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SWR4 Abendgedanken

11FEB2026
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Die Närrischen Tage stehen an.

Sie sind ja zum einen dafür da, um vor der Fastenzeit nochmal ausgelassen zu feiern. Und zum anderen, um die herrschenden Verhältnisse für wenige Tage umzukehren. Rathäuser werden gestürmt. Nicht mehr der Bürgermeister regiert, sondern die Narren. Es ist eine Revolution. 

Morgen zum Beispiel haben es Krawattenträger besonders schwer.

An Weiberfasching oder, wie man bei mir daheim sagt, Weiberfasnet, da führen die Frauen das Regiment und dürfen den Männern die Krawatten abschneiden. Eigentlich traurig, dass es so einen Tag immer noch gibt. Nicht wegen den Krawatten, aber wegen der mangelnden Gleichberechtigung.

Für mich hat Weiberfasnet nämlich auch damit zu tun.

Es gab schon im Mittelalter während Karneval und Fasching einen Tag an dem die Frauen das taten, was sie sonst nicht durften. Dabei ging es um Dinge, wie zum Beispiel Kartenspielen. Auf die Spitze haben es im Jahr 1824 die Wäscherinnen im Bonner Stadtteil Beuel getrieben. Sie haben dort kurzerhand einen Verein gegründet und am Donnerstag vor Karneval die Arbeit niedergelegt. Um sich eine Teilnahme am Karneval zu erstreiten, denn der war bis dahin den Männern vorbehalten. Die abgeschnittenen Krawatten sind, über hundert Jahre später, ein schwaches Relikt dieser damaligen Revolution.

Deshalb ist es traurig, dass es diesen Tag immer noch gibt. Denn, wenn diese närrischen Tage nicht nur dafür da sind, um zu feiern, sondern immer noch, um gesellschaftliche Hierarchien zu kritisieren und auf den Kopf zu stellen, dann braucht es die Weiberfasnet weiterhin. Denn: in so vielen Berufen verdienen Frauen bis heute für die gleiche Arbeit weniger? Und wie viel Arbeit in Krankenhäuser, Kindergärten und Pflegeeinrichtungen wird hauptsächlich von Frauen geleistet?

Von meiner eigenen Kirche gar nicht zu sprechen ...

Ich hätte da mal einen Vorschlag: Wie wäre es, wenn morgen, nur für einen Tag, Frauen all das in der katholischen Kirche täten, was sonst Männern vorbehalten ist? Etwa, dass sie Messe feiern und Beichte hören. Weil, es doch Fasnet ist. Die Umkehrung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Wahrscheinlich würde das nicht alles auf einmal ändern, aber vielleicht würde es helfen, dass Frauen in der katholischen Kirche irgendwann auch da vorne am Altar stehen. Und zwar nicht nur für einen Tag. Sondern dass es so normal ist, wie Kartenspielen.

In diesem Sinne ihnen allen eine glückselige Weiberfasnet.

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SWR4 Abendgedanken

10FEB2026
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Ich stehe an der Kasse eines Museums. Vor mir liegen knallpinke Postkarten

mit einem goldenen Bilderahmen. Über dem Bilderrahmen steht in giftgrüner Schrift: „Wo siehst Du Gemeinschaft?“ und dort, wo in dem Bilderrahmen eigentlich ein Bild sein sollte, ist ein Loch ausgestanzt. Man kann durschauen. Ich stehe ein wenig ratlos vor den Karten.

 „Die dürfen sie gerne mitnehmen“, sagt die Dame hinter der Kasse. Ich bin mir nicht sicher, was ich damit soll, aber ich lächle, bedanke mich und nehme eine Karte. Erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass da noch mehr Karten derselben Art liegen, nur mit anderen Fragen: Auf einer steht: „Wo siehst Du Schönheit?“ und auf einer dritten: „Wo siehst Du Hoffnung?“

Die Dame lächelt mich noch einmal an: „Nehmen sie von jeder eine mit. Dürfen sie behalten.“ Gesagt getan.

Ich betrete das Museum[1] und vor mir steht auf einem Sockel eine hölzerne Skulptur mit drei Personen. Und plötzlich kapiere ich, wofür die Karten gut sind. Sie sind zum Durchschauen. So, wie man früher durch den Sucher beim Fotoapparat durchgeschaut hat. Ich halte die Karte hoch und sehe eingerahmt nur noch die drei Gesichter der Skulptur. Im Hinterkopf die Frage der ersten Karte: „Wo siehst Du Gemeinschaft?“ Und dann denke ich: „Was für eine schöne Idee.“ Die Karten sollen mir helfen, mich im Museum zu fokussieren. Um mich bei jedem Bild und jeder Figur zu fragen: Wo sehe ich Gemeinschaft oder Schönheit oder Hoffnung? Auf meinem Weg durchs Museum nehme ich sie immer wieder zur Hand, schaue durch und denke über die Fragen nach.

Die Karten kommen erst einmal nur wie eine nette Spielerei daher. Ich finde aber, es ist mehr. Sie helfen mir, meinen Blick zu schärfen und mich darauf zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist.

Ich habe die Karten mit nachhause genommen. Und ab und zu kommen sie nun zum Einsatz, wenn ich abends bete. Wenn wieder sehr viel los war am Tag, ich gefühlt mit tausend Leuten gesprochen habe und mir der Kopf schwirrt. Dann schließe ich vor dem Zubettgehen die Augen und schaue mit den Fragen auf den Postkarten auf meinen Tag. Wo habe ich heute Gemeinschaft erlebt? Was hat mir Hoffnung gegeben? Und was war einfach nur schön? Ich gebe zu, es ist nicht immer einfach. Aber ich finde immer etwas, um anschließend „Danke“ zu sagen.

 

[1] Das neu gestaltete Diözesanmuseum in Rottenburg am Neckar: https://dioezesanmuseum-rottenburg.de/

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SWR4 Abendgedanken

09FEB2026
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Ohne Musik könnte ich nicht leben. Sie begleitet mich schon mein Leben lang.

Meine Nachbarin hat früher immer lachend erzählt, dass sie gewusst hat, wann bei mir die Schule aus war. Weil ich dann auf dem Fahrrad laut singend das Dorf hinunter gefahren bin.

Später habe ich im Kirchenchor gesungen und dann auch einige Zeit in einer Rockband. Gemeinsam Musik zu machen ist etwas so Wunderbares. Wer in einem Chor singt oder in einer Musikapelle spielt, weiß wovon ich rede.

Auch einen Gottesdienst kann ich mir ohne Musik kaum vorstellen. Weihnachten, ohne das gemeinsame „Oh, du fröhliche“. Was für eine traurige Veranstaltung wäre das denn bitte?

Musik kann Menschen verbinden. Nicht nur gemeinsam singen, auch zusammen Musikhören. So wie hier im Radio. Und, nicht zu vergessen, Musik hat eine sehr heilsame Seite.

In der Bibel wird erzählt, dass König Saul schwermütig war und David dann für ihn auf der Harfe gespielt hat. Und, dass es ihm dann besser ging!

Das erlebe ich auch. Wie Musik meine Stimmung verändert. Mich irgendwie tiefer und anders berührt als das Worte alleine könnten.

Genau das beobachte ich grad auch bei meinem Vater. Er hat sein Leben lang in einer Musikkapelle gespielt und auch immer gerne Blasmusik gehört.

Jetzt ist er Mitte achtzig und dement. Wenn er mit mir vor dem Fernseher sitzt, weiß ich nicht immer, was er davon noch mitbekommt. Aber wenn dort dann Blasmusik läuft, verändert er sich. Ich merke sofort, wie er aufmerksam wird, sein Knie mitwippt und auch seine Finger bewegen sich schnell. Als wolle er mitspielen. Er ist für einen Moment hellwach und fängt an zu strahlen.

Ich glaube, Musik hilft uns im Augenblick zu sein. Für einen Moment nicht der Vergangenheit nachzuhängen oder mit Sorge auf die Zukunft zu schauen, sondern einfach zuzuhören. Genau jetzt. Vielleicht liegt das daran, dass die Musik selbst so flüchtig ist. Sie nur von Note zu Note existiert.

Während ich so rede, merke ich, dass ich in den letzten Monaten eindeutig zu wenig Musik gemacht habe. Das muss ich ändern. Gleich nachher rufe ich einen Freund an, ob wir uns endlich mal wieder zum Musikmachen treffen. Einfach so, weil es so wunderbar und heilsam ist.

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SWR4 Abendgedanken

21NOV2025
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Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag. Der November ist der Monat, an dem viele Menschen an ihre Toten denken. Viele besuchen auch die Gräber der Verstorbenen. Sie denken dabei an das, was sie mit diesen Menschen verbunden hat und vielleicht bis heute verbindet. Einerseits für manche schmerzhaft, weil sie an einem Grab so unmittelbar erinnert werden, dass dieser Menschen ihnen fehlt. Andererseits auch schön. Ich weiß aus meiner Familie, wie so ein Totengedenken die noch Lebenden an einem Grab zusammenbringt. Wie ein Grab ein Ort des Verlustes sein kann, aber auch der Begegnung. Wenn es denn ein Grab gibt.

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Beerdigung als Gemeindepfarrer. Vor mir saß eine Familie, die unglaublich traurig war, dass Ihr Vater und Opa verstorben war. Aber neben der Trauer und dem Tod gab es etwas, mit dem die Familie gar nicht zurechtkam. Der Verstorbene hatte verfügt, anonym bestattet zu werden, das heißt es würde kein Grab geben. Keinen Namen, der auf einem Grabstein steht. Sie würden nicht mal wissen, wo genau die Urne ihres Vaters bzw. Opas beerdigt worden ist. Das war für sie unvorstellbar.

Ich konnte mir schon vorstellen, weshalb der Verstorbene sich so entschieden hatte. Vielleicht wollte er nicht, dass es ein Grab gibt, das gepflegt werden muss. Vielleicht wollte er auch nicht, dass Menschen zu seinem Grab kommen und die Trauer dadurch immer wieder neu hochkommt. Das kann ich alles verstehen. Trotzdem saß da vor mir eine Familie, für die es undenkbar war, nach der Trauerfeier keinen Ort zu haben, wo sie hingehen können. Ich tue mir auch schwer mit anonymen Gräbern, weil mir persönlich Orte und Namen helfen, mich an konkrete Menschen zu erinnern.

Wir haben lange darüber geredet und schließlich eine Lösung gefunden, die dem Wunsch des Verstorbenen respektiert und trotzdem dem Anliegen der Familie gerecht wird. Auf dem dortigen Friedhof gibt es nämlich Bäume, an denen Urnen bestattet werden können. Ohne Namen. Wir haben mit der Friedhofs-Verwaltung geklärt, dass die Urne nach der Trauerfeier an einem solchen Baum bestattet wird. Noch in Anwesenheit der Familie. So wurde allen genüge getan. Es war ein anonymes Grab, wie es der Verstorbene wollte und trotzdem wussten die Kinder und Enkel, wo es war. Sie hatten einen Ort, den sie auch in Zukunft besuchen konnten. Vielleicht haben sie es auch in diesen Tagen getan.

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SWR4 Abendgedanken

20NOV2025
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Wie lieb ist der liebe Gott wirklich?

Ich leite mit einer Kollegin einen Kurs.

Bei einem Impuls spreche ich an einer Stelle vom „lieben Gott“. Meine Kollegin sagt danach zu mir: „Das würde ich nicht so sagen.“ Ich bin ein bisschen irritiert. „Warum nicht?“ Sie sagt, „dass ist zu nett. Das klingt, als würde man Gott nicht ganz ernst nehmen.“

Spannend. Darüber hab ich mir nie Gedanken gemacht. Für mich ist diese Formulierung völlig normal. Vielleicht, weil ich früher einen Pfarrer hatte, der das auch ganz oft so gesagt hat. Oder weil es dieses Lied gibt, das ich sehr mag, wo es heißt: „Wer nur den lieben Gott lässt walten.“ Trotzdem hat meine Kollegin natürlich Recht. Es klingt ein wenig niedlich und harmlos. Wie lieb ist der liebe Gott wirklich?

Ich kann leicht so über ihn sprechen. Ich bin gesund, habe Arbeit und ein Zuhause. Aber wie hört das jemand, bei dem es ganz anders ist. Für manche muss das mit dem lieben Gott nicht nur harmlos, sondern gar zynisch klingen. Zum Beispiel für einen, der schwer krank oder einsam ist. Ich kenne Menschen, die mir wehmütig erzählt haben, dass sie einsam sind. Ältere fragen mich dann manchmal, ob Gott sie vielleicht vergessen hat. Wenn ich so etwas höre, bleibt mir zuerst kurz die Luft weg, denn ich glaube nicht, dass Gott will, dass irgendjemand einsam ist.

Und obwohl ich keine Antwort habe, heißt das nicht, dass ich hilflos bin. Wenn Menschen sich von Gott verlassen fühlen, fühlen sie sich oft generell einsam, und dagegen kann man ganz konkret etwas tun. Nämlich sie anrufen, besuchen oder mit anderen Menschen zusammenbringen.

Ich find es immer wieder beeindruckend, in wie vielen Kirchengemeinden es Besuchsdienste gibt, Krankenkommunionen, Spielenachmittage und Treffen für ältere Menschen. Gerade, weil ich glaube, dass Gott nicht will, dass wir einsam sind, müssen Kirchengemeinden Orte gegen die Vereinsamung sein.

Orte, wo sich Menschen begegnen können, einander besuchen, zugewandt sind und ein wenig flapsig gesagt „lieb“ zueinander sind. Kirchengemeinden sind dazu da, dass Menschen erleben und spüren können, wie Gott ist. In dem, wie die Menschen dort miteinander umgehen.

Und in diesem Sinne, glaube ich, dass Gott auch lieb ist.

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SWR4 Abendgedanken

19NOV2025
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Ich möchte mal nach Oslo reisen. Ich war da noch nie.

Nicht nur, weil Norwegen an sich wunderschön und auch das Lebensgefühl der Menschen dort sehr entspannt und angenehm sein soll.

Nein, ich würde so gerne die große Osloer Deichman Bibliothek sehen. Sie ist eine der ältesten und die größte Bibliothek Norwegens und hat vor wenigen Jahren ein neues Hauptgebäude bekommen. Schon die Architektur fasziniert mich. Sie sieht aus, als hätte man ein paar riesige Kartons aufeinandergestapelt und die ganz oben einfach schräg darauf liegengelassen. Es ist wunderschön, wie sich in ihrer gläsernen Fassade der blaue Himmel spiegelt.

Aber vor allem interessiert mich das Innere.

Dort gibt es wesentlich mehr als nur Bücher. Die Besucher können am Computer spielen oder in einem Minikino Filme schauen. Es gibt ein Tonstudio, Nähmaschinen, ein Café, 3D-Drucker und verschiedene Werkzeuge, mit denen man dort arbeiten kann. Es geht in dieser Bibliothek eben nicht darum, nur Bücher auszuleihen. Dort sollen sich viele Menschen mit verschiedenen Interessen begegnen können. Es soll das große Wohnzimmer Oslos sein, wo man einfach gerne hingeht und sich aufhält.

Ich finde die Idee großartig. Für allem das Bild mit dem Wohnzimmer gefällt mir sehr. Wie eine große Wohngemeinschaft. Mit einem Raum, wo sich alle treffen kommen. In meinem Leben kenne ich keinen solchen Raum. Ich gehe gerne in die Stadtbibliothek in Tübingen, aber dort treffe ich vor allem Menschen, die gerne lesen und Bücher ausleihen wollen. Und ich gehe gerne ins Kino, aber dort treffe ich nur Menschen, die auch gerne Fantasy- und Science-Fiction-Filme mögen. In Läden, wo es Nähmaschinen gibt, trifft man mich nie an. Ich kenne gar keine Menschen, die passioniert nähen. Und von 3D-Druckern, Tonstudios und den aktuellen Computerspielen, habe ich auch wenig bis keine Ahnung. Aber ich hätte große Lust gezeigt zu bekommen, was so ein 3D-Drucker alles kann. Und ich fände es super, Leute kennenzulernen, die mich in puncto Computerspiele auf den neuesten Stand bringen.

Aber wo sind diese Räume, wo unterschiedliche Menschen mit ihren Hobbies, Lebensgeschichten und Ansichten zusammenkommen und sich begegnen können?

Wie gesagt: Ich möchte deswegen gerne mal nach Oslo und mir diese Bibliothek dort anschauen. Aber noch lieber wäre es mir natürlich, so etwas gäbe es vor meiner Haustüre.

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SWR4 Abendgedanken

18NOV2025
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„Wie betet man eigentlich richtig?“ , hat mich ein junger Mann gefragt. Mich irritiert die Frage ein wenig. Was meint er mit „richtig“? Ich verstehe schon, woher sie kommt. Der junge Mann will einfach alles richtig machen. Aber kann man auch falsch beten? Das wäre ja die Konsequenz. Wenn es ein richtig gibt, dann gibt es auch ein falsch. Und passiert etwas, wenn man falsch betet? Diese Einteilung stört mich, weil ich glaube, dass Beten ganz unterschiedlich sein kann, dass es ganz unterschiedliche Formen gibt, mit Gott zu reden.

Ich stelle mir das vor, wie ich mich mit Freunden treffe und mit ihnen rede. Das ist ja auch ganz unterschiedlich. Mit dem einen telefoniere ich ab und zu. Die andere wohnt in derselben Stadt, deshalb treffen wir uns lieber ausgiebig auf einen Kaffee. Und dann gibt es noch den Kumpel, mit dem ich kurze Nachrichten auf WhatsApp schreibe, und mich trotzdem nicht weniger mit ihm verbunden weiß. Bei Kommunikation in Freundschaften gibt es kein pauschales falsch und richtig. Da gibt es nur die Frage: Was passt für den anderen und für mich in unserer Freundschaft?

Es gibt so viel unterschiedliche Formen zu beten, also mit Gott zu reden. Eine Freundin von mir geht zum Beispiel gerne spazieren und betet dabei den Rosenkranz, weil sie sagt: „Die Bewegung und das meditative Wiederholen der Worte tun mir gut“. Dann kenne ich Menschen, die treffen sich regelmäßig mit anderen, um gemeinsam zu beten. Sie schätzen das gemeinsame Singen und sich die Psalmen abwechselnd vorzulesen. Ich selbst mag es sehr, einen Bibeltext zu lesen und dann einfach 20 Minuten in Stille darüber zu meditieren. Immer wieder schicke ich dabei einen Gedanken zu IHM, nach oben. Vor allem abends. Wenn mein Kopf voll vom Tag ist. Zum einen bekomme ich durch den Bibeltext oft noch einen ganz anderen Gedanken als das, womit ich mich den Tag über beschäftige. Zum anderen tut mir die Stille gut, um einfach Abstand von vielem zu bekommen. Von Menschen, die mich heute genervt oder Sachen, die ich nicht hinbekommen habe. Und manchmal, manchmal fühle ich mich dann Gott ganz nahe. Ich weiß nicht genau, wie und warum. Es geschieht einfach. Nicht, weil ich „richtig“ bete. Sondern, weil ich so bete, wie es für mich und Gott zu passen scheint.

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SWR4 Abendgedanken

17NOV2025
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Bis ich siebzehn war, habe ich nicht gelesen. Natürlich habe ich Lesen gelernt. Aber ich habe bis dahin keine Bücher gelesen. Ich komme aus einer Familie, es nicht viele Bücher gibt und in der Schule habe ich nur das gelesen, was ich musste. Aber dann habe ich eine neue Deutschlehrerin bekommen, die es geschafft hat, dass ich Goethes „Faust“ verschlungen habe. Ich habe ihr angemerkt, dass sie selbst etwas mit der Geschichte anfangen kann. Sie hat uns Bilder zu Szenen aus dem Faust gezeigt. Und sie hat mit uns diskutiert. Vorher sah ich nur ein dickes Buch. Dann plötzlich einzelne Situationen und Begegnungen, die ich mir vorstellen und nachempfinden konnte. Es war nicht mehr nur eine Geschichte. Plötzlich hatte sie etwas mit mir zu tun. Dieser Faust, der meint, er kann alles einfach selbst in die Hand nehmen. Genauso auch, wie er plötzlich ein Auge auf eine junge Frau wirft. Kurz entschlossen und verliebt alles für sie tun möchte.  In all dem habe ich mich als Siebzehnjähriger plötzlich wiedergefunden. Eine Freundin hat mir kurz danach „Narziß und Goldmund“ von Hermann Hesse geschenkt. Bei diesem Buch habe ich erlebt, wie schön die deutsche Sprache doch ist. Und mein Bruder hat mir dann „Herr der Ringe“ nahegebracht und dadurch auch, wie sehr Geschichten meine Fantasie anregen können. Und seitdem habe ich nicht mehr aufgehört Bücher zu lesen.

Ich bin davon überzeugt, dass mich diese Erfahrungen auch in meinem Glauben beeinflusst haben. Das Christentum ist eine Buchreligion. Christen gründen ihren Glauben auf die Bibel. Auch ein ziemlich dickes Buch. mit vielen verschiedenen Teilen und Geschichten. Geschichten, die erzählen, wie Menschen über Jahrhunderte hinweg Erfahrungen mit Gott gemacht haben. Wie Menschen geliebt, gehadert und Angst hatten und gestorben sind.

Und auch hier merke ich, dass viele der beschriebenen Situationen etwas mit mir zu tun haben. Wenn ich zum Beispiel in den Psalmen lese, wie verzweifelt Menschen beten, dass Gott ihnen endlich helfen soll. Da wird nichts beschönigt. Die Menschen in der Bibel bringen ihre Angst und Verzweiflung ins Wort und helfen mir dabei auch Worte für die meine zu finden. Oder, wenn ich lese, wie Jesus mit Menschen umgegangen ist. Wie zugewandt er war. Vor allem Kranken und Ausgegrenzten gegenüber. Inspiriert es mich, darüber nachzudenken, wie ich zugewandter werden kann.

Ich glaube, lesen bildet nicht nur. Es verändert auch unsere Welt.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

18OKT2025
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Heute denke ich an einen der erfolgreichsten Autoren der Welt, den ich immer wieder gerne lese. Nein, es ist nicht Tolkien mit seinem „Herr der Ringe“, auch wenn ich den wirklich mal wieder lesen sollte. Und auch nicht Stephen King, der mir oft ein wenig zu blutig und gruslig ist, aber genau deshalb von vielen gemocht wird.

Der Text des Autors, von dem ich spreche, wird an einem ganz bestimmten Tag im Jahr von ganz, ganz vielen Menschen gehört und gelesen. Da heißt es bei ihm: „Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen.“ Es ist der Beginn der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas. Heute ist der Festtag dieses Autors, von dem wir sonst gar nicht so viel wissen. Nur, dass er Arzt war und gut Griechisch gesprochen hat; vor allem aber, dass er wunderbar Geschichten erzählen konnte. Das merkt man, wenn man seine beiden Bücher liest, die es in die Bibel geschafft haben. Eben jenes Evangelium, und die Apostelgeschichte.

Besonders mag ich an Lukas, wie er mit dem Wort „Heute“ umgeht. Das beginnt schon in besagter Weihnachtsgeschichte, wo es heißt: „Heute ist Euch der Heiland geboren.“ Später erzählt er, dass der erwachsene Jesus zu einem Außenseiter sagt: „Heute muss ich bei Dir daheim zu Gast sein.“ Und am Ende seines Buchs, wenn Jesus gekreuzigt wird, sagt der zu einem anderem am Kreuz: „Heute noch wirst Du mit mir im Paradies sein.“

Und immer, wenn ich so ein „Heute“ höre, denke ich: „Ach, das ist echt gut erzählt.“ Denn durch diese Unmittelbarkeit erzeugt er eine Nähe beim Zuhörer. Es geschieht nicht nur damals. Er meint mich … heute. Lukas ist wichtig: Egal, worum es geht, ob etwas ganz Schönes passiert, wie zum Beispiel ein Kind, das geboren wird, ob ich mich alleine und ausgegrenzt fühle oder ob etwas ganz Schlimmes passiert, zum Beispiel, wenn jemand stirbt … egal, was auch ist: Gott ist bei mir. In allem. Im Schönen und im Schweren. Und zwar nicht irgendwie gestern oder morgen, sondern heute. In jedem Augenblick.

Und alleine für diese beständige Erinnerung bin ich Lukas sehr dankbar. Was auch immer passieren wird: Gott begleitet mich. Heute.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

17OKT2025
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Auf Antons Grab wurde der Grabstein gesetzt. Anton war der Vater eines alten Freundes von mir, den ich schon mein Leben lang kannte. Also gehe ich hin, um ihn mir anzusehen. Grabsteine sind ja ganz eigene Kunstwerke, die oft etwas über den Verstorbenen erzählen.

Ich betrete den kleinen Friedhof in meiner Heimat und finde das Grab nach wenigen Schritten. Ein schlichter, heller Stein. Darauf findet sich ein modernes Kreuz, das fast einer Sonne gleicht, und darunter Name und Datum. Anton wurde 83 Jahre alt. Ich stehe ein paar Minuten dort, erinnere mich an sein Gesicht und an manch einer Begegnung. Dann beginne ich, mich umzuschauen. Direkt neben Anton liegt Markus. Ein großes Grab mit einem zerbrochenen Kreuz auf dem ebenfalls in der Mitte zerbrochenen Grabstein. Das kommt nicht von ungefähr. Markus war Anfang zwanzig und hatte einen Motorradunfall. Der Stein erzählt von jemandem, der aus dem Leben gerissen wurde. Wir kannten uns nicht gut, aber ich habe sein Gesicht noch vor Augen.

Dann fällt mir auf, dass ich fast alle in der Reihe der Gräber kannte. Eine alte Dame, die früher immer in der Kirche war. Der Opa einer guten Freundin. Martina, die frühere Freundin meines Bruders, die auch jung bei einem Unfall ums Leben kam.

Dazwischen gibt es aber ein Grab, dass ich nicht zuordnen kann. Dort gibt es keinen Namen und kein Datum. Auf dem Grab steht eine Skulptur: zwei Menschen, die sich umarmen. Um das Grab verläuft eine metallene Bordüre, auf der etwas von Liebe und Zusammensein geschrieben ist.

Ich stehe eine wenig ratlos vor dem Grab. Ich habe eine Ahnung, wer darin liegen könnte, weil bei mir daheim jeder jeden kennt. Aber das Grab weigert sich, mir Genaueres zu verraten. Es irritiert mich, dass dort kein Name steht. Ich verstehe, dass manche Menschen aus Bescheidenheit anonym bestattet werden wollen. Oder sie wollen, dass die alten Wunden der Trauernden nicht immer neu aufgerissen werden, wenn sie den Namen vor Augen haben. Trotzdem fehlt mir ohne Namen etwas. Doch dann kommt mir ein anderer Gedanke: Das Grab, vor dem ich stehe, hat vielleicht keinen Namen; aber es erzählt trotzdem etwas: dass hier ein Mensch liegt, der geliebt wurde. Und das ist das Allerwichtigste!

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