Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


14APR2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Heute Abend feiere ich in meiner Kirche das „letzte Abendmahl“. Wie jedes Jahr an Gründonnerstag. Dabei denke ich daran, wie Jesus mit seinen Jüngern an diesem Abend noch einmal zusammensitzt. Gemeinsam essen sie, bevor er am nächsten Tag am Kreuz hingerichtet wird. Jesus weiß, was ihm bevorsteht. Trotzdem flieht er nicht oder taucht unter, sondern er setzt sich in aller Ruhe und ganz bewusst mit seinen Jüngern an den Tisch.

Was dann passiert ist, ist viel mehr als ein einfaches Abendessen. Jesus teilt mit seinen Jüngern nicht nur Brot und Wein, sondern er sagt: „Das, was jetzt und in den nächsten Tagen mit mir passiert, das ist nicht einfach ein Ereignis in der Geschichte, sondern: Immer wenn Menschen, so wie wir heute, das Brot und den Wein miteinander teilen, haben sie an dieser Geschichte teil.“

Bis heute feiern Christen auf der ganzen Welt deshalb heute Abend gemeinsam Abendmahl. Oder wie es in der katholischen Kirche heißt: Eucharistie.

Immer wenn ich Eucharistie feiere, erinnere ich mich nicht nur an Jesus und seine Geschichte, sondern in diesem Ritual ist er für mich wirklich da. Zwar anders als er damals für seine Jünger da gewesen ist, aber genauso wirklich. Ich kann Jesus zwar nicht sehen, aber in Brot und Wein wird er für mich sozusagen auf verborgene Weise sichtbar.

Das klingt vielleicht seltsam. Aber eigentlich verhält es sich bei vielen Dingen in meinem Leben so. Jedenfalls bei den Dingen, die mir wichtig sind. Mein Zuhause, mein Mann, der letzte Urlaub…das sind alles Dinge, die ich sehen kann. Aber das, was sie für mich erst so schön und wertvoll macht, ist viel eher: Der Frieden in meinem Zuhause, die Liebe zu meinem Mann und die Freude am letzten Urlaub. Es sind diese unsichtbaren Dinge, die in meinem Leben wirklich zählen.

Aber für die unsichtbaren Dinge brauche ich etwas, das ich sehen oder spüren kann. So wie z.B. einen Kuss, der mich die Liebe meines Mannes sehen und spüren lässt. Oder eben das Brot in der Eucharistie, bei dem ich etwas von Jesus, von Gottes Gegenwart schmecken kann.

Jesus hat mir am Gründonnerstag ein sichtbares Zeichen geschenkt, damit ich nicht vergesse, dass er auch heute und auch für mich wirklich da ist. Seine unsichtbare Liebe kann ich mit allen Sinnen erleben: in Brot und Wein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35202
13APR2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Was glauben Sie, wo Ihr Vater jetzt ist?“ Diese Frage stelle ich oft, denn als Seelsorgerin leite ich Beerdigungen. Davor besuche ich die Trauerfamilien und spreche mit ihnen über den oder die Verstorbene. Mich interessiert, dabei, welche Hoffnung die Angehörigen haben. Deswegen frage ich: „Was glauben Sie, wo Ihr Vater jetzt ist?“ Manche sagen dann: „Im Himmel“ oder „bei seiner verstorbenen Frau“. Andere können es nicht so genau sagen, aber sie hoffen auf einen „besseren Ort“.

Dieses Wochenende ist Ostern und für mich als Christin heißt das: Ich feiere das größte Come-Back aller Zeiten. Ein Come-Back, das einfach alles verändert hat. Denn Jesus hat den Tod besiegt. Er ist zurück ins Leben gekommen. Verändert zwar, aber doch derselbe. Seitdem hat der Tod nicht mehr das letzte Wort, sondern: Alle können auferstehen und zwar zu einem neuen und besseren Leben.

Vielleicht ist das schwierig vorstellbar und klingt seltsam. Denn konkret vorstellen kann ich mir die Auferstehung auch nicht. Auch wenn die Bibel mir davon berichtet, wie Maria Magdalena oder die Jünger damals dem auferstandenen Jesus begegnet sind – eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie genau das mit der Auferstehung konkret abläuft, liefert mir sie nicht. Schließlich hat auch die Auferstehung von Jesus mitten in der Nacht, im Dunklen und ohne Zeugen stattgefunden.

Trotzdem ist mein Glaube nicht einfach blind, sondern umgekehrt: Dass ich glaube, hilft mir, den Tod und das Leben klarer zu sehen. Das erlebe ich besonders, wenn ich am Grab stehe.

Dann stehen die Angehörigen, Freundinnen oder Nachbarn neben mir. Manche sind so traurig, dass sie sich kaum aufrecht halten können. Andere wirken gefasster. Aber bei ganz vielen ist spürbar, wie lebendig ihre Beziehung zu dem Menschen ist, der gerade ins Grab hinabgesenkt wird. In diesen Momenten ist es mir schon oft so vorgekommen, als könnte ich die Liebe dieser Menschen mit den Händen greifen. So spürbar ist sie.

Und eben diese Liebe hört am Grab nicht auf, sie geht weiter. Sie wird greifbar immer dann, wenn sich die Angehörigen an ihre Verstorbenen erinnern und ganz besonders dann, wenn sie sie vermissen.

Der Tod bedeutet Trennung. Daran lässt sich nichts schönreden. Aber so schmerzhaft der Tod auch ist, die Liebe begräbt er nicht.

Ich weiß, das ist keine Antwort auf die Frage, wie Auferstehung aussieht. Aber vielleicht kann dieses Phänomen der Liebe eine Hoffnungsspur sein. So wie die Liebe nicht im Grab endet, so geht auch das Leben weiter. Liebe feiert immer ein Come-Back. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35201
12APR2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Meine Freundin Mara steht vor meinem Wohnzimmerregal. Sie sieht meine vielen religiösen Büchern und fragt mich: „Weißt Du, wann es bei dir Klick gemacht hat?“ Mara und ich kennen uns erst seit ein paar Monaten und dass ich an Gott glaube, ist für sie immer noch ungewohnt. Jetzt ist sie neugierig und will wissen, wie ich auf eigentlich auf Gott gekommen bin.

Ich komme ins Grübeln. Ich weiß nämlich gar nicht, wann genau ich angefangen habe, an Gott zu glauben. Aber ich erinnere mich, wie ich ihn kennengelernt habe: Als ich vier oder fünf Jahre alt war und meine Eltern abends vorm Schlafen Gehen mit mir gebetet haben. Und durch meine Kinderbibel. Gott – das war mein vertrauter Freund, aber auch der geheimnisvolle Held der vielen Abenteuer aus der Bibel, die ich damals so spannend fand.

Doch als ich älter wurde – so ungefähr mit 14 Jahren – wurde meine Freundschaft mit Gott mächtig auf die Probe gestellt. Familie, Freunde, Gesundheit – überall hatte ich zu kämpfen und einfach alles lief schief. Und Gott? Es stand für mich immer noch außer Frage, dass es ihn gibt. Aber er hatte jetzt nichts mehr mit mir zu tun. Gott war weg, oder woanders, jedenfalls nicht mehr bei mir und ganz offensichtlich war ich ihm egal. Das dachte ich zumindest. Es dauerte eine ganze Weile und brauchte viele Anläufe, bis es wieder anders wurde.

Mit der Kirche hatte ich zu dieser Zeit wenig zu tun, aber bei einem Familienausflug hat es mich damals in den Kölner Dom verschlagen. Ich habe eines dieser offenen Gebets- und Fürbittbücher entdeckt. Ganz viele Seiten waren schon vollgeschrieben. Während ich es neugierig durchgeblättert habe, hat es ganz plötzlich, still und leise „Klick“ gemacht.

Dieser „Klick“-Moment war völlig unspektakulär, jedenfalls äußerlich. Mir sind keine Engel erschienen und der Boden hat sich nicht aufgetan. Es war auch nicht so, dass ich nach vielem klugen Nachdenken endlich auf die perfekte Lösung gekommen bin.

Da war einfach nur dieser leise Moment. Als hätte jemand in meinem Kopf das Licht angeknipst und jetzt endlich könnte ich klarsehen. Als hätte ich – vielleicht nur für den Bruchteil einer Sekunde – durch alles Erlebte hindurch den „Durchblick“ auf so viel mehr…

Klick. Ich stand da im Kölner Dom und wusste: Ich muss auch in dieses Buch schreiben. Mein Danke für Gott. Weil ich in diesem Moment sehen konnte: er ist nie weg gewesen, Gott war die ganze Zeit da.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35200
11APR2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Eine Stadt in heller Aufregung: Menschenmengen stehen am Straßenrand und jubeln. Palmzweige und Kleidungsstücke werden in der Luft geschwenkt und landen auf dem Boden. Und überall hört man laute Freudenrufe. Der Grund für die ganze Aufregung? Ein junger Mann, der auf einem Esel gemächlich in die Stadt hineinreitet. Das ist alles.

Die Bibel beschreibt so den Einzug von Jesus in Jerusalem. Gestern, am Palmsonntag, haben Christen auf der ganzen Welt, dieses Ereignis gefeiert. Und natürlich steckt mehr hinter dieser Szene von gestern. Der Esel, auf dem Jesus geritten kommt, ist kein harmloses Transportmittel, sondern für die Menschen damals ein Zeichen voller Hoffnung! Denn damals wusste jeder: Wenn einer so auf einem Esel dahergeritten kommt, dann ist das DER Retter. Seit Urzeiten war er so angekündigt worden – und jetzt endlich war er da! Kein Wunder, dass die Aufregung entsprechend groß gewesen ist.

Was damals war, ist heute auch für mich wichtig. Denn die Bibel erzählt mir nicht nur, was vor zweitausend Jahren passiert ist, sondern auch, was heute in meinem Leben passieren kann. Dabei orientiere ich mich vor allem an den Bildern, die in der Bibel eine Rolle spielen. Viele von ihnen sind so vielschichtig. So steht die Stadt Jerusalem nicht nur für das historische Jerusalem, sondern kann auch ein Bild für mein Herz oder meine Seele sein.

Wenn ich die Geschichte vom Palmsonntag so lese, dann ist das, was damals in Jerusalem passiert ist, nicht einfach nur einmal gewesen und jetzt vorbei. Sondern es findet tiefer betrachtet auch heute statt. Dann zieht Jesus heute noch in mein Herz ein.

In meiner Herzensstadt wohnen meine Hoffnungen und Träume, aber auch alles, was mich umtreibt und mir Sorgen macht. Wo ich verletzt wurde oder andere verletzt habe. So wie Jerusalem, so wartet deshalb auch mein Herz auf Rettung. Und die Rettung naht. Der Palmsonntag erinnert mich daran:  Jesus ist schon einmal gekommen und er kann immer wieder kommen. Ich muss ihm dafür nur mein Herz öffnen und bereit sein, ihn aufzunehmen. Zum Beispiel wenn ich zu ihm bete. Dann spreche ich Jesus an und erzähle ihm, was mich bewegt. So lade ich ihn quasi ganz persönlich zu mir ein.

Auch ich habe also einen Grund zum Feiern, und zwar nicht nur gestern am Palmsonntag, sondern immer. Denn mein Gott kommt zu mir. Und mit ihm zieht die Hoffnung in die Stadt meines Herzens ein. Hoffnung, dass Ostern wird, Hoffnung, dass so viele Wunden wieder heilen, Hoffnung, dass es wieder Frieden gibt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35199
04FEB2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich habe die Zügel gerne selbst in der Hand. Ob es um den nächsten Einkauf im Supermarkt geht oder um größere Zukunftsprojekte – solange ich Schritt für Schritt alles takten und steuern kann, bleibe ich ganz gelassen. Und warum auch nicht? Schließlich gibt es nichts, was sich nicht mit einer gut strukturierten To-Do-Liste bewältigen ließe. Das dachte ich zumindest.

Bis sich vor einigen Wochen alles geändert hat. Es war der Moment, in dem ich erfahren habe: ich bin schwanger.

Den ersten Ultraschalltermin werde ich nie vergessen. Mein Mann und ich sehen unser Kind zum ersten Mal. Ein kleiner schwarz-weiß flimmernder Fleck auf dem Bildschirm. Unser Kind. Groß wie eine Dattel. Aber mit einem Herz, das schlägt.

Und jetzt?

Sofort informiere ich mich in allen Einzelheiten, was ich tun kann. Was ich essen und was ich meiden soll, damit dieser winzige Mensch in mir, der in wenigen Monaten die unglaublichsten Entwicklungen meistert, keinen Schaden erleidet.

Mein Tatendrang ist geweckt. Klar, denn wenn es um mein Kind geht, dann muss ich doch irgendwie helfen und mitanpacken können, es eben selbst in die Hand nehmen!

Doch leider ist die Ernährungsumstellung schnell erledigt und schon bald bleibt mir nicht mehr übrig, als die Wochen der Schwangerschaft zu zählen. Die Erkenntnis kommt langsam und sie überwältigt mich: Dass da in meinem Körper neues Leben entsteht, ist so unglaublich schön. Aber es liegt überhaupt nicht in meiner Hand. Ich erlebe ein echtes Wunder. Und was ich vorher nicht wusste: Wunder machen mich ganz schön nervös.

So sehr mein Mann und ich uns dieses Kind gewünscht haben – darüber verfügen oder es kontrollieren, das können wir nicht.

Eine Sache aber kann ich trotzdem machen: Ich kann guter Hoffnung sein.

Ich hoffe, dass eben dort, wo das Leben nicht mehr in meiner Hand liegt, Gottes Hand bereits wartet. Dass es Gott ist, der unser Kind sicher hält. Jetzt und sein ganzes Leben lang. Gerade dort, wo ich es nicht kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34775
03FEB2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Heute vor vier Jahren: Ich stehe in einer kleinen Kirche im tiefsten Hochschwarzwald. Nach dem Theologiestudium mache ich hier meine Ausbildung in einer Kirchengemeinde. Vieles ist noch neu für mich. Zum Beispiel, dass der Pfarrer mir jetzt gerade eine komische goldene Halterung überreicht. In der stecken zwei lange weiße Kerzen schräg über Kreuz. Dabei sagt er beiläufig: „Heute ist ja Blasiustag. Wäre gut, wenn du mithelfen könntest, den Blasiussegen zu spenden.“

Ich gucke verdattert auf die überkreuzten Kerzen in meiner Hand und frage: „Den was spenden?“ Da kann sich mein Chef ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Und er erklärt mir, um was es bei dieser Sache mit dem Blasiussegen geht: Blasius war im dritten Jahrhundert Bischof in der Stadt Sebaste in der heutigen Türkei. Er ist der Christenverfolgung im römischen Reich zum Opfer gefallen. Von ihm wird gesagt, dass er einem Jungen das Leben gerettet hat, der fast an einer Fischgräte erstickt wäre. Weil Blasius eingegriffen und ein Gebet gesprochen hat, hat der Junge überlebt. Der sogenannte Blasiussegen soll deshalb heute noch bei Halskrankheiten helfen.

Zurück in die kleine Schwarzwaldkirche vor vier Jahren. Da erklärt mir mein Pfarrer weiter: „Für diesen Segen hältst Du die beiden brennenden Kerzen so etwa auf der Höhe des Halses und betest dabei: Auf die Fürsprache des heiligen Blasius bewahre dich der Herr vor Halskrankheiten und allem Bösen. Es segne dich Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.“

„Amen“, antworte ich automatisch und jetzt kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ein Märtyrer aus dem 3. Jahrhundert soll mich vor einem kratzigen Hals retten? Ganz schön skurril, finde ich. Doch wenn es in den Bräuchen meines Glaubens besonders sonderlich wird, lohnt es sich, der Sache auf den Grund zu gehen.

Mir fällt ein Satz von Jesus ein, der gut zum Blasiussegen passt. Jesus sagt einmal: „Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.“ 

Diese Worte machen mich auf eine andere Seite des Blasiussegens aufmerksam. Wie oft habe ich im Zorn schon Dinge gesagt, die mir danach leidgetan haben? Worte können verletzen, aber sie können auch versöhnen und heilen. So verstehe ich den Segen des Heiligen Blasius: Nicht nur als Schutz vor Halsschmerzen, sondern vor allen Dingen als Balsam gegen böse Worte. Ich freue mich, diesen alten Brauch kennen gelernt zu haben, der auch heute Abend in vielen Kirchen gepflegt wird. Denn nun kann ich den Heiligen Blasius bitten: „Hilf mir die richtigen Worte zu finden. Bewahre mich vor Streit und Hass. Segne mich und lass meine Worte segensreich für andere sein.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34776
02FEB2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Das schönste Fest meines Lebens – das war unsere Hochzeit im letzten Jahr. Die Trauung in der Kapelle, der Sektempfang, die vielen lachenden Gesichter und das ausgelassene Tanzen – so könnte ich ewig weiterschwärmen.

Und während ich so in Erinnerungen schwelge, vergesse ich gerne, wie lange mein Mann und ich diesen Tag geplant haben. Unser schönes Hochzeitsfest hat uns ganz schön viel Zeit und Nerven gekostet. Über Location, Musik, Hochzeitskleid und Blumenschmuck – die To-Do-Liste war lang und nicht immer waren wir uns einig.

So viel Aufwand, nur für einen einzigen Tag. Eigentlich eine ganz schöne Verschwendung. Hätte es da weniger nicht auch getan?  

Ich finde: Nein. Denn so wie das Sparen zur rechten Zeit, gibt es eben auch eine Zeit der Hoch-zeit, in der es heißt, mit vollen Händen auszugeben, großzügig einzuladen und gemeinsam zu genießen. Denn dadurch wird für mich deutlich, um was es bei einer Hochzeit eigentlich geht: Um die Liebe zwischen zwei Menschen, die völlig uneingeschränkt aus ganzem Herzen Ja zueinander sagen. Wenn ich so liebe, will ich nichts zurückhalten oder aufsparen. Dann will ich alles geben.

Während sich oft genug in meinem Leben alles darum dreht, sparsam, genau und möglichst effizient zu sein – in der Liebe ist es genau anders.

Das scheint Jesus auch so gesehen zu haben. Denn die erste große Tat, die von ihm in der Bibel steht, ist nicht etwa eine Krankenheilung, sondern eine Geschichte, die sich auf einer Hochzeitfeier abgespielt hat. Als dort der Wein für die Gäste ausging, wurde auf wundersame Weise Wasser zu Wein. Und zwar gleich vier Badewannen voll! Was für eine Verschwendung könnte man jetzt wieder sagen.

Doch dieser Überfluss an Wein steht für etwas Besonderes. Ich soll verstehen: Gott hält nichts zurück, er gibt mit vollen Händen. Das ist Liebe. Eine Liebe, die nicht weniger wird, je mehr man davon gibt, sondern mehr. Und an dieser Liebe dürfen mein Mann und ich teilhaben. In guten wie in schlechten Zeiten.

Am Morgen nach der Hochzeit ging es dann übrigens ans Aufräumen: Müde haben mein Mann und ich die letzten Reste der Nacht zusammengekehrt.

Beim Blick auf die unzähligen leeren Sektflaschen und Eimer von Blumen mussten wir lächeln: Was für eine herrliche Verschwendung. Ein Fest, das uns für immer daran erinnert: In der Liebe müssen wir niemals sparsam sein.  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34773
01FEB2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ein gemütliches Abendessen mit Freunden. Die Teller sind leer, die Gläser voll. Wir reden, lachen und genießen den gemeinsamen Abend. Alles ist perfekt.

Bis er plötzlich wieder auftaucht. Zack! Ein kurzer Griff in die Tasche und da ist er: Der unvermeidliche Störenfried – mein Smarthphone. Nur mal kurz rausgeholt ist es jetzt in meinen Händen und ich starre auf den kleinen Bildschirm. Wie unhöflich gegenüber meinen Freunden!

Leider passiert mir das immer öfter, sogar dann, wenn ich es gerade richtig schön mit anderen zusammen habe.

Und ganz ehrlich, das meiste, was ich in solchen Momenten auf meinem Handy nachschaue, ist unwichtig: Da lese ich Nachrichten, die ich gleich wieder vergesse. Oder ich schaue mir übermäßig bearbeitete Fotos an und Infos, von denen ich gar nicht weiß, ob sie stimmen. 

Woher ich das weiß? Weil ich alles, was auf meinem Handy ankommt, mal kräftig durchgesiebt habe. Und zwar mit den sogenannten „drei Sieben des Sokrates“.

Die Geschichte aus der Antike geht so: Der Philosoph Sokrates wird von einem seiner Schüler angesprochen, der ihm unbedingt etwas erzählen möchte. Der Schüler beginnt: „Kannst du dir vorstellen, was der wieder gemacht hat?“ Sokrates unterbricht ihn und fragt: „Ist es gut, was du mir über deinen Freund zu sagen hast?“ Der Schüler antwortet: „Nein“. Dann fragt Sokrates: „Ist es sicher wahr, was du zu sagen hast?“ Der Schüler antwortet wieder: „Nein“. Also will Sokrates wissen: „Ist es notwendig, dass ich davon weiß?“ Ganz zerknirscht sagt der Schüler wieder: „Nein, auch das nicht.“ „Na dann“, fragt Sokrates, „warum soll ich überhaupt davon erfahren?“ 

Die Grundidee ist also: Wenn etwas weder gut ist, noch notwendig für mich zu wissen und auch nicht wahr, dann sollte ich am besten auch keine Energie darauf verschwenden.

Wenn ich die drei Siebe von Sokrates aber nun auf die Infos aus meinem Smartphone anwende, dann bleibt ehrlich gesagt nicht viel übrig.

Da lohnt es sich viel mehr, dass ich mich nicht von meinen Freunden ablenken lasse und eine entspannte Zeit mit ihnen verbringe. Und mein Handy bleibt in der Tasche.

Einmal hole es aber dann doch heraus. Und zwar um ein Foto von uns allen zu machen. Eine Momentaufnahme von unserer Freundschaft, die ich auf meinem Handy speichern kann. Denn das ist das Tolle an den drei Sieben des Sokrates: Wenn ich alles kräftig durchgesiebt habe, dann bleibt am Ende etwas richtig Schönes übrig: Das, was wahr und für mich gut und notwendig ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34774
31JAN2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manchmal bin ich richtig frustriert. Denn was hatte ich im letzten Jahr Hoffnung! Als es geheißen hat: noch ein Wellenbrecher-Lockdown, dann sind wir über den Berg. Oder: Sobald die Impfung kommt, kehrt die Normalität zurück. So oft hatte ich gehofft und immer wieder war das alles doch nicht die Lösung.

Auch in diesem Jahr kommt es mir so vor, als ob es mit Corona kein Ende nimmt. Wie ein endloser Hürdenlauf, bei dem nach jeder geschafften Runde eine neue Runde kommt, die man noch schneller laufen muss.

Und ist das ohne Corona überhaupt anders? Klimakrise, Spaltung, Hass und der Hunger weltweit – wie soll ich bei all diesen Unheilsmeldungen bloß meine Hoffnung bewahren?

Ich suche ein Mittel gegen meine Hoffnungslosigkeit und stoße dabei auf Paulus, einen Christen der ersten Stunde. Für mich ist dieser Apostel ein echter Hoffnungsexperte.  Denn etwa 20 Jahre nachdem Jesus gestorben ist verbreitet Paulus die christliche Botschaft in einer Welt, in der die meisten von diesem Jesus noch nie gehört haben. Eigentlich ein unmögliches Unterfangen. Berücksichtig man dann aber noch die Umstände, erscheint das Ganze völlig hoffnungslos: Denn die ersten Christen mussten mit Verfolgung und Strafe, ja sogar dem Tod rechnen.

Und so ist Paulus dann auch gleich mehrmals im Gefängnis gelandet. Aber von dort hat er Briefe verschickt, in denen er seine Freunde ermutigt und ihnen Hoffnung macht. Weil Paulus fest an Jesus geglaubt hat, hat er die Hoffnung nie aufgegeben. Er hat gehofft, dass Jesus wiederkommt. Aber auch das passierte nicht.

In dieser hoffnungslosen Situation schreibt Paulus folgenden Satz: „Wir sind gerettet, doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung.“[1]

Was beim ersten Hinhören vielleicht kryptisch kling, ergibt näher betrachtet sehr viel Sinn. Wenn ich darauf hoffe, dass die Krise, die ich gerade erlebe, endlich vorbei geht, ist sie noch nicht vorbei. Wenn sie aber überstanden ist, brauche ich auch nicht mehr darauf zu hoffen. Gerade wenn es also gar nicht gut aussieht, ist das kein Grund, die Hoffnung aufzugeben, sondern ganz im Gegenteil: dann ist es umso wichtiger, dass ich noch hoffen kann. Bei Paulus lerne ich: „Jetzt erst recht!“

Eine so verstandene Hoffnung kommt mir fast wie eine Immunisierung gegen viele Krisen der Welt vor. Denn auch wenn es schlimm steht, kann meine Hoffnung stark sein.

Das hoffe es zumindest.

 

[1] Röm 8,24

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34777
03SEP2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Am Abend dieses Tages…“ So beginnt in der Bibel eine Erzählung über eine besondere Bootsfahrt, die Jesus mit seinen Jüngern unternimmt.

Die Geschichte passt zur Lage der Kirche im Moment. Denn ich habe das Gefühl, dass es auch dort „Abend“ geworden ist. Die gute Nachricht von Gottes  Liebe und Nähe ist irgendwie verdunkelt – durch Skandale, scharfe Debatten, aber auch weil so viele frustriert sind. Und wenn es um die Zukunft der Kirche geht, höre ich meist düstere Prognosen. Es scheint Abend geworden zu sein in meiner Kirche.

In der Bibel heißt es, dass Jesus mit seinen Jüngern abends in ein Boot steigt und kaum sind sie unterwegs, kommt ein heftiger Wirbelsturm auf. Schnell macht sich Panik breit.

Und ich? Ehrlich gesagt: als Christin, die mit im Boot namens Kirche sitzt, kenne ich diesen Sturm nur gut.

Die Verbrechen des Missbrauchs, die tiefen Gräben und Kämpfe innerhalb der Kirche, berechtigte Vorwürfe von außen, aber auch Hass und Häme – all das drängt auf mich ein. Der Untergang der Kirche scheint unausweichlich zu sein. Und wie die Jünger, befürchte auch ich, dass wir untergehen.

In der biblischen Geschichte bringt Jesus den Sturm mit nur drei Worten zum Schweigen. Jesus sagt: „Schweig, sei still.“ Und augenblicklich kehrt völlige Ruhe ein.

Doch wenn es um die Stürme heute geht, z.B. den Missbrauch, dann ist Schweigen ja gerade nicht die Lösung. Im Gegenteil: Das Schweigen muss gebrochen werden. Die Opfer müssen zu Gehör kommen. So laut es nur geht. Also tobt der Sturm weiter.

Und mitten im Sturm überlege ich: Soll ich das sinkende Schiff vielleicht lieber verlassen? Wenn ich das Schiff Kirche nicht retten kann, dann doch wenigstens mich selbst.

Aber dann hätten Verbrechen, wie die des Missbrauchs, mich dazu gebracht, dass ich von Bord gehe. Und stattdessen diejenigen das Steuer übernehmen, die mit an dem schuld sind, was alles passiert ist. Ich finde: Genau umgekehrt muss es sein! Jetzt erst recht! Damit die Missbrauchstäter nicht das letzte Wort haben.

Jetzt erst recht bleibe ich in der Kirche und werfe mich mit ganzer Kraft in den Sturm, liebe und tue Gutes, so gut ich kann. Und ich sitze nicht allein im Boot. An jeder Seite wird entschlossen gerudert. Da sind so viele engagierte Christinnen und Christen, die dem Sturm trotzen. Mit ihnen kann aus dem Wirbelsturm ein Wind werden, der die Segel der Kirche neu mit Liebe füllt. Sodass das ganze Schiff eine neue und gute Richtung einschlägt.

Ich bleibe dabei, mitten im Sturm.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33751