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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
„Ich lass mir nix sagen – ich bin mündig.“ Diesen Satz habe ich in der Bäckerschlange gehört. Ein Mann war genervt, weil ihn jemand darauf hingewiesen hatte, doch bitte Abstand zu halten. Seine Reaktion war schroff. Und sie steht für etwas Größeres. Ein Misstrauen gegenüber allem, was wie eine Regel klingt.
In den letzten Jahren höre ich das öfter. Hinweise im Straßenverkehr? Nervig. Empfehlungen beim Arzt? Gängelung. Wissenschaftliche Studien? Einseitig. Nachrichten? Manipuliert. Alles, was nach Autorität klingt, wird skeptisch beäugt.
Fast schon reflexartig wird reagiert: Ich entscheide selbst. Ich denk selbst. Ich brauch keine Ansagen.
Klar – wer will nicht selbstbestimmt leben? Aber Mündig sein heißt nicht einfach, sich nichts mehr sagen zu lassen. Mündig ist, wer Verantwortung übernimmt – auch dafür, was das eigene Verhalten bei anderen auslöst. Wer nicht nur fragt: Was will ich gerade? Sondern auch: Was braucht mein Gegenüber?
Ich glaube: Es ist völlig okay, wenn einem mal der Kragen platzt. Passiert uns allen mal. Aber wer wirklich mündig ist, weiß auch: Ich bin nicht allein auf der Welt. Mein Verhalten wirkt auch auf andere.
Mündig sein heißt deshalb auch: Mut sich selbst zu hinterfragen. Vielleicht stimmt das, was ich denke. Vielleicht aber auch nicht.
Was mich erschreckt: Wie schnell aus „Ich lass mir nix sagen“ eine Grundhaltung wird. Eine, die alles ablehnt – sogar das Gespräch.
Dabei zeigt sich Mündigkeit für mich gerade im Respekt: Ich höre zu, auch wenn ich anderer Meinung bin. Ich nehme ernst, dass es selten nur eine Wahrheit gibt.
In der Bibel steht: „Alles ist erlaubt – aber nicht alles dient zum Guten.“ (1 Kor 10,23)
Für mich heißt das: Ich darf viel. Aber ich muss nicht alles tun. Manchmal ist es klüger, still zu sein. Oder zu sagen: Ich verzichte.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Mündigkeit nicht mit Trotz verwechselt wird.
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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
„Das wirst du mir nicht glauben, was ich gerade erlebt hab…“ – so fangen manchmal Geschichten an. Und ich gebe zu: Ich liebe solche Sätze. Weil sie mich neugierig machen. Weil sie etwas in Bewegung setzten. Und weil sie zeigen, da hat jemand etwas erlebt, das ihn nicht mehr loslässt.
Ich höre gern zu, wenn Menschen erzählen. Und ich merke dabei immer wieder: Geschichten sind nie neutral. Sie sind persönlich, subjektiv und oft berührend.
Geschichten haben Macht. Sie prägen unser Bild von der Welt – und voneinander. Sie helfen uns, zu verstehen, was passiert. Und manchmal, da können sie Menschen auch verbinden.
Aber eben nicht nur.
Ich habe auch erlebt, wie Geschichten trennen können. In Diskussionen über Politik. Im Familienchat. Oder wenn jemand über „die Politiker“ oder „die Ausländer“ … redet – und dabei gar keine echten Menschen meint, sondern nur ein Feindbild.
Dann wird das Erzählen eng: Da gibt’s nur noch „wir“ und „die“. Wer so erzählt, sucht keine Lösung, sondern Zustimmung, Loyalität, Zugehörigkeit. Und Abgrenzung.
Ich habe gelernt: Geschichten müssen nicht wahr sein, um sich wahr anzufühlen.
Genau das macht sie so wirksam – und manchmal auch gefährlich. Deshalb frage ich mich öfter: Wer kommt in dieser Geschichte eigentlich vor? Wird jemand ausgeblendet? Oder klein gemacht? Wird jemand als Bedrohung dargestellt, ohne selbst zu Wort zu kommen?
Wir sind verantwortlich. Für die Geschichten, die wir erzählen. Und dafür, wie wir sie erzählen. Ob sie Verständnis wecken – oder verfestigen, was trennen soll.
Mich inspirieren da die Gleichnisse von Jesus. Weil sie nicht einfach schwarz-weiß sind. Weil sie Platz lassen. Für Wendungen, für Umdenken, für neue Sichtweisen.
Sie drängen sich nicht auf – aber sie fordern heraus. Und manchmal bringen sie genau die ins Licht, die sonst übersehen werden.
So möchte ich auch erzählen.
Nicht endgültig, sondern so, dass man weiterdenken kann.
Ich möchte Geschichten erzählen, die ehrlich sind – nicht glattgebügelt. Und doch offen für Hoffnung.
„Das wirst du mir nicht glauben…“ – so fängt eine Geschichte an, die neugierig macht. Und manchmal endet sie damit, dass sich der Blick auf einen Menschen verändert.
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Es gibt Tage, die fangen schon seltsam an. Ich sitze im Zug, will mein Handy laden – und merke: Kein Kabel dabei. Und den Geldbeutel? Auch vergessen. Super. Akku fast leer, kein Bargeld, keine EC-Karte. Kurz: Ich bin unterwegs – aber ohne alles, was mir sonst Sicherheit gibt.
Ich merke, wie nervös mich das macht. Was, wenn der Akku ganz leer ist? Wenn ich später mein Ticket zeigen muss? Wenn ich Geld brauche und nichts dabei habe?
In meinem Kopf beginnt ein Krisenplan: Wer könnte mir helfen? Wo krieg ich ein Ladekabel her? Ich bin plötzlich auf andere angewiesen – und das fühlt sich erstmal gar nicht gut an.
Ich bin eine, die gern alles im Griff hat. Listen, Kalender, Routinen – ich organisiere mein Leben so, dass es rund läuft. Aber das Leben hält sich eben nicht an meine Pläne. Und manchmal reicht schon so ein Morgen – ohne Kabel, ohne Geldbeutel – damit ich mich ganz schön verloren fühle.
Aber dann schaue ich mich um. Neben mir sitzt ein junger Mann. Kopfhörer im Ohr, Powerbank in der Hand. Ich frage ihn, ob er mir sein Kabel leiht. „Klar“, sagt er. Ganz selbstverständlich. Und auf einmal ist sie da: die Verbindung. Zwischen Fremden. Einfach so.
Ich bekomme den Akku wieder voll – und irgendwie auch mein Vertrauen zurück. Denn so verloren, wie ich dachte, bin ich nicht. Ich kann nicht alles kontrollieren. Aber ich bin auch nicht allein.
Ich glaube: Manchmal zeigen sich genau in solchen Momenten die entscheidenden Fragen. Wem vertraue ich, wenn nichts funktioniert? Was trägt, wenn der Akku leer ist? Und: Muss ich immer alles selbst regeln – oder darf ich mich auch mal tragen lassen?
Jesus hat mal gesagt: „Sorgt euch nicht um morgen.“ (Mt 6,34) Mir fällt das schwer. Denn ich sorge mich, um Termine, Aufgaben, was noch kommt. Ich will eben vorbereitet sein, alles im Griff haben. Und merke gleichzeitig: Ich kann das gar nicht. An Tagen wie diesem glaube ich zu verstehen, was Jesus meint. Ich kann den nächsten Schritt gehen, auch wenn ich den übernächsten noch nicht kenne. Ich kann loslassen und trotzdem gut ankommen.
Weil ich nicht allein unterwegs bin. Weil da Menschen sind, an die ich mich wenden kann. Und weil ich darauf vertraue: Dass sich ein Weg zeigt. Und dass das Leben nicht immer einen Plan braucht – sondern ein Grundvertrauen.
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Es beginnt oft harmlos. Ein Kommentar zu einem Thema, zu einem Beitrag. Ein Satz, der schärfer ist als nötig. Und plötzlich kippt etwas. Vor allem im Netz erleben wir das: Worte werden härter, Urteile schneller, der Ton gnadenlos. Besonders dort, wo Religion im Spiel ist. Wo Menschen sich auf Gott berufen – und dabei andere herabsetzen, bedrohen oder entmenschlichen. Manchmal trifft es Jüdinnen und Juden. Manchmal Musliminnen und Muslime. Manchmal Christinnen und Christen. Immer aber trifft es Menschen.
Und was mich daran so nachdenklich macht: Hass, der religiös begründet wird, ist nicht einfach nur laut. Er ist gefährlich. Weil er sich moralisch überlegen fühlt. Weil er glaubt, im Recht zu sein. Und weil dabei oft nicht mehr zugehört wird.
Dabei beginnt religiöser Glaube – jedenfalls aus christlicher Sicht – ganz anders. Nicht mit Gewissheit. Sondern mit Beziehung. Jesus begegnet Menschen nie von oben herab. Er stellt Fragen. Er hört zu. Er sieht den Einzelnen, nicht die Schublade. Selbst dort, wo er klar widerspricht, entwürdigt er niemanden.
Trotzdem ist genau das im Netz oft die Logik: Wer am lautesten ist, setzt sich durch. Wer verletzt, bekommt Aufmerksamkeit. Wer provoziert, wird geteilt. Ich frage mich dann: Was macht das mit uns?
Der christliche Glaube kennt etwas anderes, da heißt es in der Bibel: „Denn aufgrund deiner Worte wirst du freigesprochen und aufgrund deiner Worte wirst du verurteilt.“ (Mt 12,37). Worte zeigen demnach den wahren Zustand des Herzens. Sie können Gutes hervorbringen, aber auch Schlechtes. Sie können auch schützen. Heilen. Grenzen ziehen, ohne zu verletzen.
Vielleicht beginnt ein anderer Umgang im Netz nicht mit großen Debatten, sondern mit kleinen Entscheidungen: Antworte ich überhaupt? Und was will ich mit meinen Worten bewirken? Manchmal ist Schweigen klüger als Mitmachen. Manchmal ist ein sachlicher Satz stärker als eine scharfe Replik. Und manchmal ist es ein klares „So nicht“, das Haltung zeigt – ohne Hass.
Christlich zu glauben, heißt nicht, allem zuzustimmen. Aber es heißt, den Menschen hinter der Meinung nicht aus dem Blick zu verlieren. Auch online.
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Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, in einer WG zu leben – mit Menschen, die ganz anders sind als ich. Nicht nur im Alltag, auch im Glauben. Und ich denke jetzt nicht nur an evangelische oder methodistische Christen. Ich meine auch Muslime und Buddhisten oder Atheisten. Was würde das mit mir machen?
Im ZDF gab es ein Experiment, das genau das versucht hat: Sechs junge Erwachsene, sehr verschieden in Herkunft, Haltung und Überzeugung, leben für eine Woche zusammen. Sie beten, feiern, kochen – und diskutieren über das, woran sie glauben oder eben nicht glauben.
Mich hat das berührt. Weil es so ehrlich war. Da wurde gestritten – mit Respekt. Da wurde nachgefragt – ohne Häme. Und manchmal auch geschwiegen, wenn’s zu viel wurde. Was bei mir hängen geblieben ist, dass sich alle zugehört haben. Und dass alle Beteiligten selbstverständlich ernst genommen wurden.
Ich glaube, wir brauchen mehr von solchen Räumen. Nicht nur im Fernsehen. Sondern mitten im Leben. Wo man sagen darf: Ich sehe das anders. Und dann trotzdem gemeinsam den Tisch deckt.
Als ich die Sendung gesehen habe, saß ich zuerst ganz entspannt da – einfach neugierig. Aber je länger ich zugeschaut habe, desto mehr hat mich das Ganze gepackt. Ich hab gemerkt: Es ist leicht, sich das von außen anzuschauen. Aber was, wenn ich selbst mit am Tisch säße? Wenn mir jemand widerspricht – nicht theoretisch, sondern ganz direkt? Wenn mein Bild vom Glauben hinterfragt wird?
Da wurde mir klar: Solche Gespräche sind nichts für die Komfortzone. Sie fordern heraus. Und bringen was in Bewegung – auch in mir.
Weil ich mich fragen muss: Wo bin ich wirklich offen? Und wo bleibe ich lieber bei dem, was mir vertraut ist?
Da merke ich: Glauben ist nicht nur eine Überzeugung, sondern auch Beziehung. Es geht nicht darum, alles zu wissen – sondern zuzuhören.
In der Bibel heißt es: „Einer trage des anderen Last“ (Gal 6,2). Ich muss nicht alles verstehen, um mitzutragen. Gemeinschaft beginnt nicht im Einvernehmen, sondern im Vertrauen – darauf, dass wir einander aushalten und wachsen lassen. Genau das hat auch die Serie gezeigt: Verbunden waren die, die einander getragen haben – trotz aller Unterschiede.
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Karneval, Fasching oder Fasnet – egal wie man sie nennt, ich find die fünfte Jahreszeit einfach nur ver-rückt! Die Leute verkleiden sich und stellen die Welt für eine kurze Zeit auf den Kopf.
Da, wo ich herkomme, übernehmen an der Fasnet Hexen und Teufel symbolisch das Rathaus. Sie nehmen den Bürgermeistern den Schlüssel ab – und zeigen damit: Macht ist nicht selbstverständlich. Sie ist auf Zeit.
An der Fasnet werden Rollen getauscht, Machtverhältnisse umgekehrt und auch sonst einige Dinge einfach närrisch verdreht.
Mich fasziniert dabei besonders die Figur des Narren. Früher durfte er am Hof sagen, was sonst niemand auszusprechen wagte. Er hielt den Herrschenden den Spiegel vor, erinnerte sei daran, dass auch sie fehlbar sind. Und daran, dass ihre Macht, ihr Leben, nicht ewig währt. Närrisch verpackt, damit es erträglich blieb. Und doch ernst gemeint.
Der Narr war nicht nur Spaßmacher. Er hatte eine Aufgabe und Verantwortung.
Diese Idee schimmert bis heute durch – wenn bei Umzügen oder in Prunksitzungen Missstände benannt werden. Humorvoll, überspitzt, manchmal schmerzhaft genau. Auch die Mächtigen müssen dann zuhören. Und vielleicht neu nachdenken.
Deshalb finde ich es fast schon schade, dass diese Zeit so schnell vorbei ist. Danach kehrt der Alltag zurück. Ich muss funktionieren. Aufgaben erfüllen. Verantwortung tragen. Alles wichtig – aber oft ohne Raum für kritische Distanz. Ohne das närrische Innehalten.
Aber was, wenn ich mir davon etwas bewahre? Nicht laut, nicht auf der Bühne – sondern im Kleinen. Für mich selbst.
Närrisch sein könnte heißen, nicht jedes „Das macht man halt so“ einfach hinzunehmen. Nicht jedem Trend hinterherzulaufen, nur weil er als unverzichtbar gilt. Sondern zu fragen: Warum tue ich das eigentlich? Wem nützt es? Und dient es wirklich dem Leben?
Vielleicht ist das eine sehr alltägliche Form von Narr sein. Keine Respektlosigkeit, Keine Leichtfertigkeit. Sondern eine wache, verantwortungsvolle Haltung. So gesehen braucht es gute Narren nicht nur an der Fasnet. Sondern das ganze Jahr über.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43844SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
"Was soll denn schon passieren?" Wir waren als Reisegruppe unterwegs. 30 Leute unterwegs in einem Land, dass wir nicht kannten. Und einer mittendrin: mein Freund, der als Guide und Organisator alles im Blick behalten sollte.
Nur: Nicht immer wusste er, wo es langgeht. Und das hat er ziemlich gut versteckt. Mal war ein Weg gesperrt, mal fehlte das Navi-Signal, mal liefen wir in die völlig andere Richtung. Und trotzdem hat er nie die Nerven verloren. "Was soll denn schon passieren?", hat er dann gesagt, mit einem Lächeln und leichtem Schulterzucken. Und erstaunlicherweise: Es ist nie etwas Schlimmes passiert.
Wir sind zwar nicht immer auf dem geplanten Weg gewesen, aber wir sind angekommen. Manchmal später, manchmal anders. Aber nie verloren. Das hat mich beeindruckt: Diese Ruhe, diese Haltung. Und das Zutrauen, dass wir trotzdem gut durchkommen.
Mit der Zeit hat sich das auf mich übertragen. Ich hab gemerkt: Wir kommen irgendwie durch. Und oft sind genau die Momente, in denen nicht alles rund läuft, die schönsten. Weil sie echt sind. Und weil wir miteinander Lösungen finden.
So wie damals, als wir aus Versehen bei einer Olivenernte landeten - und uns jemand spontan etwas zu trinken angeboten hat. Es war nicht vorgesehen, aber es war einer der besonders schönen Momente dieser Reise.
Ich denke oft an diese Reise zurück. Weil ich auch im Alltag so oft alles im Griff haben will. Beruf, Familie, Termine, To-dos. Ich möchte vorbereitet sein. Und merke gleichzeitig: Ich kann nicht alles planen. Es kommt anders – oft. Und dann tut mir der Gedanke gut: Was soll denn schon passieren?
Für mich hat das ganz viel mit Vertrauen zu tun. Darauf, dass ich verbunden bin – mit den Menschen, mit denen ich unterwegs bin. Mit dem Leben. Und – ja – auch mit Gott. m Sinne von: Ich bin nicht allein. Ich bin getragen. Und ich darf darauf vertrauen, dass ich nicht aus der Welt falle, wenn mal was schiefläuft.
Ich glaube, das ist die eigentliche Kunst: offen zu bleiben. Für Begegnung. Für Überraschung. Für das Gute, das sich nicht planen lässt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43850SWR1 Begegnungen

Die SWR1 Begegnungen mit Sabine Winkler und „Pfannkuchenbenni“.
So nennt sich Benni nämlich auf der Social Media Plattform Instagram. Benni ist 17, geht in die 11. Klasse und seine Instagram-Videos erreichen auch mal über 100.000 Aufrufe. Finde ich beeindruckend, denn mit seinem Thema holt man normalerweise nicht so viele Leute ab. Benni beginnt nämlich seine Beiträge meistens mit: „Hey, ich bin Benni, ich bin Christ.“
„Also, ich rede über Glaube im Alltag, über Politik, was das damit zu tun hat, über Ehrenamt, über Engagement, über diese ganzen Dinge.“
Benni spricht offen über sein Christsein, hinterfragt und setzt sich kritisch damit auseinander. Er kommentiert, wenn Politiker sich auf Nächstenliebe berufen oder widerspricht christlichen Influencern, wenn sie mit der Bibel begründen, was erlaubt ist und was Sünde ist.
Benni wehrt sich immer dann, wenn Leute behaupten, sie wüssten ganz genau, wie Christsein „richtig“ ist – und dafür bekommt er dann regelmäßig Hasskommentare.
„Was ich total schade finde, weil es für mich auch zu meinem Glauben gehört, mal zu hinterfragen, was ich da eigentlich glaube oder wie ich glaube oder wie ich die Bibel lese. Und ich würde mir echt wünschen, dass das andere auch mal machen würden, ohne gleich pauschal in die Kommentare zu gehen und zu schreiben: ‚Ey, halt doch mal die Fresse.‘“
Wenn Benni über seine Erfahrungen in Social Media spricht, dann macht ihn vor allem eine Sache ziemlich nachdenklich:
„Also ich finde es krass zu sehen, dass Leute, wo ich mir denke ‚Ey,wir sind in derselben Generation und eigentlich glauben wir an denselben Gott‘, in manchen Meinungen und manchen Punkten so weit auseinandergehen von dem, was ich glaube. Aber ich kann es schon verstehen, weil es oft einfach mit der Lebenswelt der Menschen zusammenhängt“
Ich hab den Eindruck, dass er mit 17, schon gut einschätzen kann, warum er als junger Mensch heute offen und reflektiert ist:
„Also ich habe das Glück, Eltern zu haben, die mit mir über solche Dinge diskutieren, über politische Themen, über gesellschaftliche Themen, über Glauben offen reden und das auch versuchen, differenziert zu machen. Und ich glaube, wenn sowas wegbricht, dann suchen Leute aus meiner Generation nach eindeutigen Antworten.“
Das erlebt Benni ganz konkret auch in seinem Freundeskreis. Nicht nur beim Thema Glauben, sondern vor allem auch, wenn es um Politik geht. Da gibt’s dann manchmal einen Punkt, wo diskutieren nichts mehr bringt, sagt er. Weil jeder bei seiner Meinung bleibt. Aber dann wechselt man den Ort und bleibt trotzdem im Gespräch:
„Wir machen es dann in der Garage, bei einem Bier. Und das ist auch okay. Und ich finde es so viel schöner, dass man sich einfach mal zusammensetzen kann und normal reden kann.“
Je länger wir reden, desto klarer wird mir: Benni geht es nicht zuerst um Streitfragen., sondern um das, was ihn trägt.
„Also für mich ist Glaube viel in dem, was ich tue. Auch einfach jeden Tag aufzustehen und mir zu denken: okay, ich kann heute was Gutes tun, ich kann mich irgendwo engagieren, ich kann was machen und Leuten eine Freude bereiten.“
Das klingt nicht nach großen Worten. Sondern nach etwas, das sich im Alltag bewähren muss. Auch sein Gottesbild bleibt nah an konkreten Erfahrungen.
„Für mich ist Gott da, wo die Menschen sind. Und das ist, wenn ich was in der Schule mache, wenn ich in der Gemeinde engagiert bin, aber auch, wenn ich mit meinen Freunden feiern gehe… - überall da habe ich das Gefühl, da ist so eine Verbundenheit da, mit den Menschen und damit auch mit Gott.“
Benni ist gern mit Menschen gemeinsam unterwegs. Das klingt für mich nicht nach jemandem, der gesehen werden will, kein digitaler Influencer. Benni ist viel mehr jemand, der etwas bewirken will.
„Die Firmvorbereitung war so langweilig, dass viele Freunde von mir danach gar nicht mehr in die Kirche gegangen sind und auch überhaupt keinen Bock mehr hatten und ich mir halt gedacht habe: okay, eigentlich will ich nicht, dass es so langweilig bleibt.“
Dieses „Ich will nicht, dass es so bleibt“ treibt Benni an und er engagiert sich: In der Schule, in der Kirchengemeinde, im Jugendgemeinderat, in einer Kinderstiftung.
„Mein Glaube entsteht viel aus den Dingen, die um mich herum sind. Deswegen bekomme ich auch mit, wo es Leuten in unserer Gesellschaft schlecht geht, wo große soziale Probleme sind. Und ich glaube, dass so was mich in meinem Glauben prägt.“
Für Benni ist dieser Glaube aber nicht immer selbstverständlich:
„Wer ist Gott? Wo ist er überhaupt? Ist Gott gut oder schlecht? Wie spüre ich Gott? - Es kommt immer wieder vor, dass ich auch mal an meinem Glauben zweifle und mir denke: Ich kann eigentlich gerade überhaupt nichts damit anfangen.“
Ich frage mich, ob genau dieses An- und Hinterfragen, das ist, was Gespräche offen hält - auch jenseits von Social Media.
Ein Thema, dass in unserem Gespräch immer wieder auftaucht: Der Blick zwischen den Generationen.
„Ich finde es eigentlich immer spannend, alten Leuten zuzuhören, die noch was zu sagen haben. Weil auch wenn ich politisch vielleicht nicht immer einer Meinung mit ihnen bin, gibt es dann doch immer wieder so ein, zwei schöne Sätze aus einem Gespräch, die hängen bleiben.“
So geht es Benni auch mit seinem Opa. Er spricht viel mit ihm über den Glauben. Auch wenn sein Opa in manchen Punkten konservativer ist als Benni:
„Ich glaube, dass mein Opa und ich das ziemlich gut hinkriegen, weil wir eher sagen können: Okay, wir reden jetzt über soziale Gerechtigkeit, über Armut, über was auch immer und teilen da Positionen. Und deswegen schauen wir nicht auf die Punkte, in denen wir uns absolut uneinig sind, sondern da, wo wir sagen, okay, da sind wir beide dafür und kümmern uns darum vielleicht eher.“
Benni zeigt Mut. Mir imponiert, wie er seinen Glauben offenhält – für Fragen und für den anderen.
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Auf dem Weg zum Einkaufen entdecke ich einen einzelnen Handschuh. Dunkelblau, aus Wolle, leicht feucht vom Regen. Jemand hat ihn auf einen Zaunpfahl gesteckt, so wie man das oft macht: als stilles Zeichen, dass er hier wartet. Ich gehe weiter, schaue auf meine Hand und denke: dieser Handschuh bedeutet etwas.
Ein Handschuh ist nur im Paar vollständig. Einer alleine wärmt schlecht. Und vielleicht fühlt sich genauso manchmal unser Leben an: als würde etwas fehlen. Ein Mensch. Ein Gespräch. Eine Aufgabe. Ein Stück Zuversicht. Die Leerstelle merke ich manchmal erst, wenn es in mir sehr kalt wird.
Ich bleibe stehen und schaue noch einmal zurück. Der Handschuh sieht fast verloren aus und gleichzeitig gut aufgehoben. Jemand hat ihn sichtbar gemacht. Nicht einfach liegen lassen. Und das finde ich schön. Da kümmert sich jemand um etwas, das ihm gar nicht gehört.
Menschen tun das öfter, als man denkt. Sie sehen etwas, das verloren gegangen ist – und lassen es nicht einfach liegen. Einen Menschen, der sich selbst nicht mehr findet. Sie hören zu, bleiben stehen, fragen: „Geht’s dir wirklich gut?“. Oder eine Stimmung, die abgerutscht ist. Einen Mut, der irgendwo unterwegs liegen geblieben ist. Und sie machen ihn sichtbar, damit ihn jemand wiederfinden kann.
Ich glaube, genau das ist christliche Nächstenliebe. Nicht große Gesten. Nicht Heldentaten. Sondern kleine Zeichen, die sagen: Du bist nicht allein.
Als ich weitergehe, denke ich an eine Stelle aus der Bibel: „Sucht, und ihr werdet finden“ (Matthäus 7,7). Das klingt oft groß, aber im Alltag heißt das einfach: Bleib offen. Halte Ausschau. Gib nicht auf. Denn vieles, was verloren wirkt, taucht wieder auf. Manchmal anders. Manchmal später. Aber oft überraschend.
Am Abend laufe ich denselben Weg zurück. Der Handschuh ist weg. Und ich stellte mir vor, wie jemand erleichtert und lächelnd davorsteht: „Da ist er ja!“ Ich freue mich über solche kleinen Happy Ends, selbst wenn ich sie nur denke.
Vielleicht passt dieses Bild heute zu Ihnen. Vielleicht spüren Sie eine Leerstelle oder eine Sehnsucht ohne Namen.
Dann möchte ich Ihnen sagen: Sie sind nicht verloren. Und das, wonach Sie suchen, hat mehr Geduld, als Sie denken. Manchmal reicht ein Moment der Achtsamkeit. Ein Gespräch. Ein leises Gebet.
Und vielleicht entdecken Sie heute selbst einen „verlorenen Handschuh“ im übertragenen Sinn – bei sich oder bei jemand anderem. Dann heben Sie ihn ruhig auf. Machen Sie ihn sichtbar. Zeigen Sie: Hier geht etwas nicht verloren.
Denn wir Menschen finden uns immer wieder. Mit Gottes Hilfe. Und vor allem miteinander.
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Schnee! Der erste Schnee für meine Jüngsten! Gut, es waren keine Massen in Esslingen, aber die Kinder hat es sofort vor die Haustür gelockt. Jacken, Mützen und Handschuhe waren noch nie so schnell angezogen und schwups waren wir draußen und haben Schneekugeln über den Boden gerollt, gelacht und durcheinander gerufen. Am Ende stand er dann da: ein schiefer Schneemann. Ich holte eine Karotte als Nase, und wir machten ihm zwei viel zu kleine Steine als Augen. Nicht perfekt, aber wir haben ihn geliebt.
Ein paar Stunden später war er schon wieder kleiner. Am Abend hing der Kopf schief. Und am nächsten Morgen war fast nichts mehr von ihm übrig.
Ich stand am Fenster und dachte: Das ist eigentlich ein erstaunlich ehrliches Bild vom Leben. Wir bauen Dinge auf – mit Mühe, mit Freude, mit Hingabe. Und manches davon hält. Und manches nicht. Ein Schneemann gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Und trotzdem würde niemand sagen: Warum habt ihr überhaupt einen Schneemann gebaut, wenn er doch eh schmilzt?“ Im Gegenteil. Gerade weil er nicht bleibt, ist er wertvoll. Er ist ein Moment. Ein gemeinsames Tun. Ein Augenblick von Freude.
Ich frage mich: Warum messen wir im Alltag so oft alles an Dauer und Erfolg? Warum denken wir, etwas sei nur dann sinnvoll, wenn es Bestand hat? Beziehungen, Projekte, Gespräche – wir wollen, dass alles hält. Aber das Leben funktioniert nicht so.
Auch Jesus erzählt immer wieder Geschichten von Dingen, die klein sind, vergänglich, unscheinbar. Ein Senfkorn. Ein Brot. Ein Moment der Nähe. Und trotzdem sagt er: Genau darin zeigt sich Gott.
Vielleicht ist der Schneemann deshalb ein gutes Bild für unseren Glauben. Glaube ist nicht immer stabil und monumental. Manchmal ist er brüchig. Manchmal schmilzt er. Manchmal bleibt nur eine Erinnerung. Aber das heißt nicht, dass er umsonst war.
Ich habe an diesem Morgen nicht getrauert, dass der Schneemann weg war. Ich habe mich erinnert, wie wir gemeinsam draußen standen. Wie kalt meine Hände waren. Wie laut das Lachen. Und wie gut sich dieser Nachmittag angefühlt hat.
Das mach ich jetzt öfter: Dinge nicht danach bewerten, ob sie bleiben – sondern danach, ob sie gut waren, solange sie da waren. Ein Gespräch. Ein Gebet. Ein gemeinsamer Moment.
Gott ist nicht nur in dem, was bleibt. Er ist auch im Vorübergehenden. Im Schnee, der schmilzt. Im Schneemann, der verschwindet. Und in der Freude, die bleibt.
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