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23OKT2022
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Adolf Bayer Foto: privat.

Es ist ein altes Fachwerkhaus in der Altstadt von Esslingen, in dem der Winzer Adolf Bayer seinen Besen hat. Und mit Besen meine ich jetzt nicht einen Stiel mit Bürste, sondern seine Wirtschaft, die nur für eine ein paar Wochen im Jahr geöffnet ist, damit er seinen eigenen Wein darin verkaufen kann. Im Badischen und Pfälzischen würde man dazu Strauße sagen.

Dieser Besen von Adolf Bayer ist klein, urig und etwas Besonderes. Und das liegt vor allem an Adolf Bayer selbst und wie er mit seinen Gästen umgeht:

Im Prinzip bin ich im Besen ein Seelsorger. Ich habe so viele Sachen erlebt… Die können reinkommen, die hat geheult, der hat mich umarmt, hat gesagt meine Tochter ist verunglückt. Oder ich bin jetzt irgendwie entlassen worden... Und die brauchen irgendjemand, wo zuhört und das ist ganz, ganz wichtig, denn es gibt, verdammt viele Menschen, wo alleine sind.

Allein sein soll niemand in seinem Besen. Deshalb bringt Bayer seine Gäste auf wenigen Quadratmetern zusammen, und zwar bunt gemischt. Egal, ob jung oder alt, ob mit oder ohne Anhang.

Zumindest bis zur Pandemie. Die auch in seiner Besenwirtschaft vieles durcheinandergebracht. Die Leute dicht aneinandersetzen in einem urigen Fachwerkhaus? In den letzten zwei Jahren nicht denkbar!

Das hält ihn aber davon nicht ab, weiterhin Gastgeber zu sein: Unter freiem Himmel schenkt er auf seinem Hof weiter seinen Wein aus. Tische und Stühle stehen bereit. Und man kann trotzdem, wenn auch mit Abstand zusammenkommen. Ich habe es selbst erlebt. Er begrüßt jede und jeden herzlich und fragt „Wie viele seid ihr?“ und dann weist er einen Tisch zu.

Das ist wie bei einem Blind Date: Man weiß nie, wen man in der nächsten Stunde kennenlernt und welche Gesprächsthemen einen erwarten. Unterhaltsam wird es aber allemal werden. Bayer hat nämlich ein gutes Händchen dafür, wen er zu wem setzten muss. Und manchmal verändert eine Begegnung sogar das eigene Leben.

Eine Frau ist mal reinkommen und hat gesagt „Sie Herr Bayer, mein Mann ist vor drei Jahren gestorben. Darf ich überhaupt bei Ihnen reinkommen?“ Da sag ich: Ist doch kein Problem setzen sie sich einfach hierhin. Sie kriegen auch ne Traubensaftschorle, aber natürlich auch ein guter Wein. Und wenn sie Glück haben, setzt sich denn irgendjemand zu Ihnen, da wird der Abend ganz toll. Und dann ist ein Mann reinkommen, da ist genau das Gleiche. Die Frau ist auch erst verstorben. Dann sag ich: „Guck a mol, da sitzt eine ganz nette Frau, die ist eigentlich immer so traurig, weil ihr Mann gestorben ist. Jetzt sitz doch einfach daneben hin und gucket mal, dass ihr miteinander redet!“ Und die haben sich dann immer wieder bei uns getroffen und nach sechs Jahren haben die geheiratet, mit 75. Und das ist doch gigantisch.

Mit seiner Familie führt Adolf Bayer einen kleinen Betrieb. Vom Weinanbau über die Verarbeitung der Trauben, bis hin zur Vermarktung und dem persönlichen Ausschank – alles wird selbst gemacht.

Das liegt ihm im Blut. Er ist ein alteingesessener Esslinger. Sein Vater hat Gemüseanbau betrieben, entsprechend kennt er die Landwirtschaft von klein auf. Aber gelbe Rüben sind dann doch nur gelbe Rüben für ihn und nicht mehr. Er interessiert sich für den Weinanbau und die Produktion, lernt und studiert sie.

(TEIL 2)

Adolf Bayer ist Winzer in Esslingen, hat seine eigene Kellerei und führt eine Besenwirtschaft. Moment mal, der Mann heißt Adolf? Ein Gedanke, den viele seiner Gäste haben, wenn sie seinen Vornamen hören.

Mein Vater hat geheißen Adolf, mein Opa Adolf geheißen, der Ur-Opa hat Adolf geheißen… Meine Kinder heißen jetzt nicht mehr Adolf, aber  warum soll ich mich ändern? Ich bin doch kein Rechtsradikaler.

Ich hab mir gesagt, ich will des verkörpern, dass ich zu die Leute freundlich bin und das positiv denke, auch wenn ich Adolf heiße.

Und so, wie ich ihn wahrnehme, ist er das auch. Er ist ein toller Gastgeber, der die Gäste bunt zusammengewürfelt an den Tisch zu setzen weiß. Und der statt Wein auch Traubensaft parat hält. 

Die Menschen wieder zusammenzuführen. Und dass sie nicht getrennt sind. Und das ist ganz, ganz wichtig für mich.

Was ihm wichtig ist und was er macht, hat biblischen Charakter. Denn schon da heißt es, dass der Mensch nicht allein sein soll (Gen 2,18).

Und seine Gäste kommen immer wieder, weil sie sich bei ihm wohl fühlen. Das hört er vor allem auch dann, wenn unterschiedliche Generationen aufeinandertreffen:

Und dann kam dann auch wieder einer auf mich zu. Ein junger Mann und sagt, Sie Herr Bayer, es war so wahnsinnig, solche Leute lernt man nur bei Ihne kennen. Der alte Mann ist jetzt 85 oder 90, hat mir Geschichten erzählt vom Krieg und ich bin als Junger dagesessen und hab mit großen Ohren dem zugehört, was er erlebt hat, und Hochachtung vor den älteren Leuten, das lernt man eigentlich nur hier kennen.

Bayer hat einen Ort, in dem sich Menschen begegnen können und wo eine Gemeinschaft entsteht, wenn auch nur einen Abend lang. Was er da macht, ist für mich christlich. Hat das auch was mit seinem Glauben zu tun?

Also, ich glaube an Gott. Das ist mir damals in die Wiege gelegt worden. Und ja, ich glaube, dass sich vielleicht die Welt zum Besseren verändern wird. Ich bin jetzt nicht einer, wo jeden Tag in die Kirche geht. Für mich ist Christlich Sein Nächstenliebe. Das ist mal das erste und die Mitmenschen genauso lieben, wie einer wo jetzt gegen mich ist denn Liebich genauso wie einen, der wo für mich ist. Und Zusammenhalt. Das ist genauso christlich. Das ist für mich die Kirche eigentlich.

Dass er die Leute zusammenbringen will, klingt dann fast wie seine persönliche Mission fürs Leben. Die Leute sollen zusammenfinden und dadurch wird die Welt ein Stückchen besser. Er selbst liefert nur den Rahmen: Eine warme Stube, guten Wein oder Traubensaft und was zu essen.

Ich will einfach eine Harmonie haben, und ich kann das nicht ertragen, wenn irgendein Haß aufkommt oder wenn sie gegenüber schimpfen oder so. Es gibt so viel Menschen, wo alleine sind. Und ich sage immer:Warum bist du eigentlich alleine? Komm setzt dich an den Tisch und vielleicht kommen ja noch ein paar andere dazu. Und wenn es dann gegen Abend wird es sind die lustig gewesen. Da hat einer ne Gitarre mitgebracht und dann war das ne Gemeinschaft …

Das tut mir gut, das tut den Menschen gut und ich hoff bloß, dass viele da mal drüber nachdenken, vielleicht auch in der schlechteren Zeit, wo kommt, dass man einfach miteinander wieder viel zusammen macht.  

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22OKT2022
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Ich bin in ein Fettnäpfchen getreten. Gegenüber meinem Kollegen habe ich flapsig behauptet, der Schwabe ist geizig und teilt ungern. Dagegen hat er sich sofort gewehrt und ich habe dann auch schnell zugegeben, es sind ja nicht alle Schwaben gleich.

Ich bin im schwäbischen Ländle geboren, aber meine Eltern stammen nicht von dort und deswegen sind mir dann in der Kindheit Dinge aufgefallen, die ich als schwäbische Eigenheiten abgetan habe. Meine Eltern haben mir etwas anderes vorgelebt.

Bei mir zu Hause ist es beispielsweise üblich, dass sobald ein Gast im Haus ist, auch Essen und Trinken hermuss. Der Gast soll sich ja wohlfühlen. Das galt für alle die kamen, auch für meine Schulfreunde. Die ersten Fragen sind bei uns immer: „Was willst du trinken? Kann ich dir was anbieten?“ Und dann gibt’s was zu knabbern und zu trinken. Selbst wenn jemand Samstagmittag mitten beim Putzen vorbeischaut. Dann freuen wir uns, lassen alles stehen und liegen und kümmern uns um den Gast. Bei uns heißt es „Gast im Haus, Gott zu Haus!“.

Bei Schulfreunden habe ich das so nicht unbedingt erlebt. Manchmal musste ich erst fragen, ob ich ein Wasser haben könnte. Und das ist mir auch ziemlich unangenehm gewesen beziehungsweise ich hab mich als Kind manchmal gar nicht getraut zu fragen.

Deswegen habe ich zum Kollegen gesagt: Schwaben sind geizig und teilen nicht gern.

Und dann hat er mir vom „schwäbischen Versucherle“ erzählt, dass es bei ihm zu Hause gibt. Es ist nämlich so: Es kann schonmal vorkommen, dass man beim Nachbarn klingelt und „Hier! Nimm mal, ein Versucherle“ sagt und ihm dann zum Beispiel einen Kuchen anbietet. Einfach ein Stück von dem, was man gerade selbst in der Küche fabriziert hat. Und da geht’s dann nicht darum, dass man eine Rückmeldung möchte „Hmm, schmeckt lecker“ sondern, dass man einfach gibt, was man hat. Weil es schön ist zu teilen.

Manchmal ist es auch Marmelade, die weitergereicht wird oder Konzertkarten! Wenn man von einem tollen Konzert erfährt, dann kauft man einfach gleich ein paar Karten mehr und verteilt sie dann. Es wird einfach für andere mitgedacht und mitgesorgt. Das Schöne daran sei, meint er, an anderer Stelle käme es auch wieder zurück. Es ist ein Geben und Nehmen. „Und ein „Versucherle“ allemal“, sag ich ihm, „denn man weiß ja nie, was einen erwartet. Aber es ist ein Versuch wert, es auszuprobieren!“

Ich finde, dieses schwäbische Versucherle hat sehr viel gemein mit einer christlichen Fürsorge gegenüber dem Nächsten. Ich denke einfach für den Nächsten mit, ganz uneigennützig gebe ich etwas oder teile, was ich habe.

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21OKT2022
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Eine Freundin erzählt mir von ihrem Urlaub. Sie ist in Ávila im Herzen von Spanien gewesen und jetzt schwärmt sie mir von der beeindruckenden und gut erhaltenen Stadtmauer mit ihren Türmen. Ein Highlight bei Nacht! Und sie erzählt viel von Theresa, einer Nonne, die in Ávila kurz nach 1500 gelebt und eigene Klöster gegründet hat. Klöster mit neuen Denkanstößen für die religiöse Praxis. Und das als Frau.

Ich kenne die Heilige Theresa von Ávila. Sie hat ihre Gedanken über Gott und den Glauben in einer sehr bildhaften Sprache verfasst und war recht schlagfertig. Sie war zum Beispiel der Meinung, um Gott zu begegnen, muss man nicht asketisch leben, sondern da darf man auch genießen und sich richtig freuen. Deshalb hat sie gesagt: „Hätte Gott nicht gewollt, dass Menschen fröhlich lachen, dann hätte er die Welt nicht so herrlich gemacht.“ Ihr Weg ist damals neu gewesen und auch ein Kontrastprogramm zu dem, was sonst gelebt wurde.

Theresa lebt in einer Zeit, in der die Menschen Angst haben nach dem Tod in die Hölle zu kommen. Gott ist der strenge Richter, der am Ende entscheidet, ob man gut oder schlecht gelebt hat. Theresa hat Angst etwas falsch zu machen, betet deshalb viel und tritt ins Kloster ein. Allerdings sind viele spanische Klöster damals weniger geistliche Zentren, sondern mehr gehobene Pensionate.

Nach und nach empfindet sie die Klosterpraxis als nicht richtig und gründet ihr eigenes. Fromm runtergebetete Rituale und der bisherige Lebensstil im Kloster helfen ihr bei ihrer Suche nach Gott nicht. Sie entwickelt einen neuen Weg: Es geht nicht mehr darum etwas zu tun, sondern um loszulassen. Und: Gott wandelt sich dabei vom strengen Richter zum guten Freund, dem sie sich anvertrauen kann in allem, was sie tut.

Ich verstehe Gott ebenfalls als einen guten Freund, mit dem ich reden kann. Nur mit den Gesprächszeiten ist das so ne Sache. Meistens sprechen wir morgens oder abends.

Theresa von Ávila ist für mich da ein kleiner Stolperstein geworden, denn ich will auch zwischendurch mit Gott reden, also mitten am Tag, zum Beispiel bei der Hausarbeit. Nur denk ich nicht immer daran oder kann nicht loslassen. Aber ihr Blick hilft mir und ihre Alltagsweisheit, nämlich, dass Gott auch zwischen Pfannen und Kochtöpfen unterwegs ist.  

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20OKT2022
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Eine Reise nach Assisi in Italien, ich kann’s nur empfehlen. Mich hat das kleine umbrische Städtchen auf dem Hügel verzaubert. Es ist nur noch optisch malerisch schön, sondern ist auch die Heimat des Heiligen Franz und fast jede Ecke dieser Stadt erzählt eine kleine Geschichte aus seinem Leben. Aber der Reihe nach:

Franz lebt um 1200 und stammt aus einer wohlhabenden Tuchhändler Familie. Er hat eine gute Ausbildung gemacht und ist seitdem als Kaufmann im Geschäft seines Vaters tätig. Entsprechend gutverdienend weiß er auch, wie man Partys feiert und wie man Geld ausgibt. Es geht ihm gut und ein paar Jahre später will Franz noch mehr: Ritter sein und Ruhm und Ehre genießen. Deshalb zieht er in Kriege. Allerdings wird er gefangen genommen, krank und depressiv. Er kehrt nach Hause und beginnt sich zurückzuziehen. Gibt sich mit Bettlern und Kranken ab, tauscht sogar seine gute Kleidung mit ihnen und verteilt die guten Waren seines Vaters. Irgendwie verständlich, wenn sein Vater jetzt verärgert reagiert. Aber Franz setzt noch einen drauf: Auf dem Marktplatz von Assisi zieht er sich nackt aus und übergibt seinem Vater seine Kleidung. Er will lieber arm sein und unter dem Schutz der Kirche stehen.

Ist das nicht verrückt, alles hinzuschmeißen, was man hat, für nichts? Es klingt für mich nach einer Sinn-Suche. Ein Bekannter von mir, der im Job ziemlich erfolgreich gewesen ist, hat mit Ende Zwanzig nach einem Burnout sein komplettes Eigentum verkauft, um dann wegzufahren und ne Pause zu machen. Es ist also gar nicht mal so abwegig und altbacken, was Franz damals getan hat.

Und seine Geschichte geht weiter: Franz gründet einen Bettelorden. Er beruft sich auf die Bibel und will ein einfaches Leben ohne Besitz und in Einklang mit der Natur leben. Und er geht weiter, er will, dass der Papst diesen Orden anerkennt. Das ist sicherlich nicht einfach, denn der Papst strebt nach wirtschaftlichen und politischen Einflüssen, in einer Kirche, die zerrissen ist und in der es viele Streitereien gibt. Ein starker Kontrast zu dem, was Franz möchte. Er möchte sich nicht abspalten von der Kirche, sondern innerhalb der Kirche neu orientieren. Und er schafft es und überzeugt den Papst.

Dieser Franz zeigt, dass es möglich ist, sich als kleiner gläubiger Mensch den Großen kritisch, aber auch konstruktiv mit Erfolg entgegenzustellen.

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19OKT2022
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Dich schickt doch der Himmel! Das habe ich mir gedacht, als mir folgendes passiert ist: Mein Tag bei der Arbeit ist alles andere als prickelnd verlaufen. Der Computer wollte nicht, Besprechungen wurden verlegt und Abgabetermine vorgezogen. Ein Chaos vorne und hinten, ich bin viel zu spät aus dem Büro gekommen.

Und dann musste ich auch noch rennen, damit ich meinen Zug erwische. Wenigstens habe ich ihn erreicht. Ich bin eingestiegen und schon ist er losgefahren. Ich setze mich auf den letzten freien Platz in einem Vierer-Bereich neben drei älteren Frauen und atme erstmal durch. Nur um dann festzustellen, dass ich gar kein Ticket gelöst hab und meinen Geldbeutel auch noch im Büro vergessen habe. Aber wenn es läuft, dann läuft es. Denn zu allem Überfluss kommt keine fünf Minuten später ein Fahrkartenkontrolleur vorbei.

Ich bin fix und fertig. Erschöpft, voller Frust und jetzt leicht panisch. In Gedanken versuche ich mir Worte zu Recht zulegen, die meine Situation beschreiben und hoffe, dass mir der Kontrolleur glauben wird. Und dann werde ich beim Denken unterbrochen. Denn die Frau neben mir beugt sich plötzlich zu mir rüber und flüstert mir zu: „Sie können auch bei uns mitfahren, wir haben ein Ticket für 5 Personen.“

Das gibt’s doch nicht. Dich schickt doch der Himmel! Da sitzt doch tatsächlich jemand neben mir, der anscheinend gemerkt hat, was mit mir gerade los ist und will mir aus der Patsche helfen. Ich bin sprachlos und alles, was ich hervorbringe, ist ein Einfaches „Danke“. Ich bin so erleichtert.  

„Dich schickt der Himmel“– diesen Satz habe ich in meinem Leben schon mehrfach sagen können. Für mich ist das ein Hinweis dafür, dass es diesen Himmel geben muss. Den Himmel, in dem ein Gott zu Hause ist, der es gut mit uns Menschen meint. Und deshalb lässt er uns auch das immer wieder über kleine Botschaften spüren: Wir sind nicht allein. Nämlich dann, wenn sich zum Beispiel Menschen für andere einsetzen, die geflüchtet sind. Dann, wenn Menschen anderen Menschen beistehen, die etwas oder vielleicht sogar alles verloren haben. In ungewöhnlichen Situationen, wenn Menschen keinen Ausweg sehen oder auch dann, wenn es gar nicht erwartet wird, wie beispielsweise bei meiner Begegnung im Zug. Und dann spielt es auch keine Rolle, ob man sich kennt oder nicht. Was zählt ist wachsam sein und zusammenzuhalten!

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18OKT2022
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Die Italiener nennen ihn den „guten“ Papst: Johannes XXIII. Er ist der Sohn eines einfachen Landarbeiters und knapp fünf Jahre Papst gewesen, 1958 – 63. Er soll bescheiden und volksnah gewesen sein. Jetzt im Oktober ist sein Gedenktag.

Papst zu sein stelle ich mir nicht einfach vor, vor allem nicht in diesen Zeiten. Und so hat wohl auch Johannes XXIII. großen Respekt vor diesem Amt gehabt. Womöglich konnte er deshalb zu Beginn eine Zeitlang nicht schlafen. Eines nachts soll ihm dann ein Engel gesagt haben: „Nimm dich nicht so wichtig, Johannes!“ – von da an ging das besser mit dem Schlafen. Denn Johannes XXIII. hat sich diesen Satz zu Herzen genommen und losgelassen. Inzwischen ist dieser Satz für ihn berühmt geworden. „Nimm dich nicht so wichtig, Johannes“. Es geht um Demut. Dass ich mich selbst zurückzunehme und trotzdem den Mut und Engagement aufbringe, um meine Aufgaben zu erledigen.

Und dieser Papst ist in meinen Augen nicht nur demütig, sondern auch mutig gewesen, wenn nicht sogar ein kleiner Revoluzzer. Er hat nämlich überraschend das Zweite Vatikanische Konzil einberufen. Eine Versammlung der Kirchenobersten, um frischen Wind in die Kirche zu bringen. Grundsätze der Kirchenlehre sollten hier aktualisiert und damit an die Gegenwart angepasst werden.

Und das ist tatsächlich auch in einigen Punkten gelungen: Die Versammlung hat beispielsweise die Menschenrechte der Vereinten Nationen anerkannt und auch die Religionsfreiheit. Im Gegensatz zum bisherigen religiösen Absolutheitsanspruchs der Katholischen Kirche ist das ein Novum.

Und sie hat Mann und Frau als in der Gesellschaft gleichberechtigt anerkannt. Gut, als Frau muss ich sagen, da ist immer noch viel Luft nach oben! Allein in der Ämterfrage innerhalb der Kirche. Aber, dass die Kirche den Frauen die gleichen Rechte in der Gesellschaft zuspricht und sie als selbstbestimmend wahrnimmt ist immerhin ein erster und wichtiger Schritt und auch ein Konter zu dem Bild, dass Frauen hinter den Herd gehören. Es ist ein Zeichen, wenn auch ein kleines.

Innerhalb seiner kurzen Amtszeit hat Johannes XXIII. einiges in dieser alten Katholischen Kirche angestoßen und das sicherlich nicht ohne Gegenwind.

 „Der gute Papst“ – für mich ein sehr mutiger Mann, der gewusst hat, sich selbst bei allem nicht zu wichtig zu nehmen. Vielleicht das Geheimnis seiner Erfolge.

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17OKT2022
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Ich liege noch im Bett. Draußen ist es dunkel und der Wecker hat gerade geklingelt. Bald wird es heller, ein neuer Tag beginnt und meine Woche startet. Schon jetzt weiß ich: sie wird ganz schön voll. Da ist eine Konferenz, bei der ich ein paar Kolleginnen und Kollegen treffe, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Dafür gibt es einiges vorzubereiten. Und meine Familie hält mich auch auf Trab: Ein Geburtstag und ein Kinderfest sollen endlich nachgeholt werden. Die Erinnerung an den Todestag meines Onkels, sie wird mich sicherlich traurig stimmen. Und dazu: Corona geht gerade rum, es hat auch uns erwischt und wir hoffen, es bleibt nichts zurück. Trauer, Sorgen und Glücksgefühle, alles kommt in dieser Woche zusammen. Bunter und dichter geht das Leben wirklich nicht. Und wer weiß, was noch dazu kommt.

Ich atme tief durch. „Gott, bitte lass mich diese Woche heil und gut überstehen.“ Heil, weil ich schon jetzt innerlich angespannt bin, weil es so viel ist. Und „gut“, weil gerade so viele unterschiedliche Gefühle in mir unterwegs sind. Ich will nicht nur traurig oder sorgenvoll sein, sondern mich auch freuen. Am liebsten so, dass ich nicht weiß wohin mit all meiner Freude. Und ich möchte meine Aufgaben gut erledigen und damit am Ende zufrieden sein.

„Gott, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Dieses kleine Stoßgebet hilft mir tatsächlich schon am Morgen. Dann fühle ich mich nicht mehr so sehr unter Druck. Und kann dem Tag und der neuen Woche gelassen entgegenblicken. Ich weiß, ich darf mich Gott jederzeit neu mitteilen und ihm Trauriges und auch Schönes in die Hände legen. Ich kann ihm etwas abgeben von dem, was mir zu viel ist. Ich vertraue darauf, dass er da ist und mir zuhört. Das tröstet und stärkt mich. Und dann schaffe ich es viel leichter, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen.

Nach dem Stoßgebet stehe ich auf. Ich habe ein kleines Ritual für mich gefunden, das mir hilft, wirklich positiv in den Tag und die Woche zu starten: Was auch immer heute auf mich zukommt, das Erste, was ich an diesem Tag mache, ist hüpfen, mindestens dreimal. Das macht mich nicht nur körperlich munter, sondern auch fröhlich. Man kann nämlich nicht negativ denken, wenn man hüpft. Probieren Sie es aus!

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24SEP2022
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Ist das nicht zu viel? Beinahe jeden Tag sehe ich Werbung über neue Produkte. Es kommt so viel neues hinzu, so, dass ich mich frage: Wäre es nicht besser, weniger zu produzieren und weniger „neu“ zu kaufen?

Angefangen von besonders toller Bio-Kinderkleidung, über neue plastikfreie Trinkflaschen bis hin zum Rucksack bestehend aus 100% recyceltem Plastik, gesammelt im Meer. Alles ist neu und besser und vor allem ist alles der Umwelt zuliebe produziert.

Nicht falsch verstehen, ich finde es toll, dass sich Menschen Gedanken über die Umwelt machen und versuchen auf Plastik zu verzichten oder es eben wiederverwerten. Aber ich frage mich gleichzeitig auch: Haben wir nicht schon zu viele Produkte auf dem Markt? Und nicht nur auf dem Markt, sondern auch zu Hause?

Beispiel Rucksack: Ich weiß nicht, wie viele Rucksäcke und Taschen ich schon besessen habe. Aber eindeutig zu viele. Bis zur fünften Klasse hatte ich einen Schulranzen. Aber dann kamen mehr Rucksäcke und auch Taschen hinzu. Mal was für den Sport, mal was für den Urlaub, für die Freizeit, mal groß, mal klein … - einfach für jede Gelegenheit. Und tragen konnte ich ja dann doch immer nur eine Tasche oder einen Rucksack. Inzwischen hab ich angefangen auszumisten und Dinge weiterzugeben, weil ich schlichtweg zu viel davon habe. Neues brauche ich da eigentlich, wenn ich ehrlich bin, nicht.

Und ich vermute mal, dass es anderen genauso geht. Dass bei anderen unglaublich viele tolle Dinge in Schränken, Kisten und Ecken rumliegen. Auf Dachböden, in Abstellkammern oder Kellern. Manchmal nur ein, zweimal getragen oder benutzt und dann nie wieder. Während die Werbung vorgaukelt: Es braucht noch mehr. Eigentlich Blödsinn und ist doch schade für die guten Sachen, finde ich.

Es wäre doch mal ein echt nachhaltiger Konsum, wenn erstmal das aufgebraucht wird, was schon da ist. Es muss doch nicht immer alles neu gekauft werden!

Auch hier nicht falsch verstehen: Ich darf mir auch mal etwas Neues gönnen. Aber vielleicht ist es nicht jedes Mal sinnvoll. Ich kann auch bewusster einkaufen und schauen, ob ich nicht bei Gebrauchtmärkten fündig werde. Einfach der Umwelt zuliebe. Die Ressourcen dieser Erde können nicht ewig für neue Produkte abgeschöpft werden. Aber das, was ohnehin schon zu viel da ist, das kann ich teilen und weitergeben.

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23SEP2022
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Ist Gott logisch oder unlogisch? Wenn er unlogisch ist, wie kann ich dann an ihn glauben? In dem Buch „Oskar und die Dame in Rosa“, fragt sich das ein Zehnjähriger. Éric Emmanuel-Schmitt beschreibt das aus der Sicht eines Kindes wunderschön.

Der kleine Oscar steht nämlich in einer Kapelle und bekommt einen Schreck: Jesus hängt am Kreuz. So hat er sich den Sohn Gottes nicht vorgestellt. Jemand von göttlicher Abstammung, der muss doch stark sein. Der lässt sich doch nicht an ein Kreuz nageln und stirbt dann? Das geht nicht in seinen Kinderkopf rein.

Neben Oskar steht die Dame in Rosa. Er fragt sie, ob sie so einem gekreuzigten Gott vertrauen kann? Wie soll denn so einer einen beschützen? Sie antwortet ihm: „Oskar, wem fühlst du dich näher? Einem Gott, der nichts fühlt, oder einem Gott, der Schmerzen hat?“

Und das ist für Oskar ein wichtiger Punkt, denn er ist unheilbar an Leukämie erkrankt, das hat er von den Ärzten aufgeschnappt. Und weil seine Eltern es nicht schaffen mit ihm zu sprechen, vertraut er sich der Dame in Rosa an. Die gibt ihm den Tipp, sich Gott in Briefen mitzuteilen und ihm von dem, was er fühlt, und denkt zu berichten. Auch wenn Oskar Probleme damit hat, an Gott zu glauben, lässt er sich darauf ein und erlebt überraschende Einsichten, wie eben diese:

Gott ist nicht nur stark, mächtig und gut, er kann sogar leiden und Schmerzen haben. Noch dazu freiwillig. Denn mit Sicherheit wäre es ein leichtes für Jesus gewesen, sich zu wehren und damit nicht am Kreuz zu sterben. Aber er hat es getan.

Und damit zeigt Gott, er weiß wirklich um alles auf der Welt Bescheid. Gott kennt unsere Welt bis ins kleinste Detail. Er hat nicht nur Freude und Leid geschaffen, sondern er kann sie auch fühlen. Mit Jesus hat uns Gott gezeigt, dass er ein Gott ist, der weiß, was es heißt zu leben. Er ist ein einfühlsamer Gott.

Diese Einsicht von Oskar ist auch etwas, das mir gut tut. Denn wenn es mir schlecht geht und ich mich an ihn wende, dann weiß ich, dass da einer ist, der mich versteht. In meinen Sorgen und Ängsten bin ich niemals allein. Sogar, wenn ich eines Tages sterben sollte. Weil Jesus nämlich am Kreuz gestorben ist.

Bei so einem Gott kann ich mich geborgen und aufgehoben fühlen. Und so einem Gott will ich vertrauen. Ein Gott der Schwäche gezeigt hat, ist ein starker Gott. Daran glaube ich.

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22SEP2022
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„Wenn es menschelt.“ – Das antworte ich gern, wenn mich jemand fragt, was mein Leben reicher macht. „Wenn es menschelt!“ Manchmal schaue ich dann in fragende Gesichter und dann erkläre ich, dass das Wort zwar ungewöhnlich klingt, fast schon wie ein Kunstwort, es aber am Besten beschreibt, was ich ausdrücken möchte.

Beim Menscheln, geht’s für mich um etwas sehr Positives, das zwischen Menschen entsteht. Es ist eine Mischung aus dem, was Menschen sind und was sie füreinander oder miteinander tun. Nichts anderes als das pure Menschsein spielt dabei eine Rolle.

Etwa sowie das, was ich auf einer Reise durch Rumänien erlebt habe. Ich bin dort alleine rumgereist und habe öfters mal Probleme gehabt, mich zu verständigen. Ich spreche kein Rumänisch und Englisch sprechen dort scheinbar nicht sehr viele Menschen, weshalb es manchmal einfach schwierig gewesen ist sich zu verständigen.

Aber immer dann, wenn’s sprachlich nicht weiterging, habe ich viele schöne Momente erlebt. So z.B. diesen: Ich sitze im Zug neben einer älteren Dame. Sie am Gang, ich am Fenster. Da die Sonne kräftig scheint, will ich den Vorhang zuziehen, vorher aber nochmal die Dame höflich fragen, ob es auch für sie in Ordnung ist. Für sie wohl das Stichwort munter auf Rumänisch los zu plappern. Ich hab nichts verstanden. Mit Händen und Füßen haben wir aber dann irgendwie ein Schein-Gespräch geführt und uns dabei immer wieder zugelächelt. Eine absurde Situation, aber irgendwie auch nett.

Und dann packt sie einen Apfel aus, halbiert ihn und reicht mir eine Hälfte. Einfach so.

Ich habe zwar ihre Worte nicht verstanden, dafür ist ihre Einladung zum Apfelessen einfach unmissverständlich. Das ist für mich ein Moment des Menschelns. Es ist völlig egal, welche Sprache ich spreche, woher ich komme und wohin ich will. Wir sind einfach zwei Menschen, die nebeneinandersitzen und etwas Zeit miteinander verbringen. Und auch wenn wir uns nicht mit Worten verstehen können, haben wir ein Gespür füreinander und sind uns symphytisch. So sehr, dass da sogar etwas Fürsorge bei der Frau entsteht.

Und darum geht’s für mich auch. Menscheln heißt für mich, dass es bei einer Begegnung in erster Linie darum geht, dass ich den Menschen sehe, so wie ich auch einer bin. Und dass ich dann einfach für jemand anderen mitdenke und ihm etwas Gutes tue, dass ich mir jetzt auch tun würde. Dabei ist es völlig egal, wer wir sind.

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