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SWR2 / SWR Kultur

 

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SWR Kultur Wort zum Tag

02SEP2026
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Ein weltbewegendes Ereignis war das damals. Die Seeschlacht von Actium am zweiten September im Jahr 31 vor Christus. Zum ersten Mal habe ich davon im Lateinunterricht gehört.  Actium liegt an der griechischen Westküste. Dort hat Octavian den Machtkampf um Caesars Erbe gewonnen. Kurz darauf wurde er als Kaiser Augustus zum weltberühmten Herrscher des Römischen Reichs. Die Schlacht hat die Weichen für ihn gestellt.

Wenn ich diese großen Namen und Geschichten höre, fühle ich mich selbst manchmal ziemlich klein. Da sind Ereignisse, über die Menschen noch nach mehr als zweitausend Jahren sprechen. Und Großes passiert auch heute. Da treffen sich Staats- und Regierungschefs. Irgendwo fallen Entscheidungen, die Millionen Menschen betreffen. Ständig wird irgendwo Weltgeschichte geschrieben. Dagegen wirkt mein eigenes Leben oft klein und kurz. Was kann ich schon bewirken in den paar Jahrzehnten innerhalb einer Geschichte, die lange vor mir begonnen hat und nach mir weitergehen wird?

Dem Kaiser Augustus bin ich später noch an anderer Stelle begegnet. Er taucht im Lukasevangelium in der Erzählung von Jesu Geburt auf: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde …“ So klingt das in Luthers berühmter Übersetzung aus dem Griechischen.  Kaiser Augustus ordnet eine Volkszählung an. Deshalb machen sich Maria und Josef auf den Weg nach Bethlehem.

Ziemlich klug und geschickt hat der Evangelist Lukas das gemacht: Er verwebt die Geschichte eines einzelnen Menschen mit der Weltpolitik. Augustus und Jesus, Kaiser und Kind haben etwas miteinander zu tun. Lukas stellt beide in dieselbe Erzählung. So hebt er die Geschichte von Jesus auf die große Weltbühne. Alle Augen sollen sich auf diesen Neugeborenen richten. Mit ihm, so sagt Lukas, geschieht das Entscheidende.

Gott tritt nicht im Kaiserpalast in Erscheinung, sondern in einem Stall. Nicht dort, wo Menschen Macht und Größe vermuten. Sondern dort, wo alles klein, verletzlich und unscheinbar wirkt.

So wie Lukas das gemacht hat, kann ich auch mein Leben verorten. Weil ich glaube: Gott, der schon vor Jahrhunderten und Jahrtausenden Menschen begleitet hat, kennt auch mein Leben. Das, was mich freut, belastet oder beschäftigt. Ich gehöre zu seiner Geschichte mit den Menschen.

Die großen wortwörtlich Welt-bewegenden Ereignisse wird es immer geben. Worüber man in hundert Jahren sprechen wird, ist offen. Mitten darin ist die Zeit, die uns auf Erden geschenkt ist. Sie zählt. Sie hält Aufgaben, Begegnungen und Überraschungen bereit. Auch heute. Also los in den Tag!

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SWR Kultur Wort zum Tag

01SEP2026
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Ich werde nie vergessen, wie meine Großeltern mir zum ersten Mal von ihren Erlebnissen im Krieg erzählt haben. Wir saßen am großen Esstisch in ihrem Wohnzimmer. Die Teetassen und Kuchenteller standen schon leergegessen vor uns. Und irgendwie habe ich gespürt: jetzt könnte ein guter Moment sein, sie zu fragen: Wie war das damals eigentlich? An was erinnert Ihr Euch noch? Meine Großeltern haben gar nicht überrascht gewirkt. Sie haben sich kurz angeschaut. Und dann erzählt. Langsam und behutsam. Von Flucht. Von Angst und Armut in den Jahren nach dem Krieg. Von Erinnerungen, die sie ihr Leben lang begleitet haben.

Ich denke oft an dieses Gespräch zurück. Besonders an einem Tag wie heute. Vor 87 Jahren, am 1. September 1939, hat die deutsche Wehrmacht Polen überfallen. Millionen Menschen sollten in den folgenden Jahren ihr Leben verlieren. Das gehört zu unserer Geschichte.

Warum erinnern wir uns daran?

Was damals geschehen ist, können wir nicht ändern. Manche sind darum der Meinung, wir sollten uns stärker anderen Kapiteln unserer Geschichte zuwenden und nicht immer wieder auf Krieg und Schuld zurückblicken. Aber woran wir uns erinnern, das bleibt nicht folgenlos. Denn Erinnern hat mit mehr zu tun als mit der Vergangenheit. Es betrifft uns und unsere Gegenwart. Es verändert diejenige, die sich erinnert.

Erinnern bedeutet ursprünglich: etwas wieder ins Innere, ins Bewusstsein holen. Das funktioniert nie perfekt und bedarf eines wiederholten Trainings. Der christliche Glaube hat Übung im Erzählen und Weitererzählen. Immer wieder kreisen seine Geschichten um das Nicht-Vergessen. Menschen erinnern sich an das, was sie und ihre Vorfahren geprägt hat. An Leid. An Befreiung. Und wie ihnen in alledem Gott begegnet ist.  Das gibt den Erzählerinnen und den Zuhörern Orientierung. 

Bei meinen Großeltern kann ich das sehen. Bis heute sind ihnen ein voll gedeckter Tisch, ihr eigenes Haus und ein Leben in Frieden kostbar. Je öfter sie erzählen, desto mehr werden ihre Erinnerungen Teil meines Lebens. Ich bin dankbar, dass ich von ihren schweren Tagen weiß. Es hält mich wachsam dafür, wie wertvoll Frieden ist und welche Zukunft ich mir wünsche. Darum möchte ich auf diesen Gedenktag nicht verzichten.

Ich denke heute auch daran, was meine Großeltern aus ihren Erinnerungen gemacht haben. An ihre Lust zu leben. Eine Familie zu gründen. An ihr Vertrauen, dass die Zukunft mehr bereithält als Angst und Krieg.     

Heute erinnern wir uns an beides. An Krieg und Schrecken. Und daran: Menschen haben Versöhnung gesucht, um Frieden gebetet und sich für ihn eingesetzt. Von beidem sollten wir weitererzählen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

31AUG2026
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Der letzte Tag im August. Zumindest meteorologisch endet heute auf der Nordhalbkugel der Sommer. Jedes Jahr aufs Neue kann ich es nicht glauben: schon wieder ist ein Sommer um! Und was war das für ein Sommer; heiß, anstrengend und auch lebensgefährdend. Und trotzdem fällt es mir schwer, ihn ziehen zu lassen.

Die langen hellen Abende werden seltener. Bald heißt es wieder morgens frierend am Bahnsteig stehen – ein Körpergefühl, das monatelang einfach weg war. Oft hat man nicht mal abends eine Jacke gebraucht. Darum genieße ich jetzt noch ganz bewusst die Wärme auf der Haut. Den Wind. Das Licht.

Die vier Jahreszeiten gehören bei uns zu den großen Lebensrhythmen. Sie kommen und gehen. Jedes Jahr aufs Neue. Wir erkennen sie wieder und richten uns nach ihnen aus. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Vieles andere verläuft auch in Kreisen: die Gezeiten, Feste im Jahreskreis oder der weibliche Zyklus.

Diese Gewohnheiten tun gut. Sie geben Sicherheit und Zuverlässigkeit. Sie machen das Leben planbar. An anderer Stelle funktioniert unser Leben nämlich ganz anders: Wir leben vorwärts. Kein Sommer kommt zurück. Kein Geburtstag. Nicht derselbe jedenfalls. Dieser August, dieser Tag heute, dieser eine Moment wird nicht wiederkehren.

Die Bibel kennt beides: Kreise und Linien. Da gibt es die wiederkehrenden Zeiten. Tag und Nacht. Saat und Ernte. Sommer und Winter. Und zugleich erzählt die Bibel, wie Gott mit Menschen in der Geschichte unterwegs ist. Die Zeit dreht sich nicht einfach endlos im Kreis. Für jeden einzelnen ist sie ein Weg nach vorn.

Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Denn Gott bewegt sich nicht nur in den Zyklen und auch nicht nur auf einer großen Geschichtslinie. Er kann Menschen ganz überraschend begegnen. Sogar an einem ganz gewöhnlichen Montag.

Die Bibel erzählt immer wieder von solchen Momenten. Da sitzen Fischer am See und flicken ihre Netze. Dann spricht Jesus sie an. Und plötzlich sieht ihr Leben anders aus. Aus Fischern werden Jünger. Mitten im Lauf der Zeit öffnet sich eine neue Perspektive. Etwas scheint auf, das vorher nicht da war. Die Zukunft bleibt offen.

Ich habe mir vorgenommen, wieder mehr mit dem Überraschenden zu rechnen. Denn wenn ich zurückschaue, dann hat es in meinem Leben immer wieder solche Momente gegeben, in denen mein Weg oder auch nur ein einzelner Tag eine ziemlich unerwartete Wendung genommen hat. Durch einen Anruf, eine Begegnung, einen Gedankenblitz.

Die Rhythmen bleiben. Auf den August folgt morgen der September.  Aber das war noch nie die ganze Geschichte.

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SWR Kultur Wort zum Tag

30MAI2026
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An manchen Tagen wache ich auf und fühle mich so richtig fit. An anderen überhaupt nicht. Da öffne ich die Augen und weiß sofort: Heute wird es ein bisschen zäh. Heute fehlt mir Kraft und Leichtigkeit. Das ist besonders dann problematisch, wenn ich weiß: Heute soll ich kreativ sein. Gestalten, denken, etwas Konstruktives hervorbringen. Es ist dann wie verhext: Genau in dem Moment, in dem ich es erzwingen will, wird mein Kopf ganz leer.

Zum Beispiel beim Schreiben: Dann kreisen meine Finger über der Tastatur, setzen an, löschen wieder, suchen einen Anfang, der sich einfach nicht zeigen will.

Vermutlich liegt der Fehler schon in der Erwartung. Kreativität lässt sich nicht bestellen wie ein Kaffee. Sie kommt auch nicht auf Zuruf. Sie ist eher wie ein scheues Tier: Sie zeigt sich, wenn man nicht zu hastig auf sie zuläuft.

Und trotzdem bleibt der Druck. Gerade weil Kreativität fast überall erwartet wird. Im Beruf. Im Alltag. Selbst meine Freizeitgestaltung soll möglichst originell und besonders sein. Aber manchmal bin ich eben kreativlos.

Das Wort „kreativ“ kommt vom lateinischen „creatio“ und heißt: Schöpfung. In der Bibel ist es Gott, der sich zuerst als Schöpfer zeigt. Gott schafft Licht, Leben, Möglichkeiten. Erst am sechsten Tag sind Menschen da, die es ihm gleichtun können.

Ich finde diesen Gedanken entlastend: Kreativität läuft immer schon voraus. Zu oft verhalte ich mich, als müsste ich selbst Schöpferin aller Dinge sein und alles nur aus mir herausbringen: die originellen Ideen, die richtigen Worte. Und manchmal klappt es ja auch. Gott hat uns mit eigenen schöpferischen Fähigkeiten ausgestattet. Aber manchmal ist meine Kreativität wortwörtlich ausge-schöpft. Nach der Schöpfung kommt die Er-Schöpfung.

Am Abend vor seinem Tod hat Jesus zu seinen Freunden gesagt: Wachet und betet. Bleibt aufmerksam. Aber die Freunde schlafen ein. Sie sind erschöpft.

Ich mag diese Szene, weil sie so ehrlich ist. Da sind keine Menschen mit unerschöpflicher Kraft. Da sind Menschen, die müde werden, versagen, einfach nicht mehr können. Erschöpfung gehört offenbar zum Menschsein dazu. Und manchmal eben auch Kreativlosigkeit.

Vielleicht sind solche Zeiten deshalb nicht einfach nur ein Mangel. Vielleicht sind sie eine notwendige Pause. Ein Signal von Körper und Geist: gib Dir Zeit!

Wenn ich gar nicht weiter weiß, versuche ich manchmal das zweite, worum Jesus seine Freunde bittet: Beten.

Beten heißt für mich in solchen Momenten: Ich muss das jetzt nicht allein schaffen. Ich kann Gott einfach von meiner Leere erzählen. Und darauf vertrauen: ich bekomme neue Kraft.

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SWR Kultur Wort zum Tag

29MAI2026
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Ein winziges Bild in einer Nische. Wie versteckt im Basler Kunstmuseum. Fast wäre ich an ihm vorbeigelaufen. Am jungen Martin Luther. So unscheinbar wirkt er zwischen den großen, bunten Bildern.

Als ich ihn erkannt habe, bin ich prompt stehen geblieben. Martin Luther in jung. Dynamisch wirkt er, mit vollem Haar, schlank, fast ein bisschen verwegen. Kein strenger Reformator, wie ich ihn von späteren Bildern kenne. Ein Mensch im Aufbruch.

Mich hat dieses Bild überrascht. Weil es nicht zu dem passt, was ich im Kopf habe. Wenn ich an Luther denke, sehe ich den älteren Mann: strenger Blick; einer, dem man ansieht: der setzt seine Meinung durch.

Schon seine Zeitgenossen fanden: Luther ist im Alter störrisch geworden. Weniger beweglich in seinen Positionen, weniger bereit, noch einmal neu zu denken – so wie am Anfang, als er große Thesen und Ideen für das Christentum hatte. Aus dem Aufbruch ist Beharrlichkeit geworden – so der Vorwurf.

Dabei hat sich Luther in seinem Leben oft verändert. Auch im Glauben. Als junger Mönch hatte er panische Angst davor, vor Gott nicht bestehen zu können. Später entdeckt er: Gottes Liebe muss nicht verdient werden. Ein Mensch muss nicht perfekt sein, um angenommen zu sein. Diese Einsicht hat sein Leben verändert – und die Kirche gleich mit.

Und trotzdem war Luther wohl später im Leben eher starrsinnig. Auch heute sagt man über viele Menschen: Mit dem Alter werden sie unbeweglicher im Denken. Vielleicht, weil Erfahrungen sie vorsichtiger gemacht haben. Weil man irgendwann das Bedürfnis hat, auch an etwas festzuhalten. Ich bin erst 30 und beobachte das auch schon an mir: Ich hänge an Überzeugungen, weil sie mir Sicherheit geben.

Aber eigentlich erzählt doch gerade der Glaube etwas anderes: Gott hat keine fertigen Menschen erschaffen. Glauben heißt in der Bibel nie: einmal etwas erkannt haben und dann nie wieder infrage stellen. Glauben heißt unterwegs bleiben. Sich korrigieren zu lassen. Immer wieder neu hinzuhören – auf andere Menschen und auf Gott.

Vielleicht kann das ja auch mir helfen, beweglich zu bleiben. Weil gerade mein Glaube mich daran erinnert: Ich muss nicht alles festhalten. Ich darf loslassen; mich verändern. Auch mein Bild von Gott kann weiter werden, tiefer, freier.

Ich glaube, darum hat mich das Bild in Basel so berührt: Weil es einen Luther zeigt, der auf dem Weg ist. Der noch nicht weiß, was einmal über ihn geschrieben wird. Der offen ist. Bereit, alles anders zu denken.

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SWR Kultur Wort zum Tag

28MAI2026
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„Das ist ja nervig.“ Mehr hat der Mann nicht gesagt. Kein Dankeschön, kein Blickkontakt. Dabei hatte ich ihm gerade geholfen.

Ich stand am Gleis und habe auf den Zug gewartet. Ein älterer Herr hat mich angesprochen. Er wollte wissen, ob der Zug hier zum Hauptbahnhof fährt. Ich wusste es selbst nicht genau, also habe ich die Bahn-App geöffnet, Verbindungen gesucht und erklärt, dass die Züge verspätet sind. Ein paar Minuten lang hat das gedauert. Dann hat der Mann vor sich hingemurmelt: „Das ist ja nervig“. Und ohne ein weiteres Wort oder einen Blick hat er sich umgedreht und ist gegangen.

Bitte was? Nicht mal danke? Ich war baff. Ist das wirklich zu viel verlangt? Das hat mich richtig geärgert.

Da hab ich mir Mühe gegeben, war freundlich und hilfsbereit, – und irgendwie habe ich erwartet, dass wenigstens ein bisschen davon zurückkommt. Ein kleines Zeichen von Wertschätzung: Du hast mir geholfen. Ich hab das gesehen.

Ich merke: So selbstlos, wie ich dachte, war meine Hilfe offenbar doch nicht. Ich wollte eben auch wahrgenommen werden. In meinen Beziehungen lebe ich ja auch von Aufmerksamkeit, Freundlichkeit, Resonanz. Deshalb verletzt es, wenn meine Hilfe wie selbstverständlich behandelt wird. Noch dazu von einem Wildfremden.

Dabei ist Helfen wie ein Geschenk. Und bei einem Geschenk liefere ich die Rechnung ja auch nicht mit. Natürlich freue ich mich über Dankbarkeit. Aber wenn ich nur schenke, um dafür Anerkennung zu bekommen, wird aus Hilfe schnell ein Handel: „Do ut des“, wie es die Lateiner so pointiert formuliert haben: Ich gebe dir etwas – damit Du mir etwas zurückgibst.

Jesus erzählt einmal von einem Gastgeber, der ein großes Fest vorbereitet. Und er sagt: Lade nicht nur die ein, die dich später zurück einladen. Sondern gerade die, die nichts zurückgeben können. Arme, Kranke, Fremde.  Gottes Liebe ist wie dieser Gastgeber: Sie rechnet nicht auf.

Das christliche Wort dafür ist Gnade. Gemeint ist: Gottes Liebe muss ich mir nicht verdienen. Sie ist kein Bonus für gute Menschen. Sie führt keine Strichlisten darüber, wie oft ich mich am Bahnhof besonders nett verhalte. Sie ist ein Geschenk. Großzügig. Bedingungslos. Und genau deshalb ist die christliche Nächstenliebe so anspruchsvoll. Sie fragt nicht zuerst: Was bekomme ich dafür? Sondern: Was braucht der andere gerade?

Ich finde das schwer. Denn natürlich möchte ich gesehen werden. Aber wenn ich Hilfe als Geschenk verstehe, kann ich vielleicht auch meine eigenen Erwartungen besser loslassen.

Der Mann am Bahnhof hat sich nicht bedankt. Vielleicht war er gestresst. Vielleicht überfordert. Vielleicht einfach unhöflich. Ich weiß es nicht. Aber vielleicht war meine Hilfe trotzdem nicht umsonst. Sein Zug kam jedenfalls am richtigen Gleis an.

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SWR Kultur Wort zum Tag

24JAN2026
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Schon immer wollte ich einmal die Pyramiden von Gizeh in Ägypten sehen. Dieses gigantische sagenumwobene Weltwunder der Antike. In diesem Jahr hat sich der Wunsch endlich erfüllt. Bereits vorher hatte ich gehört, wie groß das Gelände um die Pyramiden herum sein soll und man sich besser einen Guide bucht, um weniger verloren herumzuirren. Schwer vorstellbar, dass ich mich zwischen diesen riesigen Baudenkmälern hätte verlaufen können, aber der Tipp hat sich als sehr berechtigt herausgestellt.  

In einem Café hat uns der Guide zuerst alles Mögliche über die Pyramiden erzählt: zur Geschichte, zu den verwendeten Steinen und natürlich auch zu der immer noch ungeklärten Frage, wie die Pyramiden eigentlich gebaut wurden. Trotz fundierter Theorien fehlt bis heute eine eindeutige Erklärung. Na klar: es heißt ja auch Welt-Wunder. Dieses Geheimnis um die Pyramiden fasziniert mich, es macht mich aber auch unruhig: ich möchte das Geheimnis lieber gelüftet wissen.

Hartnäckig hält sich die Vorstellung, dass es Aliens waren, die das Werk vollbracht haben. Aber das überzeugt mich nicht. Schon eher kann ich Überlegungen zu ausgetüftelten Rampensystemen nachvollziehen. Am Ende seiner Ausführungen zu den Erklärungsmöglichkeiten sagt der Guide dann noch folgenden Satz: „Ihr Christen glaubt: Gott versetzt Berge, wir glauben: Gott baut Pyramiden“. Ich musste lachen. Was für ein verrückter Gedanke. Der hat zwar ein bisschen einstudiert gewirkt – so, wie das bei diesen Führungen mit den Lachern eben manchmal ist. Aber vielleicht ist ja was dran.

Der Gedanke „Gott versetzt Berge“ steht tatsächlich in der Bibel und stammt von Jesus. Genauer gesagt, heißt es dort: Der Glaube kann Berge versetzen. Jesus meint damit: Trau dem Glauben etwas zu. Vertrau auf Gott, auch wenn Berge dir in deinem Leben die Sicht verstellen. Hör nicht auf, mit dem Undenkbaren zu rechnen, nur, weil es unwahrscheinlich ist. So habe ich auch den ägyptischen Guide verstanden. Er hat Gott viel zugetraut. Mit Augenzwinkern.

Seit meiner Reise grüble ich darüber nach, wie es um mein Zutrauen steht. Statt zu staunen über das Geheimnis der Pyramiden und die Möglichkeit von Gottes Eingreifen, wollte ich eine eindeutige Erklärung. Ich könnte mir immer weiter den Kopf darüber zerbrechen. Gerne will ich aber wieder lernen, mich über die Geheimnisse auf dieser Erde zu freuen. Die Pyramiden halten ein Fenster des Staunens offen: in dem ich mit Wundern rechne, mit Unglaublichem und mit Gott. In meinem Leben und überall auf dieser Welt.

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SWR Kultur Wort zum Tag

23JAN2026
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Rilke, wohin man sieht. Gerade erst haben im letzten Jahr zahlreiche Seminare an Universitäten, Gesellschaften und Zeitungen das Jubiläum zum 150. Geburtstag des großen Dichters gefeiert. 2026 schließt sich nahtlos das Gedenkjahr zu Rilkes 100. Todesjahr an.

Ich weiß noch, wie wir in der Schule so manches Gedicht von ihm gelernt haben. Wir mussten dann das Versmaß untersuchen und die richtigen Betonungen unterstreichen. Zu Rilke selbst habe ich mir damals gemerkt: er stammte aus Böhmen und war Katholik. Und mittlerweile weiß ich, wie zentral der christliche Glaube für ihn gewesen ist. Rilke hat mit dem Christentum gerungen. Vor allem die Person Jesus Christus als Sohn Gottes war für ihn gedanklich schwer zu anzunehmen.

Zeit seines Lebens ist Rilke dennoch in der Auseinandersetzung mit den Texten des Alten und Neuen Testaments geblieben. Er hat über den Glauben nachgedacht, über Gott. Und Rilke hat von Gott gesprochen. Das spiegelt sich in seinen Gedichten wider. Rilke hat für viele Anlässe gedichtet: Feste, Jahreszeiten, Gedanken zum Leben und seinem Ende. Auch zum neuen Jahr hat er Zeilen aufgeschrieben. Das Gedicht beginnt so:

„Wir wollen glauben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist“.
Das gefällt mir. Vor allem ein Wort macht mich nachdenklich: „gegeben“. Für die Geschichte des Christentums ist das ein wichtiger Gedanke. Schon immer haben sich Menschen damit auseinandergesetzt, in welchem Verhältnis unser Handeln zum Handeln Gottes steht. Das Wort „gegeben“ betont die Passivität des Menschen dabei. Ein schwer zu vermittelnder Gedanke in unserer Zeit, in der die Selbstverantwortlichkeit und Selbstbestimmung des Menschen für sein Leben oft an erster Stelle stehen.

In einem Brief hat Rilke auf die Frage, ob er an Gott glaube, einmal entschieden geantwortet: mit menschlichem Bemühen sei das überhaupt nicht möglich. Stattdessen müsse man damit rechnen, dass Gott sich in „unbeschreiblicher Hinreißung“[1] eröffnet. Als Evangelische hört sich das für mich vertraut an: Der Glaube ist mir geschenkt, er ist „gegeben“. Davon bin ich überzeugt. Das schließt mein Ringen mit dem Glauben und mit Gott ein. Auch der Zweifel ist gegeben. Ich versuche, im Gespräch mit Gott zu bleiben. Zu beten. Auch wütend und kritisch.

Dabei sind mir Rilkes nachdenkliche Gedichte eine Stütze. Manches jedenfalls liest sich wie ein Gebet. Auch das zum neuen Jahr:
„Wir wollen glauben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist“.

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[1] Zitat: Aus einem Brief Rilkes an Anita Forrer, 22.-24. März 1920. Nachzulesen in: Rainer Maria Rilke – Anita Forrer, Briefwechsel, hrsg. v. Magda Kerény, Frankfurt am Main 1982.

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SWR Kultur Wort zum Tag

22JAN2026
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Und schon geht der Januar wieder seinem Ende entgegen. Dabei kommt es mir wie gestern vor, dass ich noch mit tausenden anderen Menschen im Fußballstadion in Mannheim Weihnachtslieder gesungen habe. Das war Mitte Dezember. Ich habe es da deutlich gespürt: Weihnachten rückt näher. Aber einmal geblinzelt und dann ist es auch schon wieder vorbei: das Warten, die Feststimmung, die Lieder.

Ich könnte es jetzt aber auch nicht mehr. Heute nochmal „Stille Nacht“ singen? Es käme mir seltsam vor. Dabei sind wir offiziell noch mittendrin: Weihnachten ist noch nicht vorbei. Zumindest gilt das für den kirchlichen Kalender. Dort dauert Weihnachten ganze 40 Tage lang. Heute ist also gewissermaßen der 29. Weihnachtsfeiertag. Der Hintergrund für diese Zeitrechnung steht im Lukasevangelium. Nach dem berühmten Bericht über Jesu Geburt wird in der Erzählung ein jüdisches Gesetz aufgegriffen. Es besagt: Eine Frau soll sich 40 Tage nach der Geburt eines Sohnes im Tempel rituell reinigen. In unserem Kalender fällt dieser Reinigungstag auf den 02. Februar. Manche sprechen auch von Mariä Lichtmess oder dem Tag der Darstellung des Herrn. Er beschließt den Weihnachtsfestkreis. Bis dahin ist noch ein bisschen Zeit.

Was zwischen der Beschneidung Jesu und dem Reinigungstag passiert, erfahren wir im Lukasevangelium nicht. Ich stelle mir vor, wie sich Maria und Josef auf die neue Situation als Eltern einstellen. Vermutlich erleben sie von Tag zu Tag viele „erste Male“. Der erste bewusste Blickkontakt mit ihrem Baby, der erste Spaziergang, die erste Angst um das eigene Kind.

Die Frage nach dem „zum-ersten-Mal“ passt gut zum Jahresbeginn. Welche „ersten Male“ habe ich 2026 bereits erlebt oder vielleicht überlebt? Das erste Erfolgserlebnis, der erste Streit des Jahres, der erste Januar ohne einen geliebten Menschen.

Vielleicht ist es diese Vergegenwärtigung des Anfänglichen, was von Weihnachten bleibt. Jesu Geburt markiert für Viele einen grundlegenden Beginn. Auch für mich.  Darin finde ich all die kleinen und großen Anfänge aus meinem Leben wieder. Die, vor denen ich mich fürchte und die, die ich herbeisehne. Beides wird auch dieses Jahr mit sich bringen. Ich möchte es weiterhin versuchen: anfänglich zu leben. Neues auszuprobieren. Mich überraschen zu lassen. Herausforderungen annehmen … Und wer weiß: vielleicht gelingt in diesem Jahr zum allerersten Mal etwas, was bisher unmöglich schien. Das Jahr ist ja noch jung.

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15OKT2025
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Kiruna im äußersten Norden von Schweden: Dort steht eine der schönsten und berühmtesten Holzkirchen der Welt. In wunderbarem Rotbraun erstrahlt sie und sieht aus wie aus einem skandinavischen Bilderbuch. Unzählige Menschen besuchen sie Jahr um Jahr. Aber die Idylle ist bedroht. Durch den Bergbau ist die Stadt einsturzgefährdet. Nach und nach soll ganz Kiruna deshalb verlegt werden. Auch die Kirche ist gefährdet. Sie ist nicht nur schön, sie ist auch schwer: ganze 670 Tonnen bringt sie auf die Waage.

Die Menschen von Kiruna haben ihrer Kirche darum kurzerhand Räder angelegt, um sie zu verschieben. Fünf Kilometer weit sollte die Kirche rollen. Zwei Tage lang hat die Prozession gedauert. Meter für Meter hat sich die Kirche auf Rollen durch Kiruna bewegt. Viele Menschen haben das Spektakel vom Straßenrand aus beobachtet. Sogar in der Tagesschau wurde es gezeigt.

Jetzt ist die Kirche wortwörtlich verrückt. Mit einem Augenzwinkern könnte man sagen: Gott ist umgezogen. Vorausgesetzt natürlich, man hält ein Kirchengebäude für eine Adresse, an der Gott zu finden ist. Schon oft habe ich mich gefragt, ob es so etwas wirklich gibt: heilige Orte. Plätze, an denen Gott mehr zuhause ist als an anderen. Ich habe dazu ein durchaus vielschichtiges Verhältnis. Einerseits sind Kirchen als Gotteshäuser für mich Räume des Gebets, der Freude, auch zum Traurig sein. Auf jeden Fall sind sie Orte der Gottesbegegnung.

Andererseits glaube ich: Gott lässt sich nicht einschließen. Auch nicht in die allerschönste Holzkirche. Doch wo ist Gott dann zu finden? Ein christlicher Vorschlag lautet: in der Gemeinschaft. Jesus hat einmal gesagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Gott lässt sich in der Gemeinschaft finden. Und so erlebe ich es auch: wenn ich mit anderen gemeinsam Gottesdienst feiere. Das macht auch den Kirchenumzug in Schweden um einige Tonnen leichter. Genau wie die Kirche ist auch Gott fünf Kilometer weiter zu finden. Nämlich dort, wo Menschen sich versammeln und Glaubenserfahrungen miteinander teilen. Sei es in der wunderbaren Holzkirche oder ganz woanders.

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