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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

22APR2026
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Malaika ist fünf Jahre alt. Jeden Tag geht sie in den Kindergarten. Malaika ist Schwarz und jeden Tag hat sie das Gefühl: ich komme hier nicht vor. Sie blättert durch ihre Bilderbücher, sie schaut Kinderfilme, sieht Bilder an den Wänden – und überall begegnen ihr Menschen, die nicht so aussehen wie sie:

Da sind weiße Prinzessinnen, weiße Heldinnen und weiße Kinder. Auch die Mamas und Papas sind weiß, genauso wie die Großeltern. Malaika weiß: Es gibt weiße Menschen und Schwarze, wie Mama, Papa und sie selbst. Aber in der Kita ist sie die Einzige mit dunkler Haut.

Auch wenn niemand etwas Böses sagt, auch wenn alle freundlich sind – Malaika spürt: Ich bin anders. Ich passe nicht ins Bild. Und das macht etwas mit ihr.

Strukturelle Ausgrenzung ist nicht laut. Sie hat keine bösen Worte. Kein Wegschubsen. - Du bist da und wir mögen dich – aber so ganz gehörst du doch nicht in unsere Welt. Dieses Gefühl hat Malaika oft, wenn sie morgens in die Kita kommt.

An diesem Morgen setzt sich die Erzieherin in den Morgenkreis. Sie hat eine neue Kinderbibel in der Hand. Die heißt „Alle Kinder Bibel“.

Auf den Bildern sieht man Menschen mit heller Haut und mit dunkler. Da sind Jungen und Mädchen, Männer und Frauen und Babys. Jedes Alter kommt vor, jede Körperform. Menschen mit Einschränkungen und ohne.

Auf den Bildern stehen Wörter in verschiedenen Sprachen. Die Erzieherin sagt: „Da steht ‚Liebe‘ auf Englisch, auf Arabisch und auf Suaheli.“ Auch der Jesus in dieser Kinderbibel hat eine dunkle Haut.

Die Bibel erzählt Geschichten von ihm: Wie er Menschen anspricht, die sonst keiner sieht. Wie er sich neben die stellt, die am Rand stehen. Wie er niemanden sortiert nach Aussehen, Herkunft, Stärke oder Schwäche.

Malaika rückt näher. Hört zu. Schaut auf die Bilder. Und zum ersten Mal kommt sie vor. Als sie nachmittags von ihrer Mutter abgeholt wird, ist Malaika ganz aufgeregt und platzt sofort damit heraus: „Mama“, sagt sie, „Jesus ist auch so wie wir.“

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

21APR2026
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Als ich Lillibet zum ersten Mal wirklich wahrnehme, ist sie schon eine ältere Dame. Sie ist eher klein. Äußerlich nicht besonders auffällig. Wenn da nicht ihre extravaganten Hüte wären. Aber immer wenn sie spricht, klingt es ein wenig unbeholfen und steif.

Lillibet ist eigentlich niemand, dem man besondere Beachtung schenken würde. Trotzdem fasziniert sie mich. Besonders ihr Lebensweg: Denn der ist für sie schon als junges Mädchen vorgezeichnet.

Wenig in ihrem Leben entscheidet Lillibet selbst. Meist tun das andere für sie. Bis in den kleinsten Winkel ihres Alltags hinein ist Lillibets Leben vorbestimmt und klar geregelt: Termine, Verpflichtungen, Auftritte.

Das Ganze immer im Blick der Öffentlichkeit. Jeder Schritt wird beobachtet, jede Geste kommentiert. Kein Raum für Spontanes, kaum Platz für Privates und Persönliches. Und doch nimmt diese kleine Frau ihre Aufgabe an. Über Jahrzehnte hinweg. Klaglos, nicht spektakulär, nicht laut. Sicher nicht fehlerfrei. Aber mit einer Haltung, für die mir nur ein altmodisches Wort einfällt: Pflichtbewusstsein.

„Mein ganzes Leben, ob es lang oder kurz sein wird, soll in euren Dienst gestellt sein.“ hat sie einmal gesagt.

Ein Satz, der mich beschäftigt. Das eigene Leben in den Dienst einer Sache zu stellen, die größer ist als man selbst – das würde mir echt schwerfallen. Und genau darum habe ich Respekt vor Lillibet.

Jesus sagt einmal: „Der Größte unter euch, soll euer Diener sein.“

Dienen – nicht als Unterordnung, sondern als Haltung: für andere da sein, Verantwortung übernehmen, sich selbst nicht zum Mittelpunkt machen, selbst wenn man im Zentrum steht. Lillibet hat aus dieser christlichen Haltung immer Kraft gezogen.

Heute, am 21. April, wäre sie einhundert Jahre alt geworden. Ihr voller Name lautet: Elizabeth Alexandra Mary Windsor. Aber die meisten kennen sie als: Königin Elisabeth II. von England.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

20APR2026
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Christiane schaut auf ihr Handy. Gefühlt zum 100. Mal. Schon seit Stunden. Eigentlich weiß sie: Es ist alles in Ordnung. Aber sie hat keine Ruhe und kann das Handy nicht aus den Augen lassen.

Vor ein paar Wochen ist ihre Tochter Sarah zum Studium in eine andere Stadt gezogen. Abitur geschafft, Koffer gepackt, fort von zuhause. Christiane hat sie ziehen lassen. Mit gemischten Gefühlen. Natürlich ist sie stolz auf ihre Tochter. Und wie!

Und sie weiß auch: Sie hat Sarah alles mitgegeben, was man braucht fürs Leben:
Vertrauen, Neugier, ein bisschen Mut und hoffentlich genug Verstand, um nicht jeden Unsinn mitzumachen.Und trotzdem: Seit Sarah weg ist, denkt Christiane ständig an sie. – Wie es ihr wohl geht? Ob sie klarkommt?

Heute ist es wieder besonders schlimm: Sarah hat gesagt, dass sie am Wochenende wegfährt mit Freunden. Und normalerweise meldet sie sich kurz, wenn sie angekommen ist. Diesmal nicht.

Christiane schaut wieder aufs Handy. Nichts. Kein Anruf. Keine Nachricht.Soll sie nachfragen? „Melde dich doch mal!“ schreiben? Eigentlich möchte sie das nicht. Sie will keine dieser Mütter sein, die ständig kontrollieren. Aber die Sorge sitzt ihr im Nacken.

Ein Satz aus der Bibel fällt Christiane ein: „Werft Eure Sorge auf Gott, denn Gott sorgt für Euch.“ Mit Gott kann ich meine Sorgen teilen, er nimmt sie ernst. Sagt: „Ich bin da. Für dich und für dein Kind.“

Kinder großziehen heißt: Loslassen lernen. Ihnen zutrauen, ihren Weg selbst zu gehen, Fehler zu machen, Erfahrungen zu sammeln –ihr eigenes Leben zu leben. Loslassen – im Vertrauen auf mein Kind und auf Gott, der bei ihm ist, auch wenn ich selbst es nicht mehr bin.

Christiane legt das Handy bewusst auf den Tisch. Jetzt reicht’s. Keine Sorgen mehr für heute. In diesem Moment klingelt es. Christiane öffnet die Tür. Und da steht Sarah – mit Rucksack und breitem Grinsen. „Überraschung, Mama!“ sagt sie. Christiane umarmt ihre Tochter und denkt dabei: Manchmal ist Vertrauen wirklich besser als Sorgen.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

17JAN2026
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Morgens auf dem Weg zur Arbeit passiert es mir regelmäßig: die Schranke ist unten. Ich fahre auf den Bahnübergang zu, die Ampel beginnt zu blinken, und die Schranke senkt sich. Der vor mir hat noch Glück und schafft es rüber. Ich muss stehen bleiben.

10 Minuten warten, dass ein Zug kommt. Manchmal sind es zwei Züge, dann dauert es noch länger. Kostbare Lebenszeit, die ich damit verbringe, auf eine rot-weiße Schranke zu schauen. Im wahrsten Sinne ausgebremst und eingeschränkt. 

Mich ärgert das. Jedes Mal. Ich ärgere mich, dass ich die Zeiten der Züge nicht im Kopf habe. Ärgere mich, dass ich nicht den Umweg genommen habe ohne Schranke. Ärgere mich vor allen Dingen darüber, dass es mich jedes Mal ärgert.

Ich könnte die 10 Minuten ja auch dafür nutzen, an irgendwas Schönes zu denken, oder mich im Geiste auf meinen nächsten Termin vorbereiten. Stattdessen ärgere ich mich und frage mich warum?

Vielleicht, weil mir die Schranke ein Gefühl gibt, dass ich anderswo her kenne. Das Gefühl, ausgebremst zu werden, zur Untätigkeit gezwungen.

Die Schranke wird nach 10 Minuten wieder aufgehen, und ich kann weiterfahren. Aber es gibt Situationen, da weiß ich nicht, ob sich Schranken öffnen und ob der Weg weitergeht. Da muss ich abwarten, bis etwas passiert. Kann selbst nichts tun, habe es einfach nicht in der Hand.

Was mir tatsächlich manchmal hilft in solchen Momenten, ist: mit jemand in Kontakt zu treten. Manchmal rufe ich meine Frau kurz an, um ihr zu sagen, dass ich mal wieder an der Schranke stehe, und wir könnten gemeinsam darüber lachen.

Manchmal nutze ich auch die Zeit und bete. Nicht mit „lieber Gott, bitte mach diese Schranke aufgeht...“ Das funktioniert nicht. Für mich ist es mehr so ein: „Hey, schau mal, was mit mir los ist! Es läuft grad echt nicht gut. Ich komm nicht mehr weiter!“

Noch nie habe ich erlebt, dass eine Stimme vom Himmel kommt und antwortet. Aber oft habe ich mich in dem Moment nicht mehr so allein gefühlt. Es hilft mir, wenn ich meine Situation mit jemand anderem teilen kann. Auch wenn alle Schranken unten sind und alle Wege versperrt. Das geht immer.

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16JAN2026
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Durch Zufall bin ich neulich beim Zappen durch die Fernsehprogramme einem alten Freund wiederbegegnet. „Michel aus Lönneberga“ - dem schwedischen Jungen vom Katthult-Hof, der in ganz Småland für seine Streiche berühmt und berüchtigt ist.

Die Filme nach den Büchern von Astrid Lindgren haben mich durch meine Kindheit begleitet:

Michels Kopf in der Suppenschüssel, seine Schwester Ida auf der Fahnenstange, der Fuß seines Vaters in der Rattenfalle, das betrunkene Schweinchen und die von Armenhäuslern leergegessene Speisekammer - Ich finde Michel toll. Immer noch.

Und immer noch fühle ich mit ihm, wenn er im Holzschuppen eingesperrt Männchen schnitzen muss, weil er mal wieder etwas ausgefressen hat.

Denn eigentlich meint Michel es ja immer gut. Er will helfen, will das Richtige tun. Doch er denkt das Ganze manchmal nicht zu Ende - und dann passiert die nächste Katastrophe, und es wartet der Holzschuppen.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – das kenne ich auch von mir. Oder wie Michel es einmal formuliert: „Unfug denkt man sich nicht aus, Unfug wird’s von ganz allein. Aber dass es Unfug war, weiß man erst hinterher.”

Michel ist mein Held, weil er sich trotzdem nicht unterkriegen lässt. Holzschuppen hin oder her, Michel bleibt herzensgut. Will da sein für die Menschen, die ihm wichtig sind. Will die Welt ein Stück besser machen. Aus Liebe. Auch wenn am Ende vielleicht wieder nur „Unfug“ herauskommt - Michel macht weiter.

Diesen „inneren Michel“ möchte ich mir gerne bewahren und bei allem Unfug, den ich anstelle, nicht nachlassen. Ruhig mal Fehler machen. Hinfallen, aber dann auch wieder aufstehen und es nochmal versuchen. Aus Liebe.

Dass das geht, sehe ich bei Michel. Und bei Martin Luther.   
„Sündige tapfer!“ hat Luther einmal gesagt. „Und glaube noch tapferer!“

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15JAN2026
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An Weihnachten habe ich eine neue Uhr geschenkt bekommen. So eine digitale, die auch Bewegungen misst und Schritte zählt. Genau so eine habe ich mir auch gewünscht, denn: Bewegung ist wichtig, aber ich bewege mich einfach nicht genug!

Und wirklich: Seit ich die Uhr habe und genau weiß, welche Strecke ich heute gelaufen bin und wie viele Kalorien ich verbrannt habe - seitdem bewege ich mich mehr.

Laufen, Gehen, Radfahren - die Uhr zeichnet alles auf und am Ende des Tages weiß ich, ob ich meine selbstgesteckten Ziele erreicht habe, oder nicht.

Meine Fitness-Uhr ist eine gute Gegnerin für meinen inneren Schweinehund. Der sagt nämlich gerne: „Es ist grade so schön gemütlich, du willst doch jetzt nicht wirklich rausgehen!“

Doch es gibt auch Tage, da ist es anstrengend mit der Uhr. Da motiviert sie mich nicht, sondern setzt mich unter Druck.

Manchmal gibt es wirklich gute Gründe, warum ich morgens mal nicht laufen gegangen bin und zum Einkaufen nicht das Fahrrad genommen habe - weil ich zu müde war oder weil es in Strömen geregnet hat. Dann gibt mir die Uhr das Gefühl: Du hast dein „Soll“ nicht erfüllt! Du hättest noch mehr tun müssen!

Es bleibt dieses blöde Gefühl, dass ich den Ansprüchen nicht gerecht geworden bin. Darum habe ich angefangen, mit der Uhr zu reden - Nein, nicht laut, sondern leise, in Gedanken.

Wenn die Uhr mir mitteilt, dass ich noch etwas machen müsste, sage ich manchmal: „Danke, dass du mich erinnerst, aber mir reicht das für heute“. Und wenn ich sehr genervt bin, sage ich: „So, jetzt lass mich in Ruhe“ und schalte einfach die Mitteilungsfunktion aus.

Seitdem geht‘s. Seitdem arbeiten wir gut zusammen. An manchen Tagen schaffe ich mein Soll, an manchen nicht, und das ist auch okay. Die Uhr hilft mir. Aber ich bin nicht ihr Angestellter.

In der Bibel heißt es: „Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich“ (1. Korinther 10,23). Das habe ich auch meiner Fitness-Uhr gesagt und sie hat nicht widersprochen.

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22OKT2025
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Jeden Samstag mache ich eine Zeitreise in die Vergangenheit. Ich reise 40 Jahre zurück, in meine Kindheit. Genauer gesagt in meine Schulzeit und noch genauer in den Sportunterricht.

Jeden Samstag fahre ich meine Tochter zu ihren Handballspielen. Ich betrete also jeden Samstag eine Sporthalle. Und in diesem Moment ist alles wieder da: der Geruch nach Schweiß, Reinigungsmitteln und Linoleum. Auch das unangenehme Gefühl ist wieder da, das mich seit meiner Kindheit begleitet.

Ganz ehrlich: Ich habe den Sportunterricht gehasst. Ich war noch nie besonders sportlich und hatte vielleicht auch einfach die falschen Lehrer. Und so war es jedes Mal ein Angang:

Die Angst, vor der ganzen Klasse beim Bockspringen zu versagen. Die Demütigung, als Letzter in die Mannschaft gewählt zu werden. Wie peinlich, den zugespielten Ball nicht gescheit annehmen zu können.

All das ist wieder da am Samstag in der Sporthalle. Aber auch meine Tochter ist da. Zum Glück! Denn bei ihr ist alles anders. Sie liebt ihren Sport, trainiert dreimal die Woche und brennt förmlich, wenn es am Samstag zu den Spielen geht.

Wie der Vater, so zum Glück nicht die Tochter, denke ich und bin froh. Es ist toll zu erleben, dass Kinder nicht zwangsläufig die Geschichten ihrer Eltern wiederholen müssen, sondern neue, eigene Erfahrungen machen können.

Und ich merke: Dank all dem, was ich mit meiner Tochter erleben darf, verändert sich sogar mein Verhältnis zu Sporthallen.

Es ist schon längst nicht mehr so schlimm mit meinen Zeitreisen wie am Anfang. Meine eigene Geschichte bekommt hier gerade - Dank meiner Tochter - ein neues, schöneres Kapitel geschenkt.

„Gott, Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ - das ist der Taufspruch meiner Tochter. Und ja, denke ich, und nicht nur ihre Füße - meine Füße auch!

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21OKT2025
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Petra hat es geschafft. Mit 76 Jahren. Obwohl alle ihr abgeraten haben. „Mach‘s nicht! Du wirst dich nicht zurechtfinden.“ „Deine ganzen Kontakte - die kannst Du doch nicht aufgeben“ „Und überhaupt, in deinem Alter!“

Doch Petra hat es getan. Sie ist umgezogen. Fort aus ihrem Dorf, fort aus der Region, in der sie ihr Leben lang gelebt hat, fort aus ihrer Heimat. Nach Berlin, in eine seniorengerechte Wohnung, mitten in der Stadt.

Petra hat schon immer von Berlin geträumt. Andere fanden die Stadt zu laut, zu kalt, zu unübersichtlich. Petra nicht. Sie hat es immer genossen, dort zu sein. Als ihr Mann noch gelebt hat, sind sie gemeinsam hingefahren. In den letzten Jahren war sie auch alleine immer wieder mal dort.

Besonders Neukölln hat sie fasziniert: die vielen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, die Märkte, auf denen es nach Gewürzen, Hummus und frischen Speisen riecht, die vielen Sprachen - türkisch, arabisch, berlinerisch. - Da ist auf einmal die ganze weite Welt versammelt, die Petra nie bereisen konnte.

Jetzt wohnt sie hier. Ihr Appartement ist klein. Viel kleiner als das Reihenhaus in der alten Heimat. Aber Petra fühlt sich wohl. Es gibt einen Fahrstuhl und mit Bus und U-Bahn ist alles schnell erreichbar. Auch die Leute sind nett.

Petra hat eine Kirchengemeinde gefunden, in die sie geht. Die machen hier ganz andere Sachen als zu Hause, hat sie festgestellt. Zweimal die Woche gibt es zum Beispiel Mittagessen für alle, die mögen. Da geht auch Petra hin, und jedes Mal ist sie erstaunt, dass so viele ganz verschiedene Menschen gut miteinander auskommen.

Petra hat sich vorgenommen, dass sie mal fragt, ob sie auch mithelfen kann im Team. Das würde ihr Spaß machen. Und fit genug fühlt sie sich auch noch.

„Mach Dich auf, geh in ein Land, das ich Dir zeigen werde und du sollst ein Segen sein“. Das sagt Gott in der Bibel zu Abraham. Vielleicht hat er es auch zu Petra gesagt…

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

20OKT2025
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Vor kurzem war ich beim Klassentreffen. Mein Jahrgang hat sich getroffen: 30 Jahre Schulabschluss!

Die Einladungsmail lag sehr lange unbeantwortet in meinem Posteingang. Gehe ich da hin, oder lieber doch nicht? Ich bin direkt nach dem Schulabschluss weggezogen aus meiner Heimatstadt. Meine Eltern leben nicht mehr dort. Kontakt zu ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschülern habe ich kaum noch und wenn, dann nur ganz locker über die sozialen Medien.

„Komm, mach’s einfach!“, sage ich mir am Ende und fahre hin. Mit einem etwas mulmigen Gefühl stehe ich dann vor dem Lokal, in dem die Feier stattfindet. Was wird mich jetzt erwarten und vor allem auch, wer?

Schon auf der Hinfahrt habe ich versucht, mich an alle zu erinnern, was natürlich nicht geklappt hat. In Gedanken bleibe ich bei denen hängen, mit denen ich zu Schulzeiten viel zu tun hatte und bei denen, die ich nicht gemocht habe. Wie werden sie jetzt aussehen - 30 Jahre später? Erkenne ich sie noch? Und umgekehrt? Und was haben wir uns eigentlich zu sagen nach dreißig Jahren? Außer dem Unvermeidlichen: „Wo wohnst du jetzt?“ „Was machst du?“ „Hast du Familie?“, usw.

„Ach egal, du bist schließlich schon groß!“, denke ich und gehe rein. Es wird ein wunderbarer Abend. Ein bisschen unwirklich vielleicht, aber wider Erwarten echt schön.

Als ich dann sehr spät aus dem Lokal komme, bin ich erfüllt von den Eindrücken und Gesprächen: Der Freund aus Grundschulzeiten, der irgendwann mit 16 Jahren in eine ganz andere Richtung wollte als ich. Er hat jetzt einen kleinen Sohn und scheint sehr glücklich zu sein. Die Mitschülerin, die ich immer so anstrengend fand – sie ist wirklich nett. Und einer, dessen Namen mir erst gar nicht eingefallen ist, sagt zu mir: „Du hast dich ja total positiv verändert“.

Ich bin eingetaucht in meine eigene Vergangenheit. Und ich habe gemerkt: sie gehört zu mir. Sie ist immer noch da. Meine Vergangenheit macht mich aus. „Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag, Gott.“ heißt es in der Bibel. Und an diesem Abend hat es sich für mich genau so angefühlt.

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

19OKT2025
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Jetzt im Herbst lässt sich gut wandern bei uns in der Pfalz. In den Weinbergen begegnen einem dabei immer wieder Wegkreuze und kleine Kapellen mitten in den Reben. Orte zum Ausruhen und Innehalten.

Da hängen Andachtsbildchen und Kerzen brennen. Kleine Zeichen von Menschen, die hier ihr Dankgebet gesprochen oder ihre Bitte an Gott geflüstert haben. Manchmal spüre ich fast körperlich, was hier schon alles gesagt, erhofft, erlitten und gelobt wurde.

Mich berührt das. Auch wenn die Bilder nicht meinem Geschmack entsprechen, die Kreuze mir nicht gefallen und die Frömmigkeit mir fremd ist. Trotzdem ich fühle mich mit hineingenommen in die Gotteserfahrung, die andere hier gemacht haben:

Bewahrung unterwegs, Begegnung mit Gott, ein stilles Gelübde – und ich darf teilhaben, auch wenn ich gar nicht weiß, wer vor mir hier gestanden hat. Das Wegkreuz, die kleine Kapelle erzählt davon.

Solche „Kapellen-Momente“ habe ich manchmal auch mit Menschen.

Manchmal passiert es, dass andere mich teilhaben lassen an ihren Erfahrungen mit Gott:
Der junge Mann, der mir erzählt, wie verzweifelt er gebetet hat, als sein Kind krank war.
Die Frau, die mir erklärt, warum sie ein Kopftuch trägt und wie ihr der Glaube im Alltag Kraft gibt.
Die Bekannte, mit der ich zum Grab ihrer Eltern gehe und die dort einen Stein auf den Grabstein legt, weil sie das tröstet.

Sie alle erzählen davon, was ihnen geholfen, was sie berührt, was sie getragen hat. Und ich merke: Das macht auch mich reicher.

Nicht alles kann ich nachvollziehen, nicht alles würde ich auch so machen. Aber der Glaube dieser Menschen berührt mich und macht mir bewusst, was mir wichtig ist und wo meine eigenen Kapellen stehen.

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