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10JUL2022
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Viereinhalb tausend Menschen haben hörbar den Atem angehalten. Ich war eine davon. Ein Moment bei den Passionsfestspielen in Oberammergau. Auf der Bühne: eine aufgebrachte Volksmenge.  Jesus auf der einen Seite, die Hohenpriester und aufgebrachte Gläubige auf der anderen Seite. Dann wurde eine Frau in die Mitte gezerrt. Sie hätte die Ehe gebrochen, sagen sie. In der damaligen Gesellschaft ein todeswürdiges Verbrechen. Dutzende Augenpaare schauen Jesus erwartungsvoll an. „Was sagst du dazu, Jesus?“, fragen sie hämisch. Soll die Frau hingerichtet werden?  Gesteinigt? So, wie es das Gesetz sagt?

Der Jesus auf der Bühne in Oberammergau ist angespannt. Er weiß, das ist eine Falle für ihn. Er ist ihnen ein Dorn im Auge. Ihn wollen sie zu einem Fehler verleiten.

Und was macht Jesus? Er kritzelt im Staub auf dem Boden herum. Beiläufig. So wie man eine Schreibtischunterlage beim Telefonieren bekritzelt. Das provoziert sie noch mehr.

Dann der Moment, in dem die Spannung zum Zerbersten war. Jesus richtet sich auf, einen faustgroßen Wackerstein in der Hand. Mit glühenden Augen hat er in die Menge gesehen und ihnen den Stein hingehalten. „Ist einer von euch ohne Sünde? – Der soll den ersten Stein auf die Frau werfen.“

Diese Worte kenne ich sonst eher als lapidares Sprichwort: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Aber an dem Abend im Mai im Oberammergauer Passionstheater war die Dramatik mit Händen zu greifen. „Was, wenn einer beherzt nach vorne tritt und den Stein nimmt?“ ist es mir durch den Kopf geschossen. „Die Frau hätte keine Chance.“

Totenstille – auf der Bühne und bei den 4000 Zuschauern. Dann, nach spannungsreichen Sekunden schleicht sich einer nach dem anderen aus der Menge davon. Am Ende waren Jesus und die Frau allein auf der Bühne. Er noch immer mit dem Stein in der Hand. Die Frau hat vorsichtig den Blick gehoben. Alle waren weg. „Hat dich niemand verurteilt?“, hat Jesus die Frau gefragt. Kopfschütteln.

 „Dann verurteile ich dich auch nicht. Sündige von jetzt an nicht mehr.“ Dann hat er den Stein aus den Händen gelegt.

Selten war mir so deutlich, wie diese Frau in der Geschichte aus der Passionsgeschichte der Bibel instrumentalisiert worden ist. Als Spielball im Streit um religiöse Rechthaberei. Ja, sie hatte einen Fehler gemacht und sich nicht gesetzeskonform verhalten. Das war ihr so klar wie allen anderen. Aber in Wirklichkeit ging es um viel mehr: um echte Treue zu Gott statt Rechthaberei. Deshalb die glühende Frage Jesu, wer denn hier ohne Sünde wäre. Der Grat ist schmal zwischen überheblichen moralischen Urteilen und dem ehrlichen Blick auf das eigene Verhalten. Jesus hat nicht eingestimmt in die selbstgerechten Massen. Damit hat er der Frau einen neuen Anfang ermöglicht.

Wenn alle meinen, sie hätten Recht und mit dem Finger auf die zeigen, die einen Fehler gemacht haben, braucht es einen, der die Selbstgerechtigkeit bremst. Jesus ist so einer.

Mir geht dieser Spannungsmoment noch nach. Jesus hat ziemlich viel riskiert. Was, wenn doch einer den Stein aus seiner Hand genommen und auf die Frau geworfen hätte? Der Mob wäre nicht mehr aufzuhalten gewesen. Nach den Buchstaben des Gesetzes hätte er nicht mal unrecht gehabt. Ehebruch war damals ein schweres Verbrechen. Das, was bei uns heute Familiendramen sind. Alles andere als harmlos. Jesus hat mit der aufgebrachten Menge nicht diskutiert. Schon gar nicht hat er um Verständnis für die Frau geworben. Er hat einfach irgendetwas in den Staub auf den Boden geschrieben. Was es auch war, Jesus hat es geschafft, dass die aufgebrachte Menge ins Nachdenken kam. Irgendwie ins Mark getroffen. Es braucht ja große Offenheit, um sich einzugestehen, was man selbst falsch gemacht hat. Es kostet Überwindung. Viel einfacher ist es, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Das ist heute nicht anders. Wenn irgendwer bei einer moralischen Verfehlung erwischt wird, ist die öffentliche Empörung nicht zu bremsen. Es hagelt Hasskommentare und sogar Drohungen – bei Facebook und auf den Leserbriefseiten der Zeitungen.  

Irgendwie gelingt es Jesus, dass die um ihn Herumstehenden einsehen: zu moralischer Überheblichkeit besteht kein Grund. Die eigene Empörung reicht nicht aus, um jemanden anderen zu richten. Ich bin froh, dass Schuld und Unrecht bei uns vor Gerichten ausgehandelt werden. Die allgemeine Empörung einer aufgeheizten Menge ist dafür nicht geeignet. Dass das Urteil über Recht und Unrecht nicht den Empörungswellen und Boulevardschlagzeilen überlassen wird, ist richtig. Wenn diese Wellen mal wieder hochschlagen, dann wünsch ich mir einen, der beherzt wie der Jesus auf der Passionsspielbühne den Spieß umdreht und fragt: Seid Ihr wirklich moralisch so einwandfrei wie ihr vorgebt?

Für ein gnädiges Miteinander braucht es Menschen, die der Verführung zur moralischen Überheblichkeit nicht nachgeben. Der Blick auf mein eigenes Verhalten ist gefragt. Wenn ich das mal wieder merke, dann will ich mich an diese spannungsvollen Minuten im Oberammergauer Passionstheater erinnern. Und daran, dass Jesus alles riskiert hat für diese Frau, die einen so unerwartet neuen Anfang geschenkt bekommen hat.

Ich wünsche Ihnen einen Sonntag zum Aufatmen und eine gesegnete Woche.

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08MAI2022
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Die Bilder gleichen sich auf erschütternde Weise. Heute vor genau 77 Jahren war der Zweite Weltkrieg endlich zu Ende. Städte wie Pforzheim und Mainz lagen in Schutt und Asche. Unendliches Leid war in den Gesichtern der Überlebenden zu lesen. Jahre des Mordens und der Zerstörung waren vorbei. Aufatmen und ein neuer Frühling!

Heute sehe ich die Bilder aus Mariupol, Charkiw und Kiyw: Trümmer, Chaos, Tohuwabohu. Und ich frage mich: wann ist es endlich vorbei? Und wie soll dann ein neuer Anfang möglich werden?

Am Anfang der Welt, vor allen Zeiten, war nichts als Chaos, Tohuwabohu. Wüste und Leere. Die Bibel beschreibt den allerersten Anfang in den allerersten Versen.

Als Gott sich daran machte, den Himmel und die Erde zu schaffen – die Erde war noch wüst und leer und ein Gotteswind schwebte über dem Wasser – da sprach Gott: Es werde Licht!

Die ersten Verse der Bibel wagen einen Schritt vor allen Anfang zurück.
Gott setzt mit der Schöpfung einen neuen Anfang, bringt Ordnung ins Chaos und Leben dorthin, wo es so gar nicht nach Leben aussieht. Dieser Anfang gibt mir Hoffnung dafür, dass es auch heute Anfänge gibt, wo alles in Trümmern liegt. In Kriegstrümmern in den zerstörten Städten. Und in Seelentrümmern, die vielleicht erst mit der Zeit sichtbar werden, wenn ich so gar nicht aus noch ein weiß. Es dauert manchmal länger, Seelentrümmer zu beseitigen als Städte wiederaufzubauen.

Als Gott sich daran macht, den Himmel und die Erde zu schaffen, da war überall Wüste und Leere. Da war eine dunkle und tosende Urflut und über dieser Flut, über den Wogen, die bedrohlich brodelten, da bewegte sich der Geist Gottes, der Wind, der Atem Gottes, wie es wörtlich in der Bibel heißt.

Tohuwabohu, das ist mehr als ein bisschen Unordnung. Tohuwabohu, das ist bedrohliche und unwirtliche Öde. Leblos, grau, dürr und verkrustet. Erstarrte Zerbrechlichkeit. Trümmer und schroffe Kanten. Furchen aus grauen Vorzeiten, die verfestigt und zerklüftet sind. Was soll daraus schon werden können? Die Welt wie sie ist, ist zerbrechlich und fragil, trocken und dürr.

Ich setze darauf, dass Gott sich an den großen Anfang seiner Welt erinnert und dass er auch heute dem Chaos und dem Tohuwabohu ein Ende setzt. Ich wünsche mir das so sehr. Dass aus den Trümmern etwas Neues entsteht. Dass es Frieden wird in der Ukraine, im Jemen, in Mali – und in mir. Dass Gottes Geist, der Wind, der Atem, sich wieder spüren lässt, dass ich aufatmen kann und dass das Chaos in meiner Seele und in dieser Welt aufgeräumt wird.

Mir gefällt dieses Bild vom Geist Gottes. Gottes Geist ist wie ein Wind. Manchmal fegt er wie ein gewaltiger Sturm das Chaos weg. Wie der Sturm, der das Totholz aus dem Wald fegt.

Manchmal wirbelt er alles durcheinander und nichts bleibt mehr an seinem Platz. Aber er kann auch zärtlich pusten auf verwundete Seelen. Wie eine Mutter, die auf die Wunde ihres Kindes pustet. Der Gottes-Wind kann wild sein und sanft sein. Beides ist heilsam.

Mir ist vor einiger Zeit ein Gedicht begegnet. Christian Wiman hat es geschrieben – kurz nachdem er seine Krebsdiagnose bekommen hat. Er spricht „ein kleines Gebet im scharfen Wind“

Wie durch ein lange herrenloses und nur noch halb stehendes Haus,
das nur jemand Verlorenes finden könnte,
mit seinen scheibenlosen Fenstern und durchhängenden Balken,
mit hunderten von Spalten und Klüften,
in denen sich hunderte von Lebewesen sammeln und nisten,
so scheint der Lebensgeist, der hier einst gewesen ist
und der lebendige Geist dieses verfallenen Ortes.
Der Wind sucht jede Wunde im Holz und er singt in jeder Wunde im Holz,
die offen genug ist, um ihn aufzunehmen.
zerschmettere mich, Gott, in meine tausend Töne.*


Ich stelle mir einen verfallenen Ort irgendwo im Nichts vor. Ein Haus, in dem einmal Leben war. Manchmal ist das Leben selbst wie so ein Haus. Gebaut auf einem soliden Fundament, mit Wänden, die Halt geben sollten: eine Beziehung, ein fester Glaube, Freundinnen und Freunde, mit Fenstern, die das stetige Fortkommen sichern sollten, mit einem Dach, das vor Regen und unerwarteten Gewittern schützen sollte.

Und jetzt ist dieses Haus verfallen. Die Beziehung steht in Frage. Krankheit macht das Leben brüchig. Immer lauter drängt sich die Frage auf, ob das alles noch trägt. Das Holz hat Risse. Alte Wunden und neue Fragen. So vieles erschüttert mich gerade und bringt unsere Welt durcheinander. Aber: durch die kleinsten Risse und Wunden in meinem Lebenshaus bläst der Gotteswind, Gottes Geist. Und dann wird daraus Musik.

Daran will ich mich festhalten. Daran, dass Gottes Geist aus den Wunden und Ritzen Musik des Lebens machen kann. Daran, dass der Wind Gottes aus den Trümmern der Kriegsschauplätze und aus den Brüchen auf meiner Seele wieder Neues wachsen lassen kann. Dass die Liebe blüht und dass es Frieden wird über den Trümmern. Ich wünsche Ihnen einen blühenden Sonntag und eine gesegnete Woche.

*Christian Wiman, Small Prayer in a hard wind, in: ders. Every Riven Thing. Poems,
New York 2011, 72, Übersetzung hier: Heike Springhart

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14NOV2021
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Der Mann auf dem Foto trägt deutlich die Züge meines Vaters. Ich habe ihn nie kennengelernt. Mein Vater auch nicht. Denn sein Vater – mein Großvater - ist im März 1945 von einer Granate getroffen worden. Von einer Granate, wie er sie selbst zig Mal zuvor abgefeuert hat. Als er starb, war mein Vater gerade einmal drei Wochen alt.

Ich weiß nur wenig von ihm. Er hat gut malen können. Als Graveurmeister hat er in einer Färbefabrik Stoffmuster in Rollen graviert. Ein nachdenklicher Mensch soll er gewesen sein. Eigentlich wollte er Pfarrer werden, aber zum Studium hat das Geld nicht gereicht. Vielleicht bringt ihn mir dieser Berufswunsch besonders nahe. Ich konnte mir diesen Wunsch erfüllen.

Vor ein paar Jahren haben wir uns auf Spurensuche begeben. Wir sind in das niederschlesische Dorf Niwnice gefahren. Wir haben gehofft, irgendeine Spur, vielleicht irgendwo den Namen meines Großvaters zu finden.

Eine Studentin aus Krakau hat zu dieser Zeit in Heidelberg studiert. Sie war Stipendiatin der Gerta-Scharffenorth-Stiftung. Auch die Spuren von Gerta Scharffenorth führen nach Schlesien. Sie ist nach Kriegsende in den Westen geflohen.  Aber zuvor hat sie als Arbeiterin auf dem ehemals eigenen Gutshof in Schlesien gelebt. Der polnische Verwalter des Gutes hatte den Krieg im Konzentrationslager überlebt. Die Begegnung zwischen diesen beiden Menschen hat den Samen für ihr lebenslanges Engagement für Versöhnung zwischen Deutschen und Polen gelegt. Schon sehr früh war sie davon überzeugt: „Es muss noch andere Geschichten geben, die Deutsche und Polen miteinander teilen.“ Solche Geschichten werden noch heute fortgeschrieben, wenn Studierende aus Krakau für ein Jahr nach Heidelberg kommen.

Dank dieser Studentin haben wir nämlich erfahren, dass es in der Nähe von Breslau den Friedenspark gibt. Das ist ein Soldatenfriedhof, auf dem seit 2002 16.000 Kriegstote begraben sind. Unzählige Namen sind inzwischen auf Stelen zu lesen. In einem Buch im Dokumentationszentrum haben wir schließlich den Namen meines Großvaters gefunden. Das war ein berührender Moment. Wir haben uns registrieren lassen, damit wir eine Nachricht bekommen, wenn auch sein Name auf eine Stele geschrieben wird.

Wochen später haben wir die Nachricht erhalten, dass sein Name nicht auf einer Stele erscheinen wird. Begründung: Er trug zu viel Verantwortung für die Gräuel, die in Niwnice passiert sind.

Heute am Volkstrauertag denken wir an die Toten der Kriege. Zu diesem Gedenken gehören auch Trauer und Schuld. Wir denken an so viele zerstörte Häuser und an zerstörte Leben. In der Bibel ist von der Sehnsucht zu lesen, dass die zerstörten Häuser und die zerstörten Lebensgeschichten nicht das Ende sind. Paulus schreibt in seinem 2. Brief an die Gemeinde in Korinth: „Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.“  Unter dem Blickwinkel der Ewigkeit ähneln unsere irdischen Häuser windschiefen Hütten. Wacklig und zugig. Manchmal sind die Lebenshäuser auch ramponiert von Schuld, die Menschen auf sich laden.

 

Der Blick auf die abgebrochenen Lebenshäuser ist nicht leicht. Ich musste meinen Vater ziemlich überreden, dass wir diese Reise nach Polen machen. Es war ein Risiko. Was wir finden würden, würde den Schmerz über den nie anwesenden Vater vielleicht erst so richtig spürbar machen. Und auch die Scham, über das, was er im Krieg getan hat.  Und doch braucht es das, dass wir auf die abgebrochenen Häuser sehen, unseren Schmerz und den der anderen aushalten. Dass wir die Trümmerhäuser vom Kriegsende in Pforzheim, Coventry und Warschau sehen. Aber auch die Häuserschluchten in Kabul und im Jemen und die zertrümmerten Lebensgeschichten. Wenn ich den Blick darauf wage, können alte Wunden heilen. Dann kann ich meinen Schmerz und die Scham an Gott abgeben. Neues kann entstehen, weil das Alte seine untergründige Macht verloren hat.

Auf unserer Reise nach Niwnice habe ich beides erlebt. Der Spaziergang durch den Wald, in dem irgendwo mein Großvater ums Leben gekommen ist, hat mich traurig gemacht. Nachdenklich und schweigend waren wir unterwegs. Und doch ist es tröstlich, den Ort jetzt zu kennen. Und zu erleben, dass die Menschen in den Dörfern uns freundlich begegnet sind. Obwohl ihre Eltern und Großeltern durch Menschen wie meinen Großvater Schlimmes erlebt haben.

Zur Trauer gehört auch die Frage nach der Schuld. Sie ist schwer erträglich. Auch Paulus kann das nur seufzend ertragen. Dass wir beschwert sind in unserer irdischen Hütte. Die einen von der Schuld, die sie auf sich geladen haben. Die anderen von dem, was andere ihnen angetan haben. Der Abschnitt aus dem 2. Brief an die Gemeinde in Korinth endet mit der Aussicht auf das Gericht Gottes. „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ – heißt es da. Christinnen und Christen glauben, dass Gott selbst das zurechtbringt, was Unrecht war und ist. Dass er das Recht aufrichtet und sich der zerstörten Lebensgeschichten erbarmt. Um der Menschen willen, deren Lebensgeschichten zerstört wurden. Und um der Menschen willen, die einen neuen Anfang brauchen. Recht und Barmherzigkeit gehen Hand in Hand. Das hilft mir, auch die schuldbeladenen Seiten meines Großvaters zu sehen – und trotzdem um ihn und die Toten der Kriege zu trauern.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen tröstlichen Sonntag und eine gesegnete Woche.

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15AUG2021
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Fast auf den Tag genau vor 60 Jahren gab es für die Menschen in Berlin an einem Sonntagmorgen ein böses Erwachen. Am 13. August 1961, in den frühen Morgenstunden wurde quer durch Berlin die Mauer gebaut. 28 Jahre lang zementierte sie die Teilung der Welt in Ost und West.

Besonders eingebrannt haben sich die Bilder aus der Bernauer Straße. Hier lief die Grenze entlang der Häuserfront. Die Bewohner der Straße wurden aus dem Schlaf gerissen, ihre Fenster Richtung Westberlin einfach zugemauert. Mich berühren die Bilder von den Menschen, die sich im letzten Moment aus den Fenstern an Leintüchern abgeseilt haben.

In der Bernauer Straße stand auch die Versöhnungskirche. Der Großteil ihrer Gemeinde lebte im Westteil der Stadt. Doch von einem Tag auf den anderen war den Menschen der Weg versperrt. Zugemauert im wahrsten Sinn des Wortes. Ihre eigene Kirche stand zum Greifen nah – und war doch so weit entfernt als würde sie auf einem anderen Kontinent stehen. Wenigstens die Gemeindeglieder aus dem Osten konnten noch drei Wochen lang Gottesdienst feiern.

Dann wurde die Versöhnungskirche auch von der anderen Seite zugemauert. Auch der Pfarrer mit seiner Familie musste das Pfarrhaus verlassen. Doch kurz vorher ist Jörg Hildebrandt, der Sohn des Pfarrers noch einmal auf den Turm geklettert, hoch zur Uhr über den Glocken. Er hat die Zeiger angehalten und hat sie auf 5 vor 12 gestellt.

Es ist 5 vor 12, so die Botschaft der großen Kirchturmuhr, weit sichtbar für alle Menschen in Ost und West.  „Es gibt keine Zeit mehr zu verlieren.“ – „Vergesst uns nicht.“

Das DDR-Regime meinte, der christliche Glaube habe ausgedient. Er liege im Sterben, und sie bräuchten nur noch die Kirchentüren zuzumauern und ihn endgültig begraben. Aber so leicht ging das nicht – das haben die Machthaber schnell gemerkt. Irgendwann haben sie die Zeiger wieder verstellt. Von 5 vor 12 auf 12 Uhr.

Über 20 Jahre lang stand die Versöhnungskirche auf dem Todesstreifen. Zugemauert wie ein Grab. Aber so leicht war sie nicht tot zu kriegen. Ihr hoher Turm ragte über die Mauer und noch wichtiger: er ragte in den Himmel. „Kirchtürme sind Finger Gottes“ – hat der Schriftsteller Marcel Proust einmal gesagt.

Ein Kirchturm als sichtbarer Fingerzeig Gottes, der die Absurdität der Berliner Mauer deutlich machte. Für die Regierung der DDR war das ein Dorn im Auge und wurde irgendwann unerträglich. 1985 ließen sie die Kirche sprengen.

Gegen die Macht von Mauern hilft manchmal schon der Blick auf Türme, die über die Mauern hinausragen. Nach dem Bau der Berliner Mauer vor genau 60 Jahren war das der Blick auf den Turm der Versöhnungskirche mit den gestoppten Zeigern – auf 5 vor 12.

Das Regime der DDR meinte, der christliche Glaube habe ausgedient. Der Magdeburger Bischof sprach davon, dass der Sozialismus der Kirche wohl nur noch ein „Sterbezimmer“ zugedacht hatte. Aber, so hat er angefügt: „Das sollten wir nicht tragisch nehmen, sondern in dieses uns zugedachte Sterbezimmer die Frischluft der Auferstehung blasen.“

Von der Frischluft der Auferstehung spricht auch Paulus im Brief an die Gemeinde in Ephesus. Er erinnert die Gemeinde an das, was sie trägt. „Gott ist reich an Barmherzigkeit. Mit seiner ganzen Liebe hat er uns geliebt und uns zusammen mit Christus lebendig gemacht...“, schreibt Paulus. Und er macht auch unsere Hoffnung lebendig – so wie die Hoffnung des Pfarrersohnes von der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße. Sein Kirchturm war für ihn das Zeichen der lebendigen Hoffnung! Es gibt noch etwas anderes als die Trennung!

Das spricht mich an. Gottes Liebe setzt Zeichen in meinem Leben. Für alle Zukunft soll sichtbar sein, dass ich zum Leben bestimmt bin – egal, welche Mauern andere um mich errichten. Die Frischluft der Auferstehung bläst durch mein Leben.

Heute steht auf dem ehemaligen Todesstreifen an der Bernauer Straße in Berlin wieder eine kleine Kirche, die Kapelle der Versöhnung. In ihr läuten die geretteten Glocken der Versöhnungskirche. Sie ist durchlässig gebaut, aus Holz und mit Durchblick nach draußen – auf den Streifen, auf dem längst niemand mehr um sein Leben fürchten muss.

Heute feiern sie dort wieder Gottesdienste – Menschen aus Ost und West und Besucherinnen und Besucher aus aller Welt. Sie erinnern an die Toten der Mauer und an die Toten vor den Toren Europas. Gegen die Macht der Mauer öffnen sie den Horizont für die Frischluft der Auferstehung.

Mich richtet das heute morgen auf. Dass Gott in mein Leben immer wieder frischen Wind bläst. Ein sichtbares und spürbares Zeichen gegen alles und alle, die mich einmauern und zum Schweigen bringen wollen. Der Geist der Freiheit, der auch die Mauer zum Einsturz gebracht hat, die sie vor 60 Jahren in Berlin errichtet haben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen belebenden Sonntag und eine gesegnete Woche.

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16MAI2021
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„Ihr müsst ja ein dehydriertes Land sein! Total vertrocknet und ausgedörrt.“ Immer wenn ich in den letzten Jahren meinen Freund Mike aus Chicago getroffen habe, haben wir über seinen ersten Eindruck aus Deutschland gelacht. Ein vertrocknetes Land. Das hat er nicht etwa über die Wälder und den Klimawandel gesagt. Sondern es war sein Eindruck nach ein paar Tagen in Heidelberg mit viel Zeit in Cafés und Restaurants. Der Kaffee wird in kleinen Tassen serviert und ein Glas Wasser muss man extra bestellen. In Amerika und vielen anderen Ländern ist das völlig anders. Da bekommt man als erstes ein großes Glas Wasser, noch bevor man überhaupt was bestellt hat. Für umme.

Durst stillen. Nichts ist grundlegender. Nach dem ersten Atemzug trinkt ein Neugeborenes. Und am Ende, wenn das Leben weicht und es fast nichts mehr braucht, benetzt man die Lippen der Sterbenden mit Wasser. Wenn ich so richtig Durst habe, dann kann ich nichts Anderes denken und fühlen. Die Sehnsucht nach etwas zu trinken steigt ins Unermessliche.

Manchmal habe ich solchen Durst auch, wenn es nicht um das Glas Wasser geht. In diesen Wochen spüre ich den Durst nach Leben besonders. Draußen explodiert das saftige Grün. Alles ist auf Aufbruch gepolt. Aber Corona macht mein Leben trocken. Viele erfrischende und belebende Begegnungen und Umarmungen fallen weg. Von feuchtfröhlichen Runden im Biergarten ganz zu schweigen. Meine Kehle ist trocken – und meine Seele auch. Ich habe Durst.

Die Bibel erzählt davon, dass Jesus diesen Durst kennt und die Durstigen ruft. Es war die Zeit des Laubhüttenfests in Jerusalem. Dem Fest, an dem Jüdinnen und Juden Gott für die Ernte des Jahres danken und ihn um Regen für die kommende Zeit bitten. Die Stadt war übervoll. Die Jünger haben Jesus zum großen Auftritt gedrängt. Aber er hat abgelehnt. Später ist er dann doch hoch zum Tempel gegangen. Im allgemeinen Gewusel der großen Feierlichkeiten ist er aufgetreten und hat die heiligen Schriften ausgelegt. Er stand zwar nicht auf der großen Bühne. Aber die, die ihn gehört haben, waren verwundert, woher er das alles weiß und kann. Doch Jesus will sich nicht mit Weisheit schmücken. Er baut nicht allein auf seine Klugheit, es geht ihm nicht darum, selber groß rauszukommen: Er redet aus einer Quelle, die von Gott selbst am Sprudeln gehalten wird.

Jesus schöpft aus einer Quelle, die von Gott selbst am Sprudeln gehalten wird. An den ersten Tagen des Festes hat er sich noch im Hintergrund gehalten. Aber am letzten Tag des Festes ergreift er in aller Öffentlichkeit das Wort. Seine Stimme hallt laut über das Festgetümmel.

Und Jesus stellt mit seinen Worten allen ein großes „Wasserglas“ hin. „Wer Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken“, sagt er. Die vertrockneten Seelen und die dürr gewordenen Herzen werden neu erfrischt. Jesus redet vom lebendigen Wasser, das meinen Durst nach Leben stillt.

Solche Erfrischung kann ich mir nicht selbst geben. Ein Wasserglas, ein offenes Herz, eine Hand, die mir jemand reicht – das lässt mich das Leben wieder spüren. Auch in diesen Tagen. Wenn nach Monaten der Isolation unverhofft Freunde auf einen Kaffee auf den Balkon kommen. Wenn ich im Briefkasten einen Gruß finde. Dann spüre ich auch in mir wieder Hoffnung und dass der Glaube über das hinaussieht, was mein Leben hier und heute einschränkt.

Jesus hat auch davon geredet, dass die mit Wasser Erfrischten selbst zur Quelle für andere werden. Ich brauche die anderen Menschen, die mir den Himmel öffnen. Das Kindergebet, das ich in der Gebetsmauer in unserer Kirche finde. Mit Kinderschrift steht da: „Hallo, lieber Gott, hier ist Salome. Heute will ich Dir was Schönes erzählen!“ Da muss ich lächeln. Die fröhlichen Kindergartenkinder, deren ansteckendes Lachen auch in Zeiten von Notbetreuung nicht zu überhören ist. Dann weht plötzlich ein anderer Wind durch meine Seele.

Das Wasser und der Geist Gottes gehören zusammen. In der Bibel wird er manchmal als Wind bezeichnet. Und er ist auch das lebendige Wasser. Ich muss an den letzten Sommer an der Nordsee denken. Nirgends ist die Weite des Himmels und das Zusammenspiel von frischem Wasser und Wind so spürbar. In der Wucht des Windes, der Weite des weißen Sandes und im Tosen der Wellen kann ich mich selbst vergessen.

Das frische, lebendige Wasser muss ich nicht extra bestellen. Es wird mir einfach hingestellt. Es nährt mich vom ersten bis zum letzten Atemzug – und darüber hinaus.
Ich wünsche ihnen einen erfrischenden Sonntag und eine gesegnete Woche.

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