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26JUN2022
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MariaRosa und Michael Eckes

Annette Bassler trifft Michael Eckes

Teil 1: Wirtschaftswunder und Familienunternehmen

Am Sonntagnachmittag ein Likörchen. Für meine Eltern war das Kult. Das Wirtschaftswunder der 60er Jahre schmeckte auch nach Kirschlikör, nach „Eckes Edelkirsch“. Und den hat seine Familie produziert. Michael Eckes gehört zur 5. Generation eines Familienunternehmens, das zum Marktführer in alkoholischen Getränken und Fruchtsäften wurde. Geboren 1944, hat Michael Eckes den Reichtum seiner Familie aber kaum gespürt.

Speziell eben im Falle eines Bruders und mir wurden wir sehr sparsam erzogen. Es hieß immer. „Ihr bekommt keinesfalls mehr als einer eures Alters. Da gabs auch gar keine Diskussion darüber. Wenn ich meckerte über mein Studentenquartier, ohne fließend Wasser und ohne Heizung, dann hat sich mein Vater drauf entschlossen, da mal in München bei einer Ausstellung dort zu wohnen und zu zeigen, dass das so die Richtigkeit hat.

Michael Eckes hat von Anfang an erlebt: Reichtum ist nichts, was man einfach nur hat. Man hat ihn, um was Gutes draus zu machen. Für die Firma, für die Mitarbeiter und die Region. Reichtum ist immer auch verbunden mit sozialer Verantwortung.

Also ich weiß noch, dass auf einmal die Senioren beschlossen, viele, viele Grundstücke zu kaufen in Nieder-Olm um die Firma herum. Und die wurden praktisch kostengünstig oder geschenkt an Mitarbeiter, die sich da ansiedeln wollten, zur Verfügung gestellt.

Und es wurden Tennisplätze, eine Festhalle und vieles mehr gebaut. Das war gut für die Mitarbeiter und gut für die Region. Aber auch gut für das Standing des Unternehmens in der Region.
Während ich mit 15 Jahren einfach nur zur Schule gegangen bin, wurde Michael Eckes schon in unternehmerische Investitionen in Millionenhöhe eingebunden. Das hat ihm schon Respekt eingeflößt.

Diese Angst, die fiel bei mir weg nach einer Indienreise über mehrere Monate mit einem VW-Bus, mit wenig Geld und viel Abenteuer und ohne Absicherung. Und nachdem man das überstanden hat, hab ich gesagt: Also, wir können andere Länder ausprobieren. Man kann mich irgendwo hinschicken, es muss nicht Rheinhessen sein.

Und so ist es gekommen. Mit 28 Jahren wurde er zuständig für die vom Onkel gekauften Orangenplantagen in Brasilien. Dort war er dann auch immer wieder mit seiner Frau und seinen 6 Kindern.

Dann sind wir da, also auch in den Sommerferien statt an die See oder nach Italien, sind wir auf die Farm gezogen und haben gesehen, wie das funktioniert. Und meine Kinder haben mit den Kleinen dort, die die Schule besuchten, sich angefreundet.

Und so ist er langsam ist er in die Kultur Brasiliens hineingewachsen. In der es abenteuerlich ist, Unternehmer zu sein.

Teil 2: Wirtschaften in einer anderen Kultur

Wie ist das, wenn man in eine reiche Familie hineingeboren und schon früh Verantwortung trägt für Gewinne, Arbeitsplätze, millionenschwere Investitionen? Michael Eckes war für das Auslandsgeschäft des Getränkeunternehmens Eckes verantwortlich. Er hat in vielen Ländern gelebt und gearbeitet. Ich bewundere seine Fähigkeit, Menschen anzunehmen, wie sie sind. In all ihrer kulturellen Verschiedenheit. Als Unternehmer rät er den Jungen neben fachlicher Kompetenz vor allem eins:

Also ich beobachte: wenn einer durch die Gegend läuft und meint, er weiß alles, verrennt er sich und verliert Zeit mit Umkehrmaßnahmen oder Verlusten. Also sich einbinden lassen in gutem Rat und vor allem ganz wichtig:  hinschauen- zuhören.

Mit 28 Jahren hat er im Nordosten Brasiliens die Verantwortung für die Pflanzungen und die Herstellung von tropischen Säften übernommen. Damals war das für ihn eine andere Welt.

Wenn man Orangen einkauft oder Orangen von den Pflückern übernimmt, dann weiß man sehr schnell, dass da also zigtausend Leute arbeiten. Wir hatten auch brasilianische Partner, ein Krankenhaus für Unfälle in den Plantagen zu bauen. Das konnte nur klammheimlich gemacht werden, weil man sagte: Ihr Deutschen, seid viel zu sozial orientiert, so läuft das hier nicht.

Trotzdem konnte er einiges durchsetzen, wie zum Beispiel eine Schule für die Kinder der Plantagenarbeiter. Um die sich jetzt einer seiner Söhne kümmert. Als Michael Eckes im Auftrag des Familienunternehmens eine Stiftung errichten wollte, hat MariaRosa seinen Plänen widersprochen. Als Brasilianerin, die die Gegend kennt, wusste sie genau, wo die Not am größten ist. Und dass Bildung allein der Schlüssel ist für einen Weg aus der Armut. Und so haben Michael Eckes und MariaRosa vor gut 20 Jahren das Hilfswerk „Human network do Brasil“ gegründet.

Es geht im Wesentlichen um Förderung von Ausbildung in diesen speziellen Orten. Mal fehlt eine Vorschule, mal fehlt eine Grundschule, mal fehlt ein Dach, mal fehlt ne Tür, mal Wasserfilter, ganz unterschiedlich.

Das alles managt von Anfang an MariaRosa, die zweite Ehefrau von Michael Eckes. Seit vielen Jahren leben die beiden je die Hälfte des Jahres in Deutschland und in Brasilien. Und dort kümmern sie sich persönlich um die Einrichtungen und Projekte für die Kinder der Ärmsten. Politisch hat sich dadurch in der Region nichts geändert. Trotzdem bleiben sie dabei. Auch nur einer Familie, einem Kind die Chance auf ein besseres Leben zu geben- das macht für sie einen himmelweiten Unterschied.

Wir haben kein System, um zu erfassen, was aus den Kindern, ursprünglich waren das Straßenkinder oder eben aus den Favelas, was aus denen geworden ist. Aber in der Gegend bleiben doch relativ viele. Und die begegnen einem immer wieder und die winken einem zu, die sprechen einen an und sagen: du hast mir geholfen, dass ich immer noch da bin. Dass ich jetzt Parkwächter bin. Also die Dankbarkeit ist sehr groß.

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10APR2022
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Sabine Müller-Langsdorf.

Annette Bassler trifft Pfarrerin Sabine Müller- Langsdorf, Friedenspfarrerin der EKHN

Teil 1: Frieden beginnt mit Ernüchterung

Sabine Müller-Langsdorf ist die Friedenspfarrerin der evangelischen Kirche von Hessen und Nassau. Und jetzt ist Krieg in Europa. Ich habe sie besucht, weil ich nicht nur tief betroffen bin, sondern auch verwirrt. „Frieden schaffen ohne Waffen“ - dieses christliche Motto hat mich zeitlebens geprägt. Aber die russischen Panzer in der Ukraine walzen auch meinen Glauben an diesen Frieden nieder. Die klare Haltung, die Sabine Müller- Langsdorf hat, tut mir gut.

Ich bin ernüchtert. Und ich bin auch bitter darum, dass funktionierende Errungenschaften von friedlichem Aushandeln von Konflikten, also durch Regelungen von Recht, durch Abrüstungsverhandlungen, durch Absprachen, die verlässlich waren- und auch die wurden ja erarbeitet, die hat es nicht immer schon gegeben- dass das um Jahre und Jahrzehnte zurückgeschmissen ist.

Frieden ist immer zerbrechlich. Im Politischen wie im Privaten. Dennoch ist mir wichtig zu verstehen, was da schief gelaufen ist all die Jahre?  Sabine Müller- Langsdorf sieht den Kern des Zerwürfnisses zwischen Ost und West in - ja mangelnder Aufrichtigkeit.

Es ist auch eine Geschichte der gebrochenen Versprechen, der nicht eingehaltenen Absprachen der unklaren Absprachen und irgendwann auch der Lüge. Und des einander etwas Vorgaukelns.

Der Krieg in der Ukraine lehrt mich, genauer hinzuschauen und das mit der Ehrlichkeit ernster nehmen. 100 Milliarden Euro für die Verteidigung Deutschlands- sie sind ein Symbol für die Zeitenwende, in der wir leben. Diplomatie allein genügt nicht. Es braucht auch eine glaubwürdige Abschreckung von Angriffslust. Mehr allerdings nicht.

Die ganzen kirchlichen Verlautbarungen richten sich darauf aus, für einen gerechten Frieden zu sorgen. Das ist das Fachwort dafür. Also zu suchen nach einem gerechten Frieden, in dem auch die Güter gerecht verteilt sind-

In dem Friede und Gerechtigkeit sich küssen, wie die Bibel das formuliert. Wenn du den Frieden willst, dann bereite ihn vor, heißt es in der evangelischen Friedensdenkschrift. Den Frieden in dir, den mit den Nächsten, den anderen Völkern, mit dem Klima. Und den Frieden mit Gott. Denn Frieden ist eine komplexe Sache.

Das Schöne am christlichen Glauben ist ja, dass Gott in den Frieden mit eingedacht wird, dass Gott uns Frieden schenkt und dass er uns in Jesus Christus auch gezeigt hat, wie Frieden gelingen kann. Und damit haben wir ein Stück Frieden in uns als Christinnen und Christen und aus diesem Frieden heraus zu leben, das kann uns ja auch sehr ermutigen für gerechten Frieden zu sorgen.

Wie das gelingen kann, davon erzählen die Geschichten rund um die Passion Jesu, die heute beginnt.

Teil 2: Willst du Frieden, bereit ihn jetzt vor

Frieden ist das Ergebnis von harter Arbeit. Und Friede ist ein Geschenk, er hat was mit Gottes Kraft und Nähe zu tun, meint Sabine Müller- Langsdorf. Die 59-Jährige ist Friedenspfarrerin der ev. Kirche in Hessen und Nassau. Das schönste Sinnbild für „Frieden“ ist für sie ein Gemälde von Picasso.

Es gibt dieses schöne Bild von Picasso mit dem Mädchen mit einer Taube in der Hand. Und das Mädchen hält diese Taube ja ganz zart. Und als könnte sie hinfallen und zerbrechen, wie Glas oder könnte davonfliegen. Und für mich ist an dem Bild so stark, dass das den Weg ausdrückt, der Frieden bringt.

Es ist also eine Illusion zu glauben, man könne den Frieden sichern in Mappen von Friedensabkommen und Verhandlungsergebnissen. Diese Illusion entlarvt sich selber täglich durch die schrecklichen Bilder aus der Ukraine. Derzeit dient Gewalt dazu, eine noch größere Gewalt zu stoppen. In der Hoffnung, dass die Waffen bald schweigen. Dann beginnt das, was eigentlich nie aufhören darf: den so zerbrechlichen Frieden wieder zum Leben zu erwecken. Denn Frieden, so Sabine Müller-Langsdorf-

-hängt viel mehr damit zusammen, auch im Gespräch miteinander zu bleiben, den Dialog nicht abbrechen zu lassen und in Verhandlungen klar aufzutreten und Schritt für Schritt kleine Formen der Abstimmung zuverlässig zu schaffen.

Und zwar ohne Erpressung und Gewalt. Das aber scheint den Menschen nicht auf den Leib geschneidert zu sein. Das ist ein Lernprozess, in den jeder Mensch etwas investieren muss.

Wir müssen investieren in Frieden und vor allem in zivile Mittel. Ich glaube, auch diese Klimafrage gehört dazu. Wenn ich die Fridays-for-Future-Bewegung ansehe, die gehen seit drei Jahren auf die Straße und sagen „kehrt um!“. Und das „kehrt um“ ist ja ein sehr biblisches Motto. Ja, also werdet bescheiden.

Bescheidenheit. Das heißt: seine eigenen Bedürfnisse nicht auf Kosten anderer ausleben. Stattdessen mit den anderen aushandeln, wie wir miteinander gut leben können. Dazu gehört auch, miteinander ehrlich zu bleiben. Die Passionsgeschichte Jesu, die heute beginnt, ist voll von Geschichten, die davon handeln. Geschichten, die ich dieses Jahr sicher anders hören werde als sonst. Sabine Müller- Langsdorf möchte sie uns ans Herz legen.

Ich habe mir für die Karwoche vorgenommen, diese Geschichten nochmal zu lesen. Weil ich glaube: darin ist viel Verständnis für ganz unterschiedliche Empfindungen, von Angst, von wegducken, von hinschauen, von mitgehen, von Mitleiden auch nochmal der Blick auf die Gewalt und den Tod, die Massivität, die wirklich Gewalt auch bringt. …. diese Geschichten können, glaube ich, uns ja trösten und auch einen realistischen Blick vermitteln.

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02APR2021
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Annette Bassler trifft Christoph Kaiser, Schauspieler

In dem Film „Schattenstunde“ verkörpert er den Theologen und Liederdichter Jochen Klepper. Der ist mit seiner jüdischen Frau und deren Tochter in den Freitod gegangen. Zwei Jahre lang ist Christoph Kaiser alle Wege gegangen und war an allen Orten dieses Mannes, der sein Leben hingegeben hat für die, die er liebte.

Es war ja nicht in seiner Macht in den Freitod zu gehen, das ist aus christlicher Sicht Gottes Entscheidung. Und trotzdem sah er keinen Ausweg. Trotzdem hat er immer versucht: wo ist das Zeichen Gottes, dass ich es doch tun kann? Weil- ich kann es nicht anders tun, ich kann meine Familie nicht in den Tod gehen lassen und dabei zuschauen. Und ich kann sie auch nicht alleine gehen lassen. Ich muss sie begleiten, auf die andere Seite.

Miteinander ins Licht gehen, dieser Gedanke hat Jochen Klepper getröstet. Bis zum Schluss behielt er sein Vertrauen in Gott. Und das klingt auch in all seinen Liedern an, die mich geprägt haben. Liedern wie dieses:
Er weckt mich alle Morgen, Er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen, führt mir den Tag empor,
daß ich mit Seinem Worte begrüß das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte ist Er mir nah und spricht.
Das Gottvertrauen von Jochen Klepper hat auch Christoph Kaiser nachhaltig verändert.

Ich hatte ja zu Gott so ein zwiespältiges Verhältnis. Mein Vater war damals sehr, sehr schwer krebskrank. Und ich war 15 Jahre alt. Da kam der Tag seines Todes. Meine Mutter war gerade genau an diesem Tag am Sterbebett ihrer Mutter, also außerhalb unserer Wohnung. Und ich war mit meinem Bruder allein bei meinem Vater, habe ihn in den Arm gehalten und wirklich bis zum letzten Atemzug bei mir gehabt und wollte ihn einfach nicht gehen lassen. Und habe gebeten und gebettelt „Gott, lass doch meinen Vater hier!“ Und das war da nicht so. Und ich habe dann Gott dafür die Schuld gegeben. Du hast meinen Vater weggenommen, du hast es zugelassen.

Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Über vierzig Jahre hat Christoph Kaiser diese Frage in sich vergraben.

Ich war böse mit ihm. Und jetzt mit der Auseinandersetzung der Rolle von Jochen Klepper, das hat mich natürlich erstmal angeregt, auch wieder tiefer in meine Vergangenheit zu schauen. Und mir ist bewusst geworden, dass ja nicht Gott die Krankheit in Krebs ausgelöst hat und ihn nicht genommen hat, sondern dass er dafür seine Aufgabe sieht, wie das erträglich zu machen. Dass ich damit klarkomme.

Das alles war ein längerer Prozess. Der Film „Schattenstunde“ will das Leben von Klepper und das Schicksal der vielen ans Licht bringen, die aus Liebe zu ihrer jüdisch angeheirateten Familie mit ihr in den Tod gegangen sind. Am Holocaustgedenktag im kommenden Jahr soll der Film in die Kinos kommen.

Besonders beeindruckt hat ihn, wie standhaft er war und an seinen Werten festgehalten hat.

An den Werten wie Liebe  „bis der Tod uns scheidet“, wie Treue. Und das mit einer Hartnäckigkeit! Aber auch mit einer gewissen Sicherheit zu wissen: Ich muss diesen Weg gehen, um meine Familie zu schützen. Und ich muss diesen Weg gehen, mit ihnen gemeinsam, um sie nicht alleine gehen zu lassen und alle Repressalien dafür auf sich zu nehmen.

Jochen Klepper war Pfarrerssohn und wäre selbst gerne Pfarrer geworden. Aber aus gesundheitlichen Gründen konnte er sein Theologiestudium nicht abschließen und arbeitete als Journalist und Schriftsteller.

Man hat seine Werke geschätzt. Man hat seine Romane geschätzt. Nur kam dann irgendwann dieser Goebbelsche Ausruf „Beruf oder Ehr!“ Und da mussten sich eben Menschen, die sich in -man nannte es damals- „Mischehe“ befanden, entscheiden: Gehe ich meiner Karriere, meinem Beruf nach und trenne mich von meinem jüdischen Partner oder tu ich es eben nicht.

Und Jochen Klepper tat es eben nicht. Obwohl er immer wieder mit Berufsverbot belegt wurde. Aber er fühlte sich als Deutscher und sagte immer:

Ich bin der Letzte, der hier gehen wird, weil hier ist meine Leserschaft hier ist meine Hörerschaft und von wo aus kann ich sie besser erreichen als von hier vor Ort in Deutschland. Und ich glaube, er hat auch immer noch gehofft und gebangt, dass dieser Spuk mal aufhört und es sich wieder zum Guten wendet.

Bis zum Schluss hat Klepper gehofft, seine Familie könnte durch Ausreise einer Deportation ins KZ entgehen. Als die unmittelbar bevorstand, hat er sich mit seiner 15 Jahre älteren Frau und seiner erwachsenen Stieftochter in ihrem Haus in Berlin das Leben genommen. Da war Jochen Klepper gerade 39 Jahre alt. Christoph Kaiser hat die drei auf dem Friedhof in Berlin- Nikolassee besucht.

Als ich dann so diese Gräber gesehen habe und diese Inschriften, da gab es so etwas- man kann es nicht erklären- man hatte das Gefühl, keiner von denen war allein. Sie haben es zusammen gemacht und werden bei Gott auch angekommen sein. Das hat etwas friedvolles gehabt, finde ich.

Die Geschichte von Jochen Klepper ist für mich eine Karfreitagsgeschichte, die sagt: Der Tod ist grausam. Immer. Aber die Liebe ist stärker als der Tod und nimmt ihm die Macht. Der Film „Schattenstunde“ unter der Regie des kongenialen Benjamin Martins bringt das unter die Haut. Durch seine Rolle als Jochen Klepper hat Christoph Kaiser nach vielen Jahren mit dem Tod seines Vaters und mit Gott Frieden schließen können.

Ich bin regelmäßig an seinem Grab, und wir kommunizieren miteinander. Ich habe das Gefühl, ja, er ist lebendig. Und da ist mir so klar geworden: vielleicht ist das ja Gott, der durch ihn spricht, oder mein Vater spricht durch Gott und wie auch immer. Und wenn es so ist, dann gibt es auch für mich Gott wieder.

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„Schattenstunde“ – das Leben und Sterben von Jochen Klepper
Kinostart: 27. Januar 2022 (Holocaustgedenktag)

mit Christoph Kaiser als Jochen Klepper

Drehbuch und Regie: Benjamin Martins
Produktionsfirma: Herbsthundfilme

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07FEB2021
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Prof. Gerald Hüther Annette Bassler im Gespräch mit Prof. Gerald Hüther

Annette trifft Prof. Gerald Hüther, Neurobiologe, Vorsitzender der Akademie für Potentialentfaltung


Wie es Kindern so geht
Und Gerald Hüther. Lange Jahre hat er darüber geforscht, wie das menschliche Gehirn funktioniert und sich entwickelt. Sein Ergebnis: es sind die Beziehungen. Die zu den Eltern, Lehrern, Freunden. Sie machen, dass ein Kind seine Potentiale entfaltet. Deshalb arbeitet Gerald Hüther heute mit Bildungseinrichtungen zusammen, hat ein Institut für Potentialentfaltung gegründet. Per video haben wir miteinander gesprochen. Und ich wollte wissen: was bedeutet es für Kinder, wenn sie seit fast einem Jahr ihre Kontakte einschränken müssen?

Das ist der soziale Raum, in dem sie die wichtigsten Erfahrungen machen und ein Jahr ohne solche Erfahrungen, das ist schon nicht so ganz ohne. Das heißt, wenn ich als Kind jetzt sieben Jahre alt bin, ist ein Jahr ein Zehntel. Ich bin jetzt fast 70, da wäre ein Zehntel dessen zehn Jahre. Stellen Sie sich vor, zehn Jahre müsste ich so leben, da wäre ich doch hinterher gar nicht mehr wiederzuerkennen!

Was macht ein Kind, das seine elementaren Bedürfnisse noch nicht aufschieben kann?

Es muss versuchen sein Bedürfnis, die Oma zu besuchen, in sich selbst zu unterdrücken. Das ist, was viele Kinder geschafft haben. Die haben dann auch das Bedürfnis, mit anderen Kindern zu spielen, unterdrückt. Die haben das Bedürfnis, auch mal zu raufen und zu toben und einfach auch mal ganz wild zu sein. Alles mussten die unterdrücken.

Dieses „Unterdrücken“ aber hinterlässt Spuren, meint Hüther, das kindliche Gehirn baut sich um. Das elementare Bedürfnis nach Nähe und Kontakt wird weniger. Es verliert etwas von seiner Lebendigkeit. Während Eltern durch ihre Mehrfachbelastung selbst am Limit sind. Was bleibt dann noch? Vielleicht dies.

Es lässt sich alles besser aushalten, wenn man versuchen würde, etwas liebevoller mit sich selbst umzugehen. Sich mal fragen: Was kann ich mir heute mal Gutes tun?

Was würde mir persönlich- was würde uns als Familie heute guttun? Darüber könnte man miteinander reden. Sich dafür Zeit frei schaufeln. Und versuchen, es dann auch umzusetzen. Warum das so wirksam ist?

Sie kommen wieder in das Gefühl, Gestalter ihres eigenen Lebens zu sein, … nur noch das zu machen, was ihnen guttut. Anstatt gegen das anzurennen, was sie sowieso nicht ändern können.

Was tut mir, was tut uns jetzt gut? Ich habe zum ersten Mal meinen Enkeln per Video abends was vorgelesen. Und die haben mit den Eltern Pläne und Absprachen gemacht, was sie tagsüber unternehmen.

Kinder können auf einmal lernen, Teil dieser Familie zu sein. Und sie können gemeinsam mit den Eltern versuchen, es sich so schön wie möglich zu machen, trotz der Einschränkungen. Und dann merken sie plötzlich: wow! Ich habe eine gute Idee. Mama hat ne gute Idee, Papa hat ne gute Idee. Und dann sucht man sich die Freiräume, die gehen unter Einhaltung der Bestimmungen und Verordnungen.

Vertrauen wagen und loslegen

Wie kann ein Kind am besten seine Potentiale entfalten? Darüber hat Gerald Hüther lange geforscht als Neurobiologe. Sein Fazit: Kinder, die ihre elementaren Bedürfnisse leben dürfen, bekommen die beste Bildung für ein gelingendes Leben. Das Bedürfnis nach Geborgenheit und Gemeinschaft ist eines. Ein anderes ist es, etwas bewirken, Probleme lösen zu können.

Wenn jetzt Eltern versuchen, ihrem Kind alle Probleme aus dem Weg zu räumen, brauchen Sie sich nicht zu wundern, dass dieses Kind nie lernt, wie ein Problem gelöst wird. Und damit hat es keine eigenen Kompetenzen. Und damit ist es hoch anfällig für Angstmacher. Weil es nicht auf eigene Kompetenzen zurückgreifen kann.

Genauso wichtig ist es aber auch, die Kinder nicht mit Problemen zu überhäufen, die es nicht lösen kann. Wenn das Kind mit Einschränkungen leben muss, ist es wichtig, ihm zu vermitteln, dass man es verstehen kann. Dass man selber auch Angst hat. Aber trotzdem auch irgendwie darauf hofft, dass es gut ausgehen wird. Das vorzuleben ist für Kinder das Wichtigste. Gerald Hüther nennt es Gottvertrauen.

Und das ist eben auch ein kulturelles Gut, selbst wenn man nicht in der Kirche ist, ist dieses Kulturgut ja nicht für einen unsichtbar. Und insofern hat es sicher vielen Menschen geholfen, dass sie sich vorstellen konnten, dass es wieder gut wird. Und dass irgendwie Gott die Hand schützend über sie hält. Und dann haben sie losgelegt.

Vielleicht brauchen Kinder heute mehr denn je Erwachsene, die aus diesem Vertrauen heraus „loslegen“. Die einfach mal anfangen und etwas tun, was das Leben besser macht. Mit einer Grundhaltung, die dem, was derzeit so müde macht, etwas entgegenhält: Respekt vor der Würde des Kindes.

Das, worum es nämlich geht, ist, dass wir keinen anderen Menschen in so einer Gemeinschaft zum Objekt machen. Zum Objekt Ihrer Belehrung, Ihrer Erwartungen, Ihrer Maßnahmen, Ihrer Bewertungen. Sowohl in den Schulen, aber auch schon in den Elternhäusern.

Und das stelle ich mir anstrengend vor! Nicht nur reden, sondern ernsthaft zuhören und nachfragen. Ganz bei sich sein, aber auch ganz bei Anderen. Ideen entwickeln, aber sie auch wieder einpacken können. Kurzum: Solidarität leben, Schwarmintelligenz entwickeln. Gerald Hüther ist davon beseelt.

Wenn die Mitglieder einer Gemeinschaft es schaffen, dass die aufhören, sich gegenseitig zum Objekt zu machen, dann ist die Entfaltung der in diesen Mitgliedern und der ganzen Gemeinschaft angelegten Potenziale unabwendbar.

Alles ist möglich denen, die glauben. Hat Jesus gesagt. Weil bei Gott nichts unmöglich ist. Vielleicht ist die Zeit reif, Vertrauen zu wagen- in die Möglichkeiten Gottes. Für Gerald Hüther jedenfalls ist Vertrauen der Anfang von allem. 

Das ist die Grundmelodie. Und Kinder können die schon begreifen. Die Botschaft heißt nämlich: es gibt Probleme im Leben ja! Aber es wird auch wieder gut.

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01JAN2021
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Dorothee Wüst

Annette Bassler trifft Dorothee Wüst, designierte Präsidentin der evangelischen Kirche der Pfalz

Aufbruch
Ein erfülltes und gesegnetes Neues Jahr wünschen wir Ihnen! Und nach dieser stillen Silvesternacht einen hoffnungsfrohen Neuanfang. Dass aus all den Sorgen und Entbehrungen der letzten Wochen etwas Gutes erwächst. Vielleicht sogar neues Leben aufblüht. Dorothee Wüst hat in ihrer Kirche- der evangelischen Kirche der Pfalz- schon seit Wochen einen Neuanfang wahrgenommen.

Als Kirche sind wir eigentlich krisenerprobt seit Jahrtausenden. Und wir haben immer die Erfahrung gemacht, dass, wenn Krisen die Menschen beuteln, dann kommen sie zu uns, suchen Nähe und Gemeinschaft. Und genau das war dann nicht möglich. Das heißt, ich glaube, wir haben uns im vergangenen Jahr da auch ein Stück weit neu erfinden müssen. Und ich finde, an vielen Stellen ist uns das auch gar nicht schlecht gelungen.

Vielleicht haben Sie auch die Gottesdienste über die Feiertage geschätzt. Die im Internet, in Radio oder Fernsehen. Online- Andachten, Zoom- Diskussionsrunden- Kirche war kreativ digital. Und mehr noch:

Also an vielen Stellen ist Kirche, ist Gemeinde nach draußen gegangen, ist auf die Straßen gegangen, auf Felder gegangen, ist in Ställe gegangen, in den öffentlichen Raum. Und das finde ich, ist was Gutes, was wir als Kirche auch gelernt haben aus Corona. Kirche findet nicht nur drinnen statt, sondern Kirche muss auch im öffentlichen Raum sichtbar werden.

Zu Leuten reden, die sonst nix mit Kirche am Hut haben, das gehört für Dorothee Wüst seit über zwanzig Jahren zum Alltag als Pfarrerin. Wo sie das gelernt hat, na klar!

Ich habe es an meinen Kindern gelernt. Also ich finde Kinder erden ganz ungemein. Und wenn ich denen einen Text von mir vorlese und sehe nur in Fragezeichengesichter, dann weiß ich: das war nix. Also, das muss man auch mal überarbeiten, weil es sonst keiner versteht. Ich habe es zum Beispiel auch in der Rundfunkarbeit gelernt. Wenn man in SWR3 in Beitrag produziert, den die Leute nicht verstehen, dann kriegt man ganz klar gesagt: das war nix.

Und jetzt hat auch ihre Kirche einen Neuanfang gewagt. Ab kommendem März wird Dorothee Wüst ihr Amt als Kirchenpräsidentin antreten. Die erste Frau in diesem Amt im gesamten Südwesten. Dabei sind es erst 62 Jahre her, dass Frauen zur Pfarrerin ordiniert werden durften. „Pfarrer im Sinn des Dienstrechtes ist auch die Pfarrerin“, so die damalige Dienstordnung. Mich freut, wie realistisch und souverän Dorothee Wüst mit den heutigen Geschlechterklischees umgehen kann.

Also eine Chance liegt bestimmt darin, dass man einem als Frau auch Fähigkeiten zutraut wie: zuhören können, wahrnehmen können, Gefühl zeigen können.  Was manchmal schwieriger ist: Wenn man als Frau mal so auf den Tisch haut, dann wird das schnell auch merkwürdig beäugt. Dann geht das schnell so in die Richtung von Hysterie, wo man bei einem Mann vielleicht sagen würde, der hat jetzt aber mal klar seine Meinung gesagt.

Und Dorothee Wüst tut das auch. Sie hat ein Zukunftsbild von Kirche im 21. Jahrhundert. Ideen und Visionen, die sie umsetzen will.

Weg der Barmherzigkeit

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Das ist die Losung der evangelischen Kirche für das Jahr 2021. Dorothee Wüst- ab März die erste Kirchenpräsidentin im Südwesten, findet „barmherzig sein“ ungemein alltagstauglich.

Barmherzig sein finde ich, kann eigentlich jeder. An vielen Stellen im Evangelium kriegen wir ja gute Botschaften gesagt, wo man erst mal so ein bisschen Schnappatmung kriegt im Sinne von:  du, lieber Himmel. Was für ein Anspruch, das schaffe ich nicht. Aber barmherzig sein, das kann im Prinzip jeder und auch jeder in seinem persönlichen Umfeld.

Barmherzig sein heißt aber auch, ein bisschen über seinen eigenen Schatten springen wollen.

Ich muss mein Gegenüber wahrnehmen. Und unter Umständen ist der in der Situation, die ich nicht gut finde. Tut Dinge, die ich nicht gut finde. Aber ich erkenne bei meinem Gegenüber eine Not und die ist vorrangig. Und ich wende mich spontan dieser Not zu. Das ist für mich Barmherzigkeit.

Dorothee Wüst hat viel Erfahrung als Pfarrerin in der Gemeinde und in der Kirchenleitung. Als ich sie nach sowas wie einem „10 Punkte Plan“ als Kirchenpräsidentin frage, sagt sie, dass sie genau das nicht will. Ansagen machen, denen andere folgen sollen. Sie will in ihr Amt erst mal eine andere Haltung einbringen. Und dazu auch andere verlocken.

Eine Haltung, frei denken zu dürfen, kreativ sein zu dürfen, innovativ sein zu dürfen. Und tatsächlich ja, in einer gemeinschaftlichen Art und Weise zu gucken, wie wir das Schiff, das sich Gemeinde nennt, in die Zukunft schaukeln können.

Vielleicht hat das auch mit dem Frausein zu tun. Unsre Mütter haben das in der Familie vorgelebt. Haben dafür gesorgt, dass alle sich entwickeln können, dass kein Kind übersehen und alleingelassen wird. Haben dafür sich selber lieber erst mal zurückgenommen. Um der Gemeinschaft willen. Diese Haltung wünscht sich Dorothee Wüst auch zwischen den Kirchenengagierten und den eher Kirchenfernen.

Wenn man wirklich auf das hören will, was andere Menschen bewegt und was sie anspricht, kann das unter Umständen auch heißen, mich in Teilen von dem verabschieden zu müssen, was mir lieb und teuer ist. Das geht halt einher mit Veränderung.

Vielleicht ist die Zeit wirklich reif, dass wir uns nicht mehr auseinanderreden, sondern zusammenreden. Uns auf die Welt des Anderen einlassen, sie wahrnehmen ohne sie gleich zu bewerten. Das bedeutet auch Verzicht auf lieb gewordene Gewohnheiten. Verzicht auf das „ich zuerst“. Um der Gemeinschaft willen. Für Dorothee Wüst eine Vision, die mit Barmherzigkeit zu tun hat.

Für jeden Einzelnen ist es eine Wohltat, wenn er sich aufgehoben fühlen kann in einer solidarischen Gemeinschaft. Dazu gehört aber auch, dass ich die Menschen um mich herum wahrnehme, mit denen ich Gemeinschaft sein kann. Und das wäre, glaube ich, so mein Wunsch für das Jahr 2021, dass es uns gelingt, mit Gottes Hilfe und mit dem, was wir mit Herz und Seele zu bieten haben, tatsächlich solidarische Gemeinschaft zu sein.

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06DEZ2020
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Hartmut Rosa © juergen-bauer.com

Annette Bassler trifft Prof. Hartmut Rosa, Professor für Soziologie an der Universität Jena

Advent als Herausforderung
Unser Alltag wird immer schneller. Und das hat Folgen: uns kommen dabei berührende Begegnungen und sinnerfüllte Momente abhanden. Wir verlieren die „Resonanz“ mit anderen- so der Titel seines Buches. Und jetzt kommen durch Corona auch noch Kontaktbeschränkungen dazu. Deshalb kann ich mit dem Professor für Soziologie in Jena nur telefonieren. Was mich doch ein bisschen wehmütig macht. Hartmut Rosa findet dafür kluge Worte

Was da verloren geht ist das, was wir „Ko-präsenz“ nennen. Gemeinsam in einem Raum zu sein bedeutet: ein gemeinsames Bewusstsein der Atmosphäre da drin zu haben, der Luft, der Geräusche, also man teilt eine Situation und wenn ich mit Ihnen über einen Bildschirm rede, dann teile ich nicht die Situation gerade nicht, was mich gerade dazu zwingt, die Situation auszublenden. Die Ermüdung, die daraus hervorgeht, zeigt uns deutlich, dass wir leibliche Wesen sind.

Das habe ich mir gar nicht so klar gemacht. Ich habe nicht nur einen Körper, den ich fit halten muss. Ich bin auch Körper. Und der prägt mein Lebensgefühl und mein Denken. Deshalb muss ich mehr als sonst auf mein seelisches Gleichgewicht aufpassen. Auch ohne Angst vor Jobverlust. Woher sie kommt, unsere Lebensenergie, darüber denkt Hartmut Rosa schon eine Weile nach.

Ich unterrichte grade zur Frage „kann man das auch als soziale Eigenschaft denken“, nämlich im Hinblick darauf, dass Energie entsteht in der Interaktion, in der Begegnung mit Menschen, im gemeinsamen Tun. Dann ist Energie nicht meine Energie oder Ihre Energie, sondern es ist etwas, was zwischen uns entsteht.

Immer wieder erlebe ich das. Wie die Funken sprühen, wenn ich mit anderen über ein Problem nachdenken. Energie zwischen uns. Arbeit, die belebt. Vielleicht müssen wir in Zukunft das „Miteinander“ noch viel wichtiger nehmen als bisher. Hartmut Rosa ist überzeugt:

Ohne Interaktion, ohne aktive Begegnung, die immer auch ein leibliches Moment hat- wir sind leibliche Wesen- ohne die können wir dauerhaft nicht existieren. 

Aber- zum Glück gibt es in gewisser Weise auch Ersatz für die leibliche Begegnung. Hartmut Rosa wollte mit mir telefonieren. Lieber als per Video reden.

Darüber hinaus ist es so, dass wir dieses Moment der Berührung auch anders kennen, mit Haustieren zum Beispiel oder eben durch Musik, die uns berührt, durch ein Buch aber dieses Moment- ich nenn das manchmal auch „Verflüssigung unsres In-der-Welt-Seins“, wo man sich plötzlich wieder lebendig spürt, wo man sich verbunden fühlt, das kann man schon auf andere Weise versuchen, in sich aufzubauen und um sich aufzubauen.

Und für die, die in diesen Zeiten auch noch um ihre wirtschaftliche Existenz bangen müssen, hat Hartmut Rosa einen wichtigen Rat.

Es ist nicht individuelles Versagen, dass man jetzt in eine schwierige Lage gerät, sondern es ist eine Art von kollektivem Verhängnis. Was natürlich bedeutet, dass auch das Gemeinwesen, dass wir alle solidarisch sein müssen, aber es entlastet ein bisschen von dem Versagensgefühl, was ganz ganz wichtig ist.

Advent als Versprechen
Hartmut Rosa hat für seine Bücher und Vorträge viele Preise bekommen. Der 55 jährige unterrichtet und forscht an der Uni Jena als Professor für Soziologie. An seiner Sprachmelodie habe ich ihn sofort als Badener erkannt. In seinem Heimatdorf hat er als Jugendlicher sogar Orgel gespielt. Er kennt sich aus in der Bibel und im Gesangbuch. Von Weihnachtsliedern kann er gar nicht genug bekommen.

In gewisser Weise bin ich, seit ich ein Kind war, Advents- und Weihnachtsfan. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich als kleiner Junge total überwältigt war von einem Weihnachtsbaum in unserem Dorf. Da gabs nur einen draußen, einen elektrischen. Und ich bin auf dem Schulweg immer einen Umweg gegangen, um das anzuschauen, jeden Morgen eigentlich und stand da immer staunend davor.

Dieses kindliche Staunen ist vielen Erwachsenen abhandengekommen. Weil es im Advent oft zu viel war: zu viele Lichter, zu viel Arbeit, zu viele Geschenke, zu viel Rummel. In diesem Jahr ist das anders. Schmerzlich für viele. Aber es liegt auch eine Chance darin.

Ich bin echt gespannt darauf zu sehen, was dieses Jahr passiert, wenn eben keine großen Weihnachtsmärkte mehr stattfinden und wenn wir die soziale Distanz einhalten müssen. Ob dann plötzlich diese eine Kerze im Fenster oder dieses verlorene Lied, das von irgendwo tönt, tatsächlich nochmal diese Innigkeit herstellen kann.

Denn Weihnachten ist das Fest, an dem in der Tiefe der Seele etwas zum Schwingen kommt.

Aus meiner Sicht ist eigentlich Weihnachten ein Resonanzversprechen. Also weil die Idee von Weihnachten, die ganze Praxis von Weihnachten hängt an der Vorstellung, dass am Grund meiner Existenz einer ist, der mich hört und der mich sieht und der mich meint und dass ich nicht ins Leere rufe in meiner Existenz, sondern eine entgegenkommende Antwort erfahre.

Vielleicht sind wir an Weihnachten deshalb so sensibel. Wir gehen zurück auf den Anfang. Zu dem Kind in uns, das mit einem Schrei und mit der Sehnsucht nach Resonanz geboren worden ist.

Diese Grunderfahrung erfahren wir natürlich schon als Kind. Ich glaube, ein Säugling wird zu einem Subjekt, in dem Moment, wo es sich erkennt in den Augen der Mutter oder des Vaters, wo es plötzlich feststellt, da gibt’s eine Beziehung und ich kann das Andere auch erreichen und es meint mich, es ruft mich, es hält mich und trägt mich.

Hartmut Rosa nennt dies „die reinste Form der Resonanz“. Eine Beziehung, geprägt von tiefer, wechselseitiger Liebe. Und darum geht es in der Weihnachtsgeschichte: Das göttliche Kind wird arm und schutzlos geboren. Dort im Stall von Bethlehem. Aber der Glanz der göttlichen Liebe, der Glanz reinster Resonanz, der leuchtet umso heller. So gesehen findet Hartmut Rosa Weihnachten geradezu logisch.

Und deshalb wundert es mich eigentlich nicht, dass diese Grundidee diese basale Erfahrung oder Einsicht, dass am Grunde unserer Existenz auch eine Antwortbeziehung stehen kann, dass die symbolisiert wird mit Hilfe eines Kindes scheint mir eigentlich naheliegend.

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02AUG2020
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Alea Horst

Annette Bassler trifft Alea Horst, Fotografin

Sich anrühren lassen

Wir treffen uns in ihrem Haus im Taunus. Vom Esstisch schaut man auf eine Blühwiese mit Hochbeeten und scharrenden Hühnern. Ringsum Wald. Natur und Stille. Hier kann ihre Seele heil werden. Nach ihren Reisen in die Flüchtlingslager dieser Welt. Ihre erste Reise ging nach Moria auf Lesbos. Dort ist ihr am Strand ein junger Mann quasi entgegengefallen. Der war aus Syrien übers Meer gekommen.

War alleine unterwegs und schrie, er wolle ein Handy haben, er wolle ein Handy haben und ich hatte im ersten Moment ein bisschen Misstrauen. Der will ein Handy, wenn ich dem das gebe, läuft der vielleicht damit weg. Und dann hab ich ihm das Handy gegeben. Und dann hat er zu Hause seine Mutter angerufen und er sagte was auf Arabisch und die Mutter jubelte im Hintergrund. Jubelte „lalalalalala“ und er lachte und beide lachten und weinten. Dann legt er einfach auf, gibt mir das Handy und rennt zum Bus, wo die Flüchtlinge dann abtransportiert wurden ins Camp.

Begegnungen wie diese haben ihr Leben von Grund auf verändert. Vorher war die 38-jährige eine preisgekrönte Hochzeitsfotografin, verheiratet, zwei fast erwachsene Kinder, schönes Haus. Aber als vor 5 Jahren die vielen Geflüchteten bei uns angekommen sind, da ist ihr Gewissen Sturm gelaufen.

Und ich hab mich gefragt: wie möchte ich auf mein Leben zurückschauen, wenn ich alt bin? Ich möchte nicht auf mein Leben zurückschauen und sagen: warum hab ich nur lethargisch auf der Couch gesessen und gesagt: wie schlimm ist das, wie schlimm ist das! Und ich hab aber nur meinen Hintern nicht hochbekommen.

Seitdem reist sie um die Welt. Grade ist sie zum dritten Mal im Lager Moria auf Lesbos gewesen, wo 20 Tausend Menschen leben.

Es gibt seit vier Jahren dort keine anständige Müllabfuhr! Seit vier Jahren! Ein Großteil der Menschen lebt in aus Paletten gebauten mit Plastikfolie und kleinen Wasserflaschendeckeln improvisierten eigenen gebauten Minihütten. Es gibt keine Container, wo man sagt, das ist wenigstens wasserfest, es gibt überhaupt kein warmes Wasser, wenn man sich vorstellt mit 7000 Kindern und es gibt dort kein warmes Wasser! Das ist einfach beschämend.

Alea Horst erinnert mich an Jesus. Der hat gesagt: Was ihr den Geringsten angetan habt, das habt ihr mir getan. Ich glaube, es macht etwas mit unserer Würde, wie wir uns den Geringsten unter uns umgehen. Alea Horst begegnet den „Geringsten“ einfach als Mensch.

Ich hab das jetzt, im Laufe dieser Jahre gemerkt. Was wirklich meine Seele berührt ist Zwischenmenschlichkeit, Mitmenschlichkeit, sich die Zeit zu nehmen, miteinander zu reden. Man bekommt so viel mehr innere Zufriedenheit.

Verwandelt werden

Alea Horst zu begegnen war für mich heilsam. Obwohl oder gerade weil sie mir von den heillosen Zuständen im Flüchtlingslager Moria erzählt hat. Als Fotografin hat sie gelernt, genau hinzuschauen. Das tut sie jetzt in den Flüchtlingslagern. Was für viele von uns nur eine bedrohliche Größe ist, hat für sie je ein Gesicht und eine Würde. Und an die geht sie ganz nah ran. Mit der Kamera und mit ihrem Herzen.

Ich habe eine Mission! Ich möchte etwas verändern, ich möchte etwas verbessern. Für diese Menschen! Und da muss ich meine eigene Scham neben liegenlassen. Das hilft mir auch, in Fotos, mich frei zu machen von allen Vorurteilen von dieser Scham. Alles wird besser, wenn ich mich so weit wie möglich öffne.

Ihre Bilder ziehen mich hinein in die Welt dieser Menschen. In der dann die Unterschiede von Religion und Kultur keine Rolle mehr spielen.

Die Sehnsucht nach Harmonie, Frieden und Liebe, die verbindet uns alle.  Egal…wie die Leute aussehen, im inneren Kern sind wir alle gleich und haben die gleichen Sehnsüchte. Deswegen fühl ich mich mit diesen Menschen besonders verbunden.

Auch wenn die Flüchtlingslager der EU noch so katastrophal sind, alles ist für diese Menschen besser ein Leben in Krieg und Verfolgung, weiß Alea Horst. Europa ist für sie zwar ein Land des Friedens, aber:

In jedem Flüchtlingslager der Welt sagen die Menschen: wir wollen wieder nach Hause. Alle sagen: mein größter Traum wäre, wieder nach Hause gehen zu können.

Ich bewundere, mit welcher Energie sie aufbricht und fremde Welten aufsucht. Ich könnte das nicht, sage ich. Und sie meint: man muss das auch nicht, um zu helfen.

Man muss nicht in diese Länder fahren, man muss auch nichts Großes machen. Ich muss kein Arzt oder Rechtsanwalt sein, nein, ich kann mit meinen Händen irgendetwas machen. Und ich habe hier in Deutschland in verschiedenen Initiativen tolle Menschen gesehen. Die einen stricken irgendwas, andere reparieren irgendwelche Gegenstände und andere hören einfach nur zu. Man muss sich nur fragen:  Was kann ich geben? Und dann muss man nur einen Schritt machen. Dass man damit anfängt. Und dann bekommt man so viel zurück.

AleaHorstVielleicht ist dies das Geheimnis eines glücklichen Lebens. Offen sein, sich berühren lassen von der Not von Menschen. Und darauf vertrauen, dass man hineingenommen und getragen wird vom Geist der Liebe und der Mitmenschlichkeit.

Mein Ziel ist es, am Ende meines Lebens ein glückliches Leben zu haben, nicht unbedingt ein reiches Leben und deswegen geh ich so gern in den Dialog und ich gebe und bekomme große befriedigende Gefühl zurück, was wirklich Richtiges zu tun.

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03MAI2020
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Dr. Thomas Posern Dr. Thomas Posern

Annette Bassler trifft Dr. Thomas Posern, Beauftragter bei ev. Kirchen bei der Landesregierung in Rheinland- Pfalz

Segen von Institutionen

Wegen der Corona- Pandemie sind unsere Freiheitsrechte stark eingeschränkt. Unsere Demokratie steht derzeit unter einer Bewährungsprobe. Wovon lebt- wie funktioniert Demokratie? Das habe ich Thomas Posern gefragt. Seit zehn Jahren vermittelt er die Anliegen der evangelischen Kirche in die Landesregierung von Rheinland- Pfalz. Er ist sozusagen ein Lobbyist für die Interessen der Institution Kirche. Aber:

Die Kirche ist zum einen eine Institution, die sich eben nicht nur für sich selber einsetzt, sondern die versucht, zusammen mit und anwaltschaftlich für Menschen in Not und in schwierigen Lebenslagen zu sprechen und solche Themen ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

So haben sich Diakonie und Caritas am Anfang dieser Pandemie besonders um Arme, Alte und Kinder aus prekären Wohnverhältnissen gekümmert. Kirche war da, wo staatliche Unterstützung nicht oder noch nicht angekommen ist. Das hat damit zu tun, wofür die Kirche steht- als Institution in unsrer Gesellschaft.

Es ist die Botschaft der Kirche, die für die Gesellschaft wichtig ist. Die biblische Botschaft, das Evangelium, was wichtig ist.

Und Kern des Evangeliums ist: jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes, ist wertvoll und wichtig. Und dieser Wert hängt nicht davon ab, was jemand geleistet oder erreicht hat. Das versucht Thomas Posern ganz konkret in das politische Tagesgeschäft hinein zu vermitteln.

Wir haben zum Beispiel viele Pfarrerinnen und Pfarrer, Seelsorgerinnen und Seelsoger in der Justizvollzugsanstalt, mit denen treffen wir uns regelmäßig und können deren Anliegen zB. dem Justizminister vortragen. An all diesen Stellen gibt es wichtige Dinge, die dann zur Kenntnis genommen und oft auch umgesetzt werden auf Regierungsseite.

Demokratie, so lerne ich, lebt von Menschen, die sich für andere einsetzen- ganz besonders für die, die sonst keine Lobby haben. Demokratie lebt von Institutionen, die diesem bürgerschaftlichen Engagement finanzielle Mittel, Raum und Struktur geben. Wenn Pfarrer Thomas Posern die Anfragen und Bitten seiner Kirche an die Regierung weiterleitet, muss er seine persönlichen Interessen oft hintanstellen.

Es sind nicht meine eigenen Dinge, die ich hin- und hertransportiere, sondern es sind Anliegen der Kolleginnen und Kollegen oder der Synoden oder von Kirchenvorständen und Presbyterien, die Eingang in meine Arbeit finden.

Das bedeutet: Hinhören, miteinander verhandeln, Kompromisse finden- oft in langen Sitzungen. Das ist nicht jedermanns Sache. Als Pfarrer ist Thomas Posern hier in seinem Element.

Am meisten Freude macht mir die ganze Zeit, dass ich mit unglaublich vielen unterschiedlichen Menschen zu tun habe. Die Hauptaufgabe in dieser Funktion ist, mit den Leuten zu reden!

Mit den Leuten reden. So einfach- und doch auch so mühsam. Gerade jetzt.

Woraus sich Demokratie nährt

Seit zehn Jahren pendelt er hin und her zwischen Kirche und Staat. Thomas Posern, Pfarrer und kirchlicher Beauftragter bei der Landesregierung in Rheinland- Pfalz. Wenn es um Absprachen, Austausch und Diplomatie geht, ist er in seinem Element. Denn die Kirchen sind bei uns unabhängig vom Staat. Zugleich aber übernehmen sie stellvertretend für den Staat viele soziale Aufgaben. Ein Blick in die Nachbarländer zeigt: so ein partnerschaftliches Miteinander hat viele Vorteile für alle.

Der Vorteil ist, dass in diesem partnerschaftlichen Miteinander viele Fragen miteinander bedacht werden können. Kirche kann ihre Stimme unmittelbar einbringen und es gibt vorgesehene Routinen dafür wie zum Beispiel regelmäßige Gespräche mit der Regierung, mit Ministerien oder Ähnliches.

Und so kommen routinemäßig die Interessen derer zu Wort, die sonst wenig Lobby haben: Eigentlich wichtig. Trotzdem ist der Einfluss der Kirche als Institution geschwunden. So wie der von anderen Institutionen. Warum finden viele Menschen für sich „Institutionen“ nicht mehr so wichtig?

Weil alles gut lief, hat man den Eindruck, man braucht den anderen nicht, man braucht die Institutionen nicht, Parteien nicht, Kirchen nicht, die Gewerkschaften nicht. Das hat dazu geführt, dass viele Menschen denken: Es läuft doch ohne mich!

Jetzt in der Krise aber können wir alle sehen, wie wichtig es ist, dass es Institutionen gibt. Parteien, die den Kommunalpolitikern den Rücken stärken, Gewerkschaften, die um besseren Lohn kämpfen, Kirchen die sich um Einsame und Kranke bemühen. Kurzum: Christenmenschen.

Menschen, die sich vom Glauben getragen wissen, dazu auch angespornt werden, davon etwas weiterzugeben- sowohl im Sinn der Glaubensbotschaft als auch in dem Sinn, dass sie beide Hände frei haben. Weil sie sich nicht nur um sich selber kümmern und abstrampeln müssen.

In diesen Tagen sind viele dankbar für die, die sich für Andere engagieren, dankbar dafür, einfach nur gesund zu sein. Ich finde: diese Dankbarkeit ist sehr kostbar. Sie gibt mir den langen Atem, den ich derzeit brauche. Und einen sensiblen Blick für Ungerechtigkeit in unsrem Land.

In der Tat gibt es eine Kluft in unserer Gesellschaft im Blick auf die Vermögen. Und das hat dazu geführt, dass mit Macht und Einfluss verbundene Vermögen eben sehr viel Einfluss haben und dadurch auch die Anliegen bestimmter Schichten aus dem Blick geraten sind.  Und dann sagen sich manche Leute: Dann brauchen wir uns nicht mehr beteiligen, wenn wir sowieso nix mehr beeinflussen können. Und andere, zu denen ich gehöre, sagen: Grade deshalb müssen wir uns an diesen Dingen beteiligen und so gut es geht versuchen, Einfluss darauf zu nehmen.

Auch wenn in unserem Land vieles besser werden kann und muss: ich bin in diesen Tagen dankbar, in einer Demokratie wie der unsrigen leben zu dürfen. Und dass es viele Ehrenamtliche gibt, die sich innerhalb und außerhalb der Kirche engagieren.

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12APR2020
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Fulbert Steffensky Fulbert Steffensky

Annette Bassler trifft Prof. Fulbert Steffensky

Auferstehung – jetzt?

Seine Bücher und Predigten haben mich auf kluge und ehrliche Weise aufgerichtet. Die Bücher seiner verstorbenen Frau Dorothee Sölle haben mir geholfen, Geistliches und Politisches miteinander zu verbinden. Und jetzt darf ich dem 86-jährigen vor Ostern begegnen. Am Telefon. 420 Kilometer sind es zwischen Mainz und Luzern, wo er lebt. Wie er Ostern feiern wird?

Gottesdienste fallen weg, das Treffen der Freunde fällt weg, es wird vielleicht sogar ein intensives Ostern werden, weil man nicht draußen verzettelt ist.

Intensives Ostern? Gewiss, draußen ist alles grün und die Vögel zwitschern. Aber drinnen sind die Sorgen davon nicht weg. Aber Ostern ist ja auch kein Frühlingsfest. An Ostern geht es um Auferstehung. Was das ist, mag Fulbert Steffensky nicht gern erklären, lieber erzählen.

Vielleicht könnte man erzählen die Schönheit oder das Revolutionäre der Geschichte, dass ein Mensch, von Gott auserwählt, der das Recht suchte in seinem Leben, der Gott suchte in seinem Leben, dass der nicht im Tod gelassen wurde. Der Tod hält ihn nicht gefangen.

Und das können wir heute feiern. Überall stehen Pfarrerinnen und Pfarrer allein in der Kirche und die Gemeinde sitzt zu Hause vor dem Radio, dem Fernseher oder dem PC. Man kann mitsingen wie früher: „Christ ist erstanden von der Marter alle- des soll‘n wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.“

Es kann schon sein, dass mein Mund, der die Auferstehungslieder singt, klüger und frömmer als mein Herz, das noch nicht nachkommt. Und das ist eben so. Wir sind ja zum Glück nicht nur Mund, sondern auch Herz.

Eine wunderbare Ostergeschichte ist für mich die, wie Maria von Magdala zum Grab geht, um ihren toten Jesus zu salben. Und ihn nicht findet, weil der Stein vor dem Grab weggerollt ist. Fulbert Steffensky liebt die zärtliche Begegnung zwischen Maria und Jesus- auf Abstand.

Es ist da diese Frau, manche haben sie eine Sünderin genannt. Sie weint und sie fragt: „Wo ist mein Herr, hast du ihn weggetragen?“ Und der Auferstandene nennt sie beim Namen und sie erkennt sich selbst und sie erkennt die Szene. Und sie darf ihn nicht berühren.

Die Lieben sehen. Und sie nicht berühren dürfen. Mich schmerzt das in diesen Tagen. Aber es verbindet mich auf andere Art mit ihnen. Maria geht es ähnlich. Selbst der Tod hat ihre Liebe zu Jesus nicht zerstören können. Dafür wird sie kämpfen.

Auferstehung hat etwas mit Aufstand zu tun. Dass nicht nur einer auferstanden ist, sondern dass Menschen aufstehen, auf die Beine kommen, die Hoffnung nicht verlieren. Insofern- der Glaube ist ja kein Fürwahrhalten, es ist ein Glaube mit Hand und Bein und steht auf und kämpft für etwas und liebt etwas und freut sich am Leben.

Was könnte sich bei uns verändern?

Hoffnung lernen

In diesem Jahr feiern wir Ostern ganz anders als sonst. Stiller, privater. Ohne Osternacht in der Kirche, ohne Festessen im Freundes- und Familienkreis. Der Theologe Fulbert Steffensky sieht darin auch eine Chance. Ostern mal anders feiern. Innerlicher. Denn Ostern ist kein Fest, das Leid und Tod ausblenden will. Ostern hilft, das Tal von Leid und Not durchschreiten zu können. Einen wichtigen Schritt sieht er darin, sich selber realistischer zu sehen.

Vielleicht kann man neu lernen, uns unsere eigene Sterblichkeit einzugestehen. Dieses Corona ist ja etwas, man spürt, es wackelt etwas, die Selbstverständlichkeiten sind hin. Die falschen Selbstverständlichkeiten.

Falsche Selbstverständlichkeiten. Vielleicht gehört dazu, das Leben würde einfach so weitergehen wie bisher. Oder - dass es an mir liegt, wenn etwas nicht so gut läuft. Weil ich mich einfach nicht genug angestrengt habe. Im Blick auf die Pandemie stellt sich vieles als Illusion heraus. Die Alternative zu dieser Haltung ist: Ich kann – und ich muss mir im Leben vieles eben nicht „erarbeiten“. Es ist Gnade. Fulbert Steffensky beschreibt sie so:

Ich bin nie nur, der ich bin, ich bin nicht mein eigener Schöpfer. Das heißt eigentlich Gnade, dass man nicht nur sein muss, der man ist, sondern dass man ernährt wird von Broten, die man nicht selbst gebacken hat. Und einen Wein trinkt, den man nicht selbst gekeltert hat. Das ist das Herrliche, der Charme: ich bin nicht gezwungen, nur authentisch mit mir selbst zu sein, sondern ich bin der, den andere lieben, ich bin der, den andere trösten. Das heißt Gnade

Und aus dieser Gnade zu leben- das würde sich Fulbert Steffensky wünschen. Dass wir das für uns lernen. Und als Gesellschaft. Dass wir dieser Gnade, dem Unverfügbaren in unserem Leben, einen Stellenwert geben.

Die eigene Endlichkeit lernen, sich nicht wie Götter benehmen, wie wir es tun, nicht meinen, die Welt wäre auf uns zugeschnitten und wissen, man muss sterben. Wissen, alles hat seine Zeit und ist vergänglich.

Alles ist vergänglich. Aber was hält und trägt uns in dieser Vergänglichkeit? Am Ende unseres Gesprächs frage ich Fulbert Steffensky nach seiner Hoffnung.

Ich muss einfach sagen: meine Kinder, meine Enkel, die Kinder in den Lagern Griechenlands, das sind meine Hoffnungsbilder. Weil ich an ihnen lerne, was sie brauchen und was ihnen nicht angetan werden soll. Und an ihnen verlerne ich die Frage, ob man Hoffnung haben kann. Wer liebt, der tut zumindest, als hoffe er, indem man für sie arbeitet, für die schreit, für sie sich empört. Alle die, die ernsthaft gearbeitet haben an der Hoffnung, die haben diese Frage nicht gestellt „kann man hoffen?“. Sie haben gearbeitet und sie haben die Hoffnung darüber gelernt.

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05APR2020
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Albrecht Bähr

Annette Bassler trifft Albrecht Bähr, Geschäftsführung der Diakonie in Rheinland- Pfalz Evangelische Kirche

Die Armen im Blick

In diesen Tagen ist die Diakonie besonders gefordert. Denn die Zahl der Menschen, die in wirtschaftliche Bedrängnis geraten, wächst. Als Landespfarrer für Diakonie weiß Albrecht Bähr, wo in Rheinland- Pfalz momentan die Not am größten ist. Ich bin ihm - ausnahmsweise - am Telefon begegnet.

es gibt drei Gruppen, die besonders bei uns im Fokus stehen. Das sind die Kinder, das sind die Menschen, die in sehr prekären Situationen leben und das sind die Alten.

Jedes 10. Kind in Deutschland lebt in Armut, in einer engen Wohnung. Jetzt sind Schulen und Kitas geschlossen. Für sie bedeutet das:

in der Schule hatten sie Bewegungsfreiräume, ebenso in der Kita, sie haben ein warmes Essen bekommen, ein gesundes noch hinzu…. Und sie hatten Kontakte. Und das alles bricht jetzt weg.

Die Eltern dieser Kinder hatten schon vorher keine Rücklagen, haben schon immer von der Hand in den Mund gelebt. Und nein, es sind nicht die, die faul sind.

wir haben sehr viele Menschen, die fleißig daran arbeiten, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können, die einen Zweit- und einen Drittjob haben und das alles funktioniert jetzt nicht mehr….. das macht große Sorge, es rufen immer mehr Familien an, die schlicht und einfach Geld brauchen oder Lebensmittel brauchen um über den Tag zu kommen.

Und auch für die Alten, die sich tapfer in ihren eigenen Wohnungen über Wasser halten, entsteht eine besondere Not, weiß Albrecht Bähr. Viele sind sehr einsam..

wo Hauswirtschaftskräfte nicht mehr ins Haus kommen, wo die osteuropäischen Hilfskräfte auch nicht mehr da sind, weil sie in ihre Heimatländer gereist sind.

In diesen Tagen bin ich besonders dankbar dafür, dass wir nicht nur einen Sozialstaat haben, sondern auch kirchliche Einrichtungen wie die Diakonie. Und dass viele von uns- anders als in vielen europäischen Ländern- Kirchensteuer zahlen.

die Landeskirche und das diakonische Werk haben zunächst einmal 40 Tausend Euro bereitgestellt als Soforthilfe, dann haben wir unseren Kinderhilfsfond…und wir fordern die Bevölkerung auf zu spenden, um dieses Geld dann sehr unbürokratisch und sehr schnell an die betroffenen Familien geben zu können.

Ich bin dankbar für dieses große Netz der Solidarität, das wir noch haben. Viele engagieren sich in diesen Tagen. Und sie tun es, weil sie spüren: das tut mir auch gut. Es hilft mir selber, mit dem Schrecken und der Ohnmacht in diesen Tagen klarzukommen. Das erlebt Albrecht Bähr auch immer wieder.

wenn ich mit Menschen spreche, auch Ehrenamtliche, die versuchen, jetzt sich zu engagieren. Wenn ich in ihre Augen schaue und merke, da ist etwas sehr Segensreiches, was ich wahrnehme und was weitergegeben wird.

Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt man. Ich glaube, es ist sogar mehr. Ich glaube, dass Gott uns nah ist, wenn wir unser Leid teilen. Deshalb bedenken wir in der kommenden Woche Jesu Leiden, deshalb feiern wir nächsten Sonntag seine Auferstehung.

mitleiden und mitverwandelt werden

Heute ist Palmsonntag. Der Sonntag, an dem Jesus umjubelt von den Leuten auf Palmzweigen in Jerusalem eingezogen ist. und der Anfang seines Leidenswegs. Als Landespfarrer für Diakonie hat Albrecht Bähr die im Blick, die unter Krankheit und materieller Not leiden. Jetzt sind es so viele. Und sie brauchen Geld. Aber auch noch mehr. Nämlich Trost. Keine Vertröstung.

Trost könnte sein, dass man ihnen das Gefühl gibt: wir haben euch im Blick. Wir blenden euer Schicksal nicht aus.

Wir haben euch im Blick. Nicht die ganze Welt, aber euch. Ich kann nicht alle im Blick haben. Aber vielleicht die Nachbarin, die nicht raus kann. Oder den Freund, der schon immer zur Traurigkeit geneigt hat. Ich muss sie nicht retten, aber im Blick haben. Ihr Leiden nicht kleinreden.

Das ist so etwas, was mich ….manchmal irritiert: die Menschen sind alle sehr optimistisch und bringen das auch sehr gut rüber, es tut auch manchmal gut, aber entscheidend ist, dass man mit den Menschen auch gemeinsam leiden kann,

einfach nur dasein, den anderen im Blick haben, auch wenn es sich nach wenig anfühlt, so ist es doch ganz viel.

wenn man weiß, es ist ein Mensch, der allein lebt und der eigentlich hilfsbedürftig ist, dass man sagt: lass uns einen Kontakt aufbauen, man kann sich auch am Fenster unterhalten. Oder ich steh am Garten und du stehst an deinem Fenster.

Vielleicht erleben derzeit viele so etwas Ähnliches wie Jesus. Sie müssen viel Schmerzliches ertragen und verstehen nicht, wozu. Ich glaube, dass sie wie Jesus dennoch von Gottes Nähe umfangen sind, auch wenn sie das nicht so recht spüren können. Albrecht Bähr geht es ähnlich.

ich hab manchmal auch traurige Gedanken und manchmal bin ich auch matt in dem Tagesablauf, den ich zu bewältigen habe. Aber meine Grundüberzeugung ist die, dass wenn wir Menschen das versuchen einzusetzen, was wir an Gaben haben, dass darauf Segen liegt.

Was ihr einem der Geringsten unter uns getan habt, das habt ihr mir getan. Hat Jesus gesagt. Darum bin ich überzeugt; es liegt ein Segen darauf, wenn wir einander beistehen. Da ist eine göttliche Kraft drin. Eine göttliche Kraft, die uns über uns selber hinauswachsen lässt. Vielleicht gehen wir eines Tages als Gesegnete aus dieser Krise hervor, Albrecht Bähr wünscht sich das jedenfalls.

wenn wir wirklich wollen, und auch was lernen wollen aus der Krise, dann ist es auch das, dass alle zur Gemeinschaft gehören, dass alle einen Anspruch auf die Fülle des Lebens haben und nicht die einen privilegiert durch diese Krise gehen und die anderen mit noch mehr Leid mit noch weniger Gesundheit mit noch mehr Entbehrung ihren Tagesablauf gestalten müssen. Ich bin sehr gespannt, was nach der Krise geschieht.

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