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SWR1 3vor8

26DEZ2025
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Heute ist der zweite Weihnachtstag. Für die einen der Reise- und Besuchstag, für andere der Feiertag, an dem Ruhe einkehrt – und für mich: der Tag zum Melancholisch-Werden. Dann kommen Erinnerungen hoch. An vergangene Zeiten, an geliebte Menschen und ihren Verlust, und ja, auch an das, von dem ich im Nachhinein wünschte, es wäre nie geschehen.

In solchen Momenten vertraue ich mich bevorzugt Paul McCartneys Welthit „Yesterday“ an. McCartneys Worte sprechen aus, was ich in meiner Feiertagsmelancholie fühle: sie erzählen von Verlusten und Fehltritten und sehnen sich ins Gestern zurück, als alles noch in Ordnung war.

Ich bin mir sicher, auch in der Weihnachtsgeschichte gibt es auch einen, der ins Gestern zurück möchte: Josef, der Verlobte Marias. Maria ist schwanger – nicht von ihm. Was kann er tun? Sich von seiner Braut trennen, sie Schande und Bestrafung auszusetzen, kommt für ihn nicht in Frage. Aber mit ihr zusammenziehen als ob nichts wäre geht auch nicht. Josefs Lösung: er will Maria verlassen, heimlich. Monatelang denkt er schon darüber nach. Und ich höre ihn seufzen: „Yesterday, all my troubles seemed so far away!“

Der Josef aus der Weihnachtsgeschichte und das lyrische Ich aus McCartneys Song, beide treibt die Sehnsucht nach Gestern um. Doch dorthin zurückkommen können sie nicht. Das gilt auch für mich in meiner Feiertagsmelancholie. Aber was mir Mut macht: Josef und McCartney erfahren auch, wie ihre Sehnsucht nach Gestern Zukunft erhält. McCartney hat erzählt, wie er auf die Melodie seines Liedes gekommen ist. Im Traum! Erst kann er gar nicht glauben, dass diese ungewöhnliche Tonfolge wirklich seine ist. Wochenlang fragt er Freunde und Kollegen, ob sie die Melodie kennen, doch alle schütteln den Kopf. Das Klangmotiv ist seines – ein Traumgeschenk mit Zukunft: McCartney flicht die Sehnsucht nach einem heilen Gestern in diese neue Melodie ein.

Und Josef? Auch er erhält im Traum eine neue Melodie: „Josef, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist“ (Mt 1,20b). In diesem Satz schenkt Gottes Engel Josef Zukunft. Josef versteht: das Kind, das in Maria heranwächst ist Gottes Kind. Josefs Sehnsucht nach Gestern ist diese Zukunft schon monatelang eingeschrieben. Jetzt – endlich – wird ihm das klar und auch welche Rolle er einnehmen soll, wenn Gott selbst auf die Welt kommt: Josef nimmt Maria zu sich und wird zum Hüter des Kindes, durch das Gott allen Menschen nahekommen will – ihm selbst auch. Genau darauf hoffe ich in meiner Feiertagsmelancholie: dass Gott mein Zurückwollen aufgreift und nach vorne wendet. Träumen scheint dabei nicht das Schlechteste zu sein.

Frohe Weihnachten!

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SWR1 3vor8

01NOV2025
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Heute ist der erste November: Allerheiligen. Eigentlich ist das ein katholischer Feiertag.

An der Grundschule, an der ich unterrichte, haben wir uns ökumenisch auf die Suche gemacht. Evangelische und katholische Kinder zusammen haben überlegt: Wer sind denn diese Heiligen, an die heute gedacht wird? Und wo begegnen uns eigentlich Heilige?

„Wer von Euch kennt denn einen Heiligen?“ frage ich. Und sofort schnellt der Finger eines Jungen in die Luft. Er ist katholisch, und der Heilige Stephanus hat es ihm besonders angetan. „Dem ist unsere Kirche geweiht“, sagt er mit leuchtenden Augen.

Der Junge weiß noch mehr: Zum Beispiel, dass Stephanus in der allerersten christlichen Gemeinde in Jerusalem mitgearbeitet hat. Und dass er für seinen Glauben sogar gestorben ist. Die Bibel erzählt davon: Wie er wegen seines Bekenntnisses zu Christus angefeindet worden ist. Und wie ihn eine aufgebrachte Menschenmenge schließlich gesteinigt hat. „Deshalb“ erzählt mein Schüler weiter „wird Stephanus oft mit Steinen in der Hand dargestellt. Und er ist der Schutzheilige der Maurer!“

Ich bin aber kein Maurer.“ sagt darauf ein anderer Junge „Und sterben will ich auch nicht.“

Einen Moment lang ist es still im Klassenzimmer. Dann erzähle ich von meinem Lieblingsheiligen, dem heiligen Judas Thaddäus. Der ist nämlich der Heilige für hoffnungslose Fälle. In Mexico z.B. haben ihn kriminelle Banden zu ihrem Schutzpatron auserkoren – vielleicht, weil viele gezwungen werden, mitzumachen. Und weil es so hoffnungslos erscheint, wieder auszusteigen und ein friedliches Leben zu führen.

Der Heilige Judas zeigt mir: Vor Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Da ist jede und jeder wert, gerettet zu werden und sei es vor sich selbst.

Auch Judas Thaddäus ist der Legende nach für seinen Glauben gestorben. Aber genau deshalb bitten ihn bis heute viele Menschen um Hilfe – grade dann, wenn es richtig schwierig wird im Leben. Oder wenn jemand merkt, dass er absolut kein Heiliger ist, sondern einfach nur ein sterblicher Mensch.

Ich weiß nicht, ob meine Schülerinnen und Schüler mit den Heiligen jetzt mehr anfangen können. Mich jedenfalls haben sie weiter beschäftigt. Und auch die Frage, was mich mit ihnen eigentlich verbindet. Und ich meine: Es ist unser gemeinsamer Glaube an Jesus Christus. Vielleicht ist meiner nicht so stark wie der von Stephanus oder dem Heiligen Judas Thaddäus. Aber er ist da. Mein Glaube, dass Christus an meiner Seite ist. Dass er mich rettet, mich heiligt, auch wenn ich mich gar nicht so fühle und nichts mehr tun kann. Christus schenkt mir das Vertrauen: Vor Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43242
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