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SWR2 / SWR Kultur

 

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SWR Kultur Wort zum Tag

18MRZ2026
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Wer es noch nicht gesehen hat, kann es sich wahrscheinlich nur schwer vorstellen: In der Freiburger Thomaskirche gibt es seit genau zwei Jahren eine Himmelsschaukel. Im schönen hohen Kirchenraum aus den 60er Jahren wird unter der Woche eine Liegeschaukel aufgehängt, die Stühle an die Wand geräumt, der Altar in die Sakristei gerollt. An zwölf Meter langen Seilen und ganz nah am Boden hängt der Schaukelkorb: Ein stabiles Geflecht, in dem eine erwachsene Person bequem Platz hat, oder zwei, wenn sie sich eng aneinanderlegen.

Sich selbst in Schwung bringen, das funktioniert nicht bei dieser Schaukel. Jemand von außen gibt Anschwung. Weil ich selbst so gern in der Schaukel bin, habe ich mich als ehrenamtliche Anschauklerin gemeldet und begleite jetzt Menschen beim Schaukeln. Außer für den anfänglichen Anschubser stehe ich auch für Gespräche zur Verfügung. Denn das langsame Hin- und Herschwingen bewegt die Menschen auch innerlich. Fünf, zehn oder 20 Minuten in der Schaukel sein, das kann große Gefühle auslösen. Oft schaue ich in strahlende Gesichter. Nicht wenige haben Tränen in den Augen. Manche sagen gar nichts. Andere schütten mir ihr Herz aus. Ich finde: die Schaukel ist ein Segen.

An einem Freitag im Februar kommen Mitarbeitende einer Firma aus dem Industriegebiet um die Ecke, sie machen einen Teamausflug zur Himmelsschaukel. Der Letzte in der Runde bleibt lange in der Schaukel liegen. Leise sagt er beim Aufstehen: „Ich habe seit Jahren das erste Mal wieder gebetet“.

An diesem Tag ist viel los. Noch eine zweite Gruppe kommt: eine Mitarbeiterin, die in den Ruhestand geht, wünscht sich, in der Himmelsschaukel liegend von ihren Kollegen und Kolleginnen verabschiedet zu werden. Die bringen sie erst mal ordentlich in Fahrt: Ihre Haare fliegen im Wind, dann singt die Luft mit den Stimmen ihrer Kolleginnen und Kollegen: Du bist ein Segen. Ein Segen bist du! Mit Schwung wird sie in den neuen Lebensabschnitt entlassen.

Am Ende kommt an diesem Freitag eine Kollegin von mir in die Kirche. Sie war zuerst skeptisch; mit der Idee einer Schaukel in der Kirche konnte sie wenig anfangen. Aber sie probiert es trotzdem aus. Und sagt anschließend: „Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn alles ins Lot kommt und gut wird.“

In mir klingt nach, was ich an diesem Tag erlebt habe. Eine hat Schwung bekommen für den Übergang in eine neue Lebensphase. Für eine andere ist das Schaukeln zu einem Ausdruck ihrer Hoffnung geworden, ein dritter entdeckt das Beten neu. Und ich habe der Schaukel Anschwung gegeben, diese Dinge sind angestoßen worden, Menschen ins Lot gekommen. Alle haben wir auf unsere Weise Segen erfahren.

 

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Schaukeln in der Thomaskirche gibt es am 1. und 3. Freitag eines Monats von 17:00 -18:30 Uhr, außer in den Ferien.

Infos unter https://www.pfarrgemeinde-nord.de/in-thomas/veranstaltungen/  Schaukeln zwischen Himmel und Erde bzw Freitagabend mit Leib und Seele

Für Gruppen oder bei besonderen Anliegen Termine nach Vereinbarung. Email: nord.freiburg@kbz.ekiba.de">nord.freiburg@kbz.ekiba.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44030
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SWR Kultur Wort zum Tag

17MRZ2026
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Schaukeln ist uns angeboren. Schon vor der Geburt sind wir neun Monate lang durchs Leben geschaukelt worden und haben verborgen im Bauch unserer Mutter das Auf und Ab des Lebens so gespürt, wie sie darin unterwegs war. Gut aufgehoben, bis die Zeit reif war für uns, wir zum ersten Mal Luft geholt haben und damit angefangen haben, der oder die zu werden, die wir heute sind. 

„Das Leben ist nicht ein Sein, sondern ein Werden“, sagt Martin Luther.

An die neun Monate vor unserer Geburt erinnern wir uns nicht bewusst. Aber sie steckt uns noch in den Gliedern, diese ganz frühe Zeit. Und wir werden an sie erinnert, wenn wir als Kind das erste Mal auf eine Schaukel klettern oder der Großvater uns in seinem Schaukelstuhl auf den Schoß nimmt. Das tut gut. Und ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt: Schaukeln senkt die Herzfrequenz und die Temperatur der Haut, und das Glückshormon Endorphin wird beim Schaukeln ausgeschüttet. Das gibt Schwung fürs Werden und Wachsen.

In Freiburg kann man in einer Kirche schaukeln. In der Himmelsschaukel in der Thomaskirche können auch Erwachsene im langsamen Hin- und Herschwingen spüren: Glaube ist eine Bewegung, eine dynamische Kraft, die ohne Anstrengung heilsame Energie überträgt.

„Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind‘s noch nicht, wir werden‘s aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber in Gang und im Schwung“ heißt es bei Martin Luther im Zusammenhang.

Die Himmelsschaukel in der Thomaskirche ist eine Wiege für Kleine und Große. Für manche ist das Schaukeln sogar zu einer Art Therapie geworden.

Zum Beispiel für Frank, ein Mann um die vierzig. Er kommt seit einigen Wochen zum Schaukeln in die Thomaskirche, bleibt jedes Mal so lange wie möglich in der Schaukel und auch hinterher zum Reden. Vor kurzem hat sein Arzt ihm eine Autismus-Diagnose gestellt. Das war für ihn aber nicht schlimm. Im Gegenteil; er sagt, er kommt mit seinem Leben jetzt besser klar, weil er manches an seinem Anderssein besser versteht. Beim Schaukeln, sagt er, ist er mit seinen Gedanken gut aufgehoben, er ist ganz bei sich und kann registrieren, wie es seinem Körper geht. Welche Gefühle er wahrnimmt. „Schaukeln ist das Beste“, sagt er, „es synchronisiert mich.“

„Das Leben ist nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind‘s noch nicht, wir werden‘s aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber in Gang und im Schwung.“

 

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Schaukeln in der Thomaskirche gibt es am 1. und 3. Freitag eines Monats von 17:00 -18:30 Uhr, außer in den Ferien.

Infos unter https://www.pfarrgemeinde-nord.de/in-thomas/veranstaltungen/  Schaukeln zwischen Himmel und Erde bzw Freitagabend mit Leib und Seele

Für Gruppen oder bei besonderen Anliegen Termine nach Vereinbarung. Email: nord.freiburg@kbz.ekiba.de">nord.freiburg@kbz.ekiba.de

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SWR Kultur Wort zum Tag

16MRZ2026
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„Es ist Frühling; endlich scheint die Sonne – ich habe mich soo drauf gefreut! Aber ich hänge in den Seilen“, schreibt mir meine Freundin Ute. Sie hat Kopfschmerzen und will unsere Verabredung absagen. Nun hat wohl die Frühjahrsmüdigkeit bei ihr zugeschlagen. Ich kenne das auch: K.o., kraftlos und schlapp dem Geschehen meiner Tage eher zuzuschauen als es zu bestimmen. Wie ein verwundeter Boxer, der benommen am Rand des Boxrings eben „in den Seilen hängt“. Ob er sich noch einmal aufrappelt und weitermacht? Und was könnte ihm dabei helfen? Was braucht er, um wieder Kraft zu spüren? Was gibt mir Kraft, wenn ich mich erschöpft durch meine Tage kämpfe?

Mir kommt eine Idee. „Ich will mit dir in den Seilen hängen“, schreibe ich meiner Freundin Ute, „komm; ich habe eine Überraschung für dich!“

Die Himmelsschaukel ist mir eingefallen, eine große Liegeschaukel in der Thomaskirche in Freiburg. Sie hängt an zwölf Meter langen Seilen im Kirchenraum, und ich weiß, wir passen gerade zu zweit hinein, wenn wir uns aneinander kuscheln. Ute lässt sich überzeugen. Ich treffe sie in der Kirche, sie staunt… Mitten im leeren Kirchenraum hängt die Schaukel von der Decke. Viel Platz, große Ruhe, viel Stille.

Wir legen uns ins warme Schafwollfell in der Himmelsschaukel, und Klaus, unser Schaukelbegleiter, breitet eine weiche Decke über uns. Er gibt der Schaukel leichten Schwung und lässt uns allein. Ganz sacht schwingen wir hin und her, wie in einer Wiege. Wir reden leise und schweigen lange. Die Sonne fällt durch das große Kirchenfenster. Das Kreuz in der Mitte wirft Schatten auf die Steine an der Wand. In mir flüstert es:

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“ (Mt 11,28ff) Ein Satz von Jesus, der plötzlich mitschwingt in unserer Himmelsschaukel.

Ach, so ist das, lächle ich – bei Jesus abhängen…  Ruhe finden für die Seele - ich spüre es ganz körperlich: Das ganze Gewicht, das ich mit mir herumschleppe, ist da – doch es kostet keine Kraft. Ich muss es ja gerade gar nicht tragen. Mir wird leichter und ich komme ins Gleichgewicht.

Auch Ute hat das Himmelsschaukeln gutgetan. Wir verabreden uns wieder: Zum gemeinsamen Abhängen in mühsamer Frühjahrsmüdigkeit. Wir haben gemerkt: Hier können wir unseren Rhythmus wieder finden und spüren, wie Lasten leichter werden. Denn die Kraft, die sie trägt, ist da. Wir müssen uns nur in die Seile hängen.

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Schaukeln in der Thomaskirche gibt es am 1. und 3. Freitag eines Monats von 17:00 -18:30 Uhr, außer in den Ferien.

Infos unter https://www.pfarrgemeinde-nord.de/in-thomas/veranstaltungen/  Schaukeln zwischen Himmel und Erde bzw Freitagabend mit Leib und Seele

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SWR Kultur Wort zum Tag

29NOV2025
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Was mir gefällt an den langen Winternächten: Ich bin schon wach, wenn es Tag wird. Ich stehe im Dunkeln auf und kann bei klarem Wetter vom Fenster aus oder auf dem Weg zur Arbeit zusehen, wie das erste Licht der Sonne auf immer mehr Dächer und Fenster, Straßen und Bäume fällt und alles zu leuchten beginnt. Dann denke ich an eine Gedichtzeile von Ingeborg Bachmann: „Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein“. Und am allerschönsten: einen Sonnenaufgang unmittelbar mitzuerleben.

Neulich hatte ich dieses Glück. Und nicht ich alleine - auch eine Horde Grundschulkinder war dabei, zufällig bin ich in sie hineingeraten. Es war auf meiner morgendlichen Joggingrunde; ich biege gerade auf den im Osten über der Stadt liegenden Platz ein, da stürmen von der anderen Seite über eine Treppe die Kinder nach oben, erstaunlich wach auf ihrem Klassenausflug. Wir kommen im selben Moment auf der Mitte des Platzes an, und über dem Schwarzwald geht rund und golden die Sonne auf. Auf einmal stehen wir im Licht, die Kinder und ich, der Platz und die Bäume.

„Halleluja!“ ruft ein Junge aus der Gruppe, unbefangen und laut. Ein paar Kinder lachen.

Ich laufe weiter, der Sonne entgegen und mit diesem Halleluja im Herzen. Selber ist es mir nicht über die Lippen gekommen, dieses Wort zum Lob Gottes aus der hebräischen Bibel, aber nun, da es mir von diesem Jungen zugerufen worden ist, beflügelt es mich.

Halleluja. Ja! Die letzte Silbe ist im Deutschen eine wunderbare Bekräftigung und Zustimmung – im Hebräischen steht sie für den Gottesnamen. „Jahwe“ sagen manche, doch eigentlich wissen wir nicht genau, wie er ausgesprochen wird, der Name Gottes. Denn aus Respekt, aus Ehrfurcht sprechen jüdische Gläubige Gottes Namen nicht aus.

Und „hallel“ heißt Loblied, Jubelgesang – wie auf Deutsch das Stammeln und Lalleln sagt das Wort: so überwältigt bin ich, so beseelt, dass ich meine Gefühle kaum artikulieren kann. Da ist etwas so schön, dass es mich umhaut. Die Sonne geht auf, und ich bin dabei. Ich bin geflasht, plötzlich von einem Licht getroffen, warm, vielversprechend, verheißungsvoll. Morgenlicht leuchtet, ein neuer Tag beginnt.

„Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes“, heißt es in einem Psalm. Morgen, am 1. Advent, hat er seinen Platz im evangelischen Gottesdienst. Der Sonnenaufgang spricht zu mir: Gott stellt die Welt in ein neues Licht, verlässlich. Erleuchtet sie und mich auch heute wieder. Gott spricht nicht nur in Wörtern. „Es bricht an der schöne Glanz Gottes. Unser Gott kommt und schweigt nicht.“ Da will ich wach sein. Das will ich hören.

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SWR Kultur Wort zum Tag

28NOV2025
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Jetzt im Herbst bieten mein Kollege Detlef und ich Wanderungen „in die Nacht hinein“ an. Drei Stunden gehen wir da mit einer Gruppe schweigend durch den dunklen Wald über Freiburg. Das Herbstlaub raschelt, mal spüren wir Regentropfen auf Gesicht und Händen, mal leuchten Mond und Sterne durch die Bäume.

Ich erlebe zweierlei: Ich bin ganz für mich – und ich fühle mich in der Gruppe geborgen.

Ich spüre, wie sich mit jedem Schritt meine innere Unruhe verläuft. Der ganze Alltagskram wird unwichtig, meine Glieder werden locker und müde. Schön finde ich dieses Dunkel, das mich leicht in die Nachtruhe finden lässt.

Ach, so könnte es bleiben, denke ich im letzten Augenblick, bevor ich einschlafe: Decke über den Kopf, und die kommenden nasskalten Tage einfach verschlafen. In einen tiefen, langen Winterschlaf eintauchen und erst in einer helleren Zeit wieder aufwachen. Manchmal träume ich davon: Der unfreundlichen Wirklichkeit den Rücken kehren und mich einfach gefangen nehmen lassen vom tröstlichen Dunkel des Schlafes.

Und ich vermute, so ist es auch Petrus gegangen. In der Apostelgeschichte lese ich: Petrus schläft tief und fest und mit großer Ruhe, geradezu selig. Dabei liegt er in einer Gefängniszelle. Als Jesus-Nachfolger ist er verhaftet worden, am nächsten Morgen droht ihm ein Prozess und womöglich eine harte Strafe. Wie kann einer da schlafen? 

Da trat ein Engel des Herrn herein, berichtet die Apostelgeschichte [Kap 12], und Licht erhellte den Raum. Der Engel weckte Petrus mit einem Stoß in die Seite und sagte: »Schnell, steh auf!« Dabei fielen Petrus die Ketten von den Händen ab. Dann sagte der Engel: »Wirf deinen Mantel über und folge mir!«  Und Petrus reibt sich die Augen und geht mit.

Ausgeträumt, mein Lieber, meine Liebe!, macht dieser robuste Engel dem Petrus und mir klar. Du bist befreit vom Unheil, vor dem du dich gefürchtet hast!  Du bist frei für das, was vor dir liegt. Keine Angst also: Raus aus Schlaf und Traum, rein in den neuen Tag. Ja, es ist noch dunkel. Aber es wird heller werden. Raus darum aus der Jahresend-Depression, rein in die klare kalte Morgenluft. Mit dem Winter kommt Weihnachten. Engel sind in der Nähe, immer; aber besonders zur Weihnachtszeit.

Mein Engel im Dunkeln – das kann eine beherzte Stimme in mir sein.

Manchmal ist es auch ein Rotkehlchen vor dem Fenster, das mich von meiner Trägheit befreit, eine überraschende Nachricht im Radio oder die muntere Kollegin.

Ich werde wach und neugierig auf das, was mich heute erwartet. Ich glaube: ich bin behütet.

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SWR Kultur Wort zum Tag

27NOV2025
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Es ist morgens kurz vor sieben; die Zeit, zu der ich meistens aufstehe. Und ich bin müde. Kopfschmerzen, Augenbrennen, alles fühlt sich dumpf und schwer an.

Mein Schlaf und ich, wir haben so eine On-Off-Beziehung. Und schuld daran bin jedenfalls nicht ich … Ich liebe ihn, meinen Schlaf, er ist mein Freund! Und ziemlich unzuverlässig. Mal kommt er abends genau dann, wenn ich auf ihn gewartet habe, nimmt mich in die Arme, ganz ruhig, ganz zart und warm und fest. Dann entspanne ich mich, schlafe ein - und sieben Stunden später, wenn der Wecker klingelt, ist alles gut. Ja, es gibt Nächte, da ist alles gut zwischen mir und meinem Freund, dem Schlaf.

Leider sind das nicht so viele, jedenfalls deutlich weniger als die anderen. In denen warte ich. Ich warte und wache. So ist das mit mir und dem Schlaf: ich bin glücklich, wenn er nachts da war. Oft fehlt er mir, bis ich morgens aufstehe, und die Welt ist überhaupt nicht in Ordnung - meine kleine genauso wenig wie die große ganze.

Dass Menschen sich nachts herumwälzen, ist nicht erst ein Thema unserer katastrophal beschleunigten Gegenwart. Und nicht schlafen können ist auch nicht einfach ein privates Problem; eine um sich greifende Schlaflosigkeit spiegelt, was gesellschaftlich aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wenn es außen still wird, wird’s innen laut. Die Nachrichten des Tages stecken als Unruhe in den Gliedern, ihre Bilder flackern im Herzen. Wir leben in einer unfriedlichen Welt, und sie lebt in uns im Dunkel der Nacht. Die private Not steht im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Krisen.

Davon erzählen Chatgruppen von Schlaflaboren und Texte der Bibel. Gott warum sind es so viele, die mich bedrängen?, bricht es aus jemand heraus, aufgeschrieben in Psalm 3, einem „Morgenlied in böser Zeit“. Sie sagen über mein Leben: das wird doch nie von Gott befreit. (Ps3,2a.3) Wenn ich das lese, denke ich: Ja, der kennt schlaflose Nächte, äußeren Unfrieden und innere Unruhe. Das sind Worte auch für meine Schlaflosigkeit. Ich suche weiter und finde in Psalm 4 den Satz: In Frieden kann ich mich niederlegen und einschlafen. Denn Du, Ewiger, lässt mich sicher wohnen, auch wenn ich allein bin.  (Ps. 4,9). Das merke ich mir für den Abend als Gebet um himmlische Hilfe für mich und alle Schlaflosen in der beunruhigten Welt. Ich lege mich nieder und vertraue. Die Nacht geht vorüber, auch wenn mein Freund der Schlaf sich nicht blicken lässt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43341
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