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SWR4 Abendgedanken
„Immer sind die anderen schuld.“ Das denke ich, als ich ein Statement im Internet lese. Der Autor beklagt darin, wir Menschen würden immer mehr wollen, mehr kaufen und immer zügelloser konsumieren. Schuld daran sei „die Gesellschaft“ und der „Kapitalismus“, all die Konzerne und Medien mit ihrer Werbung und ihren Lockstrategien.
Wenn es um die großen Probleme geht, wird oft nach einem Schuldigen gesucht. Ich verstehe das. Vieles ist leichter zu ertragen, wenn es einen gibt, der alles zu verantworten hat. Aber auch, wenn es sinnvoll ist, bei komplizierten Sachverhalten nach den größeren Zusammenhängen zu fragen – manchmal kommt es mir so vor, als will man damit bloß der eigenen Verantwortung aus dem Weg gehen.
Für mich steht das im scharfen Kontrast zu meinem Glauben. Denn als Christin ist es mir wichtig, meine eigenen Fehler ehrlich einzusehen und zu erkennen, in welche Schuld ich selbst eigentlich verstrickt bin.
Natürlich ist es schwer, für die eigenen Fehler gerade zu stehen. Es trotzdem zu tun, ist aber auch deshalb so wichtig, weil ich mir ansonsten wahrscheinlich einen anderen Buhmann oder Sündenbock suche. Das können anonyme und abstrakte Konstrukte wie „die Gesellschaft“ sein. Oder aber es trifft jemanden, der sich nur schwer wehren kann – zum Beispiel Minderheiten wie Migranten. Egal, wem ich dabei versuche die Schuld in die Schuhe zu schieben, es hat vor allen Dingen eins zur Folge, nämlich: Dass sich nichts ändert, geschweige denn besser wird - vor allen Dingen nicht ich selbst.
Jesus stellt in der Bibel die Frage: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“ Und er meint damit vermutlich: „Pack dich lieber erstmal an die eigene Nase, bevor du die Schuld bei den anderen suchst.“
Wenn ich lerne, Verantwortung für meine Fehler zu übernehmen, dann kann ich auch einen neuen Anfang machen. Ich brauche nicht die halbe Welt zu beschuldigen, wenn ich mir zum Beispiel schon zum dritten Mal die Woche etwas Unnötiges im Internet bestellt habe. Anstatt fleißig weiter einzukaufen, kann ich ehrlich zu mir sagen: Ja, shoppen macht Spaß und ja, manchmal bekomme ich einfach nicht genug. Aber zu viel ist zu viel. Das nächste Mal spare ich das Geld oder gebe es lieber für etwas Sinnvolles aus, zum Beispiel für jemand anderen.
Ich bin mir sicher: Wenn ich bei mir selbst anfange, dann kann ich tatsächlich etwas ändern.
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„Alles steht Kopf“ – so heißt einer meiner liebsten Disneyfilme. Der Film spielt in der Gefühlswelt von Riley. Riley ist ein ganz normales elfjähriges Mädchen, das ihre Familie und Freunde liebt und gerne Eishockey spielt. Doch der eigentliche Star der Handlung ist nicht Riley, sondern sind ihre Gefühle: Freude, Kummer, Wut und Zweifel bekommen im Film eine eigene Stimme und werden als kleine Persönlichkeiten dargestellt. Zusammen sitzen sie wie in Raumschiff Enterprise hinter Rileys Stirn und drehen an den Knöpfen. So steuern sie alles, was Riley macht, sammeln aber auch wichtige Erinnerungen und kümmern sich um ihr Selbstwertgefühl. Am Schaltpult in Rileys Kopf hat dabei hauptsächlich „Freude“ das Sagen. Die anderen Gefühle dürfen nur selten ans Steuer. Erst später versteht die kleine Riley, dass auch Gefühle wie Traurigkeit einen wichtigen Platz haben dürfen.
Dieses Jahr ist die Fortsetzung von „Alles steht Kopf“ in die Kinos gekommen und beide Teile haben mich begeistert. Denn sie machen auf kluge und witzige Weise sichtbar, was sonst immer unsichtbar bleibt: Unser Innenleben. Wie wir Menschen immer wieder unser Gleichgewicht suchen und wie viel dazu gehört, dass wir starke Erinnerungen und gute Werte verinnerlichen.
Jetzt frage ich mich: Wie würde es in diesem Film wohl aussehen, wenn Riley Gott entdeckt? Wie könnte man den Glauben in ihrem Kopf darstellen? Wäre er ein Gefühl? Eine Erinnerung oder ein Wert tief in ihrem Ich?
Würde ich einen dritten Teil von „Alles steht Kopf“ drehen, über den Menschen und seinen Glauben, dann würde ich schon die ganze Bühne anders gestalten. Rileys Innenleben wäre dann kein abgeschlossener Raum mehr, in dem sie alleine mit ihren Gefühlen eingesperrt ist. Sondern wenn Gott mit dabei ist, dann ist das Mädchen Riley nach oben hin offen.
Und natürlich würde das für jeden Menschen, der glaubt, so gelten. Das Innere wäre dann oben nur durch eine zarte Glaskuppel begrenzt. In meiner Fantasie sieht das Glas dieser Kuppel wie ein großes leuchtendes Kirchenfenster aus, mit tausend bunten Mosaiksteinchen. Manchmal fällt Gott von oben wie ein Lichtstrahl herein. Dann bringt er einzelne Erinnerungen zum Leuchten oder zeigt verirrten Gefühlen den richtigen Weg.
Natürlich sind das alles nur Vorstellungen und ich bin keine Regisseurin, die einen dritten Teil von „Alles steht Kopf“ dreht. Aber ich bin mir sicher: Mit den vielen Gefühlen und Stimmen in mir drin bin ich nicht allein. Mein ganzes Ich ist offen für Gott. Und wenn ich zu ihm bete, dann kann er zu mir kommen. Alles, was eben noch wild und rastlos durch meinen Kopf gegeistert ist, wird ruhiger. Und mein ganzes Innenleben erscheint in einem neuen Licht.
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Über was spricht man, wenn man weiß, dass man sich zum letzten Mal sieht?
Darüber hat mein Vater nachgedacht, bevor er seinen besten Freund kurz vor dessen Tod besucht hat. Beide wussten, dass sein Freund bald sterben wird. Eine Sache aus ihrem Gespräch hat mein Vater mir danach erzählt: Die beiden Freunde haben überlegt, wo sie sich nach dem Tod wohl wiedersehen. Mein Vater hat augenzwinkernd gemeint: „Im Himmel vermutlich nicht, denn ich komme bestimmt in die Hölle.“ Doch sein Freund hat voller Zuversicht geantwortet: „Wir sehen uns bestimmt im Fegefeuer.“ Und das hat er durchaus positiv gemeint. Denn für den katholischen Glauben ist das Fegefeuer so etwas wie eine Durchgangsstation zum Himmel.
Mein Vater war erst überrascht über diese Antwort. Denn er hat sich das Fegefeuer immer als etwas Schlechtes vorgestellt, so ähnlich wie die Hölle. Vermutlich sind ihm gleich alte Bilder von Flammen und Teufelsdämonen in den Kopf gekommen.
Aber der beste Freund meines Vaters konnte kurz vor seinem Tod so voller Hoffnung darüber sprechen, was ihn wohl nach dem Tod erwartet. Auch wenn das Wort „Fegefeuer“ so befremdlich klingt – kann es vielleicht tatsächlich ein Ort der Hoffnung sein?
Für mich als katholische Christin ist eines sicher, nämlich, dass es nach dem Tod direkt weitergeht. Nur wo? Im Himmel, wenn man das so vereinfacht sagen kann, oder in der Hölle? Wo das sein wird, da hat glaube ich jeder Mensch zu Lebzeiten ein bisschen Einfluss drauf: Sagt er ja zum Guten und der Liebe und handelt dann auch so oder entscheidet er sich dagegen? Klingt eigentlich ganz simpel. Aber so einfach ist es meistens nicht. Denn bei mir selbst ist es zum Beispiel oft so, dass ich eigentlich ganz gute Absichten habe, aber es mir schwerfällt, die auch wirklich umzusetzen. Ich bin eben einfach keine Heilige. Wie aber komme ich dann, salopp gesagt, in den Himmel?
Genau da kommt das Fegefeuer ins Spiel. Ich stelle es mir wie eine Vorstufe des Himmels vor. Gemeint ist damit nämlich gar nichts Schlimmes. Im Gegenteil: Bevor ich in die vollkommene Liebe des Himmels eintreten kann, habe ich hier die Möglichkeit, alles, was in meinem Leben falsch und schmerzhaft verlaufen ist, umzuwandeln.
So wie für den besten Freund meines Vaters, ist diese Vorstufe deshalb auch für mich etwas, auf das ich hoffe. Weil ich mich selbst dort endlich mit Gottes Augen sehen kann. Als würde er mir einen Spiegel vorhalten, der mir zeigt, wie ich wirklich bin. Und auch wenn ich dann sehe, dass in meinen Leben nicht nur Gutes war – ich brauche keine Angst mehr zu haben. Weil es am Ende Gottes Liebe ist, die mich von allem befreit, was mich vielleicht noch vom Himmel trennt.
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Ist es immer wichtig, dass man das Richtige tut? Oder reicht es, dass auch nur manchmal zu machen?
In bestimmten Momenten bin ich versucht zu glauben, dass „manchmal“ reicht. An der roten Ampel auf der einsamen Kreuzung mitten in der Nacht zum Beispiel, wenn weit und breit niemand zu sehen ist. Warum nicht einfach drüber gehen?
Jesus hat dazu einmal folgendes gesagt: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen“ (Lk 16,10).
Die einsame rote Ampel ist für mich ein gutes Beispiel für die kleinen Dinge. Aber auch eine große Sache habe ich vor kurzem durchlebt. Ich bin gerade mit meinem zweiten Kind schwanger. Zu Beginn der Schwangerschaft hat mich der Arzt gefragt: „Wollen Sie den Harmonytest machen?“ Und dann hat er mir erklärt: „Dabei wird Ihr Blut untersucht und wir können mit relativer Sicherheit sagen, ob Ihr Kind zum Beispiel Trisomie 21 hat.“
Ich habe lange über diesen Test nachgedacht. Für meinen Mann und mich ist klar: Wir möchten das Kind bekommen, auch wenn es krank ist oder eine Behinderung hat. Eigentlich brauchen wir den Test also nicht. Punkt. Aber dann sind immer wieder Zweifel gekommen: Sollen wir den Test vielleicht trotzdem machen? Dann wüssten wir Bescheid und könnten uns darauf einstellen. Aber in mir hat sich eine innere Stimme gemeldet, die dagegen war.
Lange ist mir nicht klar gewesen, woher diese Stimme kam. Bis manche mir geraten haben: „Mach den Test doch einfach, ignorier die Stimme, dann ist es schneller entschieden.“ Da erst ist mir klar geworden: Diese innere Stimme ist mein Gewissen. Und das meldet sich eigentlich nie ohne Grund. Ich habe erkannt: Der Test ist nicht in erster Linie dafür da, dass das Kind medizinisch besser versorgt wird, sondern soll zu einem möglichst frühen Zeitpunkt feststellen, ob es eine Behinderung hat. Und dann kann die Schwangerschaft auf Wunsch abgebrochen werden.
Ich habe den Test schließlich nicht gemacht. Gleichzeitig kann und möchte ich nicht darüber urteilen, wie andere Eltern in dieser Situation entscheiden. Aber was mein persönliches Gewissen betrifft, bin ich nicht über rot gegangen.
Diese innere Stimme des Gewissens ist so wichtig, dass man immer auf sie hören sollte. Sowohl bei den kleinen Dingen als auch bei den Großen.
Würde ich mein Gewissen bei den kleinen Dingen ignorieren, dann würde es sich bei den großen Sachen vielleicht irgendwann gar nicht mehr melden. So aber bleibt es hoffentlich gut im Training. Und kann im besten Fall zu einer starken und vertrauten Stimme werden, die mich auch bei den großen Entscheidungen sicher leiten kann.
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„Tschüss, bis später!“, rufe ich und winke meiner kleinen Tochter von der Tür aus nochmal zu. Eben haben wir uns umarmt und verabschiedet. Jetzt sitzt sie schon zwischen den anderen Kindern und beobachtet gebannt das bunte Treiben im Raum.
Der Kindergartenstart vor einigen Wochen war für uns als Familie ein großer Schritt und ich bin froh, dass es meiner Tochter dort gut gefällt. Und trotzdem – jeden Morgen, wenn das Kindergartentor hinter mir ins Schloss fällt, spüre ich einen kleinen Stich im Herzen. Da ist einmal der Abschiedsschmerz, der einfach dazu gehört. Aber da sind auch immer diese leisen Sorgen, die mich begleiten, bis wir uns wiedersehen. Ich weiß, meine Tochter ist im Kindergarten in guten Händen. Und dennoch – wirklich abschalten lassen sich meine Sorgen nicht.
Seit ich ein Kind habe sind viele neue Ängste in mein Leben eingezogen. Schließlich habe ich jetzt so viel zu verlieren. Es ist schön, wenn das Kind beginnt, seine eigenen Schritte zu gehen. Aber eben auch beängstigend. Und der Kindergarten ist ja nur der Anfang. Wie wird das wohl später in der Schule sein? Oder wenn niemand auf meine Tochter aufpasst, als Teenager auf ihrer ersten Party? Am liebsten würde ich sie vor allem und jedem beschützen. Aber wie? Indem ich meine Tochter bis zum Schulabschluss höchstpersönlich zur Schule bringe und wieder abhole? Ihr alles verbiete?
Sorgen und Ängste um das eigene Kind zu haben ist ganz normal. Das sagt auch die Fachbuchautorin Nora Imlau, die sich in ihren Büchern viel mit Elternschaft beschäftigt hat. Schließlich gehört es zu den wichtigsten Aufgaben der Eltern, für ihre Kinder zu sorgen und sie zu beschützen. Aber, so schreibt sie – und diesen Satz habe ich mir gleich gemerkt: „Wir können unseren Kindern aus Angst um ihr Leben nicht das Leben verbieten.“
Jeder Mensch wird irgendwann verletzt, wir alle sind verwundbar und sterblich. Doch anstatt meine Tochter mit meinen Ängsten einzusperren und sie so zu schwächen, kann ich sie mit meiner Liebe stark machen und ihr Selbstbewusstsein schenken. Und zwar, indem ich ihr vertraue. So, dass sie allem selbstbewusst entgegentreten kann, was für sie gefährlich oder herausfordernd ist.
Auch wenn das heißt, dass ich sie eben nicht für immer festhalten, sondern Stück für Stück loslassen muss. Denn für sein Kind „sorgen“ heißt eben auch: Ich muss meine Tochter lassen, damit sie in ihre ganz persönliche Freiheit hineinwachsen kann.
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„Lügen haben kurze Beine!“ Diese Redewendung habe ich als Kind oft von Erwachsenen zu hören bekommen.
Und als ich klein war, habe ich das wort-wörtlich verstanden. Ich habe also tatsächlich gedacht, dass meine Beine beim Lügen etwas kürzer werden. So ähnlich habe ich das aus der Geschichte über Pinocchio gekannt, dessen Nase beim Lügen immer länger wird. Für mich war es deshalb auch kein Wunder, dass meine Eltern so schnell gemerkt haben, wenn ich am Flunkern war. Ich habe gedacht, die sehen das mir und meinen kurzen Beinen einfach an.
Natürlich habe ich recht bald herausgefunden, dass man Menschen meistens überhaupt nicht ansieht, wenn sie lügen. Wenn wir wollen, können wir uns deshalb untereinander ziemlich gut täuschen. Sei es mit einer kleinen Notlüge oder auch durch einen richtig großen Betrug.
Richtig erschreckend finde ich aber, wie gut man sich dadurch auch selbst belügen kann. Wenn ich zum Beispiel jemanden verletzt habe, kann ich mir danach ganz leicht einreden: „Ach, das war ja gar nicht sooo schlimm“. Obwohl das eine handfeste Lüge ist, sehe ich im Spiegel unverändert aus. Es bräuchte einen besonderen Spiegel, in dem ich sehen kann, was ich richtig und was ich falsch gemacht habe. Und so einen Spiegel gibt es: Es ist mein Gewissen.
Mein Gewissen zeigt mir ziemlich deutlich, wenn etwas nicht gut gelaufen ist.
Dann fange ich oft an, nach Gegenargumenten zu suchen: Meine Nachbarin hätte sich über einen Besuch von mir bestimmt gefreut, aber ich hatte so viel zu tun und alles andere war grade wichtiger. Gestern morgen habe ich meine schlechte Laune an meiner Familie ausgelassen. Später hat mir das leidgetan und das könnte ich ihnen auch sagen. Aber ist es so unangenehm, sich und anderen sein blödes Verhalten einzugestehen und damit auch in Erinnerung zu rufen.
So oder ähnlich dreht sich oft mein Gedankenkarussell. Dabei ist das Muster immer gleich: Während ich selbst mit ziemlich lahmen Gegenargumenten komme, um mir das Leben leichter zu machen, zeigt mir mein Gewissen ganz schonungslos, in welche Richtung es eigentlich gehen muss.
Ohne mein Gewissen, könnte ich mir selbst vermutlich ständig in die Tasche lügen. So weiß zumindest ich, wie kurz meine Beine wirklich sind. Und ich habe mit jedem neuen Tag eine neue Chance, es wieder gut und beim nächsten Mal besser zu machen.
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Morgen wird in den Kirchen ein etwas merkwürdiges Fest gefeiert: Christi Himmelfahrt. Die Christen feiern, dass Jesus 40 Tage nach seiner Auferstehung zurück in den Himmel gekehrt ist.
Die Bibel beschreibt das so: Bei den Jüngern herrscht Gefühlschaos. Erst mussten sie mitansehen, wie Jesus am Kreuz gestorben ist und dann taucht Jesus nach drei Tagen plötzlich wieder auf. Obwohl er tot war, können die Jünger ihn jetzt immer wieder live erleben und mit ihm sprechen. Mehr als einen Monat geht das so. Am Tag der Himmelfahrt treffen sie sich mit Jesus auf einem Berg. Und obwohl sie ihn dort stehen sehen, können sie wieder nicht begreifen, dass Jesus wirklich auferstanden ist.
Jesus spürt das und macht seinen Freunden ein Versprechen, dass sich nach diesen aufwühlenden Tagen wie Balsam für die Seele anfühlen muss. Er sagt: „Macht euch keine Sorgen. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
Klingt nach einem Happy End. Erst das Leiden und Sterben, dann die Auferstehung. Und am Ende sind alle für immer glücklich miteinander vereint.
Doch genau in diesem Augenblick macht Jesus einen Abgang. Eben noch hat er versprochen, für immer bei seinen Freunden zu bleiben und zack, weg ist er. In der Bibel heißt es: Jesus verschwindet in den Wolken. Nur: Wenn Jesus weg geht, wie will er dann für immer bei den Jüngern sein?
Ich verstehe das so: Jesus ist damals zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmen Ort Mensch geworden. Die Himmelfahrt öffnet seine Geschichte noch einmal. Denn nun will Jesus nicht nur bei seinen Jüngern, sondern bei allen Menschen sein. Und das kann er erst, wenn er wieder bei Gott, bei seinem Vater, ist. Dann kann er tatsächlich zu jeder Zeit in den Herzen aller Menschen sein.
Wie Jesus bei allen gleichzeitig sein kann, das erkläre ich mir durch einen Vergleich. Ich denke, das ist in etwa so wie mit der Liebe. Wir alle lieben ganz unterschiedliche Menschen, aber jeder weiß, was Liebe ist. Und ich glaube, so wie diese eine Idee der Liebe in den unterschiedlichsten Menschen präsent ist, so kann Jesus bis heute bei ganz unterschiedlichen Menschen sein.
Morgen an Christi Himmelfahrt wird dieses ganz besondere Versprechen gefeiert. Es gilt für immer und für alle: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“
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Ein Sommer vor einigen Jahren: Ich bin auf Familienurlaub in Österreich. Meine kleine Nichte und ich machen einen Spaziergang. Emelie ist drei Jahre alt und einfach nur niedlich. Irgendwann stehen wir vor einer kleinen Dorfkirche. Emelie fragt: „Was ist das?“ Ich überlege kurz und antworte: „Da wohnt der liebe Gott.“ Sie schaut mich kritisch an und fragt: „Kennst du den?“
„Wen?“, frage ich, „Gott?“ Emelie nickt.
Ich muss lachen. Und dann fange ich an zu überlegen. Klar, wenn man weiß, wo jemand wohnt, dann muss man denjenigen ja wohl irgendwoher kennen. Das hat meine Nichte schon richtig verstanden.
Tja, kenne ich Gott? Gesehen habe ich ihn noch nie, aber wie man ihn kennenlernt, weiß ich glaube ich schon: Wenn man, wie meine kleine Nichte anfängt, nach ihm zu fragen.
Man kann Gott bestimmt durch viele Dinge kennen lernen: durch die Bibel zum Beispiel oder andere Leute, die an Gott glauben. Aber ganz am Anfang, wenn ich jemanden kennenlernen will, muss ich selbst Fragen stellen: Wer ist Gott, wie ist der so und wo wohnt der eigentlich?
So habe ich vor kurzem auch eine neue Freundin kennengelernt. Eben durch die typischen Smalltalkfragen. Das war nichts Großartiges. Aber diese ersten Fragen waren wichtig und irgendwann sind unsere Gespräche länger geworden.
Wie würde wohl so ein erster Smalltalk mit Gott aussehen? Das kann ich mir schwer vorstellen. Zum Glück gibt es aber jemanden, der dafür wie geschaffen ist: Jesus. Denn Jesus ist auf die Welt gekommen, um den Menschen zu zeigen, wie Gott ist. Also frage ich ihn und stelle mir vor, wie er antwortet: „Jesus, wer ist Gott?“ – „Gott ist die Liebe.“ „Und wie ist Gott so?“ „Wie ein guter Vater, mitfühlend, barmherzig und gerecht.“ „Ok, aber wo wohnt Gott eigentlich?“ „Gott wohnt in dieser kleinen Dorfkirche, und in jedem Menschen. Und ganz bestimmt kannst du Gott in deinem Herzen finden. Du musst dich nur auf die Suche machen.“
Wenn ich mir diese Unterhaltung vorstelle, dann merke ich: Wer Gott kennen lernen will, der muss in die Tiefe gehen und kommt nie an ein Ende. Weil da immer noch mehr ist als man zu kennen glaubt.
In der Bibel gibt Jesus mir Hoffnung, dass es sich trotzdem lohnt, immer wieder nach Gott zu suchen und zu fragen. Er verspricht mir: „Wer bei Gott anklopft, der wird nicht abgewiesen. Dem wird aufgetan. Wer Gott sucht, der wird ihn finden.“
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In der Bibel lesen ist für mich wie reisen: Beides mache ich gerne und beides ist manchmal echt keine Kaffeefahrt!
Ich stand einmal völlig verloren am Stadtrand von Hanoi in Vietnam und wusste nicht mehr weiter. Ich wollte zu einem großen Busbahnhof, aber weit und breit war kein einziger Bus zu sehen. Oder in Malaysia: Da hatte ich mit Freundinnen eine Regenwaldwanderung geplant. Auf einem Hochstand übernachten und Dschungeltiere beobachten – so hatten wir uns das vorgestellt. Gesehen haben wir zwei Tage nichts außer Tausende von Blutegeln.
Wenn ich in der Bibel lese, stoße ich auch immer wieder auf Schwierigkeiten. Bei den Psalmen im Alten Testament zum Beispiel. Diese alten Lieder und Gebete sind oft wunderschön geschrieben, wie beispielsweise der Psalm 139, wo es heißt: „Wie schwierig sind für mich, o Gott, deine Gedanken, / wie gewaltig ist ihre Zahl! / Wollte ich sie zählen, es wären mehr als der Sand. / Käme ich bis zum Ende, wäre ich noch immer bei dir.“ So schön, dieser Text.
Aber schon im nächsten Psalm stolpere ich plötzlich über ziemlich drastischen Rachefanasien. Dort steht: „Gott lasse glühende Kohlen auf die Feinde regnen. Er stürze sie hinab in den Abgrund, sodass sie nie wieder aufstehn."
Ehrlich gesagt: Diese Passagen in der Bibel irritieren mich total. Aber wie beim Reisen machen grade die Schwierigkeiten das Bibellesen für mich erst zum Abenteuer. Damals in Hanoi, als ich auf der Suche nach dem verschwundenen Busbahnhof war, hat mir am Ende eine einheimische Familie geholfen. Und nach dem stundenlangen Kampf gegen die Blutegel im Malaysia wusste ich erst, was ich alles schaffen kann.
Wenn ich unterwegs bin, stellt sich die Welt immer wieder dem, was ich erwarte, in den Weg. So ähnlich macht die Bibel es auch, wenn ich in ihr lese.
Und genau das macht es so spannend. Denn wenn es schwierig wird, gibt es vermutlich genau dort etwas zu entdecken, durch das ich etwas Neues über mich und Gott erfahren kann.
Die biblischen Psalmen fordern mich zum Nachdenken heraus, vor allen an den Stellen, wo sie so deutliche Worte finden. Es gibt in der Welt so viel, von dem ich mir leidenschaftlich wünsche, dass es verschwindet. Gewalt z.B. oder Egoismus. Und wenn mir Unrecht und Grausamkeit begegnen, bitte ich Gott dann nicht in ähnlicher Weise, dass diese feindlichen Kräfte „nie wieder aufstehn“?
Vielleicht kann ich die schwierigen Verse in den Psalmen so verstehen. Aber ehrlich gesagt: Zu einer fertigen Antwort bin ich noch nicht gekommen. Auf meiner Reise durch die Bibel ist für mich noch lange kein Ende in Sicht.
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Lucy glaubt nicht an Gott. Lucy ist meine Freundin und sie fragt mich: „Anna, wie fühlt sich das an?“ Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Also versuche ich es erstmal mit den klassischen Vergleichen und erkläre Lucy: „Gott ist für mich wie ein guter Vater oder wie eine liebevolle Mutter“. Aber egal wie gut der Vergleich ist, am Ende hinkt er immer. Und meine Worte fühlen sich seltsam hohl an. Also versuche ich es damit: „Gott ist wie ‚zu Hause ankommen‘ oder wie ‚ein wahrer Freund‘.“ Aber auch das trifft es nicht wirklich. Denn Gott ist unendlich viel mehr als das, was ich von ihm denke. Für das Wichtigste in meinem Leben fehlen mir die richtigen Worte. Das ist frustrierend.
In dieser Zwickmühle hilft mir die Geschichte vom „Goldenen Kalb“ aus der Bibel:
Moses und das Volk Israel sind auf ihrer langen Reise durch die Wüste. Eben hat Gott sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit und jetzt geht Moses auf den Berg Sinai. Er will mit Gott sprechen, während der Rest der Reisetruppe unten warten muss. Und sie warten lange. Denn Moses kommt einfach nicht zurück. Da werden die Israeliten ungeduldig und müssen etwas tun. Bei dem unsichtbaren Gott, der so lange auf sich warten lässt, halten sie es einfach nicht mehr aus. Sie beschließen, selbst zu handeln. Also gießen sie sich ein goldenes Kalb und fangen an, es anzubeten und zu feiern. Sie holen Gott zu sich herunter, in das, was sie sehen und verstehen können.*
Ich glaube, hin und wieder versuche auch ich Gott in eine Form zu gießen. Zum Beispiel, wenn ich Gott in die schönsten Vergleiche zwängen will, um ihn für Lucy und mich verstehbar, ja irgendwie handfest zu machen. Aber mein Gott sprengt jede Form. Er passt in keine noch so goldenen Worte. Und vielleicht befreit mich genau das. Denn wenn Gott nicht meinen Worten unterworfen ist, dann kann er auch so viel mehr sein als ich jemals sagen kann. Oder wie es an anderer Stelle im Alten Testament heißt: "Wenn wir auch viel sagen, so reicht es doch nicht aus. Mit einem Wort: Gott ist das All."**
*Vgl. Ratzinger, Geist der Liturgie, 19.
**Sir 43, 27.
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