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SWR Kultur Wort zum Tag
Ich brauche morgens beim Aufstehen lange, bis ich richtig wach bin und erfasse, was meine Augen sehen. Nach zwei, drei Tassen Tee ist es so weit, und dann schaue ich auch in den Spiegel – oder auch erst, wenn ich aus dem Haus gehe. Eine viel aufgewecktere Morgenroutine begegnet mir in diesen Worten: „Ich danke Gott und freue mich/wie’s Kind zur Weihnachtsgabe, dass ich bin, bin! Und dass ich dich, schön menschlich‘ Antlitz, habe.“ Sie stammen von Matthias Claudius und sind so alt, wie sie klingen, gut 200 Jahre. Bekannt ist sein Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“. Aber hier bewundert er nicht den Mond, sondern sein Gesicht; und seine kindliche Freude daran kann ich direkt spüren. Mensch. Schön, dich zu sehen. Klasse, dass es dich gibt. Sagt da einer zu sich selbst. Was lässt ihn so begeistert sein? Was macht ein menschliches Gesicht schön? Für Matthias Claudius ist es:
„Dass ich Sonne, Berg und Meer,/ und Laub und Gras kann sehen./ Und abends unterm Sternenheer und lieben Monde gehen“, schreibt er weiter. Sich in der Welt zu sehen, das macht ihn glücklich. Er genießt es, in der Natur unterwegs zu sein, ihre Schönheit zu betrachten und ihre Rhythmen wahrzunehmen. Offensichtlich freut er sich an ihr.
Ich beneide ihn um seine Unbefangenheit – und ja, klar, um die so viel gesündere Natur, in der er gelebt hat: noch vor der Industrialisierung, weit entfernt von der Globalisierung und der Erderhitzung. Der Erde ging es viel besser damals. Und vielen Menschen deutlich schlechter. Das Leben war hart für alle, die arm waren. Matthias Claudius selbst hatte keine stabile Gesundheit, er lebte lang in prekären Verhältnissen und beruflicher Unsicherheit. Und sagt dazu in seinem Gedicht: „Auch bet' ich Gott von Herzen an,/ daß ich auf dieser Erde/Nicht bin ein großer reicher Mann, Und auch wohl keiner werde./Denn all das Geld und all das Gut gewährt zwar viele Sachen;/Gesundheit, Schlaf und guten Mut/kanns aber doch nicht machen“.
Zufriedene Gelassenheit strahlt Matthias Claudius aus; aber er ist weder naiv noch selbstzufrieden. „Täglich zu singen“, heißt die Überschrift über sein Gedicht: da sucht einer jeden Tag neu den Einklang mit der Welt, findet Akzeptanz und teilt sie mit.
Ich will mich von der Beschaulichkeit des 18. Jahrhunderts nicht an der falschen Stelle beruhigen lassen. Aber ich glaube, unserem Miteinander und allen Geschöpfen des 21. Jahrhundert würde es guttun, wenn mehr Menschen so eine Haltung einnehmen könnten: im Frieden mit sich selbst, positiv verbunden mit der nichtmenschlichen Schöpfung, und, zuallererst: der Welt menschlich zugewandt. Und darum schön.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45140SWR Kultur Wort zum Tag
Im Sommer habe ich in meinem Urlaub in Schweden einen Nachmittag lang im Wald Heidelbeeren gepflückt. Ich war allein, und es war sehr still, dabei rauschte der Wind in den Bäumen. Fröhlich-verspielt klang das und hat große Leichtigkeit und Ruhe verbreitet.
Alle Farben sind da um mich herum. Alle Farben des Regenbogens, ganz unspektakulär, fast unscheinbar. Und ganz selbstverständlich.
„Erinnert euch an den Regenbogen
An diesem Nachmittag im Heidelbeerwald habe ich zwischen all den Farben darüber nachgedacht, worin dieser Unterschied besteht, von dem Dorothee Sölle spricht: Denn „es macht einen Unterschied, ob in unserem Leben ein Regenbogen vorkommt“. Es macht einen Unterschied gerade in diesem Sommer – weil er mich daran erinnert, dass eine Katastrophe nicht das Ende ist. Und es hat ja Katastrophen gegeben im Sommer: Waldbrände und die Sturzflut in Nepal … In der Bibel macht Gott den Regenbogen zum Zeichen für den Neuanfang des Lebens nach der Sintflut. Der Regenbogen erinnert uns: zerstörerische Kräfte sind beherrschbar. Es gibt eine Verbindung zwischen Himmel und Erde, die das Leben erhalten will. Die Elemente der Erde, das commitment der Menschen und die Lebenskraft Gottes sind ein starker Bund gegen alles Lebensfeindliche.
In die Dürre und Dunkelheit von Herbst und Winter nehme ich vom sommerlichen Heidelbeerpflücken mit: Die Erinnerung an den Regenbogen mit seinen sieben Farben des Lichts, ein süßes Glas Marmelade und eine erstaunliche Kraft im Herzen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45139SWR Kultur Wort zum Tag
Ich mag es, in neuen Städten unterwegs zu sein und mir das Leben in ihnen vorzustellen. Viele Eindrücke und Anregungen nehme ich da mit.
Erholung aber finde ich in der Natur. Mindestens eine Woche will ich im Urlaub draußen sein und Wind, Sonne und Wasser direkt auf der Haut spüren, und die Erde unter meinen Füßen. So mit der Natur verbunden geht es mir gut.
In diesem Sommer war ich in Schweden, in einem roten Holzhaus auf Felsen am See zwischen Birken und Heidelbeeren. Jeden Morgen und jeden Abend war ich im Wasser. Oft war der See genauso warm wie die Luft, und weich und anschmiegsam. Die Minuten im See haben mir am Morgen Energie gebracht und am Abend Ruhe. Es ist nicht viel passiert in diesen Tagen. Das war wunderbar. Sehr einfach. Sehr elementar. Im wahrsten Sinn des Wortes: Nah an den Elementen, an dreien von ihnen: Erde, Luft und Wasser.
Eine ideale kleine Welt. So anders als an vielen anderen Orten in Europa in diesem Sommer. Ich konnte einfach leben. Ich habe einfach gelebt. Spürbar verbunden mit der Natur, die an diesem Fleck der Welt im Gleichgewicht schien.
„Merkwürdig, dass wir in Zeiten leben, in denen ‚naturverbunden‘ als Charaktereigenschaft gilt, nicht als Existenzbedingung“, sagt der Schriftsteller John von Düffel. Als Student war er oft einsam. Das Wandern hat ihn gerettet. Er beschreibt es so: „Die Isolation hört in dem Moment auf, in dem ich mich ins Verhältnis setze, und sei es zu einem Stein am Wegrand, einem Baum auf einem Hügel, einer Landschaft, einem Tier. Ich werde nicht vergessen, dass es die Relation ist, die rettet“.
Das ist auch die Überzeugung der kirchlichen Initiative „Schöpfungszeit“ vom 1. September bis 4. Oktober. Mit vielen Kolleginnen und Kollegen schreibe ich seit vier Jahren die „Impulse für die Schöpfungszeit“: ein kurzer Gedanke, ein praktischer Hinweis für jeden Tag. Wer sich bei der evangelischen Erwachsenenbildung in Freiburg per E-Mail anmeldet, findet ihn frühmorgens im Postfach, mit einem Link zum Anhören. Mir helfen die „Impulse für die Schöpfungszeit“, meine Naturverbundenheit theologisch zu reflektieren und praktisch zu leben. Auch nach dem Urlaub.
Denn mein Alltag in der Stadt ist weit entfernt vom schwedischen Haus am See. Was aber auch zuhause geht: ich mache morgens erstmal weit das Fenster auf und schaue in den Himmel. Ich gehe barfuß nach draußen.
Vor den Nachrichten im Radio und vor den Neuigkeiten auf meinem Smartphone sagen mir die Nase in der Luft und die Füße auf der Erde, wie es um meine Welt heute bestellt ist. Naturverbunden beginne ich den Tag.
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Di. 01.09.2026 - So. 04.10.2026 - Tägliche Anregungen zur Selbstbesinnung
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SWR Kultur Wort zum Tag
Lena ist zwei Jahre alt und die Tochter meines Kollegen Tobi. Neulich ist sie ganz erschüttert vom Kinderturnen zurückgekommen, erzählt er. Er sieht ihr unglückliches Gesicht, als sie an der Hand ihrer Mutter nach Hause kommt, und fragt: „Hast du dir wehgetan? Hast du ein Aua?“, und sie nickt heftig. – „Wo ist denn das Aua, Lena? Am Bauch?“ - Lena schüttelt den Kopf. – „Sind es die Füße?“ – Die sind es auch nicht. – „Ist das Aua am Kopf?“ – Auch da scheint der Schmerz nicht festzumachen zu sein, und auch nicht an den Armen, den Knien oder dem Rücken. Mein Kollege ist besorgt und ratlos - was für ein Schmerz quält seine Tochter? Schließlich sagt sie: „Ganze Lena aua!“ Und die Mutter, die dabei war, berichtet: Lena hat sich gar nicht selbst verletzt. Ein anderer Junge aber ist aus vollem Lauf gefallen und hat nach seinem Sturz markerschütternd laut geweint. Das hat Lena wehgetan. Dass einer neben ihr plötzlich laut schreit vor Schmerz, hat auch sie im Innersten getroffen. „Ganze Lena aua“.
Wie erschütternd für sie und ihre Eltern, dass man einen fremden Schmerz so deutlich spüren kann. Wie gut Lena zum Ausdruck bringen konnte, was das mit ihr gemacht hat.
Mich beschäftigt dieses Erlebnis, weil es so eindrücklich eine unmittelbare menschliche Reaktion zeigt auf den Schmerz, den jemand neben mir hat und einfach hinausschreit. Lena fühlt den Schreck, das laute Weinen, das Unglück des Jungen ganz als ihren eigenen Schmerz. Sie ist jetzt noch klein, gerade mal zwei; später wird sie leichter unterscheiden können zwischen sich und anderen. Sie wird lernen, wie sie anderen helfen kann, wenn ihnen etwas wehtut – und wie sie sich selbst davor schützen kann, dass der Schmerz anderer bei ihr ganz körperlich wird. Vielleicht ist alles Laute für Lena unangenehm und sie war darum so erschüttert. Vielleicht ist sie aber auch besonders schmerzempfindlich, wenn es um andere geht, besonders mitfühlend. Was für eine wichtige Eigenschaft! Mitlachen, mitweinen, mitfühlen, mitschweigen, mithelfen: das stärkt den Zusammenhalt. Mitgefühl ist eine Fähigkeit, ohne die das Zusammenleben von Menschen nicht gelingt. „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden“: aus der Bibel, von Paulus stammt der Satz. Wenn jemand mitfühlt, spüre ich: Ich bin nicht allein. Wir sind miteinander verbunden. Und zwar nicht nur, wenn es um schöne Gefühle geht – sondern auch da, wo es wehtut.
Empathisch sein: eine tolle Eigenschaft. Zusammen mit der Widerstandfähigkeit, um sich von den vielen schmerzhaften Gefühlen in der Welt nicht überschwemmen zu lassen. Das weiß Paulus offenbar auch: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde Böses mit Gutem!“ Ich denke, Lena hat das Zeug dazu.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44575SWR Kultur Wort zum Tag
Meine Großnichte Nila hat ihren Schatten entdeckt. Ich war nicht dabei, aber in unserer Online-Familiengruppe schaue ich mir das Video immer wieder an: Ein heller Sommermorgen. Die Sonne scheint, und Nila stapft mit ihrer Mutter über einen stillen Parkplatz. 14 Monate ist sie alt, und schräg vor ihr her läuft ihr Schatten. Es dauert eine Weile, ehe Nila ihn sieht. Sie bleibt stehen. Er rührt sich nicht. Lange betrachtet sie die dunkle Gestalt auf dem Boden, streckt schließlich die Hand nach ihm aus - und fasst ins Leere.
„Ja“, sagt ihre Mutter lächelnd. „Das ist dein Schatten.“ Nila geht in die Hocke, schaut sich das Ganze näher an und greift nochmal ins Schwarze. Da stimmt was nicht. Das ist unheimlich. Unruhig schaut sie zur Mutter. „Alles gut, Nila, das ist doch nur dein Schatten.“ Nila macht schnellere Schritte – die dunkle Gestalt auch. Sie lässt sich auf den Boden plumpsen, und groß und dunkel sitzt ihr Schatten vor ihr. Erschrocken schaut sie zur Mutter. Der Film endet. Denn Nila braucht ihre Mutter jetzt ganz bei sich.
Den eigenen Schatten wahrnehmen. Wie groß und dunkel er ist, und erkennen, dass die anderen meine Schattenseiten womöglich auch deutlich gesehen haben – darüber bin ich auch schon ordentlich erschrocken. Was, diese dunkle Seite gehört zu mir, diese negative Eigenschaft? So feige bin ich, so hart, so laut? Das soll niemand sehen. Da will ich selbst nicht hinschauen. So will ich doch gar nicht sein.
Wegschauen oder den Schatten verleugnen hilft aber nicht. Was wahr ist, was da ist, verschwindet nicht, wenn ich nicht hinschaue. Eher wird es für alle noch offensichtlicher. Nila hat es schon ganz richtig gemacht: sie hat sich mit ihrem Schatten beschäftigt. Ihre Mutter hat ihr dabei geholfen. Und da hat diese dunkle Gestalt ihren Schrecken verloren.
„Liebt eure Feinde!“, sagt Jesus in der Bergpredigt. (Mt 5,44) Meistens denke ich bei Feinden an andere Menschen, die ich nicht leiden kann – Leute mit unfreundlichem Benehmen, unmöglichen Einstellungen. Aber da gibt es auch Eigenschaften in mir, die ich zu meinen inneren Feinden erklärt habe, eigene ungeliebte Seiten …
Was, wenn ich das unangenehm Dunkle in mir nicht länger feindlich, sondern liebevoll anschaue? Wenn ich vor meinem Schatten nicht davonrenne, sehe ich ihn besser: Aha, da bist du. So siehst du also aus. Gar nicht so groß…
Wenn ich meine Schattenseiten nicht bekämpfe und abwehre, können sie sich zeigen – und werden friedlicher, habe ich den Eindruck. Das macht mich entspannter. Ich finde sie immer noch nicht toll, diese Eigenschaften von mir. Aber sie haben ihren Schrecken verloren. Manchmal kann ich sogar über sie lachen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44574SWR Kultur Wort zum Tag
Unsere Tochter war noch richtig klein, dreieinhalb vielleicht, und hat sehr unerschrocken die Welt erobert: sie ist losgerannt und irgendwo raufgeklettert, sie ist Bällen entgegengesprungen und ins Wasser gehüpft.
Auf einem Spaziergang war sie mal wieder vorausgelaufen und dabei, eine Mauer hochzuklettern. Ich hab ihr zugerufen: „Warte auf mich! Runterkommen ist schwerer als rauf - ich mache mir Sorgen, wenn Du allein so hoch kletterst!“ Tatsächlich hat sie auf mich gewartet. Als ich bei ihr war, ist sie die Mauer hochgeklettert und von oben in meine Arme gesprungen. Und dann – ich werde es nie vergessen – hat sie mich gefragt: „Mama, was sind Sorgen?“.
Ich weiß heute nicht mehr, was ich damals geantwortet habe. Aber noch heute spüre ich das Glücksgefühl, das mich bei dieser Frage überschwemmt hat. Keine Sorgen kennen. Loslaufen und vertrauen, dass es gutgeht. Kindliches Zutrauen haben in das, was in mir steckt – und in die Welt, die mich umgibt. Was für ein großes Glück, wenn ein Kind mit diesem Lebensgefühl aufwächst. Wenn es noch keine Ahnung hat, was Sorgen sind. Was war ich froh, dass meine Tochter offenbar keinen Zustand kannte, zu dem dieses Wort gepasst hätte. Fest habe ich sie damals an mich gedrückt.
Als Erwachsene haben wir diesen unbeschwerten Zustand längst hinter uns gelassen.
Erwachsene haben Sorgen. Und Erwachsene machen sich Sorgen - beides. Und ganz viele Kinder und Jugendlichen übrigens auch. Und ja: Sorge tragen, damit eine Sache gut geht, das gehört zum Erwachsenwerden. Es gibt schon Sorgen, um dich ich mich kümmern muss – und auch kann. Das fühlt sich dann gut an. Anders ist es mit großen Sorgen, die sich wie eine unüberwindliche Mauer vor mir aufbauen.
„Macht euch keine Sorgen!“, sagt Jesus in der Bergpredigt. Immer wieder stolpere ich über diesen kurzen Satz. Aber dann gehe ich in ein Zwiegespräch mit dem Mann, der ihn gesagt hat: Dir nehme ich das ab, Jesus. Bei allem, was ich von Dir weiß: Du warst nie naiv, unterwegs in einem militärisch besetzten Land ohne festen Wohnsitz und oft hungrig. Deine Zeit war nicht einfacher oder friedlicher als meine. Und du hast vertraut, dass Gott, dein „himmlischer Vater“, es gut meint mit dir und der Welt. Dir nehme ich dein kindliches Vertrauen ab. In einen, der immer da ist, wenn‘s drauf ankommt. Du hast Dich verlassen auf diese unerschütterliche unsichtbare himmlische Instanz. „Macht euch keine Sorgen“ – du weißt, was das heißt. Dir glaube ich das. Und auf hohe Sorgenmauern - klettere ich nur mit deiner Hilfe. Ich glaube: du fängst mich auf.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44573SWR Kultur Wort zum Tag
Wer es noch nicht gesehen hat, kann es sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen: In der Freiburger Thomaskirche gibt es seit genau zwei Jahren eine Himmelsschaukel. Im schönen hohen Kirchenraum aus den 60er Jahren wird unter der Woche eine Liegeschaukel aufgehängt, die Stühle an die Wand geräumt, der Altar in die Sakristei gerollt. An zwölf Meter langen Seilen und ganz nah am Boden hängt der Schaukelkorb: Ein stabiles Geflecht, in dem eine erwachsene Person bequem Platz hat, oder zwei, wenn sie sich eng aneinanderlegen.
Sich selbst in Schwung bringen, das funktioniert nicht bei dieser Schaukel. Jemand von außen gibt Anschwung. Weil ich selbst so gern in der Schaukel bin, habe ich mich als ehrenamtliche Anschauklerin gemeldet und begleite jetzt Menschen beim Schaukeln. Außer für den anfänglichen Anschubser stehe ich auch für Gespräche zur Verfügung. Denn das langsame Hin- und Herschwingen bewegt die Menschen auch innerlich. Fünf, zehn oder 20 Minuten in der Schaukel sein, das kann große Gefühle auslösen. Oft schaue ich in strahlende Gesichter. Nicht wenige haben Tränen in den Augen. Manche sagen gar nichts. Andere schütten mir ihr Herz aus. Ich finde: die Schaukel ist ein Segen.
An einem Freitag im Februar kommen Mitarbeitende einer Firma aus dem Industriegebiet um die Ecke, sie machen einen Teamausflug zur Himmelsschaukel. Der Letzte in der Runde bleibt lange in der Schaukel liegen. Leise sagt er beim Aufstehen: „Ich habe seit Jahren das erste Mal wieder gebetet“.
An diesem Tag ist viel los. Noch eine zweite Gruppe kommt: eine Mitarbeiterin, die in den Ruhestand geht, wünscht sich, in der Himmelsschaukel liegend von ihren Kollegen und Kolleginnen verabschiedet zu werden. Die bringen sie erst mal ordentlich in Fahrt: Ihre Haare fliegen im Wind, dann singt die Luft mit den Stimmen ihrer Kolleginnen und Kollegen: Du bist ein Segen. Ein Segen bist du! Mit Schwung wird sie in den neuen Lebensabschnitt entlassen.
Am Ende kommt an diesem Freitag eine Kollegin von mir in die Kirche. Sie war zuerst skeptisch; mit der Idee einer Schaukel in der Kirche konnte sie wenig anfangen. Aber sie probiert es trotzdem aus. Und sagt anschließend: „Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn alles ins Lot kommt und gut wird.“
In mir klingt nach, was ich an diesem Tag erlebt habe. Eine hat Schwung bekommen für den Übergang in eine neue Lebensphase. Für eine andere ist das Schaukeln zu einem Ausdruck ihrer Hoffnung geworden, ein dritter entdeckt das Beten neu. Und ich habe der Schaukel Anschwung gegeben, diese Dinge sind angestoßen worden, Menschen ins Lot gekommen. Alle haben wir auf unsere Weise Segen erfahren.
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Schaukeln in der Thomaskirche gibt es am 1. und 3. Freitag eines Monats von 17:00 -18:30 Uhr, außer in den Ferien.
Infos unter https://www.pfarrgemeinde-nord.de/in-thomas/veranstaltungen/ Schaukeln zwischen Himmel und Erde bzw Freitagabend mit Leib und Seele
Für Gruppen oder bei besonderen Anliegen Termine nach Vereinbarung. Email: nord.freiburg@kbz.ekiba.de">nord.freiburg@kbz.ekiba.de
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44030SWR Kultur Wort zum Tag
Schaukeln ist uns angeboren. Schon vor der Geburt sind wir neun Monate lang durchs Leben geschaukelt worden und haben verborgen im Bauch unserer Mutter das Auf und Ab des Lebens so gespürt, wie sie darin unterwegs war. Gut aufgehoben, bis die Zeit reif war für uns, wir zum ersten Mal Luft geholt haben und damit angefangen haben, der oder die zu werden, die wir heute sind.
„Das Leben ist nicht ein Sein, sondern ein Werden“, sagt Martin Luther.
An die neun Monate vor unserer Geburt erinnern wir uns nicht bewusst. Aber sie steckt uns noch in den Gliedern, diese ganz frühe Zeit. Und wir werden an sie erinnert, wenn wir als Kind das erste Mal auf eine Schaukel klettern oder der Großvater uns in seinem Schaukelstuhl auf den Schoß nimmt. Das tut gut. Und ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt: Schaukeln senkt die Herzfrequenz und die Temperatur der Haut, und das Glückshormon Endorphin wird beim Schaukeln ausgeschüttet. Das gibt Schwung fürs Werden und Wachsen.
In Freiburg kann man in einer Kirche schaukeln. In der Himmelsschaukel in der Thomaskirche können auch Erwachsene im langsamen Hin- und Herschwingen spüren: Glaube ist eine Bewegung, eine dynamische Kraft, die ohne Anstrengung heilsame Energie überträgt.
„Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind‘s noch nicht, wir werden‘s aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber in Gang und im Schwung“ heißt es bei Martin Luther im Zusammenhang.
Die Himmelsschaukel in der Thomaskirche ist eine Wiege für Kleine und Große. Für manche ist das Schaukeln sogar zu einer Art Therapie geworden.
Zum Beispiel für Frank, ein Mann um die vierzig. Er kommt seit einigen Wochen zum Schaukeln in die Thomaskirche, bleibt jedes Mal so lange wie möglich in der Schaukel und auch hinterher zum Reden. Vor kurzem hat sein Arzt ihm eine Autismus-Diagnose gestellt. Das war für ihn aber nicht schlimm. Im Gegenteil; er sagt, er kommt mit seinem Leben jetzt besser klar, weil er manches an seinem Anderssein besser versteht. Beim Schaukeln, sagt er, ist er mit seinen Gedanken gut aufgehoben, er ist ganz bei sich und kann registrieren, wie es seinem Körper geht. Welche Gefühle er wahrnimmt. „Schaukeln ist das Beste“, sagt er, „es synchronisiert mich.“
„Das Leben ist nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind‘s noch nicht, wir werden‘s aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber in Gang und im Schwung.“
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Schaukeln in der Thomaskirche gibt es am 1. und 3. Freitag eines Monats von 17:00 -18:30 Uhr, außer in den Ferien.
Infos unter https://www.pfarrgemeinde-nord.de/in-thomas/veranstaltungen/ Schaukeln zwischen Himmel und Erde bzw Freitagabend mit Leib und Seele
Für Gruppen oder bei besonderen Anliegen Termine nach Vereinbarung. Email: nord.freiburg@kbz.ekiba.de">nord.freiburg@kbz.ekiba.de
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44029SWR Kultur Wort zum Tag
„Es ist Frühling; endlich scheint die Sonne – ich habe mich soo drauf gefreut! Aber ich hänge in den Seilen“, schreibt mir meine Freundin Ute. Sie hat Kopfschmerzen und will unsere Verabredung absagen. Nun hat wohl die Frühjahrsmüdigkeit bei ihr zugeschlagen. Ich kenne das auch: K.o., kraftlos und schlapp dem Geschehen meiner Tage eher zuzuschauen als es zu bestimmen. Wie ein verwundeter Boxer, der benommen am Rand des Boxrings eben „in den Seilen hängt“. Ob er sich noch einmal aufrappelt und weitermacht? Und was könnte ihm dabei helfen? Was braucht er, um wieder Kraft zu spüren? Was gibt mir Kraft, wenn ich mich erschöpft durch meine Tage kämpfe?
Mir kommt eine Idee. „Ich will mit dir in den Seilen hängen“, schreibe ich meiner Freundin Ute, „komm; ich habe eine Überraschung für dich!“
Die Himmelsschaukel ist mir eingefallen, eine große Liegeschaukel in der Thomaskirche in Freiburg. Sie hängt an zwölf Meter langen Seilen im Kirchenraum, und ich weiß, wir passen gerade zu zweit hinein, wenn wir uns aneinander kuscheln. Ute lässt sich überzeugen. Ich treffe sie in der Kirche, sie staunt… Mitten im leeren Kirchenraum hängt die Schaukel von der Decke. Viel Platz, große Ruhe, viel Stille.
Wir legen uns ins warme Schafwollfell in der Himmelsschaukel, und Klaus, unser Schaukelbegleiter, breitet eine weiche Decke über uns. Er gibt der Schaukel leichten Schwung und lässt uns allein. Ganz sacht schwingen wir hin und her, wie in einer Wiege. Wir reden leise und schweigen lange. Die Sonne fällt durch das große Kirchenfenster. Das Kreuz in der Mitte wirft Schatten auf die Steine an der Wand. In mir flüstert es:
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“ (Mt 11,28ff) Ein Satz von Jesus, der plötzlich mitschwingt in unserer Himmelsschaukel.
Ach, so ist das, lächle ich – bei Jesus abhängen… Ruhe finden für die Seele - ich spüre es ganz körperlich: Das ganze Gewicht, das ich mit mir herumschleppe, ist da – doch es kostet keine Kraft. Ich muss es ja gerade gar nicht tragen. Mir wird leichter und ich komme ins Gleichgewicht.
Auch Ute hat das Himmelsschaukeln gutgetan. Wir verabreden uns wieder: Zum gemeinsamen Abhängen in mühsamer Frühjahrsmüdigkeit. Wir haben gemerkt: Hier können wir unseren Rhythmus wieder finden und spüren, wie Lasten leichter werden. Denn die Kraft, die sie trägt, ist da. Wir müssen uns nur in die Seile hängen.
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Schaukeln in der Thomaskirche gibt es am 1. und 3. Freitag eines Monats von 17:00 -18:30 Uhr, außer in den Ferien.
Infos unter https://www.pfarrgemeinde-nord.de/in-thomas/veranstaltungen/ Schaukeln zwischen Himmel und Erde bzw Freitagabend mit Leib und Seele
Für Gruppen oder bei besonderen Anliegen Termine nach Vereinbarung. Email: nord.freiburg@kbz.ekiba.de">nord.freiburg@kbz.ekiba.de
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44028SWR Kultur Wort zum Tag
Was mir gefällt an den langen Winternächten: Ich bin schon wach, wenn es Tag wird. Ich stehe im Dunkeln auf und kann bei klarem Wetter vom Fenster aus oder auf dem Weg zur Arbeit zusehen, wie das erste Licht der Sonne auf immer mehr Dächer und Fenster, Straßen und Bäume fällt und alles zu leuchten beginnt. Dann denke ich an eine Gedichtzeile von Ingeborg Bachmann: „Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein“. Und am allerschönsten: einen Sonnenaufgang unmittelbar mitzuerleben.
Neulich hatte ich dieses Glück. Und nicht ich alleine - auch eine Horde Grundschulkinder war dabei, zufällig bin ich in sie hineingeraten. Es war auf meiner morgendlichen Joggingrunde; ich biege gerade auf den im Osten über der Stadt liegenden Platz ein, da stürmen von der anderen Seite über eine Treppe die Kinder nach oben, erstaunlich wach auf ihrem Klassenausflug. Wir kommen im selben Moment auf der Mitte des Platzes an, und über dem Schwarzwald geht rund und golden die Sonne auf. Auf einmal stehen wir im Licht, die Kinder und ich, der Platz und die Bäume.
„Halleluja!“ ruft ein Junge aus der Gruppe, unbefangen und laut. Ein paar Kinder lachen.
Ich laufe weiter, der Sonne entgegen und mit diesem Halleluja im Herzen. Selber ist es mir nicht über die Lippen gekommen, dieses Wort zum Lob Gottes aus der hebräischen Bibel, aber nun, da es mir von diesem Jungen zugerufen worden ist, beflügelt es mich.
Halleluja. Ja! Die letzte Silbe ist im Deutschen eine wunderbare Bekräftigung und Zustimmung – im Hebräischen steht sie für den Gottesnamen. „Jahwe“ sagen manche, doch eigentlich wissen wir nicht genau, wie er ausgesprochen wird, der Name Gottes. Denn aus Respekt, aus Ehrfurcht sprechen jüdische Gläubige Gottes Namen nicht aus.
Und „hallel“ heißt Loblied, Jubelgesang – wie auf Deutsch das Stammeln und Lalleln sagt das Wort: so überwältigt bin ich, so beseelt, dass ich meine Gefühle kaum artikulieren kann. Da ist etwas so schön, dass es mich umhaut. Die Sonne geht auf, und ich bin dabei. Ich bin geflasht, plötzlich von einem Licht getroffen, warm, vielversprechend, verheißungsvoll. Morgenlicht leuchtet, ein neuer Tag beginnt.
„Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes“, heißt es in einem Psalm. Morgen, am 1. Advent, hat er seinen Platz im evangelischen Gottesdienst. Der Sonnenaufgang spricht zu mir: Gott stellt die Welt in ein neues Licht, verlässlich. Erleuchtet sie und mich auch heute wieder. Gott spricht nicht nur in Wörtern. „Es bricht an der schöne Glanz Gottes. Unser Gott kommt und schweigt nicht.“ Da will ich wach sein. Das will ich hören.
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