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SWR2 / SWR Kultur

 

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SWR Kultur Wort zum Tag

11APR2026
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Es gibt verschiedene Arten von Gazellen. Sie alle leben in Wüsten und Savannen. Es sind schöne, elegante Herdentiere. Gazellen sind ganz fantastische Läufer, je nach Gattung können sie 50 bis 80 Kilometer in der Stunde rennen. Ihre natürlichen Feinde sind Raubkatzen, wie z. B. die Löwen.

Die liegen meist in Gruppen unter irgendeinem Baum im Schatten und schauen den Gazellen zu, wie sie grasen. Solange sie nicht hungrig sind, sind die Löwen keine Gefahr. Das wissen die Gazellen. Allerdings weiß jede Gazelle auch, dass sie die nächste potenzielle Mahlzeit der Löwen sein kann. Damit ein Löwe gar nicht auf diese Idee kommt, haben Gazellen das sogenannte Prellspringen entwickelt. Das bedeutet, sie springen hoch in die Luft und demonstrieren so ihre Fitness. Die Gazelle, die besonders hochspringt. beweist, dass sie besonders schnell rennen kann und sagt so, dass es sich nicht lohnt, sie zu jagen. Es würde viel zu lange dauern und wäre unheimlich anstrengend. Da Löwen klug sind und darauf bedacht das Leben möglichst energiesparend zu verbringen, funktioniert das System. Die Gazellen, die am höchsten springen können, werden am wenigsten gejagt.

Andere Tiere haben ähnliche Systeme gefunden ihren Feinden zu zeigen, dass sie keine gute Beute sind. Manche können besonders laut brüllen, andere riechen besonders streng.

Auch wir Menschen haben da unsere Mittel und Wege. Allerdings haben wir keine natürlichen Feinde mehr, deshalb müssen wir immer wieder andere Menschengruppen zu Feinden erklären. Und am Ende bedroht dann die eine Gruppe die andere und jede versucht der anderen klarzumachen, dass es sich nicht lohnt sie anzugreifen. Weil wir von hohem Springen oder Stinken oder Brüllen nicht sonderlich beeindruckt sind, versuchen wir uns jeweils mit irgendwelchen Waffen zu beeindrucken und davon abzuhalten uns gegenseitig anzugreifen.

Was daraus werden kann, haben wir in der Geschichte schon oft gesehen und sehen wir auch in unseren Tagen. Am Ende sterben jede Menge Menschen, meistens die, die nichts mit der Sache zu tun haben.

Ich will das Bild mit den Gazellen nicht überstrapazieren, aber es wäre doch gut, wenn wir Menschen uns ein bisschen etwas von ihnen abschauen könnten. Ich finde es schön, ja sogar etwas witzig, mir vorzustellen, wie zwei Feldherren sich auf dem Felde der Ehre gegenüberstehen und jeder versucht so hoch zu hüpfen, wie er kann. Wer höher springt hat gewonnen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

10APR2026
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Ich bin über den Jahreswechsel vier Wochen lang zusammen mit einem Freund durch Patagonien gefahren. Mit dem Fahrrad. Patagonien ist bekannt für sein raues Klima und seine atemberaubende Schönheit. Die Weite, die Natur, die Berge - Mein Auge ist dort satt geworden und das Herz hat sich geweitet, wenn sich mein Blick in der Endlosigkeit verloren hat. Die einzigen Menschen, die wir getroffen haben, lebten in kleinen Siedlungen oder auf Bauernhöfen irgendwo im Nirgendwo. Die meisten sind im Vergleich zu uns arm. Die Menschen dort auf dem Land leben ein einfaches Leben nah an der Natur. Ich will das nicht verklären, die Knappheit vieler Güter und die sozialen Probleme waren offensichtlich. Alle waren froh, wenn sie an uns Touristen ein bisschen was dazuverdienen konnten.

Die Leute waren sehr freundlich zu uns, hilfsbereit und liebenswert. Aber das höre ich tatsächlich immer, wenn jemand irgendwo durch die Welt gereist ist. Mir ist jedoch etwas aufgefallen, das mich nachträglich sehr beschäftigt hat und das über bloße Freundlichkeit hinausgeht. Einmal ist mein Fahrrad kaputtgegangen und ich habe eine bestimmte Schraube gebraucht. Wir haben in einem Dorf jemanden gefragt, ob er so eine Schraube habe, was nicht der Fall war. Aber er kannte jemanden, der sie haben könnte. Dorthin brachte er uns. Der Freund hatte die Schraube aber auch nicht, meinte aber, er kenne jemanden und brachte uns zu ihm, der sie allerdings auch nicht hatte, aber wieder jemanden kannte. So ging es eine ganze Weile. Bis wir als etwa zehnköpfige Gruppe kreuz und quer durch das Dorf pilgerten und nach der Schraube suchten. Alle waren daran interessiert, ob wir sie bekommen würden und jedem war es ein Anliegen, dass wir sie bekommen. Jeder hatte einfach alles stehen und liegen gelassen, nur um uns zu helfen. Das hat mich sehr berührt. Mir war, als hätten alle unser kleines Schraubenproblem übernommen. Das Fehlen der Schraube wurde zu unserem gemeinsamen Problem und dessen Lösung ging alle an und alle freuten sich, als wir die Schraube gefunden hatten. Ich hatte den Eindruck, als würden diese Menschen das eigene Ich mehr vom ‘Wir‘ her denken und verstehen. Als würden die Sorgen auch eines fremden Menschen sie selbst etwas angehen und sein Wohlergehen unmittelbar mit dem eigenen zusammenhängen. So als wären wir alle miteinander verbunden. Das fand ich sehr schön. Weil ich es auch schon erlebt habe, dass bei uns in der reichen Welt oft wenig Platz ist, für das Wir im eigenen Ich.

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SWR Kultur Wort zum Tag

09APR2026
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Die Vertreibung aus dem Paradies, wie wir sie in der Bibel lesen können, wird eigentlich immer als eine Strafe Gottes verstanden. Der Mensch wurde hochmütig, wollte Erkenntnis erlangen, ja, wie Gott sein. Deshalb ist er im hohen Bogen aus dem Garten Eden geflogen. Seither muss der Mann den Ackerboden mit harter Arbeit bestellen und die Frau unter Schmerzen Kinder gebären. Und wir Menschen sind daran selber schuld. Diese Deutung ist bekannt, auch irgendwie naheliegend und machtpolitisch durchaus hilfreich. Wenn der Mensch grundsätzlich als Sünder und als Verstoßener gilt, dann ist es leichter ihn klein zu halten. Ihm einzureden, dass er immer demütig und rechtschaffen sein muss.

Aber vielleicht muss diese Vertreibung aus dem Paradies gar keine Strafe sein. Vielleicht ist sie nur eine logische Konsequenz und deshalb gar keine richtige Vertreibung. Denn wer Erkenntnis erreichen möchte, der will immer weiterkommen. Der bleibt nicht, wo er ist, der will immer in Bewegung bleiben. Auch wenn der Garten Eden verlockend ist, er klingt ein wenig nach Schlaraffenland, nach „Auf die faule Haut legen“ und es schön haben. Das ist sicher reizvoll, aber auch ein bisschen langweilig und macht sicher nicht glücklich. Zumindest nicht den, der nach Erkenntnis verlangt. Wer erkennen und verstehen will, der wird immer wieder aus der Komfortzone, wie man sagt, ausbrechen müssen. Der wird immer weiter immer neue Fragen stellen. Immer auf das Ganze schauen wollen. Und vielleicht meint Gott das mit der Vertreibung: “Ok“, sagt er vielleicht, „wenn Du Erkenntnis willst, dann musst Du mit rauskommen. Dann musst Du kommen und sehen und fühlen, wie es wirklich ist, denn das gehört dazu.“ Also bestraft er den Menschen vielleicht gar nicht, sondern nimmt ihn ernst. Und das ist dann eben keine Strafe, sondern ein Akt der Liebe. Eine trauernde Liebe sicher, denn er hat sich das mit uns Menschen ganz anders vorgestellt. Aber er hat eben Wesen geschaffen, die nach Freiheit streben. Die selber entscheiden und die mitreden wollen. Also muss er von seinen eigenen Vorstellungen und Plänen, die er mit uns hatte, ablassen und seinen Geschöpfen etwas zutrauen. Ich glaube, das ist gar nichts so außergewöhnliches. Vermutlich kennt das jeder, dessen Kinder erwachsen werden.

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SWR Kultur Wort zum Tag

06DEZ2025
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Ich persönlich habe es nicht so mit dem Weihnachtsmann. Mit dieser Figur konnte ich nie etwas anfangen, das war mir immer zu kitschig, zu amerikanisch. Da fliegt so ein weißbärtiger alter Mann mit Rentieren und einem Schlitten durch die Gegend und bringt Geschenke. Das ist nichts für mich, bei uns ist immer am 6. Dezember der Nikolaus gekommen und an Weihnacht selber das Christkind. Aber es hat sich scheinbar – ich will nicht sagen der Glaube-, eher das Bild oder die Erzählung vom Weihnachtsmann durchgesetzt. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich in der Adventszeit ins Fernsehen oder in irgendwelche Schaufenster schaue. Schade, denk ich mir da, aber es ist nun mal so. Dann kommt eben der Weihnachtsmann.

Aber dann, letztes Jahr zu Weihnachten hab ich ihn sogar tatsächlich gesehen. Ich habe ihn am Heiligen Abend dabei beobachten können, wie er Geschenke verteilt hat. Das hat mich selber am meisten überrascht, denn damit hätte ich nicht gerechnet. Ich gehe am Heiligen Abend gerne spazieren, ich mag die Ruhe, die festliche Stimmung, die aus den Häusern bis hinaus auf die verlassene Straße schwappt. Diese festliche Ruhe. Und wie ich diese Ruhe genossen habe, war er plötzlich da. Er hat ganz anders ausgesehen. als erwartet. Aber mir war sofort klar, wenn es einen Weihnachtsmann gibt, dann muss es der sein. Er war nicht dick, nicht einmal alt. Hatte keinen weißen Bart, da war auch nirgends ein Schlitten und erst recht kein Rentier. Im Gegenteil: Er war hager und jung. Hatte schwarzes Haar. Er hatte anstatt einer Kutsche, einen etwas verbeulten Lieferwagen. Er war schnell, rannte von seinem Auto zu den Häusern, warf die Pakete aber nicht in den Schornstein, sondern klingelte und übergab sie persönlich. Aber obwohl er so schnell war, war er offenbar nicht schnell genug, denn es war ja schon dunkel an diesem Heiligen Abend. In manchen Häusern hatte die Bescherung sicher schon begonnen. Aber für diesen Weihnachtsmann war noch kein Feierabend in Sicht. Seine Tour war noch nicht zu ende. Er hüpfte in sein Auto und fuhr eilig weiter. Kein Glockengebimmel, sondern das Dröhnen des alten Lieferwagens, zwei rote Lichter und Dieselgestank begleitete diesen modernen Weihnachtsmann in die Nacht. Ich blieb noch eine Weile  stehen und hab ihm hinterhergesehen. Und ich bin ein bisschen traurig geworden. Alle freuen sich auf den Weihnachtsmann. Aber er bekommt von uns wahrscheinlich – wenn überhaupt- gerade mal den Mindestlohn.

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SWR Kultur Wort zum Tag

05DEZ2025
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Schaue ich auf das Geschehen in der Welt, die aktuelle Nachrichtenlage und die Einschätzungen vieler Menschen, denen ich begegne, so war das letzte Jahr ein ziemlich schlimmes Jahr. Und es ist ja noch gar nicht vorbei. Wo man hinschaut Kriege und Krisen und düstere Erwartungen.

Blicke ich aber auf mein persönliches Leben, so war es ein richtig gutes Jahr. Mir ist eigentlich alles gelungen. Ich habe eine Firma gegründet, was für mich eine riesige Herausforderung war - es ist alles gut gegangen. Ich habe dabei ganz neue Fähigkeiten und Talente in mir entdeckt, Dinge geschafft, die ich nie für möglich gehalten hätte. Auch privat ist mir so viel Gutes widerfahren. Alte Freunde haben sich wieder gemeldet und ich hatte viele schöne Erlebnisse. Und bei allem hatte ich das Gefühl, als sei da jemand, der auf mich aufpasst. Als gäbe es einen treuen Begleiter, der mir in allen Lagen, auch und gerade in schwierigen Situationen zur Seite steht. Ich betone das, weil ich das zum ersten Mal in meinem Leben wirklich so empfunden habe. Natürlich muss ich bei diesem Gefühl dann an Gott denken. Es sieht ganz so aus, als wäre Gott die ganze Zeit bei mir gewesen.

Wenn das so ist, dann muss ich mich zugleich aber auch fragen: Warum eigentlich? Ich bin kein besonderer Mensch, ich bin nicht besonders gut, nicht besonders gläubig, fromm schon gar nicht. Gleiche ich meinen Lebenswandel mit dem Sündenregister der Kirche ab, dann lande ich bestenfalls im unteren Drittel. Es gibt also nichts, das es rechtfertigt, dass ich in diesem Jahr so beschenkt worden bin, wenn zur gleichen Zeit Menschen verhungern, ermordet oder vertrieben werden.  Während all das Elend auf der Welt passiert, scheint mir die Sonne aus dem – sie wissen schon. Das geht alles nicht zusammen. Das ist nicht gerecht. Dennoch ist es so. Dennoch bin ich der Günstling.

Offenbar ist es so, dass der liebe Gott mir bislang und vor allem in diesem Jahr, ein gutes Leben schenkt. Und das ganz unverdient, ich habe nichts dafür getan. Vermutlich klingt das komisch, aber ich glaube, das muss ich aushalten. Ich habe keinen Einfluss auf seine Entscheidungen.

Vielleicht kommt es auch gar nicht darauf an, warum mir so viel Gutes widerfährt, sondern was ich mit dem Guten mache. Vielleicht habe ich nur einen Vertrauensvorschuss bekommen. Als würde Gott sagen: Da hast Du – und jetzt mach mal. Mach es gut!

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SWR Kultur Wort zum Tag

04DEZ2025
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Ich mache gerne Sport. Vor allem Radfahren und Klettern haben es mir angetan. Und ich bin auch ganz gut, habe in beiden Sportarten ein gewisses Können und ein gewisses Talent. Ich kann ohne großes Training morgens schön radeln oder einen leichten Fels hochsteigen. Das strengt mich nicht sonderlich an, ich bin da in meinem Wohlfühlbereich. Wenn ich aber mehr will, wenn ich eine bestimmte Zeit Fahrradfahren will oder einen bestimmten Schwierigkeitsgrad klettern, dann wird es ungemütlich. Dann muss ich dafür was tun. Dann muss ich trainieren, üben, meinen Lebenswandel anpassen. Und das, ist oft unbequem. Um weiterzukommen, muss ich also meinen Wohlfühlbereich verlassen. Ich glaube, das ist in vielen Bereichen so: In unseren sozialen Interaktionen, im Beruf oder bei allen Hobbies. Wir haben in vielen Dingen eine gewisse Grundbegabung. Wenn ich weiterkommen will und mich entwickeln will, dann muss ich mich aber anstrengen. Und genauso, scheint es mir, ist es mit meiner Beziehung zu Gott. Vor allem in unserer Wohlstandswelt, haben wir uns oft so einen Wohlfühlgott zurechtgelegt. Gott ist gut und Gott ist lieb und er liebt uns immer alle. Und weil er alle immer liebt, kann ich machen, was ich will. Der liebe Gott stört mich nicht sonderlich dabei. Im Gegenteil, ich kann ihn immer heranziehen, um mich besser zu fühlen. Das funktioniert ganz gut. Wenn ich aber weiter will, wenn ich tiefer gehen will, wenn ich eine ernstere Beziehung haben will, dann muss ich mich anstrengen. Dann muss ich mich mit Gott, mit dem Glauben und letztendlich auch mit mir selbst und meiner Weltsicht auseinandersetzen. Mich den Widersprüchen stellen, mich dem stellen, was mich abstößt.

Warum ist die Welt so ungerecht, wenn Gott angeblich gerecht ist?  Warum soll es gut sein nicht zu lügen oder am Freitag kein Fleisch zu essen? Was ist der Sinn des Ganzen?

Was bedeutet für mich Spiritualität?

Diese Auseinandersetzung ist anstrengend, schmerzhaft, oft einsam und macht häufig überhaupt gar keinen Spaß. Sie hat nichts mit wohlfühlen zu tun. Aber, ich denke, sie lohnt sich. Wie es sich für mich lohnt körperlich fit zu sein, hilft es auch sich geistig und geistlich fit zu machen. Aber, wie gesagt, das ist eben mit Aufwand verbunden. Ich glaube aber, man muss den Wohlfühlgott hinter sich lassen, um sich dann wirklich mit Gott wohlfühlen zu können. Es ist zu wenig auf dem Status stehenzubleiben, dass Gott uns alle immer liebt. Obwohl er das natürlich tut.

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SWR Kultur Wort zum Tag

19NOV2025
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Wir sterben sowieso alle, also warum sollte ich mich anstrengen. Das letzte Hemd hat keine Taschen, ich kann nichts mitnehmen. Es ist doch sowieso alles egal, weil am Ende sind wir ohnehin alle tot. Nichts ist für die Ewigkeit… Das sind so Ansichten über das Leben, die mir immer wieder bei Mitmenschen begegnen. Etwas düster, etwas hoffnungslos. Und sehr viel lässt sich da gar nichts dagegen sagen. Denn es stimmt ja. Alles ist vergänglich und wir alle werden sterben. Auch wenn es unter den Milliardären des Silikon Valley – wie ich gehört habe - anscheinend Bestrebungen gibt, den Tod zu überwinden und ewig zu leben. Aber ich gehe mal davon aus, dass das nichts wird. Wir sind und bleiben sterblich. Und natürlich kann man daraus den Schluss ziehen, dass das Leben nicht der Mühe wert ist, wenn sowieso alles vor die Hunde geht.

Mir persönlich ist das aber zu langweilig. Ich mag diese Haltung nicht. Ich halte das für pseudotiefsinniges Rumgejammer. Ich finde das Leben interessanter als den Tod, über den weiß ich sowieso nichts. Eigentlich interessiert es mich gar nicht, was von meinem Leben oder von meiner Person zurückbleibt. Ob ich Spuren in der Geschichte hinterlasse.

Mich interessiert auch nicht mein Todestag oder meine Todesstunde. Ich bin ganz froh nicht zu wissen, wann ich sterbe. In gewisser Weise meine ich, dass mich mein eigener Tod eigentlich nicht so viel angeht. Ich muss mich auch gar nicht um ihn kümmern. Er kommt sowieso. Da kann ich nichts machen. Für mein Leben und in meinem Leben aber – da kann ich etwas machen. Ich habe nicht alles im Griff und kann nicht alles beeinflussen, aber ich habe doch viele Möglichkeiten mein Leben zu gestalten. Ich mag es zu leben. Ich bin da eher wie Snoopy. Snoopy ist der Hund von Charlie Brown. Beides sind Comicfiguren. Es gibt einen kleinen Comic von den beiden, wie sie an einem Seeufer sitzen und in die Weite schauen. Charly Brown, etwas zerknirscht, sagt zu seinem Hund: „Eines Tages sterben wir.“ Und Snoopy gibt darauf die, wie ich finde, beste Antwort, die man geben kann: „Ja“, sagt er, „das stimmt. Aber an allen anderen Tagen nicht.“

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SWR Kultur Wort zum Tag

18NOV2025
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Ich bin vor Kurzem mit zwei Freunden zusammengesessen und wir haben über Gott und die Welt diskutiert. Es war, wie in der guten alten Zeit. Mit jedem Bier stieg der Übermut, wurde das Sprechen freier. Aber wir waren in Wirklichkeit nicht nur zu dritt, sondern wir waren mindestens zu siebt. Siri, der Sprachassistent auf dem I-Phone war mit dabei, auch Bixby, der Sprachassistent auf dem Samsung Handy. Außerdem nahmen noch Chat GPT und google Gemini an dem Gespräch teil. Vor allem einer meiner Freunde wandte sich mit jeder Frage sofort an die Künstliche Intelligenz und die Künstliche Intelligenz antwortete prompt. Es gab also keinerlei Unklarheiten in unserem Gespräch, jeder Zweifel wurde sofort beseitigt, jede Frage geklärt. Das war natürlich höchst effektiv. Wir mussten nicht lange grübeln oder überlegen, wir konnten uns bei jedem Thema sofort auf den aktuellen Wissensstand bringen und auf der Basis von Fakten weiter diskutieren.

Es ist im Grunde das effektivste Gespräch gewesen, das ich jemals geführt habe. Zugleich aber auch ein sehr langweiliges. Denn auch wenn wir eine Fülle von Themen und Fragen für uns geklärt haben, fühlte ich mich danach irgendwie leer und schal – nicht so inspiriert wie nach anderen Gesprächen. Ich glaube, diese ganzen KI-Sachen können uns im beruflichen Umfeld und in der Verwaltung gute Dienste erweisen. Im Privaten machen sie aber vieles kaputt. Denn, wenn jede Frage sofort geklärt ist, geht vieles verloren. Das Grübeln, das Vermuten, das Ausschweifen in Gedanken und Ideen. Das Ausprobieren von Möglichkeiten. Das kreative Spielen mit den Gedanken und den Worten. Das alles wird weniger durch die unnatürliche Intelligenz aus dem Smartphone, die alles zu wissen scheint.

Ich habe den Eindruck, als ersticken wir geradezu in einem Zuviel an Information, an einem Überangebot von Wissen. Nicht immer – wie gesagt, ich glaube, es gibt viele Bereiche, in denen uns die KI ganz sicher weiterhilft – aber gerade in solch privaten Runden, hemmt und stört sie mich eher mit ihrem ganzen Wissen. Ja, mit ihrer Besserwisserei. Ich glaube, es gibt Situationen, da ist es besser weniger zu wissen, dafür aber mehr zu denken.

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SWR Kultur Wort zum Tag

17NOV2025
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Es gibt dieses Lied von Max Raabe, das ich sehr gern habe: „Es wird wieder gut“.

Das ist ein kleines, einfaches Lied mit einer einfachen Melodie und einem einfachen Text.

„Es geht mal runter und mal rauf“ singt er „nimms in Kauf, im Leben wie beim Dauerlauf – gib nicht auf“. Der Text beschreibt mit einem Augenzwinkern das Auf und Ab des Lebens in einem Tonfall, der mir sehr gut gefällt. Es schwingt immer der Gedanke mit: Es ist eben, wie es ist. Mach dich nicht verrückt. Du kannst es sowieso nicht ändern. Das Leben geht weiter. Dieses Lied hat mir geholfen, mit der Trauer um meine Mutter fertigzuwerden – auch wenn es erst viel später erschienen ist.

Wer schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat, der kann es vielleicht nachvollziehen. Es ist, als tritt man aus der Zeit heraus. Plötzlich steht man neben allem. Das ganze Dasein und das ganze Empfinden ist irgendwie, wie das Pfeifen in den Ohren nach einem großen lauten Knall. Ich war ganz in mich zurück geworfen. Plötzlich war alles anders. Nichts ist mehr gewesen, wie es war. Die Welt hatte sich vollkommen verändert. Sie war zerbrochen und noch nicht wieder zusammengesetzt. Nichts ergab mehr einen Sinn. Die Zeit war irgendwie stehengeblieben. Und weil ich es so empfunden habe, habe ich gedacht, dass alle es auch so empfinden müssen. Dass die Welt für alle anderen auch auseinander gebrochen ist.

Aber das ist sie gar nicht. Es ist einfach alles weitergegangen. Meine Familie und ich, wir haben viel aufrichtige Anteilnahme erfahren. Aber im Grunde ist alles einfach weitergegangen, wie bisher. Die Menschen haben ihren Alltag gelebt, morgens lag die Zeitung im Briefkasten, abends um acht kam die Tagesschau. Es heißt immer, wenn einem das Schicksal einen Schlag versetzt hat, dass es weitergehen muss. Aber das stimmt nicht, denn es geht einfach weiter. Es geht alles immer weiter, wie bisher. Die Kunst ist es, wieder mitmachen zu können. Wieder Schritthalten zu können.

Und da kommt mir wieder dieses kleine Liedlein in den Sinn. Das mit etwas Abstand auf das Ganze schaut und eine tiefe Zuversicht verbreitet: „Es wird wieder gut – singt Max Raabe-  auch wenn‘s nicht so aussieht“. Heute kann ich sagen, dass es stimmt. Auch wenn es lange nicht danach ausgesehen hat, aber es ist wieder gut. Anders als davor. Ein anderes Gut. Aber gut.

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SWR Kultur Wort zum Tag

13AUG2025
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Ein guter Freund von mir hat mir vor einiger Zeit erzählt, dass er sich intensiv mit der Börse und der Finanzwelt beschäftigt. Das hat mich sehr überrascht. Denn wir hatten gemeinsam Philosophie studiert und in unseren jungen und wilden Studienjahren nichts Geringeres als die Rettung der Welt und den Weg zur Erleuchtung im Sinn gehabt. In durchzechten Nächten sind wir dem Sein auf den Grund gegangen und haben versucht herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wie es eben so ist, wenn man jung ist und man das Gefühl hat, die Welt stehe einem offen oder gehöre einem sogar.

Er ist dann irgendwann ausgewandert und hat ein sehr buntes und abwechslungsreiches Leben geführt. Unser Kontakt ist seltener geworden, aber immer, wenn wir uns getroffen haben, ist es schnell wieder um die großen philosophischen Fragen gegangen. Aber plötzlich hat er eben mit der Finanzwelt angefangen und das hat für mich gar nicht zu ihm gepasst. Denn mein Klischeebild von Menschen im Finanzsektor hat etwas mit teuren Anzügen zu tun, mit einer marktliberalen Weltsicht, mit Profit und Reichtum. Aber nichts mit Schopenhauer, Heidegger, Meister Eckhardt oder Platon - mit denen wir uns sonst immer beschäftigt haben. Nichts mit den großen Fragen des Lebens, nichts mit der Suche nach dem richtigen, wahren Sein, nichts mit der Angst vor dem Tod. Er hat gelacht, als ich ihm das gesagt habe und gemeint, dass es ihm lange genauso gegangen ist. Und, so hat er mir erzählt, er interessiere sich auch gar nicht fürs Geld. Er interessiere sich auch nicht sonderlich für die Wirtschaft und habe kein Bedürfnis ein Leben zu führen, das sich nach diesen Dingen ausrichtet. Nein, er habe ein philosophisches Interesse daran. Er findet es spannend, wie sich Börsenkurse verhalten, wie die Menschen darauf reagieren, wie die Reaktion der Menschen wieder die Kurse beeinflusst. Er meinte, dass das alles Psychologie sei, dass das allermeiste auf Vermutung und Spekulation beruht. Dass man die Entwicklungen nicht in der Hand hat. Und das, meinte er, hat sehr viel mit Philosophie und mit Lebenskunst zu tun. Mit der Welt in der wir leben, mit den Fragen, die uns umtreiben, mit der Suche danach, wie das Leben zu meistern ist.

Er brachte es schließlich auf eine ganz einfache, beinahe banale Formel – Ja, beinahe ein Kalenderspruch - die mir aber ganz gut gefallen hat: An der Börse geht es auf und ab, wie im Leben. Mal steht man hoch im Kurs, mal fällt man hinten herunter. Die größte Kunst besteht darin, sich nicht davon verrückt machen zu lassen.

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