SWR Kultur Lied zum Sonntag
Es gibt Tage, da fühle ich mich überfordert mit dem, was auf dieser Welt so los ist.
Gefühlt brennt es an allen Ecken gleichzeitig: Trockenheit, Kriege, politische Grabenkämpfe. Ich merke oft, wie mich das innerlich lähmt. Es macht mich hilflos. Und wütend. Manchmal möchte ich mich einfach nur unter der Bettdecke verkriechen und die Welt da draußen ausschalten.
In dieses Gefühl der Erschöpfung hinein klingt heute ein Lied.
Es ist ein Chorsatz aus dem Oratorium Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy.
„Wohl dem, der den Herren fürchtet und auf seinen Wegen geht“, singen die Stimmen da. Ganz sanft streicheln sie meine Seele. Und trösten mich.
Wohl dem der den Herren fürchtet und auf seinen Wegen geht.
Wenn ich aber auf die Worte und nicht nur auf die Musik höre, dann zucke ich innerlich zusammen: „Wohl dem, der den Herrn fürchtet?“ In einer Welt voller Bedrohungen brauche ich nicht auch noch einen Gott, vor dem ich zittern soll. Ich will mich nicht fürchten müssen. Schon gar nicht vor Gott. Bei ihm will ich halt finden; Trost und Zuversicht.
Mendelssohn hat für seine Vertonung Worte aus dem 112. Psalm genutzt. Das ist der Wochenpsalm, der heute in vielen Gottesdiensten gebetet wird. Und wenn man den ganzen Psalm liest, entdeckt man, dass diese biblische Furcht das genaue Gegenteil von Angst bedeutet. Es ist vielmehr eine tiefe Ehrfurcht vor dem Leben. Ein Gespür dafür: Die Krisen dieser Welt haben nicht das letzte Wort. Da ist eine Kraft, die größer ist als alle Despoten, alle Katastrophen und alle unsere Ängste zusammen. Und wie zur Bestätigung brechen die Töne plötzlich auf. Die Stimmen fliegen nach oben, machen mir den Himmel weit.
Der Chor singt:
„Den Frommen geht das Licht auf in der Finsternis.“
Den Frommen geht das Licht auf in der Finsternis.
Den Frommen geht das Licht auf von dem Gnädigen, Barmherzigen und Gerechten.
Für mich ist das eine wunderschöne, radikale Liebeserklärung an das Leben. Ein Dagegenhalten gegen die Ohnmacht. Ein heiliger Trotz. Die Finsternis um mich herum ist zwar weiterhin real. Die Angst auch. Aber Gott schickt mir in Tönen ein Licht mitten hinein in diese Dunkelheit.
Dieses Licht gibt mir den Boden unter den Füßen zurück. Es weitet den Blick: Du bist nicht allein im Chaos. Es löst mich aus der Starre. Mein Herz geht auf. Und aus der Lähmung wird wieder Mitgefühl.
Mein Vertrauen auf Gott macht mich nicht blind für die Welt.
Es gibt mir stattdessen die Kraft, der Dunkelheit zu widerstehen.
Und heute vielleicht selbst für jemanden ein kleines Licht zu sein.
Einen gesegneten, lichten Sonntag wünscht Ihnen Ihr Martin Groß aus Kandel in der Südpfalz von der evangelischen Kirche.
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Angaben zur Musik:
Text: Julius Schubring nach Psalm 112
Musik: Felix Mendelssohn Bartholdy (aus dem Oratorium „Elias“ von 1846)
Aufnahme: Frieder Bernius 2007
SWR Kultur Lied zum Sonntag
Wenn mein vierjähriger Sohn „Komm, Papa!“ sagt, dann ist das unmissverständlich. Dann will er, dass ich JETZT komme, um mit ihm ein neues Lego-Haus zu bauen, um eine Rakete zu basteln oder um Fußball zu spielen. Jetzt. Nicht erst in einer halben Stunde. Später ist für ihn keine Option. Dieses „Komm“ ist kein Vorschlag, es ist eine dringende Einladung, den gegenwärtigen Moment auszukosten. Es duldet keinen Aufschub, weil jetzt gerade die Energie da ist, etwas Neues zu erschaffen.
Komm, Heiliger Geist, Herre Gott,
erfüll mit deiner Gnaden Gut
deiner Gläubigen Herz, Mut und Sinn.
Dieser Pfingst-Choral fängt mit derselben Dringlichkeit an: „Komm!“ Komm jetzt! Auch die lateinische Vorlage beginnt mit der Aufforderung „Veni, Sancte Spiritus! Komm, Heiliger Geist!“ Martin Luther übernimmt diese dringliche Aufforderung für seine Liedfassung. Gott möge kommen, JETZT, auf der Stelle, und uns ganz ausfüllen: Herz, Mut und Sinn. Wie mein Sohn, der mich auch mit allen Sinnen für sein Spiel beansprucht, so bittet dieses Lied: Besetze unsere Gedanken, unsere Gefühle und unsere Tatkraft, JETZT, in diesem Augenblick. Wir brauchen diesen Geist nicht als gedankliche Theorie, sondern als Motor für das, was wir heute tun.
Dein brünstig Lieb entzünd in ihn´.
„Dein brünstig Lieb entzünd in ihnen.“ Ein starkes Bild; so stark, vielleicht auch so anstößig, dass im Evangelischen Gesangbuch nur von der „brennend Lieb“ die Rede ist. Die „brünstig Lieb“, hier lodert die Leidenschaft! Oft fühlt sich unser Alltag ja eher wie kalte Asche an: Routine, Pflichten, das Funktionieren-Müssen. Da ist keine Glut mehr. Das Lied bittet um den göttlichen Funken, der uns wieder für das Leben begeistert. Um eine Liebe, die nicht nur vor sich hinplätschert, sondern die brennt, die uns antreibt, uns einzumischen, zu helfen und die Welt ein Stück heller zu machen.
O Herr, durch deines Lichtes Glanz
zum Glauben du versammelt hast
das Volk aus aller Welt Zungen.
An Pfingsten feiern wir, dass dieser Heilige Geist Menschen verbindet – über alle Grenzen und Sprachen hinweg. „Aus aller Welt Zungen“ – das ist heute so aktuell wie nie. In einer Zeit, in der Worte oft als Waffen benutzt werden, bittet das Lied um einen Geist, der uns zusammenführt. Einen Geist, der uns hilft, einander zuzuhören, auch wenn wir verschiedene Sprachen sprechen oder verschiedene Meinungen haben. Es ist die Hoffnung, dass aus vielen Einzelteilen – genauso wie bei den Lego-Steinen meines Sohnes – am Ende ein großes, gemeinsames Zuhause entsteht, in dem alle ihren Platz haben können.
Das sei dir, Herr, zu Lob gesungen.
Halleluja, Halleluja.
Ich wünsche Ihnen ein geistreiches und spielfreudiges Pfingstfest!
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Angaben zur Musik:
Text: Ebersberg um 1480 (nach der Antiphon „Veni, Sancte Spiritus „aus dem 11. Jahrhundert
Melodie: Ebersberg 1480
Aufnahme: Komm, Heiliger Geist, Herre Gott (Singer Pur)
Archivnummer: M0598737(AMS)
SWR Kultur Lied zum Sonntag
Einfach mal alles ablegen können. Meine ganzen Sorgen loswerden. Das Gedankenkarussell im Kopf abstellen. Nichts Schweres mehr auf meinen Schultern und auf meiner Seele spüren - das wünsche ich mir. „Wirf alle deine Sorgen auf Gott“ schlägt mir der Verfasser des ersten Petrusbriefes vor. Aber wie geht das?
Sefora Nelson, eine 1979 in Freudenstadt geborene Sängerin und Songschreiberin, singt davon. In ihrem Lied spricht Gott selbst mich an: „Lege deine Sorgen nieder, komm, leg sie nieder in meine Hand …“
Lege deine Sorgen nieder, leg sie ab in meine Hand.
Du brauchst nichts zu erklären, denn ich hab dich längst erkannt.
Lege sie nieder, in meine Hand.
Komm, leg sie nieder, lass sie los in meiner Hand.
Lege sie nieder, lass einfach los.
Lass alles falln, nichts ist für deinen Gott zu groß.
Wenn ich das höre, kann ich es glauben. Ich muss nichts erklären. Ich kann einfach ablegen. Denn Gott hat mich erkannt. Und mit dem Lied wächst die Gewissheit, dass das wirklich funktioniert. Der fröhliche Wechsel, von dem Martin Luther so gerne gesprochen hat, ist erfahrbar: Ich gebe das Schwere meinem Gott, und er schenkt mir Leichtigkeit.
Ich denke dann immer an eine Jugendfreizeit auf Norderney im Sommer 2022. An diesen Abend am Strand, als die Sonne langsam unterging. Wir haben eine Andacht gefeiert, und die Jugendlichen konnten sich einzeln segnen lassen. Davon erzählen, wofür sie genau jetzt einen Segen bräuchten. Viele Tränen sind geflossen. Das ging unter die Haut. Und dann hat sich eine Teamerin ihre Gitarre genommen und dieses Lied angestimmt:
Lege deine Zweifel nieder, dafür bin ich viel zu groß.
Hoffnung gebe ich dir wieder, lass die Zweifel einfach los.
Lege sie nieder, in meine Hand.
Komm, leg sie nieder, lass sie los in meiner Hand.
Lege sie nieder, lass einfach los.
Lass alles falln, nichts ist für deinen Gott zu groß.
Bei mir wurde das Loslassen, das Niederlegen zu meinem Nordsee-Moment. Bis heute beschert er mir Gänsehaut. Das Loslassen war so spürbar wie das Nordseesalz auf der Haut. Meine Seele wurde leicht. Und ein bisschen hält diese Leichtigkeit bis heute an. Zumindest, wenn ich das Lied höre oder singe.
Glaube wird durch Erfahrung lebendig. Das habe ich in diesem Nordsee-Moment begriffen. Was einmal unter die Haut ging, das bleibt. Und wer weiß, vielleicht macht Ihnen die nächste Strophe heute auch den Horizont weit und lässt die Last leichter werden.
Komm lege sie nieder, in meine Hand,
all deine Sorgen, all deine Ängste,
komm lege sie ab.
Lege sie nieder, in meine Hand.
Lass alles falln, nichts ist für deinen Gott zu groß.
Einen federleichten Sonntag wünscht Ihnen Ihr Martin Groß aus Kandel in der Südpfalz von der evangelischen Kirche.
Musikangaben:
Text und Musik: Sefora Nelson (2009)
