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SWR Kultur Wort zum Tag

13JUL2024
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Der reformierte Pfarrer Joachim Neander hat sich zu Lebzeiten wohl nicht träumen lassen, dass das schluchtartige Tal des Flüsschens Düssel einmal seinen Namen tragen würde. Er hat dort in den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts sonntags Gottesdienste im Grünen gefeiert und unter der Woche ausgedehnte Spaziergänge gemacht. Das Neandertal liegt heute in Nordrhein-Westfalen, etwa zehn Kilometer östlich von Düsseldorf. Berühmt geworden ist es aber nicht für den Dichter des Liedes „Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren“, sondern für einen urzeitlichen Bewohner, dessen fossile Überreste man dort im Jahr 1856 gefunden hat: den Neandertaler. Diesem urmenschlichen Verwandten haftet kein besonders gutes Image an. Er gilt als primitiv und grobschlächtig. Wenig Hirn, viele Muckis.

Dieses Urteil muss jetzt jedoch gründlich revidiert werden. In einer spanischen Höhle haben Forscher nämlich Knöchelchen aus dem Innenohr eines etwa sechsjährigen Kindes gefunden. Und die weisen Merkmale der Genmutation Trisomie 21 auf. Ein Neandertaler mit Down-Syndrom. Die eigentliche Sensation besteht aber darin: Dieses behinderte Kind konnte nur überleben, wenn es liebevoll versorgt wurde. Denn vor 55 000 Jahren herrschten an der spanischen Mittelmeerküste eisige Temperaturen und widrige Bedingungen für den Schutz behinderter Artgenossen.

Dass der kleine Junge trotzdem sechs Jahre alt wurde, weist darauf hin, dass er in einer fürsorglichen Gemeinschaft lebte. In dem betreffenden Artikel steht dazu der Satz: „Nächstenliebe gab es also schon einige Zehntausend Jahre vor Erfindung des Christentums.“ Ja, natürlich, denke ich. Denn Nächstenliebe ist eine im wahrsten Sinne des Wortes urmenschliche Eigenschaft. Nicht Jesus hat sie erfunden. Auch der jüdische Glaube weiß, dass die vorbehaltlose Zuwendung zu den Mitmenschen zum Fundament einer starken Gemeinschaft gehört. Nicht das alleinige Recht des Stärkeren hilft zum Überleben, sondern die Frage, wie mit den Schwächsten umgegangen wird. Um dieses Fundament zu stärken, hat Jesus der Nächstenliebe zwei Partnerinnen an die Seite gestellt, die Gottesliebe und die Selbstliebe. Jede einzelne ist schon stark für sich, aber wenn sie zusammen an einem Strang ziehen, sind sie unschlagbar.    

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SWR Kultur Wort zum Tag

12JUL2024
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Eine Konferenz in Berlin. Neben dem Tagungsprogramm hab ich mir viel vorgenommen, will jede freie Minute optimal ausnutzen. Wenn man schon mal in der Bundeshauptstadt ist! Aber die Schlange vor dem Museum ist ewig lang, und ehrlich gesagt, bin ich doch auch ziemlich müde. Also gebe ich mein ehrgeiziges Kulturprogramm auf und lasse mich einfach so durch die Straßen treiben. Und finde mich plötzlich im Grünen wieder.

Ich bin überrascht: Da wächst ein Roggenfeld mitten in der Stadt. Ein Straßenschild hilft mir: „Bernauer Straße.“ Ja, hier stand früher die Mauer, hier verlief der Todesstreifen, der mit Gewalt den Lebenszyklus einer Millionenstadt abwürgen sollte. Die aufsteigenden Bilder schnüren mir die Kehle zu. Mitten im sommerlichen Roggenfeld steht die Kapelle der Versöhnung. Ein schlichter Stampflehmbau aus Holz und Lehm, zu zwei Dritteln aus Bruchstücken der Vorgängerkirche gebaut, die 1985 gesprengt worden ist.

Spontan folge ich dem Impuls, die raue Wand zu berühren. Die Verletzungen zu spüren, die diesem Material eingeschrieben sind. Und ihnen gleichzeitig die Hand aufzulegen wie eine alte Heilerin. Später erzählt mir der Pfarrer, der hier arbeitet, dass viele Besucherinnen das tun. Berühren, um berührt zu werden. Anfassen, was sonst nur schwer zu begreifen ist. Jeden Mittag wird hier in vielen Sprachen das Vaterunser gebetet. Seit zwei Jahren auch auf Russisch und Ukrainisch. Jeden Tag.

Ich setze mich auf einen Stuhl und lasse den kargen Raum auf mich wirken. Die Kantorin erzählt stolz von der kleinen Orgel auf der Empore: Vier Register rufen mit je landestypischen Klangfarben die ehemaligen Besatzungsmächte in Erinnerung: Frankreich, Großbritannien, die USA und Russland. Was für ein kraftvoller Ort! Aus dem Roggen draußen wird tatsächlich Brot gebacken. Und Saatgut in 13 Länder verschickt, die einmal hinter dem Eisernen Vorhang lagen. Hinter der Kapelle liegt immer noch ein Stück NiemandsLand. Aber es ist kein Todesstreifen mehr, sondern ein Garten mitten in der Stadt. Er gehört niemandem, ist für alle da. Wer will, kann hier Gemüse anbauen. Oder Rosen züchten. Die verletzte Seele baumeln lassen. Und spüren, wie ein großes Wort vorsichtig Wirklichkeit wird: So ist Versöhnung. 

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SWR Kultur Wort zum Tag

11JUL2024
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Sie trägt einen roten Mantel und roten Lippenstift. Das Bundesverdienstkreuz erster Klasse und der Verdienstorden des Landes Berlin sitzen ihr wie kleine Schmetterlinge auf dem umgelegten Mantelkragen. Sie ist eine zierliche Frau mit silbergrauem Haar. Ihr Alter versteckt sie nicht. Sie ist 102 Jahre alt. Das stärkste Leuchten geht von ihrem Gesicht aus.

Margot Friedländer ist gerade auf dem Titelbild der deutschen Vogue abgebildet. Mit diesem fantastischen Foto ist für sie ein 90 Jahre alter Traum in Erfüllung gegangen. Denn schon mit 15 wollte sie Schneiderin und Modedesignerin werden. Mode- und Reklamezeichnen hat sie dafür gelernt. Und an den Wochenenden im Café Wien am Berliner Kurfürstendamm gesessen und die elegant gekleideten Frauen bewundert. Das war 1936. Sie sagt: „Ich hatte große Pläne. Ich wollte selbst Kleider entwerfen.“

Doch dann kam alles ganz anders. Die Nationalsozialisten setzen immer mehr Repressalien gegen ihre jüdischen Mitbürgerinnen durch. Margot ist Jüdin. Zerstört werden nicht nur ihre Träume, sondern die ganze Existenz. Mutter und Bruder ermordet. Sie selbst im KZ Theresienstadt inhaftiert. In diesem Lager, das auf Vernichtung ausgerichtet ist, lernt sie einen Mithäftling kennen und lieben. Gleich nach der geglückten Befreiung wandern die beiden in die USA aus. Als ihr Mann dort nach 64 Jahren Zweisamkeit stirbt, will sie, damals 88 Jahre alt, unbedingt nach Deutschland zurück. Und lebt jetzt schon seit 14 Jahren wieder in ihrer Heimatstadt Berlin. In dieser Zeit hat sie über tausend Besuche in Schulen gemacht. Erzählt von ihren Erfahrungen in Nazideutschland und von den Gefahren des gegenwärtigen Antisemitismus. Ihre Botschaft ist so schlicht wie ergreifend: „Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet. Seid Menschen. Seid vernünftig.“

So spricht eine Frau, der alles genommen wurde, ohne jede Verbitterung. Ihr Blick auf die Welt ist versöhnlich, voller Weisheit und Wärme. In jedem Wort, das sie sagt, steckt positive Energie.  „Sagt Eure Meinung! Seid wachsam! Seid Menschen!"  Ich wünsche ihr, dass sie noch lange leuchten darf. Rot. Wie die Liebe.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

07JUL2024
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Ein echter Brunnen als Taufstein – ich wünsche mir eine Kirche, in der es das gibt. Einen Brunnen, der durch viele Erd- und Gesteinsschichten hindurch bis zum Grundwasser reicht. Über die Verbindung mit Gott als Lebensquelle müsste nicht lange gepredigt werden, denn sie wäre einfach da. Jeder Täufling käme damit in Berührung. Und auch jeder andere Mensch, der es wieder einmal spüren möchte. Abends säßen wir zusammen auf dem Taufstein-Brunnenrand und erzählten uns Geschichten aus unserem Leben. Und manchmal sängen wir auch ein Lied:

O Lebensbrünnlein tief und groß, entsprungen aus des Vaters Schoß,
ein wahrer Gott ohn Ende.
Der du dich uns hast offenbart in unsrer Menschheit, rein und zart,
dein lieb Herz zu uns wende.
Denn wie ein Hirsch nach frischer Quell, so schreit zu dir mein arme Seel
aus dieser Welt Elende.

„Wie ein Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir. Meine Seele hat Gott-Durst, Durst nach dem lebendigen Gott.“ So heißt es im 42. Psalm. Ein großartiges Bild für die Sehnsucht, die auch mich manchmal befällt: Sehnsucht nach dem, was meinem Glauben Nahrung gibt. Das alte Lied aus dem Jahr 1618 hat eine gut protestantische Antwort darauf, was mich geistlich satt machen kann. Nämlich die belebenden und aufrichtenden Worte, die Jesus gesprochen hat. Im O-Ton: „Mit seinem Evangelio macht er mein Herz im Leib so froh, dass ich sein nicht vergesse.“

O Lebensbrünnlein, durch dein Wort, hast du dich uns an allem Ort
erfüllt mit reichen Gaben,
voll Wahrheit und göttlicher Gnad, die uns erschienen früh und spat,
das matte Herz zu laben.
O frischer Quell, o Brünnelein, erquick und lass die Seele mein
in dir das Leben haben. 

Und wenn wir uns dann mit solchen Lebensworten gestärkt haben und so voll sind, dass wir nicht mal mehr papp sagen können, hält das Lied in seiner letzten Strophe auch noch eine kleine geistliche Verdauungsübung für uns bereit. Der Dichter Johannes Mühlmann rät: „Hüpf auf, mein Herz, spring, tanz und sing, in deinem Gott sei guter Ding, der Himmel steht dir offen. Drum sei getrost und glaube fest, dass du noch hast das Allerbest in jener Welt zu hoffen.“ Und der Chor spinnt diesen tröstlichen Gedanken für uns noch ein bisschen fort:

Gott selbst wird sein mein Speis und Trank, mein Ruhm, mein Lied, mein Lobgesang,
mein Lust und Wohlgefallen,
mein Reichtum, Zierd und werte Kron, mein Klarheit, Licht und helle Sonn,
in ewger Freud zu wallen;
ja, dass ich’s sag mit einem Wort, was mir Gott wird bescheren dort:
„Er wird sein alls in allen.“

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Musikangaben:
Text: Johannes Mühlmann (1618)
Melodie: Görlitz 1587
Aufnahme: Ruhr-Kantorei

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06JUL2024
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Sein Geburtstag ist nicht bekannt. Auch das Geburtsjahr nur so ungefähr: Um 1370 soll er auf die Welt gekommen sein. Sein Todestag aber steht fest. Am 6. Juli 1415 ist der Theologe Jan Hus auf einem Scheiterhaufen in Konstanz am Bodensee verbrannt worden. Ein schrecklicher Tod und ein trüber Gedenktag. Ähnlich wie hundert Jahre später Martin Luther hat auch Jan Hus den Amts- und Machtmissbrauch in der Kirche seiner Zeit scharf kritisiert. Den drei Päpsten, die sich damals um die Herrschaft gestritten haben, hat er allen die Gefolgschaft verweigert, stattdessen die Bibel in seine tschechische Muttersprache übersetzt. Weil er so verständlich und lebensnah erzählen konnte, war er als Prediger sehr geschätzt. Für seine kritische und eigenständige Haltung ist er damals angeklagt worden.  Widerrufen, wovon er im Innersten überzeugt war, wollte er nicht. Und das hat er mit seinem Leben bezahlt.

Das alles ist furchtbar lange her und scheint einer völlig anderen Zeit anzugehören. Die Todesstrafe ist abgeschafft; kein Mensch wird heute mehr öffentlich hingerichtet. Jedenfalls nicht in Konstanz. Freie Meinungsäußerung gilt auch in Glaubensdingen; die deutsche Verfassung garantiert eine positive Religionsfreiheit. Zwischen unterschiedlichen Konfessionen und Religionen wird in der Öffentlichkeit ein respektvoller Umgang zelebriert. Manchmal frage ich mich allerdings, ob sich die Schauplätze für Hinrichtungen nicht einfach nur verlagert haben. Weg von den Marktplätzen in die virtuellen Welten des Netzes. In den Kommentarspalten von sozialen Medien herrscht hie und da ein Tonfall, der mich sprachlos macht. Da wird nicht lange gefackelt, sondern verbale Brandsätze gezündet und kurzer Prozess gemacht mit Menschen und Meinungen. Eine Freundin hat mir gerade gesagt, dass sie sich wundert, warum so vieles davon einfach unwidersprochen stehen bleibt. Denn wer schweigt, scheint zuzustimmen. Da habe ich mich angesprochen gefühlt. Ich weiß: Viele sagen, sich in solche Diskussionen einzumischen, bringt eh nichts. Aber vielleicht ist ein klar formulierter Widerspruch gegen Hetze und Shitstorms es ja doch wert für einen einzelnen, der doch ins Nachdenken kommt und sich auf eine echte Diskussion einlässt. Oder zumindest für die schweigende Menge, der damit signalisiert wird: Ihr seid nicht allein. 

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

05JUL2024
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Die kleine Dorfkirche ist bis auf den letzten Platz besetzt. Gut 80 Personen in festlicher Kleidung füllen die Bänke. Viele von ihnen waren schon lange nicht mehr in einem Gottesdienst. Braut und Bräutigam sind um die sechzig; beide heiraten bereits zum zweiten Mal. Das wir auch nicht verschwiegen. Der Pfarrer nennt in seiner Predigt die verstorbene Frau des Bräutigams und den geschiedenen Mann der Braut beim Namen. Und spricht auch vom Schmerz über Trennung und Tod.

In den ersten Reihen rechts und links sitzen die erwachsenen Kinder des Paars mit durchaus gemischten Gefühlen. Das Brautpaar spricht selbst ein Gebet. Bringt sichtlich gerührt seinen Dank zum Ausdruck für diesen Moment, für die als Gottesgeschenk empfundene Begegnung, die dazu geführt hat, sich in fortgeschrittenem Alter noch einmal verlieben zu dürfen mit allem, was zum Verliebtsein und zur Liebe gehört. Spricht dankbar aus, dass Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde diesen Weg begleitet haben und zu diesem Fest gekommen sind. Alles gar nicht selbstverständlich. In etlichen Augenpaaren sehe ich Tränen schimmern. Auch bei einigen Männern.

Und ich spüre in diesem Augenblick, dass wir genau am richtigen Platz sind: nämlich in einem Gottesdienst. Das lässt sich mit Worten gar nicht so leicht erklären: Es kommt eben nicht nur darauf an, was im Gottesdienst gesagt wird. Ich spüre, wie in den Menschen und zwischen ihnen ein Raum aufgeht, in dem Platz ist für alles, was das Leben weiter und tiefer macht. Für vieles, wofür im Alltag keine Zeit bleibt. Und dass der Gottesdienst passende, stimmige Formen bereithält, um sich davon berühren zu lassen. Angefasst zu werden. Vieles trägt dazu bei: Musik. Gebete. Ausgewählte Worte. Persönlich und erfahrungsgesättigt von mehr als einem einzelnen Menschenleben. Schließlich wird das Brautpaar gesegnet. Auch die Trauzeugin wirkt dabei mit. Und ich wünsche mir, dass alle andern sich in diesem Moment auch gesegnet fühlen. Gesehen mit allem, was sie in ihren Seelen und ihren unsichtbaren Rucksäcken mit sich tragen. Mit liebevollen Augen angeschaut von jener großen segnenden Kraft, die ich Gott nenne. So was Schönes, liebe Leute, so was könnt ihr in einem Gottesdienst erleben.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

04JUL2024
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Mein ältester Sohn geht jetzt schon stramm auf die Dreißig zu. Wir verstehen uns gut und reden gern miteinander über die unterschiedlichsten Themen. Vor kurzem kam mir im Gespräch mit ihm plötzlich der Gedanke, dass Jesus ja nur ein paar Jahre älter geworden ist als er. Anfang dreißig war der, als er zum Tod verurteilt worden ist. In der langen, mittlerweile zwei Jahrtausende überbrückenden christlichen Tradition sind die Geschichten, die Reden und Worte von Jesus zu zeitlosen Wahrheiten und universell gültigen Weisheiten geworden. Ursprünglich aber sind es die Erlebnisse, Diskussionsbeiträge und Ansichten eines gerade mal Dreißigjährigen, der vom Alter her mein Sohn gewesen sein könnte.

Mit 30, das merke ich jetzt deutlich, lebt man entschiedener als mit 56, hat kantig-klare Ansichten und ein gesundes Sendungsbewusstsein. Sofern man noch keine Familie gegründet hat, trägt man auch keine Verantwortung für Kinder. Das alles trifft auf Jesus zu. Er musste nicht für eine Familie sorgen. Deshalb konnte er ungebunden umherziehen und von der Hand in den Mund leben. Wer genug Wut im Bauch und keine Angst vor den Folgen hat, kann auch die Verkaufsstände von friedlichen Kleinhändlern umschmeißen und sie rüde anpöbeln. Ein klarer Fall von Sachbeschädigung und Beleidigung.

Eigentlich reagiere ich auf solche unkontrollierten Ausbrüche mit Empörung und Unverständnis. Wenn Jesus das macht, rege ich mich nicht weiter auf. Und was ist das zum Beispiel für eine Ansage aus seinem Mund: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“ Wenn mein Sohn mir mit einer solchen Parole käme, würde ich sofort versuchen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Jesus hatte radikale Ansichten wie ein junger Mensch sie hat. Das find ich völlig in Ordnung. Manchmal frage ich mich aber, wie er wohl gelebt und was er gesagt hätte, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, doppelt so alt zu werden und noch jede Menge Lebenserfahrung zu sammeln. Gäbe es dann auch eine Sammlung von altersweisen Sprüchen, so wie vom König Salomo? Von dem ist zum Beispiel der Satz überliefert: „Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht besser als einer, der Städte einnimmt.“ Unvorstellbar, dass ein dreißigjähriger Jesus das gesagt hätte. Mit siebzig vielleicht. Aber wer weiß?

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

03JUL2024
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Trotzphasen sind schrecklich. Jedenfalls, wenn man die Mutter eines betroffenen Kleinkinds ist. Erst neulich hab ich beim Einkaufen den Tobsuchtsanfall einer vielleicht Dreijährigen miterlebt. Die war total außer sich, hat geschrien und geheult und sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegt. Ihre Mutter hat sich zwar in bewundernswerter Geduld geübt, war aber sichtlich mit den Nerven am Ende. Am liebsten hätte ich ihr einen Kaffee gebracht.

Wenn erwachsene Leute in eine Trotzphase kommen – dann ist das fast noch schlimmer. Erwachsene Sturköpfe sind mitunter genau so anstrengend wie Kinder. Wenn einer sich immer nur querstellt. Mit Beharrungskräften alles blockiert. Jede Veränderung als Gefahr betrachtet. So ein Trotzkopf steckt manchmal auch in mir. Dann bin ich schwer erziehbar, bockig, kontraproduktiv. Andererseits muss ich auch nicht alles hinnehmen, was scheinbar nicht zu ändern ist. Dann hat Trotz auch eine produktive Seite. Ich nenne sie die Trotzkraft. Denn schließlich hat jeder menschliche Fortschritt einmal mit Trotz angefangen. Mit Verweigerung. Mit dem Aufstampfen eines Fußes und dem stirnrunzelnden Gedanken: Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich nehme das jetzt nicht mehr länger hin! Ronja von Rönne erzählt in ihrem Buch über den Trotz die Geschichte von Adam und Eva im Paradies als wunderbare Trotzgeschichte. Eva pflückt den Apfel vom verbotenen Baum und beißt herzhaft hinein. Warum hat sie das getan, wenn ihr doch mindestens ein Paradies für immer offenstand? Ronja von Rönne meint: „Ein Initialmoment, ein Zufallsfunken. An einem jener unendlich vielen sonnigen Tage im Paradies blieb Adam brav, und eine Frau erschuf trotzig die Realität.“

Der Trotzkopf und die Trotzkraft: beide bringen uns weiter. Liegt die Kunst also im Unterscheiden, wann was dran sein könnte. In einem biblischen Psalm (73) finde ich beides: „Wenn mein Herz verbittert ist, dann bin ich so dumm wie ein Rindvieh und steh vor dir wie ein Ochse vor dem Berg. Und trotzdem, trotzdem bleibe ich immer bei dir, Gott. Du hast mich an die Hand genommen. Du führst mich nach deinem Plan. Und wenn mein Leben zu Ende geht und aller Trotz ein Ende hat, nimmst du mich auf in deine Herrlichkeit.“

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

02JUL2024
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Eine junge Frau. Sie ist jetzt im vierten Monat. Ihr Bauch wölbt sich schon leicht. Bald werden es alle sehen können im Dorf; ihre Familie lebt dort seit Generationen. Hundert Prozent glücklich ist sie nicht mit dieser ungeplanten Schwangerschaft. Sie braucht Zeit für sich, Zeit zum Nachdenken; hat sich dafür ein besonderes Projekt einfallen lassen: Einen Pilgerweg. Ungefähr 100 Kilometer will sie schaffen. Allein unterwegs sein, mit dem wachsenden Leben in ihrem Bauch. Erst am Ende des Weges will sie sich dann auch beraten lassen. Wie der Zufall es will, ist eine ältere Cousine von ihr gerade ebenfalls schwanger. Sie kennen sich kaum, aber mit ihr will sie reden und sich austauschen. Maria, so heißt die junge Frau, hat ihr Kind schließlich bekommen. Einen Jungen. Wieviel der Besuch bei ihrer Cousine Elisabeth zu dieser Entscheidung beigetragen hat, wird in der Bibel nicht überliefert. Wohl aber, dass die beiden Frauen sich auf Anhieb gut verstanden haben. Drei Monate hat Maria schließlich bei Elisabeth verbracht. Der 2. Juli erinnert in der Kirche an ihre erste Begegnung.

Wer ungeplant schwanger wird, ist auch heute oft in einer belastenden Situation. Hat Angst vor der Reaktion des Partners oder vor den Eltern, Angst, alledem, was mit einem Kind auf einen zukommt, nicht gewachsen zu sein. In den seltensten Fällen können Frauen sich wie Maria für längere Zeit einfach aus dem Alltag ausklinken. Ganz im Gegenteil tickt die Uhr, die zu einer Entscheidung drängt. Und nicht jede hat eine weibliche Komplizin. Gerade habe ich von der Möglichkeit einer vertraulichen Geburt gelesen. Da werden Frauen begleitet, die sich in einer schwierigen Lebenssituation dafür entscheiden, ihr Kind zu bekommen und es zur Adoption freizugeben. Früher gab es dafür nur die anonymen Babyklappen, aber unsere Gesellschaft hat anscheinend dazu gelernt und verstanden, welche Schwierigkeiten mit dieser Anonymität verbunden sind. Mütter, die sich für eine vertrauliche Geburt entscheiden, können ihrem Kind einen Namen geben. Für die meisten ist es wichtig, die Schwangerschaft vor ihrem Umfeld geheim zu halten, aber nicht, dass das Kind später nichts über seine Mutter erfährt. Denn das ist bei einer vertraulichen Geburt alles möglich. Schön, dass es dafür Schwangerschaftskomplizinnen gibt.  

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01JUL2024
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Verfallene Häuser und Scheunen, ein Parkhausgerippe im Rohbau, vor Jahren abgestellte und sich selbst überlassene Autos, Zweiräder und Baumaschinen, alte Fabriken und stillgelegte Kraftwerke. In südlichen Nachbarländern sieht man das öfter mal am Straßenrand. Bei uns in Baden-Württemberg eher selten. Im „Musterländle“ mag man es lieber aufgeräumt.

Aber es gibt sie auch hier. Sogenannte „lost places“ – verlorene Orte, von Menschen aufgegebene, verlassene Gebäude, Anlagen oder auch Gegenstände. Niemand hat sich die Mühe gemacht, sie wegzuräumen oder abzutragen. Sie verfallen heimlich, still und leise vor sich hin.

Der in Esslingen geborene Fotograf Benjamin Seyfang liebt solche Orte, sucht sie immer wieder auf und hält seine Eindrücke in Bildern fest. Auch ich kann mich ihrem Charme nicht entziehen. Was ist so faszinierend an einem vom Moos fast zugewachsenen Fahrrad? Einem leeren Schwimmbecken oder – besonders berührend – einem Raum mit eingestürzter Decke, an dem nur noch ein schlichtes Holzkreuz an der Wand daran erinnert, dass hier einmal die Kapelle eines Seniorenheims gewesen ist?

Eins verstehe ich gleich: Es herrscht eine wunderbare Ruhe an diesen „verlorenen Orten“. Man sieht noch die Spuren ehemaligen Lebens, aber jetzt hat kein Mensch mehr seine Finger im Spiel. Vieles hat sich die Vegetation inzwischen zurückerobert. Mit Spinnennetzen, mit Efeu, Gestrüpp und Moos. Auch dieser Anblick hat etwas Tröstliches. Denn ich sehe eine Kraft am Werk, die uns Menschen mit unseren genialen Ideen, aber auch mit unserem zerstörerischen Eifer überdauern wird. Langsam und barmherzig ist sie am Werk. Irgendwie friedlich. Tausend Jahre sind ihr wie ein Tag. Nichts eilt mehr. Alles wird überwachsen, überwuchert, umarmt, umschlungen. Und dann gibt es da noch diesen liebevollen Blick, der das alles eingefangen hat und es nun auf mich wirken lässt.

„Ich bin gekommen, um zu suchen, was verloren ist.“ Das könnte als Motto im Vorwort dieser Bücher stehen. Ein Jesuswort. Ich weiß, er hat damit Menschen gemeint. Solche, die niemand eines Blickes gewürdigt hat. An denen andere vorbeigegangen sind, ohne sie zu bemerken. Lord oft the lost, der Herr der Verlorenen. Die Fotos all der lost places lehren mich einen neuen Blick auf Räume und auf Menschen.

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