwickeln musste und muss:  stimmt schon immer. Und dass staatliche Gewalt nur durch das Gute gerechtfertigt ist  oder meinetwegen auch Gott-gewollt: steht indirekt ja auch schon bei Paulus. Und deswegen kann ich auch mit Pfarrer Stephan Wahl in Jerusalem beten, der sich in seinem Ukraine-Psalm ein Ende aller Gewalt wünscht:

„Fahr den Kriegstreibern in die Parade, Ewiger. Allen!  Leg ihnen das Handwerk, lass sie straucheln und fallen.

Wecke den Mut und den Widerstand der Rückgrat-Starken, lass das Volk sich erheben und die Verbrecher entlarven.“

Text: www.t1p.de/39zsc

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19JUL2022
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Hat sich irgendwie eingebürgert, scheint mir,  unter Kolleginnen und Kollegen in Presse und Radio: Eine Katastrophe jagt da die nächste,  ein Ereignis folgt auf das nächste… So sprechen sie eben - und ich finde das immer wieder seltsam. Weil: wie sollen die Katastrophe oder das Ereignis  oder der aktuelle Termin im engen Zeitplan eigentlich das oder die nächste oder den nächsten treiben oder verdrängen? Die hätten doch gerade damit zu tun, sich selbst auszubreiten. Und verdrängen höchstens das vorige Ereignis oder die letzte Katastrophen-Meldung  aus dem Zeitplan oder aus den Nachrichten. Wer weiß schon, was da als Nächstes dran sein könnte. In Wirklichkeit muss doch das Nächste dem Vorigen folgen;  dann sollten sie es auch so sagen…

Also, liebe Leute, hört mal genauer hin, was ihr da so redet und vergesst das mit den „nächsten“. War lange mein erster Gedanke. Sprachlich und grammatikalisch vermutlich auch ganz richtig. Bitte auf die Reihenfolge achten, wenn ihr sie schon nicht verändern könnt.  Das Neue verdrängt oder folgt auf das Vorige.  Bitte, verwirrt die Menschen weniger.

Gut, dass ich mir ein bisschen Zeit gelassen habe mit dem Rotstift. Ist doch ganz schön, denke ich inzwischen. Kann mir doch nur recht sein, wenn immer wieder mal, gern ja auch mehrmals am Tag, vom Nächsten die Rede ist. Ich erlaube mir jedenfalls, da einen guten Unterton mitzuhören –  egal, ob die Sprecherin oder der Autor das mitgemeint haben kann. Ich höre ein Stück Evangelium heraus aus dieser Rede. Und fühle mich erinnert an das wichtigste Gebot,  das Jesus seinen Anhängerinnen und Anhängern gegeben hat: Du sollst deine und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Das ist Jesus gleich wichtig wie Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben.

Klar, dann wird noch zu klären sein, wer das denn ist:  Der oder die Nächste – und dazu gibt es im Evangelium einige Geschichten, die schon damals Verwunderung ausgelöst haben.  Denken sie an die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Aber Jesus setzt ja noch eins drauf: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen…;  denn Gott lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten ...

Aber klar: wenn ein Ereignis angeblich das nächste jagt,  gerät das schon mal in Vergessenheit:  dass ich sie lieben oder wenigstens als Menschen achten soll,  die Feinde und die Nächsten …

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18JUL2022
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Ein paar Ahnungslose haben sich schrecklich aufgeregt. Andere waren kaum besser informiert, fanden es aber tricky bis sexy. Auf dem Plakat ein offenbar mittelalterliches Bild einer Frau am Kreuz; allerdings: neben eindeutig weiblichen Formen unter dem Gewand trug diese Frau einen Vollbart.  Werbung für eine Tagung zum Thema „Rolle der Frauen in der Kirche“; frühe neunziger Jahre – Zielgruppe Hochschulgemeinden. Die waren schon immer ihrer Zeit ein bisschen voraus.

A propos ahnungslose Aufreger: Das Bild war echt, kein fake –  es zeigte die Heilige mit dem seltsamen Namen Kümmernis,  auch Wilgefortis genannt, die Willensstarke. Eine Königstochter, erzählt die Legende; die wollte ins Kloster gehen,  statt den Mann zu nehmen, dem der Vater sie schon versprochen hatte. In ihrer Not hat sie gebetet, Gott soll sie in einen Mann verwandeln; woraufhin ihr ein Bart gewachsen sein soll – nix mehr mit Hochzeit und so. Der Vater in seiner Wut lässt sie ans Kreuz schlagen, in Lumpen gekleidet – dann soll sie ihrem Jesus so ähnlich wie möglich sein…

Wie gesagt: eine Legende; und vielleicht doch unpassend, in Wirklichkeit, auf dem Plakat. Dem geht es ja um die Rolle der Frauen in der Kirche –  also um mehr Mitwirkungs-Rechte und auch um mehr Macht  für die größere Hälfte der Kirchenmitgliedschaft. Die Heilige aus der Legende ist ja erst mal Opfer der Männerherrschaft; keine gute Idee, diese Machtverhältnisse mit ihr zusammen heiligzusprechen.

Da ist sogar die katholische Kirche heute ein Stück weiter. Weltweit unterschiedlich, aber doch fast überall suchen sie nach Möglichkeiten, wie Frauen und Männer auf Augenhöhe zusammenarbeiten können –  in der Gemeinde vor Ort, in Caritas und Schule, aber auch in den Leitungsämtern – vom Pfarramt bis zur Bischofswahl.

Das verläuft schleppend; selbst auf dem Synodalen Weg in Deutschland. Das nervt - aber zweitausend Jahre Tradition sind eben leider mächtig. Und viele Männer (und manche Frauen leider auch) profitieren ja von der ungerechten Verteilung von Macht und Verantwortung. Die wollen, dass alles bleibt, wie es ist und angeblich von Jesus gewollt war.

Naja – der Gottessohn Jesus war eben auch ein Kind seiner Zeit  und einer sehr männer-dominierten Gesellschaft. Wenn die Kirche – wie Jesus in seiner – auch in ihrer Zeit ankommen will, wird sie sich neu aufstellen müssen  und wegkommen von der Macht und den Ämtern allein für die Männer. Keine Ahnung, ob ich das noch erleben werde.  Aber ich bin erst mal noch zuversichtlich.

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28MAI2022
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Mein wichtigster Katholikentag war der vor vierzig Jahren, 1982; in Düsseldorf damals waren wir mit unserem gut einjährigen Johannes dabei – in Gottesdiensten und beim Fest, in einigen von den großen Podien. Vor allem aber bei der riesigen Friedens-Demo, veranstaltet unter anderen von der IKvu, der Initiative Kirche von unten. „Kehrt um. Entrüstet euch“ war der „ Schlachtruf“ der vielen eher jungen und eher linkeren Christinnen und Christen, die da über den Rhein zogen und Frieden forderten. Und noch ein paar andere Erwartungen an ihre Kirche, die heute noch ganz ähnlich klingen: manche innerkirchliche Fragen sind leider immer noch aktuell.

Bei der Friedensfrage, habe ich den Eindruck, ist die katholische Kirche inzwischen anders aufgestellt. In Düsseldorf damals hatte sie sich offiziell noch ziemlich geschlossen auf der Linie von SPD-Regierung und CDU-Opposition bewegt. „Wir lassen uns das Thema Frieden nicht aufdrängen.“ hieß es von oben; und „… unverzichtbar, an der nuklearen Abschreckung festzuhalten.“ Das klingt heute anders – gerade Putins verbales Gefummel am „roten Knopf“ lässt mindestens viele neu nachdenken, ob das mit der gegenseitigen Atomwaffen-Drohung eine gute Idee war.

Aber auch der Ruf „Kehrt um“ dürfte heute, beim Katholikentag in Stuttgart, ohne das „Entrüstet euch“ daherkommen. Auch die eher Friedensbewegten von damals fühlen sich angesichts der Kriegsverbrechen gegen die Ukraine und ihre Menschen gedrängt,der angegriffenen Seite beizustehen – auch mit Rüstung statt mit Entrüstung oder gar „ergebt euch“-Rufen. Weil nämlich eine wesentliche Hoffnung pulverisiert scheint. Handel und Gespräche, gegenseitige Anerkennung und Entgegenkommen sollten Frieden herstellen. Aber mit Präsident Wladimir Putin und seinen hardliner-Leuten ist das offensichtlich aussichtslos.

Gewalt ist keine Lösung – klar. Aber im Moment scheint keine Gewalt auch keine zu sein. Es ist ein Dilemma – gerade auch für Christenmenschen; es zerreißt mich fast – wo ich doch bei Jesus und der Bergpredigt bleiben will. Liebet eure Nächsten, gilt weiterhin – und eure Feinde. Aber wer die Unterdrückten und Bedrohten wirklich liebt, jetzt gerade Frauen, Kinder, alte und junge Männer in der Ukraine… wer sie wirklich liebt, fordert auch deswegen, den Aggressor zu stoppen – im Zweifel leider auch mit zusätzlichen Waffen. Wer Putin und seine Leute achtet oder gar liebt, will sie ja am liebsten abbringen von ihrem üblen verbrecherischen Weg.

Das werden beim Katholikentag viele auch verlangen und darum beten, bei Kundgebungen und Gottesdiensten und beim Schlussgottesdienst morgen am Stuttgarter Schlossplatz.

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27MAI2022
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Seit gestern haben viele Gemeinden ihr Gebet noch einmal verstärkt. Sie beten um Gottes Geist –das Thema ist angesagt nach Himmelfahrt und vor Pfingsten. Neun Tage lang, Novene nennen sie dieses besondere Beten deshalb. Neun Tage, die nach den biblischen Berichten in Jerusalem vergangen sind, seit der auferstandene Jesus vor den Augen seiner Leute in den Himmel gegangen oder aufgefahren ist. Da hocken die Jesus-Leute in ihrer Gemeinschaftsunterkunft, immer noch voller Angst – bis dann am Pfingsttag Gottes Geist in sie fährt und Türen und Fenster aufreißt, und sie die Botschaft von Jesus Christus in die Stadt hinaus tragen und bald in die ganze bekannte Welt.

Neun Tag beten, Novene also um diesen Geist, den die Menschheit und die Kirche in diesen Zeiten so nötig braucht. Um einen Geist des Friedens und der Gerechtigkeit zu beten, das scheint doch dringlicher als seit fast achtzig Jahren – heute, wo Krieg herrscht und Kinder, Frauen, Männer wieder zu Opfern gemacht werden, ermordet, verletzt, vertrieben und auf der Flucht.

Ja – um Frieden und Gerechtigkeit beten wir Christenmenschen in den Kirchen hier sowieso schon ziemlich intensiv seit Putins russischem Überfall am 24. Februar. Trotzdem ist weiter grausamer Krieg. Schon verständlich, dass manche zweifeln, ob unser Beten gegen den Krieg hilft, ihn verkürzt oder wenigstens humanisiert. Und nach jetzt zwölf Wochen gibt es allmählich auch Ermüdungs-Zeichen…

Da ist es doch gerade hilfreich, die alte Novenen-Tradition aufzugreifen. Und die verändert ja wenigstens die Menschen selbst, die da um Gottes Geist beten. Wer betet, macht sich selbst offen; erneuert die eigene Hoffnung auf eine Kraft von oben – sozusagen; wer sonst sollte Frieden möglich machen können, wo alle menschlichen Bemühungen zum Scheitern verurteilt sind, weil sich ein paar mächtige Männer an ihre Macht klammern.

Und wer um Frieden oder wenigstens einen Waffenstillstand betet für die Ukraine und die Vielen, die von dort auf der Flucht sind: wer sich an Gott wendet, solidarisiert sich mit den Menschen, die unter dem Krieg leiden – jetzt leiden und noch lange leiden werden. Sie sind dankbar für diese Verbindung, haben die Ukrainerinnen uns gesagt. Sie waren eigentlich zufällig im Dom, als das FriedensGebet anfing – und sind natürlich geblieben bis zum Vaterunser in ihrer eigenen Sprache. Und sicher werden viele weiterhin beten – um Gottes Geist und Frieden und Gerechtigkeit, wenn nötig auch über Pfingsten hinaus!

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25MAI2022
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Margret hatte Covid19 eigentlich überstanden - Fieber und Schüttelfrost weg, kein Husten mehr und endlich negative Tests… Alles gut – schien es. Blieb nur ein manchmal leichter, gelegentlich heftiger Schwindel – Radfahren ging aber schon wieder. Eines Tages fährt sie hinter mir und ruft: „Ich seh dich doppelt.“ „Bin aber nur einmal hier unterwegs,“ habe ich noch gescherzt. War eigentlich nicht lustig – aber Margrets LongCovid kommt in den Griff…

Kurze Hintergrund-Info, sehr laienhaft: Normalerweise liefern rechtes und linkes Auge ihr jeweiliges Bild ans Gehirn – selbst mit ihrem kleinen Abstand sehen sie die Wirklichkeit ja ein wenig verschieden. Und im Gehirn – großartige Leistung – werden die beiden Bilder zusammengerechnet. So sieht der Mensch normalerweise nur ein Bild; und weil das Hirn noch ein bisschen mehr rechnet, sieht der gesunde Blick räumlich, erkennt Entfernungen kann Bewegungen wahrnehmen und Geschwindigkeiten abschätzen… Manche Krankheiten – und offenbar auch Corona – hacken das menschliche Gehirn irgendwie – und so gibt’s schon mal Doppelbilder. Ende Info-Kasten…

Die wirkliche Wirklichkeit wahrnehmen, Raum und Bewegung und Nähe und Ferne: dazu brauchen die Menschen also mehrere Perspektiven – wer auf dem rechten oder linken Auge blind ist, auch im übertragenen Sinne, sieht nur die eine Seite; besser gesagt vielleicht: sieht die ganze Welt irgendwie flach und eindimensional. Kann Bewegung und Geschwindigkeiten nur schwer erkennen. Ja, ich weiß, da lässt sich was lernen, physikalisch-optisch-medizinisch. Aber schon im Straßenverkehr oder in der Küche ist es immer besser, beide Blickwinkel zu haben und zusammenzusetzen. Vor allem im gesellschaftlichen oder kirchlichen Leben ist es hilfreich, mehr als nur eine Perspektive zu haben und gelegentlich sogar mal die Perspektive zu wechseln.

In meiner katholischen Kirche kann das heißen, endlich Frauen mit Leitungs-Ämtern zu beauftragen; oft genug bringen die neue Perspektiven ein. Aber – andere Perspektive eben auch auf die zu hören, denen schon jetzt alles viel zu modern aussieht.…

Im Alltag schafft ein gesundes Gehirn so was zigtausendmal am Tag – sollten die Menschen und die Menschheit insgesamt daran scheitern, Bilder und Perspektiven zusammenzuführen und dreidimensional zu sehen? Aus Gottes Perspektive werden sich für die Welt und für die Menschen ja sowieso noch mal ganz neue Dimensionen eröffnen; mehr als drei jedenfalls. Hofft und erwartet spätestens irgendwann für den Himmel.

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16APR2022
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„Warum will der Pfarrer das verbieten?“ – Frau M. am Telefon klang verletzt und wütend. Beim Abschiedsgottesdienst für die verstorbene Mutter wollte die Familie den Sarg in der Kirche aufgestellt haben. „Kirche und Messe war für sie unheimlich wichtig in ihrem Leben – da soll sie auch bei ihrem letzten Gottesdienst noch mal dabei sein.“

Ich konnte ihr nur zustimmen – besonders gern sogar, weil Frau M. es mit der Kirche nicht so hat. Aber diesen Dienst wollte sie der Mutter noch tun – und jetzt verweigerte sich die Kirche. Und der Pfarrer berief sich auch noch auf den Bischof; der hätte es verboten. Das war natürlich Quatsch – umso schlimmerer Quatsch, als Frau M. und ihre Familie ja besonders verletzlich waren, so kurz nach dem Tod der Mutter. Mit all den Dingen am Hals, die dann in kurzer Zeit getan sein wollen.

Ich habe ihr damals trotzdem nicht helfen können – leider. Und so war die Mutter wenigstens körperlich abwesend bei ihrer eigenen Totenmesse. Wie schade.

Inzwischen gibt es im Bistum Trier eine offizielle Regelung: da wird sogar vorgeschlagen, dass der Sarg in der Kirche aufgestellt wird – mit genau den gleichen Gründen, die Frau M. und ihre Familie sich für die Mutter überlegt hatten: zu zeigen, dass auch die Verstorbenen mitten unter uns sind, wenn die christliche Gemeinde Gottesdienst feiert. Der Tod ist Teil des Lebens; Christenmenschen wissen das und stehen dazu, statt den Tod und die Toten zu verdrängen aus ihrem Leben und aus ihrem Bewusstsein.

Der Karsamstag heute, die Grabesruhe zwischen dem Tod des Jesus von Nazaret am Kreuz und den ersten Begegnungen des lebendigen Jesus Christus mit seinen Freundinnen und Freunden… der Karsamstag heute ist irgendwie sowas wie der Gedenktag oder auch der Feiertag des Todes mitten im Leben.

Die Toten und den Tod aus dem Leben der Lebenden zu verdrängen: daran scheitern auch Konsum und Hektik, obwohl die heute, am und trotz Karsamstag, wieder ausbrechen. Zwei Feiertage zu versorgen…, Osterputz vielleicht auch noch so was eben.

Aber damit die Menschen wissen, was wir an Ostern feiern – nämlich dass es Leben gibt, Leben vor und nach dem Tod, dafür muss auch der Tod sein dürfen – mitten unter den Lebenden.

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14APR2022
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Am Gründonnerstag, heute also, feiert die Christenheit, dass Jesus ihr sein wichtigstes Sakrament gestiftet hat: Das Abendmahl, die Eucharistie, also jedenfalls, dass sie sicher sein dürfen: Jesus Christus ist bei uns – in Brot und Wein; zum Essen und zum Trinken, zum Einverleiben, sozusagen. Als unser tägliches Brot…

Statt diese Geschichte aus dem Evangelium in den Mittelpunkt zu stellen, hören sie im katholischen Gottesdienst die andere große Geschichte aus dem gleichen Saal. Ich fand es immer schon ein bisschen schwierig: Erzählt wird, wie Jesus und seine Freundinnen und Freunde damals zu Tisch liegen: Da steht Jesus auf, legt sein Oberkleid ab, bindet sich eine Kordel um die Hüften und fängt an, seinen Leuten die Füße zu waschen und abzutrocknen.

Ob die Hausdiener das vergessen hatten? War doch eigentlich üblich, dass man den Gästen gleich an der Tür das Wasser reicht, damit sie den Straßendreck abspülen. Könnte ja sein – vergessen. Aber dass jetzt der Chef selbst damit anfängt – ein Sklavendienst!

Kein Wunder, dass Petrus sich querstellt. Im Leben nicht – wenn, dann wasche ich dir die Füße. Und wenn schon: dann gleich den ganzen Körper; oder wenigstens die Hände und den Kopf natürlich. Damit kennt Petrus sich schließlich aus – gelegentlich hat Jesus ihm schon den Kopf gewaschen…

Nein nein, sagt Jesus – nur die Füße, wegen Straßendreck, muss ich euch waschen. Und überhaupt: Ihr sollt vor allem etwas lernen, auch heute noch, an unserem letzten gemeinsamen Abend: Ja, ihr sollt das Brot und den Wein miteinander teilen, weil ihr euch damit mich selbst einverleibt, immer wieder. Und ja, das ist ebenso wichtig: Ihr habt füreinander da zu sein und für andere Menschen. Gern auch in der Rolle der Dienerin und des Dieners. Ganz unten.

Dass Christenmenschen Jesus essen und trinken und ihn in sich hereinlassen, wenn sie Brot und Wein segnen und teilen: das kann man ihnen glauben oder es bezweifeln; ich glaube es. Aber ob sie für andere Menschen da sind und sich für die Welt engagieren und besonders für die Ärmsten: das kann jede und jeder selbst sehen.

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13APR2022
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Freedom Day – manche wollten den ja in diesem Frühjahr feiern. Ende der Pandemie und aller Maßnahmen. Leider waren die Infektionszahlen so hoch wie selten zuvor – und trotzdem fallen fast alle Maßnahmen – dank der Ampelkoalition!

Ich finde das schräg, schon aus eigener Erfahrung. Ich hatte gerade mehr als vierzehn Tage Quarantäne hinter mir – erst war jemand in der Familie infiziert, dann war ich selbst „positiv“ getestet und tagelang völlig matt schon nach zehn Stufen treppauf. Seltsam: so krank zu sein, gefühlt ohne richtige Symptome, und trotzdem die Anderen schützen zu sollen.

„Freedom day“ abgesagt. Es wäre sowieso eine falsch verstandene Freiheit, die sie da feiern wollten: MundNaseMasken weg, keine Testpflicht, endlich wieder konsumieren oder arbeiten und das BIP steigern, Lock down nur noch in HotSpots. Aber ist das Freiheit?…

Selbst wer gegen Masken und Impfpflicht ist, spürt doch, dass Freiheit eigentlich mehr wäre: Wer frei ist, übernimmt nämlich Verantwortung für sich selbst und für die Nächsten um sich herum und ihre Gesundheit und für die Nächstennächsten –  bis zu den alten, kranken, den „vulnerablen“ Menschen eben. Und bis die und alle anderen geimpft und wirklich geschützt sind – bis dahin erst mal noch Masken und andere Maßnahmen.

FreiheitsFeiertag also abgesagt – dafür intensive oder halbherzige Einladungen zu freier bürgerlicher „SelbstVerantwortung“. Damit es möglichst wenige HotSpots geben soll. Diese Selbstverantwortung würde ich einfach NächstenLiebe nennen.

Und ich glaube, dabei kann ich mich auf Jesus von Nazaret berufen: Du sollst deine Nächsten lieben – wie dich selbst. Hat der gesagt. Achte verantwortlich auf dich selbst – schon damit du gesund bleibst und damit du gut sein kannst zu den Nächsten neben dir und zu den Nächsten in der Ferne. Und jeder und jedem mit Achtung begegnen kannst – oder sogar mit Liebe.

Politisch ist der Freedom day abgesagt. Den wirklichen Freiheits-Tag feiern Christenmenschen am Sonntag. Ostern feiern sie als Freiheits-Fest. Das Fest eines Lebens und einer Liebe, die stärker sind als der Tod und als Krankheit und Krieg und Angst. Leben wird es geben – Leben vor und nach dem Tod; das ist Gottes freedom day – für alle und für immer!…

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