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SWR4 Sonntagsgedanken

07DEZ2025
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Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich das Warten völlig verlerne. Ich kann mir jede Information in Sekundenschnelle aus dem Internet ziehen. Ich muss auch wochenends oder spätabends nicht darauf warten, dass die Geschäfte wieder aufmachen, sondern kann jederzeit online meine Einkäufe erledigen. Wenn ich auf eine schriftliche Antwort warte, erhalte ich sie meist viel schneller als „postwendend“, wie man früher gesagt hat. Und selbst, wenn ich einmal auf den Bus warten muss, kann ich mir die Zeit mit Musikhören oder in sozialen Medien vertreiben.

 

Äußerlich geht vieles schneller, und ich kann mich ebenso schnell an das neue Tempo gewöhnen, scheint mir. Und dennoch gibt es in mir drin Prozesse, die weiterhin viel Zeit benötigen. Die nicht mal eben schnell beschleunigt werden können, so wie ich nicht an einem Grashalm ziehen kann, damit er schneller wächst. Ich habe Sehnsüchte und Hoffnungen, auf die ich oft lange warten muss, bis sie sich vielleicht eines Tages erfüllen. Wenn mir äußerlich die Wartezeiten fehlen, nehme ich mir auch innerlich oft nicht die Zeit, mich einmal zu fragen: Was ist eigentlich meine tiefste innere Sehnsucht? Was erhoffe ich mir, worauf warte ich wirklich ganz tief in mir drin?

 

Die Adventszeit kann mir das Warten im ganz positiven Sinne wieder neu beibringen. Kinder warten oft besonders sehnsuchtsvoll auf Weihnachten, auf die Bescherung. Darauf, dass sie mit Geschenken überrascht werden. Ich glaube tatsächlich: Genau darum geht es. Wenn ich auf Gott warte, ist es ein Warten darauf, beschenkt und überrascht zu werden.

 

Wie kann ich im Advent wieder neu zu warten lernen? Mein Eindruck ist: Die eigentlichen Dinge des Lebens kann ich nicht machen, sie geschehen unerwartet. Ich kann sie nicht planen. Wenn ich unbedingt jetzt und hier jemanden kennenlernen möchte, passiert das oft nicht. Aber dann, wenn ich überhaupt nicht damit rechne, kann es geschehen. Das heißt nicht, dass ich auf besondere Dinge in meinem Leben nicht warten dürfte. Im Gegenteil: Alles, was mir begegnet und sich als wirklich wichtig entpuppt, entspricht einer tiefen Sehnsucht in mir. Wenn ich jemandem begegne, den ich lieben lernen kann, habe ich mich vermutlich tief in mir danach gesehnt. Ein inneres Warten darauf hat mich dafür geöffnet, dass es wirklich geschehen kann. Und doch geschehen die Dinge oft ganz anders, als ich sie mir ausdenke oder zurechtträume.

 

 

Ein schönes Beispiel dafür habe ich direkt nach meinem Theologiestudium erlebt. Ich hatte ein paar Monate zu überbrücken, und Pater Michael, mit dem ich damals immer wieder gesprochen habe, hat mich auf die Idee gebracht, doch nach Israel zu gehen und dort in einem deutschen Kloster am See Genezareth ein Volontariat zu machen. Das hat eine tiefe Sehnsucht in mir geweckt, einmal im Heiligen Land zu sein, ganz dicht auf den Spuren Jesu. Zufällig erfuhr ich, dass der Abt dieses Klosters an einem Abend bei uns in Frankfurt sein sollte. Also beschloss ich: Ich mache ein Bewerbungsschreiben fertig und gebe es ihm direkt in die Hand! Dann hat er mich schon einmal gesehen, und es wird leichter für mich, einen Platz zu bekommen. An dem genannten Abend stand ich mit meinem Brief in der Hand da und … habe gewartet und gewartet. Der Abt kam nicht, hat irgendwo im Stau gesteckt. Irgendwann blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Brief jemand anderem in die Hand zu drücken mit der Bitte, ihn weiterzugeben. Mein Plan war nicht aufgegangen.

 

Zwei Tage später war ich mit Pater Michael in Freiburg. Und plötzlich steht völlig unerwartet besagter Abt vor uns. „Darf ich vorstellen?“, sagt P. Michael, „Anna Niem – Abt Benedikt“. Und beiläufig erzählt er ihm, dass ich Orgel spiele. „Ach“, sagt der Abt, „Sie sind Organistin? Haben Sie Weihnachten schon etwas vor? Zur Mitternachtsmesse im Kloster in Jerusalem kommen immer viele einheimische Gäste, die einmal die deutschen Weihnachtslieder hören möchten. Das wird ohne Orgel bestimmt sehr traurig! Möchten Sie kommen?“

 

Aus meinem Volontariat am See Genezareth ist nie etwas geworden. Aber die unerwartete und doch so ersehnte Begegnung mit dem Abt hat mir drei unvergessliche Wochen im Heiligen Land beschert. Ich durfte bei den Mönchen wohnen und bekam sogar die Flüge bezahlt. Ich habe zweimal am Tag Orgel gespielt und hatte den Rest des Tages frei, um mir in aller Ruhe Jerusalem anzuschauen und die Orte zu sehen, an denen Jesus unterwegs war.

 

Damals war eine Sehnsucht in mir da gewesen, ein inneres Warten. Der Versuch, diese Sehnsucht auf meine eigene Weise zu erfüllen, ist schiefgegangen. Aber das innere Warten hat mich geöffnet für eine andere Möglichkeit, die ganz unerwartet wie ein Geschenk in meinen Schoß gefallen ist.

 

Ähnlich war es vielleicht damals mit der Geburt Jesu. Viele Menschen in der Zeit haben gewartet auf jemanden, der die Welt erlösen würde, der sie im positiven Sinne auf den Kopf stellt, der endlich Frieden bringt. Ihre Sehnsucht hat sich erfüllt. Aber ganz anders. Nicht ein kämpfender Revolutionär fällt vom Himmel, sondern ein unscheinbares Kind wird geboren, irgendwo in einem Stall. Und geht den Weg der Liebe und des Friedens.

 

Ich mag den Advent nutzen, um wieder neu auf meine tiefen Sehnsüchte zu hören und ihnen geduldig Raum zu geben. Was ich innerlich erhoffe, kann Wirklichkeit werden. Wenn auch ganz anders. Ich darf das Unerwartete erwarten!

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SWR4 Sonntagsgedanken

19OKT2025
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Was passiert eigentlich, wenn ich bete?

Wer heute in einen katholischen Gottesdienst geht, hört dazu eine Geschichte, die uralte Bilder verwendet, die in heutiger Zeit zugleich fremd und sehr aktuell wirken. Israel wird von einem anderen Volk angegriffen. Mose sagt zu Josua, er solle mit dem Heer der Israeliten in den Kampf ziehen. Er selbst will sich derweil auf den Gipfel eines Hügels stellen. Er hat einen Stab dabei, den er von Gott bekommen hat. Solange Mose den Stab hochhält, ist das Heer der Israeliten stärker, sobald er ihn sinken lässt, haben die Feinde die Oberhand. Irgendwann wird Mose müde und kann nicht mehr. Aber zwei andere Männer sind mit ihm auf dem Berg, lassen ihn sich hinsetzen und stützen seine Arme. So kann er sie weiter hochhalten. Und Israel gewinnt.

 

So einseitig geschilderte Kampf- und Siegesgeschichten im Namen des Glaubens fallen mir schwer zu lesen. Mit Blick auf den aktuellen Konflikt zwischen Israel und Palästina noch einmal mehr.

Dennoch glaube ich, dass ich in den biblischen Geschichten auch heute noch wertvolle Botschaften für mich finden kann. Auf einer anderen Ebene.

 

Ich kann versuchen, biblische Texte tiefer zu verstehen, indem ich sie mir innerlich wie auf einer Theaterbühne vorstelle. Dabei versetze ich mich in die unterschiedlichen Personen hinein.

 

Ich schlüpfe in die Rolle des Josua. Der kämpft gegen ein Heer, tut alles, was er kann, um wieder Frieden zu finden. Dabei fallen mir eigene ungelöste Situationen ein. Konflikte, in denen ich stehe, wo ich weiß, dass ich nicht einfach die Hände in den Schoß legen und denken darf: „Der liebe Gott wird’s schon richten.“ Nein, oft muss ich hart an mir und den Situationen arbeiten, damit sich wirklich etwas ändert.

 

Als nächstes versetze ich mich in die zwei Helfer hinein, die neben Mose stehen und seine Arme halten. Vielleicht sind sie fasziniert von ihm, von seiner Ausstrahlung, von seiner inneren Kraft. Sie spüren: Da ist jemand, der einen direkten Draht zum Himmel hat. Mir fallen auch solche Menschen ein. Sie ziehen mich an. Vielleicht weil ich mir selber wünschen würde, so vertrauensvoll beten zu können.

 

Und dann gehe ich innerlich weiter zu Mose. Er sieht Josua kämpfen. Einen Menschen, der ihm am Herzen liegt. Mose spürt innerlich, wie der Freund kämpfen und dabei leiden muss. Und er fängt an zu beten für ihn und für alle, die mit ihm kämpfen. Und er wird dabei müde. Vielleicht fragt er sich: „Was nützt mein Gebet, hört Gott mich eigentlich? Der Kampf geht ja doch weiter.“ Aber Mose spürt auch, dass er zwei Menschen an seiner Seite hat, die an ihn glauben. Und das ermutigt ihn, nicht aufzugeben.

Mein Gebet wird auch manchmal müde. Ich frage mich oft: „Bringt das überhaupt etwas? Kann ich es nicht genau so gut seinlassen?“ Aber vielleicht ist es gerade in solchen Momenten gut, dranzubleiben.

 

In Momenten, wo ich das Gefühl habe, mein Gebet bringt überhaupt nichts, fällt mir immer wieder ein besonderes Erlebnis ein. Es war zu der Zeit, als Papst Johannes Paul II. sehr krank war. Eine Menschenmenge hat sich damals auf dem Petersplatz versammelt, um für ihn den Rosenkranz zu beten. Als ich an einem Abend in Frankfurt am Main nach Hause kam, fiel mir ein: Gerade jetzt versammeln sich Menschen in Rom zum Gebet. Also habe ich spontan meinen Rosenkranz in die Hand genommen und von ferne mitgebetet.

 

Ich erinnere mich: Wie Mose in unserer Geschichte war auch ich müde und eher gelangweilt, während ich die Worte des Rosenkranzes ständig wiederholte. Ich habe mich gefragt: „Macht das hier überhaupt Sinn?“ Und während ich da so saß und trotzdem drangeblieben bin, habe ich in einem Moment plötzlich, nur ganz fein wahrnehmbar, so etwas wie Erleichterung gespürt.

Ich hab mir erst nichts weiter dabei gedacht.

 

Am späteren Abend begann die tiefste Glocke des Frankfurter Doms zu läuten. Ich habe mich gewundert und im Internet nachgeschaut, was denn da los war. Es war die Sterbeglocke: Papst Johannes Paul II. war verstorben an diesem Abend. Und ich war verblüfft, als ich herausfand: Der Moment, in dem ich im Gebet dieses Gefühl von Erleichterung gespürt habe – das war genau der Zeitpunkt, als die betende Menge erfahren hat: Der Papst ist verstorben. Die Menschen dort waren erleichtert, dass er nicht mehr leiden musste. – Auch wenn mir mein Gebet vergeblich erschienen war: Ich war darin so sehr in eine Verbindung mit den anderen Betenden in Rom gekommen, dass ich in mir spüren konnte, was sie gerade fühlten!

 

Diese Erfahrung hat mich seither nicht mehr losgelassen und mir eine tiefe innere Überzeugung geschenkt: Beten kann viel mehr als nur ein gutes Gefühl erzeugen. Es kann tatsächlich etwas bewirken.

 

Und wenn ich selbst in inneren oder äußeren Konflikten stehe, weiß ich, es braucht beides: Ich brauche den Kämpfer Josua in mir, der alles tut, was er kann, um nicht unterzugehen. Es braucht aber auch den Mose in mir, der weiß: Ich allein kann aus meiner eigenen Kraft nicht alles lösen. Ich brauche Hilfe und darf auf Gott vertrauen.

Und darum bete ich.

Und schließlich erzähle ich anderen davon, wenn ich in schwierigen Situationen bin. Und es tut mir soso gut, wenn dann jemand sagt: „Du, ich bete für Dich!“ Weil ich weiß:  Beten verbindet mit anderen Menschen und mit Gott.

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SWR4 Sonntagsgedanken

15JUN2025
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3 ist gleich 1. 3 = 1??? – über so eine Gleichung würde wohl jeder Mathematiklehrer den Kopf schütteln. Aber sie drückt etwas von dem aus, was Christen heute am Dreieinigkeitssonntag feiern: Der eine Gott ist gleichzeitig drei Personen, nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist. Und doch ist er nur ein einziger Gott… Die ersten Theologen, die Kirchenväter, haben versucht, sich das in Bildern vorzustellen. Sie sagen: Es ist, wie wenn man drei Kerzen zusammenhält. Dann werden drei Flammen zu einer großen Flamme, und es ist gleichzeitig nur eine und doch drei. Oder: Ein Baum besteht aus Wurzel, Stamm und Zweigen. Alle sind etwas eigenes, bilden aber doch den einen Baum.

Genau so begegnet mir der eine Gott in der Bibel in drei verschiedenen Personen. Und je nachdem, wie ich gerade unterwegs bin, ist mir die eine oder die andere näher: Gott, der Vater, als Schöpfer dieser wunderschönen Natur. Oder Jesus, der mir in ganz menschlichen Gesten Gottes Liebe zu uns zeigt. Oder Gottes Heiliger Geist, der mir immer dann begegnet, wenn sich meine Intuition meldet. Oder in Schönheit und Kreativität, die unsere Welt durchsichtig machen für etwas viel Größeres und Schöneres, als ich es mir vorstellen kann.

Diese Vielfalt zeigt mir: Gott ist nicht immer nur ein und derselbe. Er kann mir heute so und morgen so und übermorgen wieder ganz anders begegnen, und trotzdem ist und bleibt er der eine Gott.

Und nicht nur das: Diese unterschiedlichen Personen, in denen Gott mir begegnet, stehen nicht einfach nur isoliert für sich. Nein, sie sind ganz lebendig miteinander verbunden. Ich habe angefangen, über dieses ganze Thema nachzudenken, als ich mit einer Freundin spazieren war, die Ordensschwester ist. Ganz plötzlich hat sie mich gefragt: „Anna, wie stellst du dir den Himmel vor?“ Ich war zuerst ein bisschen überfordert von dieser Frage. Aber dann habe ich angefangen nachzudenken…

 

Eine Freundin hat mich beim Spazierengehen gefragt: „Anna, wie stellst du dir den Himmel vor?“ Zuerst wusste ich gar nicht, wie ich diese Frage beantworten soll. Und dann kam mir eine Idee: „Himmel“ ist für mich ein Sehnsuchtsort. Ein Ort oder eine Art zu leben, wie ich sie mir zutiefst ersehne. Nicht wie in der Erzählung vom „Münchner im Himmel“. Der wird mit einer Harfe in der Hand auf einer einsamen Wolke dazu verdonnert, den ganzen Tag „Halleluja!“ zu singen. Kein Wunder, dass er irgendwann unzufrieden ruft: „Luja soag i“, und dann wieder auf die Erde in ein Bierlokal flieht. Nein, ich glaube, der Himmel ist nichts, was mir aufgezwungen wird. Es ist ein Ort, dem ich nichts in dieser Welt vorziehen würde.

Wahrscheinlich hatte diese Vorstellung damit zu tun, dass es mir in der Zeit gerade nicht so gut ging. Es gab einen Menschen in meinem Leben, der mir viel bedeutet hat. Das war sehr schön, bis ich irgendwann gespürt habe: Da kippt was, ich fühle mich nicht mehr frei. Ich habe angefangen, genau zu überlegen, was ich ihm von mir erzähle und was nicht. Aus der Angst heraus, dass ich abgelehnt werden könnte, wenn ich etwas Falsches sage oder tue.

Es war in dieser Zeit schmerzhaft für mich zu erfahren, dass etwas so Schönes wie die Liebe so gefährdet sein kann. Dass es in dieser Welt passieren kann, dass sich die Liebe irgendwie verdreht. Dass einer sich so sehr dem anderen anpasst, dass er damit sich selber aufgibt.

In dieser Situation ist mir eine tiefe innere Sehnsucht bewusst geworden. Und deshalb habe ich der Freundin geantwortet: Ich stelle mir den Himmel als totale Liebe vor. So wie Vater, Sohn und Heiliger Geist ganz eng miteinander verbunden sind: Gott, der Vater, liebt seinen Sohn. Und der Sohn den Vater. Und diese Liebe ist sehr stark. So stark, dass diese Liebe selbst als Heiliger Geist spürbar wird, der zwischen den beiden hin- und herfließt. Und das Besondere daran: Die Drei sind so nah miteinander verbunden, wie das nur irgend möglich ist. Und trotzdem bleibt jeder ganz und gar er selbst, ohne sich auch nur im geringsten zu verbiegen. Sie bleiben frei füreinander, ohne jemanden von den Dreien in Eifersucht ausschließen zu müssen.

Das ist für mich „Himmel“: Mit Gott und Menschen zusammen sein, ganz nah verbunden mit ihnen und gleichzeitig auch verbunden mit mir selbst und meinen Eigenarten und darin frei – das wäre schön!

Ich glaube tatsächlich: Wenn wir Menschen gemeinsam mit Gott und untereinander immer mehr so zu lieben lernen, dann braucht keiner mehr Angst zu haben, dass er zu kurz kommt. Dann kann jeder Mensch ganz so sein, wie er ist, und ist gleichzeitig mit allen liebevoll verbunden. Und es braucht schließlich keine Feinde und keine Kriege mehr, denn in dieser liebevollen Verbundenheit kann man auch mal Fünfe gerade oder Dreie eins sein lassen.

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SWR4 Sonntagsgedanken

05JAN2025
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Viele Menschen sind an diesem 2. Sonntag nach Weihnachten schon nicht mehr recht in Weihnachtsstimmung. Tannenbäume sind abgebaut und Krippenfiguren wieder in der Versenkung verschwunden.

Aber in christlichen Gottesdiensten geht es heute noch ganz weihnachtlich zu. Mit großen und feierlichen Worten beschreibt das Johannesevangelium heute den Sinn des Weihnachtsfestes. Da ist vom „Licht der Menschen“ die Rede und davon, dass das „Wort Fleisch annimmt“, dass Gott Mensch geworden ist.

Dass ein Wort Fleisch wird, klingt vielleicht erstmal ziemlich befremdlich. Und doch handelt es sich um ein Geschehen, das heutiger wissenschaftlicher Forschung vielleicht gar nicht ganz fremd ist. In der Quantenphysik wird das bizarre Verhalten kleinster Teilchen untersucht. Diese Teilchen werden erst dann Wirklichkeit, wenn sie tatsächlich von jemandem beobachtet werden. Es gibt Leute, die leiten daraus Strategien ab, wie man sich selbst heilen kann. Sie sagen: Wenn sich jmd. etwas mit allen Sinnen herbeiwünscht und detailliert vorstellt, dann kann es auch Wirklichkeit werden.

Auch die Verhaltenspsychologie nutzt solche Vorstellungen: Es gibt manchmal negative Glaubenssätze, die sich mir von Kindheit an eingeprägt haben. Sie können mich ganz schön beeinflussen – bewusst oder unbewusst. Doch sie lassen sich umpolen, wenn sie durch positive Glaubenssätze und Erfahrungen ersetzt werden. Ich habe z. B. lange gedacht: „Ich bin nichts wert, wenn ich nichts leiste“. Das hatte zur Folge, dass ich oft weit über mein Limit hinausgegangen bin. Was mir dagegen hilft? Ich sage mir zwischendurch: „Ich erlaube mir jetzt, einfach mal Pause zu machen. Ich bin gerade dann ein kostbarer Mensch, wenn ich einfach nur da bin“. Das kann viel verändern. Besonders, wenn ich dazu passende Erfahrungen mache.

Positive Gedanken können im Gehirn tatsächlich neue Synapsenverbindungen schaffen: Gedanken materialisieren sich. Sie gehen mir sozusagen in Fleisch und Blut über und verändern meine Wirklichkeit.

Biblisch kann ich mir das vielleicht so vorstellen: Gott hat sich den Menschen auf eine bestimmte Weise gedacht. Er sollte so ticken wie Gott selbst, sein Ebenbild werden, genauso voller Leben, Licht und Liebe sein wie er selber. Und diese guten Gedanken über den Menschen haben sich in Jesus Christus sozusagen materialisiert, sind Fleisch, sind ein Mensch geworden. An diesem Menschen Jesus kann ich ablesen: So ist Gott. Und: So hat sich Gott den Menschen gedacht!

An Weihnachten feiern wir, dass Gottes Wort „Fleisch“, also Mensch geworden ist. Und dass wir an ihm ablesen können, wie Gott ist und wie er sich den Menschen ersehnt hat. In der Bibel wird Jesus als eine ganz beeindruckende Persönlichkeit dargestellt. Einer, der nicht wegschaut, wenn Menschen leiden und krank sind. Im Gegenteil, er schaut sogar ganz genau hin, was diesen Menschen fehlt. Er ist einer, der hilft, wo er kann, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Gott hat sich diesen Menschen Jesus mit all seiner Liebe erdacht, und so ist diese Liebe Fleisch, also ein Mensch geworden.

Ich kann meinen Blick immer einmal wieder auf diesen Jesus lenken. In der Bibel nachlesen, wie er mit Menschen umgegangen ist. Wie er alles dafür getan hat, mit seinem Licht unsere oft so lieblose Welt ein bisschen heller zu machen.

Mit Blick auf die Verhaltenspsychologie kann mir deutlich werden: Wohin ich schaue und was ich denke, das wird Wirklichkeit, das prägt meine ganze Art, in der Welt zu sein. Wenn ich nur das sehe, was schlecht läuft und schwierig ist, kann es schwer werden, da wieder herauszukommen. Da kann es leicht passieren, dass alles um mich herum düster wird.

Wenn ich aber versuche, auch schöne Dinge wahrzunehmen, hat das den gegenteiligen Effekt. Dann gebe ich dem Schwierigen nicht mehr Gewicht, als ihm zusteht. Dann fange ich an, etwas ganz Positives auszustrahlen.

Ich kenne faszinierende Menschen, denen das gelingt, die etwas unglaublich Warmherziges ausstrahlen. Menschen, in deren Gegenwart ich ganz deutlich spüren darf: Es ist gut, dass ich da bin, ganz unabhängig davon, was ich kann oder leiste.

Einer von ihnen heißt Peter. Er hat mir erzählt, wie er jeden Abend vor dem Schlafengehen betet. Dass er mit Gott zusammen und mit seinem einfühlsamen Blick abends noch einmal den vergangenen Tag anschaut. Dass er den Blick ganz bewusst zunächst auf die guten Erlebnisse des Tages lenkt. Auf das, was schön, lebendig, licht- und liebevoll war. Wo er Gott begegnen durfte. Und dann wird es auch leichter, mit dem Schwierigen umzugehen.

Peter liest auch immer wieder in der Bibel. Davon, wie behutsam Jesus mit anderen Menschen und auch mit sich selbst war. Wie er auf Gott vertraut hat.

Das hat ihm geholfen, auch selber immer liebevoller mit sich selbst und anderen Menschen umzugehen. Seine Gedanken haben sich mit der Zeit verändert. Und sind ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Er hat sich quasi von Gott und seiner Liebe anstecken lassen. So sehr, dass er das ausstrahlt und ich es heute zu spüren bekomme.

Vielleicht kann auch ich mich davon anstecken lassen. Dass ich innerlich immer mehr mit liebevollen Gedanken umgehe. Dann kann und wird sich in mir und um mich herum etwas verändern zum Guten hin. Und dann geht Weihnachten weiter in dieser Welt.

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SWR4 Sonntagsgedanken

11AUG2024
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Zur Zeit werden mir an vielen Ecken und Enden alle möglichen Ernährungsstrategien angeboten: Low carb, high protein, bio, rohköstlich, vegan, paläo... All diese Ernährungsformen versprechen Gesundheit und gutes Leben. Und spätestens, seit ich von verschiedenen Nahrungsmittelunverträglichkeiten betroffen bin, weiß ich: Es ist wichtig, auf meine Ernährung zu achten. Was tut mir gut, und was lasse ich lieber? Wie kann ich mich ernähren, so dass ich mich lebendig fühle und nicht völlig energielos herumhänge?

 

So verschieden die auf dem Markt angebotenen Ernährungsstrategien sind – eines haben sie wohl gemeinsam: Keine ist für alle gut. Ich muss ganz individuell schauen, was mir und meinem Körper guttut. Niemand kann das für mich entscheiden, auch nicht die geschickteste Marketing-Strategie.

 

Die Bibeltexte an diesem Sonntag drehen sich in katholischen Gottesdiensten um Nahrung, die Kraft gibt. Ganz schlicht: Wasser und Brot. Da wird vom Propheten Elias erzählt. Er hat alles gegeben im Einsatz für seinen Gott. Und nun soll es ihm gehen wie anderen Propheten vor ihm, die den Menschen unangenehm wurden: Man will ihn töten. Er flieht in die Wüste, um sein Leben zu retten. Aber Leben und Tod liegen manchmal sehr nah beieinander. Nur zwei Verse später wünscht sich Elias den Tod. Er hat sich total ausgepowert und sieht keinen Sinn mehr in seinem Tun. Er sagt zu Gott: „Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben!“ Und er legt sich unter einen Ginsterstrauch, um zu schlafen.

 

Einem Freund von mir ging es vor ein paar Jahren ähnlich. Er hatte schon mehrere Jahre als Pilot gearbeitet. Und hat dann angefangen, Theologie zu studieren, weil er dem Himmel nochmal auf andere Weise nah sein wollte. Erst am Ende des Studiums, für das er viel Kraft und Energie aufgebracht hatte, fiel ihm auf: Es ist doch nicht das Richtige, ich kann diesen Weg nicht gehen! In seinen alten Job kam er nur noch in eine viel schlechtere Stellung zurück, und nichts lief mehr so richtig rund. Das war eine sehr schwere Zeit für ihn.

 

Zu Elias kommt in diesem Krisenmoment ein Engel. Er bringt ihm geröstetes Brot und einen Krug Wasser. Zweimal sagt der Engel zu ihm: „Steh auf und iss!“ Und beim zweiten Mal fügt er hinzu: „Sonst ist der Weg zu weit für dich.“ Denn der Engel weiß: Elias hat noch eine Durststrecke vor sich, eine Wüstenwanderung von vierzig Tagen und Nächten bis zum Berg Horeb. Erst dort wird ihm Gott begegnen und ihm Mut zu neuen Taten geben.

 

Was mich wirklich nährt

 

Vor Krisen und Durststrecken ist wohl kein Leben gefeit. Und gerade dann, in der Krise, wenn ich lange Durststrecken durchzustehen habe, wenn ich keinen Sinn sehe und nicht spüre, dass sich etwas verändert: Gerade dann brauche ich etwas, das mich wirklich nährt. Etwas, das mir die Kraft gibt, meinen Weg weiterzugehen – auch wenn ich nicht weiß, wann und wie ich aus dieser Phase herauskommen werde.

 

Der Engel bringt Elias Brot. Ganz handfest braucht es in solchen Zeiten eine gute Ernährung, nach Art und Maß für mich zugeschnitten, sodass ich mich körperlich ganz lebendig fühlen kann. Aber mindestens ebenso wichtig ist es für mich, tief in mich hineinzuhören: Was nährt mich wirklich, was sind Kraftquellen, aus denen ich leben kann in solchen Phasen? Da kann mir auch die Erinnerung helfen: Was hat mir in ähnlichen Situationen gutgetan? Welcher Engel ist vielleicht im richtigen Moment um die Ecke gekommen, um mir den entscheidenden Anstoß zu geben?

 

Ähnlich wie in Fragen der Ernährung gibt es auch hier kein Patentrezept, das für alle funktionieren würde. Da muss für jeden etwas Maßgeschneidertes her. Vielleicht hilft jemandem besonders ein Spaziergang in der Natur; jemand anderes tankt Kraft, wenn er Tiere um sich herum hat; ich setze mich manchmal gern in eine Kirche oder Kapelle für eine stille Zeit; und auch ein Gespräch mit einem Freund oder einer Seelsorgerin kann total guttun, wo ich einfach so dasein und mich zeigen darf, wie ich nun einmal gerade bin.

 

Jesus sagt von sich selber heute im Evangelium: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.“ Er bietet sich mir an als einer, der mir so nah sein will wie jemand, den ich „zum Fressen gern habe“.

 

Ich glaube, das hat auch dem Freund von mir damals geholfen in seiner Krise. Dass er mit Gott im Gespräch geblieben ist. Dass er ihm – und so macht es auch Elias – wieder und wieder sein Leid geklagt hat. Und dabei tief in sich hineingehört hat, was ihn wirklich nährt und zum Leben führt. Auch der Austausch mit anderen Menschen war ihm dabei ganz wichtig, und der eine oder die andere ist ihm vielleicht zum Engel geworden. Schritt für Schritt hat er so mit Gott seinen Weg aus der schweren Zeit herausgefunden – hinein in ein Leben, das beide Arten von Himmelsberührung vereint.

 

Ich kann für mich den Sonntag heute nutzen für ein kleines Gebet – denn Gott hat mich ja geschaffen und kennt darum meine tiefsten Sehnsüchte. Und dann überlege ich einmal: Woraus lebe ich? Was wird mir zum Brot, das mich wirklich nährt – buchstäblich und im übertragenen Sinne? Und etwas von dem, was mir dabei einfällt, gönne ich mir heute.

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