Alle Beiträge

Die Texte unserer Sendungen in den SWR-Programmen können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.

Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR2 / SWR Kultur

 

Autor*in

 

Archiv

SWR Kultur Wort zum Tag

23MAI2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es ist interessant, wie sehr sich Ziele verändern.

Ich durfte in meinem Leben schon viele Wanderungen machen. Ich habe mehrmals die Alpen durchquert, von Nord nach Süd, von Ost nach West und bin auch sonst viele weite Wege gegangen. Immer hatte ich große Ziele vor Augen. Entweder den Zielort selbst, z.B. bin ich einmal von Triest nach Monaco gelaufen, aber auch Ziele, die die Art und Weise betrafen, wie ich unterwegs sein wollte. Ich wollte besonders schnell sein, wollte besonders anspruchsvolle Wege gehen, besonders lange am Stück ohne Pause gehen oder ausschließlich unter freiem Himmel schlafen.

Aber auf jeder Reise wurden die Ziele immer andere. Ich bin auf der genannten Reise nach Monaco zwar dort angekommen, aber das war dann irgendwie nichts bewegendes mehr, ich war einfach nur am Zielort. Ich bin zuvor lange Zeit ohne Pause gegangen, aber dann habe ich irgendwann angefangen mich hier und da hinzusetzen und mich auszuruhen. Mir die Landschaft anzuschauen. Ich habe oft die schwersten Wegvarianten gewählt, aber irgendwann bin ich es gemütlicher angegangen. Jenseits meiner ursprünglichen Ziele sind mir andere wichtig geworden. Weil ich mich verändert habe. Auf der langen Wanderung hat die Kraft nachgelassen und im Kopf ist einiges passiert ist. Ich habe andere Blickwinkel eingenommen. Am Ende war im Grunde alles anders, als ich es beim Losgehen geplant hatte. Aber dennoch bin ich zufrieden gewesen. Weil ich das gemacht habe, was an den einzelnen Tagen, in den einzelnen Momenten für mich machbar gewesen ist.

Ähnlich empfinde ich es im Leben ganz allgemein. Was habe ich mir schon alles vorgestellt, was ich erreichen will, wer ich sein will, welche Position ich einnehmen will. Bundeskanzler wollte ich werden, der schönste Mann der Welt, der berühmteste Schauspieler, der gerechteste Mensch, den es gibt, der Retter der Welt.

Ich sage es vorweg: Nichts davon ist wahr geworden. Von meinen Zielen, die ich mir als Jugendlicher gesteckt habe, habe ich keines erreicht und bin dennoch ein glücklicher Mensch. Weil ich anders geworden bin. Über die Jahre hat die Kraft nachgelassen und im Kopf ist Vieles passiert. Ich habe neue Blickwinkel eingenommen. Ich habe ein Leben gelebt, das machbar für mich war. Dennoch habe ich die großen Ziele gebraucht, um überhaupt loszugehen. Ich brauchte eine Utopie, um in der Wirklichkeit und Machbarkeit anzukommen. Das ist, glaube ich, der Sinn von großen Zielen: Dass sie uns auf den Weg bringen, die kleinen zu erreichen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44170
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

22MAI2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Auf Friedhöfen bekomme ich immer eine Ahnung von der Endlichkeit. Wenn ich auf einem Friedhof bin, gehe ich durch die Gräberreihen, schaue mir die Grabsteine an und lese die Inschriften. Mehr als die Namen interessieren mich die Jahreszahlen. Zum Beispiel 1934 bis 2007. Das umfasst einen Zeitraum von 73 Jahren. Ein Leben, das 73 Jahre lang gedauert hat. Zwischen den beiden Zahlen, steht die Spanne, die dieses Leben umfasst hat. Den Anteil an der Ewigkeit, den dieser Mensch zur Verfügung gehabt hat. In dem er die Möglichkeit gehabt hat seine Chancen zu nutzen. Zu lieben. Zu leiden. Sich zu entwickeln. Vielleicht ist dieser Mensch viel zu früh gestorben, vielleicht hätte er noch mehr Zeit haben sollen. Möglich, dass er sein Leben als gelungen betrachtet hat, vielleicht aber auch als gescheitert. Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es einen Sinn des Lebens gibt. Ich weiß auch nicht, ob ein Leben wirklich gelingen kann. Oder ob jeder von uns zu irgendetwas bestimmt ist.

Das Leben ist, glaube ich, einerseits ein Geschenk, andererseits aber auch eine Aufgabe. Ich glaube, der Auftrag des Lebens an uns ist: Es zu leben. Das Leben selbst. Diese Zeitspanne zwischen den zwei Jahreszahlen, die unsere Geburt und unseren Tod markieren, auszufüllen. Jeder so, wie er kann. Jeder auf seine ureigene Art. Wahrscheinlich braucht jeder den größten Teil des Lebens dazu herauszufinden, was diese ureigene Art ist. Ich wünsche jedem, dass er sie findet. Ich selber bin noch mittendrin in der Suche. Manchmal habe ich schon gedacht: Jetzt hab ich‘s, jetzt bin ich so, wie ich wirklich bin. Als ich z.B. mein Studium beendet hatte, da war ich in meinen Augen ein großer Herr und habe gedacht, dass die Welt auf mich wartet. Aber das war dann doch nicht so. Denn ich bin dann doch immer ganz anders als ich es selber gedacht habe. Vielleicht auch als ich sein will. Also heißt es weitermachen. Noch ist Zeit. Ich kenne nur die erste Zahl. Die lautet bei mir 1980. Ich hoffe ja, dass die zweite noch auf sich warten lässt. Aber das hab ich nicht in der Hand. Wann immer sie auch festgeschrieben wird, ob in einem Jahr oder in 10 oder in 20. Ich hoffe, dass ich es bis dahin schaffe. Und dass die Zahl - meine letzte Zahl - dann gut ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44169
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

21MAI2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Im Winter bin ich mit einem Freund durch Patagonien geradelt. Durch dieses wunderschöne und weite Land am südlichen Ende Südamerikas. Eines Abends, nach einem langen, staubigen Tag auf dem Rad, sind wir auf einem kleinen Bauernhof weitab jeglicher Siedlung untergekommen. Der Besitzer hatte von seinem Stall ein Stück abgetrennt und so einen Raum geschaffen, den er an Radfahrer, Motorradfahrer oder Wanderer vermietete. Am Abend saßen wir hinter dem Stall, tranken etwas und genossen die Abendsonne. Es war das reinste Paradies. Da gab es Schafe, Kühe, Hunde, Pferde, Truthähne, Hühner, zwei Esel, Katzen und vier oder fünf Hunde. Die verschiedenen Tierarten lebten nicht voneinander getrennt, sondern liefen frei und bunt durchmischt auf dem Hof und der Weide herum, ohne, dass sie sich gegenseitig störten. Es war ein paradiesischer Ort mit einer harmonischen, friedlichen Stimmung. So muss es im Garten Eden gewesen sein - Zu schön, um wahr zu sein, dachte ich, wie ich da müde saß und einen Hund im Nacken kraulte. Die Hunde lagen allesamt faul in der Sonne und rührten sich kaum. Ihr habt einen guten Job als Wachhund, dachte ich mir: Hier gibt es nichts zu bewachen.

In der Nacht konnte ich aber kaum schlafen. Denn in der Nacht herrschte Krieg. Kein Wunder, dass die Hunde tagsüber träge und erschöpft waren, denn die ganze Nacht über hatten sie zu kämpfen. Unablässig bellten sie, rannten über den Hof, kläfften, knurrten. Denn in der Nacht war das Idyll in Gefahr. Da drangen die wilden Tiere herein und hatten es auf die wehrlosen Tiere abgesehen. Die heile Welt des Tages war in der Nacht ein Schlachtfeld.

Am Morgen lagen die Hunde erschöpft da oder trotteten zu uns, um sich ihre Streicheleinheiten abzuholen. Die bekamen sie. Wie ich einen von Ihnen, der den Kopf auf meinen Schoß gelegt und über dem linken Auge einen Kratzer hatte, streichelte, wurde ich traurig. Denn ich habe mich an den Wohnwagen erinnert, den ich als Jugendlicher mit meinen Freunden auf ein Grundstück gestellt hatte. An dem wir uns trafen, ungestört und frei waren, an dem wir unsere Idylle hatten. Dieser für mich heile Ort meiner Jugend wurde irgendwann geräumt, weil er offensichtlich nicht so ganz in die damalige Kleinstadtwelt passte. Und ich habe mich gefragt, ob so eine friedliche Idylle letztendlich nicht immer nur eine Illusion ist. Ob immer jemand kommt, der sie bedroht, wahrscheinlich weil er sie nicht aushält oder neidisch ist. Oder ob es irgendwann mal ein Paradies geben kann, dass man sich nicht hart erkämpfen muss oder aus dem man nicht vertrieben wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44168
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

11APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es gibt verschiedene Arten von Gazellen. Sie alle leben in Wüsten und Savannen. Es sind schöne, elegante Herdentiere. Gazellen sind ganz fantastische Läufer, je nach Gattung können sie 50 bis 80 Kilometer in der Stunde rennen. Ihre natürlichen Feinde sind Raubkatzen, wie z. B. die Löwen.

Die liegen meist in Gruppen unter irgendeinem Baum im Schatten und schauen den Gazellen zu, wie sie grasen. Solange sie nicht hungrig sind, sind die Löwen keine Gefahr. Das wissen die Gazellen. Allerdings weiß jede Gazelle auch, dass sie die nächste potenzielle Mahlzeit der Löwen sein kann. Damit ein Löwe gar nicht auf diese Idee kommt, haben Gazellen das sogenannte Prellspringen entwickelt. Das bedeutet, sie springen hoch in die Luft und demonstrieren so ihre Fitness. Die Gazelle, die besonders hochspringt. beweist, dass sie besonders schnell rennen kann und sagt so, dass es sich nicht lohnt, sie zu jagen. Es würde viel zu lange dauern und wäre unheimlich anstrengend. Da Löwen klug sind und darauf bedacht das Leben möglichst energiesparend zu verbringen, funktioniert das System. Die Gazellen, die am höchsten springen können, werden am wenigsten gejagt.

Andere Tiere haben ähnliche Systeme gefunden ihren Feinden zu zeigen, dass sie keine gute Beute sind. Manche können besonders laut brüllen, andere riechen besonders streng.

Auch wir Menschen haben da unsere Mittel und Wege. Allerdings haben wir keine natürlichen Feinde mehr, deshalb müssen wir immer wieder andere Menschengruppen zu Feinden erklären. Und am Ende bedroht dann die eine Gruppe die andere und jede versucht der anderen klarzumachen, dass es sich nicht lohnt sie anzugreifen. Weil wir von hohem Springen oder Stinken oder Brüllen nicht sonderlich beeindruckt sind, versuchen wir uns jeweils mit irgendwelchen Waffen zu beeindrucken und davon abzuhalten uns gegenseitig anzugreifen.

Was daraus werden kann, haben wir in der Geschichte schon oft gesehen und sehen wir auch in unseren Tagen. Am Ende sterben jede Menge Menschen, meistens die, die nichts mit der Sache zu tun haben.

Ich will das Bild mit den Gazellen nicht überstrapazieren, aber es wäre doch gut, wenn wir Menschen uns ein bisschen etwas von ihnen abschauen könnten. Ich finde es schön, ja sogar etwas witzig, mir vorzustellen, wie zwei Feldherren sich auf dem Felde der Ehre gegenüberstehen und jeder versucht so hoch zu hüpfen, wie er kann. Wer höher springt hat gewonnen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44173
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

10APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich bin über den Jahreswechsel vier Wochen lang zusammen mit einem Freund durch Patagonien gefahren. Mit dem Fahrrad. Patagonien ist bekannt für sein raues Klima und seine atemberaubende Schönheit. Die Weite, die Natur, die Berge - Mein Auge ist dort satt geworden und das Herz hat sich geweitet, wenn sich mein Blick in der Endlosigkeit verloren hat. Die einzigen Menschen, die wir getroffen haben, lebten in kleinen Siedlungen oder auf Bauernhöfen irgendwo im Nirgendwo. Die meisten sind im Vergleich zu uns arm. Die Menschen dort auf dem Land leben ein einfaches Leben nah an der Natur. Ich will das nicht verklären, die Knappheit vieler Güter und die sozialen Probleme waren offensichtlich. Alle waren froh, wenn sie an uns Touristen ein bisschen was dazuverdienen konnten.

Die Leute waren sehr freundlich zu uns, hilfsbereit und liebenswert. Aber das höre ich tatsächlich immer, wenn jemand irgendwo durch die Welt gereist ist. Mir ist jedoch etwas aufgefallen, das mich nachträglich sehr beschäftigt hat und das über bloße Freundlichkeit hinausgeht. Einmal ist mein Fahrrad kaputtgegangen und ich habe eine bestimmte Schraube gebraucht. Wir haben in einem Dorf jemanden gefragt, ob er so eine Schraube habe, was nicht der Fall war. Aber er kannte jemanden, der sie haben könnte. Dorthin brachte er uns. Der Freund hatte die Schraube aber auch nicht, meinte aber, er kenne jemanden und brachte uns zu ihm, der sie allerdings auch nicht hatte, aber wieder jemanden kannte. So ging es eine ganze Weile. Bis wir als etwa zehnköpfige Gruppe kreuz und quer durch das Dorf pilgerten und nach der Schraube suchten. Alle waren daran interessiert, ob wir sie bekommen würden und jedem war es ein Anliegen, dass wir sie bekommen. Jeder hatte einfach alles stehen und liegen gelassen, nur um uns zu helfen. Das hat mich sehr berührt. Mir war, als hätten alle unser kleines Schraubenproblem übernommen. Das Fehlen der Schraube wurde zu unserem gemeinsamen Problem und dessen Lösung ging alle an und alle freuten sich, als wir die Schraube gefunden hatten. Ich hatte den Eindruck, als würden diese Menschen das eigene Ich mehr vom ‘Wir‘ her denken und verstehen. Als würden die Sorgen auch eines fremden Menschen sie selbst etwas angehen und sein Wohlergehen unmittelbar mit dem eigenen zusammenhängen. So als wären wir alle miteinander verbunden. Das fand ich sehr schön. Weil ich es auch schon erlebt habe, dass bei uns in der reichen Welt oft wenig Platz ist, für das Wir im eigenen Ich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44172
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

09APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Die Vertreibung aus dem Paradies, wie wir sie in der Bibel lesen können, wird eigentlich immer als eine Strafe Gottes verstanden. Der Mensch wurde hochmütig, wollte Erkenntnis erlangen, ja, wie Gott sein. Deshalb ist er im hohen Bogen aus dem Garten Eden geflogen. Seither muss der Mann den Ackerboden mit harter Arbeit bestellen und die Frau unter Schmerzen Kinder gebären. Und wir Menschen sind daran selber schuld. Diese Deutung ist bekannt, auch irgendwie naheliegend und machtpolitisch durchaus hilfreich. Wenn der Mensch grundsätzlich als Sünder und als Verstoßener gilt, dann ist es leichter ihn klein zu halten. Ihm einzureden, dass er immer demütig und rechtschaffen sein muss.

Aber vielleicht muss diese Vertreibung aus dem Paradies gar keine Strafe sein. Vielleicht ist sie nur eine logische Konsequenz und deshalb gar keine richtige Vertreibung. Denn wer Erkenntnis erreichen möchte, der will immer weiterkommen. Der bleibt nicht, wo er ist, der will immer in Bewegung bleiben. Auch wenn der Garten Eden verlockend ist, er klingt ein wenig nach Schlaraffenland, nach „Auf die faule Haut legen“ und es schön haben. Das ist sicher reizvoll, aber auch ein bisschen langweilig und macht sicher nicht glücklich. Zumindest nicht den, der nach Erkenntnis verlangt. Wer erkennen und verstehen will, der wird immer wieder aus der Komfortzone, wie man sagt, ausbrechen müssen. Der wird immer weiter immer neue Fragen stellen. Immer auf das Ganze schauen wollen. Und vielleicht meint Gott das mit der Vertreibung: “Ok“, sagt er vielleicht, „wenn Du Erkenntnis willst, dann musst Du mit rauskommen. Dann musst Du kommen und sehen und fühlen, wie es wirklich ist, denn das gehört dazu.“ Also bestraft er den Menschen vielleicht gar nicht, sondern nimmt ihn ernst. Und das ist dann eben keine Strafe, sondern ein Akt der Liebe. Eine trauernde Liebe sicher, denn er hat sich das mit uns Menschen ganz anders vorgestellt. Aber er hat eben Wesen geschaffen, die nach Freiheit streben. Die selber entscheiden und die mitreden wollen. Also muss er von seinen eigenen Vorstellungen und Plänen, die er mit uns hatte, ablassen und seinen Geschöpfen etwas zutrauen. Ich glaube, das ist gar nichts so außergewöhnliches. Vermutlich kennt das jeder, dessen Kinder erwachsen werden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44171
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

06DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich persönlich habe es nicht so mit dem Weihnachtsmann. Mit dieser Figur konnte ich nie etwas anfangen, das war mir immer zu kitschig, zu amerikanisch. Da fliegt so ein weißbärtiger alter Mann mit Rentieren und einem Schlitten durch die Gegend und bringt Geschenke. Das ist nichts für mich, bei uns ist immer am 6. Dezember der Nikolaus gekommen und an Weihnacht selber das Christkind. Aber es hat sich scheinbar – ich will nicht sagen der Glaube-, eher das Bild oder die Erzählung vom Weihnachtsmann durchgesetzt. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich in der Adventszeit ins Fernsehen oder in irgendwelche Schaufenster schaue. Schade, denk ich mir da, aber es ist nun mal so. Dann kommt eben der Weihnachtsmann.

Aber dann, letztes Jahr zu Weihnachten hab ich ihn sogar tatsächlich gesehen. Ich habe ihn am Heiligen Abend dabei beobachten können, wie er Geschenke verteilt hat. Das hat mich selber am meisten überrascht, denn damit hätte ich nicht gerechnet. Ich gehe am Heiligen Abend gerne spazieren, ich mag die Ruhe, die festliche Stimmung, die aus den Häusern bis hinaus auf die verlassene Straße schwappt. Diese festliche Ruhe. Und wie ich diese Ruhe genossen habe, war er plötzlich da. Er hat ganz anders ausgesehen. als erwartet. Aber mir war sofort klar, wenn es einen Weihnachtsmann gibt, dann muss es der sein. Er war nicht dick, nicht einmal alt. Hatte keinen weißen Bart, da war auch nirgends ein Schlitten und erst recht kein Rentier. Im Gegenteil: Er war hager und jung. Hatte schwarzes Haar. Er hatte anstatt einer Kutsche, einen etwas verbeulten Lieferwagen. Er war schnell, rannte von seinem Auto zu den Häusern, warf die Pakete aber nicht in den Schornstein, sondern klingelte und übergab sie persönlich. Aber obwohl er so schnell war, war er offenbar nicht schnell genug, denn es war ja schon dunkel an diesem Heiligen Abend. In manchen Häusern hatte die Bescherung sicher schon begonnen. Aber für diesen Weihnachtsmann war noch kein Feierabend in Sicht. Seine Tour war noch nicht zu ende. Er hüpfte in sein Auto und fuhr eilig weiter. Kein Glockengebimmel, sondern das Dröhnen des alten Lieferwagens, zwei rote Lichter und Dieselgestank begleitete diesen modernen Weihnachtsmann in die Nacht. Ich blieb noch eine Weile  stehen und hab ihm hinterhergesehen. Und ich bin ein bisschen traurig geworden. Alle freuen sich auf den Weihnachtsmann. Aber er bekommt von uns wahrscheinlich – wenn überhaupt- gerade mal den Mindestlohn.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43293
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

05DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Schaue ich auf das Geschehen in der Welt, die aktuelle Nachrichtenlage und die Einschätzungen vieler Menschen, denen ich begegne, so war das letzte Jahr ein ziemlich schlimmes Jahr. Und es ist ja noch gar nicht vorbei. Wo man hinschaut Kriege und Krisen und düstere Erwartungen.

Blicke ich aber auf mein persönliches Leben, so war es ein richtig gutes Jahr. Mir ist eigentlich alles gelungen. Ich habe eine Firma gegründet, was für mich eine riesige Herausforderung war - es ist alles gut gegangen. Ich habe dabei ganz neue Fähigkeiten und Talente in mir entdeckt, Dinge geschafft, die ich nie für möglich gehalten hätte. Auch privat ist mir so viel Gutes widerfahren. Alte Freunde haben sich wieder gemeldet und ich hatte viele schöne Erlebnisse. Und bei allem hatte ich das Gefühl, als sei da jemand, der auf mich aufpasst. Als gäbe es einen treuen Begleiter, der mir in allen Lagen, auch und gerade in schwierigen Situationen zur Seite steht. Ich betone das, weil ich das zum ersten Mal in meinem Leben wirklich so empfunden habe. Natürlich muss ich bei diesem Gefühl dann an Gott denken. Es sieht ganz so aus, als wäre Gott die ganze Zeit bei mir gewesen.

Wenn das so ist, dann muss ich mich zugleich aber auch fragen: Warum eigentlich? Ich bin kein besonderer Mensch, ich bin nicht besonders gut, nicht besonders gläubig, fromm schon gar nicht. Gleiche ich meinen Lebenswandel mit dem Sündenregister der Kirche ab, dann lande ich bestenfalls im unteren Drittel. Es gibt also nichts, das es rechtfertigt, dass ich in diesem Jahr so beschenkt worden bin, wenn zur gleichen Zeit Menschen verhungern, ermordet oder vertrieben werden.  Während all das Elend auf der Welt passiert, scheint mir die Sonne aus dem – sie wissen schon. Das geht alles nicht zusammen. Das ist nicht gerecht. Dennoch ist es so. Dennoch bin ich der Günstling.

Offenbar ist es so, dass der liebe Gott mir bislang und vor allem in diesem Jahr, ein gutes Leben schenkt. Und das ganz unverdient, ich habe nichts dafür getan. Vermutlich klingt das komisch, aber ich glaube, das muss ich aushalten. Ich habe keinen Einfluss auf seine Entscheidungen.

Vielleicht kommt es auch gar nicht darauf an, warum mir so viel Gutes widerfährt, sondern was ich mit dem Guten mache. Vielleicht habe ich nur einen Vertrauensvorschuss bekommen. Als würde Gott sagen: Da hast Du – und jetzt mach mal. Mach es gut!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43292
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

04DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich mache gerne Sport. Vor allem Radfahren und Klettern haben es mir angetan. Und ich bin auch ganz gut, habe in beiden Sportarten ein gewisses Können und ein gewisses Talent. Ich kann ohne großes Training morgens schön radeln oder einen leichten Fels hochsteigen. Das strengt mich nicht sonderlich an, ich bin da in meinem Wohlfühlbereich. Wenn ich aber mehr will, wenn ich eine bestimmte Zeit Fahrradfahren will oder einen bestimmten Schwierigkeitsgrad klettern, dann wird es ungemütlich. Dann muss ich dafür was tun. Dann muss ich trainieren, üben, meinen Lebenswandel anpassen. Und das, ist oft unbequem. Um weiterzukommen, muss ich also meinen Wohlfühlbereich verlassen. Ich glaube, das ist in vielen Bereichen so: In unseren sozialen Interaktionen, im Beruf oder bei allen Hobbies. Wir haben in vielen Dingen eine gewisse Grundbegabung. Wenn ich weiterkommen will und mich entwickeln will, dann muss ich mich aber anstrengen. Und genauso, scheint es mir, ist es mit meiner Beziehung zu Gott. Vor allem in unserer Wohlstandswelt, haben wir uns oft so einen Wohlfühlgott zurechtgelegt. Gott ist gut und Gott ist lieb und er liebt uns immer alle. Und weil er alle immer liebt, kann ich machen, was ich will. Der liebe Gott stört mich nicht sonderlich dabei. Im Gegenteil, ich kann ihn immer heranziehen, um mich besser zu fühlen. Das funktioniert ganz gut. Wenn ich aber weiter will, wenn ich tiefer gehen will, wenn ich eine ernstere Beziehung haben will, dann muss ich mich anstrengen. Dann muss ich mich mit Gott, mit dem Glauben und letztendlich auch mit mir selbst und meiner Weltsicht auseinandersetzen. Mich den Widersprüchen stellen, mich dem stellen, was mich abstößt.

Warum ist die Welt so ungerecht, wenn Gott angeblich gerecht ist?  Warum soll es gut sein nicht zu lügen oder am Freitag kein Fleisch zu essen? Was ist der Sinn des Ganzen?

Was bedeutet für mich Spiritualität?

Diese Auseinandersetzung ist anstrengend, schmerzhaft, oft einsam und macht häufig überhaupt gar keinen Spaß. Sie hat nichts mit wohlfühlen zu tun. Aber, ich denke, sie lohnt sich. Wie es sich für mich lohnt körperlich fit zu sein, hilft es auch sich geistig und geistlich fit zu machen. Aber, wie gesagt, das ist eben mit Aufwand verbunden. Ich glaube aber, man muss den Wohlfühlgott hinter sich lassen, um sich dann wirklich mit Gott wohlfühlen zu können. Es ist zu wenig auf dem Status stehenzubleiben, dass Gott uns alle immer liebt. Obwohl er das natürlich tut.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43291
weiterlesen...

SWR Kultur Wort zum Tag

19NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wir sterben sowieso alle, also warum sollte ich mich anstrengen. Das letzte Hemd hat keine Taschen, ich kann nichts mitnehmen. Es ist doch sowieso alles egal, weil am Ende sind wir ohnehin alle tot. Nichts ist für die Ewigkeit… Das sind so Ansichten über das Leben, die mir immer wieder bei Mitmenschen begegnen. Etwas düster, etwas hoffnungslos. Und sehr viel lässt sich da gar nichts dagegen sagen. Denn es stimmt ja. Alles ist vergänglich und wir alle werden sterben. Auch wenn es unter den Milliardären des Silikon Valley – wie ich gehört habe - anscheinend Bestrebungen gibt, den Tod zu überwinden und ewig zu leben. Aber ich gehe mal davon aus, dass das nichts wird. Wir sind und bleiben sterblich. Und natürlich kann man daraus den Schluss ziehen, dass das Leben nicht der Mühe wert ist, wenn sowieso alles vor die Hunde geht.

Mir persönlich ist das aber zu langweilig. Ich mag diese Haltung nicht. Ich halte das für pseudotiefsinniges Rumgejammer. Ich finde das Leben interessanter als den Tod, über den weiß ich sowieso nichts. Eigentlich interessiert es mich gar nicht, was von meinem Leben oder von meiner Person zurückbleibt. Ob ich Spuren in der Geschichte hinterlasse.

Mich interessiert auch nicht mein Todestag oder meine Todesstunde. Ich bin ganz froh nicht zu wissen, wann ich sterbe. In gewisser Weise meine ich, dass mich mein eigener Tod eigentlich nicht so viel angeht. Ich muss mich auch gar nicht um ihn kümmern. Er kommt sowieso. Da kann ich nichts machen. Für mein Leben und in meinem Leben aber – da kann ich etwas machen. Ich habe nicht alles im Griff und kann nicht alles beeinflussen, aber ich habe doch viele Möglichkeiten mein Leben zu gestalten. Ich mag es zu leben. Ich bin da eher wie Snoopy. Snoopy ist der Hund von Charlie Brown. Beides sind Comicfiguren. Es gibt einen kleinen Comic von den beiden, wie sie an einem Seeufer sitzen und in die Weite schauen. Charly Brown, etwas zerknirscht, sagt zu seinem Hund: „Eines Tages sterben wir.“ Und Snoopy gibt darauf die, wie ich finde, beste Antwort, die man geben kann: „Ja“, sagt er, „das stimmt. Aber an allen anderen Tagen nicht.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43296
weiterlesen...