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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

02AUG2026
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„Oh nein! Da ist ein Fleck auf meinem Kleid! So kann ich doch nicht mehr unter die Leute gehen. Das ist ja so peinlich!“ Mein Mann und ich haben uns jeder ein großes Eis in der Waffel gekauft. Und mein Schokoladeneis ist auf mein helles Kleid getropft. Ich schimpfe, während ich versuche, den Fleck rauszureiben. Und kann nichts anderes mehr sehen und denken als diesen Fleck. Da schaut mein Mann mich an. Seine Augen huschen kurz über den Fleck. Dann sagt er: „Da ist noch so viel Kleid ohne Fleck drumherum!“

Dieser Satz macht mich nachdenklich, denn ich merke: Nicht nur bei meinem Kleid geht es mir so. Auch im Leben starre ich oft auf das, was nicht gelungen ist. Auf den Fehler, den ich gemacht habe. Auf das, was andere vielleicht über mich denken. Auf das, was mir fehlt. Dieser eine dunkle Fleck wird plötzlich riesengroß. Und alles andere gerät aus dem Blick.

Dabei gibt es doch so viel mehr in meinem Leben. So vieles, das gelingt. Menschen, die mich lieben. Fähigkeiten, die ich habe. Begegnungen und Gespräche, die mich glücklich machen.

In der Bibel sagt einer zu Gott: „Gott, du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31,9) Das ist für mich ein wunderbares Gegenbild zu diesem engen Blick auf den Fleck. Gott schenkt mir Lebensraum. Gott gibt meinem Leben Weite. Da darf auch Unvollkommenes seinen Platz habe. Ja, es gibt dunkle Flecken. Aber sie sind nicht das Ganze, sondern nur kleine Punkte im weiten Raum.

Ich bin dann doch weitergegangen mit dem Schokofleck auf meinem Kleid. Nicht, weil der Fleck plötzlich weg gewesen wäre. Sondern weil ich verstanden habe: Da ist noch so viel Kleid um den Fleck herum. Und da ist noch so viel Leben um das herum, was gerade nicht perfekt ist. Das kann ich lernen. Denn Gott sieht das Ganze.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

01AUG2026
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Ich komme auf den Pausenhof der Grundschule. Eigentlich sollten die Schüler jetzt an ihrem Aufstellplatz stehen, damit ich sie mit in ihre Klasse nehmen kann. Aber meine Erstklässler sind in heller Aufregung: „Frau Waßmann-Böhm, komm schnell, der Paul und die Sophie hauen sich.“ Ich gehe dazwischen und spreche ein Machtwort. „Schluss jetzt! Gebt euch die Hand. Entschuldigt euch beieinander!“ „Aber die hat angefangen!“ mault Paul. „Nein, der war’s, der hat mich die ganze Zeit geärgert!“ regt sich Sophie auf. „Es ist mir egal, wer angefangen hat. Ihr hört jetzt beide auf und entschuldigt euch beieinander!“ Nicht wirklich überzeugt nuscheln die beiden eine Entschuldigung.

Und ich bin auch nicht wirklich überzeugt von meinem Machtwort. Denke an so manchen eigenen Streit, bei dem ich nicht nachgeben wollte.  Da fällt mir dieses Bilderbuch ein, das ich meinen Erstklässlern in der nächsten Relistunde dann auch vorlese. Es handelt von zwei Kerlen und heißt „Du hast angefangen – Nein, du!“ Die beiden Kerle geraten über eine Kleinigkeit miteinander in Streit. Schließlich eskaliert der Streit in einer handfesten Auseinandersetzung. Am Ende wissen sie gar nicht mehr, warum sie sich eigentlich gestritten haben und wer angefangen hat. Und dann vertragen sie sich und können sogar miteinander lachen.

Meine Erstklässler sind schlau. Sie haben verstanden, warum ich ihnen dieses Buch vorgelesen habe. Und ich habe auch etwas verstanden: Oft genug könnte ich mir dieses Buch nämlich selbst vorlesen. Wenn ich mal wieder bockig darauf beharre, dass ich nicht schuld bin und ich ja nichts dafür kann, dass der andere angefangen hat. Ich bräuchte aber noch nicht einmal ein ganzes Buch zu lesen, es würde reichen, wenn ich mir diesen einen Satz merke, den Paulus den Römern ins Buch geschrieben hat: „Soweit es auf dich ankommt, leb mit allen Menschen in Frieden.“ (Römer 12,18). Und ich ergänze: Auch, wenn der andere angefangen hat.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

31JUL2026
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„Selig sind die, die Frieden stiften.“ (Matth. 5,9) Mitten in Ingelheim stand eine Zeit lang eine Herde blauer Friedensschafe.   Das war ein ungewohnter Anblick. Denn blaue Schafe gibt es schließlich nicht. Sie sind auch nicht „echt“. Sie sind eine Idee des Künstlers Rainer Bonk.

Seit über 20 Jahren reist Rainer Bonk mit seiner blauen Schafherde durch ganz Europa. Deshalb wird er auch der „Blauschäfer“ genannt. Er sagt: Jeder Mensch hat die gleiche Würde. Jeder zählt. Die blaue Herde steht für Frieden, Toleranz und ein gutes Miteinander. Niemand soll ausgeschlossen werden, nur weil er oder sie „anders“ ist. Die Schafe sind nicht zufällig blau. Die Farbe Blau verbinden viele mit Frieden und mit internationaler Verständigung.

Was mir gefällt, ist, dass diese blauen Schafe nach der Ausstellung nicht einfach wieder aus Ingelheim verschwunden sind. Einige haben sich über Ingelheim verteilt. Bis heute begegnen sie mir in Schaufenstern, auf Weingütern oder in Kindertagesstätten. Jedes Mal, wenn ich eines entdecke, bleibe ich einen Moment stehen. Denn plötzlich ist sie wieder da – diese einfache Botschaft: „Jeder Mensch hat die gleiche Würde. Jeder ist wichtig. Jeder zählt“ Das verbreiten die Schafe als blaue Botschafter jetzt von allen möglichen Orten in der Stadt. Und es werden immer mehr. Ich finde das wunderbar.

„Selig sind die, die Frieden stiften.“ Toleranz und Frieden gehören mitten in unseren Alltag. In die Geschäfte. In die Familien. In die Nachbarschaft. Immer dann, wenn wir einander mit Respekt begegnen. Wenn wir den anderen nicht zuerst nach seiner Herkunft, seiner Meinung oder seinem Aussehen beurteilen, sondern als Mitmenschen sehen.

Gut, dass die blauen Schafe sich immer weiter verbreiten: Sie erinnern uns täglich daran, dass Frieden dort beginnt, wo wir einem Menschen auf Augenhöhe begegnen und seine Würde achten.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

30JUL2026
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„Wie geht‘s dir?“ fragt mich eine Freundin. So wie wir das oft daherfragen. Und ich gebe die Antwort, die erwartet wird, damit man nicht weiter nachfragen muss: „Geht schon. Alles gut.“ Aber meine Freundin gibt sich nicht zufrieden mit „Geht schon“. Sie schaut mich an und sagt: „Ich sehe doch, dass es nicht geht. Magst du es mir erzählen?“ Da kommen mir die Tränen. Sie fragt nichts weiter. Kocht erst mal Tee, stellt Honig auf den Tisch, zwei Tassen und zwei Löffel. Sie lässt mir Zeit, bis ich wieder sprechen kann. Und dann erzähle ich ihr alles, was mich bedrückt. Am Ende sagt sie nur: „Das ist schlimm. Und das wird auch nicht einfach wieder gut. Aber wir gehen den Weg zusammen.“

Seitdem schmeckt Freundschaft für mich warm und kräftig-süß. Wie eine Tasse Tee mit Honig. Dass jemand zuhört macht das Schwere nicht ungeschehen. Aber es macht den Weg leichter, wenn jemand da ist, der mitfühlt und helfen will.

Heute ist der Internationale Tag der Freundschaft. Deshalb denke ich heute an Menschen wie meine Freundin. Echte Freunde. Nicht unbedingt die Lautesten oder Lustigsten. Sondern die, die bleiben, wenn das Leben schwer wird. Die sich nicht mit der ersten Antwort zufriedengeben, sondern noch einmal nachfragen. Die schweigen können und zuhören. Die Tee kochen und Zeit mitbringen.

Schon die Bibel weiß, was ein echter Freund wert ist. „Ein treuer Freund ist ein starker Schutz; wer ihn findet, hat einen Schatz gefunden.“ (Sirach 6,14) Ich habe erlebt, dass das stimmt. Vielleicht haben Sie auch einen solchen Schatz in Ihrem Leben. Sagen Sie diesem Menschen doch einfach mal: „Wie gut, dass es dich gibt. Dich hat der Himmel geschickt!“

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29JUL2026
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Bunte LEGO-Steine zwischen alten Sand- und Betonsteinen. Ich habe welche entdeckt mitten in alten Mauern und zwischen Pflastersteinen in Mainz: Kleine Löcher im Straßenpflaster sind kunstvoll gefüllt worden mit den roten, gelben, blauen und grünen Plastikbausteinen. Die Löcher beschädigter Mauern sind spielerisch repariert worden mit den kleinen farbigen Steinen.

Die Idee dazu stammt von dem Künstler Jan Vormann. Mit seinem LEGO-Kunstprojekt will er kaputte Stellen nicht einfach verstecken, sondern sie mit bunten Steinen ergänzen. Die Mauer wird dadurch nicht wirklich repariert. Aber sie verändert ihr Gesicht. Aus einem Riss oder einem Loch wird ein Hingucker.

Inzwischen gibt es solche kleinen Kunstwerke auf der ganzen Welt. Menschen fanden die Idee des Künstlers so schön, dass sie sie an ihren Wohnorten weitergeführt haben. Für mich ist das biblisch im besten Sinne. Denn Gott gibt den Menschen in der Bibel einen erstaunlichen Auftrag. Er sagt: „Setzt euch ein für das Wohl eurer Stadt.“ (Jeremia 29,7) Nicht: Wartet, bis andere etwas tun. Sondern: Tragt selbst dazu bei, dass eure Stadt lebenswerter wird.

Wir erleben gerade eine Zeit, in der viele zuerst die Risse sehen. Und manchmal reden wir so lange darüber, was alles kaputt ist, dass wir gar nicht mehr auf die Idee kommen, selbst etwas zu verbessern. Jan Vormanns bunte LEGO-Steine erzählen eine andere Geschichte: Fang klein an. Mach den Ort, an dem du lebst, ein bisschen freundlicher.

Natürlich kann ich nicht alle Risse in meiner Stadt reparieren. Aber ich kann etwas dazu beitragen: mit einer Gartenbank vor der Haustür, einem bunt bepflanzten Beet an der Straßenecke oder einer anderen kreativen Idee, die Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubert – so wie die bunten LEGO-Kunstwerke in rissigen Mauern.

Das Beste für eine Stadt beginnt dort, wo Menschen überlegen: Was kann ich heute dazu beitragen?

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

28JUL2026
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„Oh nein! Da ist ein Fleck auf meinem Kleid! So kann ich doch nicht mehr unter die Leute gehen. Das ist ja so peinlich!“ Mein Mann und ich haben uns jeder ein großes Eis in der Waffel gekauft. Und mein Schokoladeneis ist auf mein helles Kleid getropft. Ich schimpfe, während ich versuche, den Fleck rauszureiben. Und kann nichts anderes mehr sehen und denken als diesen Fleck. Da schaut mein Mann mich an. Seine Augen huschen kurz über den Fleck. Dann sagt er: „Da ist noch so viel Kleid ohne Fleck drumherum!“

Dieser Satz macht mich nachdenklich, denn ich merke: Nicht nur bei meinem Kleid geht es mir so. Auch im Leben starre ich oft auf das, was nicht gelungen ist. Auf den Fehler, den ich gemacht habe. Auf das, was andere vielleicht über mich denken. Auf das, was mir fehlt. Dieser eine dunkle Fleck wird plötzlich riesengroß. Und alles andere gerät aus dem Blick.

Dabei gibt es doch so viel mehr in meinem Leben. So vieles, das gelingt. Menschen, die mich lieben. Fähigkeiten, die ich habe. Begegnungen und Gespräche, die mich glücklich machen.

In der Bibel sagt einer zu Gott: „Gott, du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31,9) Das ist für mich ein wunderbares Gegenbild zu diesem engen Blick auf den Fleck. Gott schenkt mir Lebensraum. Gott gibt meinem Leben Weite. Da darf auch Unvollkommenes seinen Platz habe. Ja, es gibt dunkle Flecken. Aber sie sind nicht das Ganze, sondern nur kleine Punkte im weiten Raum.

Ich bin dann doch weitergegangen mit dem Schokofleck auf meinem Kleid. Nicht, weil der Fleck plötzlich weg gewesen wäre. Sondern weil ich verstanden habe: Da ist noch so viel Kleid um den Fleck herum. Und da ist noch so viel Leben um das herum, was gerade nicht perfekt ist. Das kann ich lernen. Denn Gott sieht das Ganze.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

27JUL2026
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Ich habe ein altes Foto entdeckt von mir und meinem Cousin. Da sind wir ungefähr fünf oder sechs Jahre alt und sitzen vergnügt auf dem Badewannenrand im Bad meiner Tante. Gleich geht es raus zum Spielen. Im Gesicht haben wir jeder fünf Cremepunkte: Auf der Stirn und am Kinn, rechts und links auf den Wangen und einen auf der Nase. Wir grinsen als kleine Crememonster in die Kamera und strecken fröhlich die Zunge raus. Und ich erinnere mich, dass meine Tante das immer so gemacht hat: Bevor wir rausgegangen sind zum Spielen, gab es noch mal eine dicke Portion Creme ins Gesicht. Im Sommer Sonnencreme, im Winter Fettcreme. Und immer als Punkte in der gleichen Reihenfolge: Von der Stirn zum Kinn, von der linken zur rechten Wange und zum Schluss mit einem Lächeln auf die Nase.

Damals fanden wir die Cremepunkte einfach lustig und durften sie uns dann selbst im ganzen Gesicht verschmieren. Wenn ich das Foto heute anschaue, dann ergeben die fünf Punkte zusammen ein Kreuz. Auch die Geste meiner Tante passt dazu. Eine Bewegung mit der Hand, von oben nach unten, von links nach rechts. Wie die Pfarrerin beim Segen in der Kirche, bei der Trauung oder Taufe.

Ob meine Tante das jemals bewusst so gemacht hat, weiß ich nicht. Wahrscheinlich nicht. Aber ich bin sicher: Sie wollte uns etwas mitgeben. Nicht nur eine Schicht Creme als Sonnenschutz oder gegen die Kälte. Sondern das Gefühl: Geht hinaus. Ganz unbeschwert. Habt viel Spaß! Und kommt dann gut wieder nach Hause. Ein kleiner Creme-Segen, den sie uns jedes Mal mitgegeben hat. Ganz ohne Worte, mit fünf Punkten und mit viel Liebe: Seid behütet!

Wie gut wäre es, wenn wir einander öfter so verabschieden würden – mit einer Geste, einem Blick oder einem Wort, das sagt: Sei behütet!

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Begegnungen

14JUN2026
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Vanessa Bührmann und Jessica Grünenwald

Anne Waßmann-Böhm trifft Jessica Grünenwald

Über den engen Gassen von Ober-Ingelheim liegt die Burgkirche. Alte Wehrmauern, ein Rosengarten – der perfekte Ort für eine romantische Hochzeit. Im Sommer finden auch viele statt – die meisten werden lange im Voraus geplant. Doch am 26. Juni läuft es anders. Dann heißt es „Einfach heiraten“. „Einfach heiraten“ ist eine Aktion der evangelischen Kirche, die in diesem Jahr wieder an mehr als 350 Orten in Deutschland stattfindet. In Ober-Ingelheim organisiert Pfarrerin Jessica Grünenwald die Aktion.

„Ich habe im letzten Jahr… von Paaren gehört, die an der Aktion teilgenommen haben. Und die waren so begeistert, so beglückt aus der Trauung hinausgekommen, dass mich das so fasziniert hat, dass ich gesagt habe, das berührt mich selbst beim Zuhören. Und diese Erfahrung möchte ich den Menschen (hier vor Ort in Ingelheim) auch ermöglichen und schenken.“

Wer an diesem Tag kommen möchte, kann sich vorher bei der Kirchengemeinde anmelden, muss aber nicht. Und wie kann ich mir das vorstellen, wenn ich wirklich einfach vorbeikomme?

„Jedes Paar wird im schönen Rosengarten in Empfang genommen und begrüßt. Es bekommt einen Paten oder eine Patin zur Seite gestellt. Gemeinsam gehen sie durch den Rosengarten. Dort dürfen sie sich Musik aussuchen, einen Trauspruch für ihr Leben oder etwas, das zu ihnen als Paar passt. Und dann gibt es ein Traugespräch oder ein Segensgespräch.“

Ein Gespräch mit einer Pfarrerin oder einem Pfarrer in offener Atmosphäre. Darüber, was dem Paar im gemeinsamen Leben wichtig ist. Bevor die beiden dann getraut oder gesegnet werden. Alles also ohne lange Vorbereitung oder die hohen Kosten, die ein klassisches Fest mit sich bringen kann. Ein Fest soll es trotzdem sein. Aber die Vorarbeit, die machen andere.

„Wir sind ein großes Team, das besteht aus Hauptamtlichen und vielen Ehrenamtlichen. Und wir sind seit Wochen am Überlegen, damit es ein schönes Fest für die Paare werden kann. Mit Segen, Sekt und mit einer kleinen Überraschung.“

Ein Fest für alle Paare gemeinsam. Aber trotzdem keine „Reihenabfertigung“ oder ein „Event“, das man nebenbei mitnehmen kann.  Jedes Paar wird gesehen. Jedes Paar bekommt seinen ganz eigenen Segensmoment geschenkt.

Die Leute haben sich schon viele Gedanken darüber gemacht, warum sie diese Art von Heiraten und Segnung wählen. Und letztlich mag man sagen, es ist ein Event. Aber ich glaube, dieser Event-Charakter steht für die Paare gar nicht so im Mittelpunkt, sondern dieser spontane Segen, den sie zugesprochen bekommen. Dass die Liebe im Mittelpunkt steht, ohne dass sie viel vorher organisieren müssen.

Die Aktion „Einfach heiraten“ richtet sich an ganz unterschiedliche Menschen. Paare können sich kirchlich trauen lassen, wenn sie standesamtlich verheiratet sind.

„Aber es gibt auch Paare, die haben sich schon zum Segen angemeldet. Die sagen, wir sind schon lange standesamtlich verheiratet und auch kirchlich getraut und haben einen langen gemeinsamen Weg hinter uns…und wollen den Segen jetzt erneuern.“

Besonders berührt hat Jessica Grünenwald, dass auch zwei Frauen sich angemeldet haben, beide Ende sechzig. Im August werden sie standesamtlich heiraten.

„Und die haben gesagt, ich habe Tränen in den Augen, dass sie die Möglichkeit uns bieten, dass wir uns als Paar gleichgeschlechtlich diesen Segen zusprechen lassen können.“

Auch andere Anmeldungen sind ihr in Erinnerung geblieben:

„Eine Dame hat sich angemeldet und gesagt: „Mein Mann weiß noch gar nichts davon. Ich werde meinen Mann überraschen“ Und die sind auch schon 39 Jahre zusammen.“

Oder die Familie, die nach vielen Jahren endlich ihre kirchliche Trauung nachholen möchte,

„die gesagt haben, wir sind schon so lange standesamtlich verheiratet, haben nie die Kurve gekriegt, kirchlich zu heiraten. Erst kam Kind eins, dann haben wir das zweite Kind bekommen. Und jetzt nehmen sie das Angebot an, lassen sich kirchlich trauen und finden es schön, dass sie auch die Kinder mit dazunehmen können.“

Viele Menschen, viele Geschichten. Für Jessica Grünenwald zeigt sich darin, warum Segen die Menschen berührt.

„Nicht alles kann ich bestimmen im Leben. Nicht alles kann ich (so leiten und führen und) so beeinflussen, wie ich es gerne hätte. Und wenn ich dann daran glaube, dass ich gehalten bin in Gottes Segen, erleichtert das manche Schritte und manche Wendungen im Leben, hoffnungsvoll weiterzugehen.“

Und was wünscht sie sich für die Paare am Ende dieses Segenstages?

„Mit einem Leuchten in den Augen würde ich mich freuen, wenn sie sagen: Genau das haben wir als Paar gebraucht. Und wir gehen jetzt gestärkt durch den Segen unseren weiteren gemeinsamen Lebensweg.“

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

06JUN2026
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Auf dem großen Platz am Ingelheimer Rathaus stand im Mai ein langer Tisch. 30 Meter lang! Unser großer Esstisch zuhause ist ungefähr zwei Meter lang. 15mal unser Esstisch hintereinander – das ist eine eindrucksvolle Tafel! Menschen sind neugierig geworden, stehen geblieben, haben sich dazu gesetzt, sind ins Gespräch gekommen. Manchmal gab’s auch Musik am Tisch oder Interviews mit Leuten, die auf ungewöhnlichen Wegen nach Ingelheim gekommen sind. Und genau so war’s auch gedacht: Ein „Bunter Tisch der Vielfalt“.

Für mich war dieser Tisch noch mehr als nur eine Aktion in der Stadt. Für mich ist damit ein Stück Himmel auf die Erde geholt worden. Jesus erzählt einmal davon, dass es genau so sein wird, wenn Gottes Reich bei uns Wirklichkeit wird:

Aus Ost und West, aus Nord und Süd werden die Menschen kommen und in Gottes neuer Welt zu Tisch sitzen. (Lukas 13,29)

Was für ein Bild: Menschen aus allen Ländern dieser Erde sitzen gemeinsam an einem Tisch. Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Sprachen und Erfahrungen. Alle zu Gast bei Gott. Alle friedlich beisammen und interessiert aneinander.

Oft ist unsere Welt noch sehr weit entfernt von diesem wunderbaren Bild. Der „Bunte Tisch der Vielfalt“ hat auch nur für zwei Wochen auf dem Rathausplatz gestanden. Aber wie schön, dass es solche Hoffnungsorte gibt. Orte, an denen Frieden ganz niederschwellig beginnen kann. An denen nicht immer nur die zusammensitzen, die sich sonst auch begegnen. An denen jemand ein Stück zur Seite rückt und sagt: „Hier ist noch Platz.“, auch wenn er den anderen nicht kennt. Orte, an denen plötzlich Zeit und Raum ist, damit Menschen wirklich anfangen, sich kennen zu lernen.

Ich habe so jedenfalls mal wieder gemerkt, dass es sich lohnt, ein Stück zur Seite zu rücken und Platz zu machen für jemanden, der mir fremd ist. Dass mein Leben bunter und reicher wird durch neue Begegnungen. Manchmal beginnt Gottes Reich ganz unscheinbar an einem Tisch mitten in der Stadt.

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05JUN2026
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Ich habe eine Freundin in Ungarn. Ihr Sohn und meine Tochter sind fast genau gleich alt. Als sie klein waren, haben sie oft miteinander gespielt. Und einmal kam meine Tochter Paula wutentbrannt zu mir: „Der Janos hört nicht auf mich! Ich sag ihm, jetzt bin ich dran auf der Rutsche. Aber er hört einfach nicht auf mich!“ Janos spricht nur ungarisch. Paula nur deutsch. Er konnte sie gar nicht verstehen. Am Ende ist Paula handgreiflich geworden. Sie hat ihn von der Rutsche geschubst. Und dann waren beide beleidigt.

Meine Freundin und ich lachen noch heute miteinander über diese Geschichte. Aber sie fällt mir auch ein, wenn ich wieder mal feststelle, wie oft Menschen aneinander vorbeireden. Nicht nur, weil sie verschiedene Sprachen sprechen. Sondern weil sie unterschiedlich denken, fühlen und leben. Das passiert in der Familie. In der Politik. In der Kirche. Menschen reden und reden– aber manchmal erreichen sie einander einfach nicht. Und manchmal werden Worte dann hart und ungerecht. Oder Menschen reden gar nicht mehr miteinander. Oder werden sogar, wie meine Tochter, irgendwann handgreiflich.

Vor kurzem haben wir Pfingsten gefeiert. Und die Pfingstgeschichte erzählt davon, dass in Jerusalem Menschen aus aller Herren Länder zu einem großen Fest zusammenkommen. Alle sprechen unterschiedliche Sprachen. Keine gute Voraussetzung für gegenseitiges Verständnis. Aber dann geschieht etwas Besonderes: Die Jünger Jesu erzählen begeistert von Gottes Liebe – und jeder, der ihnen zuhört, spürt diese Liebe.

Ich finde das bemerkenswert: Gottes Geist verbindet Menschen nicht dadurch, dass alle gleich werden. Sondern dadurch, dass Menschen einander verstehen wollen und so Brücken zueinander finden. Da wird dann aus „Der hört nicht auf mich!“ ein „Ich versuche dich zu verstehen.“ In einer Welt voller Stimmen, Sprachen und Meinungen, brauchen wir diesen Geist, der uns hilft, nicht gleich ungeduldig zu werden. Sondern kurz innezuhalten. Hinzuhören. Und einander verstehen zu wollen.

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