SWR1 3vor8
In dem rheinhessischen Ort, in dem ich wohne, soll ein Wolf unterwegs gewesen sein. Angeblich ist er dabei der Schafsherde am Ortsrand verdächtig nahegekommen. Bei der Abschlussandacht unserer Osterferienbetreuung überlegen die Kinder und ich gemeinsam: wie kann der Bauer seine Schafe schützen?
Die Vorschläge sprudeln: Elektrozäune, Schäferkarren, Hütehunde. „Wie wäre es denn mit einem Esel?“, steuere ich eine Idee bei. Und ernte Protest! Der muss ja selber aufpassen, dass er nicht zur Beute wird lautet die einhellige Meinung. Stimmt, meine ich, aber trotzdem: So ein Esel ist nicht zu unterschätzen. Der flieht nicht. Der bleibt bei „seiner“ Schafherde und wenn Gefahr droht, steht er ihr bei. „Ganz schön dumm“, meint ein Junge, „was ist, wenn der dabei stirbt?“ „Also ich finde es gut, wenn einer für andere da ist“, widerspricht einer.
Ich zeige den Kindern das Bild, das ich mitgebracht habe. Darauf zu sehen: Ein Junge, der auf Jesus am Kreuz blickt. Das ungewöhnliche dabei: Jesus ist mit einem Eselskopf dargestellt. Ich lese die Inschrift auf dem Bild vor. Übersetzt steht da: „Alexamenos betet Gott an!“
Das Bild ist über 1800 Jahre alt und stammt aus dem alten Rom. Eigentlich ist es nur eine Kritzelei. Von Schülerhand in eine Hauswand geritzt macht sich das Graffito über einen Jungen namens Alexamenos und seinen Glauben an Jesus lustig. Sie ist eine Karikatur, ein Spottbild. Meinen Kindern aus der Ferienbetreuung fällt sofort auf warum: „Der Jesus da hat ja einen Eselskopf“ ruft ein Mädchen. „Ganz schön dumm“, wiederholt der Junge, „Jesus ist wirklich ein Esel, wenn er am Kreuz stirbt, statt rechtzeitig davonzulaufen.“
Ein älteres Mädchen betrachtet nachdenklich den Jesus mit dem Eselskopf. „Eigentlich ist das gar nicht dumm“, meint sie plötzlich: „Das Bild stimmt, gerade weil Jesus nicht davongelaufen ist. Er ist geblieben. Und der Esel bei einer Schafherde tut das auch. Der bleibt da, auch, wenn es gefährlich wird.“
Ich denke nach. Was das Mädchen gesagt hat, beeindruckt mich. Es verdeutlicht mir, dass der Esel in dem Bild genau seinen richtigen Platz gefunden hat – bei Jesus, so eng wie möglich. Der angeblich dumme Esel hilft mir zu glauben, dass es sich lohnt, die Nähe von Jesus zu suchen. Beim „Wort vom Kreuz“ wie das der Apostel Paulus nennt (1. Kor 1,18) zu bleiben. Wie ein Esel, der bereit ist, für andere da zu sein – sogar in Todesgefahr.
Während sich die Kinder zum Aufbruch bereitmachen frage ich: „Ist es denn wirklich so dumm, dass Gott die, die zu ihm gehören, selbst im Tod nicht allein lässt?“ Aus 20 Kehlen schallt mir ein entschiedenes „Nein“ entgegen.
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Als Jugendlicher habe ich zum ersten Mal erlebt wie sich Beklemmung anfühlt: als würde es einem den Brustkorb einschnüren – ganz schrecklich. Ich war damals nachts mit Freunden unterwegs. Den letzten Zug hatten wir verpasst. Deshalb mussten wir laufen, immer an den Gleisen entlang. Als wir aus der Bahnhofsbeleuchtung heraustreten umschließt uns Finsternis. Von nun an läuft Angst mit. Bald konzentrieren wir uns nur noch auf das Wesentliche: einatmen, ausatmen. Dann, die Wende: Ein Freund stimmt ein Volkslied aus dem Musikunterricht an. Ausgerechnet. Im Unterricht haben wir dies Lied häufig gesungen und ebenso häufig belächelt. Aber wir kennen es. Alle. Erleichtert stimmen wir ein – auch der, der sonst nie mitsingt. Etwas Wunderbares geschieht und wir werden zu einem Klangkörper, dem die Finsternis nichts mehr anhaben kann.
Damals am Bahndamm habe ich gespürt: Dieser klingende Moment ist uns geschenkt, das ist eine Rettung, die hat nicht nur mit uns zu tun. Und andererseits hat diese Rettung nur mit uns zu tun. Denn auch wenn es an den Bahngleisen finster bleibt: für uns hat sich mit dem Gesang alles verändert.
Viel später habe ich diese Motive in einer Bibelgeschichte wiedergefunden. Sie gehört zum heutigen Sonntag Kantate, dem Sonntag, der dem Lobgesang zu Gott gewidmet ist: Der Apostel Paulus und sein Begleiter Silas sind im Gefängnis - einem Ort ultimativer Angst. Dort sind sie hineingeraten, weil sie öffentlich von ihrem Glauben erzählt haben. An ihrem Glauben halten die beiden fest, auch wenn sie nun dicke Mauern umgeben und ihre Füße im Holzblock stecken. Um Mitternacht umschließt sie tiefe Finsternis.
Ich stelle mir vor, wie die beiden ein- und ausatmen und dann – so weiß der Text – singen (Apg 16,25). Ihren Gesang adressieren sie an Gott, der ihnen ihren Lebensatem geschenkt und in seinem Sohn ihre Finsternis geteilt und überwunden hat. Diese wunderbare Verbindung wirkt. Paulus und Silas spüren wie die Gefängnismauern in ihren Grundfesten wanken, sich die Holzfesseln lösen und sich die Zellentüren öffnen.
Und obwohl es in ihrer Gefängniszelle immer noch finster und dunkel ist, bleiben sie dort. Der Ort hat sich nicht verändert, aber für Paulus und Silas hat sich etwas verändert, auch ihnen wurde eine Rettung geschenkt: Sie haben sich freigesungen von ihrer Angst. Und sie bleiben – ausgerechnet wegen des Gefängniswärters. Der eilt schnell in Paulus und Silas Zelle. Sind die Gefangenen geflohen, muss er den Kopf hinhalten. Im Schein der Fackel, die er mitgebracht hat geht ihm ein Licht auf: Die Gefangenen sind noch da. Seinetwegen! Auch er wird ein Teil dieses Klangraums, dieser rettenden Verbindung zu Gott. Diese Rettung strahlt aus und führt zusammen wie ein Lied in der Finsternis!
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Mein eindrücklichster Ostermoment? Den habe ich auf freiem Feld im Dunkeln erlebt. Ich weiß noch: Zusammen mit zwei Freunden bin ich auf einer Hochzeitsparty. Die liegt irgendwann in den letzten Zügen. Aber ein Freund und ich haben noch nicht genug. Es gibt noch viel zu erzählen und viele Lieder zu singen – kurzerhand greifen wir uns einen Kasten Bier und zwei Campingstühle. Zwei Freunde und ein Kasten Bier, so marschieren wir los. Rasch landen wir auf einem frisch gepflügten Acker. Wir bauen die Campingstühle auf, setzen uns und merken: die Luft ist raus, wir haben uns übernommen! Die Bierflaschen bleiben ungeöffnet, die Gespräche plätschern müde dahin, kreisen irgendwann ums Älterwerden. Lust auf Singen haben wir auch nicht mehr. Schließlich ist da nur noch Schweigen und eine dunkle Kälte, der wir in T-Shirt und kurzer Hose tapfer trotzen. Einfach so weggehen geht nicht. Irgendetwas kommt da noch, da sind wir uns einig. Doch der schwarze Ackerboden schweigt unbestechlich. Als sich der Himmel langsam verfärbt und am Horizont ein erster Lichtstreifen zu erahnen ist haben wir genug. Schlotternd stehen wir auf und wollen gerade den Bierkasten anheben – da hören wir dieses merkwürdige Geräusch. Unweit von uns raschelt es, dann erhebt sich aus dem schwarzen Acker ein Schatten. Steil steigt er auf. „Ein Vogel“ wird mir klar. Er scheint direkt in das schwache Morgenlicht hineinzufliegen – „dem Himmel so nahe“ denke ich bewundernd. Plötzlich hält der Vogel inne und schlägt rüttelnd mit den Flügeln. „Eine Lerche“, meint mein Freund noch, dann verstummt er, denn mit einem Mal zirpt und flötet es über uns, als wollte das kleine Tier dem zartrosa Himmel ein Ständchen singen. Schlagartig breitet sich in mir ein überwältigendes Sommergefühl aus, Sorgen und Kälte fallen von mir ab. Der Gesang spielt mit unzähligen Melodien, tönt gleichzeitig besänftigend und aufrüttelnd. Welch eine Befreiung! Und uns fällt die Zeile eines unserer Lieblingslieder ein: „The lark sings first, and the first sings best!“ Die Lerche singt als erstes – wenn die lange Nacht vergangen ist.
Wie sich dieser kleine Vogel vom kalten Ackerboden gelöst hat, aufgeflogen – ja – eigentlich in den Himmel aufgefahren ist und Licht und Leben begrüßt hat: das war mein eindrücklichstes Ostererlebnis.
Christus ist auferstanden! Frohe Ostern!
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Heute ist der zweite Weihnachtstag. Für die einen der Reise- und Besuchstag, für andere der Feiertag, an dem Ruhe einkehrt – und für mich: der Tag zum Melancholisch-Werden. Dann kommen Erinnerungen hoch. An vergangene Zeiten, an geliebte Menschen und ihren Verlust, und ja, auch an das, von dem ich im Nachhinein wünschte, es wäre nie geschehen.
In solchen Momenten vertraue ich mich bevorzugt Paul McCartneys Welthit „Yesterday“ an. McCartneys Worte sprechen aus, was ich in meiner Feiertagsmelancholie fühle: sie erzählen von Verlusten und Fehltritten und sehnen sich ins Gestern zurück, als alles noch in Ordnung war.
Ich bin mir sicher, auch in der Weihnachtsgeschichte gibt es auch einen, der ins Gestern zurück möchte: Josef, der Verlobte Marias. Maria ist schwanger – nicht von ihm. Was kann er tun? Sich von seiner Braut trennen, sie Schande und Bestrafung auszusetzen, kommt für ihn nicht in Frage. Aber mit ihr zusammenziehen als ob nichts wäre geht auch nicht. Josefs Lösung: er will Maria verlassen, heimlich. Monatelang denkt er schon darüber nach. Und ich höre ihn seufzen: „Yesterday, all my troubles seemed so far away!“
Der Josef aus der Weihnachtsgeschichte und das lyrische Ich aus McCartneys Song, beide treibt die Sehnsucht nach Gestern um. Doch dorthin zurückkommen können sie nicht. Das gilt auch für mich in meiner Feiertagsmelancholie. Aber was mir Mut macht: Josef und McCartney erfahren auch, wie ihre Sehnsucht nach Gestern Zukunft erhält. McCartney hat erzählt, wie er auf die Melodie seines Liedes gekommen ist. Im Traum! Erst kann er gar nicht glauben, dass diese ungewöhnliche Tonfolge wirklich seine ist. Wochenlang fragt er Freunde und Kollegen, ob sie die Melodie kennen, doch alle schütteln den Kopf. Das Klangmotiv ist seines – ein Traumgeschenk mit Zukunft: McCartney flicht die Sehnsucht nach einem heilen Gestern in diese neue Melodie ein.
Und Josef? Auch er erhält im Traum eine neue Melodie: „Josef, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist“ (Mt 1,20b). In diesem Satz schenkt Gottes Engel Josef Zukunft. Josef versteht: das Kind, das in Maria heranwächst ist Gottes Kind. Josefs Sehnsucht nach Gestern ist diese Zukunft schon monatelang eingeschrieben. Jetzt – endlich – wird ihm das klar und auch welche Rolle er einnehmen soll, wenn Gott selbst auf die Welt kommt: Josef nimmt Maria zu sich und wird zum Hüter des Kindes, durch das Gott allen Menschen nahekommen will – ihm selbst auch. Genau darauf hoffe ich in meiner Feiertagsmelancholie: dass Gott mein Zurückwollen aufgreift und nach vorne wendet. Träumen scheint dabei nicht das Schlechteste zu sein.
Frohe Weihnachten!
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Heute ist der erste November: Allerheiligen. Eigentlich ist das ein katholischer Feiertag.
An der Grundschule, an der ich unterrichte, haben wir uns ökumenisch auf die Suche gemacht. Evangelische und katholische Kinder zusammen haben überlegt: Wer sind denn diese Heiligen, an die heute gedacht wird? Und wo begegnen uns eigentlich Heilige?
„Wer von Euch kennt denn einen Heiligen?“ frage ich. Und sofort schnellt der Finger eines Jungen in die Luft. Er ist katholisch, und der Heilige Stephanus hat es ihm besonders angetan. „Dem ist unsere Kirche geweiht“, sagt er mit leuchtenden Augen.
Der Junge weiß noch mehr: Zum Beispiel, dass Stephanus in der allerersten christlichen Gemeinde in Jerusalem mitgearbeitet hat. Und dass er für seinen Glauben sogar gestorben ist. Die Bibel erzählt davon: Wie er wegen seines Bekenntnisses zu Christus angefeindet worden ist. Und wie ihn eine aufgebrachte Menschenmenge schließlich gesteinigt hat. „Deshalb“ erzählt mein Schüler weiter „wird Stephanus oft mit Steinen in der Hand dargestellt. Und er ist der Schutzheilige der Maurer!“
„Ich bin aber kein Maurer.“ sagt darauf ein anderer Junge „Und sterben will ich auch nicht.“
Einen Moment lang ist es still im Klassenzimmer. Dann erzähle ich von meinem Lieblingsheiligen, dem heiligen Judas Thaddäus. Der ist nämlich der Heilige für hoffnungslose Fälle. In Mexico z.B. haben ihn kriminelle Banden zu ihrem Schutzpatron auserkoren – vielleicht, weil viele gezwungen werden, mitzumachen. Und weil es so hoffnungslos erscheint, wieder auszusteigen und ein friedliches Leben zu führen.
Der Heilige Judas zeigt mir: Vor Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Da ist jede und jeder wert, gerettet zu werden und sei es vor sich selbst.
Auch Judas Thaddäus ist der Legende nach für seinen Glauben gestorben. Aber genau deshalb bitten ihn bis heute viele Menschen um Hilfe – grade dann, wenn es richtig schwierig wird im Leben. Oder wenn jemand merkt, dass er absolut kein Heiliger ist, sondern einfach nur ein sterblicher Mensch.
Ich weiß nicht, ob meine Schülerinnen und Schüler mit den Heiligen jetzt mehr anfangen können. Mich jedenfalls haben sie weiter beschäftigt. Und auch die Frage, was mich mit ihnen eigentlich verbindet. Und ich meine: Es ist unser gemeinsamer Glaube an Jesus Christus. Vielleicht ist meiner nicht so stark wie der von Stephanus oder dem Heiligen Judas Thaddäus. Aber er ist da. Mein Glaube, dass Christus an meiner Seite ist. Dass er mich rettet, mich heiligt, auch wenn ich mich gar nicht so fühle und nichts mehr tun kann. Christus schenkt mir das Vertrauen: Vor Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle.
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