SWR4 Abendgedanken
„Früher war alles besser.“ Das höre ich oft. Der Sommer war schöner und sonniger, der Winter war weißer und viel weniger grau, die Kinder waren unbeschwerter und höflicher, die Menschen waren freier und weniger belastet und das Geld war sowieso viel mehr wert.
Auch ich ertappe mich dabei, dass ich solche Vergleiche anstelle.Dass ich in die Vergangenheit zurückschaue und meine, dass damals vieles anders, wenn nicht sogar besser war.
Zum Beispiel das Brot. Wie sehne ich mich nach dem Duft des frisch gebackenen Brotes zurück, das ich als Kind bei dem alten Bäcker für die Familie geholt habe. Auf dem Heimweg habe ich mir immer schon ein Stück abgebrochen, so lecker war das. Ich konnte einfach nicht widerstehen.
Das Erlebnis von damals fehlt mir heute. Ja, früher… Für einen solchen Blick zurück gibt es viele Gründe. Manches war ja auch früher besser und es tut gut, sich daran zu erinnern. Aber es kann auch etwas ganz anderes dahinter stecken. Eine Flucht vor der Gegenwart zum Beispiel.
Dafür gibt es sogar einen Ausdruck: Man nennt es Retromantie. Retromantie, das heißt Rückwärtsgewandtheit. So wird diese Flucht in die Vergangenheit genannt. Man verklärt dabei das, was einmal war und sagt: Heute ist alles schlechter! Dabei hat das, was früher angeblich besser war, mit der tatsächlichen Vergangenheit meist gar nichts zu tun.
Schon zu biblischen Zeiten kennt man Retromantie. Und die Bibel warnt davor. Im Buch des Predigers Salomo (7,10) heißt es:
„Wenn du danach fragst, warum früher alles besser war,
verrätst du, dass du das Leben nicht kennst.“
Wer das Leben kennt, weiß: Alles geht weiter, alles entwickelt sich auch weiter, oft in eine Richtung, die ich vorher nicht abschätzen kann. Wer lebt, schaut in alle Richtungen, nicht nur zurück. Ein Blick zurück hilft, dass ich aus der Vergangenheit lerne. Dabei entdecke ich, dass ich früher auch ein anderer war, ein Mensch, der sich seit damals stetig weiterentwickelt hat.
Meine Aufgabe im Leben ist, dass ich konkret wahrnehme, was heute um mich herum passiert. Dass ich all die Menschen wahrnehme, die mich jetzt gerade brauchen, und die Probleme, die jetzt gelöst werden müssen.
So wird mein Blick auch weit und ich kann nach vorne sehen, in die Zukunft. Kann schauen, wie es weitergeht, welche Ziele ich habe. Den eigenen Blick im Blick zu haben lohnt sich.
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Jetzt kommt sie wieder, die Zeit der Bienen. Bienen, diese kleinen pelzigen gelb-schwarzen Geschöpfe, die so erstaunlich gut fliegen können, faszinieren mich seit meiner Kindheit. Nicht nur, weil ich damals ein großer Fan der Biene Maja und ihrem besten Freund Willi war. Ich schaue den Bienen gerne zu, und staune, wenn sie auf einer Wiese fast in der Luft stehend, nach einer Blüte Ausschau halten.
Früher habe ich lieber ein bisschen Abstand gehalten, denn als Kind musste ich schmerzlich erfahren, dass ein Bienenstich nicht nur ein leckerer Kuchen ist, sondern auch gefährlich sein kann.
Doch ein Freund von mir ist Imker und er heißt auch noch Willy, wie Biene Majas bester Freund. Willy hat mir gezeigt, wie man Bienen begegnet, ohne sie zu reizen: Immer ruhig bleiben, keine hektischen Bewegungen machen und sich bei einem Bienenstock nicht vor die Einflugschneise stellen. Seither kann ich gelassener damit umgehen, wenn eine Biene mich umschwirrt.
Mein Freund Willy hat mir mal gesagt: „Ohne Bienen können wir einpacken. Dann geht nichts mehr in der Natur.“
Erst habe ich darüber gelacht – klar, für Imker sind Bienen das Wichtigste. Doch dann hat er etwas gesagt, was mir einleuchtet:
„Pflanzen und Bäume müssen bestäubt werden, damit etwas wächst. Ohne Bienen geht das nicht.“
Das hat sich bei mir eingeprägt und seither entdecke ich immer wieder Hinweise, warum Bienen wichtig sind. In der Bibel zum Beispiel. Da steht: „Denn die Biene ist klein unter allem, was Flügel hat, und bringt doch die allersüßeste Frucht.“ (Sir 11,3)
Völlig fasziniert war ich auch, als ich den Roman „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde entdeckt habe. Darin wird von einer Welt in naher Zukunft erzählt, in der die Bienen alle ausgestorben sind und von den fatalen Folgen: Die Menschen müssen all das übernehmen, was Bienen heute für uns erledigen. Sie müssen alle Pflanzen bestäuben, damit es in der Natur überhaupt weitergeht. Eine Horrorvorstellung.
Durch die Bienen wird mir klar, wie sensibel die Natur und unser Ökosystem ist. Wenn ein Teil von davon wegbricht, dann wird es schwer. Mir wird auch klar, dass ich selbst sorgsam mit jedem Lebewesen umgehen muss, auch mit dem Kleinsten.
Mein Freund Willy hat mir einen Tipp gegeben, wie man Bienen helfen kann. Wildblumensamen im Garten streuen, zum Beispiel. Oder eine Bienenpatenschaft übernehmen und sozusagen Untermieter in einem Bienenstock werden. Denn: Die Biene mag zwar klein sein, aber sie ist besonders wichtig.
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Früh am Morgen drehe ich meistens als erstes den Wasserhahn in der Küche kurz auf. Denn bevor es Kaffee gibt, fülle ich mir ein großes Glas voll mit frischem Wasser. Und das trinke ich genüsslich aus. Ich spüre, wie das Wasser durch meinen Körper rinnt.
Frisches Wasser tut mir gut, gerade so früh am Morgen. Ich habe das Gefühl, dass es mich von innen her reinigt und dass es mir innerlich danach gut geht.
Dass frisches Wasser einfach so aus dem Hahn kommt, ist für mich selbstverständlich, ohne dass ich viel darüber nachdenke. Es gibt aber so viele Länder, wo es gar nicht selbstverständlich ist.
Über 2 Milliarden Menschen weltweit haben keinen Zugang zu frischem und sauberem Wasser. Das ist ein Viertel unserer Weltbevölkerung. Ein Viertel der Menschheit holt also Wasser aus verschmutzten Bächen und Flüssen. Wer am meisten darunter leidet, sind die Kinder.
Häufig sind sie es, die weite Wege zu einem Bach gehen müssen, um Wasser zu holen, statt zur Schule gehen zu dürfen. Kinder haben wenige Abwehrkräfte. Viele sterben sogar wegen des schlechten Wassers.
Unter dem Motto „Wasser ist Leben“, machen Hilfsorganisationen auf diese Misere aufmerksam.
Eine Hilfsorganisation hat König Cephas Bansah ins Leben gerufen. König Bansah ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit: Er ist König über ein kleines Gebiet im Osten von Ghana. Aber seit den 1970er Jahren lebt er hauptsächlich in Ludwigshafen am Rhein. Und so kennt er beides: Wasser, das er selbst als Kind aus dem verschmutzten Bach trinken musste, und frisches Wasser, das hier in Deutschland aus dem Wasserhahn kommt.
Daher motiviert er seit Jahren Menschen über seinen Hilfsverein, den Brunnenbau in Ghana zu unterstützen. Er lässt nicht nach in seinem sozialen Engagement, ist überall präsent, ob in Vereinen, beim Karneval oder auf politischen Veranstaltungen, wo viele Menschen zusammenkommen. Bereits über 30 Brunnen sind so entstanden.
Eine seiner guten Ideen hat mich besonders fasziniert und ich habe sie gerne unterstützt. Seine Idee nämlich, einen Trinkwasserbrunnen auf einem Schulhof zu bauen. So können Kinder zur Schule gehen, dort lernen und auf dem Heimweg bringen sie frisches Wasser zurück mit in ihre Dörfer.
„Wasser ist Leben“ – im Blick auf die Welt ist mir diese einfache Wahrheit besonders wichtig. Gerade weil ich selbst jeden Tag das Privileg habe und spüren darf, wie gut es tut, frisches, sauberes Wasser zu trinken.
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Wenn ein Rettungswagen mit Martinshorn an mir vorbeifährt, dann zucke ich jedes Mal zusammen. Mein Adrenalin steigt, ohne dass ich das will. Warum? Weil ich früher selbst Rettungssanitäter war und in einem solchen Wagen zu Einsätzen gefahren bin.
Im Zivildienst bin ich zum Rettungssanitäter ausgebildet worden. Zwei Jahre war ich voll im Einsatz und danach lange ehrenamtlich dabei. Ich erinnere mich wie im Schlaf an die Abläufe, denn die müssen sitzen: Als Rettungssanitäter schlafe ich nachts in der weißen Dienstkleidung, damit ich schnell aufspringen und losrennen kann.
Ich laufe mit meinem Rettungspartner zum Wagen, melde mich über Funk und erfahre von der Leitstelle, wo und was ungefähr passiert ist. Mit Blaulicht fahren wir dann zum Einsatzort. An so einem Einsatzort geht es oft hektisch zu. Ob bei einem Unfall auf der Straße oder bei einem schweren Krankheitsfall zu Hause: Für die Betroffenen sind es immer Ausnahmesituationen.
Viele laufen durcheinander, reden nicht immer verständlich auf mich ein, es ist unübersichtlich. In jedem Moment gilt: Ich muss schnell den Überblick gewinnen!
Von mir wurde in meiner Zeit als Rettungssanitäter Fachwissen verlangt. Wie man Kranke oder Verletzte schnell versorgt und stabilisiert. Das Allerwichtigste in diesen Momenten aber ist: Ruhe bewahren!
Ich habe bei meinen Einsätzen gelernt: Egal, wie hektisch es zugeht - Kurzschlussreaktionen oder eine innere Unruhe, die provozieren Fehler. Und diese Fehler können bei einem Einsatz, wo es vielleicht um Leben oder Tod geht, verhängnisvoll sein.
Zugegeben: Ganz einfach ist das nicht, die Ruhe zu bewahren. Aber ich habe gelernt, dass man das lernen kann. Mir hilft ein kurzes Gebet. Eines, das ich auswendig kenne.
Das Vaterunser ist so eins. Oder der Psalm 23, Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln ... Beides habe ich als Kind gelernt.
Was mir auch hilft ist, mir ein Bild ins Gedächtnis zu rufen, das mich beruhigt. Bei mir ist das ein Bild vom Strand mit Blick aufs Meer. Ich sehe den Horizont, darüber Wolken aufgetürmt wie bei einem Sturm, Wellen, die an den Strand branden. Und ganz hinten der Horizont, wie eine immerwährende Linie, die ruhig bleibt, egal was auf dem stürmischen Meer passiert.
Ob ein Gebet oder ein inneres Bild: Beides hilft mir auch heute, wenn es stressig wird oder ich etwas nicht mehr überschaue. Als ob sich innerlich ein Schalter umlegt. Bei mir klappt das inzwischen in Sekunden.
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Ich lebe an der Deutschen Weinstraße, und das sehr gern. Bei uns ist es nämlich viel früher warm als sonstwo in Deutschland und das wirkt sich auch auf die Natur aus. An der Weinstraße bringen die Mandelbäume nach langem Winter, als erste wieder Farbe in die Natur und in mein Leben.
Die Mandelbäume sind für mich DIE Vorboten des Frühlings. Und den habe ich inzwischen dringend nötig.Der graue Winterhimmel und die kahlen Bäume haben lange auf mein Gemüt gedrückt. Winterblues nenne ich das. Der ist mit den blühenden Mandelbäumen mit einem Schlag vorbei. Ich nehme mir ganz bewusst Zeit, das Wunder der Mandelblüte genauer zu beobachten und stehe jedes Jahr aufs Neue staunend vor dieser Pracht.
Aus den anfangs noch harten Knospen brechen rosa und weiß die Blütenblätter hindurch. Kommt die Sonne heraus, öffnen sich die fünf Blätter. Zarte Fäden strecken sich mit gelben Pollen der Sonne entgegen. Den Frühlingssound drumherum bieten summende Bienen. Auch sie werden wie ich von dieser Blütenpracht angezogen.
Mandelbäume sind für mich Hoffnungszeichen. Und genau diese Bedeutung haben sie auch in der Bibel. Der Mandelbaum steht für mich für die Hoffnung, dass jede Dürre irgendwann einmal ein Ende hat. Aus scheinbar totem Holz blüht neues Leben auf.
Wir gehen auf Ostern zu. Dass Ostern, dieses Hoffnungsfest des Lebens, mitten in der Blütezeit der Natur liegt, passt für mich gut zusammen.
So hoffnungslos mir manchmal diese Welt erscheinen mag: die Frühlings- und Osterzeit durchbricht die Trostlosigkeit, vertreibt meinen Blues und macht mir wieder Hoffnung.
Die Mandelblüte vor Ostern ist daher für mich mit die schönste Zeit des Jahres.
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