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06FEB2021
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Ich gebe mir so viel Mühe – und dann wird doch nichts daraus. Weil die anderen nicht mitmachen. Weil sie gar nicht richtig zugehört haben. Weil sie es nicht wichtig finden. Müttern geht das manchmal so und Vätern, wenn sie ihre Kinder für irgendetwas begeistern wollen, Lehrer und Lehrerinnen kennen das auch, Abteilungsleiter, Gruppenleiterinnen.
Man weiß nie, ob und wie etwas ankommt beim Gegenüber.

Lohnt sich dafür der Aufwand? Lohnt sich die Mühe, immer wieder, etwas anzustoßen, zu begeistern, sich für andere zu engagieren wenn doch oft so wenig ankommt?

Jesus hat eine Geschichte erzählt für Leute, die etwas erreichen wollen und enttäuscht sind, weil sie keinen Erfolg sehen (Mk 4, 3-8). Er hat erzählt, wie das bei Gott ist. Der ist wie ein Landwirt, der sät. So, wie man das damals gemacht hat, mit schwungvoller Gebärde auf den Acker. Was sät Gott aus? Gute Worte vielleicht. Tröstende Worte. Worte, die den Weg zeigen zu einem friedlichen, guten Leben. Seine Gebote. Glauben und Gottvertrauen. Geschichten, die zeigen, wie Leben gelingen kann.

Aber, hat Jesus erzählt:  Manches fällt auf den Weg. Da fressen es die Vögel. Manches kann nicht wachsen, weil es vom Unkraut erstickt wird. Manches wird einfach zertreten und manches vertrocknet.

Und ich denke mir, so kann es einem auch mit Menschen gehen. Es gibt welche, die über den Glauben anderer lachen. Sie sagen: Glaub doch so etwas nicht. Wir leben im 21. Jahrhundert!. Wie Vögel sind sie, die wegpicken, was gesät ist. Andere sind schnell begeistert vom Glauben. Aber sie haben keine Geduld, es wirklich zu probieren. Vielleicht sind sie auch zu ängstlich, um dranzubleiben, wenn das Leben ungemütlich wird. Manche finden immer neue Theorien und modische Weltanschauungen. Da verkümmert der Glaube – vertrocknet irgendwie...

Wenn ich denke, es war alles umsonst, dann tröstet mich der Gedanke: Auch Gott hat es nicht in der Hand, was aus dem Ausgesäten wird. Will er anscheinend auch gar nicht. Gott manipuliert niemanden. Er wartet ab. In der Hand hat er nur den Samen. Den sät er großzügig aus. Er fragt nicht, ob es lohnt und was es bringt.

Manches davon fällt auf gutes Land, hat Jesus zum Schluss erzählt. Da bringt es viel Frucht. Da macht es Menschen stark und liebevoll und weckt ihre Hoffnung.

Und meine Erfahrung ist: Manchmal wächst auch gerade da etwas, wo man es nicht erwartet hat. Gott sei Dank. Das ist dann besonders schön.

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05FEB2021
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„So isch’s no au wieder!“ sagen die Schwaben. Übersetzt: Alles hat (mindestens) zwei Seiten. Zuerst sieht man nur die eine, verteidigt seine Sichtweise mit Energie, verfolgt die eine Möglichkeit, die man sieht. Und plötzlich kann man einsehen: Es geht auch anders. Gut, wer dann ganz gelassen sagen kann: „So isch’s no au wieder!“

Ich lebe nun schon mehr als mein halbes Leben bei den Schwaben. Aber ich merke: Mir fehlt diese Gelassenheit. Oft jedenfalls. Ich kann mich nur schwer daran gewöhnen, dass es auch anders geht, als ich es mir vorstelle.

Die Kinder haben Pläne, wollen umziehen, wollen anderswo ganz neu anfangen. Dabei geht es ihnen doch gut, wo sie jetzt sind. Finde ich jedenfalls. Ist das denn nötig, dass sie noch einmal neu durchstarten? Wer weiß, ob das klappt. Ich selbst gehe demnächst in den Ruhestand. Ich weiß genau, wie ich mir meine Nachfolge vorstelle. Aber natürlich kann ich das nicht  entscheiden. Vielleicht wird also alles ganz anders. Irgendwie macht mich das unruhig.
Ich wüsste gern, was kommt und wie es weitergeht. Kann denn nicht alles so bleiben, wie es ist?

Ein bisschen geht es mir dabei vielleicht wie Mose.  Der bekam von Gott einen großen Auftrag. Er sollte sein Volk aus der Sklaverei befreien. Dabei war er ein Flüchtling und Schafhirte – mehr nicht. Dieser Auftrag – das war eine Chance. Die könnte in die Freiheit führen. Aber war das nicht auch gefährlich? Immerhin musste er sich gegen einen mächtigen Staat durchsetzen. Vermutlich hatte Mose sich seine Zukunft anders vorgestellt. Ruhiger.

Er findet deshalb auch eine Menge Argumente und Ausflüchte, warum das gar nicht gehen kann. Aber Gott sagt ihm: „Ich will mit dir sein!“. Das genügt. Mose geht die Aufgabe an und nach langen Jahren ist es endlich geschafft. Sein Volk ist frei und kann leben.

„Ich will mit dir sein!“: Gott steht nicht auf einem Standpunkt fest. Für ihn muss nicht alles bleiben, wie es ist. Er geht mit auf den Wegen, die Menschen gehen. Auch wenn es anders kommt. Manchmal geht er sogar voraus. Auch wenn man neu anfangen will oder muss. Gott geht mit, auch auf den Umwegen und Abwegen und auch, wenn man umkehren muss, weil es nicht mehr weiter geht.

Christlicher Glaube ist kein Standpunkt. Glaube ist eine Weg-Begleitung manchmal sogar eine Weg-Führung, weil ja auch das Leben ein Weg ist. Es ist gut, dass man sein Gottvertrauen mitnehmen kann und sich immer wieder erinnert an dieses: „Ich will mit dir sein.“

Ich glaube: So kann man ohne Angst in die Zukunft gehen. Auch wenn noch nicht klar ist, welches der richtige Weg ist. „So isch’s no au wieder!“

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04FEB2021
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Jemandem etwas nachtragen, das braucht Kraft. Mir ist das neulich aufgefallen, als ich im Fernsehen den jungen Soldaten gesehen habe, der dem Präsidenten der USA in zwei dicken Taschen wichtige Unterlagen nachtragen musste. Der junge Mann war stämmig und muskulös und trotzdem konnte man sehen: Nachtragen kann schwer sein und einen ganz schön runterziehen.

Jemandem etwas nachtragen braucht Kraft und zieht einen runter. Das gilt nicht nur für  schwere Koffer und Säcke. Ich denke an Leute, die nachtragend sind, die schnell eingeschnappt sind, vergangene Erfahrungen immer wieder hervorkramen. Dem anderen vorwerfen, was war, weinen und schmollen und dem anderen so ein schlechtes Gewissen machen.

Vielleicht war die Frau so eine, von der die Bibel erzählt (Lk 13, 10-17) Sie war ganz krumm geworden, heißt es, weil sie so schwer zu tragen hatte. Vielleicht ein schweres Schicksal. Vielleicht aber auch vor allem das, was sie anderen nachtragen musste. Sie konnte nicht vergessen und nicht vergeben. Ich stelle mir vor: Ihre Vorwürfe und ihr Schmollen haben es noch schlimmer gemacht. Die anderen waren mehr und mehr gereizt und schließlich gingen sie der Frau aus dem Weg, weil sie genug hatten von den ewigen Vorwürfen. Da fühlte sie sich natürlich noch mehr verletzt.

Dieser Frau, wird erzählt, ist Jesus begegnet. Und ausdrücklich wird betont: Er sieht sie – er sieht also nicht über sie hinweg. Er geht ihr nicht aus dem Weg. Im Gegenteil. Er sieht sie an. Er legt ihr die Hand auf die Schulter. „Es ist vorbei“, sagt er zu ihr. „Auch du bist eine Tochter Gottes“. Da konnte die Frau sich aufrichten.

Tochter Gottes: Ich glaube, das ist es, was der Frau geholfen hat. Sie hatte alles in sich hineingefressen und schwer daran zu tragen gehabt – weil es so gut zu dem gepasst hat, was sie selbst von sich dachte. Sie musste jedes missglückte Wort der anderen, jede verunglückte Bemerkung so schwernehmen, weil sie selbst genauso von sich gedacht hat. Deshalb tat ihr so weh, was die anderen gesagt haben. Deshalb war es eine solche Last für sie. Und jetzt: Tochter Gottes! Eine Tochter Gottes muss nicht alles hinnehmen und schwernehmen. Eine Tochter Gottes braucht sich nicht getroffen fühlen, wenn jemandem ein falsches Wort herausgerutscht ist. Sie kann „Nein sagen“, wenn es nötig ist. Sie kann im Konflikt nach Lösungen suchen. Sie kann nachgeben, wenn die anderen vielleicht doch recht haben.

Sie muss niemandem etwas nachtragen. So wird die Last leichter. Und das Leben auch.

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17JAN2021
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Jesus hat aus Wasser Wein gemacht! Viele Leute lachen über diese Geschichte. „So einen Kumpel hätte ich auch gern!“ sagen sie. „Was könnten wir dann feiern!“. Andere lächeln ein bisschen mitleidig: „Wer glaubt denn so etwas“, sagen sie, „das ist doch ein Märchen.“

Heute in den evangelischen Gottesdiensten wird diese Geschichte aus der Bibel erzählt: Bei einer Hochzeit ging der Wein aus und Jesus hat aus dem Wasser in den Waschkrügen Wein gemacht.

Mir kommt das auch ein bisschen märchenhaft vor. Andererseits: Vielleicht haben die Leute, die dabei waren, genau das weitererzählt, was sie erlebt haben? Und vielleicht wurde es als Mahnung aufgeschrieben. Als Mahnung für die vielen, die bis heute genau das Gegenteil machen: Sie gießen Wasser in den Wein.

Das erlebe ich nämlich oft. Menschen, die Wasser in den Wein gießen. Ich erzähle, dass ich mich auf den bevorstehenden Ruhestand freue und auf die Möglichkeiten, die ich dann haben werde. Und Freunde warnen mich. „Na, hoffentlich wird dir nicht langweilig und einsam“. Ich freue mich über die Gesprächsrunden einer älteren Dame in der JVA mit Strafgefangenen. Und ein Vollzugsbeamter schreibt mir: „Was glauben Sie denn, die Wirklichkeit bei uns sieht anders aus: ruppig und bösartig“. Und Eltern warnen ihre Kinder, die etwas ausprobieren möchten: „Sei doch vernünftig. Das kann nichts werden. Lass die Finger davon!“ Sie gießen Wasser in den Wein der Begeisterung. Und was passiert: Die Begeisterung wird dünn, der Mut verfliegt. So kann nichts werden aus den Plänen.

Jesus dagegen hat aus Wasser Wein gemacht. Das Wasser war für die Bedürfnisse des Alltags da. Mit Wasser aus großen Krügen hat man sich zu seiner Zeit den Staub von den Füßen gewaschen. Das war erfrischend. So konnte man sich wieder einigermaßen wohl fühlen nach einem langen Tag unterwegs. Mehr noch: Jesus macht Wein aus dem Wasser, damit das Hochzeitsfest weitergehen kann. Wein der fröhlich macht und Menschen aufrichtet, jedenfalls, wenn er in Maßen genossen wird. Wein, der Begeisterung auslöst und Lebensfreude. Mit den Mitteln des Alltags gewissermaßen, kann das Fest des Lebens weitergehen.

Jesus hilft Menschen dazu, dass sie sehen und schmecken, was alles möglich ist.
Der Speisemeister damals hat den Gästen gesagt: „Das ist gut!“ Und genau das möchte ich Ihnen heute Morgen weitergeben: Probiert es doch! Nicht die Freude verwässern. Sondern: Lasst euch ein auf die Freude am Leben. Es ist gut. Fangt an, ihr werdet schon sehen. Und wer zuletzt lacht, lacht am besten.

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09JAN2021
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Waren Sie schon mal im Knast? Ich schon. Zu Besuch. Eine Gefangenengruppe hatte mich eingeladen. Sie wollten mit der Frau reden, die sie aus dem Radio kannten. Ich hatte zuerst Angst, da hinzugehen. Dann war ich beeindruckt von der Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre Fragen gestellt haben: Über Nächstenliebe wollten sie reden. Darüber, ob Gott wirklich allen Menschen vergibt. Und warum Menschen das nicht tun. Christen auch nicht. Ich war beeindruckt – auch von der älteren Dame, die ehrenamtlich jede Woche  auch so genannte „schwere“ Jungs in der JVA besucht und mit ihnen über solche Fragen redet.

Damals habe ich nicht daran gedacht. Aber inzwischen weiß ich, „Gefangene besuchen“ gehört zu den Werken der Barmherzigkeit, von denen Jesus gesagt hat: „Was ihr meinen geringsten Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.“

Und immer öfter scheint mir: Gefangen sind nicht nur die, die im Knast sitzen. Gefangen sind manche auch in ihrer Angst – vor den Anforderungen der anderen oder davor, um Hilfe zu bitten. Manche sehen alles schwarz und können gar nicht mehr anders. Und manche sind gefangen in ihrer Meinung die sie haben, weil scheinbar alle um sie herum dasselbe meinen, denken und glauben. Filterblasen sagt man dazu. Auch in einer Filterblase kann man gefangen sein.

Auch da gilt: Gefangene besuchen ist wichtig und ein Werk der Barmherzigkeit. Man braucht allerdings auch dazu Mut. Und starke Nerven. Der Schüler Adolf Stögbauer hat die gehabt. Ich habe von ihm kurz vor Weihnachten in der Zeitung gelesen und ein Video gesehen. Adolf Stögbauer ist auf einer Querdenken-Demonstration in Niederbayern ans Mikrofon gegangen. Das Mikrofon stand für jeden offen. Er hat am Anfang seiner Rede Martin Luther zitiert: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“. Da haben sie ihn bejubelt. Dann hat er sich auf die Meinungsfreiheit berufen und sich als „glühender Kritiker“ der Querdenken-Bewegung geoutet. Zuerst waren die ungefähr 100 Teilnehmer der Demo verblüfft. Dann haben sie ihn ausgepfiffen und ausgebuht. Aber der junge Mann hat ganz ruhig auf seiner Meinungsfreiheit bestanden bis er mit seiner 10minütigen Rede zu Ende war.

Ich glaube die Leute waren beeindruckt. Sie haben sich  wahrscheinlich nicht überzeugen lassen. Aber dass es mit Meinungsfreiheit nichts zu tun hat, wenn man Andersdenkende auspfeift und ausbuht. Das haben sie verstanden.

Gefangene besuchen. Man kann das auch so machen wie Adolf Stögbauer. Der sagt: „Es lohnt sich immer zu diskutieren.“

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08JAN2021
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Eine Kultur der Barmherzigkeit empfehlen viele für das neue Jahr. Nicht bloß die Kirchen. Jesus hat erklärt, wie Menschen miteinander umgehen sollen, damit das Leben gut wird. Kranke besuchen, zum Beispiel, das war ihm sehr wichtig. „Wer einen Kranken besucht, der besucht mich“. Kranke zu besuchen gilt seither als ein Werk der Barmherzigkeit.

Nun ist das im Moment nicht so einfach. Von hochansteckenden Viren wusste Jesus vermutlich nichts und die Kirchenväter wohl auch nicht. Gerade Alte und Kranke gehören zur Hochrisiko-Gruppe und man muss vorsichtig sein mit den Besuchen. Man braucht nach Möglichkeit einen Schnelltest, eine Maske sowieso, Abstand auch. Auf der anderen Seite ist für Alte und Schwerkranke und Sterbende oft ein Besuch wichtiger als alles andere. Sie sollten nicht allein bleiben müssen, weil andere sie schützen wollen.

Für solche Besuche  hilft vielleicht  die jüdische Weisheit: „Wenn du einen Kranken besuchst, setze dich nicht auf sein Bett! – Warum? Weil dort die Gegenwart Gottes ist.“

Wenn man nicht zur nächsten Familie gehört, kann man im Moment Kranke wahrscheinlich nicht besuchen. Aber man kann anrufen. Viele haben Angst vor solchen Besuchen und Anrufen. Was soll ich da sagen, fragen sie sich. Wie leicht das schiefgehen kann, erzählt schon die Bibel.

Den schwerkranken Hiob besuchen seine Freunde. Und eine Weile schweigen sie voller Anteilnehme. Aber dann fangen sie an zu fragen: „Was hast du bloß getan?“ Vielleicht wollen sie bloß sich selbst bestätigen: Mir könnte das ja nicht passieren. Ich habe alles richtig gemacht, Sport getrieben, ich rauche nicht, trinke fast gar nicht, meide jeden Stress, lebe gesund, halte Abstand. So ein Besuch, der nach Ursachen sucht, der hilft einem Kranken sicher nicht.

Was aber dann? Ich glaube, gut ist ein Besuch oder ein Anruf, der erst einmal zuhört. Und wenn der Kranke nicht reden mag oder nicht reden kann: Dann: ruhig erstmal schweigen. Und vielleicht erzählen! Vom Leben erzählen. Was draußen passiert – nicht das, was einem Sorgen macht. Sondern das, was einem Freude macht. Wer davon erzählt, der macht dem anderen Lust aufs Leben, glaube ich. Oder er weckt Erinnerungen und Dankbarkeit für das, was der Kranke selbst schon erlebt hat. Solche Besuche, solche Anrufe, die sind barmherzig.

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07JAN2021
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Ich kenne einen alten Herrn, der gibt mir nicht die Hand. Er hat es auch vor Corona nicht getan. Weil ich eine Frau bin. Seine Religion verbietet es ihm, sagt er. Sonst ist der alte Herr supernett. Gebildet und humorvoll, warmherzig und witzig. Bloß: Die Hand gibt er mir nicht.

Ich gebe zu: Das verletzt mich. Frauen gelten in vielen Religionen und Kulturen als minderwertig. In manchen spielt dabei auch die Angst eine Rolle, ein Mann könnte von einer fremden Frau verführt werden, wenn er sie berührt. Also auch, wenn er ihr die Hand gibt. Obwohl: Bei uns beiden alten Leuten ist das ja eigentlich eine abwegige Vorstellung. Trotzdem: Er gibt mir nicht die Hand. Er hat es so gelernt und es sein Leben lang nichts anderes gehalten. Eigentlich glaube ich nicht, dass er mich nicht achtet.

Was soll ich nun tun? Beleidigt sein? Den alten Herrn meiden? Soll ich sagen: Was wollen Sie eigentlich hier, Sie gehören hier nicht her mit solchen Verhaltensweisen?

Der alte Mann ist fremd in unserem Land. Wohl nie richtig angekommen, obwohl er schon seit Jahrzehnten hier lebt. Da fällt es mir ein: „Fremde aufnehmen“ ist ein Werk der Barmherzigkeit. Jesus hat das gesagt. Und das heißt ja nicht nur, ihnen eine Bleibe geben in irgendeinem Lager, damit sie halt ein Dach über dem Kopf haben, wenn sie schon mal da sind. Schon die ersten Christen haben einander ermahnt „nehmt die Fremden auf – ohne es zu merken haben manche schon Engel aufgenommen“ (Hebr 13,1). Und Jesus hat gesagt: „Wer einen Fremden aufnimmt, der nimmt mich auf!“. Soll so ein Fremder sich denn nicht auch wohlfühlen bei mir? Nur irgendwie geduldet sein, wenn er mir mit seinen fremden Sitten und Gebräuchen nicht zu nahekommt? Wenn er einer fremden Frau nicht die Hand geben  will?

„Fremde aufnehmen“ heißt wohl auch, ihre Kultur akzeptieren und tolerieren, und nicht sagen: Sie sollen sich gefälligst anpassen, wenn sie hier leben wollen. Fremde beherbergen – das ist anders als sie ausgrenzen und ausschließen.

Und wie ist das mit den Jungs und jungen Männern, die hier bei uns heimisch werden wollen? Die hier aufwachsen und zur Schule gehen? Mit denen muss man reden, finde ich. Damit sie begreifen, dass Frauen genauso viel wert sind wie Männer. Dass man respektvoll mit ihnen umgehen muss. Sie nicht angrapschen darf. Ihnen aber ruhig die Hand geben kann. Das sollten sie lernen, finde ich, Und wenn sie mir trotzdem nicht die Hand geben wollen? Vielleicht kommt das nach Corona ja sowieso aus der Mode. Und wir finden andere Zeichen, um zu zeigen, dass wir einander recht und wert sind.

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06JAN2021
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Auch die drei Könige müssen dieses Jahr zuhause bleiben. Im vergangenen Jahr, vor Corona, sind 300.000 Kinder und Jugendliche in kleinen Gruppen von Haus zu Haus gezogen. Sie waren prächtig verkleidet, einer meistens mit geschwärztem Gesicht. Sie haben gesungen, ihr C-M-B an die Haustüren geschrieben „Christus segne dieses Haus“ und haben mehr als 52 Millionen Euro für bedürftige Kinder in aller Welt gesammelt.

In diesem Jahr können sie das nicht machen. Manche haben sich als Ersatz etwas ausgedacht. Einen Stand auf dem Wochenmarkt zum Beispiel oder ein digitales Konzert, bei dem sie ihre Lieder singen. Auf den Straßen aber werden sie mit ihrem Stern nicht zu sehen sein. Schade.

Die Sternsinger halten nämlich für viele eine biblische Geschichte im Gedächtnis, die sonst vielleicht längst vergessen wäre. Die Geschichte von 3 Königen, einer davon schwarz, die dem neugeborenen Jesuskind kostbare Geschenke bringen. Gold, Weihrauch und Myrrhe haben sie gebracht, erzählt die Bibel. Myrrhe ist ein kostbares, duftendes Baumharz, dass reiche Leute früher als Parfum verwendet haben.

Dass die Männer Könige waren, steht nicht in der Bibel. Man hat es daraus geschlossen, dass sie so kostbare Geschenke dabeihatten. Die Bibel selber berichtet nur, dass sie Sterndeuter waren. Gelehrte also, die die Sterne beobachtet haben und versuchten, daraus Schlüsse für das Weltgeschehen zu ziehen. Dass einer dieser Männer schwarz war, davon weiß die Bibel auch nichts. Dort steht nur, sie kamen aus Anatole, dem Osten. „Morgenland“ hat Martin Luther übersetzt und damit zugleich ein neues Wort erfunden. Im Mittelalter, als aus den Sterndeutern Könige geworden waren, hat man in den dreien dann Vertreter der drei damals bekannten Kontinente gesehen: Europa, Asien und Afrika. Klar, dass darum  einer von ihnen schwarz sein musste. In der Folge sind unzählige Gemälde entstanden, die uns die prächtigen 3 Könige vor Augen stellen. Solche Gemälde sind zum Vorbild geworden für die Gewänder der Sternsinger heute. Die Gebeine der drei sollen sich übrigens bis heute in einem kostbaren Schrein im Kölner Dom befinden.

Sind die drei Könige also am Ende nur Märchenfiguren, wie der Weihnachtsmann oder das Christkind? Ich weiß nicht. Vieles hat man erst später dazu erzählt, das ist wohl wahr. Aber von Anfang an hat ihre Geschichte gezeigt: Auch Menschen in fremden Völkern haben begriffen, dass Gott zur Welt gekommen ist. In einem Kind. Bei armen Leuten. Dem haben sie Geschenke gebracht. Deshalb: Hoffentlich können die Sternsinger auch in diesem Jahr Geld für die Armen sammeln – wie auch immer.

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05JAN2021
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Nackte bekleiden – das gehört auch zu den klassischen Werken der Barmherzigkeit. In diesem Jahr erinnern die Kirchen besonders daran. Nackte bekleiden… gibt es denn Nackte in unserem Land? Leute, die abgerissen herumlaufen, das schon eher. Ist Nackte bekleiden also ein Aufruf zur Kleidersammlung?

Eine biblische Geschichte hat mich auf eine andere Idee gebracht: Gleich am Anfang der Bibel wird erzählt, wie Adam und Eva, die Menschen im Paradies, einen schweren Fehler machen. Sie möchten gern sein wie Gott. Und auf einmal stehen sie nackt da. Besser gesagt: Sie begreifen, dass sie nackt sind. Auch im übertragenen Sinn: Sie erkennen, dass sie längst nicht alles können, was sie sich zugetraut haben. Adam und Eva werden deshalb aus dem Paradies vertrieben, erzählt die Bibel..

Aber: Bevor sie gehen müssen, um nun unter viel härteren Bedingungen zu leben, macht Gott selbst ihnen Kleider. Sie sollen nicht frieren, wenn ihnen der Wind oder sogar der Gegenwind des Lebens um die Ohren weht. Und von allem: Sie sollen nicht nackt und beschämt dastehen, ganz egal, was war und was sie getan haben.

„Nackte bekleiden“ heißt für mich deshalb: Die schützen und in Schutz nehmen, die einen Fehler gemacht haben. Die sich bloßgestellt haben. Mehr noch: die von anderen bloßgestellt werden. Im Internet genügt es ja manchmal, dass man die falschen Klamotten trägt oder sagt, was andere nicht hören wollen. Schon fängt das Mobbing an. Oder ein Shitstorm fegt über einen hinweg. Wenn man so in den sozialen Medien an den Pranger gestellt wird, dann braucht man jemanden, der einem beisteht. Der gut von einem redet, egal was die andern sagen. Jemanden, der zu einem hält. Man braucht jemanden, der es nicht weitererzählt, was einem Peinliches passiert ist. Oder welchen Fehler ich gemacht habe, von dem bisher niemand weiß. Man braucht jemanden, der einen nicht bloßstellt.

Da kriegt man dann vielleicht selbst auch was ab vom Shitstorm. Das muss man dann vielleicht mit den Betroffenen aushalten, dass die anderen sich die Mäuler zerreißen.

Nackte bekleiden: Die nicht nackt dastehen lassen, die manchmal ein bisschen lästig sind. Weil sie sich anders verhalten, als es üblich ist. Oder weil sie die Wahrheit sagen, wo andere höflich schweigen. Oder weil sie überhaupt sagen, was keiner gern hört. Über solche Menschen verständnisvoll reden – auch das heißt „Nackte bekleiden“. Auch das ist ein Werk der Barmherzigkeit.

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04JAN2021
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Hungrige speisen und Durstigen zu trinken geben. Das sind 2 von 7 Werken der Barmherzigkeit. Jesus hat sie empfohlen und bis heute ist davon die Rede. In diesem Jahr fordert das kirchliche Jahresmotto zur Barmherzigkeit auf. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist!“

Aber was heißt das nun, barmherzig sein? Heißt das Mitleid haben mit denen, die Unrecht leiden? Nachsichtig sein mit denen, die sich nicht anpassen können? Die schonen, die es sich bequem machen?
Jesus hat Beispiele gegeben für das, was barmherzig ist. Hungrige speisen ist das erste.

Nun gibt es Gott sei Dank keinen wirklichen Hunger in Deutschland. In anderen Ländern aber schon. Und auch bei uns in Deutschland gibt es Armut. Gewiss: Es gibt Tafeln, wo Bedürftige günstig Nahrungsmittel bekommen können und Kleiderkammern gibt es auch. Gott sei Dank.

Aber es ist schwierig, in dieser Zeit Essen auszugeben und Kleider. Und viele gehen da auch deshalb nicht hin, weil sie sich schämen, arm zu sein. Es ist nicht wahr, dass jeder seinen Lebensunterhalt verdienen kann, wenn er bloß will. Hier bei uns nicht. Und anderswo erst recht nicht.

Es gibt Lebensverhältnisse, da kommt man schwer wieder raus. Kinder, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, die tun sich schwer in der Schule und können später kaum einen auskömmlichen Beruf lernen. Es gibt Schicksalsschläge, Behinderungen, Krankheiten, die Menschen in Armut bringen. Da heißt „Hungrige speisen“ auch: dafür sorgen, dass die Verhältnisse sich ändern. Dass alle eine Chance bekommen, für sich selber zu sorgen. Und wohl auch, das Gesunde, Starke und Wohlhabende dafür mit ihren Steuern einen Beitrag leisten. Damit alle Menschen nicht nur satt werden, sondern auch Zukunftschancen haben: Kinder zum Beispiel einen eigenen PC fürs Homeschooling. Überhaupt: Schulen für alle Kinder, auch für Mädchen. Überall.

Ich glaube, deshalb hat Jesus auch von denen gesprochen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten. Solange es nicht gerecht zugeht in unserem Land und in der Welt, solange wird es Arme geben. Chancenlose. Hilfsbedürftige.

Es ist wahr: Für 2021 haben die meisten von uns wohl mehr Sorgen als sonst. Noch längst ist die Pandemie nicht zu Ende. Aber auch sie trifft uns hier in Europa weniger als die Menschen anderswo. Vielleicht sollten wir uns die Werke der Barmherzigkeit vornehmen im kommenden Jahr: Zuallererst „Hungrige speisen und Durstigen zu trinken geben.

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