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SWR Kultur Wort zum Tag
„Sieht das nicht großartig aus?“, fragt mich einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter mit zufriedener Miene. Er gehört zu einer großen Gruppe rüstiger Rentner, die in den letzten Tagen 24 alte Tische aus dem Kirchenkeller hochgeschleppt haben. Für die Vesperkirche. Und er fährt fort: „Die ganze Kirche sieht aus wie neu!“
Meint er das ernst? Ich schaue genauer hin: Denn in unserem Kirchenraum ist gar nichts neu. Hier stehen dieselben alten Tische, die wir schon seit Jahren nutzen. Manche sind an den Ecken ziemlich angeschlagen. Und die Stühle wurden auch nicht erneuert. Wir haben sie einfach nur abgewischt und umgestellt. Es ist dasselbe alte Mobiliar, das nur ein wenig verrückt wurde.
Aber andererseits, denke ich mir, hat der strahlende Rentner vor mir doch Recht. Irgendwie ist alles wie neu. Denn alles ist so verrückt worden, dass es Teil einer neuen Ordnung ist. Die alten Tische und die alten Stühle finden so zusammen, dass sie einen neuen Raum eröffnen. Auf einmal können wir an ihnen ein Fest des Lebens feiern.
Morgen beginnt bei uns in Ludwigsburg die Vesperkirche. Drei Wochen lang werden jeden Tag hunderte von Menschen in die Friedenskirche strömen, um Speise für Leib und Seele zu bekommen. Leckeres Essen mit Suppe, Hauptgang und Nachtisch. Ein freundliches Lächeln beim Servieren. Eine warmherzige Nachfrage, die genauso guttut wie der heiße Kaffee zum Abschluss. Von morgen an feiern wir hier drei Wochen lang an alten Tischen und Stühlen. Und ja, die ganze Kirche sieht dabei aus wie neu.
Mir kommt die Jahreslosung in den Sinn: „Siehe, ich mache alles neu“, sagt Gott zu uns. Und vielleicht heißt das nicht: dass Gott uns ganz viele neue Stühle und Tische schenkt. Und ganz viele neue Freundschaften und Beziehungen. „Siehe, ich mache alles neu“: vielleicht heißt das ja auch: Gott nimmt die alten Stühle und Tische. Auch die, die schon ein bisschen angeschlagen sind. Und Gott nimmt die alten Freundschaften und Beziehungen. Auch die, die schon ein wenig eingerostet sind.
Gott nimmt diese alte Welt, pustet ein wenig den Staub von ihr ab und ordnet sie neu an. Er verrückt sie ein wenig. Gott verrückt die Welt – die angeschlagenen Tische in der Vesperkirche. Das Mobiliar in meinem Wohnzimmer. Und die alten Freundschaften in meinem Leben. Gott hilft, dass sie in einer anderen Ordnung zusammenfinden. So dass vielleicht – ein neues Fest des Lebens beginnt.
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Es waren einmal zwei junge Mönche, die sich mit großer Freude den verschiedenen Aufgaben ihres Mönchslebens widmeten: dem gemeinsamen Beten und dem Kartoffelschälen in der Küche. Und vor dem Schlafengehen gingen sie oft noch in die Klosterbibliothek, um in den alten Büchern zu lesen und von der Weisheit der früheren Mönchsgenerationen zu lernen.
Eines Abends stießen sie in der Bibliothek auf ein wunderschön eingebundenes Buch, und in dem Buch stand das Folgende: „Ganz am Ende der Welt gibt es einen Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren. Dort bist Du Gott wahrhaft nahe. An diesem geheimnisvollen Ort ist eine Tür. Und wenn du an diese Tür klopfst und durch sie hindurchgeht, bist du schon mitten in Gottes Reich.“
Da beschlossen die beiden jungen Mönche, diesen Ort zu suchen. Und sie versprachen einander, nicht umzukehren, ehe sie ihn gefunden hätten.
Sie durchwanderten die weite Welt. Sie bestanden unzählige Gefahren und erlitten alle Entbehrungen, die eine Wanderung durch die ganze Welt mit sich bringt.
Schließlich fanden sie den Ort, den sie suchten. Sie klopften an die Tür und sahen mit bebendem Herzen zu, wie sich die Tür öffnete. Und als durch die Tür hindurchgingen: Da standen sie zu Hause in ihrer eigenen Klosterzelle und sahen sich gegenseitig überrascht an.
Ja, der Ort, an dem du Gott findest, liegt nicht am Ende der Welt. Er ist hier, direkt vor deiner Nase. In dir drin und direkt um dich herum. Du musst nur die richtige Tür finden und durch sie hindurchgehen – dann bist du Gott ganz nahe.
Wozu aber dann der ganze Aufwand? Wozu die ganze Welt durchmessen? Kann ich mir die Reise nicht sparen und gleich zuhause bleiben? Unsere Geschichte von den zwei Mönchen sagt: Nein, das geht nicht. Wenn Du zuhause bleibst, kommst Du nicht wirklich bei Dir selbst an. Denn erst wenn Du losgehst, erfährst Du, wer Du bist. Erst in den Begegnungen mit anderen entdeckst Du Dich selbst. Und erst auf den Wegen ins Fremde wird Dir klar, was Dir zuhause wirklich wichtig ist. Und was Dich trägt.
Und so mache ich mich heute Morgen auf. Ich beginne die Wege zu gehen, die dieser Tag für mich bereithält. In der Hoffnung, dass ich am Abend mir selber ein bisschen nähergekommen bin. Mir selber – und auch Gott. Der mir immer schon ganz nahe ist.
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Mit den neuen Kopfhörern auf dem Kopf sehe ich aus wie ein Eichhörnchen. Trotzdem bin ich sehr glücklich, dass ich die chicen Teile zum Geburtstag bekommen habe. „Over ear“ heißen sie und gehen sichtbar über den ganzen Kopf. So kann jetzt jeder sehen, was ich gerade mache: Musik hören.
Mit diesen Kopfhörern habe den Eindruck, dass ich meine Musikstücke völlig neu höre. Oder: dass es völlig neue Stücke sind, die ich da höre. Bei klassischer Musik nehme ich das erste Mal die Bratschen wahr. Und diese Paukenschläge, waren die schon immer mit dabei? Mit diesen Kopfhörern kann ich so zuhören, dass sich mir eine ganz neue Welt eröffnet: eine Welt voller Tiefe und Schönheit.
Das funktioniert alles nur, weil diese Kopfhörer eine eigene Technik haben. Sie wehren die Geräusche der Außenwelt aktiv ab. Aktive Geräuschunterdrückung heißt das, auf Englisch: „Active Noise Cancelling“. Die Welt bleibt draußen, und gerade so öffnet sich für mich ein ganz neuer Kosmos. Was für ein Segen in all dieser Reizüberflutung heutzutage, denke ich: nur so kann ich mich auf das konzentrieren, was mir gerade wichtig ist.
Selbst in der S-Bahn funktioniert die aktive Geräuschunterdrückung tadellos. Und ich bin nicht allein: Ich sehe, dass auch viele andere Menschen solche Kopfhörer tragen. Ich nicke dem jungen Mann mir gegenüber freundlich zu. Und ich merke, wie in mir der Wunsch aufkommt, mit ihm zu reden. Wie nett wäre es doch jetzt, mit ihm über unsere Goldstücke zu fachsimpeln. Aber er reagiert nicht. Er ist ganz in sein eigenes Hören versunken. So sitzen wir nebeneinander. Getrennt durch das gleiche Gerät, dessen Besitz uns auch verbindet.
Nach einer Weile nehme ich meine Kopfhörer ab. Ich bin überrascht, wie viele Geräusche auf einmal an mein Ohr dringen. Der junge Mann mir gegenüber summt fröhlich vor sich hin. Vielleicht hört er gerade sein Lieblingslied. Und die beiden jungen Schulmädchen auf den Sitzen auf der anderen Seite kichern so ausdauernd, dass auch ich anfange zu lächeln.
Ich überlege mir: Wenn ich heute in meinen Tag hineingehe: Wann will ich auf welche Weise zuhören? Wann höre ich nur auf mein Gegenüber? Unterdrücke aktiv alle anderen Geräusche und begebe mich ganz in seinen Kosmos? Und wann horche ich hinein in die weite Welt, um das Summen und Kichern allüberall nicht zu verpassen?
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Selten habe ich einen Menschen getroffen, der mich so beeindruckt hat wie sie. Einen Menschen, dessen Kraft und dessen Bereitschaft zur Versöhnung mich aufrüttelt und bewegt. Die Rede ist von der christlichen Palästinenserin Sumaya Farhad Naser. Seit 40 Jahren setzt sie sich unermüdlich für die Versöhnung zwischen Palästinensern und Israelis ein. Man traut ihr diese Kraft erst einmal gar nicht zu, denn sie ist höchstens 1,60 groß. Aber ihre innere Größe ist unermesslich.
Sumaya erzählt: Da sitzen sie in einem Stuhlkreis zusammen, drei israelische Jüdinnen und vier Palästinenserinnen aus dem Westjordanland. Drei davon sind Muslima, und eine ist Christin: sie selbst. Schon dass diese sieben Frauen in einem Raum zusammensitzen, ist ein riesengroßer Schritt für alle Beteiligten. Und etwas, wofür sie in ihrer Umgebung stark angefeindet werden. Das umso mehr, weil Sumaya die Frauen ermutigt, von ihren Erfahrungen zu erzählen. Langsam und vorsichtig erzählen die Palästinenserinnen von ihren täglichen Demütigungen. Dem langen Warten an den Checkpoints. Und von den vielen, vielen Toten, in jeder Familie. Und die Jüdinnen erzählen von der ständigen Bedrohung, in der sie sich befinden. Und dem großen Trauma, das der 07. Oktober ausgelöst hat. Sieben Frauen, die einander von ihren inneren und äußeren Verletzungen erzählen. Die einander zuhören und anfangen, einander zu verstehen. Versöhnungsarbeit in kleinsten Schritten, gegen größten Widerstand.
Einmal im Jahr reist Sumaya nach Deutschland, um von ihrer Friedensarbeit zu erzählen. So kam sie auch zu uns nach Ludwigsburg. Gemerkt habe ich mir ihre drei Prinzipien. Diese sind zutiefst christlich und zutiefst menschlich. Sie öffnen allererst den Raum, in dem Versöhnung stattfinden kann.
Alle Menschen sind gleich. Egal ob Jude, Christ oder Muslima: Alle sind gleichermaßen Menschen. Aber zugleich gilt, als zweites Prinzip: Alle Menschen sind verschieden. Auch innerhalb einer Nationalität und innerhalb einer Religionsgemeinschaft hat jeder seine eigenen Probleme und Freuden, seine eigenen Fehler und Begabungen. Am wichtigsten ist Punkt drei: Alle Menschen haben einen wunderbaren Diamanten in sich. Jeder Mensch hat diesen inneren Diamanten: jede unterdrückte Frau, jeder Mensch im Gefängnis, aber auch jeder Gewalttäter.
Sumaya hält unbeirrt daran fest: Es ist unsere Aufgabe, sich jeden Morgen dem Diamanten in uns zuzuwenden. Um von ihm her zu leben, nicht von all dem Schmutz, den es auch gibt in uns und um uns herum. Dadurch können wir den Diamanten im anderen Menschen erkennen. Und ihn zum Leuchten bringen, jeden Tag.
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Heute ist mein großer Tag. Denn am 11.11. ist St. Martins-Tag, und ich freue mich wieder, dass ich nach diesem berühmten Heiligen benannt bin. Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Er ritt an einem Mann vorbei, der im Schnee saß und vor Kälte zitterte. Martin nahm das Schwert, teilte seinen Mantel und gab die eine Hälfte dem Bettler. Auch wenn die Aktion in modischer Hinsicht ein Verlust war, war sie in praktischer ein Gewinn: Am Ende war beiden warm.
Auch später, als Martin längst Bischof geworden war, hat er sich anrühren lassen von den ganz konkreten Bedürfnissen der Menschen. Ein ganzer Kranz an Legenden rankt sich um ihn, und eine davon spricht mich besonders an:
In Tours, der Stadt des Bischofs Martin, herrscht große Not. Denn der Regen ist ausgeblieben und die Felder sind verdorrt, so dass die Menschen hungern. Tag für Tag kommen sie zu Martin und bitten ihn um Hilfe. Um ein Stück Brot und um Hoffnung. Martin ist längst klar: Hier geht es ums nackte Überleben.
Da hört Martin, dass unten am Fluss ein Schiff liegt, schwer beladen mit Getreide. Martin geht zum Hafen und sieht das Schiff: Die Säcke sauber gestapelt, die Matrosen geschäftig, der Kapitän misstrauisch.
„Ich bitte euch“, sagt Martin, „gebt uns etwas von eurem Korn. Die Menschen verhungern. Ihr werdet den Verlust nicht spüren, aber ihr rettet Leben.“
Der Kapitän schüttelt den Kopf. „Das Korn gehört uns nicht selbst. Wir fahren im Auftrag des Königs. Kein Sack darf fehlen.“ Martin antwortet ruhig: „Wenn ihr teilt, wird Gott euch nicht ärmer machen, sondern reicher.“
Doch die Männer weigern sich. Nur einer, ein junger Schiffer, kann Martins Bitte nicht vergessen. Heimlich füllt er einige Säcke ab und bringt sie in die Stadt. Martin verteilt das Korn an die Hungrigen, und alle überleben.
Als das Schiff später im Zielhafen ankommt, zählt der junge Schiffer die Ladung – und staunt: Kein Korn fehlt. Im Gegenteil: Die Laderäume sind voller als zuvor. Das, was er gegeben hatte, ist vermehrt zu ihm zurückgekehrt.
Diese Geschichte ist meine Lieblings-Martins-geschichte, weil sie mir zeigt: Oft ist Teilen gar kein Verlust. Oft ist Teilen ein Weg, durch den sich etwas vermehrt: Brot, Liebe, Zusammenhalt. Und das, was ich gebe, kehrt oftmals auf Umwegen und vermehrt zu mir zurück.
Deshalb gefällt mir mein Name: Martin. Einer der, weiß, dass wir durch Teilen gewinnen.
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Einen Tag später als im restlichen Deutschland versammeln wir uns heute um 18.00 Uhr auch in Ludwigsburg Auf einem großen, leeren Platz in der Mitte der Stadt. Bis zum 10.November 1938 hat hier die Synagoge gestanden. Dann ist sie von den Nazis abgebrannt worden.
Und das kam so: Am 09. November 1938, der Reichspogromnacht, waren die Nazis in Ludwigsburg sturzbetrunken. So, wie sie es oftmals waren in den wilden Zeiten des 3. Reiches. Sie waren dermaßen betrunken, dass sie das Klingeln des Telefons nicht gehört haben. Wären sie dran gegangen, hätten sie aus Berlin den Auftrag erhalten, „spontan“ die Synagoge anzuzünden. Das war die perfide Idee aus der Reichshauptstadt. Aber nicht überall im Land kam der Aufruf an. In Ludwigsburg blieb am Abend des 9. November 1938 alles friedlich.
Ein trügerischer Frieden. Denn leider haben die ausgenüchterten Nazi-Trupps am nächsten Tag zur Mittagszeit alles nachgeholt, was sie in der Nacht verpasst haben. Sie haben die Synagoge in Brand gesteckt und dabei wirklich an alles gedacht – auch an die Feuerwehr. Die war vor Ort und hat mit Wasser gespritzt. Allerdings nur, um die Nebengebäude zu schützen, nicht, um die Synagoge zu retten.
Und so werden wir uns heute Abend auf dem großen leeren Platz versammeln, auf dem die Synagoge damals gestanden hat. Heute, einen Tag später als sonst überall in Deutschland. Und ich werde mir denken: Die Nazis, der Extremismus, der Faschismus – das ist vor 80 Jahren nicht einfach über die Ludwigsburger gekommen wie ein Schicksal, wie eine unabänderliche Übermacht. Vielmehr waren es ganz konkrete Umstände und Handlungen, die zum Bösen führten.
Was, wenn die Leute damals mit dem einem Tag Verzögerung bemerkt hätten, was für ein Wahnsinn sich am Abend vorher im ganzen Land abgespielt hatte? Was, wenn sie zur Besinnung gekommen wären? Was, wenn sie die selbst verschuldete Verzögerung genutzt hätten, um ihre Synagoge zu retten?
Sie haben es nicht getan. Aber wir können es heute tun. Anders handeln, ganz konkret. Um dem Bösen in so konkreter Gestalt entgegenzutreten, wie es sich damals in Ludwigsburg ereignet hat. Wir können nicht mitmachen, wenn wieder Menschen ausgegrenzt werden. Wenn ihre Rechte beschnitten werden. Wir können widersprechen, wenn ein Mensch beleidigt wird. Und wir können die leeren Plätze, auf denen einst die Synagogen standen, füllen mit unserem Widerstand.
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Ein Mann mittleren Alters fliegt von Frankfurt nach Kathmandu. Er beginnt, durch Nepal zu wandern – auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens. Nach einigen Tagen erreicht er ein buddhistisches Kloster und klopft an die Eingangspforte. Ein Mönch öffnet: „Sie wünschen?“ „Darf ich bitte einige Monate bei Ihnen mitleben? Ich bin auf der Suche nach dem Sinn meines Lebens.“ Der Mönch antwortet: „Tut mir Leid – wir sind voll belegt.“ Aber der Mann bleibt hartnäckig: „Darf ich nicht wenigstens einige Tage bei Euch bleiben?“ „Nun gut, kommen Sie herein.“ – „Herzlichen Dank! Und was soll ich jetzt machen?“ „Stellen Sie Ihr Gepäck ab, nehmen Sie den Besen da drüben und fegen Sie uns den Hof.“ „Sehr gern – und dabei entdecke ich dann den Sinn meines Lebens?“ „Diese Frage kann ich nicht für Sie beantworten“, sagt der Mönch, „aber wir haben dann wenigstens einen sauberen Innenhof.“
Ich mag diese Geschichte, weil sie mich anregt, weiterzudenken. Was meint der Mönch, wenn er sagt: „Ich kann diese Frage nicht für Sie beantworten, aber nehmen Sie doch schon mal einen Besen in die Hand“ – Meint er: „Ach, Ihr Westler mit Euren Fragen nach dem Sinn des Lebens – das sind doch reine Luxusprobleme! Im Rest der Welt geht es erst einmal darum, überhaupt einen sauberen Innenhof zu haben – das braucht es wirklich im Leben!“
Die Antwort des Mönchs könnte aber auch bedeuten: „Ja, die Frage nach dem Sinn des Lebens haben wir alle. Aber eine Antwort erreicht uns oft ganz anders als Du denkst. Denn Du fragst nach dem Sinn Deines Lebens. Der Sinn Deines Lebens aber liegt im ‚wir‘. Und der Weg dahin geht nicht über weite Reisen oder langes Philosophieren. Der Weg dahin geht über die konkrete Tat. – Hier liegt ein Innenhof, voller Dreck. Und dort drüben steht ein Besen. Tu also das Naheliegende. Nimm den Besen, fege den Innenhof. So fängt es an. Dann haben wir alle einen Ort, an dem es wieder möglich, sich zu begegnen. So erleben wir gemeinsam den Sinn von unseren Leben.“
Ich selbst war noch nie in Kathmandu. Aber auch ich träume gelegentlich davon, in einer möglichst exotischen Ferne meinem Lebenssinn zu entdecken. Und ich philosophiere gern. Den Besen in der Ecke übersehe ich da manchmal. Aber vielleicht greife ich heute mal zu. Vielleicht schaffe ich es, mich mit jedem Besenschwung hineinzufegen in den Sinn unseres Lebens?
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„Ich glaube fest, dass alles anders wird“ - immer wieder singen wir bei uns im Gottesdienst dieses Lied aus dem württembergischen Regionalteil des Gesangbuchs. Seine Melodie ist ein richtiger Ohrwurm für mich geworden. Das gilt auch für seinen Text, der mein Herz berührt. Wie soll ich das dann nennen – ist der Text dann ein „Herzwurm“ für mich?
„Ich glaube fest, dass alles anders wird“: Mich berührt dieser Text auch deshalb, weil ich die Lebensgeschichte seines Autors kenne. Und daher weiß, dass dieser Satz nicht leicht dahingesagt ist. Es ist kein naiver Text, sondern ein Text voller Trotzkraft. Ein großes Dennoch, das Dennoch des Glaubens.
Der Autor heißt Oscar Romero. Er stammt aus Mittelamerika, aus El Salvador. Oscar Romero hat ein erstaunliches Leben gehabt. Er wurde 1917 in eine arme Familie hineingeboren. Bald wurde ihm klar: „Ich werde Priester“. Er wurde zum Studieren nach Rom geschickt und kehrte dann zurück nach El Salvador. Erst war er dort Priester, dann Bischof, und zuletzt, 1974, wird er Erzbischof – der stille Junge aus einer kleinen Familie ist zum höchsten Katholiken des Landes geworden.
Und dann beginnt das, was viele „das Wunder Romero“ nennen: Die Einstellung von Oscar Romero ändert sich grundlegend. Die Kirche in El Salvador war äußerst konservativ und hat die damalige Militärdiktatur unterstützt. Doch als Erzbischof nimmt Oscar Romero die Stimmen der Unterdrückten ernst. Und protestiert gegen die Militärdiktatur. Er übernimmt eine Radiosendung und benennt dort jede Woche die Menschenrechtsverletzungen. Dadurch wird er zur „Stimme derer, die keine Stimme haben“.
Die Militärdiktatur warnt ihn: „Hör auf damit – sonst garantieren wir für nichts“. Aber Oscar Romero macht weiter. Und er schreibt unser Lied: „Ich glaube fest, dass alles anders wird.“ – In einer der Strophen heißt es: „Ich glaube fest, das Ziel ist nicht mehr weit – ich hoffe auf die Zeit voll Frieden und Gerechtigkeit.“ – Er selbst wird diese Zeit nicht mehr erleben. Denn die Militärdiktatur setzt ihre Drohungen in die Tat um und lässt Oscar Romero erschießen, während er gerade eine Messe feiert. So wird er zu einem der großen Märtyrer des 20. Jahrhunderts.
Für mich lebt sein Geist auch in diesem Lied weiter. Gegen alle Gewalt in unseren Tagen singe ich es und halte ich mit ihm daran fest: „Ich glaube fest, dass alles anders wird…. Ich hoffe auf die Zeit voll Frieden und Gerechtigkeit.“
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Es war eine dieser wunderbar warmen Sommerabende. Wir haben mit ein paar Freunden im Garten gesessen, die untergehende Sonne betrachtet und über die kommenden Wochen geredet. Zeit der Aufbrüche: „Wir machen in diesem Sommerurlaub endlich mal wieder eine große Reise“, hat ein Freund erzählt, „Mexiko und Mittelamerika. Ich freue mich so, mal etwas anderes zu erleben.“ – „Und ich begleite unsere Tochter nach Frankreich zu ihrem großen Neuanfang“, sagt ein anderer Freund. „Wenn sie das Abitur endlich geschafft hat, dann wird sie dort ein Jahr lang als Au-pair arbeiten.“ Und mit einem Schmunzeln fügt er hinzu: „Ich bin ihr Kofferträger in Paris und helfe ihr die ersten Tage, sich einzurichten.“ Ein dritter Freund berichtet: „Eine Weile war ich mir unsicher. Aber jetzt habe ich mich doch entschieden, den Job zu wechseln. Das ist gut für die Karriere. Und es ist gut für mich selbst – endlich mal etwas Anderes erleben. No risk, no fun.“ Wir erheben unsere Bierflaschen, stoßen an und lachen: „Auf die Neuaufbrüche!“
Auch ich lache mit. Und merke zugleich, dass ich ein bisschen neidisch werde. So etwas ganz Großes habe ich in diesem Sommer nicht vor. Auch im Job und privat stehen keine einschneidenden Veränderungen an. Nichts, was sich so cool erzählen ließe. Ich denke mir: „Neuaufbrüche haben irgendwie einen besseren Ruf, als einfach dazubleiben. Passt ja auch gut zu unserer Gesellschaft. Und zu unserer Wirtschaft. Da gilt: Verändere dich – oder verschwinde.“
Gerade, als ich anfange, in trübe Gedanken abzudriften, beginnt ein anderer Freund, vorsichtig zu sprechen: „Klar, aufbrechen ist cool. Aber ich bleibe auch gern mal da. Ich bleib gern dran an Sachen. Und an anderen Menschen. Weil ich sehe, was ich dadurch ermögliche. Wie sich Leben entfalten kann.
Unsere Tochter mit ihren 7 Jahren zum Beispiel fährt so fröhlich und selbstbewusst mit ihrem Rad durch unsere Nachbarschaft. Das geht nur, weil sie jedes Sträßchen genau kennt. – Was mich manchmal richtig langweilt, gibt ihr Sicherheit. – Oder im Job, da können die Neuen doch nur deshalb richtig loslegen, weil ich mich bei vielem auskenne und ihnen den Rücken freihalte“
Und ich denke mir: „So ist es. Auch Bleiben bringt Segen. Bleiben ermöglicht Wachstum und lässt Leben erblühen. So wie auch Gott an uns dranbleibt. Bei uns bleibt, nicht nur in unseren Neuaufbrüchen, sondern gerade auch in unseren Routinen. Gott bleibt bei uns. Und er schenkt uns den Blick dafür, wieviel Leben unser Dableiben ermöglicht.“
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Italien im Mai. Die Sonne lacht vom Himmel, es ist wunderbar warm. Wir machen Urlaub am Strand in Ligurien. Kinder laufen lachend ins Wasser, die Eltern plaudern unter ihren Sonnenschirmen. Zwei italienische Teenager schreiten im vollen Bewusstsein ihrer Schönheit in die leichten Wellen hinein. Nichts trübt die heitere Stimmung. Nur dieser Taucher in seinem Neoprenanzug, mit Taucherflasche und Schwimmflossen passt nicht so ganz ins Bild. Neugierig schaue ich ihm zu, wie er mit einem großen Spritzer unter der Wasseroberfläche verschwindet.
Als er wieder auftaucht, gehe ich zu ihm hin und wir kommen ins Gespräch. „Sie müssen das auch mal ausprobieren mit dem Tauchen“, sagt er. „Denn da unten auf dem Meeresboden wartet jemand ganz Besonderes auf Sie: Da wartet der ‚Christus der Abgründe.‘“
Ich bin verblüfft. „Christus auf dem Meeresboden?“, frage ich. „Was meinen Sie denn damit?“ Der Taucher erzählt: „Vor 70 Jahren ist hier bei einem Tauchunfall ein Mann ums Leben gekommen. Alle standen unter Schock. Da kam Guido Galetti, ein Künstler aus der Gegend, mit einer faszinierenden Idee: ‚Ich stelle dem Verunglückten Christus zur Seite. Und mache dazu eine Statue – eine Christus-Statue.‘ Dafür hat Galetti Bronze gesammelt: aus Schiffsschrauben und aus Kirchenglocken. Als er genug Material zusammenhatte, hat er das alles eingeschmolzen und daraus seine Christus-Figur geschaffen. Zweieinhalb Meter groß, größer als ein Mensch. Um zu zeigen, dass Christus größer ist als wir mit all unseren Sorgen und Nöten.“
Der Taucher fährt fort: „Ich mag diese Figur. Immer wieder gehe ich hier runter, Meter um Meter. Langsam wird es immer dunkler. Ich tauche herab in die Abgründe dieser Bucht, und auf einmal sehe ich ihn da stehen: Christus, zweieinhalb Meter hoch, in Bronze gegossen. Mit erhobenen Armen, um alle zu segnen. - Ja“, sagt der Taucher, „das müssen Sie unbedingt mit eigenen Augen sehen! Machen Sie auch mal einen Tauchkurs!“
Mitten im Frühling hat sich zwischen Sonne, Strand und Wellen ein Abgrund aufgetan. Ich merke wieder: Die Abgründe des Lebens sind oft ganz nah. Die äußeren und auch die inneren. Sie beginnen direkt unter den schönsten Oberflächen und an den wunderbarsten Orten. Doch gerade da, in diesen Dunkelheiten, wartet der Christus der Abgründe auf mich. Überlebensgroß und mit ausgebreiteten Armen. Wie um mir zu sagen: „Auch in der tiefsten Tiefe bist Du nicht allein. In jeder Tiefe bin ich bei Dir und segne Dich.“
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