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SWR1 Begegnungen

Anne Waßmann-Böhm trifft Susanne Schmuck-Schätzel, Dekanin des Dekanats Alzey-Wöllstein
Mitten in der Nikolaikirche im rheinhessischen Alzey schwebt unser Planet: die Erde. Sechs Meter groß und sanft von innen leuchtend, rotiert sie langsam um die eigene Achse. Um sie herum sind im Kirchenraum immer wieder Geräusche zu hören wie im Kontrollzentrum einer Raumstation. Ein Soundtrack gehört nämlich auch dazu. „Gaia“ heißt die Kunstinstallation des britischen Künstlers Luke Jerram. Hier in der Nikolaikirche treffe ich Susanne Schmuck-Schätzel, Dekanin des Dekanats Alzey-Wöllstein. Sie hat Gaia nach Alzey geholt und für sie schließt sich damit ein Kreis. Aber erst einmal staunt sie selbst darüber:
Gigantisch, viel größer, als ich es mir vorgestellt habe. Und auch so das Gefühl, das füllt die Kirche aus. Also Kirche und Welt und Welt und Kirche, das ist ein Berufsleben lang mein Thema gewesen und jetzt ist es so. Also da ist die Welt in die Kirche gekommen und die Kirche ist in der Welt.
Gaia reist schon seit acht Jahren um die Erde, von England über Asien, Australien, jetzt nach Rheinhessen. Die Idee, Gaia nach Alzey zu holen, hat Susanne Schmuck-Schätzel von Kollegen.
Kollegen waren in St. Blasien in Urlaub und kamen begeistert zurück und haben gesagt, das möchten wir so gerne haben. Dann habe ich auf der Homepage nachgeguckt und habe gedacht, ja, das gehört in die Nikolaikirche in Alzey. Vor allem wegen der Christuskugel, des Christussymbols.
In der Alzeyer Nikolaikirche hängt nämlich nirgendwo ein Kreuz, wie man es von anderen Kirchen kennt. Stattdessen liegt im Chorraum eine eindrucksvolle Steinkugel auf dem Boden. Durchzogen ist sie von Hohlräumen – als Symbol für Jesus Christus, seinen Tod und seine Auferstehung aus dem Felsengrab.
Diese Christuskugel, die halt auch die fünf Wundmale von Christus, zeigt, als etwas, was auch Leben gebrochen sein lässt oder was auch an Narben und an Fehlern im Leben kommt. Und dann davor jetzt diese riesige Gaia, die auch einfach das Symbol dessen ist, dass das unsere aller Lebensgrundlage ist.
Die Besucher können hier in der Kirche etwas erleben, was Astronauten den „Overview-Effekt“ nennen, das Gefühl, wenn sie die Erde das erste Mal aus dem Weltraum sehen. Und dieser Blick kann den Besuchern einen großen Mehrwert bringen, erklärt Susanne Schmuck Schätzel:
Zum einen die Schönheit, das ist ja was ganz Schönes. Die Farben, also dieses viele Blau, das Weiß der Wolken, aber auch das Braun der Erdteile. Das andere, diese Vollkommenheit. Also für mich ist auch diese Kugel etwas wirklich Vollkommenes. Aber auch der Blick von außen. Wir sind so klein und sieht man nicht auf der Erde. Und trotzdem haben wir ja eine gewisse Verantwortung, weil, wir stehen auf dieser Erde und gucken jetzt auf diese Gaia und denken, na ja, was tun wir auch mit dieser Erde?
Die Bewahrung der Schöpfung als Aufgabe der Kirche sichtbar zu machen – auch deshalb hat sich die Dekanin für das Projekt stark gemacht. Noch bis zum 3. Juni wird Gaia in der Nikolaikirche hängen. Und auch eine Veranstaltungsreihe rund um das Kunstprojekt könnte den einen oder anderen Besucher zum Nachdenken bringen:
Wir haben zum Beispiel den ehemaligen Chef der ESA in Darmstadt gewinnen können, der wird einen Vortrag halten. Wir haben eine Tanz-Performance. Wir haben verschiedene Lesungen, auch zum Thema, wie leben Menschen auf dieser Erde. Es ist uns auch wichtig, dass es auch solche Zeiten gibt, also Zeiten, in denen unter der Kugel ganz viel Leben passiert, aber auch Zeiten, in denen Ruhe ist.
Gaia bewegt die Menschen. Das erlebt Susanne Schmuck-Schätzel seitdem sie für die Ausstellung wirbt. Und genau das ist der eigentliche Auftrag von Kirche, findet sie:
Es ist so schön, wie Menschen da mitgehen. Also ich habe Anrufe: ‚Ich war in Dresden, ich habe gesehen, dass das hierherkommt.‘ Ich finde das wunderschön, dass sie das nach Alzey bringen. Und in einer Zeit, in der ja vieles auch schwer ist und auch schwer wiegt bei den Menschen, ist das wirklich schön. Und es ist etwas ganz Wichtiges, dass wir als Kirche, als diejenigen, die Kirche vertreten, Menschen zeigen: Da ist mehr. Da ist Inhalt. Und da ist das Thema: Was geschieht in dieser Welt? Wie leben wir auf dieser Welt miteinander? Wie gehen Menschen miteinander um auf dieser Welt? Unglaublich wichtig.
Welt und Kirche. Kirche und Welt. Für Susanne Schmuck-Schätzel gehört beides zusammen. Und vielleicht macht genau das diesen Blick auf Gaia so besonders. Denn dieser Blick führt vom Staunen über die Schönheit zur Verantwortung für die Schöpfung. Für alles, was Gott so gut geschaffen und uns zum Leben geschenkt hat:
„Gott sah es an und es war gut.“ Und wir haben ein Stück Verantwortung, jeder und jede Einzelne, dass das auch so bleibt. Wir alle wissen, wie gefährdet die Erde ist und es ist schön zu sehen, wie diese Welt sein kann und dass wir dazu beitragen müssen, dass es so bleibt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44429SWR4 Abendgedanken
Für mich ist der Mai ein ganz besonderer Monat. Nicht nur, weil gefühlt die Hälfte meiner Familie im Mai Geburtstag hat. Sondern weil der Mai der Monat ist mit den meisten Feiertagen.
Und gleich heute, mit dem 1. Mai, hat der Reigen der Feiertage begonnen. Mit dem sogenannten „Tag der Arbeit“. Es ist kein kirchlicher Feiertag, aber trotzdem hat der 1. Mai eine christliche Botschaft: Er erinnert daran, dass die Arbeit dem Menschen dient und nicht der Mensch der Arbeit – und dass der Mensch mehr ist als das, was er leistet. Gerade in einer Zeit, in der viele sich über ihre Arbeit definieren oder unter ihr leiden, ist das ein wichtiges Zeichen: Jeder Mensch hat Würde – unabhängig von dem, was er schafft oder verdient.
Am 14. Mai folgt in diesem Jahr Christi Himmelfahrt. Der Tag richtet den Blick nach oben – hinaus über das, was ich festhalten und begreifen kann. Und er erinnert daran, dass Jesus nach seiner Auferstehung nicht einfach verschwunden ist, sondern dass er uns vorausgeht – und unser Leben in Gottes Weite geborgen ist.
Und Pfingsten, dieses Jahr am 24. und 25. Mai, erzählt davon, wie Gottes Geist zu den Menschen kommt. Uns bewegt, verbindet und uns neue Worte schenkt. Damit wir uns gegenseitig verstehen – trotz aller Unterschiede. Pfingsten erzählt davon, dass Angst sich in Mut verwandeln kann. Und dass es möglich ist, Streit, Konflikte, überhaupt alles, was Menschen voneinander trennt, zu überwinden.
All diese Feiertage stehen nicht einfach nur im Kalender. Sie stellen Fragen.
Wie lebe ich eigentlich – und wie würde ich gerne leben? Was trägt mich – auch dann, wenn Arbeit und Alltag einmal wegfallen?
Der Mai gibt mir Zeit darüber nachzudenken. Weil er mir kleine Lücken schenkt. Tage, an denen ich nichts „muss“. Genau darin liegt seine Kraft.
Heute beginnt der Mai. Und mit ihm die Einladung, mich unterbrechen zu lassen – und so dem näherzukommen, was meinem Leben Tiefe gibt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44286SWR4 Abendgedanken
Ich öffne meine Emails. Eine davon ist eine Beschwerde:
„Wir wohnen seit kurzem in der Nachbarschaft Ihrer Kirche. Dass sie sonntags zum Gottesdienst läuten, war uns klar. Aber was soll das Läuten mitten unter der Woche? Immer wieder mal morgens oder nachmittags läutet es einfach unglaublich lange und laut. Da ist doch gar keine Veranstaltung in ihrer Kirche. Sind Ihre Kirchturmglocken kaputt? Können Sie das nicht abstellen?“
Beschwerden übers Glockengeläut erreichen mich immer mal wieder. Diese Email ist freundlich und umgänglich formuliert. Und sie ist auch nicht anonym verschickt worden. Deshalb kann ich antworten und tue es auch gerne. Denn das Thema liegt mir am Herzen.
„Herzlich willkommen in der Nachbarschaft!“, antworte ich. „Es tut mir leid, dass Sie sich über unser Glockengeläut an Wochentagen ärgern. In den vergangenen Wochen war es leider auch sehr häufig zu hören. Das Läuten unter der Woche hat folgenden Hintergrund: Immer, wenn wir an Werktagen lange mit allen drei Glocken läuten, ist eines unserer Gemeindeglieder gestorben. Wir nennen das Ausläuten oder auch Sterbeläuten.“
Schon am nächsten Tag bekomme ich eine kurze Antwortmail: „Danke für die Erklärung. Jetzt klingen die Glocken schon ganz anders für uns.“
Genau so geht es mir auch. Ein Tag, an dem jemand ausgeläutet wird, fühlt sich für mich anders an. Das Läuten ist für mich Einladung zum Innehalten. Zum still werden. An den Tod und den Toten denken:
Da ist eine oder einer aus meinem Stadtteil gestorben. Einer, mit dem ich ganz nahe zusammengelebt habe, über Jahre, vielleicht über Jahrzehnte. Eine, die ich vielleicht sogar gekannt habe, flüchtig vom Sehen oder näher.
Die Glocken mahnen: Das Leben ist begrenzt. Deines auch. Aber gerade darum ist es kostbar. Für mich klingen die Glocken deshalb nicht nur nach Abschied. Sie klingen auch nach Leben. Nutze die Zeit!
Wen möchte ich heute noch anrufen? Wem möchte ich sagen, was mir wichtig ist? Was will ich nicht auf später verschieben?
Und die Glocken klingen nach Hoffnung:
Dass ein Leben, das endet, nicht nur im Ausläuten vom Kirchturm nachklingt, sondern dass es bei Gott einen bleibenden Klang hat.
SWR4 Abendgedanken
Jetzt sind sie wieder da. Seitdem es wieder Frühling wird. An schönen Abenden sehe ich sie auf dem Platz vor unserem Haus. Es sind zwei, manchmal auch drei. Ältere Damen, die sich gegen „Feierabend“ treffen, wenn im Haus oder im Garten alles erledigt ist: so um sechs Uhr abends. Sie sitzen auf einer der Bänke auf dem Platz und erzählen. Manchmal haben sie auch etwas zu feiern. Haben eine Flasche Sekt und ein paar Gläser dabei.
Wenn ich vorbeigehe, grüßen sie freundlich, schicken noch einen Satz übers Wetter hinterher. Einmal haben sie sogar eingeladen auf einen Feierabendsekt. Und ich habe mit ihnen angestoßen. Denn eine der Damen ist Uroma geworden. Zwar ist das Ur-Enkelkind weit weg, in Norddeutschland, erzählt sie uns. Aber ein Grund zum Feiern ist das doch allemal. Und sie zeigt uns stolz die ersten Bilder des Urenkelchens auf ihrem Handy.
Die Damen machen wirklich Feierabend auf der Bank. Sie sitzen da und betrachten gemeinsam den vergangenen Tag. Genauso, wie Gott es vorgemacht hat, ganz am Anfang. Als er Tag und Nacht geschaffen hat:
„Gott trennte das Licht von der Finsternis. Er nannte das Licht »Tag« und die Finsternis nannte er »Nacht«. Und Gott sah, dass es gut war.
Es wurde Abend und wieder Morgen – der erste Tag.“ (1. Mose, 1,4f.)
Schon am ersten Tag der Welt gönnt Gott sich am Abend eine kleine Pause. Und ich male mir in meiner Fantasie aus, wie das aussehen könnte: Wie Gott sich auf seine Himmelsbank setzt, tief ein- und ausatmet. Feierabend! Rechts von ihm Jesus, links der Heilige Geist. Vielleicht sogar ein bisschen verwundert, sagt Gott zu den anderen beiden: „Das ist richtig gut geworden, was wir da gemacht haben.“ Er betrachtet stolz sein Werk und nach der Nacht kann der neue Tag kommen.
Die Damen auf der Bank können bei ihrem abendlichen Treffen vielleicht nicht immer sagen, dass heute alles richtig gut war. Aber sie können miteinander erzählen, darauf zurückblicken und ihren Tag abschließen. Können so zumindest sagen: „Es war.“ Und nach der Nacht kann der neue Tag kommen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44284SWR4 Abendgedanken
Ich erinnere mich noch gut. Als mein Sohn klein war, da konnte er abends oft nicht einschlafen. Er hatte Angst und hat nach mir gerufen: „Mama, da sind Gespenster unter meinem Bett“.
„Da sind keine.“ habe ich versucht, ihn zu beruhigen, mich gebückt und nachgeschaut. „Die passen da gar nicht drunter. Da ist viel zu wenig Platz unter deinem Bett.“
„Doch Mama. Die sind da. Aber du kannst die gar nicht sehen. Die sind nur so klein, dass sie gerade drunter passen. Und die sitzen da ganz hinten.“
Für mich war es kindliche Phantasie – für meinen Sohn aber waren sie echt: Seine Angst war echt – und da musste ich ihm doch irgendwie helfen. Um ihn zu beruhigen, habe ich ein Abendritual erfunden: Ich habe den langen Besen geholt und die Gespenster unter dem Bett rausgefegt. Und zur Sicherheit haben wir noch eine Nachtlampe in Gespensterform angeknipst. Ein helles Gespenst, vor dem die anderen Angst bekommen. Das hat sie abgeschreckt. Dann sind sie auch nicht wieder gekommen. Und mein kleiner Sohn konnte ohne Angst einschlafen.
Ich muss abends oft an diese Geschichte denken. Wenn ich selbst einschlafen will – dann spüre ich die Gespenster unter meinem eigenen Bett. Sie sehen nur etwas anders aus. Sie heißen Sorgen und Gedanken. Und obwohl auch sie nur in meinem Kopf sind, sind sie doch echt. Sie kreisen um mich und lassen mich nicht in Ruhe. Gedanken, was ich heute alles wieder nicht erledigt habe. Gedanken, mit wem ich heute einen Streit hatte, den ich nicht klären konnte. Sorgen um Menschen, die ich liebe, und denen es gerade nicht gut geht. Sorgen darüber, dass der Tag morgen eigentlich viel zu kurz ist für all das, was ich noch erledigen muss.
Kinder wünschen sich nur eines gegen Gespenster: Dass jemand da ist. Dass jemand nachschaut. Dass jemand das Licht anmacht. Und deshalb rufen sie um Hilfe.
Vielleicht kann ich genau das von den Kindern lernen: Dass es gut ist, nach jemandem zu rufen. Mich zu vergewissern: Ich bin nicht allein in dieser Nacht. Gott hat versprochen, dass er da ist. Er sagt nicht: „Da ist nichts“, sondern „Ich bin bei dir!“. Und er bleibt, wenn ich mich fürchte. Gespenster haben bei ihm nicht das letzte Wort.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44283SWR4 Abendgedanken
Die Uhr am Alten Rathaus von Nieder-Ingelheim hat eine Glocke. Zuverlässig schlägt sie und teilt jede Stunde in vier Teile: Ein Glockenschlag um viertel nach, zwei Schläge um halb, drei Mal schlägt sie um viertel vor und vier Mal zur vollen Stunde.
Das Haus, in dem ich wohne, steht direkt gegenüber vom Alten Rathaus. Und so begleitet mich die Rathausglocke den ganzen Tag über alle fünfzehn Minuten. Sie bestimmt meinen Rhythmus und teilt meinen Tag ein. Früher hat sie auch meine Nacht eingeteilt. Aber vor einiger Zeit ist die Uhr gründlich überholt worden. Jetzt geht sie sehr genau, das ist schön. Aber mit der Restaurierung hat man auch den Stundenschlag der Glocke verändert. Sie schlägt nachts nicht mehr. Das letzte Mal schlägt sie um 10 Uhr abends, das erste Mal wieder um 7 Uhr morgens. Dazwischen ist Stille.
Wahrscheinlich, so denke ich mir, damit sie keinen Anwohner stört. Und sicherlich hat die Glocke manchen früher im Schlaf gestört und aufgeweckt. Mich haben die nächtlichen Glockenschläge tatsächlich nie gestört. Im Gegenteil. Denn ich wache nachts oft auf. Und wenn ich dann eine Weile wach liege, dann ist es jetzt einfach still. Ich höre nichts. Ein Gefühl, als würde die Zeit in der Nacht stillstehen. Unangenehm und manchmal auch bedrückend. Früher kam über kurz oder lang der Glockenschlag – einmal, zweimal, dreimal oder viermal.
Der nächtliche Glockenschlag hat mir geholfen. Er hat mir nicht einfach nur die Zeit angezeigt, sondern mich auch daran erinnert: Diese Welt ist geordnet. Gott hat sie geschaffen – mit Rhythmus, mit Maß, mit wiederkehrenden Zeiten. Tag und Nacht, Licht und Dunkel, Wachen und Schlafen. Auch wenn ich wachliege, wenn Gedanken kommen und kreisen, wenn die Nacht unendlich scheint. Sie fällt nicht aus Gottes Ordnung heraus. Die Nacht ist kein Chaos, kein unendlicher Raum, in dem ich mich verliere. Sie gehört genauso zu Gottes guter Schöpfung wie der helle Tag. Die Nacht liegt – wie mein ganzes Leben – in Gottes Hand. Schade, dass unsere Rathausglocke nachts jetzt schweigt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44282SWR1 3vor8
Der Sonntag heute wird manchmal auch „Schwarzer Sonntag“ genannt. Heute geht der Blick schon hin zum Karfreitag und zu Jesus am Kreuz. Es geht um Leid, um Tod und um Trauer. Und genau daran erinnert mich auch der Satz aus dem Hebräerbrief, über den heute gepredigt wird: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Das ist der Satz, den ich bei jeder Beerdigung sage. In der Trauerhalle auf dem Friedhof. Bevor ich mich mit der Trauergesellschaft auf den Weg mache, um den Leib oder die Asche eines Verstorbenen zur letzten Ruhestätte zu bringen. „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Das ist der Merksatz für uns alle: Richte Dich nicht zu häuslich ein auf dieser Erde. Du wirst denselben Weg gehen, wie der Tote, von dem Du Dich heute verabschiedest.
Aber der Merksatz geht noch weiter: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14)
Ich bleibe an dem Wörtchen „suchen“ hängen. Was hat das auf sich mit dem Suchen? Wie suche ich hier und jetzt, in dieser Welt, nach einer zukünftigen?
Da fallen mir die Worte einer alten Frau ein, die ich in den letzten Wochen ihres Lebens begleiten durfte. „Ich habe keine Angst vor dem Tod“, hat sie zu mir gesagt, „denn ich weiß ja, wo ich hingehe.“ Sie war sich ganz sicher. Nach dem Tod habe ich eine Wohnung bei Gott, für immer.
Sie hatte keine Todessehnsucht, hat den Tod nicht gesucht. Im Gegenteil. Sie hat ein Leben lang das Leben fest in den Blick genommen. Sie konnte das Leben genießen. Fühlte sich begleitet Gott, der ihr Gaben mitgegeben und ihr Menschen zur Seite gestellt hat. Und sie hat auch die Menschen, die mit ihr lebten, fest in den Blick genommen. Sie hat versucht, da zu sein, wenn sie gebraucht wurde mit ihrer Liebe, ihrer Hilfe, ihrer Gastfreundschaft.
Ja, denke ich, so geht das mit dem Suchen. Diese Frau hat das Leben und die Menschen geliebt. Hat hier schon versucht, so zu leben, wie sie sich das Leben in Gottes Stadt vorstellt. Sie hat nicht darauf gewartet, dass Gott in einem anderen Leben alles besser macht für sie. Sondern hat geholfen, das Leben hier schon ein bisschen besser zu machen. Immer in dem Wissen: Mein Leben hat einen Sinn. Es ist ein Geschenk und ein Auftrag. Und mein Leben hat ein Ziel. Ich gehe dahin, wo ich herkomme.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44115Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Eine meiner Lieblingsgeschichten in der Bibel ist die Geschichte vom „Verlorenen Schaf“. Als Kind wollte ich sie immer und immer wieder hören. Da ist ein Hirte mit hundert Schafen. Und obwohl die für mich alle gleich aussehen, kennt er jedes einzelne. Deshalb bemerkt er eines Tages auch ganz schnell, dass eins abgehauen ist. Er tut alles, um es zu finden. Und als er es dann findet, nimmt er es liebevoll in seine Arme und trägt es nach Hause. Da ist einer, der mich sucht, wenn ich mich hoffnungslos verlaufen habe.
Mit meinem warmen Grundgefühl will ich die Geschichte auch meinen Erstklässlern erzählen. Aber ich komme nicht weit. Ich kann die Geschichte noch nicht einmal zu Ende bringen, die Empörung ist so groß. „Das kann er doch nicht machen, die 99 einfach alleine lassen! Nur, um das eine zu suchen? Wieso ist es denn auch abgehauen? Das hätte ja einfach mal dableiben können!“ Fassungslose Erstklässler schauen mich an. Und mein Argument, dass die 99 ja nicht allein sind, sondern sich doch gegenseitig haben, lassen sie nicht gelten. Sie machen sich einfach viel zu große Sorgen um diese Schafherde. Was ist, wenn jetzt, ausgerechnet jetzt, der Wolf kommt. Sie finden meinen Hirten nicht gut. Schließlich hat Theo die rettende Idee: „Wahrscheinlich hat er den Schafen ja die Hunde dagelassen? Oder vielleicht hat er auch noch einen Hilfshirten?“
Haben die Kinder Recht? Hat der Hirte vielleicht einen großen Fehler gemacht, als er die 99 Schafe alleine gelassen hat? Siegen am Ende doch wieder die Zahlen? Ja, der Hirte geht ein großes Risiko ein, aber ich glaube fest daran, dass er richtig gehandelt hat. Deshalb frage ich meine Erstklässler: „Was soll ich tun, wenn einer von Euch nach der Pause unentschuldigt nicht mehr in die Klasse zurückkommt und niemand weiß, wo er ist?“ Aus tiefster Überzeugung antworten die Kinder: „Ihn suchen!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43997Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Man hinterlässt immer Spuren, auch wenn man einfach nur rumsteht.“ Ein Satz, den uns ein Stadtführer mitgibt. In Halberstadt am Rande des Harzgebirges.
An der Außenwand der Martinikirche in Halberstadt stand nämlich jahrelang eine riesige aus Stein gehauene Ritterstatue. Vor fast 30 Jahren wurde diese Statue dann versetzt. An der Kirche kann man aber 30 Jahre später immer noch sehen, dass dieser große Ritter hier einmal gestanden hat. Die Mauersteine, vor denen der Ritter stand, sind viel heller und seine Silhouette ist auf der Kirchenwand deutlich erkennbar. Nachdem der Stadtführer uns das erklärt hat, sagt er: „Und das habe ich hier gelernt: Man hinterlässt immer Spuren, auch wenn man einfach nur rumsteht.“
Man hinterlässt immer Spuren… dieser Satz geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe ihn vor allem als Mutter gehört. Denn, ob ich es will oder nicht, ich präge ja die Welt für meine Kinder. Mit jedem Satz, den ich sage, mit allem, was ich tue, entstehen Spuren, die meine Kinder prägen. Sogar beim Rumstehen? Das finde ich beunruhigend. Aber ich weiß, dass da was dran ist. Denn die unbewussten Prägungen sind vielleicht am nachhaltigsten. Unüberlegte Sätze wie: „Du kannst das nicht – das habe ich Dir doch schon vorher gesagt, dass das nichts wird!“ Ich hoffe, dass solche Sätze, die ich meinen Kindern ganz sicher auch gesagt habe, nicht ihr Leben prägen.
Was ich meinen Kindern vor allem mitgeben möchte auf ihren Lebensweg? Einfach diese Gewissheit, die sie trägt, wenn Menschen sie klein machen wollen: „Gott hat euch wunderbar gemacht. Jeden und jede ganz anders und wunderbar. Das könnt ihr glauben!“
Ich möchte, dass meine Kinder später über mich sagen: Meine Mutter hat mir Mut gemacht. Sie hat mir Vertrauen mitgegeben – ins Leben, in die Menschen und zu Gott.
Man hinterlässt immer Spuren…ich will alles tun, dass es gute Spuren sind, die ich hinterlasse.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43996Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Ich bin Mitglied im Landfrauen Verband Rheinhessen. Ich bin zwar keine Winzerin oder Landwirtin und ich habe auch keinen besonders grünen Daumen. Aber ich habe als Pfarrerin immer wieder erlebt, wie die Landfrauen sich einsetzen für ihren Ort und für die Menschen am Ort. Dass sie besonders schöne und kreative Ideen haben. Das gefällt mir. Und deshalb bin ich stolz darauf, eine von ihnen zu sein.
In dem kleinen rheinhessischen Dorf Selzen haben die Landfrauen zum Beispiel vor Jahren eine Blumenzwiebel-Pflanz-Aktion durchgeführt. Sie haben an einem Wochenende im Herbst über 1000 Blumenzwiebeln in allen möglichen öffentlichen Beeten in ihrem Dorf vergraben. Im nächsten Frühjahr hatten alle im Dorf etwas davon. Von den Tulpen und Narzissen, die mit der Sonne um die Wette gestrahlt und auch bei trübem Frühlingswetter bunte Farben ins Dorf gebracht haben. Und nicht nur einmal. Diese Blumenzwiebel-Pflanz-Aktion war nachhaltig: Bis heute blühen die Tulpen und Narzissen jedes Frühjahr wieder in den Beeten.
Heute ist mir diese Pflanzaktion der Landfrauen wieder eingefallen. Denn heute ist der Pflanz-eine-Blume-Tag. Dieser Aktionstag ist eine Einladung: Pflanz eine Blume im Garten, auf dem Balkon oder noch besser: in einem Beet in Deinem Ort, von dem Du denkst, dass es wirklich mal eine Blume nötig hätte.
Klar, es ist nur eine Blume. Aber wenn ganz viele „nur eine Blume“ pflanzen, dann werden es ganz schön viele Blumen. Viele kleine Hoffnungszeichen. Und aus den vielen kleinen Hoffnungszeichen wird dann ein großes.
Ich glaube fest daran, dass es so ist, wie es in einem Lied heißt: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern, können nur zusammen das Leben bestehn. Gottes Segen wird sie begleiten, wenn sie ihre Wege gehn.“
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