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01JUL2022
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Ein Mann radelt zu der Eisdiele, in der er in seiner Jugend schon Eis gekauft hat. Das Eis dort schmeckt nicht nur nach Erdbeer, Zitrone und Schokolade. Nein, für ihn schmeckt es nach Freistunde und Hollandrad, nach Pink Floyd, erster Liebe und erstem Kuss.

Diese Geschichte habe ich in der Zeitung gelesen.[1] Der Herr, von dem sie stammt, schreibt dazu, dass er sich freue, diese Erinnerungen im Rucksack zu haben, wenn er einst sterben wird. Seine Einstellung fasziniert mich: Da jammert einer nicht, dass der erste Kuss vorbei und das Hollandrad von damals kaputt ist. Er schafft es, das, was schön war, lieb zu haben. Und es trotzdem loszulassen. Es war gut, als es war. Nun ist es vorbei. Und er kann sich immer noch daran freuen.

„Alles hat seine Zeit: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; (…) weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.“ (Pred 3,2ff) So beschreibt die Bibel im Buch Prediger das Leben. Schönes kommt und geht. Tanzen und Lachen wechseln sich ab mit Klagen und Weinen.

Tja, „that’s life“. So ist es nun mal. Trotzdem komme Ich nicht so gut damit klar: Warum kann es nicht immer schön sein? Warum auch Tief- und nicht nur Höhepunkte im Leben? In diese Frage könnte ich mich manchmal griesgrämig eingraben und würde am liebsten nie wieder ans Licht kommen.

Der Prediger in der Bibel fände diese Einstellung falsch. Er schreibt: Gott „hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in der Menschen Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut (…).“ Und weiter sagt er: „Da merkte ich, dass es nichts Besseres in seinem Leben gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. (Pred 3,11ff)“

Der Prediger findet: Wir verstehen halt nicht alles, was Gott plant und tut. Nur: Griesgrämig und grummelig dem Schönen hinterher trauern hilft nix. Wir haben halt nur das eine Leben. Das sollen wir, so gut es geht, genießen: Es gibt nichts Besseres, als fröhlich sein und sich gütlich tun, schreibt er. Und: Der gute Mut zum Leben, der sei eine Gabe Gottes.

Genau diese Gabe Gottes wünsche ich mir. Heute. Und später, wenn ich hoffentlich auf ein langes Leben zurückblicken kann. Damit auch mein Rucksack dann voll ist mit freudigen Erinnerungen, die ich mitnehmen kann in Gottes Ewigkeit.

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[1] Aus „Die Zeit“, Rubrik: Was mein Leben reicher macht, Das genaue Erscheinungsdatum konnte leider nicht mehr ermittelt werden.

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30JUN2022
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Ich habe diese Tage einen kleinen Knirps getroffen, der ganz enttäuscht war, dass er kein Müllmann werden kann. Überrascht habe ich ihn gefragt, was denn dagegenspräche. Da hat er mir erklärt: „Müllmänner sind immer braun. Oder schwarz. Aber nie so weiß wie ich.“

Das hat mir einen Stich versetzt. Denn der Junge hat Recht: Bei uns hier in Tübingen haben tatsächlich viele Müllwerker eine dunkle Hautfarbe. Mir ist das vorher noch nie bewusst aufgefallen. Aber, ja, es ist so. Nun gehe ich mal schwer davon aus, dass die Hautfarbe kein Einstellungskriterium bei der Müllabfuhr ist. Und das habe ich dem Knirps auch erklärt. Aber trotzdem, der Stich, den mir diese Entdeckung gegeben hat, der ist geblieben.

In was für einer Gesellschaft leben wir? Ist es bei uns wirklich so, dass alle freien Zugang zu Bildung haben? Sind die Chancen gleich verteilt? Was ist mit der jungen Muslima, die gar nicht auf die Idee kommt, Lehrerin zu werden. Schlicht aus dem Grund, weil sie noch eine Lehrerin mit Kopftuch gesehen hat. Oder der Junge, dessen Eltern wenig Geld haben. Da ist kein Geld da, um ein Instrument zu lernen. Wenn er auch noch so musikalisch ist. Und der keinen Nachhilfeunterricht bezahlt bekommt, auch wenn er nötig wäre.

In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Wie können wir dahin kommen, dass nicht immer die Gleichen die gleichen Jobs machen? Was brauchen wir, damit ein Kind, das von seiner Zukunft träumt, nicht dadurch beeinflusst sein muss, ob er oder sie ein Junge oder ein Mädchen ist oder welche Farbe seine oder ihre Haut hat. Oder welcher Religion er oder sie angehört. Was brauchen wir, damit Menschen ihre Gaben und Vorlieben entfalten können und ihnen Flügel wachsen, die sie ins Glück tragen?

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der die altbekannten Schubladen – Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft und was es da noch so alles gibt – keine Bedeutung mehr haben für die Chancen, die wir bekommen. In einem alten Gebet aus der Bibel, im Psalm 39, ist der Beter ganz fest davon überzeugt, dass das auch Gottes Wille ist. Er sagt: „Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Ps 31,9).

Gott gibt uns viel Platz. Er wünscht sich für uns einen weiten Raum mit vielen Möglichkeiten, unser Glück zu finden. Einen weiten Raum, in dem jede und jeder frei atmen kann, Flügel bekommt, sich entfalten und weiter entwickeln kann. Und das wünsche ich mir auch für unsere Gesellschaft hier. Für ein gerechtes Miteinander mit gleichen Chancen und Möglichkeiten für alle.

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29JUN2022
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Mein Gott, ist das Leben doch schön! Dieser Gedanke kam mir vor ein paar Tagen, als ich gerade auf dem Fahrrad unterwegs war: Alles ist grün und es blüht um mich herum, die Sonne wärmt mir den Rücken, ich bin unterwegs zu lieben Menschen, die mir wichtig sind und für die ich wichtig bin. Es geht mir so, so gut!

Und gleich, beim nächsten Tritt in die Pedale, setzt das schlechte Gewissen ein: Mir geht es so gut. Und den anderen? In der Ukraine leiden die Menschen, hungern, sind krank und können nicht versorgt werden, sterben. Und ich radele hier fröhlich durch die Sonne. Darf ich das? Eine Bekannte von mir wollte sogar ihren Urlaub absagen: „Ich kann doch nicht in Urlaub fahren, während in der Ukraine Menschen sterben.“, hat sie gesagt. Ich vermute, so geht es gerade vielen: Zum Alltag übergehen und etwas Schönes unternehmen - das verbietet sich in Kriegszeiten irgendwie. Aber andererseits fühlt es sich auch falsch an: Gibt man so nicht den negativen, zerstörerischen Kräften noch mehr Raum? Es kann doch nicht sein, dass jetzt alles Schöne verboten ist. Für mich fühlt sich das an wie eine kleine Kapitulation. Als würde ich aufgeben. Aber das will ich doch gar nicht. Ich will dem Schlechten nicht noch mehr Platz machen. Im Gegenteil: Ich will es doch loswerden!

In der Bibel gibt es tatsächlich den Gedanken, dass man das Schlechte und Böse mit Gutem und Schönem loswerden kann. Der Apostel Paulus hat in einem Brief an die ersten Christen in Rom geschrieben: „Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Röm 12,21). Gib dem Bösen keinen Raum, lass das Gute wachsen und gedeihen.

Dem Dunkel keinen Raum geben. Manchmal funktioniert das. Wenn ich es schaffe, nicht in negativen Gedanken zu versinken, sondern sehen kann, was alles Gut ist in meinem Leben. Wenn es mir gelingt, mutig etwas Neues zu beginnen. Wenn ich jemandem offen und unvoreingenommen begegne. Wenn ich aus Freude und Liebe handle, nicht aus Neid oder Missmut.

Schon klar, damit kann ich den Krieg in der Ukraine auch nicht beenden. Das kann ich aber genau so wenig, wenn ich mir jede Lebenslust verbiete. Was in den Kriegsgebieten dieser Welt passiert, wird mir niemals egal sein. Aber: Zumindest bekommt das Böse nicht auch noch Macht über mich. Ich kann es eindämmen. Und vielleicht wird meine Lebenslust andere Menschen anstecken. So dass wir gemeinsam das Böse mit Gutem überwinden. Das wünsche ich mir!

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28JUN2022
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„Bei uns zu Hause ging es an Ostern eigentlich immer darum, wie Jesus gelitten hat.“ Eine Freundin hat mir vor ein paar Tagen bei einem wunderbaren Waldspaziergang von ihrer Kirche zu Hause erzählt. Sie ist Spanierin und in ihren Kindheitserinnerungen spielen vor allem die Prozessionen, die den Leidensweg Jesu darstellen, eine große Rolle. Daraufhin habe ich ihr erzählt, dass ich mich eigentlich vor allem daran erinnere, dass es an Ostern um die Auferstehung geht. Wichtig war doch vor allem immer: Jesus ist auferstanden!

Mich hat dieses Gespräch noch länger beschäftigt. Warum haben wir das so unterschiedlich kennengelernt?

Ich weiß von der katholischen Kirche in Spanien nicht viel. Ich kann nur spekulieren: Steht das Leiden Jesu dort vor allem dafür, dass wir uns sicher sein können, dass Gott unsere Sünden vergibt? Dass Jesus uns freigekauft hat? Und je größer das Leid, desto eindeutiger ist es, dass Gott uns ganz wirklich und in echt vergeben hat? – Das wäre für mich ein sehr fremder Gedanke. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott ein „Opfer“ braucht, um uns vergeben zu können, um uns vergeben zu wollen. Für mich ist Gott Liebe. Liebe braucht keine Gegenleistung.

Vielleicht ist für manche Christen aber das Leiden Jesu auch aus einem ganz anderen Grund so wichtig: Wenn wir uns in Jesu Leiden hineinversetzen, dann kommen wir ihm ganz nah. Jesus weiß, wie sich Leiden anfühlt und wie es uns geht. Er kann mit uns und wir können mit ihm mitleiden. Ich kann nachvollziehen, dass in dieser Nähe ein großer Trost steckt: Gott will bei den Menschen sein. Er kennt unser Leid. Gott ist nicht irgendein Gott fern im Himmel, sondern unser Gott, hier bei uns, mitten in unserem Leben.

Und diesen Gedanken, den brauche ich tatsächlich, um auch die Auferstehung feiern zu können: Aus allem Leid heraus, durch den Tod hindurch, nimmt Gott Jesus zu sich. Das ist kein Geschehen, dass fern von mir stattgefunden hat. Nein: Gott ist hier bei uns, mitten in unserem Leben. Und auch ich darf auf Rettung, Trost und Leben hoffen. Ich kann mitleiden. Und mit auferstehen. Im Leben und im Sterben gilt: Die Dunkelheit wird überwunden. Es gibt Hoffnung, sogar über den Tod hinaus.

Ob das so gemeint ist bei den Prozessionen in Spanien? Ich muss meine Freundin einmal fragen. Beim nächsten Waldspaziergang. Und ob sie so wohl auch mit der Auferstehung etwas anfangen kann? Ich bin gespannt…

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27JUN2022
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Es passierte in den ersten Tagen des Krieges in der Ukraine. Meine Stimmung war gedrückt. Die Welt kam mir feindlich vor. Ich hatte Angst. Eigentlich wollte ich nur schnell Brot kaufen gehen. Da sehe ich, dass in der Eingangstür der Sparkasse eine ältere Frau liegt. Auf dem kalten Boden. Und die Schiebetür, die ging immer auf und zu und schlug gegen ihre Schulter. Sie musste gefallen sein. Ich bin gleich hingegangen, eine andere Dame hat sich geistesgegenwärtig in die Lichtschranke gestellt. So blieb immerhin die Tür offen. Die Frau auf dem Boden hat gestöhnte, sie hat auf ihren Körper gezeigt und gejammert. Und sie hat dann in kaum verständlichem Deutsch erklärt, dass sie aus dem Iran sei. „Kein Deutsch. Kein Deutsch.“, hat sie immer wieder gesagt. Aufstehen konnte sie nicht. Wenn sie sich bewegt hat, hatte sie starke Schmerzen.

Wir haben den Krankenwagen angerufen. Immer mehr Menschen sind dazu gekommen. Der eine hat sich vorne an die Straße gestellt, damit der Krankenwagen uns auch finden würde. Die andere ist zum nahe gelegenen Kinderhaus gerannt und hat eine Decke geholt. Es war kalt an dem Tag. Jemand anderes hat uns seine Jacke gegeben, die wir der Frau zusätzlich über die Beine gelegt haben.

Und sie hat gejammert und gejammert. Irgendwann habe ich mich zu ihr hingekniet. Ich habe versucht, ruhig mit ihr zu reden. Ihr zu sagen, dass sie keine Angst haben muss, dass wir sie nicht allein lassen. Ich weiß nicht, wie viel sie verstanden hat. Aber sie hat meine Hand genommen und sie ganz fest gedrückt. Und sie nicht mehr los gelassen.

Mich hat der Händedruck dieser alten Frau sehr berührt. Sie hat damit so viel gesagt. Und ich habe so viel verstanden. Ganz ohne Worte. Wir alle haben die gleichen Gefühle, hat dieser Händedruck mir gesagt. Wir alle spüren Angst, wir alle spüren Trost, Hoffnung, Dankbarkeit. Wir alle sind Menschen.

Dann kam der Krankenwagen. Die Sanitäter waren ganz wundervoll. Die vielen Helferinnen und Helfer drumherum wurden nicht mehr gebraucht.

Auf dem Rückweg nach Hause, ein noch warmes Brot unter dem Arm, musste ich in mich hinein lächeln: Es gibt so viele so wundervolle Menschen. So viele haben sich bemüht, einer fremden Frau beizustehen. Ja, in der Ukraine ist Krieg. Es kann nicht plötzlich alles wieder gut sein. Friede, Freude, Eierkuchen – das geht nicht. Aber trotzdem: Ich hatte wieder neuen Mut. Zumindest für diesen Tag. Und auch noch den nächsten. Wir alle sind Menschen, haben die gleichen Gefühle, Träume und Hoffnungen. Wir alle sind Gottes Kinder.

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11FEB2022
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Ich lese Ihnen mal was vor: Ein kleines Stück aus einem schwedischen Kinderbuch:

„Nisse Grandkvists Kaufmannsladen auf der Insel Saltkrokan mochte eine der friedlichsten Stätten der Welt sein. (…) Hier kamen die Leute (…) zusammen, um einzukaufen und um sich zu unterhalten. (…) Sie hatten die Kaufmannsleute Nisse und Märta gern, weil sie vergnügt waren und anständig (…) und in ihrem engen kleinen Laden war es gemütlich, weil es hier so gut nach (…) Backobst (…) und Seife und allerlei anderen Dingen roch.“

Ist das nicht ein Traum? So würde ich gern einkaufen, wie Astrid Lindgren es in ihrem Buch „Ferien auf Saltkrokan“ beschreibt: Man kennt sich, man schwätzt ein bisschen, man vertraut einander und man kauft was Gutes und Leckeres ein. Fertig. Wunderbar!

Wenn ich da an unsere Mega-Supermärkte denke: Ich schiebe mich mit hundert anderen Leuten durch lange Gänge, Musik dudelt und bunte Werbeslogans springen mich so lange an, bis ich kaum mehr weiß, was ich eigentlich kaufen wollte. Woher das ganze Essen in den Regalen kommt und wer es hergestellt hat, weiß ich nicht. Ich kann nur vermuten, dass für die Schokolade im Schokomüsli irgendwo der Regenwald abgeholzt wurde, die Tomaten schon um die halbe Welt gekarrt wurden und die Mango-Früchte von Bauern in Afrika angepflanzt wurden, die kaum von ihrem Verdienst leben können. Und wenn ich an das alles denke, dann habe ich schon keinen Appetit mehr. Und Lust zum Einkaufen habe ich auch nicht mehr.

Manchmal brauche ich dann eine „Supermarkt-Pause“. Dann gehe ich in unseren Unverpacktladen. Der erinnert mich ein bisschen an Nisse Grandkvists Kaufmannsladen auf Saltkrokan: Er ist klein. Es gibt nicht hundert, sondern nur drei Sorten Nudeln. Der Verkäufer kennt die Bauern, die seine Äpfel und Karotten anbauen und seine Schokolade ist fair gehandelt. Klar, ich muss meine eigenen Dosen und Gläser mitbringen. Das ist schon umständlich und auch teurer als im Supermarkt, aber dafür gut für die Umwelt. Man kennt sich, man schwätzt ein bisschen, man vertraut einander und man kauft was Gutes und Leckeres ein.

Wenigstens ab und gönne ich mir diese Supermarkt-Pause. Und schicke ein kurzes Lobgebet zum Himmel. Das klingt dann so ähnlich, wie ein Gebet aus der Bibel (Psalm 146):

Wohl dem, der Himmel und Erde gemacht hat,
das Meer und alles was darinnen ist,
der Recht schafft denen, die Gewalt leiden,
der die Hungrigen speiset.

Der Herr richtet auf, die niedergeschlagen sind. Aufrichten - Ja, das tut er. Und zwar mich, regelmäßig im Unverpacktladen. Gott sei Dank!

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10FEB2022
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Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Das hat Mascha Kaléko gedichtet. Mir sind diese Zeilen eingefallen angesichts einer Zahl, die ich vor ein paar Tagen im schnellen Vorbeiwischen auf dem Handy gelesen habe: 5.560.718. So viele Menschen sind bisher an oder mit Covid19 weltweit gestorben. Und wenn Sie diese Andacht hören, werden es schon wieder viel mehr sein.

Mir stockt da der Atem. 5.560.718 nicht zuende gelebte Leben. 5.560.718 mal Trauer. 5.560.718 mal die Frage, wie das Leben nun weitergehen soll.

Bedenk: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muss man leben.

Sagt Mascha Kaléko. Ich weiß nicht, wie das geht: Mit dem Tod der anderen leben. Ich habe keine schlauen Tipps. Ich spüre nur den Drang, dieser Menschen zu gedenken. Damit sie nicht vergessen werden.

Einer, an den ich denken möchte, ist Christoph Georgi. Er war Pfarrer im Erzgebirge. Er war ehrlich, kritisch. Er hat gesagt, was er gedacht hat. War offen für Neues. Zurückhaltend. Er hat den Dingen nach-gedacht, scharfsinnig überlegt. Und dann mutig gehandelt. Christoph Georgi war Pfarrer auch in der Zeit der DDR. Das war nicht einfach. Er war mutig. Er traf sich bei einer Jugendfreizeit in Ungarn mit einer Kirchengruppe aus Westdeutschland. Das war verboten. Aber das hat Freundschaften gebracht, einen erweiterten Horizont, für beide Seiten. Er war ein Brückenbauer. Und er wusste, wie man aus Nichts etwas machen konnte. Fröhlich hat er von seinem Glauben erzählt. Mit blauen, wachen Augen.

Pfarrer Christoph Georgi war ein besonderer Mensch. Einer von 5.560.718 Menschen, die besonders waren. Lasst sie uns nicht vergessen!

 

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09FEB2022
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Meine Kinder lieben gerade ihre Pippi-Langstrumpf-Lieder-CD. Von morgens bis abends schallen Pippi-Lieder durch’s Haus und begleiten so auch mich durch die Tage.

2 x 3 macht 4, Widdewiddewit, und Drei macht Neune… - Das kennen Sie vielleicht und haben es sofort im Ohr. Aber kennen Sie auch das:

Faulsein ist wunderschön,
denn die Arbeit hat noch Zeit.
Wenn die Sonne scheint
und die Blumen blühn,
ist die Welt so schön und weit.

Pippi und ihre Freunde Annika und Tommi singen es, als sie mit dem Schiff aufbrechen, um Pippis Vater auf der Insel zu besuchen, auf der er mittlerweile König ist. Und Annika und Tommis Mutter? Die lässt ihre Kinder ziehen.

Meine Güte, würde ich meine Kinder ziehen lassen? Die Schule wartet. Was werden Sie dort alles verpassen? Wenn sie dann nicht mehr mitkommen? Sitzen bleiben? Ihr Leben zugrunde geht? Von wegen: Faul sein ist wunderschön…

In der Bibel wird erzählt, dass Jesus einmal zwei Schwestern besucht hat: Maria und Martha. Martha kocht und arbeitet und tut alles, um es ihren Gästen schön zu machen. Maria sitzt da und hört Jesus einfach nur zu. Martha ist empört. Sie findet, dass Maria ihr helfen sollte, und sie beschwert sich deshalb bei Jesus. Aber Jesus sieht das anders. Auch Marias „faul sein“ hat seiner Meinung nach eine Berechtigung.

Warum? – Ich denke, weil Jesus weiß, dass es neben aller Geschäftigkeit auch wichtig ist, zur Besinnung zu kommen. Sich die Zeit zu nehmen, die man braucht, um nachzudenken. Um sich neu zu sortieren. Um auf andere Gedanken zu kommen, die vielleicht den Weg in ein anderes, neues Leben eröffnen. Und manchmal braucht man auch einfach Zeit, um sich zu erholen. Ohne Hintergedanken. Ohne Zweck.

Faul sein ist wunderschön - und hat seine Berechtigung! Ich bewundere Annika und Tommis Mutter für ihre Entscheidung. Ihre Kinder dürfen zweckfrei das Leben genießen. Neues einfach auf sich zukommen lassen und Kraft tanken. Es ist so wertvoll, dass sie dies ihren Kindern ermöglicht. Viel wichtiger vielleicht als noch eine Rechtschreibübung und zehn weitere Matheaufgaben.

Faul sein ist wunderschön… und absolut nicht verboten. Wenn die Sonne scheint und die Blumen blühen, ist die Welt so schön und weit.

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08FEB2022
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Sonne, Sand, Meer… Sehnen Sie sich auch schon nach dem nächsten Sommerurlaub?
Sand, ganz viel Sand. So hat eine Journalistin in einem Zeitungsartikel ihren letzten Sommerurlaub beschrieben. Aber, leider: Auch Wind. Ganz viel Wind. Und die kleine Tochter der Journalistin hat, anstatt fröhlich im Sand zu spielen, nur gebrüllt. Sie hatte Sand in den Augen, Sand im Mund, Sand einfach überall. Die Kleine war totunglücklich und die Eltern mit den Nerven am Ende. Doch dann sah das Kind Drachen in den verrücktesten Formen am Himmel, die andere Urlauber fliegen ließen. Sie war begeistert. „Mama, da fliegen ja Frösche!“. Es wurde wohl doch ein schöner Urlaub. Anders als geplant. Aber die Journalistin schreibt: „Ich habe in diesem Sommer verstanden, dass ein lästiger Wind manchmal Frösche fliegen lassen kann.“

Aus etwas richtig Ätzendem wird – ganz überraschend – etwas Schönes. Ein kleines Wunder, irgendwie, wenn die Perspektive sich so wandelt.

Die Urlaubserzählung erinnert mich an eine Geschichte aus der Bibel. Die fängt auch ganz übel an. Und auch hier wird aus dem Übel am Ende etwas Gutes: Es geht um Joseph. Er hat seine Brüder so sehr verärgert, dass sie ihn fesseln und an einen ägyptischen Händler verkaufen. Damit ist klar, was Joseph nun blüht: Sklavenarbeit, Erniedrigung, ein würdeloses Leben. Aber Joseph stellt es geschickt an. Nach und nach arbeitet er sich bis zum Berater des Pharao hoch. Durch seinen klugen Rat schafft er es, eine Hungersnot zu verhindern. Und rettet damit am Ende auch seinen Brüdern das Leben. Joseph grollt nicht, Joseph hilft. Die Familie überlebt. Die Brüder versöhnen sich. Und Joseph deutet das Geschehen: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ (1.Mose 50,20)

Da fängt etwas ganz verkorkst an. Und endet gut. Ja geradezu wundervoll. Mich fasziniert das. Da wird aus einer bösen Gemeinheit ein Segen. Da wird aus fiesem Wind ein wunderschönes Erlebnis. Das macht mir Mut. Und Lust darauf, mich in meinem Leben immer wieder neu überraschen zu lassen. Von Gott. Oder auch nur vom lästigen Wind, der manchmal Frösche fliegen lassen kann.

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07FEB2022
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“An enemy is a friend, waiting to be made.” Eine Postkarte mit diesem Satz stand lange auf meinem Schreibtisch. „Ein Feind ist jemand, der darauf wartet, als Freund gewonnen zu werden.“, so könnte man diesen Satz ungefähr übersetzen.

Er ist ein Zitat von Desmond Tutu, der letztes Jahr an Weihnachten verstorben ist. Desmond Tutu war für mich ein ganz Großer. Er war anglikanischer Erzbischof in Südafrika. Aber das war nur sein offizieller Titel. Für mich war er viel mehr:

Einmal habe ich ihn getroffen. Naja, sagen wir, wir haben uns im selben Raum aufgehalten. Gesprochen haben wir nicht miteinander. Aber allein durch seine Anwesenheit hat er mich umgehauen. Tutu war damals schon alt, gebeugt. Und dennoch: Er versprühte so eine Energie, so eine Kraft und Lebensfreude. Mit funkelnden, humorvollen Augen stand er da und strahlte in die Welt. Allein sein „Da-Sein“ hat mich überwältigt.

Tutu steht für mich dafür, dass Christen keine Ungerechtigkeit geschehen lassen dürfen, dass sie aufstehen und dagegen vorgehen müssen. Er hat es vorgemacht, immer tief verwurzelt in Jesu Spuren: Menschen dürfen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Wir sind alle gleich, alle Geschöpfe Gottes, alle gleich wertvoll, alle von Gott geliebt. Die Bibel war deshalb für Tutu ein zutiefst politisches Buch. Einmal soll er gesagt haben: „Wenn die Leute sagen, dass Bibel und Politik nicht zusammenpassen, dann frage ich sie, welche Bibel sie lesen.“ Recht hat er.

Dabei war Desmond Tutu aber immer ein Verfechter des Friedens. Er hat mit Worten gekämpft, nie mit Waffen. „Ein Feind ist jemand, der darauf wartet, als Freund gewonnen zu werden.“, hat er gesagt. Schwarze und Weiße waren in seinem Land lange Feinde gewesen. Er wollte Menschen zusammenbringen, Leid mindern, Trost stiften. Die Opfer der Rassentrennung zwischen Schwarz und Weiß durften vor seiner Wahrheits- und Versöhnungskommission ihre Leidesgeschichte erzählen. Die Täter mussten eingestehen, was sie Unmenschliches getan hatten. Das Ziel war nicht Vergeltung oder Strafe, sondern Versöhnung.

Desmond Tutu war für mich einer der ganz Großen: Menschenfreund, Mutmacher, Wortkämpfer, Witzereißer, Christ, Vorbild… Er wird mir fehlen.

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