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08DEZ2021
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Seit diesem Jahr hängt in unserer Wohnung ein großer leuchtender Stern. Eigentlich gehöre ich nicht zu den Menschen, die vor Weihnachten viel dekorieren. Ein Adventskranz auf dem Tisch und die Krippe im Wohnzimmer reichen mir völlig.

Aber in diesem Jahr ist es anders. Schon zum zweiten Mal ist der Advent leiser und vor allem dunkler. Weihnachtsmärkte und andere Events, die sonst die Straßen und Plätze erleuchten, fallen aus. Und auch in mir ist es dunkler. Die Stimmung ist angespannt. Viele machen sich Sorgen um ihre Gesundheit oder ihre Existenz. Wie es weitergeht, wie Weihnachten wird, ist ungewiss. Finstere Aussichten.

Ich schätze, deshalb brauche ich in diesem Jahr mehr als sonst Lichter um mich. Ich sehne mich richtig danach. Beim Spazieren durch die dunklen Straßen bleibt mein Blick an Fenstern mit Lichterketten und Schwippbögen hängen. Und auch bei mir zu Hause gebe ich mir Mühe, es heller zu machen.

Der Prophet Jesaja geht in der Bibel noch weiter. Als die Menschen um ihn herum ähnlich dunkle Zeiten erlebt haben, hat er sie aufgefordert: „Mache dich auf: werde licht!“

Dieser Satz gefällt mir! Licht werden – das klingt für mich so, als könnte ich das Leuchten der Sterne und Lichterketten in mich aufnehmen, mich davon erfüllen lassen, leichter werden bis ich selbst anfange zu strahlen. Genau das brauche ich gerade. Aber in der aktuellen Lage fällt es mir schwer, mich leicht zu machen, zu leuchten und zu strahlen.

Das wusste auch Jesaja. Deshalb geht seine Botschaft weiter. Jesaja verspricht: „Mache dich auf, werde licht. Denn dein Licht kommt!“ (Jes 60,1). Für mich ist das die Botschaft von Weihnachten: Gott kommt. Und er bringt Licht in die Welt. Licht, das mich licht macht, leicht und leuchtend. Ich selbst muss dazu gar nichts tun.

Nur noch ein bisschen abwarten und mich gedulden. Schwer genug in dieser Zeit. Der Schmuck in den Fenstern und der leuchtende Stern in unserer Wohnung helfen mir dabei. Sie strahlen schon jetzt das Versprechen aus: Licht kommt!

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07DEZ2021
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„Dieses Jahr schenken wir uns wirklich mal gar nichts“ hat meine Schwiegermutter im vergangenen Jahr vorgeschlagen. Eine super Idee haben wir gedacht. So spart man nicht nur Geld, sondern auch viel Stress in der Vorweihnachtszeit. Noch dazu unter corona Bedingungen. Die vollen Fußgängerzonen und der Kaufrausch, in den mancher verfällt, das hat ja auch wirklich nichts mehr mit Besinnlichkeit zu tun. Haben wir gedacht. Und alle haben sich daran gehalten.

Am Weihnachtstag hat dann wirklich nichts unter dem Baum gelegen. Gar nichts. Und ganz ehrlich: Das war richtig blöd. Ich habe gemerkt: Weihnachten so ganz ohne Geschenke – da fehlt mir was.

Eine hübsch verpackte Aufmerksamkeit und kleine Überraschungen unterm Baum zeigen mir: Da hat jemand an mich gedacht und etwas Schönes ausgesucht, um mir damit eine Freude zu machen.

Das ist es schließlich, worum es von Anfang an bei Weihnachten geht. Da hat Gott auch an die Menschen gedacht und sich überlegt: Was brauchen die Menschen? Wie kann ich ihnen Freude schenken?
Und dann hat Gott das größte Geschenk der Welt gemacht: Er hat sich selbst verschenkt. In einem kleinen Baby. All seine Liebe hat Gott in dieses Kind gelegt – damit es den Menschen vom Himmel erzählt, Hoffnung verbreitet, Mut macht und tröstet. Eben echte Freude ins Leben bringt.

Die Geburt dieses Kindes ist mehr als 2000 Jahre her. Als Christin glaube ich aber: Gott denkt bis heute an die Menschen und verschenkt sich selbst. Immer wieder. Und die kleinen Aufmerksamkeiten und bunten Päckchen unterm Weihnachtsbaum helfen mir, das besser zu verstehen. Die Freude über die kleinen Geschenke erinnert mich an Gottes größtes Geschenk.

Deshalb werden wir uns in diesem Jahr doch wieder etwas schenken. Ohne Shopping-Stress und große Ausgaben – darauf haben wir uns geeinigt. Nur eine Kleinigkeit für jeden – aber die liebevoll ausgesucht. Das sorgt für Freude unterm Weihnachtsbaum und bringt Gottes Weihnachts-Freude in mein Leben.

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06DEZ2021
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Haben Sie schon einmal eine echte Nikolaus-Überraschung bekommen? So eine, mit der man gar nicht rechnet?

Ich schon: Als Studentin. Damals habe ich in einem Wohnheim gelebt, zusammen mit ganz vielen anderen. Das ist eher eine Zweckgemeinschaft gewesen – die meisten von meinen Mitbewohnern habe ich nur flüchtig gekannt. Deswegen war ich echt überrascht, als ich am Morgen des sechsten Dezembers meine Zimmertür aufgemacht habe: Da stand auf meiner Fußmatte ein silbrig-glänzender Schoko-Nikolaus! Und nicht nur bei mir, sondern vor jeder Tür auf meinem Flur stand einer. 

Ich habe sofort meine Mitbewohnerinnen gefragt ob sie wüssten, wer das war. Die meinten aber nur: „Keine Ahnung – wir waren es nicht...“ Und auch alle, die ich später danach gefragt habe, haben bloß mit den Schultern gezuckt oder den Kopf geschüttelt.

Bis heute rätsle ich jedes Jahr, wer uns damals diese heimliche Nikolaus-Überraschung beschert hat. Er oder sie hat sich auf jeden Fall den echten Nikolaus zum Vorbild genommen. Der war vor 1700 Jahren Bischof in Myra in der heutigen Türkei. Und er hat auch meistens heimlich gewirkt und geschenkt.

Bei ihm ging es dabei allerdings nicht bloß darum, eine kleine Freude zu bereiten. Seine Geschenke haben Leben gerettet und oft vor großer Not bewahrt. Zum Beispiel drei junge Frauen. Deren Vater ist furchtbar arm gewesen. Er hatte weder genug Geld um sie zu versorgen noch um sie zu verheiraten. Deshalb drohte den Frauen die Prostitution. Denn zu dieser Zeit gab es nicht viele Möglichkeiten für unverheiratete Frauen den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Bischof Nikolaus hat von der Familie gehört und hat gehandelt: der Legende nach hat er nachts drei Goldklumpen in das Zimmer der Frauen geworfen. Heimlich, denn Dank oder Anerkennung wollte er dafür nicht.

Trotzdem haben sich die guten Taten von Nikolaus rumgesprochen. Die Menschen haben ihn dafür bewundert, seine Geschichten weitererzählt und sich an ihn erinnert, indem auch sie andere heimlich überrascht und beschenkt haben.  

Deshalb: Wenn wir heute Schokolade auf Tellern, in Stiefeln oder - wie ich damals - vor der Zimmertür finden, dann hält auch das die Erinnerung wach an Nikolaus und seine guten Taten.

Und vielleicht macht das sogar Lust, andere auch heimlich zu beschenken oder dort zu helfen, wo heute Menschen in Not sind. Dazu braucht es keine Goldklumpen, sondern bloß eine kleine Spende. So kann jeder selbst zu einem echten Nikolaus werden. 

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05DEZ2021
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Stellen Sie sich vor, es ist Weihnachten und Sie bekommen kein einziges Geschenk. Nicht mal eine Kleinigkeit, die zeigt, dass jemand an Sie gedacht hat. Für mich und die meisten ist das undenkbar. Aber wer in Deutschland in Strafhaft ist, erlebt genau das. Aus Sicherheitsgründen dürfen Angehörige in den allermeisten Bundesländern nämlich keine Päckchen ins Gefängnis schicken. Nicht einmal zu Weihnachten.

Während wir „draußen“ im Kreis der Liebsten fröhlich feiern, fühlen sich die Menschen hinter Gittern an den Festtagen daher oft besonders einsam.  

Ich finde: Gerade an Weihnachten darf das nicht sein. Schließlich feiern Christinnen und Christen da, dass Gott Liebe und Freude zu den Menschen bringt. Zu allen Menschen – auch zu denen, die schon einmal etwas falsch gemacht haben, in ihrem Leben. Auch zu denen, die von der Gesellschaft sonst eher an den Rand gedrängt werden.

Vor 2000 Jahren, als Jesus geboren wurde, waren das die Hirten. Sie galten damals als gefährlich und kriminell und niemand wollte etwas mit ihnen zu tun haben. Und dann haben ausgerechnet sie zuerst die frohe Botschaft von der Geburt des Jesuskindes gehört. Damit hat Gott gezeigt: Die Weihnachtsfreude gilt allen Menschen. Alle sollen sich darüber freuen. Also auch die, die zurzeit im Gefängnis sind.

Deshalb hatten Mitarbeitende der christlichen Straffälligenhilfe vor einigen Jahren eine gute Idee: Man könnte doch Spenderinnen und Spender bitten, ein Päckchen zu packen mit Kleinigkeiten, über die sich jeder freut wie Schokolade, Plätzchen, Kaffee und ein netter Weihnachtsgruß. Die Pakete werden anonym gepackt und von der Seelsorge pünktlich zum Fest an die Gefangenen verteilt.

„Weihnachtsfreude im Gefängnis“ heißt die Aktion. Und immer mehr Menschen machen mit. Sie verschenken damit nicht nur süßen Genuss, sondern viel mehr. Die Beschenkten spüren: Da denkt jemand an mich und will mir eine Freude machen. Dieses Gefühl ist unendlich wertvoll und genau das, worum es an Weihnachten geht.

Auch ich werde deshalb in diesem Jahr ein Päckchen packen. Und falls Sie auch Lust haben: Noch kann man sich dazu anmelden. Alle Infos dazu gibt es Internet auf der Website der christlichen Straffälligenhilfe.

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18SEP2021
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Wenn ich auf dem Friedhof bin, hat das meistens einen traurigen Anlass: Da wird ein Mensch beerdigt oder ich besuche das Grab von einem Verstorbenen. Einfach so grundlos über einen Friedhof spazieren, das mache ich eher selten.

Aber genau dazu lädt der Tag des Friedhofs an diesem Wochenende ein. Die Initiatoren finden nämlich, dass Friedhöfe sind nicht nur Orte zum Trauern und Erinnern. Menschen können dort auch Trost erfahren und neue Kraft schöpfen. Und es gibt dabei auch richtig viel zu entdecken.

Bei Besuchen auf dem Friedhof staune ich oft, wie vielfältig Gräber heute sind: Hier ein großes Erdgrab, liebevoll bepflanzt mit leuchtenden Geranien oder duftendem Lavendel. Dort ein kleineres Urnengrab, überrankt von Efeu. Weiter hinten eine Urnenwand mit schlichten Steinplatten. Darauf die Namen und Lebensdaten der Verstorbenen.

Wenn ich sie lese, frage ich mich: Was waren das wohl für Menschen? Was hat sie ausgemacht? Was hat sie glücklich gemacht, was gesorgt? Hatten sie ein erfülltes Leben? Auf manchen Gräbern verraten kleine Symbole etwas über die Person: Noten für einen Musikfan, Hammer und Meißel bei einem Handwerker, ein Kreuz bei einer Christin.

Ich denke mir: Das könnte auch zu mir passen. Und dann überlege ich: Wie will ich eigentlich einmal begraben werden? Und wo? Und was soll dann auf meinem Grabstein stehen?

Ich finde es wichtig, sich ab und an diese Fragen zu stellen. Nicht verängstigt, sondern ganz realistisch: Denn eines Tages werde ich sterben. Wie sollen sich Menschen an mich erinnern? Und wo ist dann ein guter Ort für mich?

Noch habe ich das für mich nicht festgelegt. Ich glaube, ich will es natürlich haben. Unter einem Baum vielleicht. Oder auf einer Wiese mit bunten Blumen. Noch habe ich hoffentlich lange Zeit, um darüber nachzudenken.  
Ein Besuch auf dem Friedhof an diesem Wochenende ist vielleicht eine gute Gelegenheit dafür.

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17SEP2021
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Wenn es um Fotos geht, bin ich richtig altmodisch. Es reicht mir nicht, sie auf dem Handy oder dem Computer zu haben. Ich sammle sie in Fotoalben. Das ist für mich wie ein kleines Ritual. Einmal im Jahr suche ich die schönsten Bilder aus, lasse sie entwickeln, klebe sie ein und beschrifte sie sorgsam. Und dann blättere ich auch die alten Alben noch einmal durch.

Dabei werden Erinnerungen wach an Urlaube, Geburtstagspartys, den ersten Schultag und den Abi-Ball, meine Hochzeit. Wenn ich diese Bilder sehe, dann kommt immer auch etwas von dem Gefühl zurück, das ich an diesen Tagen hatte, so viel Glück und Freude. Dazwischen entdecke ich aber auch Fotos, die mir einen kleinen Stich versetzen. Sie zeigen Menschen, die mir fehlen oder mit denen ich heute keine Verbindung mehr habe.

Trotzdem will ich diese Bilder nicht aus den Alben herausnehmen. Denn sie alle – die fröhlichen und die, die mich traurig machen, zeigen doch erst zusammen, was mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin.

In der Bibel heißt es an einer Stelle: Gott hat mich schon gesehen, als ich noch nicht einmal geboren war und alle Tage meines Lebens sind in seinem Buch festgehalten. (Ps 139,16)

Bei diesem Satz muss ich an meine Fotoalben denken. Gott hält die Momente fest, in denen ich vor Glück strahle und auch die, die weh tun. Mehr noch: Gott sieht sogar das von mir, was keine Kamera festhält. Meine Fehler, das, was mir Angst macht, das, was ich gar nicht zeigen will. In Gottes Buch ist auch das festgehalten. Alle Tage, jeder Moment. Und das nicht, um mich eines Tages darauf festzunageln und Bilanz zu ziehen. Sondern weil Gott mich mit meiner ganzen Geschichte, mit meinem ganzen Leben sieht. Weil alles an mir für Gott wichtig ist.

Demnächst werde ich wieder einmal Fotos sortieren und einkleben. Und wenn ich dann meine alten Alben anschaue, stelle ich mir vor, wie auch Gott seine Fotoalben von mir und von jedem Menschen durchblättert. Und genau hinschaut. Und sich erinnert. Und mitfühlt, bei jedem einzelnen Bild.

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16SEP2021
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„Ich schreibe jetzt Tagebuch“, hat meine Freundin vor kurzem erzählt.
Für mich wäre das nichts, sich abends noch hinsetzten und Geschichten über den Tag aufschreiben. Dafür bin ich echt nicht der Typ. Das habe ich meiner Freundin auch gleich so erwidert.
Meine Freundin hat gelacht und dann gesagt: „Das habe ich auch gedacht. Aber die letzte Zeit ist nicht leicht gewesen. Das Tagebuch hilft mir dabei, meine Gedanken zu sortieren. Und ich merke: es geht mir echt besser seitdem.“

Die Forschung gibt ihr Recht. Studien zeigen: Wer Tagebuch schreibt, tut der Seele etwas Gutes. Stress und Kummer sind oft wie ein dunkles Wirrwarr, das man gar nicht richtig greifen kann. Wer sie aufschreibt, fasst die die Gefühle, Eindrücke und Sorgen in Worte. So werden sie konkreter. Das kann helfen die Dinge klarer zu sehen und Abstand zu gewinnen. 

So hat es auch meine Freundin erlebt. Sie nutzt ein Dankbarkeits-Tagebuch mit der Sechs-Minuten-Methode. Dazu beantwortet sie morgens drei Fragen: Wofür bin ich dankbar? Was macht den heutigen Tag besonders? Was kann ich gut? Abends sind dann noch einmal drei Fragen dran: Was habe ich heute anderen Gutes getan? Was wird morgen besser? Was war an diesem Tag toll? Kein großer Zeitaufwand, aber ein großer Effekt: Meine Freundin sagt: „Wenn ich abends die drei Fragen beantworte, dann habe ich richtig vor Augen, was ich alles geschafft habe. Dann bin ich stolz und irgendwie dankbar, weil ich sehe, dass so viel Gutes dabei ist. Ich schlafe viel besser. Und anstatt an die To-Do-Liste für den nächsten Morgen zu denken, erinnere ich mich an die schönsten Momente des Tages. Das ist großartig.“

Wenn ich so überlege: Ich schreibe zwar kein Tagebuch, aber eigentlich mache ich etwas sehr Ähnliches. Ich bete oft abends im Bett. Und dabei überlege ich auch genau das: Was war heute toll? Was wird morgen hoffentlich besser? Wofür bin ich dankbar? Und dafür danke ich dann Gott. 

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26JUN2021
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Morgen ist für mich ein ganz besonderer Tag: Ich werde Patentante. Von Mia. Acht Monate ist sie jetzt alt und morgen wird sie getauft.

Schon vor langem hatten ihre Eltern mich gefragt, ob ich das Patenamt für Mia übernehmen möchte. Ich habe mich wahnsinnig darüber gefreut und musste sogar ein paar Tränchen verdrücken. Denn das ist ja schon ein großer Vertrauensbeweis: Ich darf Verantwortung für Mia übernehmen und sie durch ihr ganzes Leben begleiten, wenn sie das möchte. Darauf freue ich mich schon. Auf Nachmittage im Zoo oder Ausflüge zum Spielplatz, auf Geburtstagsfeiern und ihre Einschulung! Bei all dem will ich an ihrer Seite sein, mit ihr feiern und mich für sie freuen.

Aber nicht nur das: Ich will auch dann für Mia da sein, wenn es ihr mal nicht gut geht, wenn sie sich Sorgen macht oder traurig ist. Dann will ich ihr zuhören, sie trösten und ihr von dem erzählen, was mich tröstet und mir neuen Mut gibt. Dann erzähle ich ihr von meinem Glauben und von Gott. Das ist wahrscheinlich sogar meine wichtigste Aufgabe als Patin, das Besondere an diesem Amt: Patinnen und Paten sollen die Eltern bei der christlichen Erziehung ihrer Kinder unterstützen, heißt es in der Kirchenordnung.

Das mache ich von Herzen gerne. Denn Mia soll wissen, dass sie zu Gott gehört. Dass sie von Gott geliebt ist und behütet, ganz egal was passiert. Dazu passend haben ihre Eltern und ich den Taufspruch ausgesucht. Er heißt:

„Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ (Ps 139,9).

Also: Wohin du auch gehst, was auch passiert: Gott ist bei dir und hält dich in seiner Hand. Daran glaube ich fest. Und ich werde mein Bestes tun, damit auch in Mia so ein Glauben wachsen kann. Zur Taufe morgen bekommt sie deshalb von mir eine Kinderbibel geschenkt, und eine Kerze als Zeichen, dass Gott ihr ein Licht in dunklen Zeiten ist. Vor allem aber werde ich ihr gemeinsame Zeit schenken, in der ich für sie da bin und ihr zeige, wie lieb ich sie habe. Und wie wichtig sie ist. Für mich. Und für Gott.

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25JUN2021
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Vor einigen Wochen habe ich zum ersten Mal eine Erwachsene getauft. Das war sehr besonders – auch für mich als Pfarrerin. Meistens taufe ich ja Babys oder Kinder. Das ist auch schön, denn es zeigt: Egal wie klein du bist, von Anfang an ist Gott bei dir. Dafür musst du noch gar nichts wissen oder können.

Die Frau, die ich neulich getauft habe, ist längst groß und sie weiß und kann natürlich ganz viel. Sie hat Kinder großgezogen, einen Beruf erlernt. Sie steht mit beiden Beinen fest im Leben.

Allerdings: Das war nicht immer so. Hinter ihr liegt eine schwere Zeit mit einigen Umbrüchen und Krisen. Sie musste sich da richtig durchkämpfen. Das hat Kraft gekostet und manchmal weh getan. Aber nun ist sie auf einem guten Weg und sagt: „Ich bin dadurch auch stärker geworden. Ich habe gelernt, manches loszulassen. Und jetzt will ich einen Neuanfang.“ Für diesen Neuanfang wollte sie getauft werden.

Ich finde: Das passt richtig gut. Denn bei der Taufe werden ja gewissermaßen Altlasten abgewaschen. Früher sind Täuflinge dafür sogar richtig untergetaucht worden. Heute wird in unseren Kirchen meistens nur symbolisch Wasser über die Stirn gegossen. Aber das Gefühl bleibt das gleiche: Was an mir klebt und schwer auf meiner Seele lastet, wird abgewaschen. Ich kann es loslassen und erleichtert nach vorne schauen. Denn egal was kommt: Gott ist bei mir und nichts kann daran etwas ändern.  

Mit diesem Gefühl startet die frisch getaufte Frau nun auf einer neuen Arbeitsstelle. Sie blickt hoffnungsvoll in ihre Zukunft, sagt sie.
Aber wenn es doch mal wieder schwierig wird im Leben, erinnert sie sich hoffentlich an ihre Taufe und an das damit verbundene Versprechen.

Ich finde nämlich: So eine Tauferinnerung tröstet und macht Mut. Selbst wenn jemand – wie ich – als Baby getauft wurde und sich deshalb an den Gottesdienst und das Wasser auf der Stirn nicht erinnern kann. Mir reicht es da schon zu wissen: Ich bin getauft. Denn das bedeutet: Was hinter mir liegt ist abgewaschen. Ich kann es abgeben an Gott, loslassen, wieder aufstehen und neu anfangen. Jeden Tag! Denn Gott ist bei mir. Von Anfang an. Und ganz egal was kommt.

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24JUN2021
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Heute ist Johannistag. In der Kirche denken wir an diesem Tag an Johannes den Täufer. Der ist ein ziemlich kauziger Typ gewesen. Er hat sich eigenartig gekleidet, Heuschrecken gegessen und in der Wüste gelebt. Dort hat er flammende Predigten gehalten, Jüngerinnen und Jünger um sich gesammelt und getauft. So erzählt es die Bibel.

Aber dann taucht plötzlich ein anderer Prediger auf: Jesus. Johannes kennt ihn gut: er selbst hat ihn getauft. Nun macht er ihm Konkurrenz. Immer mehr Menschen gehen zu Jesus und hören ihm zu. Johannes‘ Jüngerinnen und Jünger werden darüber wütend und fragen ihn: „Hast du das mitbekommen? Jesus, den du getauft hast, zu dem gehen jetzt alle hin! Das kann doch nicht wahr sein!“

Als Johannes das hört, bleibt er ganz ruhig und antwortet: „Das ist schon richtig so. Jetzt ist Jesus dran. Seine Bedeutung wird wachsen, aber meine muss abnehmen.“ (Joh 3,30)

Diese Haltung bewundere ich. Johannes ist so erfolgreich gewesen in dem, was er getan hat. Er hat ganz genau gewusst, was er kann und wie er auf andere wirkt. Er ist richtig berühmt gewesen.
Aber: Er wusste auch, wo seine Grenze liegt, wo er sich zurücknehmen und abgeben muss.

Viele Leute können das nicht so gut: Die Zügel aus der Hand geben und andere machen lassen. Mir geht es auch manchmal so. Aber ich merke: Das geht nicht immer. Irgendwann stoße ich an Grenzen: Dann muss ich mir eingestehen, dass andere etwas einfach besser können als ich. Das kostet Überwindung und kratzt am eigenen Ego.

Johannes kann sich von solchen Eitelkeiten freimachen. Er erklärt seinen Jüngerinnen und Jüngern weiter: „Kein Mensch kann sich was nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist.“ (Joh 3,27)

Diesen Satz merke ich mir. Denn er bedeutet für mich: Ich gebe mein Bestes bei dem, was ich kann, wozu mir Gott die Fähigkeiten und das Talent gegeben hat. Und gleichzeitig bin ich ehrlich mit mir selbst, wenn es darum geht, was mir vom Himmel nicht gegeben ist, wo andere etwas besser können. 

Ich denke: Mit dieser Haltung fällt es leichter, auch mal Verantwortung abzugeben, sich selbst zurückzunehmen, und so – wie Johannes - andere wachsen zu lassen.

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