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SWR Kultur Wort zum Tag
Er steht jeden Morgen auf und geht zu seiner Arbeit als Paketbote. Abends kommt er wieder nach Hause in seine WG in einem Leipziger Plattenbaut – und dann feiert er Gottesdienste. Und schreibt Gedichte. Die Rede ist von Andreas Knapp, einem faszinierenden katholischen Priester und Dichter. Er gehört der „Gemeinschaft der kleinen Brüder vom Evangelium“ an, einem Orden an, dessen Mitglieder tagsüber einen alltäglichen Job haben. Um nahe bei den Menschen zu sein. Und um ihnen in ihrem normalen Leben Gott nahezubringen.
Doch mich beeindruckt nicht nur dieser Lebensentwurf, sondern gerade auch die Gedichte, die Andreas Knapp abends schreibt. Eines meiner liebsten trägt den schlichten Titel „Gott“. Es beginnt mit dramatischen Worten:
Gott
Unwort der Jahrtausende
blutbesudelt und missbraucht
und darum endlich zu löschen
aus dem Vokabular der Menschheit
Ja, denke ich mir, ich kann ihm nicht widersprechen: Gott – Unwort, blutbesudelt und missbraucht bis heute. Durch jeden islamistischen Attentäter. Durch jede Predigt, die ausgrenzt oder Hass schüren will im Namen Gottes.
So kann ich auch das Verdikt nachvollziehen, das Andreas Knapp in der nächsten Strophe ausspricht:
Redeverbot von Gott
getilgt werde sein Name
die Erinnerung an ihn vergehe
wie auf Erden so im Himmel
Und das passiert ja auch schon: Die Erinnerung an Gott vergeht. Zumindest auf der Erde. Immer mehr Menschen wenden sich ab von Gott – weil er so ein Unwort ist. Oder weil sie dann garnichts mehr von ihm erfahren. Das Wort „Gott“ verschwindet als Wort unserer Sprache. Und die Dimension der Religion auch.
Doch was dann? Dann bleiben doch immer noch Erfahrungen über, die ihren Ort suchen in meinem Innenleben. Fragen, Erinnerungen, Sehnsucht – die auch zu diesem Wort „Gott“ gehören. Und die auch in Zukunft Worte brauchen, die diesen Erfahrungen Heimat geben. Andreas Knapp dichtet weiter:
wenn unsere Sprache aber
dann ganz gottlos ist
in welchem Wort
wird unser Heimweh wohnen
wem schreien wir noch
den Weltschmerz entgegen
und wen loben wir
für das Licht
Und so werde ich auch in Zukunft an dem Wort „Gott“ festhalten. Obwohl es auch ein „Unwort“ ist. Weil mein Heimweh Heimat will. Und mein Weltschmerz und mein Staunen über das Licht. Denn, ja:
in welchem Wort
wird – denn sonst – unser Heimweh wohnen
wem schreien wir noch
den Weltschmerz entgegen
und wen loben wir
für das Licht
SWR Kultur Wort zum Tag
Vor ein paar Wochen habe ich mit einem Freund einen Spaziergang gemacht: hinaus auf die Felder, um nach dem Tag am Schreibtisch noch ein wenig die Sonne zu genießen. Kaum hatten wir uns auf eine Bank gesetzt, da sehe ich schon einen Schmetterling um uns herumflattern. In seinem taumelnden Flug kann ich noch nicht genau erkennen, was für einer es ist. Aber als er sich dann ganz nah bei uns auf eine Blume setzt, kann ich sie sehen, in voller Schönheit: seine Farbenpracht! Strahlend rot sind die Flügel, mit großen blauen Kreisen an jeder Seite.
Mein Freund sagt: „Ist er nicht wunderschön? Das ist ein Tagpfauenauge. Weil die großen blau-weißen Kreise auf seinen Flügeln wie Augen aussehen. Aber das ist nur Schein, damit er größer und gefährlicher aussieht. Seine wirklichen Augen sind diese kleinen schwarzen Punkte dort weiter oben.“ Ich denke mir: Wozu auch immer diese blau-weißen Kreise da sind: Ich bin auf jeden Fall ganz bezaubert von der Schönheit dieses Tieres.
Mein Freund fährt fort: „Weißt Du, was verrückt ist? Dieser Schmetterling kann seine eigene Schönheit gar nicht selbst sehen. Denn seine Augen sind vor allem nach vorne gerichtet, so dass er seine Flügel nicht in den Blick nehmen kann. Er schaut schon auch ein wenig zur Seite. Denn mit seinen vielen kleinen Augen hat er so eine Art Rundblick. Aber das, was er seitlich sieht, das erkennt er nicht richtig. Denn er kann bei seinem seitlichen Sehen nur Bewegungen wahrnehmen. Das, was einfach da ist, sieht er nicht. Nicht mal seine eigene, farbenprächtige Schönheit, die uns so erfreut. Ist das nicht tragisch – er ist eine der wunderbarsten Geschöpfe, die es gibt – aber er ist blind gegenüber seiner Schönheit!“
Ich denke mir: Immer wieder geht mir das mit den Menschen um mich herum auch so. Sie bringen so viel Schönheit in mein Leben. Äußere Schönheit, weil sie gut aussehen oder interessant. Und innere Schönheit, mit ihrem Witz und ihrer Menschenfreundlichkeit. Zugleich sind sie oftmals nicht in der Lage, das an sich wahrzunehmen. Sie sehen nur, was schiefläuft oder nicht ideal ist bei ihnen.
Vielleicht sollte ich heute bei einem Menschen das Auge sein, das wahrnimmt, wie schön er ist. Und diesem Menschen sagen, dass ich mich darüber freue. So, wie ich mich über die Farbenpracht des Schmetterlings gefreut habe, der gerade wieder losfliegt, taumelnd der untergehenden Sonne entgegen.
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Heute, am 17. September, ist sie gestorben. Allerdings schon vor über 900 Jahren, im Jahr 1179 - Hildegard von Bingen. Obwohl sie schon so lange tot ist, ist Hildegard nicht vergessen. Denn wie sie ihr Leben angepackt hat und was sie zu erzählen hat, das ist gerade in unserer Gegenwart von großer Bedeutung.
Hildegard ist eine sehr selbstständige Frau gewesen. Wie viele junge Mädchen damals ist sie früh in ein Kloster eingetreten. Aber sie findet ihren ganz eigenen Weg mit Gott: Hildegard hat Visionen. Doch bei denen bleibt sie nicht stehen. Sie überlegt, was ihre Visionen fürs Leben bedeuten könnten. Immer mehr Menschen wollen von ihr lernen. Gegen den Widerstand der kirchlichen Hierarchie gründet sie schließlich ihr eigenes Kloster: das Kloster Rupertsberg am Rhein. Das neue Kloster hat eine solche Anziehungskraft, dass Hildegard später ein weiteres Kloster gründet. Hildegard pendelt teils wöchentlich zwischen ihren beiden Klöstern und schläft manchmal auf dem Kahn, der sie von einem Kloster zum anderen bringt.
Gegen alle Widerstände erzählt sie, wie sie ihren Gott erlebt. Ihr Sturkopf und ihre Trotzkraft sind einfach wunderbar. Aber besonders berührt mich, dass sie zugleich weiß: Ihre Stärke und ihre Lebenskraft kommen nicht aus ihr selbst. Sie kommen von Gott. Und verbinden sie mit allem Leben um sie herum.
Hildegard nennt diese Lebenskraft „Grünkraft“ und sieht sie überall um sich herum am Werk.
Jetzt im September habe ich den Eindruck, dass ich diese Grünkraft selbst spüre. Sie ist da in dem Apfel, der reif wird und in dem Schmetterling, der über die Wiese taumelt. Sie ist in dem Baum, der sich in den Abendhimmel streckt – und gerade wenn ich in der Natur bin, spüre ich, wie sie auch durch mich hindurchfließt. Ich fühle mich lebendig und mit allem verbunden. Innerlich werde ich ganz fröhlich.
Was mich besonders bewegt: Hildegard ist selbst öfters krank. Vielleicht hat sie das, was wir heute Migräne nennen. Ihre Erfolge und ihre Einsichten ringt sie ihrer Krankheit ab. Und die Grünkraft feiert sie nicht deshalb, weil sie diese durchgehend an sich erlebt. Sondern gerade auch, weil sie ihr fehlt und sie sich danach sehnt.
Das, so scheint mir, ist ihre größte Stärke: dass sie ihren eigenen Weg verfolgt. Gegen äußere Widerstände. Und gegen innere Schwäche. Aber in ständigem Aufsehen auf Gott und in ständiger Sehnsucht nach ihm.
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Ich schließe kurz die Augen, und als ich sie wieder öffne, sehe ich noch klarer, was mich vorher schon fasziniert hat: Licht, das sich wie in Wellen in den riesigen Raum ergießt. Licht, gefiltert von den hohen, gotischen Fenstern, durch das es hineinfällt. Mal etwas matter, mal heller aufleuchtend, aber immer von eigener Intensität. Licht, das mich ganz umfängt, als wäre ich schon im Himmel.
Ich bin aber in Brüssel, in der St. Michaels-Kathedrale. Auf der Suche nach Trost in schwierigen Zeiten. Ich weiß: Diese Symphonie aus Licht und Form tut meiner Seele gut. – Da fällt mein Blick auf einen Seitenaltar. Das realistisch gemalte Bild des gekreuzigten Jesus fesselt mich. Jesus hält den Kopf aufrecht, seine Augen sind offen. Er sieht mich direkt an, als wolle er tatsächlich ein Gespräch mit mir beginnen. „Schön, dass Du da bist“, scheint sein Blick zu sagen. „Schau genau hin. Hier bin ich, umgeben von aller Dunkelheit. Ich weiß, dass sich Dein Leben auch manchmal so anfühlt: ganz dunkel. Aber schau mal: Deine Nacht ist bei mir gut aufgehoben.
Und jetzt guck, wie groß ich bin und die Nacht um mich herum. Genau lebensgroß. Das heißt: Ich nehme Deine Dunkelheiten ernst. Ich mache sie nicht kleiner, als sie sind. Aber wir sollten sie auch nicht vergrößern: Sie sind nicht überlebensgroß.
Jetzt tritt mal einen Schritt zurück. Du siehst mich und alle Dunkelheit. Aber über mir: Da ist eine leere Wand. Du kannst alle deine Fragen draufwerfen: Wie finde ich aus der Dunkelheit heraus? Kommt da noch was? – Und wenn Du alle Fragen gestellt hast, dann schaue noch weiter nach oben: Das himmlische Licht fällt herein, von ganz oben. Von dort aus wird unsere Dunkelheit erhellt. Rote und gelbe Lichtflecken überall.
Wenn Du jetzt aus der Kathedrale hinausgehst in Dein Leben, dann nimm das ganze Bild mit. Mich, Jesus, mit der Dunkelheit. Über mir die leere Wand, offen für alle Fragen. Und dann darüber, viel größer als ich und die Wand: die Fenster, durch die das himmlische Licht hineinfällt.
Siehst Du, wie das Licht flimmert? Fast, als wäre es lebendig. Als könnte es fliegen. Wie der Heilige Geist. Er wird Dich begleiten, wohin auch immer Dich Deine nächsten Schritte führen.
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Regelmäßig besuche ich eine alte Dame aus unserer Gemeinde. Sie ist seit Jahren krank, kann kaum mehr aus dem Haus gehen und freut sich umso mehr, wenn ich vorbeikomme. Was mich besonders rührt: Oft hat sie schon etwas für mich herausgelegt, über das sie mit mir reden will: einen Spruch von ihrem Abreißkalender. Einen Artikel aus der Ludwigsburger Kreiszeitung. Oder ein Bild aus ihrer großen Sammlung von Kunstbüchern.
Das letzte Mal hatte sie ein kleines Bild herausgesucht, auf dem Jesus am Kreuz ist. Unter seinen Rippen auf beiden Seiten Wunden, aus denen Blut herausfließt. Weiter unten steht eine Art Taufschale; die fängt das Blut auf. In der Schale wird es zu Wasser. Ein drastisches Bild. Ich überlege kurz, wie es wohl auf meine Konfis wirken würde. Wie könnte ich vermitteln, was das Bild zeigen will: Die Wunden von Jesus bringen Heil. Sein Leid, seine Schmerzen bewirken Gutes …
Ganz vorsichtig stelle ich der alten Dame eine Frage: „Dieses Bild macht ja schon eine starke Aussage: Aus den Wunden Jesu kommt Heil, neues Leben. Sie kennen sich doch aus mit langer Krankheit – kommt aus Ihren Wunden wirklich auch neues Leben? Nicht nur Schmerz und Frust?“
„Natürlich ist es oft ganz schrecklich, so lange krank zu sein“, sagt sie. „Oft genug habe ich dunkle Tage, an denen ich überhaupt keinen Sinn im Kranksein entdecke. – Aber wenn ich meine Krankheit so offen zeige wie Jesus seine Wunden hier auf dem Bild, dann verändert sich mein Verhältnis zu anderen Menschen. Denn viele wissen ja oft nicht so richtig, was sie sagen sollen, wenn sie hören, dass ich so krank bin. Viele Freundinnen sind sprachlos. Und in meiner Familie konnten wir früher auch kaum übers Kranksein reden.
Da habe ich eben selbst damit angefangen, sehr offen über meine Krankheit zu sprechen. Ich habe gemerkt: Den Menschen um mich herum tut das gut. Sie verlieren ihre Scheu. Uuch für mich selbst ist es so etwas wie eine Befreiung gewesen. So lerne ich ganz langsam, über die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu sprechen. Das heilt manches in den Beziehungen, die ich habe. Auch ich selbst fühle mich freier. Und näher an mir selbst dran.
In diesen Hinsichten kann ich sagen, ganz mit meinem schönen Bild hier: Manchmal kommt auch aus unseren Wunden tatsächlich Heil.“
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Manchmal steige ich am Kölner Hauptbahnhof um. Dann gehe ich in den Kölner Dom. Der steht nämlich gleich nebenan. Im Bahnhof selbst und auf dem kurzen Weg zum Dom wimmelt es nur so von Menschen. Aber wenn ich dann in den Dom eintrete, umgibt mich eine ganz andere Atmosphäre. Die Geräusche, das Licht: Alles wie gedämpft. Das macht etwas mit mir. Es ist, als ob ich in einem Raum bin, in dem ich mir selbst gut begegne.
Dabei hilft mir ein großes Bild, das etwas versteckt im linken Seitenflügel hängt. Es zeigt Gott den Vater, ganz traditionell als einen alten weißen Mann mit sehr eindrucksvollem weißem Rauschebart. Er sitzt auf einem großen Thron – im Himmel scheint es diese Art von Stühlen zu geben. Was mich aber vor allem fasziniert: Gottvater hat Jesus direkt vor sich, fast scheint er bei ihm auf dem Schoß zu sitzen. Es ist der gekreuzigte Jesus, voller Schmerzen. Dieser gekreuzigte Jesus ist ganz nah bei Gottvater im Himmel.
Ich erinnere mich, wie ich mich gefühlt habe, als ich vor einer Weile länger krank gewesen bin. Verlassen habe ich mich da gefühlt. Nicht nur von meinen Kräften, die mir sonst so selbstverständlich zur Verfügung stehen. Sondern auch von Gott. Ich war bisher immer nach ein paar Tagen wieder fit gewesen; warum diesmal nicht? Die Tage fühlten sich an wie vergeudet.
Und dann diese Schmerzen. In Wellen kamen sie immer wieder Und, ja, ich habe mich oft auch schuldig gefühlt. So viele Menschen mussten sich um mich kümmern. Nicht nur einkaufen und kochen. Auch bei der Körperpflege mussten sie helfen. Ich mag das garnicht. Und es ist mir peinlich, fast schäme ich mich vor dem, der mich pflegt.
Ich bin jetzt zwar wieder fit. Aber all diese dunklen Gefühle sind mir wieder sehr präsent, als ich jetzt vor diesem Bild im Dom stehe: Das Gefühl der Gottverlassenheit. Die Schuld und die Scham. – Doch dann kommt auch etwas Tröstliches dazu: Ich sehe, dass all diese Gefühle ihren Ort haben. Direkt bei Gott. So, wie Gottvater sich den gekreuzigten Jesus zu Herzen nimmt, so nimmt er sich auch meine Dunkelheiten zu Herzen. Alles drückt Gott sich direkt an sein Herz. So, wie er Jesus an sein Herz drückt. An Gottes Herz findet alles Dunkle seinen Ort und damit seine Ruhe.
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„Sieht das nicht großartig aus?“, fragt mich einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter mit zufriedener Miene. Er gehört zu einer großen Gruppe rüstiger Rentner, die in den letzten Tagen 24 alte Tische aus dem Kirchenkeller hochgeschleppt haben. Für die Vesperkirche. Und er fährt fort: „Die ganze Kirche sieht aus wie neu!“
Meint er das ernst? Ich schaue genauer hin: Denn in unserem Kirchenraum ist gar nichts neu. Hier stehen dieselben alten Tische, die wir schon seit Jahren nutzen. Manche sind an den Ecken ziemlich angeschlagen. Und die Stühle wurden auch nicht erneuert. Wir haben sie einfach nur abgewischt und umgestellt. Es ist dasselbe alte Mobiliar, das nur ein wenig verrückt wurde.
Aber andererseits, denke ich mir, hat der strahlende Rentner vor mir doch Recht. Irgendwie ist alles wie neu. Denn alles ist so verrückt worden, dass es Teil einer neuen Ordnung ist. Die alten Tische und die alten Stühle finden so zusammen, dass sie einen neuen Raum eröffnen. Auf einmal können wir an ihnen ein Fest des Lebens feiern.
Morgen beginnt bei uns in Ludwigsburg die Vesperkirche. Drei Wochen lang werden jeden Tag hunderte von Menschen in die Friedenskirche strömen, um Speise für Leib und Seele zu bekommen. Leckeres Essen mit Suppe, Hauptgang und Nachtisch. Ein freundliches Lächeln beim Servieren. Eine warmherzige Nachfrage, die genauso guttut wie der heiße Kaffee zum Abschluss. Von morgen an feiern wir hier drei Wochen lang an alten Tischen und Stühlen. Und ja, die ganze Kirche sieht dabei aus wie neu.
Mir kommt die Jahreslosung in den Sinn: „Siehe, ich mache alles neu“, sagt Gott zu uns. Und vielleicht heißt das nicht: dass Gott uns ganz viele neue Stühle und Tische schenkt. Und ganz viele neue Freundschaften und Beziehungen. „Siehe, ich mache alles neu“: vielleicht heißt das ja auch: Gott nimmt die alten Stühle und Tische. Auch die, die schon ein bisschen angeschlagen sind. Und Gott nimmt die alten Freundschaften und Beziehungen. Auch die, die schon ein wenig eingerostet sind.
Gott nimmt diese alte Welt, pustet ein wenig den Staub von ihr ab und ordnet sie neu an. Er verrückt sie ein wenig. Gott verrückt die Welt – die angeschlagenen Tische in der Vesperkirche. Das Mobiliar in meinem Wohnzimmer. Und die alten Freundschaften in meinem Leben. Gott hilft, dass sie in einer anderen Ordnung zusammenfinden. So dass vielleicht – ein neues Fest des Lebens beginnt.
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Es waren einmal zwei junge Mönche, die sich mit großer Freude den verschiedenen Aufgaben ihres Mönchslebens widmeten: dem gemeinsamen Beten und dem Kartoffelschälen in der Küche. Und vor dem Schlafengehen gingen sie oft noch in die Klosterbibliothek, um in den alten Büchern zu lesen und von der Weisheit der früheren Mönchsgenerationen zu lernen.
Eines Abends stießen sie in der Bibliothek auf ein wunderschön eingebundenes Buch, und in dem Buch stand das Folgende: „Ganz am Ende der Welt gibt es einen Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren. Dort bist Du Gott wahrhaft nahe. An diesem geheimnisvollen Ort ist eine Tür. Und wenn du an diese Tür klopfst und durch sie hindurchgeht, bist du schon mitten in Gottes Reich.“
Da beschlossen die beiden jungen Mönche, diesen Ort zu suchen. Und sie versprachen einander, nicht umzukehren, ehe sie ihn gefunden hätten.
Sie durchwanderten die weite Welt. Sie bestanden unzählige Gefahren und erlitten alle Entbehrungen, die eine Wanderung durch die ganze Welt mit sich bringt.
Schließlich fanden sie den Ort, den sie suchten. Sie klopften an die Tür und sahen mit bebendem Herzen zu, wie sich die Tür öffnete. Und als durch die Tür hindurchgingen: Da standen sie zu Hause in ihrer eigenen Klosterzelle und sahen sich gegenseitig überrascht an.
Ja, der Ort, an dem du Gott findest, liegt nicht am Ende der Welt. Er ist hier, direkt vor deiner Nase. In dir drin und direkt um dich herum. Du musst nur die richtige Tür finden und durch sie hindurchgehen – dann bist du Gott ganz nahe.
Wozu aber dann der ganze Aufwand? Wozu die ganze Welt durchmessen? Kann ich mir die Reise nicht sparen und gleich zuhause bleiben? Unsere Geschichte von den zwei Mönchen sagt: Nein, das geht nicht. Wenn Du zuhause bleibst, kommst Du nicht wirklich bei Dir selbst an. Denn erst wenn Du losgehst, erfährst Du, wer Du bist. Erst in den Begegnungen mit anderen entdeckst Du Dich selbst. Und erst auf den Wegen ins Fremde wird Dir klar, was Dir zuhause wirklich wichtig ist. Und was Dich trägt.
Und so mache ich mich heute Morgen auf. Ich beginne die Wege zu gehen, die dieser Tag für mich bereithält. In der Hoffnung, dass ich am Abend mir selber ein bisschen nähergekommen bin. Mir selber – und auch Gott. Der mir immer schon ganz nahe ist.
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Mit den neuen Kopfhörern auf dem Kopf sehe ich aus wie ein Eichhörnchen. Trotzdem bin ich sehr glücklich, dass ich die chicen Teile zum Geburtstag bekommen habe. „Over ear“ heißen sie und gehen sichtbar über den ganzen Kopf. So kann jetzt jeder sehen, was ich gerade mache: Musik hören.
Mit diesen Kopfhörern habe den Eindruck, dass ich meine Musikstücke völlig neu höre. Oder: dass es völlig neue Stücke sind, die ich da höre. Bei klassischer Musik nehme ich das erste Mal die Bratschen wahr. Und diese Paukenschläge, waren die schon immer mit dabei? Mit diesen Kopfhörern kann ich so zuhören, dass sich mir eine ganz neue Welt eröffnet: eine Welt voller Tiefe und Schönheit.
Das funktioniert alles nur, weil diese Kopfhörer eine eigene Technik haben. Sie wehren die Geräusche der Außenwelt aktiv ab. Aktive Geräuschunterdrückung heißt das, auf Englisch: „Active Noise Cancelling“. Die Welt bleibt draußen, und gerade so öffnet sich für mich ein ganz neuer Kosmos. Was für ein Segen in all dieser Reizüberflutung heutzutage, denke ich: nur so kann ich mich auf das konzentrieren, was mir gerade wichtig ist.
Selbst in der S-Bahn funktioniert die aktive Geräuschunterdrückung tadellos. Und ich bin nicht allein: Ich sehe, dass auch viele andere Menschen solche Kopfhörer tragen. Ich nicke dem jungen Mann mir gegenüber freundlich zu. Und ich merke, wie in mir der Wunsch aufkommt, mit ihm zu reden. Wie nett wäre es doch jetzt, mit ihm über unsere Goldstücke zu fachsimpeln. Aber er reagiert nicht. Er ist ganz in sein eigenes Hören versunken. So sitzen wir nebeneinander. Getrennt durch das gleiche Gerät, dessen Besitz uns auch verbindet.
Nach einer Weile nehme ich meine Kopfhörer ab. Ich bin überrascht, wie viele Geräusche auf einmal an mein Ohr dringen. Der junge Mann mir gegenüber summt fröhlich vor sich hin. Vielleicht hört er gerade sein Lieblingslied. Und die beiden jungen Schulmädchen auf den Sitzen auf der anderen Seite kichern so ausdauernd, dass auch ich anfange zu lächeln.
Ich überlege mir: Wenn ich heute in meinen Tag hineingehe: Wann will ich auf welche Weise zuhören? Wann höre ich nur auf mein Gegenüber? Unterdrücke aktiv alle anderen Geräusche und begebe mich ganz in seinen Kosmos? Und wann horche ich hinein in die weite Welt, um das Summen und Kichern allüberall nicht zu verpassen?
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Selten habe ich einen Menschen getroffen, der mich so beeindruckt hat wie sie. Einen Menschen, dessen Kraft und dessen Bereitschaft zur Versöhnung mich aufrüttelt und bewegt. Die Rede ist von der christlichen Palästinenserin Sumaya Farhad Naser. Seit 40 Jahren setzt sie sich unermüdlich für die Versöhnung zwischen Palästinensern und Israelis ein. Man traut ihr diese Kraft erst einmal gar nicht zu, denn sie ist höchstens 1,60 groß. Aber ihre innere Größe ist unermesslich.
Sumaya erzählt: Da sitzen sie in einem Stuhlkreis zusammen, drei israelische Jüdinnen und vier Palästinenserinnen aus dem Westjordanland. Drei davon sind Muslima, und eine ist Christin: sie selbst. Schon dass diese sieben Frauen in einem Raum zusammensitzen, ist ein riesengroßer Schritt für alle Beteiligten. Und etwas, wofür sie in ihrer Umgebung stark angefeindet werden. Das umso mehr, weil Sumaya die Frauen ermutigt, von ihren Erfahrungen zu erzählen. Langsam und vorsichtig erzählen die Palästinenserinnen von ihren täglichen Demütigungen. Dem langen Warten an den Checkpoints. Und von den vielen, vielen Toten, in jeder Familie. Und die Jüdinnen erzählen von der ständigen Bedrohung, in der sie sich befinden. Und dem großen Trauma, das der 07. Oktober ausgelöst hat. Sieben Frauen, die einander von ihren inneren und äußeren Verletzungen erzählen. Die einander zuhören und anfangen, einander zu verstehen. Versöhnungsarbeit in kleinsten Schritten, gegen größten Widerstand.
Einmal im Jahr reist Sumaya nach Deutschland, um von ihrer Friedensarbeit zu erzählen. So kam sie auch zu uns nach Ludwigsburg. Gemerkt habe ich mir ihre drei Prinzipien. Diese sind zutiefst christlich und zutiefst menschlich. Sie öffnen allererst den Raum, in dem Versöhnung stattfinden kann.
Alle Menschen sind gleich. Egal ob Jude, Christ oder Muslima: Alle sind gleichermaßen Menschen. Aber zugleich gilt, als zweites Prinzip: Alle Menschen sind verschieden. Auch innerhalb einer Nationalität und innerhalb einer Religionsgemeinschaft hat jeder seine eigenen Probleme und Freuden, seine eigenen Fehler und Begabungen. Am wichtigsten ist Punkt drei: Alle Menschen haben einen wunderbaren Diamanten in sich. Jeder Mensch hat diesen inneren Diamanten: jede unterdrückte Frau, jeder Mensch im Gefängnis, aber auch jeder Gewalttäter.
Sumaya hält unbeirrt daran fest: Es ist unsere Aufgabe, sich jeden Morgen dem Diamanten in uns zuzuwenden. Um von ihm her zu leben, nicht von all dem Schmutz, den es auch gibt in uns und um uns herum. Dadurch können wir den Diamanten im anderen Menschen erkennen. Und ihn zum Leuchten bringen, jeden Tag.
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