SWR4 Abendgedanken
„Das Leben genießen“ – wer wünscht sich das nicht? Es gibt unzählige Ratgeber, die erklären, wie leicht das gehen soll: Einfach mal nichts tun, die kleinen Momente feiern oder auf sich selbst achten. Das klingt eigentlich ganz leicht… Aber trotzdem gelingt es mir fast nie.
Im Wanderurlaub habe ich jetzt durch einen Zufall jemanden kennengelernt, der ganz genau weiß, wie man das Leben genießt: Er heißt Kurt.
Kurt ist Anfang 80 und seine Leidenschaft sind die Berge. Mindestens einmal im Jahr ist er in seiner zweiten Heimat, im Allgäu. Er erinnert sich gerne an die Tage, als er mit seinen Kindern und Enkelkindern die Gegend erkundet hat. Und heute ist er oft alleine da und unternimmt Wanderungen. Er wandert mit seinem Filzhut auf dem Kopf und den Stöcken in der Hand von Alpe zu Alpe. Dort verabredet er sich mit alten Freunden oder macht Bekanntschaft mit denen, die gerade rasten. Er kennt die Wirtinnen und Wirte, die kulinarischen Geheimtipps und auch tolle Wanderrouten. Und fast alle kennen Kurt. Er hat nämlich ein besonderes Talent: Menschen kennenlernen. Eine Hüttenwirtin sagt über ihn: „Der Kurt kennt alle, weil er so viele Fragen stellt, weil er sich für die Menschen interessiert.“
Ich bin beeindruckt von diesem Mann. Weil er weiß, wie man das Leben genießt. Auch wenn seine Frau schon lange gestorben ist. Auch wenn viele seiner alten Freunde, mit denen er sich früher getroffen hat, nicht mehr da sind. Trotzdem ist Kurt ganz erfüllt. Er erzählt von seinen Wanderungen, von seinem selbstgemachten köstlichen Omlettfrühstück und von seinem Lieblingsgasthof. Und er gibt mir einen Tipp, wo ich neue Wanderschuhe kaufen kann. Da hat er selbst erst neue gekauft, weil seine alten auseinandergefallen sind. Er sagt: „So alt bin ich jetzt auch noch nicht, dass ich keine neuen Wanderschuhe mehr brauche.“ Sein Ziel ist es, diese neuen Wanderschuhe auch noch richtig durchzulaufen.
Vielleicht brauche ich auch so ein Ziel. Das könnte der Schlüssel dafür sein, dass ich mein Leben genießen kann. Die neuen Wanderschuhe durchlaufen, jeden Tag eine Tasse Tee trinken – ohne Handy in der Hand, eine Bücherreihe zu Ende lesen, Gebärdensprache lernen.
Und was sicher auch hilft, ist ein echtes Vorbild. Jemand wie Kurt, der schon weiß, wie man sein Leben nicht nur lebt, sondern wie man es gestaltet und genießt.
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Herbstfeste sind doch wie der Himmel auf Erden. Zumindest auf der „Königshöfer Messe“, die in meiner Heimat im Taubertal jedes Jahr stattfindet, habe ich mich als Kind immer wie im Himmel gefühlt. Weil mir meine Großeltern Spielzeug gekauft haben, weil ich mit meinem Onkel Wilde Maus gefahren bin, und weil der Duft nach Zuckerwatte und gebrannten Mandeln doch einfach himmlisch ist.
Beim größten deutschen Herbstfest, dem Oktoberfest, fühlen sich auch manche wie im Himmel. Interessant finde ich, dass es auf die Hochzeitsfeierlichkeiten von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese zurückgeht. Und genau mit einer Königshochzeit vergleicht Jesus im Matthäusevangelium den Himmel.
Jesus erzählt ein Gleichnis: Ein König lädt zur Hochzeit seines Sohnes ein. Alles ist bereit, das Fest könnte beginnen. Nur die Gäste fehlen. Die haben scheinbar besseres zu tun. Aber der König gibt nicht auf und lässt einfach alle einladen, die seinen Dienern über den Weg laufen. Und deshalb kommen zu diesem Fest nicht nur hohe Persönlichkeiten von Rang und Namen, sondern Leute wie Du und ich, ganz gewöhnliche Menschen – genau wie bei der Königshöfer Messe oder dem Oktoberfest in München.
Manchmal stelle ich mir den Himmel tatsächlich wie ein großes Herbstfest vor. Natürlich ohne die unschönen Seiten, die so ein Fest oft mit sich bringt. Aber ein Himmel, in dem es Schokofrüchte und Magenbrot gibt, in dem man Wilde Maus und Riesenrad fahren kann! In dem einem im Kettenkarussell auch bei der zehnten Fahrt nicht übel wird. Wäre das nicht wunderbar? Ein Himmel, in dem ich Freunde und alte Bekannte treffe. Es gibt leckeres Essen und alle feiern und schunkeln miteinander.
Zugegeben, der Vergleich hinkt ein bisschen. Aber ich stelle mir den Himmel schon gerne als fröhliches Treiben vor, bei dem für alle etwas dabei ist. Und Jesus sagt ja mit seinem Gleichnis: „Du bist willkommen! Komm dazu, feier mit, sei Teil der Gemeinschaft!“
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„Ich mach das! Ich schaff das! Ich will das!“ – Diesen Mut-Spruch habe ich von meinem 9-jährigen Patenkind Lina gelernt. Ich war zusammen mit ihr und ihrem Bruder Ben in der Trampolinhalle. Ben hat verschiedene Sprünge und Saltos geübt. Und ich habe mir gedacht: „Einen Rückwärtssalto vom Trampolin in den weichen Schaumstoff, das müsste doch zu schaffen sein.“ Und es hat geklappt. Ben meint: „Ein bisschen eleganter hätte es schon aussehen können“. Deshalb übe ich weiter. Ungefähr bei meinem fünften Versuch rutsche ich auf dem Trampolin aus und dann ist es vorbei mit meinem Mut. Lina merkt das und sagt zu mir: „Wenn ich mich etwas nicht traue, dann sag ich mir einfach ‚Ich mach das! Ich schaff das! Ich will das!´“ Dabei schaut sie mich mit großen Augen an und legt eine Hand auf ihre Brust. Jetzt bin ich dran. Ich stehe auf dem Trampolin und sage mir ihren Mutmachspruch zu. Und zack – der Salto klappt wieder!
Petrus geht es in der Bibel ganz ähnlich. Einmal hat Jesus seine Jüngerinnen und Jünger mit dem Boot vorausgeschickt. Nach einer Weile kommt er zu ihnen übers Wasser gelaufen. Als sie das sehen, erschrecken sie total. Aber als sie merken, dass es Jesus ist, möchte Petrus auch einmal ausprobieren, wie es ist übers Wasser zu laufen. Jesus sagt nur „Komm!“ Und Petrus steigt über Bord, scheinbar ohne Angst, und geht die ersten Schritte. Dann bemerkt er aber den starken Wind und sein Selbstvertrauen schwindet – genau wie bei mir in der Trampolinhalle. Er wird ängstlich und fängt an unterzugehen. Verzweifelt ruft er nach Hilfe! Und schnell wird er von Jesus aus dem Wasser gezogen.
So wie ich mich auf Anhieb getraut habe einen Rückwärtssalto zu machen, ist Petrus ohne zu zögern aufs Wasser gelaufen. Wir hatten beide keine Angst. Was wir vorhatten hat geklappt. Dann rutsche ich aus – und Petrus bemerkt den starken Wind. Unser Vertrauen sinkt und unser Vorhaben scheitert.
Jesus streckt sofort seine Hand aus und rettet Petrus. Und ich nehme mir den Mutmachspruch von Lina zu Herzen.
Ich lerne daraus nicht: „Du darfst keine Angst haben.“ Sondern, dass ich meine Angst manchmal überwinden muss, um etwas hinzukriegen. Weil es Menschen gibt, die mir wie Jesus ihre Hand hinhalten, wenn ich alleine wirklich nicht weiterkomme. Und manchmal bräuchte ich eigentlich gar keine Hilfe. Manchmal muss ich einfach üben, mir selbst zu vertrauen, wenn ich Angst habe zu versagen. Ab jetzt kann ich an meinen Rückwärtssalto denken und mir selbst zusagen: „Ich mach das! Ich schaff das! Ich will das!“
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Für meinen Körper ist Kaffee und Kuchen vielleicht nicht die wichtigste Mahlzeit, für meine Seele aber ganz bestimmt.
Zur Kaffeezeit hat sich meine Familie schon immer getroffen. Als ich ausgezogen bin zum Studieren habe ich diese Zeit so vermisst. Vor allem am Wochenende habe ich mich nachmittags oft allein gefühlt. Deshalb habe ich angefangen, an den Zimmertüren in meiner WG zu klopfen, um ein paar Mitbewohnerinnen für meine Lieblingsmahlzeit zu gewinnen.
Bestimmt gab es noch viele andere Gründe, aber nach und nach sind wir zu einer richtigen Gemeinschaft, einer Art Familie geworden. Wir haben zwar auch viel miteinander unternommen, aber am liebsten sind wir in der Küche gesessen, haben Kaffee getrunken, und uns stundenlang unterhalten.
Es tut einfach gut, wenn jemand da ist und mir ohne Worte sagt: „Ich habe Zeit für dich. Du bist mir wichtig. Erzähl bitte weiter.“
Mittlerweile verbringe ich die Kaffeezeit meistens mit Arbeiten - zwischen Terminen und To-Do-Listen. Trotzdem merke ich, wie wichtig es ist, wenn meine Familie und ich ab und zu zusammensitzen und uns bewusst Zeit füreinander nehmen. Alle sitzen um den Tisch, und wir haben mehr Gemeinschafts-Zeit als Mahl-Zeit. Ich höre zu, erzähle von mir und spüre, wie wichtig es ist, nicht allein bleiben zu müssen mit dem, was mich beschäftigt. Manchmal verfliegt mein Frust. Manchmal werde ich getröstet, und ganz oft habe ich einfach mal wieder laut über die Geschichten von Papas Arbeitskollegen gelacht.
Genau deshalb ist die Kaffeezeit die wichtigste Mahlzeit für meine Seele. Denn in diesem einfachen Miteinander sind wir füreinander da. Ich kann dabei neue Kraft schöpfen. Und manchmal reicht genau das, um zu spüren, was mich im Leben trägt und mir Halt gibt.
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Seit Januar verkauft Ordensschwester Birgit Zigaretten und Coffee To Go in einem Kiosk in Gelsenkirchen. Wer hier das erste Mal vorbei kommt, ist vielleicht erstaunt, auf eine Nonne zu treffen. Viele haben nichts mit Kirche am Hut. Sie freuen sich aber trotzdem, weil Schwester Birgit sich gerne Zeit nimmt und sich mit ihrer Kundschaft unterhält. Manche erzählen von ihren Schwierigkeiten und Sorgen, andere berichten von schönen Erlebnissen. Und manchmal geht es einfach um das Wetter oder die Benzinpreise. So bekommt die Seelsorgerin mit, was die Menschen in ihrem Quartier bewegt. Auch die, die nicht in die Kirche zum Gottesdienst kommen.
Schwester Birgit sagt: „Für mich ist der Dienst im Kiosk Gottesdienst. Denn Gottesdienst heißt für mich „Dienst am Menschen“. Dienst heißt auch Service. Und mein Service besteht darin, hinter dem Verkaufstresen zu stehen als Servicekraft.“
Sie ist also eine echte Servicekraft Gottes. Sie kann die Menschen fragen: „Was brauchst du?“. Und damit kann sie zwei ganz verschiedene Dinge meinen. Bist du hungrig und brauchst ein belegtes Brötchen? Oder: Sehnst du dich danach, einfach mal Frust abzulassen oder mal anders auf dein Leben zu schauen?
Schwester Birgit nutzt den Kiosk, um Menschen zu begegnen. Und sie begegnet vielen Menschen, weil der Kiosk so beliebt ist. Und das wiederum ist er vielleicht deshalb, weil Schwester Birgit so offen auf die Leute zugeht.
Wenn ich eine Servicekraft Gottes sein möchte, muss ich nicht unbedingt hinter einem Verkaufstresen stehen. Ich muss nur wissen, was ich gut kann und wie ich meine Fähigkeiten und Ideen auch für andere einsetzen kann.
Ich zum Beispiel kann ganz gut zuhören und Menschen ermutigen. Andere können gut organisieren, sind kreativ oder handwerklich begabt, sind musikalisch oder können wunderbar mit Kindern umgehen.
Mir fällt da Rosi ein, die an andere denkt und für sie Geburtstagskarten bastelt. Oder Anika, die sich als Tischtennis-Trainerin engagiert. Oder Herbert, der die fußkranke Frau mit den vielen Einkäufen spontan nach Hause fährt.
Servicekraft Gottes sein - eine ehrenvolle Aufgabe, und eigentlich gar nicht mal so schwer.
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