SWR4 Abendgedanken
Je näher das Neue Jahr 2026 rückt, desto mehr kreisen meine Gedanken auch bei meinen Wanderungen darum. So stapfe ich durch den dichten Wald in den Bergen, kämpfe mich durch den Schnee und spüre die Kälte im Gesicht.
Plötzlich entdecke ich Spuren im Schnee vor mir. Ich halte inne: Dieser frische Schnee eignet sich perfekt zum Spurenlesen! Die Tiere des Waldes schreiben ihre Geschichten direkt vor meine Füße in den Schnee. Dort sehe ich die weiten Sprünge der Rehe. Hier das feine Trippeln der Mäuse. Da die neugierigen Bögen eines Hundes – oder war es ein Fuchs? Und hier drüben vielleicht die tiefen Tatzenabdrücke eines heranschleichenden Wolfes. Es soll hier in den Alpen ja wieder welche geben. Die Spuren verraten nicht nur, welchen Weg die Tiere genommen haben, sondern auch wie sie ihn gelaufen sind.
Während ich mich über diese Fährten beuge, kommt ganz still eine andere Frage in mir hoch. Welche Spuren hinterlasse ich eigentlich in meinem Leben - und in den Herzen der Menschen? Sind es manchmal schwere, leise Tatzenabdrücke – wie die von einem Wolf, der sich anschleicht? Oder sind es eher die schnellen Fluchtlinien einer Maus, wenn mich etwas erschreckt? Hinterlasse ich fröhliche Tanzspuren – wie die kleinen Wirbel der Wintervögel? Oder manchmal eben doch nur – Kriechspuren?
Ich weiß: Von allem ist etwas dabei. Denn jeder Mensch hinterlässt Spuren, Tag für Tag. Auch ich. Dabei merke ich, dass mir auch die Spuren sehr wichtig sind, die andere in mir hinterlassen. Spuren, denen ich folgen kann, wenn es mir selbst nicht gut geht. Und manchmal entdecke ich dabei auch die Leuchtspur Gottes, die er in meinem Leben hinterlässt - Tag für Tag. Das gibt mir Hoffnung und Halt.
Ich mache mich nachdenklich auf den Heimweg und nehme mir für das kommende Jahr fest vor, mehr Tanz- als Tatzenspuren in den Herzen meiner Mitmenschen zu hinterlassen. Ein freundliches Wort am Morgen zu meinen Kolleginnen und Kollegen kann das schon bewirken. Eine nette Geste oder ein Lächeln kann für viele schon ein Lichtblick sein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43486SWR4 Abendgedanken
Oft bin ich auf dem Friedhof am Waldrand, da wo ich wohne. Ich gehe dort gerne spazieren, ich liebe die Bäume, mächtige, urwüchsige Gestalten, tief in der Erde verwurzelt. Hier fühle ich mich geborgen und behütet. Doch dann stehe ich plötzlich vor einem neuen Grab. Es ist das Grab eines Kindes, das nur zwei Jahre alt geworden ist. Was für eine Tragödie, denke ich. Es ist einfach furchtbar, wenn Kinder sterben. An den Schmerz der Eltern will ich gar nicht denken. Das Grab ist geschmückt mit bunten Luftballons und lachenden Stoffteddys und plötzlich habe ich einen Kloß im Hals: Auf dem Grabstein stehen in geschwungenen Buchstaben die italienischen Worte: „Abbi cura di splendere“. Zu Deutsch: „Vergiss nicht zu leuchten“.
Was für eine Botschaft auf dem Grab eines Kindes! Da steht eben nicht: „Wir trauern um dich“ oder „Wir vermissen Dich“, sondern: „Vergiss nicht zu leuchten.“ Für mich ist es, als ob dieser kleine Junge eine Botschaft hinterlassen hat. Eine Einladung, eine Aufforderung an alle, die an seinem Grab vorübergehen.
Ich habe mich gefragt: Leuchte ich eigentlich? So, dass es einen Unterschied macht? Mache ich die Welt ein bisschen heller? Oder laufe ich einfach nur durch den Tag, voller Termine, voller Gedanken, und vergesse, dass ich selbst ein Licht für andere sein kann? Ich denke, dabei geht es nicht immer gleich um ein großes Leuchtfeuer. Zu leuchten kann einfach bedeuten: ein freundliches Wort für jemanden zu haben, eine Hand zur Hilfe anbieten, jemandem Mut zusprechen. Nicht aus Pflicht, sondern aus Liebe – weil diese Liebe das eigentliche Licht ist, das wir weitergeben können. Jesus sagt: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Manchmal denke ich dann zwar: „Naja, ich bin höchstens ein kleines Teelicht, das flackert.“
Aber trotzdem: Egal, wie klein es ist. Ich sollte mein Licht mutig in den Alltag tragen. Für mich heißt das: Ich bleibe nicht in meiner Komfortzone, sondern gehe auch mal dahin, wo ich vielleicht andere zum Leuchten bringen kann. Auch ein Teelicht macht einen Raum hell, wenn es dunkel ist.
„Abbi cura di splendere“ – „Vergiss nicht zu leuchten“. Dieses Leuchten, wenn es von Liebe getragen ist, es bleibt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43485SWR4 Abendgedanken
Bei meinen Wanderungen durch den Wald komme ich oft an einem stillen Weiher vorbei. Dieses Mal bleibe ich stehen und blicke mich um, denn etwas hat sich verändert – ich entdecke am Ufer einen halb entwurzelten Baum, der im Wasser liegt. Vielleicht hat er den letzten Sturm nicht überstanden. Seine Wurzeln ragen wie offene Hände in den Himmel und seine Äste greifen tief in das Wasser, fast so, als würden sie dort Halt suchen.
Der Anblick berührt mich. Er erinnert mich an Momente in meinem Leben, in denen auch ich mir wie entwurzelt vorkam – weil sich plötzlich das Leben verändert hat, weil ich einen lieben Menschen verloren habe oder plötzlich vor einer neuen Herausforderung gestanden bin. Das Alte lag hinter mir, das Neue vor mir und ich stand irgendwie dazwischen. Da habe ich mich so ähnlich gefühlt wie dieser Baum, der „keinen Boden mehr unter den Füßen“ hat. Auf der Suche nach Halt.
In dieser Situation am Weiher treffen zwei Ökosysteme, also zwei Lebensräume, aufeinander: der Wald und das Wasser. In solchen Übergangszonen wuselt oft eine ganz besonders große Artenvielfalt, da sich Pflanzen und Tiere aus beiden Welten begegnen und sich aufeinander einlassen müssen. Es entsteht oft etwas ganz Neues. Total überraschend.
Auch in unserem Leben gibt es so etwas wie Übergangszonen, es sind Übergänge von einer Lebensphase in die nächste: Einer geht zum Beispiel in den Ruhestand, wir trennen uns – vielleicht für immer. Kinder werden erwachsen, ziehen aus, gehen eigene Wege und plötzlich wird’s ganz still im Haus. Solche Wendepunkte sind herausfordernd, Gefühle und Gedanken überschlagen sich, doch zugleich – oder vielleicht eben drum! - bieten sie Chancen, dass sich etwas ganz neu entwickeln kann. Ja, auch, dass vielleicht neue Zuversicht wächst.
Je länger ich diesen entwurzelten Baum im Wasser betrachte, desto klarer wird mir: Er lebt weiter. Ich erkenne das an den neuen Ästen und an den frischen, jungen Blättern: Es sieht so aus, als ob der Weiher den Baum aufgenommen hat, das Wasser ist jetzt seine neue Heimat. Für mich ist der Baum ein Hoffnungsbild: Aus einem vermeintlichen Ende wird ein neuer Anfang. Und der kann manchmal ganz anders aussehen, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43484SWR4 Abendgedanken
Beruflich habe ich viel mit Familien zu tun. Familien, die mitten im Leben stehen und dabei spüren, wie sich die Stimmung in unserer Gesellschaft verändert. Oft fehlt das Geld an allen Ecken und Enden, manchmal fehlt aber einfach nur die Kraft weiterzumachen. Alle sind irgendwie erschöpft.
Wir sitzen im Familienferiendorf manchmal mit den Kindern um ein Lagerfeuer herum, auch jetzt im Winter. Das ist immer eine nette Stimmung, in der es leichter fällt zu erzählen. Wir trinken heißen Apfelsaft und ich höre zufällig ein Gespräch zwischen zwei Jungen, die sich gerade erst am Lagerfeuer kennen gelernt haben. Der eine erzählt von seiner Schule, wie ihn seine Lehrer nerven und wie er von seinen Mitschülern nur geärgert und gehänselt wird. Zuhause hört ihm keiner zu, da hat sowieso nie einer Zeit, sagt er. Der andere Junge erzählt von seiner Familie - mit seinen vier Geschwistern. Sie sitzen jeden Abend zusammen, sie essen gemeinsam und jeder erzählt von seinem Tag. Einfach nur so. Und dann hatten sie sich irgendwann gemeinsam vorgenommen, endlich Urlaub zu machen. Deswegen sind sie jetzt hier.
Nach einer Weile stehen die beiden Jungs auf und gehen. Ich bleibe mit meinen Gedanken zurück: Jeder von uns wird in eine Familie hinein geboren. Bestenfalls in eine, in der wir liebevoll und behütet aufwachsen - manchmal aber eben nicht. Wir können uns das nicht aussuchen.
Ich sitze noch eine Weile am Feuer und denke über das Gespräch nach. Der eine sehnt sich nach Zugehörigkeit, der andere hat genau das in seiner Familie. Und dann denke ich: Vielleicht beginnt Demokratie genau hier: In der Familie, am Küchentisch. Wo Menschen einander zuhören und auch mal eine andere Meinung stehen lassen können. Wo niemand erst laut schreien muss, um gehört zu werden. So eine Demokratie ohne Schreihälse gehört zur Familie genauso, wie zu einer gesunden Gesellschaft. Damit wir gut miteinander umgehen und füreinander da sein können. Ja, so wie die beiden Jungen am Lagerfeuer.
Vielleicht ist das die große Herausforderung unserer Zeit: dass wir Demokratie nicht nur als politisches System verstehen, sondern vor allem als Haltung.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43483SWR4 Abendgedanken
Ich möchte von einem Ort erzählen, der mir seit Jahren ans Herz gewachsen ist. Es ist ein kleiner, stiller Weiher im Allgäu. Besonders gerne wandere ich im Winter dort hin, vor allem in der Adventszeit.
Und jedes Mal, wenn ich dort ankomme, spüre ich tiefen Frieden in mir. Der kleine Weiher liegt zwischen Wiesen und Hügeln, man kann ihn leicht übersehen.
Wenn ich am Ufer stehe merke ich, wie schnell ich hier den Alltag vergessen kann - und wie gut mir diese stillen Momente tun. Und dann ordnen sich manche Fragen, Sorgen und Hoffnungen neu.
Manchmal begegne ich dort einer alten Ente. Sie lebt allein am Weiher, zieht langsam und gelassen ihre Kreise und es wirkt, als wäre dieser kleine See ihre ganze große Welt. Ich sehe ihr zu, wie sie über das Wasser gleitet, ruhig und unaufgeregt. Sie weiß nicht, was der nächste Tag bringen wird. Doch mir scheint, sie hat eine Art Urvertrauen, das nichts von der Unruhe kennt, die uns Menschen manchmal den Atem nimmt. Selbst jetzt im Winter, wenn das Eis sich über den Weiher legt, bleibt sie da – als wüsste sie: Auch das geht vorbei.
Diese Ente ist zu einer kleinen Freundin geworden. Sie erinnert mich daran, dass Frieden nicht zuerst mit äußeren Umständen zu tun hat, sondern Frieden entsteht und wächst in mir selbst, in meinem Inneren. Und dass Gelassenheit nichts mit Gleichgültigkeit zu tun hat, sondern mit Vertrauen. Mit der Zuversicht, dass uns das Leben trägt – auch dann, wenn wir nicht wissen, wie.
In dieser Adventszeit, in der so vieles auf mich einströmt, denke ich an die friedvolle Stimmung am Weiher und wie die Ente still übers Wasser gleitet: gegenwärtig und ohne Hast. Ich freue mich in diesen vorweihnachtlichen Tagen zwischen Glühwein-Gedrängel und Weihnachtsfeier über Augenblicke, in denen es auch in mir still werden kann. In denen ich spüre, dass die Welt größer ist als das, was mich sorgt.
Und ich bin mir sicher: in jedem von uns liegt so ein kleiner Weiher; ein Ort, an dem der innere Frieden möglich wird. So jedenfalls würde ich die Seele beschreiben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43482