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18JUN2022
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“Marie. Anton. Richard. Theodor. Ida. Nordpol. Anton.” So hätte ich nach der bis vor kurzem gültigen Buchstabiertafel meinen Namen korrekt buchstabiert. Die Anfangsbuchstaben all dieser Namen ergeben zusammen meinen Vornamen: Martina. Da der aber in der Regel leicht verständlich und seine Schreibweise klar ist, habe ich ihn noch nicht oft buchstabieren müssen. Ich hätte mir aber auch nichts dabei gedacht. Denn ich habe nicht gewusst, dass ich damit unbewusst eine Nazitradition weitergetragen hätte.

Die Nationalsozialisten haben nämlich schon kurz nach ihrer Machtergreifung im April 1933 alle deutsch-jüdischen Vornamen aus der offiziellen Buchstabiertafel gestrichen. Bevor man die Menschen vernichtet hat, hat man schon einmal ihre Namen aus dem Gedächtnis ausgelöscht: Für D wie Dora verschwand David, der berühmte biblische König und Psalmendichter. J wie Julius ersetzte J wie Jakob, von dem es in der Bibel heißt, dass er mit Gott und Menschen gekämpft und gesiegt hat. Besonders perfide: N wie Nathan musste N wie Nordpol weichen. Da hat man den Namen gänzlich ausradiert und durch eine eiskalte Gegend ersetzt. Ich bin immer wieder erschüttert, mit welch grausamem Kalkül die Nazis ihre menschenverachtenden Lehren in alle Bereiche des Lebens gepflanzt haben. Noch schlimmer finde ich, dass es nach dem Ende ihrer Herrschaft noch über 80 Jahre gedauert hat, bis einer dem munteren Buchstabieren nach Nazi-Regeln den Kampf angesagt hat.

Michael Blume ist der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte. Und er war selbst ein bisschen überrascht, dass die zuständige deutsche Behörde auf seine Initiative sofort reagiert und gehandelt hat. Zunächst wurde die Buchstabiertafel wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Doch dort lauerten neue Tücken. Denn die Weimarer Tafel enthielt neben 19 männlichen gerade einmal fünf weibliche Vornamen. Und war damit kein brauchbarer Vorschlag für das 21. Jahrhundert. Trotzdem wurde sie zumindest symbolisch wiederhergestellt, um Unrecht sichtbar und in diesem Fall wieder gutzumachen. Daneben soll nun aber auch eine neue Buchstabiertafel etabliert werden, die mit geschlechtsneutralen Städtenamen operiert. Ob die dann allen Regeln der Kunst gerecht wird? Hören Sie selbst: Meinen Namen buchstabiere ich jetzt so:

München, Augsburg, Regensburg, Tübingen, Iserlohn, Nürnberg, Augsburg. Steinbrecher. Von der evangelischen Kirche in Karlsruhe

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17JUN2022
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Der heutige 17. Juni hat schon verschiedene Namen getragen: Als „Tag der deutschen Einheit“ war er von 1954 bis 1990 ein staatlicher Feiertag in der Bundesrepublik. Im Kalender der DDR wurde er dagegen als „Tag faschistischer Provokation“ geführt. Beiden Gedenktagen lag aber dasselbe Ereignis zugrunde: Am 17. Juni 1953 hatte sich aus einem Arbeiterstreik für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen in Ost-Berlin eine landesweite Erhebung gegen die SED-Diktatur entwickelt, die mit Hilfe der Sowjetarmee brutal niedergeschlagen wurde.

Im Westen hat man in diesen Aufständischen Helden gesehen, die für ihre Rechte und ihre Freiheit gekämpft haben. Nach westlicher Auffassung hatten sie damit auch die Fahne der Zusammengehörigkeit von Ost und West hochgehalten. Und so wurde der Tag im Westen zum Tag der deutschen Einheit.

In der DDR dagegen war es eine beliebte Methode, Kritiker als Faschisten zu titulieren und damit mundtot zu machen. Und so wurde im Osten aus dem 17. Juni der Tag faschistischer Provokation. Eine Warnung an alle, die womöglich auch aufmucken wollten.

Nie hätte ich gedacht, dass im Jahr 2022 ein russischer Präsident bei seiner Bevölkerung mit derselben Masche Erfolg haben würde wie das SED-Regime vor 69 Jahren: Putin behauptet, dass sein Angriff auf die Ukraine dem hehren Ziel dient, das Nachbarland von faschistischen Überbleibseln zu säubern. Und der Krieg darf auch gar nicht beim Namen genannt werden, sondern muss Spezialoperation heißen. Wer anderes behauptet, wird ausgeschaltet. Medial und real. Und es erschreckt mich, dass es wieder einmal funktioniert. Das haben mir jedenfalls russische Frauen berichtet, nachdem sie mit ihren Angehörigen zuhause telefoniert haben, die dort der russischen Propaganda ausgesetzt sind.

Oft muss ich deshalb in letzter Zeit an einen Rat aus der Bergpredigt denken. Da sagt Jesus: „Sagt einfach ›Ja‹, wenn ihr ›Ja‹ meint, und ›Nein‹, wenn ihr ›Nein‹ meint. Jedes weitere Wort kommt vom Bösen.“ Nach solcher Klarheit sehne ich mich. Und nach Menschen, die sich in solcher Rede üben. Die vertrauenswürdig sind und ihre Interessen offenlegen. Es braucht nicht noch einen Gedenktag für noch mehr Opfer verlogener Worte. Die Stunde der Wahrheit soll kommen. Und der Tag der Freiheit. Den will ich dann gerne feiern. Auch heute, am 17.Juni.

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12JUN2022
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In der Tradition der islamischen Mystik hat Gott hundert verschiedene Namen. 99 davon sind den Menschen bekannt. Der hundertste aber bleibt ein Geheimnis. So ist sichergestellt, dass der Mensch sich zwar auf vielerlei Weise Gott nähern kann, aber niemals sein Geheimnis ganz ergründen. Auch in der christlichen Tradition gibt es so ein Zahlenspiel. Da hat Gott sich den Menschen auf dreierlei Weise offenbart: Als Schöpfer, in Jesus Christus und durch den Heiligen Geist:

Unser Gott hat uns geschaffen, Mann und Frau, sich selbst zum Bild.
Und Gott schuf die eine Erde, Pflanzen, Tiere, zahm und wild.
Dann hat Gott zu treuen Händen uns die Erde anvertraut,
sie im Segen, durch Gefahren zu bebauen und bewahren.
Dazu braucht Gott dich und mich, daran glaube ich.

Dieses Lied ist ein zeitgenössisches Glaubensbekenntnis. In seinen drei Strophen besingt es die drei Erscheinungsweisen Gottes. Und es betont, was für den Glauben heute wichtig ist. Von Jesus Christus heißt es:

Unser Gott ist Mensch geworden, kam als Kind auf diese Welt,
dass die Liebe frisch erblühe, Hoffnung unsre Nacht erhellt.
Doch der weg des Gottessohnes führt durch Leid, durch Kreuz und Tod,
bis er, der so preisgegeben, auferstand in neues Leben
und nun wirkt durch dich und mich, daran glaube ich.

Der Glaube an den dreieinigen Gott setzt ein Handeln frei, dass seinem Wesen entspricht. Davon handelt das Ende der einzelnen Strophen. Gott setzt auf dich und mich, um sein Reich Wirklichkeit werden zu lassen – mitten im Leben. Und der Heilige Geist schenkt uns Kräfte, die das Menschenmögliche übersteigen:

Unser Gott will, dass wir leben, Kraft dazu schenkt Gottes Geist,
der uns jeden Tag beflügelt und uns jenen Tag verheißt,
an dem Tod und Tränen enden, Schmerz und Trauer nicht mehr sind.
Doch zuvor wird er uns lehren, unser Brot so zu vermehren,
dass es reicht für dich und mich, daran glaube ich.

Heute feiern wir den Sonntag Trinitatis. Es ist der Sonntag, an dem Christen sich bewusst machen, dass Gott ein Geheimnis bleibt, auch wenn er schon so viel von sich preisgegeben hat. Denn beides will gefeiert werden: Dass Gott uns Vater und Bruder, Freundin und Quelle des Lebens ist. Und dass er in all dem Gott bleibt, weiter als unser Herz und höher als all unsere Vernunft.

Quelle: Chor badischer Kantorinnen und Kantoren unter der Leitung von Landeskirchenmusikdirektor Kord Michaelis, Klavier: Johannes Link

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06JUN2022
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Pfingsten gilt als das unzugänglichste Fest im christlichen Festkalender. Straßenumfragen zeigen jedes Jahr wieder aufs Neue eine große Ratlosigkeit in den Gesichtern der Befragten. Pfingsten? Fehlanzeige. Was mich als Religionslehrerin verzweifeln lässt - schließlich habe ich die Geschichte von der Ausgießung des Heiligen Geistes in jeder Grundschulklasse erzählt - macht mir andererseits auch Hoffnung. Denn ich bin der Meinung, dass in dieser Unzugänglichkeit auch eine Chance liegen könnte. Ja, ich glaube, Pfingsten könnte ein sehr modernes, ein zeitgemäßes Fest sein. Davon möchte ich Ihnen zum Feiertag heute gern erzählen.

Zunächst ganz persönlich: Ich mag das Pfingstfest. Kein Mensch erwartet von mir, besucht oder beschenkt zu werden; viele nutzen die Zeit ohnehin, um in die weite Welt zu reisen. Auch im Reisen liegt nach Joseph von Eichendorff eine göttliche Gunst, und so gönne ich jedermann und jederfrau, die an Pfingsten das Weite sucht oder die Weite, ihr Glück. Für die Kein Brauchtum schreibt den Daheimgebliebenen vor, die heimischen Räumlichkeiten aufwändig zu dekorieren, und es gibt auch keine saisonalen Schokoladenprodukte. Der sprichwörtliche Pfingstochse taucht weder in biblischen Berichten auf, noch taugt das Tier als Symbol für den Geist Gottes. Dazu ist es viel zu erdenschwer. Seinen Namen verdankt es dem schlichten Umstand, dass in entsprechenden Gegenden der Almauftrieb für die Herden meistens in die Zeit zwischen Mitte Mai und Mitte Juni fällt, also rund um Pfingsten liegt. Zur Feier ihrer wiedergewonnenen sommerlichen Freiheit werden die Tiere fein herausgeputzt und die Stalltieren zu prächtige Pfingstochsen ausstaffiert. Der Ausdruck „Du siehst aus wie ein Pfingstochse“ ist dagegen nicht als Kompliment gemeint, sondern gibt zu verstehen, dass es da jemand mit Schmuck und Schminke wohl übertrieben hat.    

Was hat es also auf sich mit diesem unscheinbaren Fest? Auch der Name verrät noch nicht allzu viel: In dem Wort Pfingsten steckt die griechische Zahl fünfzig – pentecoste. Es zählt schlicht die Tage, die seit Ostern vergangen sind. 50 Tage nach Ostern sind die Feste, die sich seit dem ersten Advent an der Biographie von Jesus orientiert haben, vorbei, und es beginnt im Kirchenjahr die lange Trinitatiszeit, die den ganzen Sommer über andauern wird, bis mit dem Erntedankfest im Oktober sich der Festkalender wieder Gott dem Schöpfer zuwendet.

Mit dem Bekenntnis zu einem Schöpfergott beginnt auch das christliche Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Alle diese Aussagen sind heute für Gläubige wie für Skeptiker in die Kritik geraten. Hat ein Gott die Welt erschaffen?

Mit wissenschaftlichen Methoden lässt sich das nicht klären. Und selbst wer dem zustimmen mag, dass die Energie, die vor allem Anfang war, göttlichen Ursprungs ist, muss sich die Frage gefallen lassen, wie es mit der Allmacht dieses Gottes nach der Schöpfung bestellt ist. Wenn da tatsächlich ein allmächtiger Gott am Werk war, müsste der nicht häufiger sichtbar und spürbar ins Weltgeschehen eingreifen?

Statt die Welt all den teuflischen Kräften zu überlassen, die wir gerade an vielen Orten wieder aufleben sehen? Und wenn er nicht allmächtig ist, kann man ihn als Gott dann überhaupt noch ernst nehmen? Wer sich erst mal hineingesetzt hat, kommt man aus diesem Fragenkarussell nur schwer wieder heraus.

Auch die Vorstellung von Gott als Vater ist in die Kritik geraten wie alle väterliche Autorität früher oder später infrage gestellt wird von Söhnen und Töchtern. Nur durch Emanzipationsprozesse werden wir schließlich erwachsen. Und was passiert, wenn auch der Kinderglaube erwachsen werden will? Nicht nur Konfirmandinnen und Konfirmanden beißen sich daran die Zähne aus. Genauso wie an der einseitig männlichen Rede von Gott. Und obwohl die feministische Theologie dem biblischen Gott auch weibliche Züge nachweisen konnte, bleibt die Rede von ihm in menschlichen Bildern immer der Frage ausgesetzt, inwieweit wir uns Gott nach unserem Bilde zurechtrücken.

Unverdächtiger und leichter scheint mir da die Vorstellung, dass Gott Geist ist, nicht in einem intellektuellen Sinn, sondern ganz elementar, unsichtbar, nicht zu fassen, erst einmal jedem Bild entzogen. Womit wir wieder bei Pfingsten wären, dem Fest, von dem ich hoffe, dass es uns vielleicht einen neuen, überraschenden Zugang zu Gott schaffen könnte.

Die biblischen Schriften, auf die wir uns als Christen berufen, wenn wir von Gott reden, kennen nur zwei Definitionen von Gott. Das ist erstaunlich, wenn man den großen Umfang dieses Werkes bedenkt. Nicht ganz so überraschend, wenn man sich klar macht, dass der Charakter der in der Bibel gesammelten Schriften nicht philosophischer Art ist. Da wird stattdessen viel erzählt. Erzählt von dem, wie Menschen Gott erfahren haben. Nur zwei Sätze legen sich fest. Sie finden sich in den Johanneischen Schiften des Neuen Testaments. Der eine behauptet: Gott ist die Liebe. Der andere sagt: Gott ist Geist.  

Das hebräische Wort für Geist, ruach, und auch das griechische, pneuma, bedeuten zugleich Wind, Luft, Atem. Entsprechend kündigt in der biblischen Pfingsterzählung ein Brausen wie von einem gewaltigen Wind das Kommen des Heiligen Geistes an. Wenn ich die Augen schließe, versetzt mich diese Vorstellung jedes Mal ans Meer. Dort ist immer Wind zu spüren. Ein herrliches Gefühl! „Ich geh mich mal auslüften“, sagt meine Freundin, wenn sie mit ihren Gedanken nicht weiterkommt. Sie weiß, dass ein Spaziergang an der frischen Luft ihr hilft, auf neue, inspirierende Gedanken zu kommen. Und so ist es auch mit dem Heiligen Geist. Er bringt eine große Dynamik mit, er setzt in Bewegung, wirbelt durcheinander, bläst frischen Wind in Köpfe und Räume

Es gibt ein Lied, das die Bitte um das Kommen dieses Geistes umkehrt. Statt „O Heilger Geist, kehr bei uns“ singt es: „O, Heilger Geist, kehr bei uns aus!“ Der Heilige Geist veranstaltet einen göttlichen Kehraus! Ich stelle mir einen Wirbelwind vor, eine Art Zauberbesen, der ganz viel Staub und Gerümpel hinwegfegt und Platz für Neues schafft. Ja, der vielleicht auch mal morsche Gebäude einstürzen lässt und uns auf das Wesentliche zurückwirft. Er ist das Gegenteil eines lauen Lüftchens. Er hat richtig viel Kraft.

Wenn die Bibel von diesem Geist Gottes redet, der an Pfingsten Menschen erfasst, dann meint sie immer auch den Geist, in dem Jesus zu Lebzeiten gehandelt hat. Als er Kranke geheilt hat, Menschen an Leib und Seele satt gemacht und sich ihnen unabhängig von ihrer Position in der Welt zugewendet hat. Selbstlos. Unprätentiös. Mit einer inneren Überzeugung und Stärke, die auch seine Gegner beeindruckt hat. Und die Bibel ist überzeugt davon, dass der Heilige Geist mehr ist als eine Geisteshaltung, mehr als eine freundliche Gesinnung. Er wird beschrieben als eine eigenständige Gotteskraft. So hat ihn Jesus jedenfalls angekündigt, als er sich kurz vor seinem Tod von seinen Anhängern verabschiedet hat.

Da hat er ihnen quasi als Ersatz für seine Gegenwart diesen Geist versprochen. Er nennt ihn einen Tröster, einen Helfer, einen Ratgeber. Das Gegenteil von Verzagtheit und Furcht, einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Und wie um zu unterstreichen, dass dieser Geist wirklich von außen kommt, erzählt die Bibel von diesen 50 Tagen, die zwischen Ostern und Pfingsten vergehen. Da sind die Jüngerinnen und Jünger nämlich längst wieder zur Tagesordnung übergegangen. Sie bewältigen ihren Alltag mehr schlecht als recht und es ist alles wie immer. Als hätte es die Jahre mit Jesus gar nicht gegeben. Aber dann kommt der Pfingsttag. Und alles wird anders. Gottes Geist braust herein und plötzlich sind sie Feuer und Flamme und wie verwandelt. Sie können reden und überzeugen und sich verständigen.

Ich habe behauptet, dass Pfingsten ein modernes Fest sein könnte. Weil es sich nicht an Gottesbildern abarbeitet, sondern nach der Wirkung fragt, die Gottes Geist in der Welt zeigt. Es erzählt davon, was passiert, wenn dieser Geist Menschen beseelt. Es setzt auf Leidenschaft, auf Mut und Verständigung, es glaubt an Veränderung und Erneuerung.

Mir macht Pfingsten Mut, dass dieser Geist auch heute weht, und ich stelle mich gern in seinen Wind.     

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28MAI2022
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Wird es je wieder möglich sein, dass russische und ukrainische Menschen sich in Frieden begegnen und einander die Hand reichen? Das frage ich mich je länger dieser Krieg dauert. Gerade deutet nichts auf ein versöhnliches Ende hin.

Aber ein vierzehn Meter hohes Friedenskreuz erzählt eine Geschichte, die mir ein bisschen Hoffnung macht. Dieses Kreuz steht seit 70 Jahren in der Nähe der Stadt Bühl im Landkreis Rastatt. Am Anfang seiner Geschichte steht ein Kriegsverbrechen. Eins von der Art, wie sie gerade in ukrainischen Orten aufgedeckt werden. Dieses hat sich im Juni 1944 in dem französischen Dorf Oradour sur Glane ereignet. Deutsche Soldaten einer SS-Panzerdivision haben die 650 Einwohner auf dem Marktplatz zusammengetrieben. Die Männer haben sie in Scheunen, Frauen und Kinder in die Kirche getrieben und dort eingeschlossen. Dann haben sie die Männer erschossen und die Kirche in Brand gesteckt. Nur 36 Menschen haben diese Gräueltat überlebt.

Nach Kriegsende sollten die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden. Nach dem französischen Gesetz hat schon die Zugehörigkeit zu der deutschen Truppe genügt, die in dem Dorf gewütet hatte, um rechtskräftig verurteilt zu werden. Ob ein Soldat wirklich dabei gewesen ist, musste nicht nachgewiesen werden. Es galt das Prinzip der Kollektivschuld. 

Deshalb war auch ein Häftling aus Reichenbach im Odenwald zum Tode verurteilt - obwohl er nachweisen konnte, dass er zur Zeit des Oradour-Verbrechens in Heimaturlaub gewesen und somit unschuldig war. Nach geltendem Recht sollte er trotzdem sterben. Da hat der damalige Bühler Caritasrektor Johannes Schmidt ein Gelübde abgelegt: Wenn es gelänge, diesen Mann freizubekommen, dann sollte ein großes Friedenskreuz errichtet werden. Gnade vor geltendem Recht - als Zeichen der Versöhnung trotz dieses unfassbaren Verbrechens.

Das Bühler Friedenskreuz zeugt bis heute vom Erfolg seiner Bemühungen: Der Mann kam frei. Und später wurde auch das Kollektivschuldgesetz aufgehoben. Geblieben ist ein weithin sichtbares Zeichen, dass Versöhnung möglich ist, auch dort wo furchtbare Wunden klaffen. Vielleicht wird es noch lange dauern, bis irgendwo an der Grenze zwischen Russland und der Ukraine auch ein Friedenskreuz errichtet wird. Aber der Tag wird kommen. Darauf hoffe ich.

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26MAI2022
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Dass ein Kind mehrere Väter hat, ist heute keine Besonderheit mehr. In meinem Umfeld gibt es einige Patchworkfamilien, in denen das so funktioniert. Und meine schwulen Freunde haben seit ihrer Eheschließung bereits das zweite Kind adoptiert.

Dass auch Jesus mit zwei Vätern aufgewachsen ist, ist weniger bekannt, obwohl es die Bibel ja genauso erzählt: Er war der Erstgeborene einer größeren Geschwisterschar. Der Vater der Familie hieß Josef und hatte die Schreinerei in Nazareth. Als Jesus zwölf war, kam heraus, dass er noch einen zweiten Vater hatte. Da durfte er nämlich zum ersten Mal mit seinen Eltern eine Reise nach Jerusalem machen und hat sich in der unbekannten Stadt gleich mal selbständig gemacht.  Als seine Eltern ihn nach langer Suche endlich wiedergefunden hatten, saß er im Tempel Gottes und hat mit erwachsenen Schriftgelehrten diskutiert, ganz offensichtlich auf Augenhöhe. Auf die typische Elternfrage, was er sich eigentlich dabei gedacht habe, hat er bloß gesagt: „Wisst ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“  Nein, das hatten sie nicht gewusst. Und noch viel weniger haben sie es begriffen. Von da an klaffte jedenfalls ein Riss in der Eltern-Kind-Beziehung. Mit Anfang 30 hat Jesus sich schließlich ganz von seiner Familie gelöst und angefangen, mit einigen Gleichgesinnten durchs Land zu ziehen. Von nun hat er sich Menschensohn genannt und Gott seinen Vater. Weil er wusste: Da stamme ich her. Gott ist mein wahres Elternhaus. Beim Beten hat er sogar „Abba“ zu ihm gesagt, was so viel heißt wie Papa. Die einen fanden das respektlos, die andern waren begeistert.

Am Ende seines Weges hatte Jesus sich Feinde gemacht. Und die haben ihn aus dem Weg geräumt und hinrichten lassen. Da war sein Vater Josef schon gestorben. Den anderen Vater, den himmlischen, hat Jesus am Kreuz angeschrien, warum auch der ihn nun verlassen habe. Eine Antwort hat er nicht bekommen. 

Aber drei Tage später wurde es Ostern und seine Jünger haben gespürt, dass Jesus wieder da ist und sie haben Gott gedankt, dass er ihn vom Tod befreit hat. Und dann kam der Tag seiner Himmelfahrt: Jesus ist heimgekehrt zu seinem Vater im Himmel. Eine Wolke hat ihn mitgenommen und seither ward er nicht mehr gesehen. Aber sein Geist ist in der Welt. Seine Botschaft, dass jeder Mensch mindestens zwei Väter hat: vielleicht einen oder zwei oder noch mehr auf der Erde - aber ganz bestimmt auch einen im Himmel.

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25MAI2022
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Einen Menschen zu segnen, ist etwas ganz Wunderbares. Besonders intensiv habe ich das immer bei den Konfirmationsgottesdiensten erlebt, in denen ich den Konfirmanden die Hände aufgelegt habe. Ein dreiviertel Jahr lang haben wir uns vorher jede Woche getroffen. Ein schwieriges Lebensjahr, in dem aus großen Kindern kleine Erwachsene werden. Eine Zeit, in der sie manchmal ganz schön in den Seilen hingen. Mitten in dieser Umbruchszeit steht am Ende ein Segen. Die Kraft, die Gott den jungen Menschen verspricht, darf ich im Gottesdienst spürbar werden lassen, in dem ich ihnen die Hände auflege und Ihnen gute Worte auf den Kopf zusage.

Letzten Sonntag ist mein eigenes Patenkind konfirmiert worden. Da saß ich mit der ganzen Verwandtschaft dicht gedrängt in der Kirchenbank. Beim Segnen durfte ich diesmal nur zuschauen. Dachte ich jedenfalls. Aber dann kam es anders. Denn die Pfarrerin hat jede Familie gebeten, vor dem Segen für das eigene Kind aufzustehen und ihm auf diese Weise den Rücken zu stärken. Eine schöne Geste. Sie hat für mich etwas zum Ausdruck gebracht, was in der Bibel so ausgedrückt wird: „Von allen Seiten umgibst du mich, Gott, und hältst deine Hand über mir.“ Gott umgibt dich - wie dich auch deine Familie und deine Freundinnen umgeben, hinter dir stehen und immer für dich da sind. Und Gott hält die Hand über dir - eine Geste des Segens. Sie deutet den Schutz an, den Gott verspricht. So will auch deine Familie auf dich Acht geben und dir helfen, dass du gut durchs Leben kommst.

Gerade die Konfirmation macht aber auch deutlich, dass Eltern und Patinnen, die bis dahin behütend unterwegs gewesen sind, nun ein Stück loslassen müssen. Die Kinder gehen jetzt mehr und mehr ihre eigenen Wege. Entfernen sich aus dem Schatten der Flügel und kriechen immer seltener unter die ausgebreiteten Fittiche. Sind selber groß. Wir müssen sie ziehen lassen, aber wir können ihnen immer noch den Rücken stärken. Deutlich machen: Im Hintergrund bin ich weiterhin für dich da. Mit Abstand, aber immer noch in Sichtweite.

Und so habe ich mein Patenkind bei seiner Konfirmation doch segnen dürfen. Denn was ist Segnen anderes als spürbar werden zu lassen: Von allen Seiten umgibt dich Gott und hält seine Hand über dir. Unter dir. Hinter dir.

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24MAI2022
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„Es gibt nur noch Baden-Württemberger!“ hat der Ministerpräsident vor kurzem bei den Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag unseres Bundeslandes behauptet. 1952 wurde aus drei selbständigen Landesteilen der Südweststaat: Baden-Württemberg. Und Winfried Kretschmann meint, dass es mehr als zwei Generationen später keine Rolle mehr spielt, aus welcher Ecke des Ländles einer kommt. Ich habe überlegt, worauf ich mich beziehe, wenn ich mich irgendwo vorstelle. Dann sage ich vielleicht: Ich komme aus Pforzheim. Oder: Ich lebe am Albtrauf. Oder: Ich bin überzeugte Europäerin. „Ich bin Baden-Württembergerin“, das habe ich noch nie gesagt. Aber wichtig ist für mich, zu einer Gemeinschaft zu gehören, in der Gemeinsamkeiten sich nicht über die Herkunft definieren, sondern über die Zukunft.

Davon hat auch schon ein Mann geträumt, der oft als der erste Christ bezeichnet wird: Paulus. In der Mitte seines Lebens hat er seine Herkunft hinter sich gelassen, in jeder Hinsicht, geographisch, politisch, religiös. Für einen Mann seiner Zeit ist er unglaublich viel herumgereist. Im ganzen Mittelmeerraum hat er versucht, die Menschen für seine Vision einer großen neuen Zugehörigkeit zu gewinnen. Den Kontakt zu den vielen Menschen, die ihm auf seinen Reisen begegnet sind, hat er durch Briefeschreiben aufrechterhalten. Ein paar davon sind in der Bibel erhalten geblieben. Und da schreibt er einmal: „Es spielt keine Rolle mehr, ob einer ein Jude ist oder ein Grieche, ein Sklave oder ein Freier, ein Mann oder eine Frau. Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder, weil ihr durch den Glauben mit Jesus Christus verbunden seid.“

Wenn man mich fragt, woher ich komme, kann ich also auch sagen: „Ich bin Christin.“ Ich gehöre zu einer Gemeinschaft, die offen ist und nach vorne schaut. Und die auch niemanden ausgrenzen will. Und vielleicht taugt das auch als Vorbild für unser Bundesland Baden-Württemberg: Wenn es keine Rolle mehr spielt, ob ich Alemanne bin oder Kurpfälzerin, Enkelin eines türkischen Gastarbeiters oder geflüchtet aus der Ukraine, adoptiert aus Äthiopien oder Kind donauschwäbischer Eltern. Wenn wir alle auf das schauen, was uns verbindet und was uns in der Zukunft noch mehr verbinden könnte, dann wird es vielleicht Wirklichkeit: Und es gibt nur noch Baden-Württemberger!

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23MAI2022
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An den leeren Regalen im Supermarkt hängen jetzt häufig mal Zettel: „Bitte kaufen Sie Öl nur in haushaltsüblichen Mengen“, oder: „Wir rechnen auch längerfristig nicht mit Versorgungsengpässen.“ Besonders gut meint es die Betriebsleiterin des kleinen Dorfladens: Sie hat im leeren Weizenmehlregal Rezepte ausgelegt, wie man auch mit Vollkorn- oder Dinkelmehl leckere Kuchen und Brot backen kann. Alles ohne Erfolg: Die Zettel bleiben hängen und die Regale leer.

Der Drang, in Krisenzeiten Vorräte anzulegen, scheint etwas zutiefst Menschliches zu sein. Das war schon in biblischen Zeiten so. Da wird erzählt, wie Mose sich und das Volk Israel aus der Sklaverei befreit. Ihre Flucht ist spektakulär - und trotzdem schmeckt die Freiheit schon bald nicht mehr so süß, wie sie sich das erträumt hatten. Denn in der Wüste, wo es sie hin verschlagen hat, gibt es überhaupt nichts zu beißen. Und so wächst die Unzufriedenheit und manche sind kurz davor, wieder umzukehren. Da mischt Gott sich ein. Durch Mose lässt er ausrichten, dass er selbst nun für Nahrung sorgen wird. Es wird Brot vom Himmel regnen. Aber auch Gott heftet an sein Versprechen zwei Zettel: Gesammelt werden soll nur in haushaltsüblichen Mengen, für einen Tagesbedarf. Und Lieferengpässe wird es nicht geben. Jeden Tag wird Gott frisches Brot backen. Am nächsten Morgen liegen tatsächlich Dutzende kleiner Brötchen auf der Erde. Sie schmecken knusprig und köstlich wie Honigsemmeln. Die Zettel, die Gott an seine Tüten geheftet hat, liest keiner mehr: Alle raffen zusammen, was sie kriegen können. Niemand blickt nach links oder rechts - Hauptsache, ich komme nicht zu kurz! Und wer weiß, ob es morgen wieder was gibt. Wer einmal Hunger erlitten hat, so richtig bohrenden Hunger, der einen an nichts anderes mehr denken lässt als an Essbares, kann wohl nicht anders. Aber es nützt gar nichts: Denn alles, was gehamstert und bevorratet wurde, ist am Abend verdorben und ungenießbar geworden. Erst mit der Zeit wächst bei den Leuten das Vertrauen in Gottes Fürsorge: Jeden Tag gibt es nun Manna, das Wunderbrot. 

Wir leben nicht in der Wüste, sondern in einem Land, in dem Milch und Honig fließen. So hätten es jedenfalls die biblischen Wüstensammler ausgedrückt, die noch jahrzehntelang von der Hand in den Mund leben mussten. Wir leiden keinen Hunger. Erst recht dürfen wir andern ruhig auch etwas gönnen. Es braucht nur ein bisschen Vertrauen.

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22MAI2022
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Wie geht beten? Wie redet man richtig mit Gott? Obwohl ich Pfarrerin bin, weiß ich das auch nicht immer. Allein bin ich mit dieser Frage zum Glück nicht. Die Bibel berichtet, dass schon die ersten Christen klagen: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Und wir wissen auch nicht, wie.“

Heute ist der Sonntag im Kirchenjahr, der uns das Beten ans Herz legen möchte. Rogate heißt er: Betet! Und wie geht das nun? Wie fange ich es an? Wenn ich darüber nachdenke, stelle ich fest, dass mein eigenes Beten im Lauf der Zeit immer einsilbiger geworden ist. Früher habe ich dem lieben Gott oft lange Vorträge gehalten. Oft hat das geholfen, meine eigenen wirren Gedanken zu ordnen. Und manchmal hat sich ein Weg abgezeichnet, wo vorher nur Chaos war.

Eine Zeitlang habe ich alte Gebete aus der Bibel gesprochen: die Psalmen. Ich habe einfach darauf vertraut, dass Gott mir auf diese Weise hilft, die richtigen Worte zu finden. Und oft waren tatsächlich welche dabei, die mir aus dem Herzen gesprochen haben. Die Antwort, dass Gott selbst beim Beten hilft, bekommen übrigens auch die ersten Christen, die mit dem Beten auch ihre liebe Not hatten: Gott selbst, sein Geist hilft uns, die richtigen Worte zu finden. Und wenn wir trotzdem irgendwann einmal nichts zu sagen wissen, dann betet Gottes Geist für uns in unserem Sinn weiter. Wenn ich selbst meine Gedanken und Sorgen nicht formulieren kann, liegt er Gott mit lautem Seufzen in den Ohren.

Heute nehme ich mir für das Beten oft mehr Zeit als früher, aber ich rede längst nicht mehr so viel. Manchmal stelle ich sogar nur ein einziges Wort in den Raum und gebe ihm Zeit. Warte darauf, dass es sich entfaltet und zu wirken beginnt. Oft ist es in letzter Zeit das Wort Frieden gewesen. Oder der Name eines Menschen, an den ich denken möchte. Ich vertraue darauf, dass Gott in diesem Moment versteht, was mich beschäftigt.  

Und manchmal bete ich das Vater unser. Das Gebet, das von Jesus stammt. Ich kann mich da einfach hineinfallen lassen, weil ich es aus- und inwendig kenne. Die Worte kommen ganz von allein, so dass ich manchmal das Gefühl habe: Ich bete ja gar nicht; es betet mich. Es nimmt mich hinein in einen Strom von Stimmen, überall auf der ganzen Welt, der nie verstummt. Das trägt auch mich.

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