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SWR1 Begegnungen

04JUN2026
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Martina Steinbrecher trifft Anna-Manon Schimmel

Die Pfarrerin lebt idyllisch: Ein großes Haus auf dem Land, bevölkert von Hunden, Katzen und Schildkröten; viel Platz für Mensch und Tier. Drei Dörfer in den Rheinauen in der Nähe von Offenburg gehören zu Annas evangelischer Gemeinde. Heute, am katholischen Feiertag Fronleichnam hat sie frei. Sie hat aber auch schon mal mitgeholfen bei den Vorbereitungen für die Fronleichnamsprozession:

Die schönste Erfahrung, die ich gemacht habe mit Fronleichnam war, als ich tatsächlich selber morgens, ganz ganz früh, mit ganz vielen Menschen Blüten gelegt habe auf dem Boden – diese Blütenbilder.

Typisch Anna: Wenn sie was anpackt, kniet sie sich voll rein. Und auch heute Morgen haben sich wieder an vielen Orten landauf landab vor allem Frauen ins Zeug gelegt, um aus tausenden von Blüten kunstvolle Bodenbilder zu arrangieren. Über diese Blütenteppiche schreitet dann später der Priester mit der Monstranz. Und die ganze Gemeinde hinterher. Was der evangelischen Pfarrerin am katholischen Brauch gefällt:

Ich bin ziemlich davon überzeugt, dass wir mit unserem Glauben an die Öffentlichkeit gehen müssen, weil er sonst verschwindet. Dass man nicht wartet, bis sonntags die Kirche voll wird, sondern eben schaut, wo kann ich denn hingehen? Wo ist Öffentlichkeit? Wo kann ich auftauchen? Das finde ich einfach superwichtig.

Anna-Manon Schimmel hat die Frage nach einem Ort, an dem sie mit ihrem Glauben zu den Menschen gehen kann, für sich eindeutig beantwortet:

Also, sagen wir so: Ich bin selber Kneipengängerin, und als ich Studentin war, bin ich wirklich sehr, sehr gern in Heidelberg in die ganzen Kneipen in der Unteren Straße gegangen.  

In so einer Kneipe hat Anna dann auch so eine Art Berufungserlebnis gehabt. Sie weiß es noch genau: Es war ein Faschingsdienstag. Und nach der Uni ist sie mit ein paar Kommilitonen in eine Kneipe eingekehrt.  

Und plötzlich: Alle sind dann irgendwie aufgestanden und haben gesagt: Anna, du predigst jetzt! Und dann hat irgendjemand zum Wirt gesagt, er soll mal die Musik leise stellen, und dann hat er die Musik leise gestellt und dann hatte ich auch keine Wahl.

Anna steht auf und predigt. Mitten hinein in die Gespräche und Themen der Leute an den Tischen und an der Theke. Von Jesus, der dabei ist im Leben, auch wenn’s mal eng wird.

 … und alle waren so still und danach waren alle irgendwie total ergriffen. Und da habe ich das erste Mal gedacht: Krass, dass es geht an so einem Ort, dass es mucksmäuschenstill werden kann, an einem Ort, wo das Leben tobt.

Mir fällt dazu der alte Schlager von der kleinen Kneipe in unserer Straße ein: „Und du stehst mit dem Pils in der Hand an der Theke, und bist gleich mit jedem per Du. Die Rechnung, die steht auf dem Bierdeckel drauf, doch beim Wirt hier hat jeder Kredit.“ 50 Jahre später ist die Kneipenkultur längst eine andere. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Anna mit ihrer Botschaft sehr gut in diese Atmosphäre hineinpasst: Bei dem Gott, von dem sie erzählt, hat schließlich auch jeder Kredit. Gnade heißt das im Kirchensprech.

Ich sage immer, in der Kneipe muss es eben nicht leise sein. Wenn ich spreche, wird es automatisch leise. Aber die Leute dürfen sich eben noch ihr Bier oder ihre Cola weiterhin bestellen. Gerade dieses Wuselige, das ist eben so charmant an der Kneipe.

Anna trägt keinen Talar. In Jeans und T-Shirt unterscheidet sie sich nicht von den anderen Kneipengängern. Zum Predigen lehnt sie am Tresen; zum Beten setzt sie sich auf den letzten freien Platz auf der Treppe. In einer anderen Ecke sitzt ein Gitarrist auf einem Barhocker.

Wir haben schon mehr mit Schlagermusik gehabt, mit Akkordeon und Gitarre. Und bei Liedern, die alle kennen, dann schunkeln und singen natürlich schon auch Leute mit. Aber wir singen eben nicht „Großer Gott, wir loben Dich“ oder eben diese klassischen Gesangbuchlieder.   

Jeder darf mitmachen, keiner muss. Auch die Liturgie – also die Form des Gottesdienstes – ist an den Ort bestens angepasst. Es beginnt mit einer Begrüßung.

Und dann eben immer dieses „Prost Gott!“ Da zähle ich dann bis drei. Und wir heben alle unser Glas und schauen gegen den Himmel. Und sagen Prost Gott. Das machen wir einmal am Anfang. Und einmal ganz am Schluss vor dem Segen.

Gebetsanliegen werden auf Bierdeckel geschrieben und anschließend eingesammelt, egal wie viele. Alle Gebete werden laut vorgelesen Das kann dann schon mal länger dauern als ein Gottesdienst am Sonntagmorgen. Abschaffen möchte Anna-Manon Schimmel den übrigens nicht. Sie will aber Mut machen, mit Gottesdiensten auch an andere Orte zu gehen, und vor allem zu Menschen, die mit einem klassischen Sonntagsgottesdienst nicht so gut klarkommen:   

In der Kirche ist es ja manchmal so, dass man denkt: O je, wenn es über eine Stunde geht, dann scharrt man schon mit den Hufen und denkt, jetzt könnte die Person da vorn mal zum Punkt kommen. Aber in der Kneipe erlebe ich das anders. Weil mehr ein Austausch, ein Miteinander ist. 

Und das ist dann tatsächlich ein sehr evangelisches Konzept: Gottesdienste sind nicht an heilige Orte oder Zeiten gebunden. Sie können überall stattfinden, wo Menschen sich im Namen des dreieinigen Gottes versammeln: eins, zwei, drei: Prost, Gott!

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23MAI2026
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Ich bin zu einer Tagung gefahren. Das Tagungshaus lag wunderschön inmitten von Weinbergen; das Mittagessen war richtig gut. Das Zimmer, in dem ich zwei Mal übernachten sollte, war klein, aber fein. Die eigentliche Feuerprobe muss bei mir jedoch immer die Nasszelle bestehen, denn es gibt zwei Dinge, die ich auf den Tod nicht abkann: Erstens, wenn aus dem Duschkopf kein kräftiger Wasserstrahl kommt. Und zweitens, wenn es aus dem Föhn nicht richtig doll bläst. Leider ist der Wasserdruck echt enttäuschend; bei dem Rinnsal brauche ich ewig, um mir das Shampoo aus den Haaren zu waschen. Dafür ist der Föhn eine echte Wucht: Mit Wumms bläst er mir die Haare aus dem Gesicht. In Nullkommanichts sind sie trocken.

Ich bin begeistert. So, denke ich, muss das auch an Pfingsten gewesen sein. In Jerusalem vor 2000 Jahren. Als Gottes Heiliger Geist alle Traurigkeit und Ängste fortgeblasen hat, und plötzlich war da eine Energie im Raum, von der keiner wusste, woher sie auf einmal kam. Doch der Reihe nach; ich fange noch einmal an Ostern an: Jesus war tot; auf grausame Weise hingerichtet, ein furchtbarer Schock für alle, die in ihm einen großen Hoffnungsträger gesehen haben, der die Welt zum Guten verändert hätte. Dann haben plötzlich welche behauptet, er sei auferstanden, einige sogar, sie hätten ihn gesehen, er sei ihnen persönlich begegnet. Für die meisten klang das nach Spinnereien zur Traumabewältigung. 50 Tage waren seither vergangen. Zeit, in den Alltag zurückzufinden. In Jerusalem saßen sie zusammen, die Jüngerinnen und Jünger. Das Pfingstfest wollten sie dort noch mitnehmen und danach wieder jeder seiner Wege gehen. Und dann passiert das. Kommt der Heilige Geist. Fährt mit Macht durch die Reihen. Später haben sie es beschrieben als gewaltiges Brausen, als wären Feuerflammen im Raum.

Pfingsten als Urknall der Christenheit. Jesus ist fort, aber seine Kraft, seine Energie ist zurück. Sie spüren es deutlich. Etwas ergreift sie, reißt sie mit, gibt ihnen gewaltigen Aufschwung. Es heißt immer, Pfingsten sei ein unzugängliches Fest. Ich finde das nicht. Denn Kraft und Energie kann ich spüren.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

22MAI2026
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Zurück von einer ausgedehnten Shoppingtour. Ich schütte meine Beute aufs Bett und mache mich daran, die Preisschilder von den frisch erworbenen Kleidungsstücken abzuschneiden. In einer Bluse finde ich ein Etikett mit der Aufschrift „Ich bin limitiert und eines von unter 320 weltweit.“ Aha, denke ich, das erklärt dann auch deinen Preis: Eine von unter 320 weltweit. Vorsichtig hänge ich das seltene Stück auf einen Bügel und schaue es an. Eins von unter 320 weltweit. Na und? Sticht mich plötzlich der Hafer, mich gibt’s nur einmal. Und zwar unter acht Milliarden. Limitierter geht’s gar nicht!

Mein Fingerabdruck: einzigartig, sagen die Kriminaltechniker und könnten mich jeder Straftat überführen, in der ich meine Finger drin hätte. Meine Stimme: unverwechselbar. Obwohl ich mit exakt denselben Sprechwerkzeugen ausgestattet bin wie alle anderen Menschen, einem Kehlkopf und zwei Stimmlippen, wünscht niemand im Radio auf dieselbe Weise „Guten Morgen“ wie ich. Mein Bruder, der genetisch dieselben Eltern hat und mit denselben Rahmenbedingungen aufgewachsen ist wie ich, ist tausend Mal mehr als ich in männlicher Gestalt.

Und selbst eineiige Zwillinge haben mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Jeder Mensch eine limitierte Auflage, jede ein Unikat! Ist das nicht großartig? Und nirgendwo finde ich das so schön beschrieben wie im 139. Psalm. Da staunt ein Mensch über Gottes unerschöpflichen Einfallsreichtum. Selbst bei acht Milliarden Exemplaren derselben Gattung gehen dem Schöpfer die Ideen nicht aus. Aus demselben Stoff kreiert er immer noch neue Varianten. „Ja“, heißt es im Psalm, „du hast meine Nieren geschaffen, mich im Bauch meiner Mutter gebildet. Ich danke dir und staune, dass ich so wunderbar geschaffen bin. Ich weiß, wie wundervoll deine Werke sind. Nichts war dir unbekannt am Aufbau meines Körpers, als ich im Verborgenen geschaffen wurde, ein buntes Gewebe in den Tiefen der Erde. Ich hatte noch keine Gestalt gewonnen, da sahen deine Augen schon mein Wesen. Wie kostbar sind für mich deine Gedanken, Gott! Wie zahlreich sind sie doch in ihrer Summe! Wollte ich sie zählen: Es sind mehr als der Sand am Meer.“  

Wenn Sie also das nächste Mal beim Einkaufen wieder auf eine limitierte Auflage stoßen, denken Sie dran: Aber mich gibt’s nur einmal!

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

21MAI2026
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Ein Prepper, habe ich jetzt gelernt, ist ein Mensch, der darauf achtet, für alle möglichen Notfälle gut gerüstet zu sein. Prepper bereiten sich aktiv auf Krisen, Naturkatastrophen oder den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung vor. Sie legen Lebensmittelvorräte an, bauen Schutzräume, und manche stellen für sich sogar eine eigene Wasserversorgung und Energieerzeugung sicher, um notfalls autark überleben zu können. Prepper. Das englische Wort klingt auch schon so zupackend. To prepare heißt sich vorbereiten; be prepared ist der englische Pfadfinderruf: Allzeit bereit!

Ich überlege, wie gut ich selbst auf mögliche Katastrophen vorbereitet bin und stelle fest, dass ich eher nicht zur Vorratshaltung oder anderen Vorsichtsmaßnahmen neige. Nur während der Coronazeit habe ich mich auch von der allgemeinen Verunsicherung anstecken lassen und Sprudel und Toilettenpapier gehortet.

Aber schon die Energiekrisen der 70er Jahre und das aufkommende Problembewusstsein für Umweltverschmutzung in den frühen 80er Jahren haben Prepper hervorgebracht. Und heute sorgen die zahlreichen Erschütterungen einer lange als stabil geglaubten Weltordnung dafür, dass Menschen sich vermehrt Gedanken machen, wie sie drohende Katastrophen überleben könnten.  

Erfunden hat das Preppen aber eine biblische Gestalt aus dem Alten Testament mit Namen Josef. Der war ein gefragter Traumdeuter und stand beim Pharao von Ägypten in Dienst. Beunruhigend, was er über sieben fette und sieben magere Kühe zu sagen hat, die durch die Träume des Pharaos spuken. Sie stünden, so Josef, für sieben fette Jahre mit reichen Ernten und Korn und Brot im Überfluss, gefolgt von sieben mageren Jahren, in denen es praktisch nichts zu ernten und zu beißen geben würde. Der Pharao gerät in Panik; Josef hat die Lösung. Es schlägt die Stunde des ersten Preppers. Josef lässt große Vorratsscheunen bauen und zweigt so viel vom Überfluss der guten Jahre ab, dass man die schlechten damit gut überstehen kann. Ein weiser Mann, ein kluger Plan! Vor allem, denke ich, weil er die gute Vorsorge gesellschaftlich denkt und nicht auf den eigenen Bauchnabel beschränkt. So sollte es auch heute funktionieren.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

20MAI2026
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In der Mitte der Woche will ich ein paar Gedanken zur Mitte mit Ihnen teilen. Es sind viele, denn wenn man erst mal anfängt, drüber nachzudenken, kommt man schnell vom Hölzchen aufs Stöckchen; und so gibt es heute Morgen mal ein buntes Sammelsurium an Gedankensplittern. Ich hoffe, es ist auch für Sie einer dabei. Mittwochmorgen also. Mitte der Woche. Zwei Arbeitstage schon hinter sich gebracht, zwei noch voraus. Wenn’s gut läuft, ist heute alles im Gleichgewicht.  Und wenn nicht: Irgendwann wird es zwölf Uhr Mittag sein. Dann ist der Tag seiner Höhe nah und wird seine Last bald hinter sich gebracht haben. Schon bald haben wir die Mitte des Jahres erreicht. Noch gut ein Monat bis zur Sommersonnenwende. Dann werden die Tage wieder kürzer. Dabei fängt der Sommer erst an. Mitte des Lebens. Irgendwann zwischen dem 40. Und 50. Lebensjahr; oft verbunden mit Krisenzeiten, irgendetwas kippt, gerät ins Ungleichgewicht. Lange ging alles bergauf, einem unsichtbaren Gipfel entgegen. Fragen tauchen auf: Habe ich erreicht, was ich erreichen wollte?  Geht es ab jetzt nur noch bergab? Bin ich zufrieden, mit dem, was geworden ist? Und was kommt noch?

„Sie war der Mittelpunkt unserer Familie“ lese ich in vielen Todesanzeigen von verstorbenen Müttern; ja, meist sind es die Mütter, die eine Familie zusammenhalten gegen alle möglichen Fliehkräfte. Als Mitte des Universums galt lange die Erde. Noch heute sprechen wir davon, dass die Sonne auf- und untergeht. Dabei sind wir es, die sich drehen auf einem blauen Planeten durchs All. Zeitgleich mit diesen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen entdecken die Reformatoren im 16. Jahrhundert, Christus ist die Mitte der Heiligen Schrift und das Zentrum des christlichen Glaubens. Und wenn Du an Gott zweifelst oder gar verzweifelst, sagt Martin Luther, dann wende Dich dieser Mitte zu. Von Christus aus ordnet sich alles. Und schließlich finde ich in einem Lied die Bitte: „und mach die Mitte gut“. Diesen Mittwoch. Die Mitte des heutigen Tages. Die Mitte und die vielen Mittelpunkte des Lebens. Egal, welcher Gedanke Ihnen hängenbleibt. Ich schließe mich an: Gott, mach die Mitte gut.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

19MAI2026
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Noch vierzehn Tage bis zum Konzert; und nur noch zwei Proben. Das Programm unseres Chors ist umfangreich, 23 Lieder aus den 50er und 60er Jahren; alles soll möglichst auswendig gesungen werden. Französiche Chansons sind dabei, Azzuro auf Italienisch, La Bamba auf Spanisch. Und selbst so ein Ohrwurm wie Obladi Oblada von den Beatles hat textlich so seine Tücken. Wir geben uns Mühe, und so klingt es denn auch: bemüht. Während wir beim Singen angestrengt nach Noten und Textzeilen kramen, ruft unser Chorleiter: „Ihr sollt Geschichten erzählen!“ Und plötzlich, wir merken es selbst, verändert sich was. Als ob die Lieder auf einmal zum Leben erweckt wären, kommen sie völlig anders rüber. „Ihr sollt Geschichten erzählen!“ Warum hat diese Ansage funktioniert wie ein Zauberwort?

Nun, Menschen teilen sich mit, teilen ihr Leben, indem sie sich Geschichten erzählen. Oft braucht es dazu noch nicht einmal eine Aufforderung „Liebling, wie war Dein Tag heute?“ Sobald wir uns begegnen, fangen wir an, uns Geschichten zu erzählen, kleine oder ausführliche, großartige und unbedeutende.

Mit dem Geschichtenerzählen hat menschliche Kommunikation einmal angefangen. Und immer noch ist es die beste Art und Weise, um miteinander in Kontakt zu kommen. Auch für einen Chor und sein Publikum. Da verwundert es nicht, dass auch die ältesten Überlieferungen der Bibel Geschichten sind. Keine Gebote, keine Gesetze. Geschichten. Von Generation zu Generation werden sie mündlich weitergegeben, bevor einer sie aufgeschrieben hat. Die Geschichten vom Garten Eden, von der großen Flut, von Abraham und Sara, von Jakob und Esau, von Rahel und Lea. Eine überschaubare Anzahl von Geschichten verglichen mit dem, was uns heute zur Verfügung steht. Aber wichtig war nicht, dass ständig Neues dazukam; wichtig war die Überlieferung. Sie hat Menschen verortet, in eine Geschichte verstrickt, mit anderen Menschen und mit Gott. Noch immer ist unser Gehirn auf Erzählungen gepolt. Es springt an, wenn uns jemand eine Geschichte erzählt. Und das klappt sogar beim Singen. „Ihr sollt Geschichten erzählen!“ Und die Welt hebt an zu singen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

18MAI2026
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Seine Lieder haben mich mein ganzes Leben lang begleitet; jetzt ist er 70 geworden und wirkt noch kein bisschen müde: Herbert Grönemeyer. Zwölf Jahre älter als ich, deutlich jünger als meine Eltern – ein guter Lebensbegleiter. Ich war gerade konfirmiert; da kam sein Album „Bochum“ heraus, und obwohl ich den Ruhrpott nicht kannte, konnte ich die Zeile „Du bist keine Schönheit“ aus vollem Herzen mitsingen. Ich bin in Pforzheim aufgewachsen, und dieser Stadt klebt auch das Image an, nix Besonderes zu sein. Der Song „Bochum“ hat da Mut gemacht: Nicht aus einer Weltstadt zu kommen, musste kein Nachteil sein. Und Schönes gibt es überall zu entdecken; es muss nicht immer offensichtlich sein.

Dann kamen die 90er, und Grönemeyer hat einer ganzen Generation die Männer so ins Herz gesungen, wie wir sie haben wollten: verletzlich und unersetzlich, furchtbar stark und auf der Suche nach Zärtlichkeit, ehrlich und selbstkritisch. Außen hart und innen ganz weich. Und dann grätscht auch bei diesem Mann das Leben dazwischen oder besser gesagt der Tod. Seine Frau Anna wird schwer krank, und innerhalb von wenigen Tagen sterben sie und sein Bruder Wilhelm an Krebs. Um Herbert Grönemeyer wird es still. Aber dann wird auch aus diesem Schmerz ein Lied. Unzähligen Menschen wird es zu einem treuen Trauerbegleiter; oft gespielt bei Beerdigungen: „Hast jeden Raum mit Sonne geflutet, jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt. Hab dich sicher in meiner Seele, trag dich in mir bis der Vorhang fällt.“

Ja, er hat ein Gespür für Menschen, dieser Grönemeyer, und so heißt auch sein wohl bekanntestes Lied Mensch: „Und der Mensch ist Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt, weil er wärmt, wenn er erzählt, und weil er lacht, weil er lebt, weil er irrt, und weil er kämpft, und weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt.“ Dieses Lied ist sein Vermächtnis, aber noch ist er ja da, der Mensch Herbert Grönemeyer. Ein unermüdlicher Zuversicht-Verbreiter, Hoffnungs-Weiterträger, ein unverbesserlicher Nicht-Schwarzmaler. Möge er uns noch lange erhalten bleiben. Auf Dich, Herbert Grönemeyer! Glück und Segen!

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

17MAI2026
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Ein verregneter Sonntagnachmittag, viel zu kalt für die Jahreszeit. Ich liege auf dem Sofa und mache etwas, das ich nicht wirklich gutheiße: Mitten am Tag schalte ich den Fernseher an und zappe mich durch die Mediatheken. Bei einer 16teiligen US-amerikanischen Serie bleibe ich schließlich hängen: „Das Haus David“ aus dem Jahr 2025. Was ganz Neues! Der Film erzählt die Geschichte vom Aufstieg des biblischen Hirtenjungen David zum König von Israel. Den biblischen Stoff lasse ich als Entschuldigung fürs nachmittägliche Fernsehen durchgehen – ist ja ein bisschen wie Gottesdienst. Inzwischen habe ich die ganze Staffel gesehen und warte sehnsüchtig auf das Erscheinen der nächsten. Wie das eben so ist, wenn es einer Verfilmung gelingt, einen in ihren Bann zu ziehen und für ihre Figuren einzunehmen.

Im Moment jedenfalls ist für mich klar: Es gibt keine spannendere biblische Gestalt als David. Um das Jahr 1000 vor Christus ist er Israels zweiter und wohl berühmtester König geworden. Dabei ist er am Anfang nur der jüngste von acht Brüdern eines Landwirts, meistens mit einer Herde Schafe unterwegs, irgendwo in der Steppe. Nicht im Blick, wenn es um wichtige Entscheidungen und die Vergabe von Posten geht. Wunderbar darum die Folge, in der der Prophet Samuel gerade diesen Außenseiter zum künftigen König salbt. Denn, so der biblische Begleittext, „ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.“ Wer wollte sich in diesen Worten nicht wiederfinden! Trotzdem ist der Weg auf den Königsthron für David noch mit vielen Hindernissen gepflastert. Weil er ein begabter Harfenspieler ist, wird er an den Hof des amtierenden Königs Saul geholt und ist dort als Musiktherapeut tätig. Seine Musik beruhigt und belebt den König, der an depressiven Stimmungen und aggressiven Schüben leidet. Seinen endgültigen Durchbruch schafft Davd, als er im Krieg gegen die Philister den bis an die Zähne bewaffneten Superhelden Goliath besiegt – mit einem einzigen Wurf aus seiner Steinschleuder. Der Kampf der ungleichen Gegner ist sprichwörtlich geworden, immer wenn sich ein völlig chancenloser Winzling gegen eine überwältigende Übermacht durchsetzen kann. Und natürlich gewinnt David schließlich auch noch die Hand der schönen Königstochter Michal. Aber sine Frauengeschichten werden erst in Staffel zwei erzählt. Ich kanns kaum erwarten!

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SWR Kultur Wort zum Tag

13MAI2026
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„Timmy ist abgetaucht“, lautet die neueste und womöglich letzte Schlagzeile über den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal. In den letzten Wochen hat er viele Gemüter bewegt - jetzt schwimmt er wieder in der Nordsee, wo er hingehört. Der Peilsender, der auch weiterhin Auskunft über sein Schicksal geben sollte, ist verschwunden oder funktioniert nicht wie vorgesehen. Fast sieht es so aus, als hätte der Wal all den Experten, Schaulustigen, Regierungen und Sponsoren, die sich so intensiv mit seinem Wohlbefinden beschäftigt haben, ein Schnippchen geschlagen. Ich bin dann mal weg …! Möge er seinen Frieden finden, wünsche ich ihm, durch ein unbeschwertes Leben oder durch einen sanften Tod!

Bis zuletzt hat Timmy alles auf den Kopf gestellt. Übrigens auch eine biblische Geschichte, an die ich in den letzten Wochen dieses Waldramas oft habe denken müssen. Da retten nicht Menschen einen gestrandeten Wal, sondern ein Wal rettet einen gestrandeten Menschen. Es handelt sich um den Propheten Jona. Der will abtauchen. Nicht vor den Augen einer allgegenwärtigen Öffentlichkeit, sondern vor Gott höchstpersönlich und vor einem göttlichen Auftrag, dem er sich nicht gewachsen fühlt. Weil er aber die Auseinandersetzung mit seinem göttlichen Auftraggeber scheut, bleibt ihm nur die Flucht: Er heuert auf einem Schiff an, das ihn ans andere Ende der Welt bringen soll – weit weg von irgendeiner Verantwortung. Aber der Mensch entkommt seiner Verantwortung nicht. Das muss auch Jona erfahren. Ein Sturm kommt auf; die Mannschaft wirft ihn über Bord. Jona sieht sein letztes Stündchen kommen, da taucht in letzter Minute ein riesiger Fisch auf und verschluckt ihn. In dessen Leibeshöhle hat er Zeit zum Nachdenken, zum Beten, ja, schließlich für einen umfassenden Sinneswandel. Geläutert spuckt ihn der Fisch nach drei Tagen ans rettende Ufer.

Ein Wal hat einen Menschen gerettet. Ihn im besten Sinn des Wortes geborgen und ihm eine zweite Chance gegeben. So wie Timmy uns viele Chancen gegeben hat, über unseren Auftrag für die Welt nachzudenken. Jona hat seinen Auftrag schließlich erfüllt, Verantwortung übernommen – aber das ist wieder eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

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SWR Kultur Wort zum Tag

12MAI2026
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Nun geht es also dem alten Bismarck an den Kragen. Schon in vielen deutschen Städten sind Straßen und Plätze umbenannt worden, wenn sich herausgestellt hat, dass deren Namensgeber – ich sage es mal salopp - Dreck am Stecken hatten. In Stuttgart hat gerade ein Diskussionsprozess begonnen, in dem über den Namen Bismarck im öffentlichen Raum verhandelt werden soll. Rund 3000 Bismarckplätze, -straßen, -türme, -gymnasien und -Denkmäler gibt es deutschlandweit - die ganzen Bismarckheringe noch gar nicht mitgezählt. Zu Beginn 20. Jahrhunderts wurde der Reichsgründer, Reichskanzler und Begründer der Sozialgesetzgebung wie eine Lichtgestalt verehrt. Hundert Jahre später blickt man viel kritischer auf seine autoritäre Staatsführung, seinen harten Umgang mit politischen Gegnern und die von ihm verantwortete Kolonialpolitik.

In Stuttgart ist das erste Stadtgespräch zum Thema gut verlaufen. Es ist deutlich geworden, dass es nicht um einfache Ja-Nein-Lösungen geht, sondern darum, die Widersprüche einer Persönlichkeit zu benennen und zu gewichten. Erinnerungskultur verändert sich. Und eine Gesellschaft muss sich mit ihrer Geschichte immer wieder neu auseinandersetzen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Straßen in neu entstehenden Stadtvierteln zum Beispiel gern mit harmlosen Blumen- oder Vogelnamen versehen; da konnte man praktisch nichts falsch machen. Es gab aber auch Siedlungen, in denen sich eine Sudetenstraße, eine Banater Straße und eine Königsberger Straße kreuzten – ein bewusstes Statement, um den Geflüchteten, die dort eine Heimat verloren hatten, zu signalisieren, dass ihre Herkunft nicht vergessen und ihre Zukunft nun Teil westdeutscher Siedlungsgeschichte sein würde.

Namen sind Schall und Rauch? Mitnichten! Namensgebung ist ein hoch politisches Ding. Auch bei Straßen und Plätzen. Wie es mit Bismarck weitergehen wird? Ich bin gespannt. Und ich finde, er hat nun wirklich eine lange Zeit in Ehren gehabt und könnte ruhig hie und da seinen Platz räumen. In Stuttgart ist Betty Rosenfeld im Gespräch. Eine Frau statt eines Mannes. Eine Jüdin statt eines Protestanten. Und ein Opfer der Nationalsozialisten statt eines Helden des ersten deutschen Reiches. Die Zeit wäre reif.

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