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20SEP2021
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Gewalt und Krieg produzieren nur Leid und Tod. Der Afghanistan-Krieg hat seit dem Einmarsch der USA und ihrer Vasallen im Jahr 2001 über hunderttausend Menschen das Leben gekostet. Mit den Milliarden von US-Dollar, die der Krieg verschlang, hätte man nicht nur ein paar Mädchenschulen eröffnen, sondern ein neues, friedliches Afghanistan aufbauen können. Freilich nur, wenn es gelungen wäre, erst einmal die Herzen der Menschen zu erobern. Aber das funktioniert mit Gewehren und Granaten schon mal gar nicht! 

Nun verhungern Kinder in Afghanistan, Frauen werden bedroht und unterdrückt. Hektisch sucht man nach Sündenböcken, statt nach vorne zu blicken. Jetzt müsste man sich endlich eingestehen, dass mit Gewalt keine Konflikte zu lösen sind.  

Wie dann? Die Welt-Politik hat die Internationale Friedensforschung nie wirklich wahr-, geschweige denn ernstgenommen oder gar gefördert. Würde man diese nur mit einem Bruchteil an Kapital und Personal ausstatten, das man für Waffen und Militär verschleudert, könnten wir bald andere, nämlich gewaltlose Friedenstruppen an die Brandherde schicken. Geschulte Friedensarbeiterinnen und -arbeiter würden vor Ort Brücken bauen und Menschen zueinander hinführen – mit dem Ziel, Programme für ein gewaltloses Miteinander zu entwickeln. Klar – auch diese Missionen können scheitern. Zumal Taliban und Konsorten mit ihren Kalaschnikows nicht einmal über das „Kleine Einmaleins“ friedlicher Konfliktlösung verfügen. Doch Friedensmissionen würden auf jeden Fall keine solche Schleppe von Tod, Verwüstung und Unversöhnlichkeit hinter sich her ziehen.

Das Desaster am Hindukusch konfrontiert mich als Christ einmal mehr mit der Frage: Wie halten wir es mit Krieg und Gewalt? Was ist unsere Option? Der russische Diktator Stalin soll einst den Papst und seine „Schweizer Garde“ mit der Frage verhöhnt haben: „Wie viele Divisionen hat denn der Papst?“ Rechnet man weltweit alle auf Christus getauften Menschen zusammen, ergäbe sich eine stattliche Friedenstruppe von 2,3 Milliarden Menschen.[1]) Die müssten sich eigentlich dem Wort Jesu verpflichtet fühlen: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen“(Matthäus-Evangelium 26,52).

 

[1]    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Länder_nach_christlicher_Bevölkerung

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03JUL2021
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Ein leichtes Seufzen heute früh: Es ist Samstag und höchste Zeit, wieder mal ein Schürzchen umzubinden und den Staubsauger anzuwerfen. Im Flur amüsieren sich die Wollmäuse. Und nirgendwo ein Heinzelmännchen oder eine lächelnde Fee, die mir freundlich den Putzeimer abnimmt. Interessiert verfolge ich seit vielen Jahren die technische Innovation. Saug- und Wischroboter sind ja schon unterwegs, aber wer putzt das Klo und die Fenster? Was mir fehlt, sind weniger geeignete Gerätschaften. Mir fehlt nur eins: der gute Wille.

Ob mir die Bibel ein wenig Schub verleiht? Ich werde nicht recht fündig. Diese Arbeit war damals schon nicht der Rede wert, das haben doch die Frauen gemacht. Von einer ist ja mal kurz die Rede. Sie fegt bei der Suche nach einem verlorenen Geldstück die ganze Bude aus. Dann wird der Fund auch noch groß gefeiert, die Nachbarinnen kommen gern auf einen Schluck vorbei und tragen schon wieder Dreck ins Haus.    

Doktor Martin Luther hat mich mal nachdenklich gemacht. Er setzt die Arbeit der besenschwingenden Hausfrau der des Landesfürsten gleich. Echt stark! Jede, auch die geringste Tätigkeit sei Gottes- und Menschendienst. Ob er selbst den Besen führte, ist freilich nicht überliefert, da hat er sicher Käthe den Vortritt gelassen. Dennoch – das ist eine Spur, denke ich mir. Auch einfache Arbeit, das schreibt auch ein Papst, sei „Teilnahme am Wirken Gottes“ [1]). Darüber ist leicht predigen, aber nun muss ich es mir selber beweisen! 

So denke ich nun beim Staubwischen an die Putzkolonnen, die heute wieder Büros, Hallen und Heime auf Vordermann bringen. Sabrina zum Beispiel – sie wischt Flure und Krankenzimmer in der Klinik. Sie macht ihre Arbeit trotz Zeitdruck gern und gewissenhaft, denn sie weiß: Sauberkeit ist in der Pandemie noch wichtiger für alle.

So bin ich für ein paar Stunden denen nahe, die ihr Arbeitsleben lang gegen Dreck ankämpfen – eine Schlacht, die ja nicht zu gewinnen ist. Oft sind Putzleute auch noch schlecht bezahlt, scheinselbständig oder gar in Schwarzarbeit. Dagegen laufen wir in der Betriebsseelsorge schon seit langem Sturm. Auch und gerade diese Arbeit, die so verachtet und gering geschätzt wird, hat Rechte und Würde. 

 

[1]    Rundschreiben „Laborem exercens“ von Johannes Paul II. 25,4

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02JUL2021
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Wie alt bis du denn, frage ich die kleine Lea, die sich an ihrer „Rechenmaschine“ zu schaffen macht. Fünf rote Kugeln schiebt sie dann in der ersten Reihe nach links. Und wie alt bis du? Klar – diese Frage musste ja kommen. Staunend zählt sie dann die Zehnerblöcke ab und gewährt mir in der neunten Reihe grade mal noch fünf Kügelchen. „Dann bist du tot“, meint sie, „und schaust von oben, was ich mache. Und wenn ich auch tot bin, bin ich wieder ganz bei dir.“

Aha – ein Wiedersehen nach dem Tode ist bei Lea so sicher wie das Amen in der Kirche.

Etwa 60 Prozent der Deutschen folgen ihr dabei nicht [1]). „Aus die Maus“, schreibt ein Zeitgenosse über die Todesanzeige seiner Freundin.

Die roten Kugeln auf Leas „Rechenmaschine“ haben mich nachdenklich gemacht. Bin ich mir, der ich so oft Menschen zu Grabe tragen muss, so sicher wie Lea? Gibt es eine Auferstehung nach dem Tod und ein Wiedersehen in einem neuen, anderen Leben? Ich spüre bei Trauerfeiern oft, wie es in mir vibriert. Klar, ich will den Verstorbenen würdigen und die Angehörigen trösten. Aber gelingt es mir, in ihnen und in mir Hoffnung zu wecken? Hoffnung auf ein neues, ewiges Leben bei Gott?

Ich stütze mich auf die Botschaft Jesu und verlasse mich auf sein Wort: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch“, lese ich im Johannes-Evangelium (Johannes 15,4). Daraus ziehe ich den Schluss: Wenn ich mit ihm bin und er in mir, warum sollte er mich dann ausgerechnet im Tod, dem „worst case“, dem größten Ernstfall unseres Lebens, fallen lassen? Er, von dem seine Anhängerschaft staunend erzählt, dass er nach seinem Tod am Kreuz wieder ins Leben kam?

„Gott ist Liebe“ – das ist das Credo des Jesus von Nazareth. „Schwestern und Brüder, wir wissen, dass wir vom Tode hinübergehen zum Leben, weil wir einander lieben. Nur wer nicht liebt, bleibt im Tod“, heißt es im ersten Johannesbrief (3,14). Liebe ist wie ein geheimnisvoller Leitstrahl, der uns von diesem Leben hinüberführt zu Gott, der ja die Liebe ist.

Ich meine, Lea ist ihrer Auferstehung so sicher, weil sie die Kraft der Liebe spürt. Die gibt ihr die Gewissheit: Wir werden einander wiedersehen.

 

[1]    Lt. Wikipedia

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01JUL2021
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Am Hochhaus gegenüber wurde dieser Tage ein Gerüst aufgebaut. In rasantem Tempo wuchteten diese Helden des Alltags schwere Stahlrahmen in die Höhe und steckten sie ineinander. Einer hängte die Bodenplatten ein, und schon turnte der nächste eine Etage höher. Schnell wurden noch Geländer, Streben und Bordbretter montiert, um das wacklige Gebilde zu stabilisieren. Über ganze Etagen hinweg warfen sich die Männer faustgroße Verbindungsteile zu. Großes Kino, bis dann zum Schluss Leitern und Treppen die einzelnen Ebenen sicher verbanden.

Genauso stelle ich mir Kirche vor, kam mir dabei in den Sinn. Nicht als ein „Haus voll Glorie“, sondern als die Firma „Gerüstbau Gott&Sohn“ – mit eingespielten Teams, die sich die Teile zureichen, mutig, trittsicher und ohne Höhenangst. Nur eines im Sinn, lebendige Gemeinden zu errichten. Das schreibt der Apostel Paulus seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Rom dick hinter die Ohren: „Lasst uns nach dem streben, was zum Aufbau der Gemeinde beiträgt“ (Brief an die Römer 14,19).

Die Basis dieses Gerüsts ist die biblische Botschaft. Sie ist die Bodenplatte, auf der man sicher stehen und gehen kann: Gott wendet sich liebend uns Menschen zu, so glauben und bekennen wir. Er ist in seinem Sohn Jesus Christus sogar in unsere eigene Haut hineingeschlüpft. Und Gottes guter Geist hält Glaube, Hoffnung und Liebe in uns wach.

Kirchliche Dienste leisten Hilfestellung, geben wie ein Geländer Stütze und Halt. Eine Seelsorgerin etwa, die Menschen begleitet und ihnen Mut macht. Frauen und Männer, die glaubwürdig von sich Zeugnis geben, wie sie selber ringen und suchen. Eine Predigt, die mitreißt und begeistert oder nachdenklich macht und tröstet. Ein Gottesdienst, in dem man zur Ruhe kommt und miteinander betet.

Mit Hilfe eines solchen Gerüsts wächst christliche Gemeinde. Sie ist bekanntlich nicht aus Zement, sondern aus lebendigen Steinen errichtet. Das sind Menschen, die ihr Leben ausrichten an Wort und Beispiel Jesu, denn der ist der Eckstein, heißt es im Petrusbrief (1. Petrusbrief 2,4-8).

Schauen Sie doch mal bei uns rein. Es sind noch Plätze frei!

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30JUN2021
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Kaffee oder Tee? Egal, welchen Starter Sie heute früh gewählt haben – statistisch steckt in jedem dieser Muntermacher eine Portion Sklavenarbeit. Sie haben richtig gehört: Die Sklaverei ist nur auf dem Papier abgeschafft. Real arbeiten weltweit um die 40 Millionen Menschen unter sklavenartigen Bedingungen – nicht nur in den Tee-, Kakao- oder Kaffeeplantagen. Die modischen Jeans, die Sie heute tragen, haben Mädchen und Frauen in Bangladesch für grade mal 40 Cent in der Stunde zusammengenäht. Arbeitsschutz, Mitbestimmung, Tarifverträge? Die wissen nicht einmal, wie man das buchstabiert. So wenig wie die afrikanischen Flüchtlinge, die in der Hitze Süd-Italiens als Arbeits-Sklaven auf den Tomatenfeldern schuften. Abhauen geht nicht, man hat ihnen die Pässe abgenommen. Wie den 1, 8 Millionen versklavten Bauarbeitern in Katar. Sie betonieren Stadien, Straßen und Hotels für die Fußball-WM. Sechseinhalb Tausend von ihnen, so schätzt man, sind dabei bereits zu Tode gekommen. Andere Arbeitssklaven schwitzen in den Bäuchen der Kreuzfahrtschiffe oder in den Koltan-, Kupfer- und Goldminen im Kongo, darunter auch viele Frauen und Kinder. Und was hierzulande in der Fleisch-Industrie abging, war von Arbeitslagern auch kaum noch zu unterscheiden.

Wo bleibt der Aufschrei aus christlichem Mund, frage ich mich. Denn der Gott der Juden und Christen ist ein Gott, der aus Arbeitssklaverei befreit. „Ich habe das Elend meines Volkes gesehen“, spricht er in der Bibel, „ich habe das Geschrei der Menschen gehört und ihr Leid gesehen. Ich bin herniedergefahren, sie zu erretten“ (Buch Exodus 3,7-8). Von Gott beauftragt, treten Mose und Aaron todesmutig vor den Pharao und erzwingen die Freilassung des versklavten jüdischen Volkes.

Eigentlich müsste das neue Lieferkettengesetz diesem schamlosen Treiben, der Arbeitssklaverei von heute, ein Ende setzen. Es ist leider nur ein „Gesetzchen“ draus geworden, gilt nur für große Unternehmen und greift gar nicht durch bis ins letzte Glied.

Wenn ich selbst nicht zum „Sklavenhalter“ werden will, darf ich nur fair gehandelte Ware kaufen und konsumieren. Sie verspricht eine gewisse Garantie, dass Menschenrechte beachtet und Menschenwürde gewahrt bleiben.

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29JUN2021
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Es war kurz vor Damaskus, erzählt die Bibel in der Apostelgeschichte. Da warf eine rätselhafte Lichterscheinung den jüdischen Pharisäer Saulus zu Boden. Er war den Anhängern des „Neuen Weges“ auf der Spur. So nannte man damals die Christen, die er nach Jerusalem verschleppen und vor Gericht bringen wollte.

Nun hat´s den Eiferer glatt umgehauen. Damit nicht genug: Er, der Rabbi, der immer genau wusste, wo´s langging, blickt plötzlich mit Blindheit geschlagen nicht mehr durch und hört eine seltsame Stimme aus dem Off: „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“

Seine Begleiter führen ihn wie ein kleines Kind ins Haus des Christen Hananias. Der habe ihm, so erzählt die Geschichte weiter, die Hände aufgelegt und ihm versichert, in diesem Licht sei ihm Jesus selbst erschienen. Da fiel es Saulus wie Schuppen von den Augen, er konnte wieder sehen und ließ sich taufen. So wurde „Saulus zum Paulus“, sagt man. Aus dem leidenschaftlichen Christenverfolger war nun ein leidenschaftlicher Christ geworden. Die Kirche feiert heute seinen Namenstag.

Christliche Verkündigung setzt Bekehrung voraus. Wer von Christus Zeugnis geben will, muss herunter vom hohen Ross, „ins Gras beißen“ sozusagen, um sich stets seiner Sterblichkeit bewusst zu bleiben.

Mich haut der Christus-Glaube immer wieder mal um und stürzt mich in tiefe Abgründe des Zweifels, ohne den es aber gar keinen Glauben gibt. Wie tröstlich, wenn man dann an die Hand genommen wird und einen Hananias trifft, der versichert: „Du, es war Jesus, der dir erschienen ist.“

Paulus, ganz oben in unserer Kirche, lag erst mal ganz unten im Dreck. Daran möchte ich die „Oberen“ in der Kirche gerne erinnern. Kommt mir einer mal wieder autoritär und unfehlbar daher, würde ich ihn fragen: Junge erzähl mir doch, hat´s dich auch schon einmal umgehauen? Lagst du auch schon mal mit dem Gesicht auf dem Boden? Dann steh zu deiner Hinfälligkeit! Hast du schon einmal am Bett eines kranken Kindes geweint oder eine Todesnachricht überbringen müssen? Und wie ging es dir dabei? Dann lass uns reden über Auferstehung und unseren Glauben, und vor allem, wie wir beide den heute glaubhaft leben und bezeugen können.

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28JUN2021
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Seltsam – ausgerechnet im Corona-Jahr hat ein privater Klinik-Konzern den stolzen Gewinn von 600 Millionen Euro eingefahren, obwohl seine Betten schwächer ausgelastet waren.[1]) Es wurde ja weniger operiert, und viele Kranke haben von sich aus die Kliniken gemieden. Woher dann der Gewinn? Ganz einfach: Die Regierung hat, um für den Ernstfall gerüstet zu sein, für jedes leer stehende Bett mehrere hundert Euro pro Tag bezahlt. Das rechnet sich. Nun klingeln unsere Steuergroschen lustig in den privaten Schatullen von Anlegern und Aktionären.

Für mich ist diese skandalöse Bilanz ein weiteres Indiz: Unser Gesundheitssystem ist moralisch krank bis auf die Knochen! Gesundheit, dieses kostbare Gut, wird an der Börse gehandelt. Man scheut sich nicht, aus Krankheit, Not und Tod Kapital zu schlagen. Das ist die Folge jener fatalen politischen Fehlentscheidung aus den 90er Jahren, als man das Gesundheitswesen dem Markt übergab. Gesundheitsfürsorge aber ist ein Grundrecht. Es muss zurück in die Öffentliche Hand!

In der Bibel ist der Umgang mit Kranken ein „Werk der Barmherzigkeit“. Wie sich diese buchstabiert, erzählt Jesus in seiner bekannten Story von einem brutalen Überfall zwischen Jerusalem und Jericho. Vermutlich war der „barmherzige Samariter“ ein reisender Geschäftsmann (Lukas-Evangelium 10,25-37), der dem Überfallenen erste Hilfe leistet und ihn an den Tropf hängt: „Er goss Öl und Wein in seine Wunden“. Damit nicht genug. Notdürftig verpflastert lädt er den Schwerverletzten auf seinen Esel und bringt ihn ins nächste Hospiz. Dort bezahlt er die stationäre Behandlung im voraus und garantiert Kostenübernahme für die REHA. Und das alles ohne Fallpauschalen oder Ersatz für seinen eigenen Verdienstausfall.

Ich möchte heute all denen danken, die als Pflegende und als Ärztinnen und Ärzte in diesem maroden Kosten-Nutzen-System barmherzig bleiben. Sie verschanzen sich nicht einfach hinter Bildschirmen und Konsolen, Listen und Tabellen, sondern wenden sich – oft den Geschäftsführer im Genick – voll Aufmerksamkeit und Liebe kranken und leidenden Menschen zu. Vielleicht würde Jesus uns heute sie als die „barmherzigen Samariter und Samariterinnen“ vor Augen führen und uns, wie die Menschen von damals, auffordern: „Geht hin und tut desgleichen!“

 

[1]    DIE ZEIT 20/2021

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27JUN2021
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Die Taufliturgie der katholischen Kirche schließt mit einer Reihe von Symbolen. Sie verdeutlichen der Taufgemeinde, was eben geschah: Dass ein Kind – von Gott geliebt – zum Leben kommt. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich dann andeutungsweise Mund und Ohren des Täuflings berühre und ihm auf aramäisch zusage: „Effata“, das heißt „Tu dich auf“. Mit diesen Worten hat einst Jesus einem Tauben die Ohren geöffnet und ihn so zum Sprechen gebracht, erzählt das Markus-Evangelium (7,31-37).

Christinnen und Christen sind – entgegen landläufiger Meinung – Sinnesmenschen. Sie sollen hellwach, mit allen Antennen auf Empfang geschaltet, durchs Leben gehen. Hellhörig lauschen auf das, was um sie herum geschieht. Nicht, um im Leben anderer Leute herumzuschnüffeln, sondern an ihrem Leben teilzunehmen.

Aufmerksam zuhören – das ist auch in der Seelsorge schon mal die halbe Miete. Wenn sich Menschen am Ende eines Gesprächs überschwänglich bedanken, weiß ich oft gar nicht, wofür. Ich hab ja kaum was gesagt, sondern vor allem zugehört.

Dass jemand „ganz Ohr“ ist – danach sehnen sich viele. Wenn man dabei die Zwischentöne nicht überhört, wird aus Zuhören Mitfühlen, Empathie, und darauf kommt es an.

„Effata“ – das heißt für die Getauften aber auch: Tu deinen Mund auf! Halt nicht hinterm Berg!

Nun gut, aber werden wir in dieser lauten Gesellschaft nicht schon genug zugedröhnt und unter mails, apps und tweets geradezu verschüttet? Von Tausenden zugepostet, die  sich in banalen Blogs und Foren wichtig tun. Wir auch noch? Ja, sagt die Bibel, aber sie gibt die Richtung vor: „Tu deinen Mund auf für die Stummen, für die Sache aller, die verlassen sind!“ (Buch der Sprüche 31,8). Und tatsächlich: Aus der Ecke ist verdammt wenig zu hören.

Das könnte bedeuten, für eine Kollegin, die ständig gehänselt und getrietzt wird, ein gutes Wort einzulegen. In einem anderen Fall, einem Anti-Semiten übers Maul zu fahren oder offen Partei zu ergreifen für Flüchtlinge, Arbeitslose oder Strafgefangene. - Man macht sich dadurch nicht gerade beliebt. Vor allem dann nicht, wenn man gegenüber Rechtsradikalen eine kesse Lippe riskiert.

„Effata“ – tu deinen Mund auf! Leisetreterei und Duckmäusertum vertragen sich nicht mit jenem Auftrag, den wir uns in der Taufe eingehandelt haben.

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13FEB2021
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Ob der monatelange Lockdown nun gelockert wird oder auch nicht: Abstand und Maskenpflicht bleiben auf jeden Fall, denn wir sind noch lange nicht überm Berg.

Im Netz kursiert ein hübsches Trick-Filmchen. Es zeigt eine Reihe senkrecht stehender Zündhölzer. Das erste wird entflammt, und schon springt das Feuer über auf das zweite und das dritte. In letzter Sekunde tritt eines der Hölzchen ein paar Schritte zurück. Und siehe da: Das Lauffeuer kann die Lücke nicht mehr überspringen. Genau so, sagen die Virologen, verläuft eine ansteckende Epidemie. Da hilft nur eines: Raus aus der Reihe, Abstand halten, nur so ist die verhängnisvolle Kette zu unterbrechen.

Das wusste vor fünfhundert Jahren schon der Kirchenreformator Martin Luther. In Wittenberg wütete damals die Pest, viele suchten zu fliehen. Luther bleibt, hält sich aber akribisch an die AHA-Regeln von damals. In seinem Tagebuch schreibt er: „Ich will das Haus räuchern und lüften und Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich andere nicht vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde“ [1]

Jetzt noch Corona zu leugnen, ist absurd. In Portugal stauen sich vor den Kliniken die Sankas. In Meißen stapelten sich im Krematorium die Särge. Nun gilt unser Mitgefühl den Trauernden und den Todkranken, die – im künstlichen Koma und auf dem Bauch liegend – beatmet werden müssen. Alle Hochachtung denen, die sie unter Lebensgefahr betreuen und pflegen.

Der Kampf gegen die Pandemie wird zur Geduldsprobe. Unser Gott, so glaubt der Apostel Paulus, ist ein „Gott der Geduld und des Trostes. Er gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander“(Römerbrief 15,5).

Halten wir aus, halten wir durch! Und trösten wir jene, die müde geworden sind: Alte und Kranke in ihrer Einsamkeit, junge Menschen in ihrer Ungeduld. Schenken wir die gewonnene Zeit den Kindern und Enkelkindern. Bleiben wir denen nahe, die um ihren Arbeitsplatz bangen.

Wer aber seine Maske locker baumeln lässt oder gar ganz verweigert, Partygänger und Randalierer, verdient einen deutlichen Fingerzeig.

 

[1]    Luthers Werke Band 5, Seite 334f

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12FEB2021
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Der Valentinstag funktioniert in diesem Jahr nur mündlich. Maulfaul wie wir Männer oft sind, lassen wir lieber Blumen sprechen. Wenn aber die Geschäfte zu sind, muss man verbal zum Ausdruck bringen, was wir an der Auserwählten schätzen und lieben. Das wird hart!

Geht´s ums Gegenteil, tut „mann“ sich scheinbar leichter. Kaum erträglich, was Frauen heute an Männergewalt und Demütigung auszuhalten haben. Sie werden offen attackiert, beleidigt, sexuell belästigt und niedergemacht. Machos in den Parlamenten drehen sich demonstrativ um, quasseln, blödeln oder daddeln, sobald eine Frau ans Rednerpult tritt. Als Mann schäme ich mich für diese Artgenossen, die den Frauen jegliche politische Kompetenz absprechen. Erbärmlich auch, dass viele Politikerinnen immer wieder von widerlichen „Shitstorms“ überzogen werden. Die meisten dieser frauenfeindlichen Attacken, das ist inzwischen erwiesen, kommen übrigens von rechts. 1)

Auf offener Straße prangen obszöne Graffitis. Im Netz ist der Bär los. Unter dem Schutz der Anonymität plustern sich Schwächlinge auf, die mit ihrer Rolle als Mann nicht klar kommen. Sexuelle Anmache – im O-Ton gar nicht wiederzugeben – steigert sich bis zur blindwütigen Hetze, die sich in „hate-speech“, in ekelhaftem „Hass-Sprech“ Luft verschafft. Im Unterschied zu einigen anderen europäischen Staaten ist solcher Frauenhass bei uns immer noch nicht strafbar. 

Wichtiger als ein Gesetz wäre allerdings, dass wir Mannsleute nicht stumm hinnehmen, was da so mancher Geschlechtsgenosse verbal oder digital absondert. Mehr noch: Dass wir wirklich eine Kultur der Partnerschaft leben, die Frauenhasser einfach vom Platz stellt.

Sollten Ihnen, liebe Männer, übermorgen am Valentinstag nicht nur Blumen, sondern auch noch die Worte fehlen, dann greifen Sie bitte mal nach dem „Hohen Lied“ in der Bibel, einem der schönsten Liebesgedichte der Weltliteratur:

„Schön bist du, meine Freundin, ja du bist schön“, ist da zu lesen, „verzaubert hast du mich mit dem Blick deiner Augen“(Hohes Lied 4,1 und 4,9). Solche Worte hat Ihre Frau oder Ihre  Geliebte vermutlich noch nie aus Ihrem Mund gehört. Da verblassen sogar rote Rosen.

 

1    Laut Statistik des Bundeskriminalamts, zitiert in DIE ZEIT – 29. Oktober 2020, Seite 70

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32559