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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
„Beim Geld hört die Freundschaft auf!“, hört man oft. Ich habe das zum Glück persönlich noch nicht erlebt. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich mir bisher um Geld keine Sorgen machen musste. Mein ältester Sohn lebt in Berlin und kennt ganz andere Geschichten. Er gibt ehrenamtlich Nachhilfe für Schüler, deren Eltern die Nachhilfestunden nicht bezahlen können. Im selben Projekt arbeitet auch ein Rechtsanwalt als ehrenamtlicher Schuldnerberater. Und viele andere bringen sich mit ihren Fähigkeiten unentgeltlich ein.
Gerade erst hat mein Sohn etwas erlebt, was ihm sehr nahe gegangen ist. Unter dem Vordach seines Wohnblocks in Neukölln hat Norbert sich eingerichtet. Norbert ist obdachlos, schläft mal hier und mal da; tagsüber hält er sich die meiste Zeit in der überdachten Hausecke auf. Es sieht dort entsprechend aus, es riecht unangenehm, immer wieder kommt es zu Konflikten mit einzelnen Hausbewohnern; Frauen trauen sich nicht zu allen Tageszeiten allein an ihm vorbei. Manchmal hat Norbert auch Besuch; dann sitzen sie da zu zweit auf seinem Schlafsack, er und sein Freund.
Als mein Sohn mit einer großen Tüte Plastikpfandflaschen vorbeikommt, spricht Norbert ihn an. „Können wir die haben?“ „Klar“, sagt mein Sohn und drückt Norberts Freund die Tüte in die Hand. Er freut sich und überschlägt im Kopf, dass wohl knapp über zehn Euro rauskommen dürften, wenn die beiden das Pfand einlösen. Ein paar Wochen vergehen. Norbert scheint anderswo untergekommen zu sein; jedenfalls bleibt sein Platz unter dem Vordach lange leer. Dann sitzt er doch wieder da. Er spricht meinen Sohn an: „Nächstes Mal drückst du mir die Tüte in die Hand. Er hat mir nichts abgegeben.“
Mein Sohn ist getroffen. Und ich auch, als er mir die Geschichte am Telefon erzählt. Er ist selbstverständlich davon ausgegangen, dass die beiden sich den Erlös geteilt haben, vielleicht sogar mit zwei Bierchen angestoßen haben. Dass Not zusammenschweißt und geteiltes Leid irgendwie halbes Leid ist. Aber wieder einmal ist deutlich geworden, wie wenig ich die Not von Menschen kenne, denen nicht nur Geld und Obdach und Wäsche zum Wechseln fehlen, sondern auch menschliche Beziehungen, die ich so leicht als selbstverständlich erachte. „Jedem auf des Lebens Pfad einen Freund zur Seite“ wünscht der Dichter Johann Peter Hebel in einem Neujahrslied. „Und zu stiller Herzensgüte Hoffnung ins Geleite.“ Ich schließe mich ihm heute aus vollem Herzen an.
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Margit liegt unter einem ganzen Haufen von Turnmatten begraben und rührt sich nicht. Wir sind zu siebt und haben eine Gruppentherapiesitzung. Psychodrama nennt sich die Methode. Heute ist Margit an der Reihe. Sie darf Gegenständen oder anderen Gruppenmitgliedern Rollen zuweisen. Sie hat sich für die Turnmatten entschieden. Sie liegen auf ihr drauf und sollen alles darstellen, was sie bedrückt. Manchen Matten hat sie Namen gegeben.
Dann beginnt die kreative Phase. In Nullkommanichts hat Margit sich freigestrampelt. Einzelnen Matten verpasst sie Schläge und Fußtritte, andere werden mit Schmackes in die Ecke gepfeffert. Die Aktion dauert ziemlich lang. Margit tobt durch den Raum und wird immer röter im Gesicht. Als sie alle Matten erledigt hat, setzen wir uns mit dem Therapeuten zusammen und sprechen über das, was wir gesehen und erlebt haben.
Ich selbst hatte mehrfach den Impuls abzuhauen. Margits Aggressivität war mir total unangenehm. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich sie bewundere. Woher nimmt sie nur diese Energie? Und wird sie eigentlich nie müde? Gibt sie niemals auf? Margit hat mich an einen Mann aus der Bibel erinnert. An Jakob. Der ist nach einem Streit in seiner Familie, den er maßgeblich mit verursacht hat, von zuhause abgehauen und hat ein paar Jahre ohne jeden Kontakt zu seiner Familie in der Fremde verbracht. Dann kehrt er zurück. Das Wiedersehen steht an, vor allem mit dem verhassten Bruder, den er um sein Erbe gebracht hat. Jakob ist ein gemachter Mann; er muss sich vor niemand verstecken, aber vor der Begegnung mit der eigenen Vergangenheit hat er dann doch Angst. Er kann nicht schlafen und geht nachts unruhig auf und ab. Und dann heißt es in der Bibel: „Plötzlich war da jemand, der bis zum Morgengrauen mit ihm kämpfte.“ Wer oder was es ist, mit dem Jakob ringt, bleibt unklar, aber als der Gegner sich davonmachen will, macht Jakob ihm eine Ansage: „Ich lasse dich erst los, wenn du mich segnest!“ Und da sehe ich Margit vor mir. Wir sind Freundinnen geworden und seit jener Therapiestunde sind elf Jahre vergangen. Für mich ist Margit in all den Jahren die Gotteskämpferin von damals geblieben: Sie gibt keine Ruhe, sie lässt nicht locker, bis sie nicht allem, was sich ihr an Widrigkeiten in den Weg stellt, allem, was sie erdrücken und klein machen will, ein Stück Segen abgetrotzt hat. Ich bewundere das. Und manchmal schaffe ich es sogar, mir eine Scheibe Trotzkraft von ihr abzuschneiden.
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Das Gleichnis vom verlorenen Groschen hat mir noch nie besonders gut gefallen. Da wählt Jesus schon einmal eine Frau, um etwas über Gott zu erzählen, und dann passiert Folgendes: Einer Frau kullert eine Silbermünze aus dem Geldbeutel. Sie kehrt daraufhin ihr ganzes Haus von oben nach unten, findet den Groschen und, so wörtlich: „ruft ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir! Ich habe die Silbermünze wiedergefunden, die ich verloren hatte!“
Ist doch übertrieben, oder? Und voller Klischees über dusselige, pedantische Hausfrauen, die wegen jeder Kleinigkeit ihre Freundinnen anrufen. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich manche Sachen, die ich verloren habe, nicht wiedergefunden habe. Mein lila Fahrrad zum Beispiel. Das hatten meine Tübinger Studienfreunde für mich zusammengeschraubt, nachdem mir mein altes geklaut worden war. Und dann haben sie es auch noch in meiner Lieblingsfarbe angemalt. Was für ein wunderbarer Freundschaftsbeweis! Mein lila Fahrrad war absolut unverwechselbar. Ich habe es geliebt! Und dann war es plötzlich weg. Weil ich einmal zu faul gewesen bin, es abzuschließen; ich wollte ja nur schnell zum Bäcker und mir eine Brezel holen. Aber die eine Minute hat gereicht. Als ich wieder rauskam, war es weg. Und ist nie wieder aufgetaucht. Noch heute schmerzt es mich, wenn ich dran denke.
Aber nicht nur Gegenstände kommen abhanden. Mir sind auch Menschen verloren gegangen. Annette zum Beispiel, eine Freundin aus der Tübinger Clique. Wir waren ganz eng, haben stunden- und nächtelang miteinander geredet; später kam nur sie als Trauzeugin infrage. Und dann? Das Studium war zu Ende und jede von uns in einer anderen Stadt mit ihrem Berufsanfang beschäftigt; später mit Kindern und Karriere. Und da haben wir uns einfach aus den Augen verloren. Ohne dass etwas zwischen uns vorgefallen wäre. Es ist einfach so gekommen. Aber dann habe ich Annette wiederentdeckt. Auf einem Foto in der Zeitung. Ich habe sie gegoogelt, gefunden und ihr geschrieben. Und sie hat tatsächlich geantwortet. Neulich haben wir uns sogar getroffen. Zum ersten Mal seit 36 Jahren. Sofort war die alte Vertrautheit wieder da, ihr unverwechselbares Lachen und ihre Kunst, mich erfolgreich auf den Arm zu nehmen. Und da habe ich begriffen, dass es in dem Gleichnis vom verlorenen Groschen nicht bloß um eine Silbermünze geht, sondern um echte Goldstücke. Und hab mich gefreut wie Bolle und allen meinen Freundinnen davon erzählt.
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Den Tag von Anjas Beerdigung haben wir auf den 12. Februar festgelegt. An diesem Tag wäre sie 50 Jahre alt geworden. Manche fanden es schrecklich, die beiden Daten für immer aneinander zu binden. Aber ihr Mann und ihre Söhne waren der Meinung, Anjas erster Geburtstag ohne sie würde sowieso ein ganz furchtbarer Tag werden; warum dann nicht auch gleich den furchtbaren Tag der Beerdigung hinter sich bringen?
Anja war meine beste Freundin. Wir hatten Kinder im selben Alter, zusammen sechs Jungs, das hat uns mehr als zusammengeschweißt. Und weil auch unsere Männer sich gut verstanden haben, sind wir ein paar Mal als Familie zusammen in Urlaub gefahren. Als die Jungs älter wurden und jede von uns in eine andere Stadt umgezogen ist, hat sich unsere Freundschaft verändert.
Aber wir sind immer in Kontakt geblieben. Am Telefon hat Anja mir dann eines Tages erzählt, dass bei ihr ein Tumor im Unterleib entdeckt worden ist. Sie gab sich ganz zuversichtlich, aber schon ein halbes Jahr später war sie tot. Und dann kam der 12. Februar. Ihr 50. Geburtstag und der Tag ihrer Beerdigung. Die Kirche war voll. Zwischen einem Meer aus roten Rosen stand vorne die Urne mit ihrer Asche. Und wir haben gesungen: „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst. Wie schön, dass wir zusammen sind; wir gratulieren dir, Geburtstagskind.“
Und jedes einzelne Wort haben wir auch genauso gemeint. Denn es war gut und unendlich tröstlich, dass wir an diesem Tag alle zusammen waren und uns gegenseitig Halt geben konnten. Wir haben gespürt, wie schön es war, dass Anja auf dieser Welt und all die Jahre an unserer Seite gewesen ist. Und wie sehr wir sie vermissen! Dafür gab es noch gar keine Worte. Für viele war es ein Trost, dass Anja selbst ganz fest daran geglaubt hat, dass der Tod wie eine zweite Geburt ist. Aufstehen in ein neues Leben bei Gott. So ganz begreifen konnten wir das damals freilich nicht. Bald kommt der 12. Februar wieder. In diesem Jahr wäre sie 56 geworden. Wir Freundinnen treffen uns seit sechs Jahren immer am Samstag nach Anjas Geburtstag an ihrem Grab, tauschen Erinnerungen aus und feiern eine kleine Andacht. Nur mit dem Singen will es noch nicht so recht klappen, weil uns dabei immer die Tränen kommen. Danach gehen wir in eins ihrer Lieblingscafés und stoßen mit Sekt auf das Leben an. Auf unseres. Und auf ihres in einer anderen Welt.
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„Jetzt kommt sie in das Alter, wo es von alleine lacht“, war der Spruch, mit dem mein Vater die ersten pubertären Anwandlungen seiner Tochter kommentiert hat. Meine Freundin Peggy und ich, wir waren damals unzertrennlich. Ständig haben wir die Köpfe zusammengesteckt und gekichert; ich weiß heute selbst nicht mehr, worüber. Was ich noch weiß: Vieles, was uns mit elf oder zwölf gefallen hat, kam uns mit 13, 14 plötzlich total albern vor; anderes hat uns Angst gemacht und verunsichert. Die beste Reaktion auf beides: miteinander drüber lachen. Alles haben wir getauscht und geteilt: Klamotten, Schallplatten, wilde Träume. Peggy war mein Zwilling, mein Spiegel, meine zweite Hälfte. Und alles, was wir gern mit Jungs erlebt hätten, aber nicht kriegen konnten, haben wir uns eben gegenseitig versprochen: „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsre Freundschaft nicht.“ Ich habe fest dran geglaubt: Alles, alles mag sich ändern oder vorbeigehen, aber wir, wir bleiben uns treu.
Aber so war es nicht. Unsere Freundschaft ist zerbrochen. Zerbrochen an einem einzigen Satz, der mich damals mitten ins Herz getroffen hat. Zum Studium sind wir in weit auseinanderliegende Städte gezogen und hatten uns mittlerweile aufs Briefeschreiben verlegt. Auch das war schön und intensiv. Aber dann hat Peggy mir geschrieben, ich würde in meinen Briefen ja nur um mich selber kreisen. Sie fände das ziemlich egoistisch. Und ich? Ich hab die Welt nicht mehr verstanden. War das nicht der Kern unserer Freundschaft, dass wir uns immer alles voneinander erzählt haben? Warum sollte das jetzt nicht mehr gehen? Ich habe es nicht verstanden und war tief verletzt. Als hätte mir jemand, nein nicht jemand, sondern meine beste Freundin ein Messer in die Seele gerammt. Und wir hatten wohl beide auch keine Idee, wie wir mit dem, was plötzlich zwischen uns stand, hätten umgehen sollen. Ich habe immer darauf gewartet, dass sie den ersten Schritt tut und sich bei mir entschuldigt. Und Peggy? Ich weiß es nicht. Ich habe sie nie wiedergesehen. Und bin längst in einem Alter, in dem es manchmal auch von alleine weint. Lachen oder weinen wird gesegnet sein, heißt es in einem Lied. Auf diesen Segen warte ich.
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„Sensationell!“ ist das Lieblingswort meiner Freundin Nina. Sie benutzt es oft und gerne; manche meinen, inflationär. Tatsache ist: Nina ist wahnsinnig begeisterungsfähig und hat dabei auch noch die wunderbare Gabe, andere mitzureißen. Mich zum Beispiel; von Natur aus eher grüblerisch veranlagt, profitiere von ihrem inneren und äußeren Sprühen.
Zum Beispiel: Nina hat sich spontan entschieden, auf der Rückfahrt vom Urlaub einen Umweg zu nehmen, um mit dem Glacier-Express durch die Schweizer Alpen zu fahren. Die Aussicht aus den gläsernen Waggons: sensationell! Nächste Begegnung: Nina hat die Neuinszenierung einer Oper besucht. Das Bühnenbild, das in drei Aufzügen drei Mal gewechselt hat: sensationell! In schwindelerregendem Tempo lässt sie vor meinem inneren Auge die ganze Oper mit all ihren Umbauten ablaufen. Oder: Nina hat in der Zeitung von einem alternativen generationenübergreifenden Wohnprojekt gelesen. Das Konzept findet sie sensationell! In Nebensätzen rechnet sie mit den letzten Jahrzehnten städtebaulicher Entwicklungen ab und fragt mich, wie ich eigentlich mal im Alter leben möchte.
Für viele Dinge, denen ich bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe, hat Nina mit ihrer Begeisterung meine Neugierde geweckt. Und noch etwas habe ich durch sie entdeckt: Solche verstaubten, fast ausgestorbenen biblischen Worte wie loben und preisen, jauchzen, frohlocken oder jubilieren haben für mich einen ganz neuen Sinn bekommen. Den kleinen Kanon „Lobet und preiset ihr Völker, den Herrn“ zum Beispiel singe ich schon seit Kindergottesdienst-Tagen. Aber wie das wirklich aussieht, wie es sich anhört und anfühlt, wenn ein Mensch lobt und preist, weil ihn die Welt mit all ihren Wundern nicht kaltlässt, sondern ergreift, das hat Nina mir gezeigt: „Sensationell, Gott, diese Bergwelt! Schneebedeckte Gipfel und zu Eiszapfen erstarrte Wasserfälle und das grandiose Lichtspiel der Sonne und der Mond, wie er durch die Abendwolken zieht, und erst der Mensch mit seinem wundersamen Gehirn, der Trassen konstruiert und Züge lenkt und Opern schreibt und Häuser baut und singt und liebt und denkt und sorgt. Mein Gott, du bist der Größte!“ Ein Quäntchen nur von Ninas sensationellem Blick auf die Welt wünscht Ihnen für dieses noch junge Jahr Martina Steinbrecher.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43654SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Freundinnen sind ein besonderer Glücksfall im Leben. Das ist mir jetzt wieder klar geworden, als ich zum wiederholten Mal eine kleine Veranstaltungsreihe durchgeführt habe über „Die Frauen meines Lebens“. Zuerst ging es um Mütter und Großmütter. Dabei ist auch viel Schmerzhaftes ans Licht gekommen: unterschiedliche Erwartungen, zu viel Nähe, zu viel Härte, missverstandene Liebe. An starken weiblichen Vorbildern und erst recht an weiblichen Gottesbildern hat es vielen Teilnehmerinnen gefehlt. Aber als es um Freundinnen ging, wurde es mit einem Mal ganz warm im Raum. Von ihren Freundinnen haben eigentlich alle geschwärmt.
Vom besonderen Glücksfall einer Freundschaft zwischen Frauen hatten auch biblische Autoren schon eine Vorstellung. Zumindest der Evangelist Lukas erzählt davon. Maria und Elisabeth sind bei ihm zwar entfernt miteinander verwandt, aber ihre Beziehung ist ganz und gar freundschaftlicher Art. Die junge Maria ist ungewollt schwanger und weiß nicht, an wen sie sich in ihrer Not wenden soll. Der Engel, der ihr gut zugeredet hat, ist verschwunden; weder ihre Eltern noch ihr Verlobter Josef kommen als Gesprächspartner infrage; da sucht sie ihre ältere Freundin Elisabeth auf und findet bei ihr mehr als ein offenes Ohr und Anteilnahme. Elisabeth, selbst im sechsten Monat schwanger, freut sich nämlich einfach. Sie urteilt nicht, sie äußert keine Bedenken, sie muss nicht wissen, wie es überhaupt dazu hat kommen können, sie versichert einfach: Ich werde alles tun, um dich zu unterstützen, denn, glaub mir, deine Schwangerschaft ist ein Segen Gottes. Alles wird gut. So sind Freundinnen. Ein Glücks- und Segensfall im Leben. Schade, dass Lukas die Geschichte dieser wunderbaren Freundschaft nicht weitererzählt hat. Denn im weiteren Verlauf seines Evangeliums geht es vor allem um die Söhne der beiden. Um Johannes den Täufer und um Jesus. Ich stelle mir aber gerne vor, dass Maria und Elisabeth ein Leben lang in Kontakt geblieben sind. Schließlich haben ihre Kinder beide sehr ungewöhnliche Lebenswege eingeschlagen. Da wird es immer wieder die Unterstützung und den Trost einer guten Freundin gebraucht haben. Eine, die sagt: Ich bin für dich da. Ganz egal, was passiert.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43653SWR1 Begegnungen

Heute mit Martina Steinbrecher und Thomas Gasenzer. Der Professor lehrt und forscht am Heidelberger Kirchhoff-Institut für Physik. Den biblischen Berichten zufolge haben Wissenschaftler aus dem Orient um die Zeitenwende einen interessanten Stern entdeckt und sind ihm gefolgt, um einen neu geborenen König zu finden. Heute feiert die Christenheit die Ankunft dieser Weisen beim Jesuskind in Bethlehem. Auf der Suche nach dem Stern von Bethlehem hat Thomas Gasenzer mit mir einen Blik ins Universum geworfen. Und dabei erst mal einiges zurechtgerückt.
Ja, also wir sehen ja meistens lauter kleine weiße Punkte. Die können aber sehr unterschiedlicher Art sein. Also, die meisten davon sind Sterne. Aber es sind dabei auch Sternwolken und Galaxien, die aus sehr, sehr vielen Sternen bestehen und die aber zu einem Punkt verschmelzen. Und all diese Punkte, die nennt man typischerweise die Fixsterne, nämlich in Abgrenzung zu den Objekten, die eigentlich gar keine Sterne sind. Und dazu gehören diese sogenannten Wandelsterne. Das sind die Planteten in unserem Sonnensystem.
Das muss ich erst mal für mich klarkriegen: Die Sonne ist aus physkalischer Sicht also ein Stern, weil sie leuchtet. Planeten dagegen sind Wandelsterne, denn sie bewegen sich und leuchten nur, wenn sie von der Sonne angestrahlt werden. Und von den maximal sechstausend Lichtpunkten, die ich nachts mit bloßem Auge am Himmel sehen kann, sind die meisten ebenfalls Fixsterne, also die Lichtquellen weit entfernter Galaxien. Als bewegliches Leuchtobjekt kann der Stern von Bethlehem also weder ein Fixstern noch ein Wandelstern gewesen sein. Aber vielleicht ein Komet?
Es war so, dass die Menschen den Halley‘schen Kometen 1301 sehen konnten, und es gab da den Giovanni di Bondone aus Florenz, der von früheren Sichtungen auch aus antiken Quellen wusste und dann den Stern auf seinem Fresco „Anbetung der Könige“ in Padua mit einem Kometenschweif darstellt. Und damit hat im Prinzip die Geschichte des Sterns von Bethlehem als Komet so begonnen im 14. Jahrhundert.
Ich bin ein bisschen ernüchtert: Der schöne Kometenschweif, der bis heute über so vielen Krippenszenen schwebt, ist also eine Erfindung der Kunstgeschichte, basierend auf den inzwischen überholten wissenschaftlichen Erkenntnissen des 14. Jahrhunderts? Ich werfe noch einmal einen Blick ins Matthäusevangelium. Da erkundigen sich Sterndeuter am Hof des Königs Herodes in Jerusalem nach einem neugeborenen König, denn so wörtlich: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Was für ein Phänomen, frage ich Thomas Gasenzer, könnte das gewesen sein?
Die Menschen sehen seit jeher und in allen Kulturen Sterne und ihre Konstellationen und bewundern sie. Die haben einen Einfluss auf sie ausgeübt. Konstellation heißt ja sowas wie, dass die Sterne in einer bestimmten Weise beieinanderstehen. Das wurde dann religiös interpretiert oder als Zeichen, vielleicht so ein bisschen wie anregende Geschichten, wie die Welt der Zahlen oder die des Spiels, in der ja auch oft viel Magie gespürt wird. Aber vielleicht auch wie bei uns in der Wissenschaft, die für uns oft so ein übergroßes, unerfassbares, nie ganz zu verstehendes Gebäude ist und dem wir uns irgendwie in Sisyphusarbeit nähern, ohne jemals anzukommen.
Ich bin beeindruckt, wie präzise Thomas Gasenzer physikalische Phänomene beschreibt und dabei ins Staunen gerät über die noch längst nicht erforschten Tiefen des Universums. Ob wir dem Geheimnis des Sterns von Bethlehem noch auf die Spur kommen? Verschiedene Thesen haben wir schon verworfen: Wahrscheinlich haben die Sterndeuter aus dem Matthäusevangelium keinen Wandelstern und auch keinen Kometen gesehen, sondern eine ganz besondere Sternkonstellation:
… etwa die großen Konjunktionen der Wandelsterne, wenn Jupiter und Saturn nah beieinanderstehen, sowas passierte immer wieder. Und die wurden seit sehr langer Zeit immer wieder beobachtet und dann als Vorzeichen wichtiger Ereignisse gewertet.
Ein aufgehender Stern als Zeichen für die Geburt eines zukünftigen Königs. Jahrhundertelang haben Sterndeuter aus unterschiedlichen Kulturräumen aufgezeichnet, was sie am Himmel entdeckt haben. Und besondere Phänomene eben besondere Ereignisse zugeordnet.
Also etwa, wenn wir im Alten Testament, im vierten Buch Mose schauen, dann gibt es dieses „Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel.“
Ein Satz, der später mit der Geburt von Jesus in Verbindung gebracht wurde.
Im Matthäusevangelium zieht der Stern vor den Sterndeutern her von Jerusalem nach Bethlehem. Dort bleibt er stehen. Und sie finden ein Kind – den neugeborenen König. Ein Wandelstern, der plötzlich fix stehen bleibt – physikalisch gesehen nicht sehr wahrscheinlich. Im Gespräch mit Thomas Gasenzer ist mir aber klar geworden, dass es nicht entscheidend ist, ob sich dem Stern von Bethlehem ein eindeutiges Naturphänomen zuordnen lässt. Viel wichtiger ist doch, wofür dieser Stern auch heute stehen könnte:
Das Wichtige war vielleicht, dass Gott irgendwie hier die Macht hat, etwas zu tun und eben sogar so einen Stern anzuhalten, dass dieses Machthaben außerhalb dessen, was die Menschen vermögen, ist, denke ich, sozusagen das wichtigste Element dieser Erzählung.
Was auch immer es gewesen sein mag, dem die Sterndeuter damals gefolgt sind; ihre Botschaft lautet: Wenn Gottes Sohn zur Welt kommt, strahlt das Sternenzelt.
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Der Film „Blues-Brothers“ ist Kult. Kultige Musik, eine schräge Story und zwei Typen im schwarzen Anzug, mit schwarzen Hüten und schwarzen Sonnenbrillen auf der Nase. Ihre Mission: Das Waisenhaus retten, in dem sie groß geworden sind. Und wenn man die beiden fragt, warum sie das machen, dann bekommt man die legendäre Antwort: „Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs!“ „Unterwegs im Auftrag des Herrn.“ Mit diesem Satz ernten sie immer wieder Kopfschütteln. Denn die beiden entsprechen so gar nicht der landläufigen Vorstellung von Gottesboten. Aber allen Unkenrufen und Widrigkeiten zum Trotz schaffen es die beiden. Sie trommeln ihre alte Band zusammen, stellen unter den irrwitzigesten Bedingungen ein Konzert auf die Beine, und am Ende wird alles gut.
Eine Geschichte, wie sie in der Bibel nicht besser hätte erzählt werden können. Im Buch des Propheten Jesaja gibt es auch einen, der von sich behauptet, im Auftrag des Herrn unterwegs zu sein. Bei ihm hört sich das so an: „Gott hat mich geschickt, um gebrochene Herzen zu heilen. Den Gefangenen soll ich zurufen, dass sie frei sind. Ja, ich soll ein ganzes Jahr ausrufen, in dem Gott Freiheit schenkt. Ich soll einen Tag ansagen, an dem Gott das Unrecht wieder gutmacht. Ich soll alle Trauernden trösten und den Verzweifelten Freude bringen.“
Das klingt ehrlich gesagt erst mal genau so verrückt wie die Mission der Blues Brothers. Und der biblische Mensch hat noch nicht mal einen Bruder, der ihn bei seinem Auftrag unterstützen könnte. Wer sich wohl hinter diesen Worten verbirgt? Da wurde lange gerätselt: Ein neuer König vielleicht, ein Superheld? Ein Mensch mit wundersamen Kräften? „Ich bin das“, sagt Jesus später einmal. „Ich bin im Auftrag des Herrn unterwegs.“ Und auch er hat dafür Kopfschütteln geerntet und in zweifelnde Gesichter geblickt. Aber er hat auch unendlich vielen Menschen Mut gemacht. Mut, die Welt zu verändern. Gebrochene Herzen zu heilen. Für Freiheit und Gerechtigkeit zu streiten. Trauernde zu trösten und Verzweifelten Freude zu bringen. Wie wäre es, wenn jede und jeder von uns aus diesem großen Paket nur eine klitzekleine Aufgabe übernimmt und im Auftrag des Herrn dranbleibt – ob dann das neue Jahr ein besseres wird?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43640SWR Kultur Wort zum Tag
Kinder, wie die Zeit vergeht! Weihnachten ist schon wieder vorbei, morgen ist schon wieder Sonntag, und in ein paar Tagen ist das Jahr 2025 auch schon wieder Geschichte! Die Zeit rast – und trotzdem werden die Tage jetzt gern als Zeit „Zwischen den Jahren“ bezeichnet, als wären sie merkwürdig aus der Zeit gefallen, ja, als stünde die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester irgendwie still. Von mir aus könnte sie das gern noch eine ganze Weile lang tun, damit ich endlich mal zur Ruhe komme, bevor in der ersten Januarwoche dann alles wieder an Fahrt aufnimmt.
Im Alten Testament gibt es eine Geschichte, in der erzählt wird, dass die Zeit tatsächlich mal für einen ganzen Tag stillgestanden hat. Es ist eine recht altertümliche Kriegsgeschichte, faszinierend und auch ein bisschen unheimlich. Josua, der Feldherr der Israeliten, stellt sich mitten in einem unübersichtlichen Schlachtengetümmel hin und ruft der Sonne und dem Mond zu: „Sonne, steh still über Gibeon, und du Mond, über dem Tal von Ajalon!“ Und tatsächlich bleiben Sonne und Mond in dieser Geschichte sofort stehen. 24 Stunden lang. Als es endlich wieder dunkel wird, haben die Israeliten im Kampf gesiegt.
Wer das könnte: Der unerbittlich vergehenden Zeit einen zusätzlichen Tag abringen. Für die eigenen Interessen! Was für eine gewaltige Versuchung! Ein Traum, der auch die Phantasien von Filmemachern immer wieder beflügelt. Ich hab‘ mal einen gesehen, da konnte der Held auch auf die Stopptaste drücken und die Zeit anhalten. Alle anderen und alles um ihn herum friert ein, nur er selbst kann sich noch bewegen und ungestört seine Ziele erreichen. Nichts hält ihn auf! Aber das ist ja auch kein Kunststück, wenn man seiner Zeit immer einen Schritt voraus sein kann.
Aber, wie um solche Begehrlichkeiten gleich wieder in ihre Schranken zu weisen, heißt es in der Geschichte von Josua: „Nie wieder gab es einen solchen Tag wie diesen, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft.“ Gott sei Dank, muss ich sagen, denn stellen Sie sich mal vor, Josuas Beispiel hätte Schule machen! Wir kämen ja vor lauter Stillstand überhaupt nicht mehr vom Fleck! Nie mehr würde ein neues Jahr anfangen. Alles bliebe stecken. Soll die Zeit doch ruhig vergehen! Stehen, sagt die Bibel, stehen tut sie nur in Gottes Händen. Und das ist doch ein gutes Gebet zwischen den Jahren: Meine Zeit, Gott, steht in deinen Händen.
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