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Ich bin eigentlich ein Morgenmuffel, früh aufstehen ist nicht meins. Neulich allerdings, im Urlaub, da habe ich mir den Wecker ganz früh gestellt – um den Sonnenaufgang zu sehen. Bei Sonnenaufgang habe ich mir eine warme Tasse Tee genommen und bin raus auf die Terrasse.
Von hier aus geht mein Blick weit über die Landschaft vor mir. Noch liegen dort die Hügel im Halbdunkel. Oben am Himmel ziehen Wolken, dahinter zaubert die Morgensonne schon rosa Streifen an den Horizont. Ich höre, wie die Vögel anfangen zu zwitschern und die Insekten summen. Ich stehe da und staune. Das rosa-orange Licht wird leuchtender und heller, und ich erkenne immer mehr Details in der Landschaft vor mir.
Es kommt mir fast so vor, als wäre ich bei der Erschaffung der Welt dabei. Als wäre ich der erste Mensch. So stehe ich staunend vor der Welt, die da vor meinen Augen immer klarer aus dem Dunkel der Nacht tritt. Und mir kommen Worte in den Kopf. Worte der Dichterin Mary Oliver:
„In Bäumen, woraus die Nacht noch tropfte, erwachten
einige namenlose Vögel, schüttelten ihre pfeilförmigen Flügel
und sangen ruhig wie Finken, die aus einem Traum sickern.
Die rosafarbene Sonne fiel glasgleich auf die Felder.
[…] Der letzte Nebel löste sich auf,
und unter den Bäumen, jenseits der brüchigen Zeitdrift,
stand ich da wie Adam in seinem einsamen Garten
an jenem ersten Morgen, als er aus dem Schlaf gerüttelt
sich die Augen rieb, lauschte und das Laub beiseite schob
wie Seidenpapier auf einem großen, unglaublichen Geschenk.“[1]
Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Denn es stimmt: An jedem Morgen ist es so, als ob die Welt neu erschaffen wird. Und jeder neue Tag ist wie ein großes, unglaubliches Geschenk – das ich auspacken darf.
[1] Auszug aus „Morgen in einem neuen Land“. Mary Oliver, Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben. Gesammelte Gedichte, Zürich 2023, 426.
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Charlotte ist 19 Jahre alt. Im vergangenen Jahr hat sie ihr Abitur gemacht.
Vor Kurzem erzählt sie mir von der Diagnose, die sie gerade bekommen hat: Sie ist an Leukämie erkrankt. Als ich Charlotte frage, wie es ihr gerade geht, erzählt sie von schlimmen Sätzen, die sie sich von anderen anhören muss. Sätze, die sie belasten.
Ich bin erschüttert: über diese Krebsdiagnose in so jungen Jahren – und über die Kommentare und Ratschläge, die Charlotte sich noch dazu anhören muss – auch von Leuten, die es eigentlich gut mit ihr meinen. Sätze wie:
Das wird schon alles seinen Grund haben.
Vielleicht solltest du Rosenquarz neben dein Bett legen.
Das wird am Vitamin D-Mangel liegen – du musst öfter raus an die frische Luft.
Wahrscheinlich kommt es daher, dass du dir ein Tattoo hast stechen lassen.
Du betest nicht richtig, deshalb beten wir jetzt für dich.
Das sind alles Sätze von Menschen, die es sicherlich gut meinen. Aber für Charlotte sind es furchtbare Sätze. Denn sie belasten sie in einer schlimmen Situation nur noch zusätzlich.
Ich frage mich, wann ich selbst schon mal ohne viel nachzudenken einen solchen wohlgemeinten Satz rausgehauen habe, der alles nur verschlimmert hat. Und ich frage mich, welche Sätze denn wirklich hilfreich sind, wenn jemand krank ist. Jemand hat mal zu mir gesagt: „Ratschläge sind auch Schläge“. Besser also, keine Ratschläge zu erteilen. Ich denke daran, wie Jesus von einem Kranken gerufen wird. Jesus gibt ihm keinen gutgemeinten Rat. Sondern er fragt den Mann einfach: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“[1] Und so frage ich Charlotte, was sie braucht. Hilfe beim Einkaufen wäre gut, sagt sie mir vor ein paar Wochen. Und inzwischen gibt es Menschen aus unserer Kirchengemeinde, die genau das machen: Sie kaufen für Charlotte ein. Sie fragen bei ihr nach: Was brauchst du vom Supermarkt? Und sie bringen die Einkäufe dann bei ihr vorbei. Davon wird Charlotte zwar nicht gesund, aber es hilft ihr in ihrer Krankheit. Viel besser als jeder gutgemeinte Rat
[1] Aus Vers 41, Kapitel 18, Evangelium nach Lukas, Neues Testament.
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Neulich im Bus bin ich Sieglinde wieder begegnet. Ich kenne sie aus meiner Kirchengemeinde. Sieglinde ist weit über 80 Jahre alt. Sie erzählt mir, wie gut es für sie ist, dass sie vor 4 Jahren hierher nach Mainz umgezogen ist in die Nähe ihres Sohnes. Und dann erwähnt Sieglinde ihre Schwiegertochter. Da halte ich kurz den Atem an. Denn Schwiegertochter und Schwiegermutter – diese Beziehung ist ja ein bisschen verschrien.
Aber… Sieglinde erzählt von ihrer Schwiegertochter Annegret ganz anders, als ich es erwartet habe. Annegret drängt sich nicht auf mit ihrer Meinung und ihrem Können, macht aber ab und zu einen Vorschlag, wenn sie etwas entdeckt, das ihrer Schwiegermutter helfen oder ihr gefallen könnte. Im vergangenen Jahr zum Beispiel: Da hat die ganze Familie zusammengelegt und Sieglinde zum Geburtstag ein Tablet geschenkt. Ein Tablet! Wo Sieglinde doch mit Computern nichts am Hut hat. Aber… ihre Schwiegertochter hat Sieglinde behutsam und geduldig beigebracht, das Tablet zu benutzen.
Inzwischen hat Sieglinde sogar gelernt, wie sie Fotos und kurze Nachrichten mit den Kindern und Enkeln hin- und herschickt. Die Schwiegertochter meint: Drei Mal am Tag ist es gut, reinzugucken, damit man auf dem Laufenden bleibt. Und Sieglinde erzählt begeistert: „Ich guck da viel öfter rein!“ Denn das Schönste für Sieglinde ist: Jetzt hört sie ganz oft von ihrer Familie und bekommt Bilder aus aller Welt. Das hätte sie ohne ihre Schwiegertochter nicht gekonnt.
Sieglinde und Annegret: Mich erinnern die beiden an zwei andere Frauen, nämlich an Noomi und Rut. Ihre Geschichte steht in der Bibel. Die Schwiegertochter Rut begleitet ihre Schwiegermutter Noomi beim Umzug. Sie verspricht ihr: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“[1] Die beiden wagen zusammen einen Neustart an einem neuen Ort. Schwiegermutter und Schwiegertochter, die sich gegenseitig unterstützen.
Während ich so über Schwiegermütter und Schwiegertöchter nachdenke, merke ich: Das muss keine schwierige Beziehung sein. Das kann auch echte Solidarität unter Frauen sein! Und ich merke, wie dankbar ich für meine eigene Schwiegermutter bin. Das will ich ihr bald mal am Telefon erzählen.
[1] Aus Vers 16, Kapitel 1, Buch Rut, Altes Testament.
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„Es ist nie zu spät – für einen Neuanfang.“ So heißt es in einem Lied des Sängers Clueso.
Nein, es ist wirklich nie zu spät für einen überraschenden Neuanfang, einen echten Plot Twist. Das habe ich gemerkt, als Helga neulich bei mir angerufen hat. Helga ist fast 80 Jahre alt. Freudig erzählt sie mir: „Walter und ich, wir haben uns verlobt! Das wollen wir feiern, mit unseren Familien. Würdest du uns beide bei der Feier segnen?“ Ich gratuliere und verabrede mich mit den beiden. Wow, denke ich, was für eine Überraschung!
Als wir uns treffen, erzählen Helga und Walter, dass sie beide lange allein gelebt haben. Dass sie sich kennengelernt haben, als sie beide einen Türkisch-Kurs belegt haben, in der Corona-Zeit. Dass sie sich letztes Jahr zufällig wieder begegnet sind. Dass Walter seinen ganzen Mut zusammengenommen hat, um Helga auf einen Kaffee einzuladen. Danach ging es ganz schnell... Jetzt sitzen die beiden vor mir und strahlen. Eins ist sicher: Sie wollen ihr Leben miteinander teilen! Was für ein Plot Twist: Sich im Alter unverhofft kennen zu lernen und sich dafür zu entscheiden, als Paar neu zu beginnen, nachdem man so viele Jahre alleine gelebt hat.
Als ich die Segnung der beiden vorbereite, denke ich an einen Menschen aus der Bibel, an Mose. Mose ist schon alt, als er mitten am Tag und mitten im Alltag einen brennenden Dornbusch bemerkt. Neugierig schaut er genauer hin und hört eine Stimme, die ihn ruft: „Mose, Mose!“ Und er versteht: Das ist Gott! Gott ruft ihn, weil ein Neuanfang nötig ist, in Ägypten. Dort soll Mose mithelfen, Menschen in die Freiheit zu führen. Eine ganz neue Aufgabe im Alter… die Herausforderung seines Lebens! Mose hadert und hat Fragen an Gott. Er merkt dann, dass er den Neuanfang nicht alleine angehen muss – sein Bruder Aaron wird ihm helfen. Schließlich willigt Mose ein. So beginnt etwas ganz Neues, im Alter. Eine überraschende Wendung, ein echter Plot Twist!
Wenn ich an Mose denke, an Helga und Walter, dann merke ich, wie recht Clueso hat: „Es ist nie zu spät – für einen Neuanfang.“ Und das macht mir Mut.
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Plot Twist! Das ist eine überraschende Wendung in einer Geschichte. Manchmal passiert so ein Plot Twist, weil jemand sich bewusst entscheidet, etwas ganz Neues anzufangen.
Meine Freundin Joy ist Lehrerin für Englisch und Geschichte. Seit ein paar Jahren schon unterrichtet sie Kinder und Jugendliche, so verdient sie ihren Lebensunterhalt. Als Beamtin hier in Deutschland hat sie einen super sicheren Job. So könnte sie bis zu ihrer Pensionierung weiterarbeiten.
Plot Twist!
Vor ein paar Wochen erzählt mir Joy: Sie wird nach Griechenland umziehen, auf eine Insel im Mittelmeer. Dort landen Menschen, die aus Krisen und Kriegen fliehen müssen. An der Mittelmeerküste werden sie erst mal in Lagern untergebracht, in Zelten. Das Leben dort ist hart, da wird jede Hilfe gebraucht. Schon seit mehreren Jahren hilft Joy ehrenamtlich in ihren Sommerferien im Flüchtlingslager. Jetzt brauchen die Menschen dort eine Leiterin in Vollzeit. Joy hat den Job angenommen. Dafür gibt sie sogar ihren Beamtenjob auf. Plot Twist!
Ich frage mich erst mal: Warum macht sie das?... Weil sie die Not dieser Menschen gesehen hat und merkt, dass sie in diesem Flüchtlingslager an der richtigen Stelle ist. Dass sie dort wirklich Wichtiges bewirken kann - so etwas sein kann wie Gottes Hände und Füße.
Plot Twist. Mich erinnert Joys Geschichte an die Geschichte von Simon und Andreas. Sie leben in Israel in einem Dorf am See Genezaret. Sie sind Fischer, kennen sich aus mit Booten und Netzen. Mit Fischfang verdienen die beiden ihren Lebensunterhalt.
Simon und Andreas arbeiten in ihrem Boot und werfen ihre Netze aus – plötzlich taucht Jesus am Seeufer auf. Er ruft ihnen zu: „Kommt mit! Menschen sollen jetzt im Fokus eurer Arbeit stehen, nicht mehr Fische.“ Da steigen Simon und Andreas aus ihrem Boot, lassen die Netze liegen und gehen mit Jesus mit. Plot Twist!
Ich frage mich wieder: Warum machen sie das? Ich glaube, für einen solchen Plot Twist braucht es zwei Dinge: ein offenes Herz, um zu spüren, wo man an der richtigen Stelle ist. Und dann braucht man auch den nötigen Mut, um loszugehen.
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Plot Twist! So nennt man eine überraschende Wendung in einem Film oder einer Geschichte. Eine Wendung aus heiterem Himmel.
Vor Kurzem habe ich in der Zeitung gelesen, dass in einem Dorf in Franken 50 Schafe ausgebüxt sind. Statt brav mit ihrer Herde durch das Dorf zu laufen, wie geplant, sind sie überraschend abgebogen und einfach in einen Supermarkt hineingetrabt. Plot Twist. Flaschen sind dabei zu Bruch gegangen. Und Dreck haben die Schafe auch hinterlassen.
Als ich von diesen Schafen lese, denke ich an ein Gebet aus der Bibel, an Psalm 23. Da spricht ein Mensch aus der Perspektive eines Schafs und sagt:
„Der Herr ist mein Hirte.
Mir fehlt es an nichts.
Auf saftig grünen Weiden lässt er mich lagern.“
Später allerdings muss das Schaf im Psalm dann durch ein dunkles Tal hindurch. Das ist nicht überraschend, schließlich ist das Leben ja nicht immer idyllisch.
Aber jetzt kommt der Plot Twist, die überraschende Wendung in dieser Geschichte. Da heißt es im Psalm:
„Du deckst für mich einen Tisch
vor den Augen meiner Feinde.
Du salbst mein Haar mit duftendem Öl
und füllst mir den Becher bis zum Rand.“
Moment mal – Schafe sitzen doch nicht an Tischen! Plot Twist: Der Mensch hier im Psalm redet plötzlich nicht mehr aus der Perspektive eines Schafs. Nein, dieser Mensch darf sich jetzt an einen gedeckten Tisch setzen und bekommt sein Glas randvoll gefüllt. Geradezu königlich behandelt, so fühlt sich der Mensch nun – umsorgt, von Gott. Dieser Mensch betet so, weil er selbst erfahren hat, dass Gott das kann: dem Leben ganz überraschende Wendungen geben - auch zum Besseren. Plot Twist…
Einen Plot Twist gab es übrigens auch bei den Schafen im Supermarkt in Franken, nachdem sie wieder bei ihrer Herde waren. Überraschenderweise musste der Schäfer keinen Schadensersatz zahlen … ganz im Gegenteil: Die Supermarktkette hat für die gesamte Schafherde die Kosten des Winterfutters spendiert. Den Schäfer hat‘s gefreut!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43892Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Anna 100 wird Jahre alt! Deswegen besuche ich sie. Während ich hinradle, überlege ich, was in den letzten 100 Jahren in unserer Welt alles passiert ist: Die Wirtschaftskrise in den 1920ern, der 2. Weltkrieg, der Mauerbau und die Teilung Deutschlands und und und. So viele Krisen in einer Lebensspanne!
Als ich vor Annas Haus ankomme, frage mich: In welcher Verfassung werde ich die Jubilarin antreffen? Wie sie wohl auf ihr Leben zurückschaut?
Ich klingele. Anna öffnet und führt mich in ihr Wohnzimmer. Ich gratuliere ihr und frage, wie es ihr geht. Aus vollem Herzen antwortet sie: „Ach, wissen Sie, ich habe solche Bewahrung erlebt! Ich habe einen Schutzengel, glaube ich. Was ich da mit 15 Jahren erlebt habe… Damals ist meine Großmutter zu Besuch gekommen, mit dem Zug. Mit dem Pferdewagen habe ich sie abgeholt, gemeinsam mit meiner Schwester. Auf dem Rückweg sind wir in einen Gewittersturm geraten. Plötzlich ist ein Blitz eingeschlagen, direkt neben uns. Unser Pferd ist so sehr erschrocken, dass es losgerast ist. Dabei ist unser Wagen einfach umgekippt. Meine Großmutter und meine Schwester sind in einen tiefen Graben gestürzt. Ich hatte solche Angst! Aber glauben Sie’s? Alle drei, meine Schwester, meine Großmutter und ich, wir alle sind mit dem Leben davongekommen. Seitdem weiß ich: Ich habe einen Schutzengel, der auf mich aufpasst.“
Die Jubilarin erzählt noch mehr aus ihrem Leben: von der Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs quer durch Deutschland und von vielen anderen Herausforderungen seitdem. Und alles erwähnt sie ohne Bitterkeit. Ohne rosa-rote Brille erzählt sie auch von Dingen, die sich für sie zum Guten gewendet haben.
Später, als ich nach Hause radle, fällt mir ein, was die Psychologin Lori Gottlieb über unsere Lebensgeschichten sagt: „Wir nehmen an, dass unsere Umstände unsere Geschichte formen. Aber … die Art, wie wir unser Leben erzählen, das formt, was aus unserem Leben wird.“[1]
Mein Leben ist ganz anders als Annas, aber ich nehme mir vor: Im Rückblick will ich auch erzählen von Bewahrung und Segen.
[1] Lori Gottlieb, How changing your story can change your life; TED 2019. Quelle: https://www.ted.com/talks/lori_gottlieb_how_changing_your_story_can_change_your_life
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43272Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Neulich habe ich ein Hörbuch gehört von dem irischen Autor Colum McCann, der Roman heißt „Twist“[1]. Darin geht es um Kommunikation, um Verbindung – und auch um Brüche und um Kaputtes. In einem Interview[2] erzählt McCann von der Entstehung seines Buches. Er erzählt, dass ungefähr 450 Kabel in der Tiefsee auf dem Meeresgrund liegen. Diese Kabel umspannen unseren Erdball. Alles, die ganze internationale Kommunikation über das Internet wird über diese wenigen Kabel übertragen – jede E-Mail, jede WhatsApp, jede Video-Konferenz läuft da hindurch. Und zwar in Form von Lichtimpulsen, da unten im Dunkeln der Ozeane. Das Licht pulsiert durch Glasfasern, so zart wie eine Wimper, in einer Röhre, so dick wie ein Gartenschlauch.
Diese Kabel können reißen. Ein Reparaturschiff sticht dann in See, um das kaputte Kabel zu finden und zu reparieren. Es ist wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen, dieses gerissene Kabel dann zu finden.
Ich finde, der Roman „Twist“ ist ein großartiges Buch. Es ist eine spannende Geschichte, aber nicht nur das: Der Roman hat mich zum Nachdenken gebracht darüber, wie lebenswichtig Beziehungen für uns Menschen sind – und wie störanfällig. So wie diese Kabel die Welt verbinden, so sind wir Menschen miteinander verbunden. Aber die Kabel erinnern mich auch daran, dass eine Verbindung zwischen Menschen abbrechen kann. Und so schwer es ist, an diese Kabel im Ozean ranzukommen, so schwer kann es auch manchmal sein, eine gerissene Beziehung wiederherzustellen.
Ich will nicht zu viel verraten darüber, wie das Buch endet. Aber, dass es selbst auf dem tiefsten Meeresgrund die Möglichkeit gibt, ein kaputtes Kabel zu reparieren, das gibt mir Hoffnung: Ein Riss in einer Verbindung muss nicht das Ende der Geschichte sein. Wenn mir diese Verbindung fehlt, dann kann ich vorsichtig versuchen, den Faden wieder aufzunehmen. Ich könnte eine Karte oder eine WhatsApp schreiben – oder eine E-Mail. Manchmal reicht ja auch nur die Zeile: Hallo, ich denke gerade an dich. Viele Grüße!
[1] Colum McCann, Twist, Rowohlt Verlag 2025.
[2] https://open.spotify.com/episode/6bpyC4odniQxfaAZbFRROU?si=805ba910da2f4650
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„Als Christ würde ich mich nicht bezeichnen, dafür habe ich zu viele Fragen.“ Diesen Satz bekomme ich als Pfarrerin in so manchem Gespräch zu hören. Denn für manche Menschen bedeutet Christ sein vor allem, Antworten zu haben, und sich dabei sicher zu sein.
Nichts gegen Gewissheiten. Aber ich weiß auch, dass eine gute Frage Gold wert ist. Sie kann Knoten im Kopf lösen, eine neue Perspektive bringen und mir helfen zu erkennen, welchen Schritt ich als nächstes gehen will. Als ich mal in einer für mich unüberschaubaren Situation festgesteckt habe, da hat mir eine Frage rausgeholfen: „Was würdest Du einer guten Freundin raten in dieser Situation?“ Da wusste ich sofort, was für mich jetzt dran ist.
Kurt Marti, Pfarrer und Schriftsteller aus der Schweiz, hat sich Gedanken gemacht über Gott und darüber, ob es richtig ist, dass Gott immer gleich die Antwort ist. „Frage“ nennt er sein Gedicht:
Gott, so denkt man oft,
so verkünden Eiferer lauthals,
sei Antwort.
Spröder sagt die Bibel,
dass er Wort sei.
Und wer weiß,
vielleicht ist er meistens Frage:
die Frage, die niemand sonst stellt.[1]
Jesus war ein großer Freund von Fragen. Er wollte, dass Menschen ihm Fragen stellen. Denn er wusste, dass Fragen die Menschen ins Gespräch bringen. Viel besser als Antworten. Fragen über Gott und die Welt. Und er hat selbst so viele Fragen gestellt. Mich hat überrascht, wie viele Fragen von Jesus in der Bibel überliefert sind. Über 200 Fragen! „Was sucht ihr?“ fragt Jesus zwei Menschen, die ihm begegnen. „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ fragt er einen blinden Mann, der um Hilfe gerufen hat. „Für wen haltet ihr mich?“ fragt er später seine Freunde.
Für mich bedeutet Christ sein nicht vor allem, fertige Antworten zu haben. Sondern in einer lebendigen Gemeinschaft unterwegs zu sein mit Jesus und mit anderen Menschen. Und bei jeder lebendigen Beziehung gehören Fragen einfach dazu.
[1] „Frage“ von Kurt Marti; abgedruckt in: Rainer Oberthür, Jesus. Die Geschichte eines Menschen, der fragt, Kösel Verlag 2021.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43244SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Jetzt, im November ruft der Tod sich in Erinnerung: Gestern, an Allerheiligen, heute, an Allerseelen, und auch am Ewigkeitssonntag, da denken Menschen an ihre Toten – und hoffen darauf, dass sie jetzt bei Gott sind.
In diesen Tagen im November denke ich an meine Großeltern – und auch an meinen „kleinen“ Cousin Stefan, der mit Anfang Vierzig gestorben ist, viel zu früh. Vielleicht klingt es seltsam, aber: Seit Stefans Tod schaue ich anders auf mein eigenes Leben. Ich spüre intensiver, welches Privileg es ist zu leben. Dass dieses wilde, wunderschöne, komplizierte Leben ein riesiges Geschenk ist. Nichts ist selbstverständlich: Dass es mich gibt – dass da Menschen sind, die mir wichtig sind – und die mich gernhaben – alles ein großes Geschenk!
Im November ruft der Tod sich in Erinnerung. Und führt mir vor Augen, dass dieses Leben nicht endlos ist. „Lass uns begreifen, welche Zeit wir zum Leben haben – damit wir klug werden und es vernünftig gestalten.“[1] Das bittet ein Mensch Gott in der Bibel.
Ja, das möchte ich auch: Klug werden und das Leben vernünftig gestalten. Vielleicht sind diese Tage im November eine gute Gelegenheit, die großen Fragen an mich heranzulassen: Wie will ich leben? Wofür möchte ich Zeit finden? Was ist jetzt wirklich wichtig?
Mary Oliver, eine amerikanische Autorin, versucht in einem Gedicht, diese großen Fragen für sich zu beantworten. Da schreibt sie:
„Wenn es vorbei ist, will ich sagen: Mein ganzes Leben
war ich eine Braut, die sich dem Staunen vermählt hat,
war ich ein Bräutigam, der die Welt in seine Arme genommen hat.
Wenn es vorbei ist, will ich mich nicht fragen,
ob ich aus meinem Leben etwas Besonderes, etwas Echtes gemacht habe.
Ich will mich nicht seufzend vorfinden, nicht ängstlich
und voller Widerstreit.
Ich will nicht einfach nur zu Besuch gewesen sein bei dieser Welt.“[2]
Ich lese diese Worte von Mary Oliver und nehme mir vor: Angst und Streit sollen meine Zeit nicht unnötig fressen. Stattdessen will ich staunen über diese wilde, wunderschöne Welt und das Geschenk meines Lebens umarmen. Dafür will ich mir Zeit nehmen, jetzt im November.
[1] Psalm 90, Vers 12 (Übersetzung: BasisBibel).
[2] Aus dem Gedicht „Wenn der Tod kommt“ von Mary Oliver; in: Mary Oliver, Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben. Gesammelte Gedichte, Diogenes Verlag 2023.
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