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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ein Brautpaar spricht mit mir wegen ihrer Trauung. Ich kenne die beiden schon länger und frage sie, was sie aneinander schätzen und lieben.
Sie schauen sich an und dann sagt Jasmin, die Braut: „Ich mag, wie unterschiedlich wir sind.“ Er lächelt und schaut kurz verschämt auf den Boden. „Ich liebe an Steffen, dass er ganz anders ist als ich. Ich bin oft zu rational und auch zu optimistisch. Er bringt mich zurück auf den Boden der Tatsachen. Das hilft mir sehr.“ Sie lächeln einander an. Steffen beginnt zögerlich. Ich merke ihm an: Er will die richtigen Worte finden. „Ich liebe sie, weil sie so optimistisch ist. Sie sieht immer das Gute. Ist so herzlich. Grade, wenn ich eher mal zweifle und skeptisch bin.“
Beide erzählen, wie ihnen ihre Unterschiedlichkeit gut tut. Wie sie sich ergänzen. Ich finde, die beiden sind wirklich total verschieden. Auch beruflich: Er arbeitet als Erzieher und sie macht den Doktor in Physik.
Ich dachte nach diesem Gespräch: Ich wünsche mir, dass wir uns eine Scheibe davon abscheiden. Wir als Gesellschaft.
Ich habe den Eindruck, dass die aktuelle politische und gesellschaftliche Atmosphäre eher die Angst vor Unterschiedlichkeit vergrößert. Zum Beispiel vor Menschen, die eine andere Sprache sprechen und aus einer anderen Kultur kommen. Sobald über das Verbrechen eines Asylsuchenden berichtet wird, steigt das Misstrauen gegenüber den Menschen, die aus Ihrer Heimat geflüchtet sind, um bei uns Schutz zu finden. Oder wenn ich lese, dass manche homosexuelle Paare vermeiden, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten, weil sie Angst vor Gewalt haben.
Mir ist schon bewusst. Das ist alles nicht dasselbe, wie die Unterschiedlichkeiten, von denen dieses Brautpaar gesprochen hat. Und trotzdem: Ich möchte von diesem Paar lernen. Für unsere Gesellschaft und auch für die Kirche, dass Unterschiedlichkeit mir keine Angst zu machen braucht. Ganz im Gegenteil. Dass ich dafür werbe, andere ermutige, es auch so zu sehen.
Auch wenn Unterschiedlichkeit ganz schön anstrengend und herausfordernd sein kann. Ich bin überzeugt: Wir brauchen einander. Nicht dabei, was jeder von uns alleine schon kann oder weiß. Sondern bei dem, was ich allein nicht kann und nicht sehe. Und da gibt‘s grade genug!
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Es ist Freitagabend und plötzlich heißt es: Bombenalarm.
Ich bin an dem Wochenende mit ein paar Freunden verabredet. Wir waren gemeinsam auf einer Fortbildung und treffen uns seitdem jedes Jahr. Diesmal sind wir in Nürnberg. Die Tage sind durchgeplant. Eigentlich wollten wir gerade beginnen uns zu erzählen, was seit letztem Jahr so los war und plötzlich piepen unsere Handys.
Es wurde eine Fliegerbombe gefunden. Alle im Umkreis von zwei Kilometern müssen die Häuser verlassen. Schnell ist klar: Wir gehören dazu. Und schnell ist auch eine Lösung gefunden: Wir können in ein Haus ein paar Kilometer außerhalb von Nürnberg. Es ist nervig, weil wir unser Wiedersehen anders geplant hatten, aber alles in allem ist es unkompliziert. Wir fangen an, das Notwendigste zusammenzupacken.
Eine syrische Familie ist auch noch mit uns im Gästehaus. Ein Ehepaar mit einer kleinen Tochter. Vielleicht 8 oder 9 Jahre alt. Sie machen sich auf den Weg in eine der Notunterkünfte. Die Kleine hat Angst und versteht die Welt nicht mehr. Sie sagt: „Bei uns zuhause mussten wir beim Bombenalarm in den Keller und jetzt sollen wir plötzlich das Haus verlassen?“ Mir wird schmerzhaft bewusst, was dieses Kind schon alles mitmachen musste und jetzt auch hier in Deutschland so eine Situation erlebt. Ich frage mich, wie die Kleine wohl weiter aufwachsen wird, wenn sie nirgends Sicherheit spürt.
Um vier Uhr morgens wird die Bombe entschärft. Uns geht es allen gut, aber wir sind völlig platt, weil wir so lange darauf gewartet hatten, wann wir wieder zurückkönnen. Wir fahren direkt zurück und versuchen noch eine Mütze Schlaf zu bekommen.
Am nächsten Morgen treffen wir im Gästehaus auch die syrische Familie wieder. Wir sind froh, dass alles gut gegangen ist. Sowohl die Entschärfung der Bombe als auch das mit den Notunterkünften. Doch eine Frage trübt unsere zurückgewonnene Leichtigkeit. Die Frau der syrischen Familie fragt: „Was wohl in unserem Heimatland in achtzig Jahren noch an Bomben und Minen im Boden gefunden wird?“.
Und da wird mir noch mehr bewusst: Krieg hat immer Leid und Tod zur Folge. Wenn ich unsere Nachrichten anschaue, sehe ich „nur“ das aktuelle Leid. Wenn ich auf die syrische Familie in dieser Nacht schaue, sehe ich was so ein Krieg innerlich und äußerlich anrichtet. Wie er auch in Zukunft das Leben von Menschen bestimmt. Und das tut weh!
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Heute darf ich Jakob taufen. Es ist ein traumhaft schöner Tag. Auch weil es heute nicht mehr selbstverständlich ist, dass Eltern ihr Kind taufen lassen. Wir sind um die dreißig Leute, die mitfeiern, und ich beginne den Gottesdienst draußen vor der Kirche. Ich begrüße alle, spreche das erste Gebet, um gleich unterbrochen zu werden.
Direkt vor mir stehen drei Mädchen. Die Schwester des Täuflings und ihre Freundinnen. Mit großen Augen schauen sie zu mir hoch und nur Zuhören ist scheinbar zu langweilig. Als ich im Gebet sage: „...öffne Jakob die Tür, durch die auch wir durch die Taufe eingetreten sind…“ Komme ich gar nicht weiter, weil die erste schon ganz laut fragt: „Welche Tür?“. Ich halte kurz inne. Zeige auf die Eingangstür der Kirche und sage: „Genau die Tür hier, durch die wir gleich reingehen.“ Alle schmunzeln. Als es am Ende des Gebets heißt: „…durch Christus, unseren Bruder und Herrn…“ fragt die Schwester des Täuflings ganz laut: „Wessen Bruder ist das?“. Die Mutter greift ein und sagt halblaut: „Das ist nächste Woche ne super Frage für Deine Relilehrerin.“
Ich sag es mal so: Es kam im Laufe der Taufe noch die eine oder andere Frage auf. Und ich hab mich an der ein oder anderen Stelle ertappt und ein wenig dumm gefühlt, weil ich die Fragen gar nicht so einfach beantworten konnte.
Und gleichzeitig habe ich etwas Schönes gelernt: Kinder stellen unerwartete, aber auch ganz wunderbare Fragen. Sie haben ein untrügliches Gespür für die Worthülsen, die ich als Pfarrer zu oft und zu selbstverständlich benutze.
In der Bibel wird erzählt, wie Jesus mit vielen Leuten unterwegs war. Einmal war ein Kind dabei und er hat gesagt: „Werdet, wie so ein Kind.“ Ich denke, er hat gemeint: Verlernt nicht Fragen zu stellen und hinterfragt auch das, was ihr so selbstverständlich sagt.
Ich habe gelernt: Bei einer Taufe muss nicht alles klar sein, alles klug erklärt werden, was Glaube bedeutet und was Kirche. Nein, die Taufe ist ein erster Schritt. Ich finde es richtig, wenn da Fragen gestellt werden. Auch, wenn ich dadurch ein bisschen herausgefordert werde. Glauben bedeutet nicht, alles zu wissen, sondern neugierig zu bleiben und Fragen zu stellen. Eben, wie ein Kind.
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Ein Fünfzehnjähriger ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ich war bei der Beerdigung, weil ich seine Eltern gut kenne. Es war schlimm. Die verzweifelten Eltern zu sehen. Die vielen jungen Leute. Aus dem Musikverein, in dem er gespielt hat, aus seiner Berufsschule, aus seinem Freundeskreis. Alle waren sprachlos, traurig und viele haben geweint. Ich auch.
Zwei Dinge sind mir dabei wieder neu aufgegangen:
Zum einen, wie wichtig Gemeinschaft ist. Gerade in einer solchen Situation, in der ich mich so hilflos fühle. Aber Gemeinschaft fällt nicht vom Himmel. Ich war selbst als Jugendlicher beim Jugendrotkreuz, habe in der Blaskapelle mitgespielt und war Ministrant in der Kirchengemeinde. Ich habe dort im Laufe der Zeit erfahren, dass es Menschen gibt, die mir wohlgesonnen sind, mit manchen bin ich bis heute befreundet. Sie stehen mir bei, wenn etwas Schlimmes passiert.
Und zweitens: An Gott zu glauben, kann hilfreich sein. Der Pfarrer hat am Beginn der Beerdigung gesagt, dass er nicht weiß, warum der junge Mann diesen Unfall hatte. Dass es darauf keine Antwort gibt, warum Gott solche Dinge zulässt. Aber dass gläubige Menschen glauben und hoffen, dass Gott das nicht egal ist. Dass er mitleidet, mitgeht und auch, dass wir uns eines Tages alle wiedersehen werden. Ich glaube das auch.
Mit dem Glauben verhält es sich genauso, wie mit der Gemeinschaft. Der fällt auch nicht vom Himmel. Ich muss ihn genauso erfahren und einüben. Indem ich jeden Abend vor dem zu Bett gehen bete oder sonntags im Gottesdienst bin. Gott ist nicht irgendwo weit weg. Manchmal glaube ich, dass ich ihn spüre. In einem Moment der inneren Ruhe, wenn ich bete. In einem Wort oder Lied, das mich im Gottesdienst berührt oder auch manchmal einfach nur im Rauschen der Blätter, wenn ich spazieren gehe. Ich kann es nur schwer beschreiben. Aber ich habe dann eine Ahnung, dass Gott da ist. Und diese Ahnung ist in den vergangenen Jahren stärker geworden. Es ist, wie mit einem guten Freund, mit dem ich Zeit verbringe. Man lernt sich besser kennen.
Bei dieser Beerdigung habe ich beides erlebt. Wie Gemeinschaft und Glaube helfen, die allgemeine Sprachlosigkeit auszuhalten. Und, wie gut es tut, wenn wir uns in schweren Zeiten nicht allein lassen.
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„Alle Menschen lieben Seifenblasen.“ Das hat neulich eine Studentin zu mir gesagt. Ich musste schmunzeln, weil ich gleich Seifenblasen vor meinem inneren Auge hatte. Sie hat mir dann erzählt, dass sie immer ein kleines Röhrchen Seifenblasen dabei hat. Wenn zum Beispiel bei einer Sitzung eine Diskussion schwierig ist, dann kommt es zum Einsatz. „Danach war es meistens besser.“, sagte sie. „Auch wenn die Situation vorhin vielleicht gerade blöd war, dann haben zumindest einige kurz gelächelt.“.
Was für eine tolle Idee. Und ich kann mir gut vorstellen, dass das wirklich funktioniert. Wenn Seifenblasen so leicht und bunt durch die Luft schweben. Die Situation ist bestimmt nachher noch dieselbe. Die Menschen auch. Aber im besten Fall hat sich die Atmosphäre ein wenig geändert.
Stellen Sie sich mal vor: Sie stehen am Bahngleis. Es kommt eine Durchsage, dass Ihr Zug 20 Minuten verspätet ist. Sie stehen dort, stöhnen vielleicht, motzen, zücken Ihr Handy. Und dann sehen Sie plötzlich, wie eine Wolke Seifenblasen an Ihnen vorbeizieht. Müssen Sie da nicht automatisch hinschauen, schmunzeln und schauen, wo die herkommen. Natürlich kommt der Zug deswegen nicht früher. Aber durch das Genervtsein auf die Bahn auch nicht.
Ich glaube, wir brauchen mehr Seifenblasen in unserem Leben. Mehr Momente, die uns den Ärger, der manchmal in uns hochkommt, vergessen lassen. Etwas, wie Seifenblasen lässt mich kurz in die Luft und in die Weite schauen, staunen und lächeln. Die bunten schwebenden Kugeln sind geradezu ein Gegenmodell zur kahlen Härte eines Bahnhofs.
Als Theologe würde ich sagen: Seifenblasen sind so, wie ein bisschen Frohbotschaft für zwischendurch. Ok, es ist gewagt meinen Glauben mit Seifenblasen zu vergleichen. Ich hoffe, er platzt nicht so leicht. Trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit. Wie Jesus mit Menschen umgangen ist, was er von Gott erzählt hat, dass er gestorben und auferstanden ist. Diese große Geschichte… lässt mich auch immer wieder staunen, in die Weite schauen und manchmal auch lächeln. Gerade wenn etwas schwierig ist. Wenn ich wahnsinnig gestresst bin oder einen Streit hatte und mich über jemanden geärgert habe. Da habe ich durch biblische „Geschichten“ und meinen Glauben immer wieder Seifenblasenmomente erlebt. Danach war nicht alles gut. Aber für einen Moment besser und mein Herz weiter.
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Ich feiere jeden Sonntagabend in Tübingen Gottesdienst mit den Studierenden. Eine sehr bunt gemischte Gemeinde kommt da zusammen. Natürlich Studenten, auch internationale. Aber auch ältere Menschen aus der Kirchengemeinde und noch andere. Für manche ist diese Vielfalt allerdings herausfordernd.
Ein Student, eher dem links-grünen Milieu zuzuordnen, hat einmal zu mir gesagt. Er findet es irritierend, dass Menschen aus Studentenverbindungen mit ihrer Farbe, also mit dem Band quer über der Brust, in die Kirche kommen. „Können wir das bitte verbieten, dass die so in unseren Gottesdienst kommen? Die bilden eine eigene Gemeinschaft im Gottesdienst. Das stört mich.“ Ich habe ihm darauf geantwortet: „Ich verstehe Dich. Aber das können wir nicht so einfach verbieten, denn wir haben auch andere, die als Gruppen erkenntlich da sind. Soll ich nun den Klosterschwestern verbieten, dass sie in Ihrer Klostertracht in den Gottesdienst kommen?“
Ich habe verstanden, dass es dem Studenten nicht nur um dieses Band auf der Brust ging, sondern auch und vor allem um eine generelle Antipathie. Deswegen habe ich ihm auch noch gesagt: „Du weißt: So, wie Du mit deinem bunten, flatternden Hemd und deinen Birkenstocks aussiehst, ärgerst Du die von der Verbindung genauso.“
Wir haben dann noch ein ganz Weile darüber gesprochen. Dass wir eben mit allen Menschen Gottesdienst feiern, die da sonntags zu uns kommen. Nicht nur mit denen, die uns passen oder die wir uns raussuchen. Wie wichtig es ist, dass ein Gottesdienst eine öffentliche Feier ist und jeder einfach kommen kann.
Ja, das führt dazu, dass da ein sehr unterschiedlicher Haufen von Menschen sonntags zusammenkommt. Aber auch dazu, dass es diese unterschiedlichen Menschen, zumindest für diese Stunde, zusammen in einem Raum aushalten müssen. Gemeinsam beten, singen, zuhören. Jetzt keine politische Diskussion führen, sondern den christlichen Glauben als gemeinsame Basis wahrnehmen. Und ich glaube, genau das ist eben auch ein unverzichtbarer Schritt in Richtung Demokratie. Den anderen anders sein zu lassen. Wer es eine Stunde in der Woche miteinander aushält, gewöhnt sich hoffentlich auch aneinander. Entwickelt ein Wir-Gefühl. Nickt sich vielleicht nächstes Mal auf der Straße zu oder spricht sogar miteinander. Die Gemeinschaft im Gottesdienst kann ein erster Schritt und genau deshalb demokratiefördernd sein.
Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ich bin zuhause bei meinen Eltern im Allgäu und unterwegs zu einem Paar, deren Sohn sich das Leben genommen hat. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was ich dort sagen soll. Wie ich das Gespräch beginnen soll. In einer Situation, in der jedes Wort zu viel ist und keines so wirklich passt. „Wie geht’s Euch?“ wäre hier eindeutig kein guter Gesprächseinstieg. Als ich vor der Tür stehe und die Klingel drücke, bin ich immer noch unsicher. Ein paar Minuten später sitze ich im Wohnzimmer mit einer Tasse Kaffee und wir reden einfach, wie von allein. Über ihren Sohn, wie die letzten Monaten und Jahre waren. Wir reden über die anstehende Beerdigung, aber auch über unser Dorf, meine Arbeit beim Radio und meine Eltern. Manchmal schweigen wir kurz. Lachen auch das eine oder andere Mal und weinen. Es tut gut zu hören, dass auch schon andere aus unserem Dorf da waren. Dass die beiden nicht alleine sind. Und reden können. Auch, wenn das nichts daran ändert, dass ihnen ihr Sohn fehlt.
Und dann kommt die Frage: „Sag mal, wie ist das eigentlich? Wie geht die Kirche mit Suizid um?“ Ich denke mir: „Mein Gott, dass das immer noch rumgeistert…“. Ich sage: „Ja, früher war das ziemlich krass, wie die Kirche das sah. Menschen, die sich das Leben genommen hatten, wurden nicht mal auf dem Friedhof beerdigt. Aber das ist schon lange nicht mehr so.“ Ich erzähle ihnen dann von einer Theologin, die immer wieder mit dem Thema „Suizid“ zu tun hatte. Die hat mal zu mir gesagt: „Eines ist für mich völlig klar: Wenn es Menschen so schlecht im Leben geht, dass sie es hier einfach nicht mehr aushalten und ertragen können, dann bekommen die im Himmel eine extra Wolke.“
Und „extra“ heißt für sie nicht separiert, sondern „extra“ heißt einen richtig tollen Platz. So, wie jemand bei einem richtig guten Essen noch eine extra Portion bekommt. Und im Himmel dann dementsprechend einfach eine extra Portion Liebe, eine extra Wolke und hoffentlich auch eine extra Umarmung.
Wir sitzen alle einen Moment still da und lächeln. Ich glaube, wir drei stellen uns vor, wie jetzt ihr Sohn da oben ist, auf seiner extra Wolke. Und das ist er. Davon bin ich überzeugt.
Sollten Sie selbst Hilfe benötigen, dann finden Sie diese u.a. bei der Telefonseelsorge: https://www.telefonseelsorge.de/sorgen-themen/suizidpraevention/
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44371SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Wir sitzen im Kollegenkreis zusammen und reden über diesen Sonntag heute, über den Muttertag. Es ist echt interessant, was ein Thema auf einen Schlag für Reaktionen auslösen kann. Eine Kollegin verdreht gleich die Augen. Eine sagt: „Ach, da kann man doch etwas echt Nettes im Radio erzählen.“ Eine andere meint: „Den Tag haben doch die Nazis eingeführt.“ Ganz nebenbei: Haben sie nicht. Der Verband der Blumenbinder hat ihn in den 1920ern eingeführt. Aber die Nazis haben den Tag benutzt, um ihr Bild von der „Deutschen Mutter“ zu propagieren.
Zurück zu unserem Dienstgespräch. Die augenrollende Kollegin sagt schlussendlich: „Mir brauchen meine Kinder am Muttertag nichts schenken. Wenn sie mir sonst das ganze Jahr auch keine Blumen schenken.“ Letzteres verstehe total. Also entweder soll jemand das ganze Jahr über aufmerksam sein oder gar nicht. Aber eben nicht nur an einem Tag.
Trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob diese Begründung so schlüssig ist. Weil mit diesem Argument könnten wir doch alle Gedenktage abschaffen, oder? Warum gibt es zum Beispiel den Volkstrauertag? Weil wir uns immer neu daran erinnern sollen, wie viele Menschen in den letzten Kriegen gestorben sind. Und bei den christlichen Gedenktagen ist das genauso. Warum feiern wir einmal im Jahr Weihnachten und einmal im Jahr Ostern? Eben, dass wir uns daran erinnern, dass Gott Menschen geworden und Jesus auferstanden ist. Dass Gott uns begleitet. Im Leben und auch im Tod. Aber ist uns das immer bewusst? Jeden Tag? Mir zumindest nicht. Deshalb ist es wichtig, dass immer wieder zu hören und zu feiern. Zumindest an einem Tag im Jahr. Als Menschen brauchen wir solche Tage als Erinnerungshilfen.
Und so verstehe ich auch den Muttertag. Ich hab leider nicht immer parat, wie dankbar ich meiner Mama dafür bin, dass sie mich auf die Welt gebracht hat und jahrelang unglaublich viel Zeit in Windelwechseln, Kochen, Waschen und tausend andere Dinge investiert hat. Das habe ich eben nicht immer vor Augen.
Ok, nur Blumen zu schenken, ist wahrscheinlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber vielleicht ist der Muttertag eine gute Erinnerung meiner Mama zu sagen, wofür ich ihr dankbar bin. Das kann man auch das ganze Jahr über, richtig. Trotzdem ist heute dafür eine gute Gelegenheit. Und ich will sie nutzen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44370SWR4 Sonntagsgedanken
Gut ein Jahr ist das Konklave jetzt her. Dieses alte Ritual, bei dem so viele Kardinäle für eine Zeit lang in die Sixtinische Kapelle im Vatikan eingeschlossen werden, um einen neuen Papst zu wählen. Es heißt zwar Papst“wahl“, aber ich bin mir gar nicht sicher, ob „Wahl“ das richtige Wort ist. Zumindest nicht in unserem heutigen demokratischen Sinn. Denn die katholische Kirche versteht diese „Wahl“ ja als Wirken des Heiligen Geistes. Egal, wie man es nennt oder sieht: Vergangenes Jahr wurde dabei Papst Leo gewählt. Irgendwie ist es ein bisschen verrückt, wenn ich mich zurückerinnere, wie die Medien von dieser Wahl berichtet haben. Wie Menschen Stunden und Tage lang auf einen kleinen Schornstein starren. In der Hoffnung, dass weißer Rauch aufsteigt. Verbunden mit all der Neugierde, wer da wohl auf den Balkon tritt und dem Reiz, in diesen Moment dabei zu sein.
Ich war selbst einmal während einer Papstwahl in Rom. Das ist schon zwanzig Jahre her. Ich habe damals in Rom studiert, als Johannes Paul II. gestorben ist und der ganze Trubel losging: Die Menschenmassen, die den aufgebahrten Papst noch einmal sehen wollten. Die Beerdigung auf dem Petersplatz, die auf alle großen Plätze in Rom übertragen wurde und dann die vielen Stunden, die auch ich auf dem Petersplatz verbracht habe. Um ja nicht zu verpassen, wenn weißer Rauch aufsteigt und verkündet wird „Habemus Papam“, „Wir haben einen neuen Papst“.
An eine Szene aus diesen Tagen erinnere ich mich noch sehr genau: Es war kurz bevor die Kardinäle in die Sixtina gingen. Ich war mit einem Freund beim letzten Gottesdienst im Petersdom vor dem Konklave. Wir saßen ganz vorne im Chorraum. Joseph Ratzinger feierte den Gottesdienst. Und vier oder fünf Mal wurde er während seiner Predigt vom Zuspruch und Klatschen der Tausenden Menschen im Petersdom unterbrochen. Am Ende des Gottesdienstes ging er vom Altar die steilen Stufen hinunter. Mein Freund neben mir beugt sich in diesem Moment zu mir rüber und sagt: „Sie ihn dir an. Der wird unser neuer Papst.“ Das hört eine deutsche Ordensfrau vor uns, dreht sich erschrocken um und sagt: „Ich hoffe, der Heilige Geist hat da auch noch ein Wörtchen mitzureden.“
Tja, Joseph Ratzinger wurde dann gewählt und gab sich den Namen Benedikt XVI.. Die Sache mit dem Heiligen Geist scheint also nicht so einfach zu sein.
Ich spreche heute in den SWR4-Sonntagsgedanken über das Konklave und den Heiligen Geist und wie unberechenbar der ist.
In zwei Wochen ist Pfingsten. Das Fest des Heiligen Geistes. Da wird erzählt, wie die Jünger 50 Tage nach der Auferstehung Jesu zusammensitzen und vom Heiligen Geist erfüllt werden. Viele Menschen beten deshalb vor Pfingsten um ihn. Und auch die biblischen Texte in diesen Tagen und Wochen erzählen immer wieder von diesem Geist. Mal, wenn es um die Beauftragung der Jünger Jesu geht oder, wenn er sagt, dass er eines Tages nicht mehr da sein wird und dann diesen Geist schicken wird. Als Beistand. Also quasi als Helfer. Aber das alles bleibt doch immer sehr vage und unkonkret.
Wenn ich den Heiligen Geist beschreiben sollte, dann denke ich an die Begegnung mit einem Mönch. Ich war für ein paar Tage in einem Kloster. Um abzuschalten, ein wenig Ruhe zu haben und zu beten. Jeden Tag hatte ich ein Gespräch mit diesem Mönch. Und bei unserem ersten Gespräch hat er mich zu Beginn gefragt: „Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir zuerst um den Heiligen Geist beten?“. Natürlich nicht, hab ich gesagt und dann hat er ein kleines Blatt zur Hand genommen, auf dem ein sehr alter Heilig Geist Hymnus zu lesen war. Das Blatt lag von da an jeden Tag auf dem kleinen Beistelltisch zwischen uns und wir haben jedes Mal mit diesem Gebet begonnen. Einmal hat er es vorgebetet und einmal ich. Immer abwechselnd. Manchmal schmunzelte er mich schon an und fragte: „Wer ist heute dran?“
Ich mochte das sehr. Bevor wir zu reden begonnen haben, haben wir um ein gutes Gespräch gebetet, dass wir respektvoll miteinander umgehen und die richtigen Worte finden. Wir haben um ein „geistvolles“ Gespräch gebetet, dass Gott uns durch seinen Heiligen Geist darin begleite.
Und in diesem Sinne verstehe ich den Heiligen Geist. Als Beistand und Helfer. Und genauso, wie wir zu zweit um ihn gebetet haben, verstehe ich es auch bei den Kardinälen im Konklave. Der Heilige Geist wählt ja nicht in dem Sinne, dass er einen eigenen Stimmzettel abgibt. Aber vielleicht schenkt er manchmal ein wenig Ruhe und Besonnenheit. Und das ist, wenn man sich entscheiden muss, ja nie ein Fehler.
Vielleicht mögen sie das auch mal selbst ausprobieren. Wenn sie ein schwieriges Gespräch mit jemandem vor sich haben oder eine Entscheidung treffen müssen. Denn ich denke nicht, dass der Heilige Geist auf Kardinäle und Klöster festgelegt ist.
In diesem Sinne: Einen gesegneten Sonntag mit viel Heiligem Geist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44369SWR4 Abendgedanken
Es gibt Tage, da vergleiche ich mich ständig. Wenn morgens ein Jogger an mir vorbeispurtet, denke ich: „Mein Gott, der Typ ist viel sportlicher als ich.“ Und nicht selten begegnet mir auf meinem weiteren Weg irgendjemand von dem ich denke: „Hey, der hat echt ne coole Jacke. So eine hätte ich auch gerne“ Und im Internet sehe ich dann Menschen, die durch die angesagten Straßen New Yorks schlendern oder an traumhaften Stränden auf Bali einen Cocktail schlürfen und ich denke: „So würde ich auch gerne mal Urlaub machen“.
Manchmal hat der Tag hat noch nicht mal richtig begonnen und ich fühle mich schon schlecht, weil ich mich ständig vergleiche. Ich kann das nur schwer abstellen, obwohl ich genau weiß: Das bringt nichts. Vergleichen macht nur unglücklich.
Und dabei weiß ich natürlich nicht, wie es diesen anderen Menschen wirklich geht, welche Probleme sie vielleicht haben. Zumal ich in die Leute, nicht reinschauen kann. Ich habe keine Ahnung, ob die wirklich glücklicher sind als ich. Vergleichen ist ja nichts grundsätzlich Schlechtes, aber es kann mir halt auch schaden, wenn ich immer nur auf die anderen schaue. Dadurch bekomme ich das Gefühl, dass mir etwas fehlt.
Wie gesagt: Ich kann es nicht abstellen und gerade deswegen versuche ich bei meinem täglichen Abendgebet mich auf das, was ich habe, zu fokussieren. Nicht auf das, was ich nicht habe. Ich schließe dabei die Augen und lasse den Tag nochmals vor meinem inneren Auge ablaufen. Überlege, wo ich überall war, wen ich getroffen habe, was ich getan habe. Und versuche nicht zu vergleichen, sondern bei mir zu bleiben und mich darauf zu konzentrieren, was heute gut war. Ich erinnere mich dann zum Beispiel daran, dass jemand zu einem Gespräch bei mir war und dass das toll war. Für uns beide. Oder auch, dass ich mir auf dem Heimweg ein Eis gegönnt hab und das superlecker war.
Und dann spüre ich nicht mehr die Unzufriedenheit des Vergleichens, sondern bin dankbar, wie schön dieser Tag war. Auch ohne neue Jacke und Sandstrand. Natürlich ist das nicht immer so. Aber wirklich oft. Wirklich oft sitze ich dann da und denke: Danke, Gott. Danke für diesen schönen Tag.
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