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SWR4 Abendgedanken
Meine Freundin Carlotta engagiert sich ehrenamtlich beim Kirchenasyl. Sie begleitet Frauen, Männer oder ganze Familien, die davon bedroht sind abgeschoben zu werden und die deshalb in kirchlichen Räumen Schutz suchen. Gerade hat eine junge Frau bei ihnen im Kirchenasyl einen Platz gefunden. Gemeinsam mit anderen kümmert Carlotta sich nun darum, dass die junge Frau genug zu essen hat, Kleidung bekommt und dass all die bürokratischen Fragen geklärt werden. Doch vor allem machen Carlotta und die anderen eines: Sie schenken Zeit. Sie bieten der jungen Frau ein offenes Ohr in einer Situation, die mit ganz vielen Sorgen und Unsicherheiten verbunden ist.
Heute ist Carlottas Tag, denn es ist Tag des Ehrenamtes. Und sie ist dabei nicht alleine. Jahr für Jahr engagieren sich in Deutschland knapp dreißig Millionen Menschen ehrenamtlich. Ich habe Carlotta gefragt: „Warum schaufelst du dir neben deinem Beruf und deinen ganzen anderen Verpflichtungen auch noch Zeit für ein Ehrenamt frei?“ Sie meint dazu: „Weil ich ganz konkret helfen kann und wegen der Gemeinschaft.“ Denn die Gruppe mit der sie zusammen beim Kirchenasyl arbeitet, ist zu einem richtigen Team zusammengewachsen, sogar Freundschaften sind daraus entstanden.
Zusammen etwas anpacken. Das ist eine Motivation, die nicht nur für Carlottas Ehrenamt gilt, sondern auch, wenn man Schiedsrichterin im Sportverein ist, die Noten vom Chor in Ordnung hält, oder Kindern mit den Hausaufgaben hilft. Überall dort erfahren Menschen, dass sie konkret etwas bewirken können und dass sie Teil von etwas Größerem sind. Ehrenamt tut im besten Fall nicht nur den Menschen gut, für die man sich engagiert, sondern auch den Ehrenamtlichen selbst. Es ist eine echte Win-Win-Situation und davon profitiert letztlich die ganze Gesellschaft. Denn ohne die Millionen Freiwilligen würde vieles bei uns schlicht nicht funktionieren.
Mich beeindrucken Carlotta und alle die anderen tatkräftigen Menschen, die sich in ihrem Ehrenamt für ein gutes Miteinander, für die Zukunft oder für politische Veränderungen einsetzen. Oft genug bleibt ihre Arbeit ungesehen und manchmal kann so ein Ehrenamt ja auch anstrengend sein. Deshalb ist es umso wichtiger an einem Tag wie heute Danke zu sagen.
Danke für die Arbeit, für das Herzblut und für all die geschenkte Zeit.
Vielleicht sitzt Carlotta heute Abend wieder mit einer Tasse Tee bei der jungen Frau und hört zu. Solche Momente schaffen es nicht auf die große Leinwand oder in irgendwelche wichtigen Statistiken. Aber sie tragen unsere Gesell
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Das, was man tut und, was man mit seinen eigenen Gedanken entwirft oder bewirkt, kann so wichtig sein! Auch wenn man es selbst gar nicht bemerkt, oder unterschätzt. Im Leben des Sängers Sixto Rodriguez war das so.
Sixto Rodriguez wird 1942 in Detroit, in den USA geboren. Mit knapp 30 Jahren nimmt er zwei Musikalben auf. Sein Stil passt perfekt zum Zeitgeist der 68er-Bewegung. Rodriguez singt in seinen Liedern über die Armut und korrupte Politik im damaligen Amerika. Seine Aussicht auf Erfolg ist riesig und von seinen Produzenten wird er fast schon als der neue Bob Dylan gehandelt. Aber dann kommt die große Enttäuschung. Rodriguez Platten verkaufen sich überhaupt nicht und der Ruhm bleibt aus. Anstatt der großen Karriere muss Sixto sich einen Job auf dem Bau suchen und bleibt dort auch sein Leben lang.
Bis hierhin klingt das alles erstmal nicht danach, dass Rodriguez mit seiner Schaffenskraft viel bewirkt hat. Aber am Ende war es doch so. Denn seine Lieder werden im weit entfernten Südafrika zu Mega-Hits und er zum Superstar. Seine Texte treffen einen Nerv, denn dort herrscht seit Jahrzehnten eine diktatorische Regierung. Rodriguez Lieder werden zu Hymnen der Anti-Apartheits-Bewegung, und er selbst bekommt nichts davon mit.
Jahrzehnte später machen sich dann aber zwei Fans auf die Suche nach ihrem Star. Sie wollen erst einmal wissen, ob er noch lebt. Und sie finden Rodriguez. Er lebt immer noch ganz bescheiden in Detroit. Die Fans freuen sich riesig und Sixto kann seinen unverhofften Ruhm nicht fassen.
Das Leben von Rodriguez hat mir bewusst gemacht: Keine meiner Handlungen bleibt wirkungslos, auch wenn ich es selbst nicht immer bemerke. Selbst die kleinste Geste kann etwas in Bewegung setzen, kann Wärme ausstrahlen, Hoffnung geben oder ein bisschen mutiger machen. Und ich weiß selbst, wie gut das tun kann, was andere bewirken. Als mein Lehrer mir vor meiner Abi-Prüfung nochmal lächelnd zugenickt hat, daran erinnere ich mich. Und es hat mir so gutgetan.
Es sind manchmal gar nicht die großen Taten oder gewichtigen Worte, die zählen. Beim Sänger Rodriguez waren es seine Lieder, die unbemerkt viel bewirkt haben. Und auch wenn ich keine Sängerin bin, will ich vom Besten ausgehen. Ich will auch für mein eigenes Leben hoffen, dass kleine Schritte Großes bewegen könne
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„Mach’s wie Gott, werde Mensch“. Den Spruch habe ich auf einer Postkarte gelesen. Gesagt hat ihn Franz Kamphaus, der ehemalige Bischof von Limburg, und gerade jetzt in der Adventszeit passt er einfach perfekt. Denn genau darum geht es ja an Weihnachten: „Gott wird Mensch“.
„Mensch sein“ klingt eigentlich selbstverständlich, aber was das genau heißen soll, darüber habe ich mit meiner Religionsklasse gesprochen. Die Jugendlichen aus der 10. Klasse haben überlegt: Wie tickt der Mensch, was macht ihn aus und wo liegen seine Grenzen? Meine Schülerin Lina war der Überzeugung, dass der Mensch vor allem nach seinem Instinkt handelt und das tut, was am besten für ihn ist. So nach dem Motto, wenn es hart auf hart kommt, dann zählt nur noch „Fressen und gefressen werden“. Und mein Schüler Hannes hat eingeworfen, dass man bei Kleinkindern das Menschsein am besten ablesen kann, weil sie noch ganz ohne Vorurteile sind. Weil sie von sich aus gerne teilen und anderen gegenüber grundsätzlich hilfsbereit sind. Am Ende sind wir bei der Frage gelandet, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse ist.
In der Bibel gibt es dafür eine eindeutige Antwort: Grundsätzlich ist der Mensch erstmal gut, weil er nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Wie er dann handelt, steht auf einem anderen Blatt. Und was gutes Handeln ist, dafür gibt Jesus konkrete Beispiele: immer, wenn Menschen mit denjenigen Zeit verbringen, die ausgegrenzt werden, wenn sie sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen oder anderen dabei helfen sich miteinander zu versöhnen. Immer dann sind sie Menschen im eigentlichen Sinn.
Auch wenn ich natürlich schon längst ein Mensch bin, kann ich immer noch ein Stückchen menschlicher werden. Dann kommen alle meine positiven Seiten zum Vorschein und der Rest rückt in den Hintergrund. Dann versuche ich geduldig zu bleiben, wenn meine Eltern ein Technikproblem haben, oder ich achte beim Treffen mit Freundinnen vor allem auf die Freundin, die den ganzen Abend so ungewöhnlich still ist.
Gerade hat der Advent begonnen. Die Zeit, in der ich mich auf das Ereignis „Gott wird Mensch“ vorbereite. Und wie kann ich das besser tun als selbst zu dem Menschen zu werden, der eigentlich in mir steckt!
Und ja, das ist auch mein persönlicher Weihnachtswunsch: Dass ich immer mehr Mensch werde, nämlich mitfühlend, ehrlich und aufmerksam. Und dass ich so auch anderen etwas von dem weitergeben kann, was Gott an Weihnachten allen schenken will: echte Menschlichkeit.
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Warten ist tote Zeit. So fühlt es sich für mich zumindest oft genug an.
Wenn ich zum Beispiel kurz vor Weihnachten ewig am Postschalter stehe, dann ärgert mich das. Logisch, was hätte ich in der wertvollen Zeit alles machen können.
Warten hat ja auch generell einen schlechten Ruf. Denn Warten passt nicht in den schnelllebigen Alltag, wo ich Nachrichten in Sekundenschnelle verschicke und die Pakete schon über Nacht vor meiner Haustür liegen. Ich muss ja auf vieles gar nicht mehr warten.
Aber jetzt im Advent wird in den Kirchen das Warten zelebriert. Als schöne und besonders wertvolle Zeit. Nämlich als bewusste Wartezeit auf Weihnachten. Nur, ich vermute, so richtig darauf hin fiebern werden nur noch Kinder. Für viele bedeutet der Advent zusätzlicher Stress: Geschenke besorgen, die Feiertage planen. Der Advent scheint viel zu kurz und von Warten bleibt da nicht mehr viel übrig.
Ich kann mir aber zu Herzen nehmen, worum es im Advent eigentlich geht: Eben, dass ich mich einstimme auf ein ganz wunderbares Ereignis, das erst noch kommt. Dass wir feiern, dass Gott Mensch geworden ist. Vielleicht kann ich dadurch dem Stress etwas entgegensetzen.
Oder es kann mich trösten, wenn ich eher mit gemischten Gefühlen auf Weihnachten zugehe. Weil dieses Jahr alles anders ist als bisher, oder weil Ängste oder Trauer da sind.
Im Advent gibt es viele Traditionen, die das Warten auf Weihnachten zu einem schönen Erlebnis machen: Adventskalender, das Kerzenentzünden auf dem Kranz, der Besuch vom Nikolaus. Die Liste mit Ritualen ist lang. Ich kann die Wochen aktiv mitgestalten und so mir selbst oder anderen dabei Gutes tun.
Am liebsten möchte ich mir etwas von diesem gestalteten Warten aus der Adventszeit auch für die Zeit unterm Jahr abschauen. Womöglich hilft es mir auch in langen Schlangen oder vollen Wartezimmern. Ich könnte Warten auch dann als Gelegenheit sehen mir etwas Gutes zu tun.
Anstelle von Weihnachtsritualen kann ich mir persönliche Warterituale überlegen: Ich kann einen Podcast hören, oder meine Stricknadeln immer dabeihaben, oder gerade bewusst mal nichts tun: einfach Dasitzen und Augen zu.
Warten kann eine „gestaltete Zeit“ werden. So wie jetzt im Advent.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Advent – als Wartezeit.
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Eine „Ruhezone“ mitten im lauten Rockkonzert?! Sowas gibt es. Meine Bekannte Elisa hat mir neulich begeistert davon erzählt. Solche Ruhezonen sind abgetrennte Bereiche, etwas abseits der Menge wo die Musik nicht ganz so laut ist. Elisa ist da hin, weil es ihr in der vollen Konzerthalle mit der Zeit zu viel geworden ist.
Ich war letzten Samstag in der Mannheimer Innenstadt, im Weihnachts-Einkaufs-Wahnsinn, und so einen Ruheraum habe ich da auch gut gebrauchten können. Ich habe bei meiner Shopping Tour das volle Programm erlebt: Überfüllte Straßen, Kaufhäuser, in denen es vor Menschen nur so wuselt und Weihnachtsmusik, die aus den Lautsprechern schallt. Mir waren das Getümmel und die Lautstärke in dem Moment schnell zu viel. Als ich da so gestresst auf der Einkaufsstraße unterwegs war, bin ich an der Mannheimer Stadtkirche vorbeigekommen. Ich kenne die Kirche gut, ich habe dort gearbeitet. Aber nur für mich, einfach so, war ich noch nie drin. Kurzentschlossen bin ich rein und drinnen war es fast menschenleer und so still. Was für eine Ruhezone! Ich habe mich auf die Kirchenbank fallen lassen, habe meine schweren Einkaufstaschen abgestellt und kurz durchgeatmet.
Von Jesus kenne ich diesen einen Satz auswendig: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch Ruhe schenken.“ (Mt 11,28). Da in der Kirchenbank habe ich richtig gefühlt, was das heißt: dass ich bei Jesus alles abladen kann. Und dass es eben Gott gibt, der mir meine Last abnimmt und mich kurz durchatmen lässt.
Ruhe ist was Göttliches. Immer wenn es laut und hektisch ist, fühlt sich Ruhe nach mehr an als nur nach einem Fehlen von Lärm. Sie ist Erleichterung, Aufatmen und Balsam für die Seele – göttlich eben.
Für mich war die Mannheimer Stadtkirche in dem Moment die perfekte Ruhezone. Ich weiß aber auch: wenn es hoch her geht, habe ich nicht immer so einen ausgeschilderten Ruheraum. Wenn mich mein Alltagsstress gefangen hält, kann ich nicht einfach die Tür hinter mir zu machen. Aber ich will auch dann Momente der Ruhe einfordern. Sei es, dass ich den Weg zum Briefkasten bewusst gehe, oder, dass ich im Aufzug den Moment der Stille genieße.
Ich muss nicht immer funktionieren und mich abrackern. Wie war das bei Jesus? „Komm zu mir … ich will dir Ruhe schenken.“ Ich darf Pause machen und will jetzt im Advent besonderes dafür einstehen: für meine persönliche Ruhezone.
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Nichts schmeckt so gut wie der erste Bissen Butterbrot, wenn man nach Stunden endlich oben auf dem Gipfel angekommen ist. Dann sitzt man da, lässt den Blick übers Tal schweifen und staunt.
Auch eine Art von Gipfelerlebnis ist in der Bibel aufgeschrieben. Es ist das, was Mose am Berg Horeb erlebt haben soll:
Eigentlich hat Mose nicht geplant zu einem Berg zu wandern. Mose ist draußen in der Steppe unterwegs und hütet seine Schafe und Ziegen. Plötzlich bemerkt er ein Feuer an einem nahegelegenen Berg. Neugierig, was da gerade passiert, lässt er seine Tiere zurück und geht los. Er sieht einen Dornbusch, der Feuer gefangen hat, außerdem ist da ein starker Wind und Mose hört ein ganz außergewöhnliches Flüstern. Die Stimme sagt zu Mose: „Ich bin der Gott deines Volkes Israel und ich werde euch aus der Unterdrückung befreien.“ Kurz zur Erklärung: Die Israeliten waren damals Gefangene der Ägypter. Sie waren ein versklavtes Volk.
Und jetzt diese Nachricht: Israel soll befreit werden und ausgerechnet Mose soll derjenige sein, der das allen klar macht. Und auch noch die Befreiung für sein ganzes Volk durchzieht? Am Berg Horeb muss Mose ziemlich überfordert gewesen sein. Sofort hält Mose dagegen: „Und was ist, wenn mir niemand glaubt?“. Die Stimme antwortet: „Du musst dich nur trauen, ich bin bei dir.“ Also verlässt Mose den Berg und legt los. Und obwohl ihm einige Steine in den Weg gelegt werden, kann er die Israeliten aus der Gefangenschaft der Ägypter befreien.
Ich weiß nicht, ob die Geschichte mit Mose und dem brennenden Dornbusch am Berg Horeb haargenau so passiert ist. Es ist mir auch nicht so wichtig.
Für mich macht die Geschichte aber eines deutlich: Es gibt Orte, die haben eine ganz besondere Ausstrahlung, da kann man etwas Großartiges erfahren. Der Blick auf das Meer zum Beispiel, kann so ein Gefühl auslösen. Wenn die Wellen rhythmisch an die Küste schwappen und der Horizont endlos erscheint. Und in den Bergen kann es einem auch so gehen. Wenn man auf die Welt herunterblickt und nur noch über die Schönheit der Natur staunen kann.
Für manche Menschen ist dieses Gefühl von Weite ein Fingerzeig dahin, dass es noch etwas Größeres gibt als unsere Welt, Gott zum Beispiel. Und dass Gott für Freiheit steht und diese auch ermöglichen möchte. Am Meer oder oben in den Bergen, da kann man die Freiheit fast greifen. Die Freiheit, die auch Mose für sein ganzes Volk erkämpft hat. Zusammen mit Gott, der ganz sicher Freiheit ermöglichen will. Für alle, auch für mich.
SWR4 Abendgedanken
Ich schaue mir auf Instagram gerne Videos von Kathi an. Vor kurzem hat Kathi bei einem neuen Videotrend mitgemacht. Dieser Trend hat einen eigenen Namen und der ist ziemlich lang, er heißt: „Ich habe mein jüngeres Ich auf einen Kaffee getroffen“. Da spricht die erwachsene Kathi mit einer jüngeren Version von sich. Sie als Erwachsene schlüpft dann also direkt im Gespräch in die Teenager-Kathi und stellt Fragen wie: „Sag mal, mir wird das mit dem Lernen gerade alles zu viel, habe ich den Studienplatz für Medizin eigentlich bekommen?“ Darauf die erwachsene Kathi: „Du wirst sogar als eine der besten das Studium abschließen.“ Und dann geht das Gespräch in dem Stil weiter…
Ich denke bei diesen Videos dann oft: Wow! Mit was für einem liebevollen Blick Kathi auf ihr jüngeres Ich schaut. Kathi nimmt die Wünsche und Sorgen ernst und zeigt ihrem jüngeren Ich, dass so vieles gut ausgegangen ist.
Wenn ich mich so zurückerinnere, wie ich als Jugendliche war, dann denke ich: manche Dinge sind ganz anders gelaufen als ich mir das ausgemalt habe. Ich war zum Beispiel in Deutsch immer eine richtige Niete und heute schreibe ich Beiträge fürs Radio. Und was mich ehrlich freut: mit manchen schwierigen Situationen gehe ich heute viel besser um als früher. Darauf bin ich richtig stolz.
Wenn Kathi im Internet mit ihrem jüngeren Ich spricht, erinnert mich das an eine ganz bestimmte Form des Abendgebets. Es heißt „das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ und wurde von Ignatius von Loyola entwickelt. Ignatius hat den Jesuitenorden gegründet und nennt das Gebet „die wichtigste Viertelstunde des Tages“. Bei dem Gebet lasse ich meinen Tag vor meinem inneren Auge nochmal Revue passieren. Ich überlege was ich alles gemacht und mit wem ich gesprochen habe, was mich gefreut hat oder wo etwas nicht gut gelaufen ist. Das Gebet beginnt so: „Guter Gott, ich bitte um Deinen liebevollen Blick auf den Tag. Lass mich diesen Tag mit Deinen Augen sehen.“ Liebevoll meint hier, dass ich nicht gleich alles bewerte, was mir in den Sinn kommt, sondern erst mal nur wahrnehme was passiert ist. Dieser liebevolle Blick verändert etwas. Er hilft mir dabei mein Leben mehr anzunehmen wie es ist.
Und egal, ob Kathi Gespräche mit ihrem jüngeren Ich führt, wie bei dem Internettrend, oder ich heute Abend diesen Tag, diesen einmaligen 14. August 2025 reflektiere. Es kann heilsam sein, dabei mit einem liebevollen Blick auf sich zu schauen.
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Es gibt Dinge, die möchte niemand im Urlaub erleben. Eine Autopanne zum Beispiel. Doch genau das ist meinem Partner und mir in den letzten Ferien passiert. Auf einer engen Passstraße in den slowenischen Alpen hat unser Campervan einen Platten bekommen. Erst hat es ordentlich geruckelt und dann hat unser Auto nur noch geeiert. Zum Glück konnten wir uns in eine nahegelegene Parkbucht retten. Da angekommen sind mir direkt Fragen in den Kopf geschossen: „Ist sonst noch was am Auto kaputt? Und was wird das ganze wohl kosten? Als wir da bedröppelt auf den Abschleppdienst gewartet haben, den wir Gott sei Dank erreicht haben, hat uns ein freundlicher älterer Herr auf Deutsch angesprochen; er war mit dem Fahrrad unterwegs. Aufmunternd hat er zu uns gesagt: „Macht euch nichts draus, solche Dinge passieren. Mein Camper hatte gestern auch einen Platten.“ Kaum hat er das gesagt, war er mit seinem Fahrrad auch schon wieder weg. Es waren nur wenige Worte, eigentlich nichts Besonderes. Kein praktischer Ratschlag und kein Hilfeangebot. Nur so ein Satz von der Art, die man schon oft gehört hat. Aber in dem Moment war es genau das, was ich gebraucht habe. Die freundlichen Worte haben die nächsten zwei Stunden erträglicher gemacht, die wir warten mussten bis der neue Reifen drauf war.
Gute Worte verbinden. Es ist unglaublich aufmunternd zu erleben, dass man gesehen wird und dass man nicht die Einzige ist, bei der mal was schief geht. Zwar konnte der Mann mit dem Fahrrad nichts an unserer Situation ändern, aber er hat uns dabei geholfen, unsere Panne aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.
So ein Perspektivenwechsel kann in vielen Momenten helfen. Gerade dann, wenn man in einer Negativspirale feststeckt und es schwer ist noch irgendwas Gutes zu sehen. Wenn meine Freundin ein blödes Projekt bearbeiten muss und sie nur über ihren Job schimpft, dann kann ich sie daran erinnern, worüber sie normalerweise schwärmt. Oder wenn meine Nichte frustriert ist vom Geige Üben, kann ich ihr erzählen wie toll das letzte Vorspiel war. Das Projekt ist und bleibt dann immer noch langweilig und das Geigespielen mühselig, aber vielleicht wird die Haltung mit der ich an die Sache rangehe, ein bisschen anders.
So war es übrigens auch bei unserer Autopanne im Urlaub. Natürlich war es frustrierend, dass wir überhaupt liegengeblieben sind. Aber der Zuspruch von dem älteren Herrn hat etwas Leichtigkeit in die Situation gebracht.
Pannen passieren, Phasen sind anstrengend und Aufgaben mühselig, aber wenn ich gesehen werde und mir jemand dann noch etwas Aufmunterndes sagt, das kann helfen. Nicht für alles. Aber vielleicht für das nächste Stück Weg.
SWR4 Abendgedanken
Was ich an meinem 15. Geburtstag gemacht habe? Ich weiß es nicht mehr. Wahrscheinlich war ich den halben Tag in der Schule und dann hat es Kuchen und Geschenke gegeben. Das Mädchen Leah Namugerwa aus Uganda wird ihren 15. Geburtstag vermutlich ihr Leben lang nicht mehr vergessen. Sie hat, anstatt eine große Party zu feiern, gemeinsam mit ihren Freundinnen und Freunden 200 Bäume gepflanzt. Mit dieser Aktion wollte sie der verheerenden Umweltverschmutzung in ihrem Land etwas entgegensetzen. Und ihr Plan hat funktioniert, durch das sogenannte „Birthday Tree Project“, auf Deutsch „Geburtstagsbaum-Projekt“ wurde Leah als junge Umweltaktivistin bekannt. Sie setzt sich seither für Naturschutz in ihrer Heimat und weltweit ein. Sie hält Vorträge auf Klimakonferenzen und leistet Aufklärungsarbeit im Internet. Leah sagt: „Wenn die Verantwortlichen schon nichts bewirken können, dann können wir wenigstens etwas bewirken. Wir, als Kinder, sind nicht zu jung, um etwas zu verändern.“
Heute ist der internationale Tag der Jugend und es gibt so viele Leahs, auch in unserem Land. Die vielen engagierten Jugendlichen möchten unsere Gesellschaft aktiv mitgestalten. Jedes Jahr am 12. August steht deshalb im Mittelpunkt was Kindern und Jugendlichen wichtig ist. Welche Sorgen und Wünsche haben junge Leute weltweit? Was brauchen sie um in Zukunft gut leben zu können? Und wie kann es bei den Erwachsenen ankommen, was Kinder und Jugendliche brauchen?
Schon der Mönch Benedikt von Nursia, der vor über 1500 Jahren gelebt hat, hat sich solche Fragen gestellt. Der Heilige Benedikt ist zu der Antwort gekommen, dass es förderlich für ein gutes Miteinander ist, wenn möglichst alle bei wichtigen Entscheidungen beteiligt sind. Benedikt ist der Gründer des weltweit bekannten Benediktinerordens, er hat in seinen Regeln für das Klosterleben festgelegt: „Bei großen Entscheidungen innerhalb der Gemeinschaft sollen besonders die jungen Mönche gehört werden. Denn ihnen sagt Gott mindestens genauso oft was das Richtige ist, wie den älteren.“
Mich beeindrucken die 15-jährige Leah und die Regel von Benedikt. Und auch alle, die versuchen im Sinn dieser beiden zu handeln. Zum Beispiel alle, die sich in der Schule dafür einsetzen, dass die Stimmen der Schülerinnen und Schüler gehört werden. Oder diejenigen, die bei politischen Entscheidungen besonders an Kinder und Jugendliche denken.
Leahs Aktion hat weite Kreise gezogen. Auch Indiko aus Japan hat sich an ihrem 16. Geburtstag keine Geschenke sondern Bäume gewünscht, und sie gepflanzt. In Äthiopien hat es der siebzehnjährige Lionel ihr gleichgetan. Und in Frankreich steht Jacque, ein älterer Herr, stolz neben seinen frisch gepflanzten Geburtstagsbäumen. Warum auch nicht? Wer sich von der Jugend inspirieren lässt, bei dem ist das Alter egal.
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Der „geheime Freund“ – klingt nach einem Liebesroman, oder einer Detektivgeschichte. Ist es aber nicht. „Der geheime Freund“ ist der Name für eine Gruppenaktion, in der es darum geht Menschen eine Freude zu machen. Ich kenne sie schon seit 15 Jahren und sie kommt mir immer dann in den Sinn, wenn ich sehe, wie andere ganz unvermittelt glücklich gemacht werden.
Ich bin in der kirchlichen Jugendarbeit groß geworden. Erst als Teilnehmerin, dann als Gruppenleiterin und am Ende habe ich sogar selbst Jugendliche ausgebildet, die dann eigene Gruppen geleitet haben. Und bei diesen Kursen war „der geheime Freund“ immer Teil des Programms.
Kurz gesagt geht es bei der Aktion darum jemandem eine Freude zu machen, ohne dass der- oder diejenige weiß von wem die kleine Aufmerksamkeit kommt. So als wären kleine Wichtel unterwegs, die im Verborgenen Freude verbreiten. Ganz nach dem Prinzip: Der geheime Freund nimmt sich selbst zurück und lässt das Geschenk strahlen
Gleich am ersten Tag ging es los und die ersten Freundlichkeiten wurden verschenkt. Da war dann zum Beispiel der Frühstücksplatz besonders schön mit einem Blümchen und einer lieben Karte gedeckt. Bei einer anderen sind die Lieblingsgummibärchen auf dem Platz im Seminarraum gelegen. Und wieder jemand anderes musste keinen Spüldienst mehr machen. Ich selbst habe zum Beispiel mal eine Playlist mit besonderen Liedern erstellt, weil Lotta, die ich beschenken sollte, denselben Musikgeschmack hatte wie ich. Den Link zur Online-Playliste, habe ich auf eine schöne Karte geklebt und auf ihren Platz gelegt. Als Lotta mein Geschenk entdeckt hatte, ist sie direkt losgegangen um ihre Kopfhörer zu holen und dabei hat sie über beide Ohren gestrahlt.
Lottas Reaktion hat mich einfach nur gefreut. Denn vorher habe ich mir viele Gedanken gemacht und mir auch extra viel Zeit genommen sie kennenzulernen. In meiner Rolle als geheime Freundin habe ich mir Lotta nochmal mit einem ganz anderen Blick angeschaut. Ich wollte erst mal herausfinden, wie sie so tickt. Was ihr besonders viel Spaß macht, worüber sie schwärmt und was sie eigentlich gar nicht leiden kann.
So einen geheimen Freund kann man jederzeit im Leben gut gebrauchen. Jemanden, der, wenn auch nur für einen Tag einen besonderen Blick auf mich wirft. Ich kann zum Beispiel meinem Kollegen eine Aufgabe abnehmen, die er gar nicht gerne macht, ich aber schon. Oder ich plane den Mädelsurlaub, weil es bei meiner Freundin gerade drunter und drüber geht. Auch hier schaue ich mir jeden und jede einzelne für diesen Tag genau an und überlege: Was kann er oder sie heute gut gebrauchen, vom geheimen und doch vertrauten Freund?
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