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27NOV2022
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In einem Schlager aus den 60er Jahren steht ein Mädchen Abend für Abend am Hafen und wartet auf die Ankunft eines Schiffes, das den Geliebten an Bord hat. Sie singt: „Ein Schiff wird kommen und das bringt mir den einen, den ich so lieb wie keinen und der mich glücklich macht. Ein Schiff wird kommen und meinen Traum erfüllen und meine Sehnsucht stillen, die Sehnsucht mancher Nacht.“ Von ihr lerne ich für den Advent die Sehnsucht, das hoffnungsfrohe Warten, die unbeirrbare Zuversicht, dass Gottes Sohn auf die Welt kommt.   

Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort.

Zuerst wird ein Bild vor Augen gemalt, dann wird es theologisch gedeutet. Die Melodie ahmt zu den Bildern vorsichtige Wellenbewegung nach, in den interpretierenden Zeilen schreitet sie ruhig voran. Zwei Rhythmen, ein Klang, zwei Tonarten, ein Lied, zwei Teile, ein Ganzes, zwei Naturen, ein Gott. So stellt die Melodie zwei Welten nebeneinander und macht zugleich hörbar, dass und wie sie sich berühren.

Das Schiff geht still im Triebe, es trägt ein teure Last,
das Segel ist die Liebe, der Heilig Geist der Mast.

Das Schiff bringt neben der Sehnsucht noch eine weitere Adventsgabe mit: Stille. Es rast nicht. Sein Antrieb folgt nicht dem Motto „schneller, weiter, effizienter“. Das Schiff geht still im Triebe. So wird es mir zu einem Gefährt und zu einem Gefährten der Langsamkeit, es hilft mir zur Entschleunigung und zur Konzentration auf das Wesentliche: die kostbare Fracht, die es birgt: den Gottessohn, der im Wind der Liebe segelt und getrieben wird vom Heiligen Geist.

Der Anker haft‘ auf Erden, da ist das Schiff am Land.
Das Wort tut Fleisch uns werden, der Sohn ist uns gesandt.

Schließlich ist ein Landgang angesagt. Denn Gottes Schiff fährt nicht nur auf fernen Meeren, es bleibt nicht im Sehnsuchtsland. Es ankert mitten unter uns. Bald schon, an Weihnachten. Heute, am ersten Advent möchte ich mit Ihnen aber noch ein wenig am Ufer stehen bleiben, still und voller Sehnsucht. Und schließen mit Zeilen aus einem Gedicht von Alfred Marnau:

Die Sehnsucht will uns arm wie Wartende am Meer,
sie löst die Hände und lässt nichts bestehn.
So rüsten Schiffe lang zur Wiederkehr und werden niemals untergehn.

Vielleicht verstehst du Zeichen, die dich führen,
die scheuen Finger halten dein Gewand.
Hier ist dein Ufer. Du wirst Segel spüren.
und wenn die Schiffe kommen, sei am Strand.

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Es kommt ein Schiff (EG 8/GL 236)

Text: aus Quellen von Johannes Tauler erstmals ediert von Daniel Sudermann, 1626
Melodie: Andernacher Gesangbuch 1608

Musikquellen:
Hans-Jürgen Hufeisen, Christrose. Träume zur Heiligen Nacht,
www.hufeisen.de Zürich Nr.: he 1004 LC 10867
Weihnacht der Romantik, Rias-Kammerchor, Uwe Gronostay,

harmonia mundi Arles 2002, LC 7045

Literaturquelle:
Alfred Marnau, Vogelfrei. Frühe Gedichte 1935-1940

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26NOV2022
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Es gibt auf dieser Welt nichts, was es nicht auch als Adventskalender gibt. Nichts, was sich nicht in 24 Portionen aufteilen und verschicken ließe. Was mir da auf Facebook alles vorgeschlagen wurde, reicht für vierundzwanzig mal vierundzwanzig Tage und mehr: Es gibt Adventskalender mit Angelzubehör, mit Saatgut, Müsli, Gewürzmischungen, mit Strümpfen, Spirituosen, Sexspielzeug, mit Lego und Parfümpröbchen - die Liste höret nimmer auf.  Wer selbst einen Adventskalender bestücken möchte, findet Tütchen, Säckchen, Hölzchen und Beutelchen in allen Größen, Materialien und Farben. Selbst schuld, muss ich denken, wer sich noch an einen simplen Adventskalender hält, bei dem hinter jedem Türchen dasselbe Schokolädchen steckt!

Es gibt auch Kalender, die ganz bewusst anders sind und ein Zeichen gegen die Konsumflut und Konsumwut in dieser Jahreszeit setzten wollen. Aber auch die Zahl der Kalender mit schönen Texten, Bildern, Liedern und meditativen Anregungen ist inzwischen ins Unermessliche gewachsen. Und weil ich mich so schwer entscheiden kann, habe ich mir davon in den letzten Jahren gleich mehrere angeschafft. Die ursprüngliche Idee, sich in einer oft als hektisch erlebten Zeit einmal am Tag zehn Minuten Ruhe zu gönnen, um einem Gedanken nachzuhängen oder einem Impuls nachzugehen, ist dabei eher einer sportlichen Übung gewichen, bei der es gilt, sich in kürzester Zeit möglichst viel Kluges, Nachdenkliches und Humorvolles zu Gemüte zu führen, um es bei Gelegenheit bei der nächsten Weihnachtsfeier zu verwerten.  

Die Zeit vor Weihnachten war ursprünglich einmal eine Zeit der Buße und der Ruhe: Weniger statt mehr. Eine Art Zäsur mit Zeit für Rückzug und Fasten. Den Kopf frei kriegen für Neues. Ganz bewusst eine Zeitlang auf den Überfluss verzichten, um die Freude und Fülle, die dann an Weihnachten gefeiert wird, umso deutlicher und nachhaltiger erleben zu können.

Dem möchte ich gerne wieder auf die Spur kommen. Und ich glaube, mir hilft in diesem Jahr da nur der radikale Verzicht: Ich werde Adventskalender fasten.

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24NOV2022
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In der Kapelle auf dem Stuttgarter Pragfriedhof ist der kleine Chor bereits eingetroffen. Trotz starken Regens haben sich an diesem grauen Novembernachmittag knapp zehn Sängerinnen und Sänger eingefunden. Bei der in Kürze beginnenden Trauerfeier werden sie singen. Und beten. Und zuhören. Einige auch weinen. Was Menschen eben tun bei so einem Anlass. Mit einem großen Unterschied: Keiner aus dem Chörle kennt einen der verstorbenen Männer und Frauen, deren Urnen vorne in der Kapelle aufgestellt sind. Die Menschen, deren Asche sich in den Urnen befindet, werden auf Anordnung der Stadt Stuttgart bestattet, weil sich keine Angehörigen gefunden haben, die diese Aufgabe übernehmen könnten oder wollten. Oft weiß man nicht viel über die Toten. Eine Pfarrerin und ein Diakon werden die Trauerfeier ökumenisch gestalten. Von der Hoffnung sprechen, dass die Toten eine neue Heimat bei Gott finden mögen.  

Zum Glück gibt es ordnungsbehördliche Bestattungen in ähnlicher Form mittlerweile in vielen Städten. Ich finde es treffend, wenn dabei von einer Bestattung unbedachter Menschen die Rede ist. Denn zum einen sind oft Obdachlose dabei, also Menschen, die ohne Dach über dem Kopf gelebt haben. Das Wort unbedacht enthält aber auch die bittere Wahrheit, dass an diese Toten wohl schon lange niemand mehr gedacht hat. In Heidelberg, wo die Namen der Verstorbenen vorher veröffentlicht werden, ist es immer wieder vorgekommen, dass auf den Trauerfeiern doch Menschen aufgetaucht sind, die eine der Personen gekannt haben. Das ist dann immer eine große Freude, denn manchmal lässt sich auf diese Weise noch etwas über jemand in Erfahrung bringen und erzählen. Ich werde auch nie vergessen, wie einmal ein Mann seinem Bruder der Landstraße einen Schluck Whiskey aus der mitgebrachten Pulle ins Grab hinterhergegossen hat. Das klingt für alle, die es nicht selbst erlebt haben, vielleicht derb oder unpassend. Aber: Er hat seinem Freund damit eine echte Ehre erwiesen. Passender als jeder Rosenstrauß!

Kein Mensch sollte vereinsamt leben und sterben müssen. Und kein Mensch sollte einsam unter die Erde gebracht werden. Deshalb wird sich das Chörle in Stuttgart auch nächstes Mal wieder einfinden, wenn die Unbedachten begraben werden. Und singen. Und beten. Und hoffen.   

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23NOV2022
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Das Wort klingt schon ziemlich unangenehm: Friedhofszwang. Und was es beschreibt, möchten viele ganz gerne abschaffen: In Deutschland gilt aber nach wie vor die Regelung, dass Verstorbene im öffentlichen Raum beigesetzt werden müssen: auf Friedhöfen, in Friedwäldern oder auf anderen dafür vorgesehenen Plätzen. In anderen Ländern bestehen im Umgang mit Toten längst größere individuelle Freiheiten. In den Niederlanden oder in der Schweiz können Urnen auch im Garten vergraben oder gar nicht unter die Erde gebracht, sondern zuhause in einem Regal aufgestellt werden. Es ist sogar möglich, Asche von Toten in einen Edelstein pressen zu lassen, den ein Hinterbliebener dann als Schmuckstück bei sich tragen kann. Aufgrund dieser Trends rechnet die deutsche Friedhofsgesellschaft damit, dass in den kommenden zehn Jahren hierzulande jeder dritte Friedhof schließen muss. An Toten mangelt es zwar nicht, jährlich sterben in Deutschland mehr als 900.000 Menschen. Die wollen nur heute oft woanders hin. Und sich keinem Friedhofszwang mehr beugen.

Ich hingegen möchte mir nicht vorstellen, dass meine Kinder sich eines Tages darum streiten, wer nach der Trauerfeier Mamas Asche mit nach Hause nehmen darf – oder muss. Vielleicht ist es bis dahin aber auch möglich, dass sie aufgeteilt und gerecht gedrittelt wird. Umgekehrt kann ich mir auch nicht vorstellen, die sterblichen Überreste eines Angehörigen zu besitzen. Denn das ist für mich der springende Punkt: Ein anderer Mensch gehört mir nicht, so eng die Beziehung zu Lebzeiten auch gewesen sein mag. Als Christin sehe ich darin sogar einen großen Trost, dass ich „im Leben und Sterben nicht mir gehöre, sondern zu Jesus Christus.“ Und ich bin mir sicher: Der würde meine sterblichen Überreste bei der Auferweckung der Toten am jüngsten Tag notfalls auch in einem Karton auf dem Dachboden finden.

Trotzdem bin ich dafür, dass Friedhöfe als öffentliche Erinnerungsorte erhalten bleiben. Ich gehe gerne auf Friedhöfen spazieren. Mancher Name auf einem Grabstein weckt Erinnerungen an eine Person, an die ich sonst gar nicht mehr gedacht hätte. Geburts- und Sterbedaten regen mich an, über die Endlichkeit des eigenen Lebens nachzudenken. Und in der Regel erfüllt so ein Spaziergang mich am Ende mit dem, was der Ort verheißt: mit Frieden. Mir gefällt es, dass die Toten auf diese Weise unter uns sind. Geborgen und frei.

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22NOV2022
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Genauso habe ich mir das ideale Arbeitszimmer immer vorgestellt: Ein einziger Raum auf der Fläche eines ganzen Stockwerks. Der perfekter Rückzugsort im Untergeschoss des Hauses. An den Wänden Bücherregale vom Boden bis zur Decke, und das Tollste: mehrere Schreibtische im Raum verteilt, damit die Unterlagen für unterschiedliche Projekte einfach liegen bleiben können. Dazwischen kleine Sitzgruppen und Lesesessel mit Bücherstapeln auf Hockern. So ein Arbeitszimmer gibt es wirklich, und der Mann, der hier gearbeitet und an die 200 Bücher geschrieben hat, war alles andere als ein Schreibtischtäter: Jörg Zink, einer der bekanntesten Theologen des letzten Jahrhunderts. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Vielleicht haben einzelne von Ihnen seine Stimme noch im Ohr. Über hundert Mal hat er zwischen 1961 und 1980 als Fernsehbeauftragter der Württembergischen Landeskirche das Wort zum Sonntag gesprochen, auch zu politisch brisanten Themen. Sechs Jahrzehnte lang war er auf den Kirchentagen unterwegs. Hat den Freiraum geschätzt, den er dort gefunden hat. Und hat ihn konsequent als Experimentierfeld genutzt. Da galten keine Denkverbote. Alles durfte ausprobiert werden. Tausende sind zu seinen Bibelarbeiten gepilgert oder haben mit ihm das Abendmahl als eine Feier des Lebens für sich wiederentdeckt. Auch Menschen, die sonst wenig mit der Kirche verbunden hat, haben seine Bücher gelesen: Wie wir beten können. Womit wir leben können. 

Die meisten dieser Bücher sind in jenem legendären Arbeitszimmer in Stuttgart-Möhringen entstanden, in dem ich Jörg Zink einmal besucht habe. Er war damals schon in seinen 80ern, aber immer noch ein interessierter und inspirierender Gesprächspartner. Wenn ich heute an seinem Geburtstag an ihn denke, bin ich verblüfft, wie visionär vieles von dem gewesen ist, was er schon vor vielen Jahren in den Blick genommen hat: Die Bewahrung der Schöpfung zum Beispiel. Oder die aufrichtige Suche nach einem Christentum, das den Niedergang seiner Institutionen überleben könnte. Seine Liebe zu Christus als Wegweiser in jede nur denkbare Zukunft. Sein streitbares politisches Engagement. Und ich bin ihm dankbar für diese bleibenden Impulse.

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21NOV2022
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Nach 142 Jahren endet mit dem heutigen Tag die Geschichte einer legendären Kultureinrichtung. Flächendeckend war sie verbreitet, in der Stadt genauso wie auf dem Land: Ungefähr einen Quadratmeter groß, meistens übelriechend und ziemlich lädiert. Die Rede ist von der Telefonzelle. Zu ihren besten Zeiten haben die Leute vor ihr Schlange gestanden, auch bei Wind und Wetter. Es war das erste Mal, dass Menschen auch von unterwegs aus mit ihren Liebsten in Verbindung treten konnten. Das war etwas ganz Besonderes. Aber jetzt ist ihre Zeit abgelaufen. Heute kann man noch ein letztes Mal ein paar Münzen in den „Fernsprecher“ einwerfen. Bis Januar funktioniert noch das Bezahlen per Telefonkarte, aber dann werden auch die letzten gelben Häuschen nach und nach abgebaut und aus dem Straßenbild verschwinden.

Dank Mobilfunkmasten und Smartphone ist es heute scheinbar kein Problem mehr, überall und mit jedermann in Kontakt zu bleiben. Allerdings: Wehe, das Handy geht verloren! Ein Albtraum! Früher, am Telefonhäuschen, hatten die Leute noch die wichtigsten Nummern im Kopf. Heute kenne ich nur noch die Telefonnummer meiner Eltern auswendig, alle anderen sind nur in meinem Handy gespeichert, und ich müsste sie erst mühsam wieder zusammensuchen, wenn ich es verlieren würde. Und trotz all der technischen Möglichkeiten fühlen sich viele heutzutage eher isoliert als miteinander verbunden. In Verbindung zu bleiben, kann trotzdem auch schwierig sein.

Und dann fällt mir doch noch eine Art Telefonnummer ein, die ich auswendig weiß. 5015. Das ist sozusagen der private Anschluss von Gott. Denn in der Bibel, im Psalm 50, Vers 15 steht: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.“ Das hört sich an, als wäre Gott eine Art Notarzt oder die Feuerwehr, die ganz schnell kommt, wenn’s irgendwo brennt oder sich ein Unfall ereignet hat. 5015 – unter dieser Nummer habe ich abgespeichert, wie unmittelbar ich mit Gott Verbindung halten kann. Es braucht auch im übertragenen Sinn dafür keine Telefonzellen, keine besonderen Orte, keine Vermittlung. 5015: Gott ist immer in Rufnähe und niemals mehr als ein Gebet weit entfernt.  

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01NOV2022
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Über das katholische Anliegen, heute aller Heiligen zu gedenken, muss ich ein bisschen schmunzeln. Nicht, weil ich evangelisch bin, sondern weil das in meinen Augen den Anschein erweckt, als hätte man ein wenig den Überblick verloren über die immer noch wachsende Zahl an großen Vorbildern und Heiligen. Um aller zu gedenken, scheinen die Tage eines Jahres gar nicht auszureichen, so dass man sie kurzerhand auf einen zusammenpackt.

Aber dann fällt mir der Umschlag wieder ein, den im Sommer gleich mehrere Kollegen in mein Postfach gesteckt haben. Darauf prangt in dicken Lettern die Frage: „Wieviel Martin, wieviel Martina steckt in dir?“ Wie sich herausstellt, ist der Umschlag eine sogenannte Sinnsuchertüte auf den Spuren des Heiligen Martin. Den kenne ich. Vor Jahr und Tag hat er höchst wirkungsvoll seinen roten Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt.  Als Trägerin des Vornamens Martina scheine ich geradezu prädestiniert, den Inhalt der Tüte zu prüfen. Und obwohl ich als Mutter von drei Kindern der Meinung bin, den Heiligen Martin mit ausreichend Laternenumzügen gewürdigt zu haben, habe ich mich schließlich auf den Inhalt des Päckchens eingelassen.

Da findet sich zum Beispiel ein Stapel mit Bildkarten. Fotografien ganz unterschiedlicher Menschen sind darauf abgebildet. Unwillkürlich fange ich an zu überlegen, wie ich den dargestellten Personen helfen könnte, ganz nach dem Vorbild des Heiligen Martin. Erst nach einer Weile fällt mir auf, dass es von jeder Person zwei Karten gibt. Einmal ist jede als Martin oder Martina gekennzeichnet, das andere Mal als Bettler oder Bettlerin. Im wirklichen Leben sind die Rollen nämlich nicht immer so eindeutig verteilt. Ich soll mich nicht nur fragen, was ich den Menschen auf den Bildern geben könnte. Ich darf mir auch die Frage stellen, was sie mir geben könnten, und was ich gerade von ihnen vielleicht dringend brauchen könnte. Das gefällt mir, denn es bringt Bewegung in die immer gleiche Geschichte.

In der Sinnsucher-Tüte sind noch andere Spiele. Sie alle schaffen es, dass ich meine gewohnten Vorstellungen vom Helfen und Teilen überdenke. Und ich merke: Es lohnt sich unbedingt, dieser Frage nachzugehen: Wieviel Martina steckt in mir? Denn unter allen Heiligen, die heute gefeiert werden, könnte tatsächlich auch einer sein, den bisher noch niemand entdeckt hat. Vielleicht steckt er sogar in dir …

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22OKT2022
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In diesen Tagen jährt sich zum dreißigsten Mal der Todestag von Petra Kelly und Gert Bastian. Ich erinnere mich an den Schock, der damals durchs Land ging, als am 19. Oktober 1992 die Leichen dieses Promipaars der bundesrepublikanischen Politszene in ihrem Bonner Reihenhaus entdeckt wurden. Petra Kelly hatte sich in der Anti-Atomkraftbewegung und als Friedensaktivistin einen Namen gemacht. Gert Bastian hatte als ehemaliger Nato-General der Bundeswehr effektvoll den Rücken gekehrt und war seither im selben politischen Umfeld zuhause. Er war auch verheiratet und Vater von zwei Kindern, hatte sich aber nie scheiden lassen. Die Polizei hat dann ihre Ermittlungen aufgenommen. Als wahrscheinlicher Tathergang wurde rekonstruiert, dass Gert Bastian seine Lebenspartnerin im Schlaf erschossen und sich dann selbst getötet hatte. Viele Fragen blieben offen. Sind es immer noch.

Ich habe die Todesanzeige aus der Zeitung ausgeschnitten, die Charlotte Bastian damals für ihren Ehemann aufgegeben hat. Sie beeindruckt mich immer noch. Denn darüber steht ein Zitat von Conrad Ferdinand Meyer: „Ich bin kein ausgeklügelt‘ Buch. Ich bin ein Mensch in seinem Widerspruch.“ Das konnte man als Ausdruck der allgemein vorherrschenden Ratlosigkeit verstehen. Vielleicht aber auch als Bitte, von vorschnellen Verurteilungen abzusehen und alles Rätseln und Richten Gott zu überlassen. Jedenfalls war es der starke Appell einer Frau, die um die Widersprüche des Lebens wusste. Die sich weiß Gott wie damit arrangiert haben muss, dass ihr Mann mit einer 25 Jahre jüngeren Frau zusammengelebt hat, und die sich trotzdem getraut hat, ihn in Schutz zu nehmen, als alle Welt in ihm nur noch einen waffenvernarrten Mörder sah. Ein Plädoyer für Menschlichkeit im Angesicht eines schuldig gewordenen Menschen.

„Ein Mensch in seinem Widerspruch“, hat Conrad Ferdinand Meyer das genannt. Biblische Anthropologie würde hier wohl von einem Sünder sprechen. Und diesen Menschen gerade als Sünder ernstnehmen. Denn hinter der Rede von Sünde steckt das Wissen, dass Menschen nicht in jedem Augenblick vernünftig, sinnvoll und anständig handeln und dass sich manche menschlichen Handlungen schlicht nicht nachvollziehen lassen. Aber keine einzelne Tat beraubt einen Menschen seiner Menschlichkeit vor Gott. Deshalb ist das auch heute ein starker, Nachdenkens werter Satz:

Ich bin kein ausgeklügelt‘ Buch. Ich bin ein Mensch in seinem Widerspruch.

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21OKT2022
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In meinem Bibelregal steht ein Schuber mit fünf Bibelbilderbüchern. Die Rücken sind ausgeblichen, aber man kann die ursprünglich leuchtend gelbe Farbe noch gut erkennen. Mein ältester Sohn hat sie von seinen Paten zur Taufe geschenkt bekommen. Das ist jetzt 25 Jahre her. Der Schöpfer dieser Bilder ist der Niederländer Kees de Kort. In mehr als 65 Ländern sind seine Bibelbilderbücher heute verbreitet. Auch damals haben sie schon zu den Klassikern unter den Kinderbibeln gehört. Unzählige Male habe ich sie herausgezogen, um sie meinen Kindern vorzulesen und vor allem, um die Bilder mit ihnen anzuschauen.

Am Anfang von Kees de Korts Schaffens stand ein Wettbewerb. Die niederländische Bibelgesellschaft wollte in den 60er Jahren eine Bibel in einfacher Sprache herausbringen. Auch geistig behinderte Kinder und Jugendliche sollten die Bilder und Texte verstehen können. Da galt es, eine einfache und zugleich eindringliche Bildsprache zu finden. Kees de Kort hat nur ein einziges Bild eingereicht: Josef und Maria auf dem Weg nach Bethlehem. Damit hat er die Experten-Kommission überzeugt. Und nicht nur die. Die Kees-de-Kort-Bibel ist geradezu ikonisch für viele Menschen auf der ganzen Welt geworden. Die biblischen Personen in ihren bunten Gewändern, die meist ohne perspektivische Tiefe flächig in einer Ebene abgebildet sind. Keine komplizierten Anordnungen.  

Dafür liegt oft alles in einem Blick, in einer Geste. Mein Lieblingsbild von Kees de Kort ist der blinde Bartimäus, der am Stadttor von Jericho sitzt und mit hochrotem Kopf nach Jesus schreit. Über seinen Augen hängt eine Binde. Als Jesus kommt, fragt er den Blinden, was er von ihm will. Bartimäus antwortet: „Dass ich wieder sehen kann!“ Und auf dem nun folgenden Bild hat Kees de Kort alles in diesen Blick hineingemalt, den ersten Blick eines sehend gewordenen Menschen auf die Welt, die ihn umgibt. 

Im August dieses Jahres ist der berühmte Maler gestorben. Und da stelle ich mir folgende kleine Szene vor: Kees de Kort erscheint an der Himmelspforte. Und Jesus fragt ihn: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Und dann wünsche ich ihm, dass Jesus ihm diesen Bartimäus-Blick verleiht. Dass ihm die Augen aufgehen und er all das sehen kann, was er zu Lebzeiten geglaubt und in unsterbliche Bilder gelegt hat.

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20OKT2022
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Jedes Jahr von neuem packt mich in diesen Tagen ein heftiger Oktober-Blues. Meine Stimmung sinkt in den Keller. Da können die Tage noch so golden sein. Ich lasse das Leuchten nicht an mich heran. Stattdessen werfe ich den Tagen vor, dass sie immer kürzer werden. Mit Grausen zähle ich sie herunter, bis zu jenem letzten Samstag im Oktober, an dem die Uhren nachts wieder verstellt werden und es noch früher dunkel sein wird. Das im Gegenzug geschenkte Tageslicht am Morgen lasse ich nicht gelten. Missmutig schaue ich auf die mit welkem Laub übersäte Terrasse, auf der ich nicht mehr sitzen kann.

Ein Oktober-Gedicht von Erich Kästner schlägt zunächst denselben Ton an: „Fröstelnd geht die Zeit spazieren. Was vorüber schien, beginnt. Chrysanthemen blühn und frieren. Fröstelnd geht die Zeit spazieren. Und du folgst ihr wie ein Kind.“ Ja, genau. Frierend und schmollend gehe ich durch die Tage. Wie ein Kind, das die Mutter hinter sich herziehen muss. Aber ungefähr in der Mitte des Gedichts stolpere ich dann über zwei Zeilen, die mich aufhorchen lassen und auf andere Gedanken bringen. Da steht: „Lass den Herbst nicht dafür büßen, dass es Winter werden wird.“  Ich fühle mich ertappt. Denn genau das ist ja der Kern meines Oktober-Blues: Ich werfe dem Herbst, einer an sich unschuldigen Jahreszeit, vor, dass sie den Winter einläutet. Und damit beraube ich sie all ihrer Chancen, eine Zeit mit eigenem Charme sein zu dürfen. Ihre ganze Schönheit verliere ich aus den Augen, weil ich sie nur als Vorboten von etwas anderem, Üblem, erkennen will.

So eine gedrückte Stimmung nehme ich gerade an vielen Orten wahr. Viele reden vom bevorstehenden Winter. Wie eine dunkle Gewitterwand beherrscht er die Nachrichten. Was werden wir essen, was werden wir arbeiten, wie werden wir uns kleiden und womit werden wir heizen?  Notwendige Fragen, gewiss. Aber sie sind es nicht wert, uns jede Freude an ganz gegenwärtigen Augenblicken zu nehmen. Sie dürfen die lodernden Herbstfarben nicht mit ihrem bleigrauen Schleier verhängen.  

„Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Monat seine eigene Plage hat.“ Dazu hat Jesus in der Bergpredigt geraten. Und ich übersetze es mir noch einmal in den Worten von Erich Kästner: „Lass den Herbst nicht dafür büßen, dass es Winter werden wird.“

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