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SWR4 Abendgedanken
Jeder Mensch hat eine Zeitheimat. Ja, richtig gehört „Zeit“ und „Heimat“ in einem Wort.
Diesen Begriff habe ich neu kennengelernt und erstmal überlegt, was dahintersteckt. Man könnte ja spontan meinen, dass damit eine Heimat auf Zeit gemeint ist, also sowas wie eine Ferienunterkunft oder wenn man irgendwo zur Zwischenmiete wohnt. Das ist es aber nicht. Die „Zeitheimat“ meint eine Phase im eigenen Leben, die besonders prägend war. Die Zeit im Leben, die so etwas wie die Heimat der eigenen Persönlichkeit geworden ist.
Für die meisten Leute liegt die Zeitheimat in ihrer Jugend. Die Musik, die damals lief, welche Frisuren und Kleidung gerade in waren oder die eine Sendung, zu der sich wirklich alle vor dem Fernseher getroffen haben. All das und noch vieles mehr, sei es typisches Essen oder beliebte Hobbys, ergeben zusammen die Zeitheimat eines Menschen. Es ist die Lebensphase, in der man erste Schritte alleine geht und seine eigene Persönlichkeit immer mehr entfaltet.
In dieser Zeit entstehen viele Erinnerungen, die sich wohl tiefer festsetzen als andere. Vielleicht weil man in diesen Jahren vieles zum ersten Mal ganz für sich persönlich und eigenständig erlebt. Zum ersten Mal alleine mit Freunden in den Urlaub fahren, sich das erste Mal verlieben oder stolz auf den ersten eigenen Lohn sein. Und bei alldem das Gefühl zu haben, dass die Musik, Filme oder bestimmte Orte „die eigenen“ sind.
Bei mir war das Anfang der 2000er. Seitdem hat sich mein Geschmack verändert und über manche Outfits aus meiner Jugend kann ich nur noch herzlich lachen. Trotzdem habe ich eine besondere Verbindung zu genau dieser Zeit. Deshalb kann ich immer noch die Lieder aus meiner Jugend auswendig oder unterhalte mich
stundenlang mit meinen Freundinnen über Serien von früher, gemeinsame Erlebnisse oder wie revolutionär es damals war von einem Discman zu einem MP3-Player zu wechseln. Eben weil diese Dinge mit einem ganz bestimmten Lebensgefühl und einer Vertrautheit verbunden sind.
Die Zeitheimat ist viel mehr als Nostalgie. Sie ist ein Teil der eigenen Identität. So etwas wie ein Ankerpunkt, und ich kann mir Zeit nehmen und gedanklich immer mal wieder in diese Erlebnisse eintauchen. Einfach weil es dem Herzen guttut.
Die Heimat eines Menschen ist also viel mehr als nur ein Ort. Sie liegt in dem einen besonderen Lagerfeuerlied, im Gefühl mit viel zu weiten Schlaghosen zu gehen oder dem Geruch von Freibadpommes und Chlor. Und egal wie sehr sich die Welt verändert oder wo man zu Hause ist: Zu meiner eigene Zeitheimat kann ich immer wieder zurückkehren. Und so gönne ich meiner Seele ein Stückchen Heimat.“
SWR4 Abendgedanken
Die achtzehnjährige Carla aus meiner Straße häkelt und stickt für ihr Leben gern. Friedrich ist ein Arbeitskollege meines Partners, er besteigt mit Anfang sechzig noch einen Sechstausender und die 94-jährige Rosemarie schreibt an ihrer Doktorarbeit. Allen dreien ist eines gemeinsam: Sie passen nicht in typische Altersklischees.
Vermutlich hören sie immer wieder Sätze wie: „Was? Das machst du in deinem Alter?“. Dahinter steckt die Vorstellung, dass es für jedes Alter bestimmte Dinge gibt, die man tut oder eben besser lässt. Und wenn jemand da nicht reinpasst, sorgt das schnell für Verwunderung. Eigentlich schade, denn ob ich etwas kann oder mir zutraue, hängt doch nicht nur vom Alter ab. Das findet auch die katholische Kirche hier im Südwesten, oder genauer gesagt das Erzbistum Freiburg.
Schon seit April finden zwischen Mannheim und Konstanz Veranstaltungen statt, immer unter dem Motto „Respekt kennt kein Alter!“, wie zum Beispiel am 14. Juli in Rastatt. Es geht darum, dass jüngere und ältere Menschen miteinander ins Gespräch kommen, eigene Vorurteile und Altersbilder hinterfragen und erleben: Wir können viel voneinander lernen.
In Zeiten in denen von „konservativen Boomern“ und der „faulen Generation Z“ gesprochen wird, hält die Freiburger Kampagne dagegen. Denn wer mit solchen Begriffen um sich schmeißt, steckt Menschen oft in Schubladen, bevor man sie überhaupt richtig kennengelernt hat. Menschen sind so viel mehr als ihr Alter und irgendwelche Klischees. Eine Doktorandin muss nicht 26 sein.
Natürlich gibt es Lebensphasen, die von ähnlichen Erlebnissen geprägt sind, z. B. wenn man kleine Kinder hat und wahnsinnig gefordert ist und gleichzeitig auch so viele schöne Momente erlebt, wenn Kinderaugen strahlen. Oder wenn man im Alter merkt, dass manches mühsamer wird, aber man gleichzeitig auf viele Erfahrungen
zurückgreifen kann und deshalb so viel gelassener ist. Es ist schön, wenn man sich dann mit Gleichgesinnten austauschen kann und diese Gemeinsamkeiten einander näherbringen.
Trotzdem wird es niemandem gerecht, wenn jemand pauschal von „den Alten“ und „den Jungen“ spricht. Umso besser, wenn ich auf dem Schirm habe, dass nicht jeder ältere Mensch technikfern sein muss. Und nicht jeder junge Mensch auf TikTok oder anderen sozialen Medien lebt.
Und ganz sicher entdecken diejenigen überraschend viele Gemeinsamkeiten, die nicht darauf schauen wie alt jemand ist, sondern was einen Menschen begeistert, beschäftigt oder antreibt. Das merke ich selbst immer wieder, wenn ich in der Boulderhalle meine Klettergruppe treffe und da Jutta dabei ist, die mit Mitte Fünfzig ihre Leidenschaft fürs Klettern entdeckt hat.
Meinen Respekt kriegen alle, die einander zuhören und voneinander lernen, ganz egal wie alt sie sind.
SWR4 Abendgedanken
Was es heißt mit dem Guten zu rechnen, daran hat mich eine Café-Mitarbeiterin erinnert. Sie hat mir gezeigt, dass es viel verändern kann, wenn ich mit einem warmherzigen Blick durch die Welt gehe.
Es war in Mannheim in einem Café und ich habe gerade einen Cappuccino bestellt. Meine Karte hatte ich schon gezückt, da sagt die Kellnerin zu mir: „Wir nehmen leider nur Bargeld“. „Mist“ geht es mir direkt durch den Kopf, denn ich habe keins mehr. Kaum noch 50 Cent im Geldbeutel, wie unangenehm. Mein Kopf rattert und ich überlege hektisch wie ich am schnellsten zum nächsten Bankautomaten komme. Ich setzte schon an: „Ohje, das tut mir jetzt leid…“ da meint die Kellnerin freundlich und ganz entspannt zu mir: „Kommen Sie doch einfach morgen nochmal vorbei und zahlen Sie den Kaffee dann.“ Ich bin total verblüfft und freue mich gleichzeitig riesig! Die Kellnerin und ich, wir kennen uns nicht und trotzdem vertraut sie darauf, dass ich wiederkomme und den Kaffee bezahlen werde.
Man könnte jetzt sagen: gut, das sind ja nur ein paar Euro, wenn die nicht zurückkommen, davon geht kein Laden pleite. So eine große Sache ist das nicht. Aber für mich ist es das schon. Denn hinter der kleinen Geste steckt eine ganze Lebenshaltung und die Frage wie ich mit Menschen umgehe. Ob ich eben von vorne herein misstraue, oder erst mal mit dem Guten rechne.
Laufe ich direkt weiter, wenn mich unterwegs jemand anspricht oder höre ich mir erstmal an, was er oder sie zu sagen hat? Wird ein frischgebackener Papa von seinem Chef für voll genommen, wenn er nach Entlastung fragt, weil gerade alles zu viel ist? Und nimmt ein Team die Vorschläge einer jungen Kollegin ernst, auch wenn sie noch gar nicht lange im Betrieb ist?
Ich kann jeden Tag neu entscheiden, ob ich zuerst das Risiko sehen will oder das Gute. Es geht mir um dieses erste Wollen. Das, was ich bewusst erwarte.
Natürlich wäre es naiv, wenn ich allem und jedem grenzenlos vertraue. Ich rede hier auch nicht davon zu allem ja zu sagen ohne auf das eigene Bauchgefühl zu hören. Aber ich weiß, dass ein liebevoller Blick auf die Welt guttut. Er ist auch etwas typisch Christliches: Weil ich fest davon überzeugt bin, dass Gott in jedem Menschen erstmal sein ganzes Potential sieht, deshalb kann ich das auch.
Den Kaffee habe ich natürlich am nächsten Tag bezahlt. Aber das Wichtigste, was ich aus dem Café mitgenommen habe, war die großherzig entspannte Reaktion der Kellnerin: Kommen Sie doch einfach morgen wieder!“
SWR4 Abendgedanken
Als eine Freundin von mir schwanger war, hat sie ihrem engsten Freundeskreis Kerzen geschenkt. Und als dann die Wehen losgegangen sind, hat sie kurz Bescheid gesagt… Da haben wir sie alle angezündet. Mein Nachbar hat das für seinen verstorbenen Schulkameraden im Internet gemacht, mit einer digitalen Kerze auf einer Gedenkhomepage. Und meine Kollegin pflegt in ihrer Familie eine andere schöne Kerzentradition: sie lassen immer, wenn jemand Geburtstag hat, die Taufkerze von demjenigen brennen.
Menschen zünden aus ganz unterschiedlichen Gründen Kerzen an. Manche weil sie dankbar sind, andere weil ihnen eine schwierige Aufgabe bevorsteht, oder weil sie an einen lieben Menschen denken, der nicht mehr da ist. Kerzen zeigen immer, dass man sich innerlich mit jemandem verbindet und das soll auch von außen sichtbar werden. Besonders deutlich wird das, wenn nach einem tragischen Ereignis irgendwo ein Meer aus Lichtern brennt.
Die Theologin und Autorin Annette Jantzen greift diesen Gedanken auf. Sie hat eine ganz besondere Bezeichnung für die Kerzen gefunden, die jemand mit einem besonderen Anliegen aufstellt. Sie nennt sie „die Merkposten Gottes“. Damit meint sie einerseits, dass Kerzen von uns Menschen als Erinnerungsstützen für Gott gedacht sind, damit er niemanden vergisst und kein Anliegen verloren geht. Und andererseits, erklärt Annette Jantzen weiter, können solche Kerzen auch als Zeichen von Gott für uns Menschen verstanden werden. Dass wir zumindest „ein bisschen“ sehen können, dass Gott an uns denkt und an das was uns umtreibt. Glück oder Sorgen.
Mir gefällt dieser Gedanke. Wenn Kerzen brennen, dann ist das ein Hinweis für Gott und für mich. Das passt, denn jede bewusst angezündete Kerze erzählt davon, dass jemand an einen anderen Menschen denkt. Wie bei der Kerze, die ich für meine
Freundin angezündet habe mit der Hoffnung dass bei der Geburt alles gut laufen wird.
Kerzen können auch für all das stehen, was man nicht in Worte fassen kann, das aber irgendwo zum Ausdruck kommen will. Natürlich wird nicht alles gleich gut sobald man eine Kerze anzündet. Man kann ja auch zweifeln an so einer Geste. Für mich jedenfalls sind Kerzen kleine Hoffnungsschimmer, ein zaghafter Wunsch nach Halt in einer Welt, die von vielen Unsicherheiten geprägt ist.
Wenn heute irgendwo mitten im Sommer eine Kerze auf der Küchenkommode steht, weil da jemand eine große Sorge hat, dann flackert da ein Merkposten Gottes. Und alle kleinen Lichter zusammen zeigen, dass kein Mensch mit seinen Gedanken und Gefühlen allein bleiben muss. In jeder Kerze, die bewusst aufgestellt ist leuchtet ein Hinweis Gottes, der sagt: „Ich bin da. Das könnt ihr euch ruhig merken.“
SWR4 Abendgedanken
Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, kennt das: Es gibt die tollen Momente, in denen es einfach nur schön ist einander zu haben. Und es gibt den typischen Geschwisterneid. Ich bin mit drei älteren Geschwistern aufgewachsen, da gab es natürlich auch Diskussionen. Zum Beispiel beim Mittagessen darüber, wer ein halbes Fischstäbchen mehr bekommt als die anderen.
Klarer Fall von „Futterneid“ – wenn zumindest einer befürchtet, dass das Essen nicht für alle reicht und man selbst deshalb zu kurz kommt. Futterneid scheint, tief im Menschen zu stecken und ich habe ihn auch in einer Geschichte von Jesus entdeckt. Es überrascht mich nicht, dass das vorkommt. Immerhin verstehen sich Jesu Jüngerinnen und Jünger ja quasi auch als Geschwister, eben als Glaubensgeschwister.
Das Ganze spielt in der Rushhour von Jesu Leben. Er ist ständig unterwegs und überall, wo er ist, sind unendlich viele Leute, die ihn hören und sehen wollen. Die Jünger, also seine Wahlfamilie, scheinen davon irgendwann genervt zu sein. Sie wollen endlich mal Ruhe und Jesus für sich alleine haben. Wenigstens am Abend. So zumindest verstehe ich das, wenn sie sich bei Jesus beschweren und zu ihm sagen: „Jesus, es ist schon spät. Es reicht jetzt. Schicke die Menschen los, damit sie sich in der Stadt etwas zu essen kaufen können.“ Aber Jesus antwortet nur: „Wir haben Essen dabei, gebt den Leuten doch davon etwas ab!“. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie seine Freunde vermutlich die Augen verdrehen: „Mensch, jetzt sind doch mal wir dran. Nicht schon wieder alles teilen, das wenige Essen und die Zeit mit ihm.“
Absolut verständlich, denn laut Bibel hatten sie nur noch fünf Brote und zwei Fische dabei und die Menschenmenge war riesig. Am Ende geben die Freunde nach, hören auf Jesus und verteilen das wenige Essen unter den Leuten. Was dann passiert ist
unglaublich: Alle Menschen werden satt. Am Ende waren sogar zwölf Körbe voll Brot und Fisch übrig.
Ich muss nicht glauben, dass alles genauso passiert ist und trotzdem erfahre ich etwas aus der Geschichte: Dass teilen so viel Neues ermöglicht. Manchmal so viel, dass man es kaum glauben kann. Und das trotz typischer Futterneid-Gedanken! Die Freundinnen und Freunde Jesu hatten Vertrauen und wurden überrascht. Das ist genau der Punkt! Nicht die Frage, wie aus fünf Broten und zwei Fischen plötzlich Unmengen an Essen geworden sind. Sondern, was passiert, wenn Menschen es schaffen ihren Futterneid beiseite zu schieben.
Ich kann teilen: Meine zaghafte Zuversicht, Obst aus dem Garten, einen Glücksmoment, etwas Geld, oder die Motivation für eine gute Sache, oder eben einfach das, was ich gerade habe.
SWR4 Abendgedanken
Ich mag Listen. Ich nutze sie gerne beim Arbeiten, um mich zu sortieren. Aber auch in meiner Freizeit notiere ich mir gerne alle To-Dos der Reihe nach. Doch am allermeisten gefällt mir eine ganz besondere Liste. Sie nennt sich „Lebenswertliste“. Darin tragen ganz unterschiedliche Leute zusammen, warum ihr Leben gerade lebenswert ist. Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung sammelt diese Alltagsmomente und veröffentlicht jede Woche eine neue Ausgabe davon. Menschen benennen darin ganz kurz, was ihnen in der vergangenen Woche Gutes passiert ist oder was ihnen gutgetan hat. Da lese ich zum Beispiel: „Nach Fehlkauf das Goldrichtige bekommen“, „Mein Medikament wirkt“, oder „Spontane Tanzeinlage beim Wäscheaufhängen“.
Ich schaue mir diese Liste jede Woche an und bin jedes Mal super gespannt, was drinsteht. Und ich weiß auch warum: Wenn Menschen ihre kleinen Alltagshighlights teilen, dann habe auch ich irgendwie Anteil an diesem Glück. Und manchmal male ich mir auch aus, welche Geschichten hinter den kurzen Stichworten stecken könnten. Wenn jemand schreibt „Ja sagen“, dann überlege ich mir, ob dahinter ein Heiratsantrag steckt, oder ob da jemand ein mutiges Ja zu einem herausfordernden Job gesagt hat. Und wenn ich lese „alleine einen Städtetrip machen“, erinnere ich mich daran, wie ich letzten Sommer ein paar Tage nur für mich weggefahren bin. Beim Stichwort „neuen Lieblingskuchen entdeckt“, habe ich auch richtig Freude. Denn dann ploppt bei mir innerlich der leckere Apfelkuchen meiner Oma auf.
Die Lebenswertliste zeigt mir, wie unterschiedlich Glück aussehen kann. Für die einen ist es in Bewegung bleiben, für die anderen eine feste Routine haben. Für manche ist es in Gemeinschaft sein und wieder andere wollen endlich mal die Ruhe genießen. Alles darf nebeneinanderstehen, ohne verglichen zu werden. Das ist das Schöne an der Lebenswertliste: Sie zeigt, dass es kein richtig oder falsch gibt, wenn es darum geht, was Menschen glücklich macht.
Und die Liste macht noch etwas: sie schärft meinen Blick für die kleinen Freuden bei mir selbst. Für das, was sonst so leicht untergeht, weil es selbstverständlich wirkt oder keinen Namen bekommt. Denn diese kleinen Erfahrungen wie „ein dickes Buch zu Ende lesen“ oder „Morgenluft nach einer Regennacht“ passieren meistens ohne, dass man sie so richtig anerkennt oder feiert.
Und manchmal, wenn ich eine der wöchentlichen Lebenswertlisten lese, ertappe ich mich dabei, wie ich gedanklich meine eigenen Punkt dazusetze und mich daran erinnere was im besten Sinne „lebenswert“ war an dieser Woche oder am heutigen Tag.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44022SWR4 Abendgedanken
Mein Neffe und meine Nichte haben zum ersten Mal beim mir übernachtet. Die beiden sind fünf und acht Jahre alt. Es war ein toller Abend mit leckeren Dino-Nuggets zum Abendessen und einem gemütlichen Film samt Chips und Gummibärchen. Irgendwann war es Zeit ins Bett zu gehen. Im Vorhinein habe ich mich schon gefragt, wie das wohl klappt. Ob die beiden in einer fremden Umgebung gut einschlafen können, oder ob das Heimweh doch zu groß ist.
Gut schlafen zu können ist ein richtiger Segen. Wer dauerhaft schlecht schläft, weiß was ich meine. Ich jedenfalls fühle mich schon nach einer einzigen unruhigen Nacht am nächsten Morgen wie gerädert.
Es gibt eine christliche Heiligenlegende, in der rettet der Schlaf sogar Leben. Sie klingt erstmal ziemlich abstrus. Das ist typisch für Legenden, sie haben ja oft etwas Sonderbares an sich. Die Geschichte spielt im römischen Reich. Kaiser Decius herrscht über das Gebiet und ordnet an, dass die ganze Bevölkerung den römischen Göttern Opfer bringen soll. Eine Gruppe von sieben jungen Christen weigert sich dagegen. Sie wollen keinen fremden Göttern dienen. Deshalb lässt Decius die Sieben verfolgen. Auf der Flucht verstecken sich die jungen Männer in einer Höhle und bitten Gott um Hilfe. Gott lässt die Jungen tief einschlafen und wacht über sie. Bald finden die Soldaten das Versteck. Aus Ärger lässt der Kaiser die Höhle zumauern, denn die Gruppe soll bei lebendigem Leib begraben werden. Es vergehen ganze zweihundert Jahre, bis die Höhle ganz zufällig geöffnet wird. Und jetzt kommt das Abstruse: in diesem Moment wachen die jungen Christen auf. Sie sind nicht gestorben, sondern haben nur tief und fest geschlafen. Mittlerweile ist das Christentum in Rom zur Staatsreligion geworden. Der göttliche Schlaf hat den jungen Männern das Leben gerettet.
Ich kann und muss nicht wirklich glauben, dass sich die Legende wirklich so abgespielt hat. Trotzdem macht sie mir etwas deutlich: Gut schlafen zu können, ist wie ein Geschenk Gottes. Beim Schlafen kann sich mein Körper erholen, mein Kopf kann zur Ruhe kommen und ich kann auch mal aus der Realität fliehen, wenn ich etwas Schönes träume. Und wenn jemand nach langem Grübeln und endlosem Nachdenken am Abend endlich einschlafen kann, dann hat das etwas Erlösendes.
Bei der Übernachtungsparty mit meiner Nichte und meinem Neffen ist übrigens alles glatt gelaufen. Noch bei der Gute-Nacht-Geschichte sind den beiden die schweren Augen zugefallen. Und ich will mir vorstellen, dass – wie auch bei den jungen Christen in der Höhle – in dieser Nacht Gott ganz besonders gut auf sie aufgepasst hat.
Ich wünsche Ihnen, wenn es soweit ist, einen erholsamen und gesegneten Schlaf.
Mein Neffe und meine Nichte haben zum ersten Mal beim mir übernachtet. Die beiden sind fünf und acht Jahre alt. Es war ein toller Abend mit leckeren Dino-Nuggets zum Abendessen und einem gemütlichen Film samt Chips und Gummibärchen. Irgendwann war es Zeit ins Bett zu gehen. Im Vorhinein habe ich mich schon gefragt, wie das wohl klappt. Ob die beiden in einer fremden Umgebung gut einschlafen können, oder ob das Heimweh doch zu groß ist.
Gut schlafen zu können ist ein richtiger Segen. Wer dauerhaft schlecht schläft, weiß was ich meine. Ich jedenfalls fühle mich schon nach einer einzigen unruhigen Nacht am nächsten Morgen wie gerädert.
Es gibt eine christliche Heiligenlegende, in der rettet der Schlaf sogar Leben. Sie klingt erstmal ziemlich abstrus. Das ist typisch für Legenden, sie haben ja oft etwas Sonderbares an sich. Die Geschichte spielt im römischen Reich. Kaiser Decius herrscht über das Gebiet und ordnet an, dass die ganze Bevölkerung den römischen Göttern Opfer bringen soll. Eine Gruppe von sieben jungen Christen weigert sich dagegen. Sie wollen keinen fremden Göttern dienen. Deshalb lässt Decius die Sieben verfolgen. Auf der Flucht verstecken sich die jungen Männer in einer Höhle und bitten Gott um Hilfe. Gott lässt die Jungen tief einschlafen und wacht über sie. Bald finden die Soldaten das Versteck. Aus Ärger lässt der Kaiser die Höhle zumauern, denn die Gruppe soll bei lebendigem Leib begraben werden. Es vergehen ganze zweihundert Jahre, bis die Höhle ganz zufällig geöffnet wird. Und jetzt kommt das Abstruse: in diesem Moment wachen die jungen Christen auf. Sie sind nicht gestorben, sondern haben nur tief und fest geschlafen. Mittlerweile ist das Christentum in Rom zur Staatsreligion geworden. Der göttliche Schlaf hat den jungen Männern das Leben gerettet.
Ich kann und muss nicht wirklich glauben, dass sich die Legende wirklich so abgespielt hat. Trotzdem macht sie mir etwas deutlich: Gut schlafen zu können, ist wie ein Geschenk Gottes. Beim Schlafen kann sich mein Körper erholen, mein Kopf kann zur Ruhe kommen und ich kann auch mal aus der Realität fliehen, wenn ich etwas Schönes träume. Und wenn jemand nach langem Grübeln und endlosem Nachdenken am Abend endlich einschlafen kann, dann hat das etwas Erlösendes.
Bei der Übernachtungsparty mit meiner Nichte und meinem Neffen ist übrigens alles glatt gelaufen. Noch bei der Gute-Nacht-Geschichte sind den beiden die schweren Augen zugefallen. Und ich will mir vorstellen, dass – wie auch bei den jungen Christen in der Höhle – in dieser Nacht Gott ganz besonders gut auf sie aufgepasst hat.
Ich wünsche Ihnen, wenn es soweit ist, einen erholsamen und gesegneten Schlaf.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44021SWR4 Abendgedanken
„Wenn möglich, bitte wenden“, das klingt wie die Ansage von meinem Handy, wenn mir Google-Maps mitteilt, dass ich mich mal wieder verfahren habe. Aber tatsächlich ist es dieses Jahr mein persönliches Motto für die Fastenzeit.
Die Idee dazu habe ich aus der Bibel, dort lese ich: „Kehr um und glaub an das Evangelium“. Umkehr ist das große Thema der christlichen Kirchen in der Zeit bis Ostern. Für mich klingt das Wort ein bisschen altbacken. Und vor allem nach einer ziemlich großen Aufgabe, die ich nicht einfach locker nebenher umsetzen kann.
Was im Deutschen mit „Umkehr“ übersetzt wird, steht im Originaltext der Bibel anders. Da ist eigentlich von „Umdenken“ die Rede und damit kann ich schon viel mehr anfangen. Dieses Jahr in der Fastenzeit heißt „umdenken“ für mich, dass ich aus meinen Routinen ausbrechen möchte. Ich denke also meinen Alltag um. Denn ich will in der Fastenzeit nicht einfach nur im Automatikmodus leben: Aufstehen, zur Arbeit gehen, zu Abend essen und wieder ab ins Bett. Ich will versuchen Bei einem kleinen Teil meines Tages neue Routen einzuschlagen.
Ganz konkret kann das so aussehen: ich koche ein Rezept, dass ich schon ewig mal ausprobieren wollte. Oder lese ein Gedicht, obwohl ich sonst lieber Krimis mag, oder ich besuche einen Sportkurs in meinem Fitnessstudio, den ich vorher noch nie gemacht habe. Vielleicht gelingt es mir auch umzudenken, wenn ich mit anderen Menschen zu tun habe. Dass ich im Gespräch nicht gleich meine vorgefertigte Meinung rauslasse, sondern erst mal richtig hinhöre, was mein Gegenüber mir eigentlich sagen will.
Anstelle meiner gewohnten Alltagsroutine, möchte ich ganz bewusst Neues ausprobieren. Wenn möglich! Es geht nicht darum mein gesamtes Leben umzukrempeln und das zwanghaft jeden Tag zu schaffen. Aber ich möchte es versuchen. Zumindest eine Sache will ich anders gestalten, eben bewusster. Im besten Fall läuft sie dann nicht nur nebenher, sondern ich bin mit voller Aufmerksamkeit dabei.
Umdenken meint also eigentlich im Moment präsent sein; zu merken, was gerade wichtig ist. Und gedanklich nicht schon bei den nächsten zehn Aufgaben hängen – wie ich es sonst von meinem Alltag im Autopiloten kenne.
Und vermutlich gelingt mir das nicht jeden Tag. Aber wenn ich dann bemerke, dass ich zu schnell wieder in alte Muster verfalle, dann kann ich mich nochmal an mein Motto für die Fastenzeit erinnern. „Wenn möglich, bitte wenden“. Wie auch bei meinem Navi, erinnert es mich daran, die Richtung zu wechseln, ohne Druck und Vorwürfe. Ich kann es einfach versuchen, einen anderen Weg nehmen, neu anfangen und umdenken.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44020SWR4 Abendgedanken
Einfach wunderbar, wenn auf einmal etwas so ist wie man sich das schon lange gewünscht hat.
Ich habe das jetzt auch erlebt, denn der Kellner in meinem Lieblingscafé kennt seit kurzem meine Bestellung auswendig. Wenn ich komme, fragt er nur noch „Wie immer?“, oder er bringt mir meinen Cappuccino einfach so. Wie gut mir das tut, zu wissen, dass ich nicht nur eine Kundin unter vielen bin. Sondern, dass jemand mich als Person wahrnimmt und sich gemerkt hat was ich mag. Das ist so aufmerksam!
Gesehen werden verbindet. Nicht nur in meinem Lieblingscafé. Überall gibt es Menschen, die mir häufig über den Weg laufen. Sei es morgens beim Warten auf die Straßenbahn oder beim Trainieren in der Boulderhalle. Nicht immer entstehen Gespräche, aber man nimmt sich gegenseitig wahr und manchmal reicht schon ein kleines Lächeln oder ein kurzes Zunicken um zu sagen. „Ich sehe dich“.
Verbindung kann also dann entstehen, wenn man nicht über andere hinwegschaut. Einer, der das ziemlich gut hinbekommen hat, war Jesus von Nazareth. So jedenfalls schildert es die Bibel. Für mich macht das eine Erzählung besonders deutlich:
Jesus ist gerade mit seinen Freundinnen und Freunden unterwegs. Um ihn herum drängeln sich viele Leute. Alle wollen ihn sehen. In der Menge ist auch Zachäus. Er ist ein Außenseiter. Keiner kann ihn so richtig leiden, weil er als Zollbeamter viel zu hohe Steuern verlangt und sich das Geld auch noch in die eigene Tasche steckt. Weil Zachäus wegen der vielen Leute nichts von Jesus sehen kann, klettert er kurzerhand auf einen nahegelegenen Baum. Von dort hat er die ganze Lage im Blick und bekommt endlich Jesus zu Gesicht.
Und auch Jesus wird auf den Mann aufmerksam, der da in den Ästen hockt. Er sieht ihn an und ruft etwas Merkwürdiges zu ihm hoch: „Zachäus ich möchte heute bei dir zu Hause Abendessen“. Zachäus freut sich riesig. Jesus hat ihn tatsächlich gesehen und möchte auch noch Zeit mit ihm verbringen.
Das Treffen mit Jesus hat viel in Zachäus bewirkt. Er hat danach sein ganzes Leben umgekrempelt. Und begonnen hat alles mit einem Blick. Jesus hat Zachäus wahrgenommen. Der eine, der von so vielen Menschen bewundert und gefeiert wird, hat sich dem Außenseiter zugewendet.
Die Geschichte von Jesus und Zachäus macht deutlich, dass es viel bewegen kann, wenn ich andere Menschen wahrnehme. Ich bin überzeugt, das sich etwas verändert, wenn Menschen gesehen werden. Bei mir und dem Kellner in meinem Lieblingscafé ist das auf jeden Fall so. Seit ich dort mit der Frage „Wie immer?“ begrüßt werde.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44019SWR4 Abendgedanken
Ich falle jedes Jahr wieder darauf rein. Sobald März ist, denke ich: „Tschüss Winter und Hallo Frühling. Endlich ist Schluss mit nass und grau. Ab jetzt gibt’s nur noch Sonnenschein.“ Und dann holt mich die Realität doch ganz schnell wieder ein. Denn oft ist es im März immer noch ziemlich kalt und die Sonne lässt sich auch nur ab und zu blicken. Immerhin sind die Tage wieder länger, aber so richtige Frühlingsstimmung will bei mir einfach noch nicht aufkommen. Ich werde wirklich ungeduldig was das Thema Frühling angeht. Ich kann weder das Wetter beeinflussen, noch dafür sorgen, dass die Blumen und Pflanzen schneller wachsen. Es kommt mir so vor als würde sich der Winter ewig ziehen.
Und trotzdem lerne ich etwas vom Monat März. Denn was im März passiert, ist erstmal ganz unscheinbar. Wenn ich einen Blick auf die Natur werfe, dann sehe ich immer noch vielerorts kahle Bäume und matschige Wiesen. Aber unter der Erde da ist mächtig was los. Samen sprießen und Wurzeln wachsen, um alles für die Frühjahrspracht vorzubereiten. Es bewegt sich also doch vieles, nur kann ich es nicht direkt sehen.
Ich kann mir an der Natur ein Beispiel nehmen und mich unter der Oberfläche, also innerlich, auf den Frühling vorbereiten. Dabei überlege ich mir, worauf ich mich im Frühling besonders freue, zum Beispiel, endlich wieder bei Sonnenschein und in leichter Jacke, draußen zu spazieren. Darauf zum erst Mal wieder in die Eisdiele zu gehen oder meinen Balkon mit Geranien und Glockenblumen zu bepflanzen. Und bei manchen Dingen braucht es ja auch eine tatsächliche Vorbereitung, bei den Blumen zum Beispiel. Wenn ich schöne Blumen auf dem Balkon haben will, muss ich mir ja erst mal überlegen, ob noch genügend Erde da ist und wo ich eigentlich meine Übertöpfe verstaut habe.
Und ich kann das Ganze auch auf einer persönlichen Ebene angehen und mich fragen, was ich tun kann, um in der kommenden Zeit innerlich zu wachsen. Vielleicht krame ich nochmal meine Vorsätze von Neujahr raus oder ich reflektiere eine heikle Situation und überlege, was da eigentlich passiert ist und ob das das nächste Mal vielleicht anders laufen könnte. Das alles kann dazu beitragen, dass auch in mir Neues und Gutes aufgehen kann.
Den Frühling kann ich nicht herbeizaubern, aber ich kann mich auf ihn vorbereiten und wenn er dann da ist koste ich ihn aus, so wie es gerade möglich ist. Ob nur einen Moment mit der Nase an der frischen Luft oder einen ganzen Nachmittag an der Sonne.
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