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16AUG2022
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Ich bleibe in diesem Sommer zuhause. Ich fahre nicht in den Urlaub. Ganz bewusst und mit Absicht. So gerne ich verreise und so gerne ich das Meer sehen würde – es ist mir in diesem Jahr einfach zuviel. Ich möchte nicht planen, ich möchte nicht packen; ich möchte nicht wieder bis kurz vor der Abfahrt am Schreibtisch sitzen und ja nichts vergessen, was noch zu erledigen ist. Ich möchte das Haus nicht aufräumen und alle Wäsche vor der Abfahrt wegwaschen, ich möchte keine fünf Personen unter einen Hut bringen müssen und ich möchte nicht organisieren, dass der Briefkasten geleert und die Hasen gefüttert werden, solang wir nicht da sind.

Ich möchte einfach nur hier sein. In Ruhe hier zuhause. Die Corona-Zeit war für uns als Familie keine schlimme Zeit – aber ich fand, sie war und ist anstrengend. Weil Termine abgesagt und neu geplant werden mussten, weil es immer wieder neu galt, Arbeit und Kinderbetreuung zu organisieren. Weil auch wir uns infiziert haben, krank gewesen sind und Pläne über den Haufen geworfen haben. Alles war am Ende gut machbar – aber ich bin ein bisschen erschöpft.

Deswegen lasse ich die Kinder auf Reisen gehen und bleibe in diesem Jahr zuhause. Mein Bedürfnis nach Ruhe und Pause ist damit erfüllt; aber meine Sehnsucht nach einem Tapetenwechsel, wie man so schön sagt, ist geblieben: Denn es tut schon gut, eine andere Landschaft zu sehen. Eine fremde Küche kennenzulernen. Oder Menschen zu begegnen, die anders leben. Das sind die Dinge, die eine Reise für mich so wertvoll machen.

Für diesen Sommer habe ich eine gute Alternative gefunden: Denn auch zuhause ist es möglich, zwischendurch in eine andere Welt einzutauchen. Ich habe deshalb meinen Sommer zu einem Film- und Kino-Sommer erklärt. Wann immer möglich und mir ein Film gefällt, gehe ich ins Open-Air-Kino und freue mich über die Schönheit der Welt zuhause unter freiem Himmel. Mein Film-Urlaub hat mich bisher unter anderem nach Frankreich geführt. Ins 18. Jahrhundert. Ich habe einen Feinschmecker-Koch erlebt. Er hat auf der grünen Wiese mit weiß gedeckten Tischen das erste Restaurant für alle Bürger eröffnet. Ein anderer Film spielte im England vor hundert Jahren. Dabei habe ich das Leben von Adligen auf einem alten Landsitz beobachtet. Und meiner Sehnsucht nach dem Meer habe ich bei tollen Bildern von der Nordseeküste Raum gegeben. Und bin dort Menschen begegnet, die ihren ganz eigenen Rhythmus zwischen den Gezeiten leben.

So fühle ich mich in diesem Sommer, dankbar für Ruhe und Frieden. Und dafür, dass ich meinen Rhythmus leben kann. Und der heißt in diesem Sommer: einfach nur hier sein.

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15AUG2022
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Seit heute hängt wieder ein Kräuterstrauß in meiner Küche. Kopfüber an der Decke. Damit er trocknet und lange hält. Dass dieser Strauß da hängt, hat mit dem heutigen Tag zu tun, mit Mariä Himmelfahrt: Jedes Jahr am 15. August gibt es in der katholischen Kirche den Brauch der Kräuterweihe. Unterschiedliche Kräuter werden zu Sträußen gebunden und dann im Gottesdienst gesegnet. Diese Kräuterweihe geht auf eine Legende zurück: Als die Jünger von Jesus das Grab seiner Mutter Maria geöffnet hatten, haben sie dort, anstatt ihres Leichnams, Blüten und Kräuter gefunden.

Der Kräuterbüschel in meiner Küche besteht aus sieben Kräutern. So viele müssen es mindestens sein. Sie stehen symbolisch für die sieben Schöpfungstage. Salbei ist mit dabei, eine Rose und eine Getreideähre. Der katholische Frauenbund hat die Kräutersträuße gebunden. Das ist Tradition hier am Ort. Die Frauen stehen am Abend vor Mariä Himmelfahrt vor der Kirche, mit einem großen Waschkorb voll wunderbar duftender und bunter Sträuße. Sie haben damit meine Vorstellung vom Frauenbund bestätigt: überwiegend ältere Frauen, die fromme Bräuche und Traditionen pflegen und Maria verehren. Für mich war das vor vielen Jahren die erste Begegnung mit dem Frauenbund.

Vor zwei Jahren bin ich Mitglied in diesem Verband geworden. Weil ich von den Frauen so viel gelernt habe und von ihrem Engagement begeistert bin. Ich habe erfahren, dass Frauen eine große Tradition in der Urkirche haben. Sie haben Jesus unterstützt und haben Führungsrollen in den ersten Gemeinden übernommen. Es gab Frauen unter den Aposteln und die erste Christin in Europa ist eine Frau gewesen. In der Bibel ist von alldem aber nur wenig zu lesen.

Der Frauenbund setzt sich seit vielen Jahrzehnten dafür eine, dass Männer und Frauen gleichberechtigt Verantwortung in der Kirche und in der Gesellschaft übernehmen. Ich finde das richtig und wichtig. Denn alle sind mit derselben Würde ausgestattet. So hat Jesus das schon zu seiner Zeit gesehen: Er ist mit Frauen ganz normal umgegangen, er hat sie ernst genommen und ihnen oft bewusst einen besonderen Platz gegeben. Mir fällt da vor allem Maria Magdalena ein. Von ihr wird berichtet, dass sie ihm nach der Auferstehung als erste begegnet ist. Ich finde: das ist doch der beste Beweis und die beste Voraussetzung für eine geschlechtergerechte Kirche.

Mein Kräuterstrauß zu Mariä Himmelfahrt ist für mich daher längst kein frommes Symbol mehr. Dieser volkstümliche Brauch erinnert mich vielmehr daran, dass wir Frauen selbstbewusst sein können und selbstverständlich einen Platz in der Kirche haben. Dieser schöne und wohlriechende Büschel an meiner Decke, das ist für mich der Duft der starken Frauen - in der Urkirche und heute.

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17JUL2022
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Doris Köhncke Foto: Manuela Pfann

Manuela Pfann trifft Doris Köhncke. Sie ist die Leiterin des Fraueninformationszentrums in Stuttgart und kümmert sich um Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind.

Wenn Menschen an andere verkauft werden wie ein Stück Vieh, dann spricht man von „Menschenhandel“. Das ist eine Straftat und trotzdem werden jeden Tag tausende Menschen auf der ganzen Welt wie Ware gehandelt. Weil damit viel Geld verdient werden kann. Mit Doris Köhncke spreche ich über dieses Thema. Genauer gesagt: über Frauen, die Opfer von Menschenhandel sind und dann zur Prostitution gezwungen werden. Die Theologin leitet das FIZ, das Fraueninformationszentrum in Stuttgart, und betreut solche Frauen.

Also Menschenhandel bedeutet, dass jemandem…. was versprochen wird und dabei aber getäuscht wird. Zum Beispiel: Toller Job, Verdienst oder auch die große Liebe. … Dann stellt sich raus: es stimmt aber nicht, es wird ganz was Anderes verlangt, der Job ist nicht Kellnern, sondern der Job ist Prostitution.

Wer sich aus so einer Situation befreien kann und im FIZ ankommt, hat Glück. Doris Köhncke und zwölf Beraterinnen helfen den Frauen dabei, neu anzufangen. Ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Wer sind diese Frauen, welche Geschichten erzählen sie, möchte ich wissen. Und warum geraten sie in die Fänge von Menschenhändlern?

Menschenhandel funktioniert immer über ein Arm-Reich-Gefälle. Ich brauche Menschen, die arm sind oder die in Not sind oder bedroht sind oder in einer schwierigen Lebenssituation und deswegen nicht weiterwissen.

Wie eine junge Frau aus Rumänien, an die sich Doris Köhncke erinnert:

Die kam aus einem Dorf, da wussten alle, dass der eine Nachbar in Deutschland ist, da viel Geld verdient; der kam da immer mit einem dicken Mercedes nach Hause gefahren und alle wussten, der hat da ein Restaurant und er hat ihr angeboten, sie kann da bei ihm arbeiten. Sie hat kurz überlegt und alle haben bestätigt, na klar, das wussten alle.

Mach das, haben sie gesagt. Weil alle davon ausgegangen sind: Der Nachbar hat tatsächlich ein Restaurant. Die junge Frau hatte keine Möglichkeit herauszufinden, was wirklich in Deutschland auf sie warten sollte. Nämlich Zwangsprostitution. Frauen aus Ost-Europa sind „typische“ Opfer von Menschhandel, aber auch Frauen aus Afrika:

Der westafrikanische oder nigerianische Menschenhandel ist leider sehr groß, das ist ein Geschäftsmodell, das boomt.

Und zwar auch deshalb, weil viele Frauen weg möchten. Sie fliehen vor Zwangsverheiratung oder Genitalverstümmelung. Diese Situation nutzen Menschenhändler aus: Sie bringen die Frauen nach Italien oder Spanien - und zwingen sie dort zur Prostitution. Wer sich daraus dann befreien kann, versucht nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz zu kommen, möglichst weit weg, denn:

Gerade beim westafrikanischen Menschenhandel werden die Frauen Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte bedroht und gesucht, wenn nicht sie selber, dann ihre Angehörigen.

Für sie organisiert das FIZ deshalb zuerst einmal eine sichere Unterkunft und versucht sie dann zu begleiten. Zum Beispiel bei Anhörungen, wenn es darum geht, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen oder Asyl zu beantragen. 

Die Theologin Doris Köhncke leitet das Fraueninformationszentrum FIZ in Stuttgart. Dort wird Frauen geholfen, die Opfer geworden sind von Menschenhandel. Immer neue Fälle, jedes Jahr werden es mehr; das scheint wie ein Fass ohne Boden zu sein. Verlässt einen da nicht manchmal die Hoffnung, dass sich diese Situation jemals ändert?

Natürlich braucht es eine gewisse Ausdauer da dranzubleiben und es ist manchmal auch frustrierend. Aber letztlich ist dann die Arbeit und die Begleitung der einzelnen Frau was unendlich Wertvolles. Und wenn man Eine unterstützen kann, dass sie es schafft, ist das eine grandiose Erfahrung zu sehen, wie sich jemand wieder entwickelt und wieder zu einem selbstbestimmten Leben zurückfindet.

Der Weg dorthin ist für die betroffenen Frauen hart, der Ausstieg aus der Prostitution enorm schwer. Und wenn es eine Frau geschafft hat, dann warten neue Hürden. Über die ärgert sich Doris Köhncke sehr. Und sie erzählt mir ein Beispiel:

Ich hab jetzt grad wieder eine Frau aus Kamerun, sie war auch Opfer von Menschenhandel, die will Krankenschwester werden. Hat die Ausbildung angefangen, wurde schwanger. Jetzt ist das Kind zwei und sie will jetzt unbedingt weitermachen.

Aber die Frau ist alleinerziehend und braucht eine Kinderbetreuung während der Schichten in der Nacht und am Wochenende. Sie kann das aber nicht finanzieren.

Wir brauchen Krankenschwestern en masse, und da hat man eine, die will das machen und man macht‘s ihr unendlich schwer.

Doris Köhncke ist seit gut zehn Jahren im FIZ. Sie hat viele starke Frauen kennengelernt, wie diese Schwestern-Schülerin. Die sind ganz und gar nicht „nur“ Opfer, sagt sie.

Also ich finde es immer hoch beeindruckend zu erleben, dass die Frauen einerseits oft unendliche Geschichten erlebt haben, Leid und Gewalt und negative Dinge und es trotzdem aber schaffen, an ihre Ressourcen anzudocken. Und dann merkt man, was da da ist. An Kraft, an Lebenserfahrung, an Hoffnung, an Mut.

Ihr Resümee und ihr Blick auf die ausgebeuteten Frauen überrascht mich, so habe ich das noch nie gesehen:

Eigentlich sind die Betroffenen von Menschenhandel ja diejenigen Frauen, die sich was trauen. Weil sie haben ja gewagt, ins Ausland zu gehen. Die, die Opfer sind, sind die, die was ändern wollten. Ich weiß eine, die wollt so gerne in die Schule gehen. Und dann durfte sie nicht mehr und ihre Familie hatte kein Geld mehr …

… und das war die Masche, mit der man sie gekriegt hat. Statt Schulbesuch in Europa ist sie dann allerdings in der Zwangsprostitution gelandet. Doch sie ist daran nicht zerbrochen.

Die will was vom Leben, die will was erreichen und die will sich einsetzen. Dann ging das zwar schief, sie wurde ausgenutzt, aber wenn sie daraus dann frei ist, dann sind das schon Frauen, die kämpfen weiter; für sich, für ihre Kinder, für ihre Träume, für was auch immer.

Fraueninformationszentrum – FIZ | VIJ (vij-wuerttemberg.de)

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12JUN2022
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Dr. Dorothee Steiof Foto: Manuela Pfann

Manuela Pfann trifft die Ärztin und Theologin Dorothee Steiof

Ich bin im Süden von Stuttgart. Auf dem Platz vor mir steht die Kirche St. Maria mit ihren zwei großen Türmen. Hinter mir ist ein neues, schickes Einkaufszentrum und - die Paulinenbrücke. Treffpunkt für Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, zum Teil ohne Wohnsitz oder mit Suchtproblemen. Und mittendrin treffe ich Dorothee Steiof. Sie ist bei der Arbeit. Und dabei tut sie - nichts. Das ist ungewöhnlich, aber beabsichtigt. Sie ist einfach da und schaut und wartet erst mal ab. Das ist tatsächlich ihr Auftrag. Nur da sein. Und das ist gar nicht so einfach:

Weil wir wollen immer was tun und ich will gebraucht werden, das ist so tief in unserer DNA drin und ich kann mich gut erinnern: Am Anfang, als ich die Tätigkeit begonnen habe und ich einfach da war und ich dachte, was tue ich hier, wie kann ich denn hier sitzen und ich mach gar nichts. Diese Erfahrung auch im Nicht-Tun wirken zu können, das ist was ganz anderes wie nichts zu tun.

Seit gut einem Jahr ist Dorothee Steiof rund um die Kirche St. Maria unterwegs. Im Rahmen eines Projektes[1] von Caritas, Diözese und Kirchengemeinde probiert die Ärztin und Theologin aus, was passiert: wenn sie einfach da ist, ohne Angebot, ohne Programm, nicht erkennbar als kirchliche Mitarbeiterin; nur ansprechbar. Und wenn sie gefragt wird, was sie da tut?

Dann sag ich meinen Namen, ich sag, ich bin da und ich interessiere mich für Menschen, so, das ist so vielleicht meine Formel.

Und was passiert dann, wie geht es weiter, möchte ich wissen?

Es muss nichts passieren. Es kann sein, ich sitz manchmal da und denke: Puh, heute hätte ich gar nicht kommen brauchen oder es entstehen sofort Zweifel. Und plötzlich bin ich in ganz intensive Gespräche involviert und jemand erzählt mir von der Beerdigung seiner Mutter und wir tauschen uns über die Weisen, wie Menschen beerdigt werden, über Menschen aus, die uns nahestehen und wie wir sie erinnern und welchen Stellenwert sie in unserem Leben haben.

In solchen Gesprächen gibt dann auch Dorothee Steiof etwas aus ihrem Leben preis. Dann entsteht plötzlich eine vertraute Atmosphäre. Wie kann das gelingen, dass man sich mitten auf der Straße so nahekommt?

Ich glaube der Raum entsteht über die Befreiung, nichts zu müssen, interessiert da sein und diese Offenheit und dieses Absichtslose. Und es entsteht für so einen Moment ein wechselseitig sich Würde schenken. Und solche Momente zumindest zu ermöglichen oder dafür offen zu sein, das ist so, was mich umtreibt, ja.

Dorothee Steiof ist Ärztin und Theologin und seit gut einem Jahr arbeitet sie regelmäßig auf der Straße, auf dem großen Platz vor der Kirche St. Maria in Stuttgart. Sie ist weder Sozialarbeiterin noch Quartiersmanagerin. Sie ist einfach da. Bietet sich als Person an. Ohne Absicht und ohne Programm. Sie ist ansprechbar für alle. Und sie beobachtet:

Ich finde, wir gehen oft von A nach B, wir haben ein klares Ziel vor Augen und auf einmal merkt man, wie sich Menschen im öffentlichen Raum aufhalten; wer den ganzen Tag wo sitzt, wer von einem Sitzplatz zum anderen wandert, wer mit wem spricht oder nicht spricht. Auf einmal rücken ganz andere Menschen in den Vordergrund.

Nach einem Jahr ist dieser Ort ist für sie nicht mehr nur der Platz, zwischen Pflastersteinen, Sandboden und Grünstreifen, auf dem die Bänke mit Graffiti vollgesprüht sind.

Die Gesellschaft und öffentliche Orte auch als spirituell gefüllte Orte wahrnehmen, das habe ich da gelernt. Es entsteht so eine tiefe Verbundenheit zu den unterschiedlichsten Menschen; und dass das eigentlich die Weise ist, wo ich auch Gottes Gegenwart erlebe.

Das kann bei einem Blickwechsel sein oder im kurzen Austausch mit jenem Mann im Rollstuhl, der regelmäßig da ist. Oder bei ganz anderen Gelegenheiten, ganz unerwartet: Dorothee Steiof erzählt mir zwei kleine Beispiele:

Es gibt einen Menschen, der jede Nacht auf einem Friedhof übernachtet und mir berichtet, dass er jeden Abend, bevor er schlafen geht, trotzdem danke sagt dafür, dass er diesen Tag leben durfte.

Bei einer anderen Begegnung ist es so,

dass wir darüber sprechen, was gibt uns wechselseitig Kraft in schwierigen Situationen und ein Mensch anfängt, einen Gebetstext zu singen, der ihm Kraft gibt und wir sitzen am Straßenrand miteinander. Ich bin oft die Lernende, es entstehen oft Situationen, da ist gar nicht mehr klar, wer verkündet jetzt wem? Derjenige kann was ausdrücken von dem, was das Evangelium sein kann, wie ich es nie ausdrücken könnte.

Auch wenn sie Harry trifft, erlebt sie das. Und den trifft sie eigentlich immer, wenn sie vor St. Maria unterwegs ist. Harry hat selbst viele Jahre auf der Straße gelebt, ohne Wohnung. Jetzt hilft er mit, Lebensmittel zu retten und verschenkt sie dann in „Harrys Bude“, direkt neben der Kirche. 200 Leute kommen da jeden Tag vorbei. Harry erzählt Dorothee Steiof: so wie Menschen ihm geholfen hätten, so will er jetzt anderen helfen.

Wenn man Menschen nicht primär nur als Bedürftige ansieht, dann gelingt ein Perspektivwechsel, sagt Dorothee Steiof. Und dann kann man erfahren, wie einzigartig jeder Mensch ist.

Durch diese Freiheit in der Begegnung, dadurch, dass nicht so ganz klar ist, wer wir füreinander sind, wir zwei Menschen, die sich da begegnen - wer ist Gast, wer ist Gastgeber? Das verschwimmt für einen Moment und dadurch passiert es oft, dass ich zur Beschenkten werde. Dafür Möglichkeitsräume zu eröffnen, dass solche Erzählungen passieren, und das auch weitergeben zu können, das wird aus meiner Sicht viel zu wenig in Kirche getan.

 

Die Begegnung mit Dorothee Steiof vor der Kirche St. Maria gibt es auch als Audio-Slide-Show in Wort und Bild.

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https://www.caritas-im-lebensraum.de/beitraege/gott-in-der-stadt-entdecken-oder-was-macht-gott-in/1977475/

https://www.feinschwarz.net/was-macht-gott-in-der-stadt-erfahrungen-aus-einem-projekt-der-praesenzpastoral-im-sueden-von-stuttgart/

 

[1] Das Projekt wurde vom 1.2.21-31.1.22. von Bonifatiuswerk (https://www.bonifatiuswerk.de/de/) gefördert, seit dem 1.4.22 von der Diözese Rottenburg-Stuttgart

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27MAI2022
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Wir hatten eine wunderschöne Katze. Mit rotem, flauschigem Fell. Sie ist bei uns eingezogen als sie gerade erst ein paar Wochen alt war und hat mit uns Haus und Garten bewohnt. Irgendwann aber ist sie immer seltener nachhause gekommen. Freunde am anderen Ende des Dorfes haben uns regelmäßig angerufen und informiert, dass sie unsere Katze gesehen hätten, weit weg von zuhause. Immer wieder sind wir dann mit dem Katzenkorb ausgerückt, haben sie eingefangen und wieder nach Hause gebracht. Es ging nicht lange gut, meist nur ein paar Tage, dann war sie wieder weg.

Ein Jahr später waren auch wir weg. Unsere Familie hatte sich getrennt, Haus und Garten haben wir zurückgelassen. Und die Katze ließen wir ihrer Wege gehen.

Das alles liegt fast zehn Jahre zurück. Aus der Ursprungsfamilie sind zwei neue Patchwork-Familien entstanden, wir alle haben an neuen Orten ein Zuhause gefunden. Und jetzt, vor einigen Wochen, steht plötzlich eine schöne rote, flauschige Katze in unserem Garten. Nein, es ist nicht unser alter Kater. Es ist eine wunderschöne Katzendame. Noch wissen wir nicht genau, wohin sie gehört. Doch sie besucht uns mittlerweile jeden Tag und sucht sich ihre Schlafplätze; immer in unserer Nähe: auf meinem Schreibtisch, in einer Kiste im Wohnzimmer oder auf dem warmen Badfußboden. Jedes Mal, wenn ich zur Türe gehe und die Katze nach ihrem Schläfchen wieder hinauslasse, mischen sich Wehmut und Hoffnung: Kommt sie wieder? Fühlt sie sich wohl bei uns? Auch wenn ich weiß, sie ist wahrscheinlich nur eine Besuchskatze auf Zeit.

Mittlerweile und im Rückblick denke ich, unser alter Kater hat es damals vor uns gespürt. Er hat gemerkt, dass Veränderung in der Luft lag; dass er bei uns kein dauerhaftes Zuhause haben wird. Und deshalb ist er gegangen.

Die neue rote Katzendame ist zu einer Art Seismograf für mich geworden. Ein Gradmesser also der anzeigt: Wie gut ist es eigentlich bei uns zuhause? Sie erinnert mich jeden Tag daran, dass ich genügend aufpasse, wie es allen geht, die hier ein und aus gehen. Dazu gehört für mich, dass wir offen und ehrlich miteinander reden, auch wenn das manchmal weh tut. Dass ich gleichzeitig aber auch erkenne, wann es Zeit ist, zu schweigen, nicht mehr nachzubohren und jedem seinen Raum lasse, sich zurückzuziehen. Das Wichtigste aber ist: Ich will mich aufrichtig freuen über jeden Einzelnen in meiner Familie und ihn oder sie das auch spüren lassen; unabhängig von der 5 in Französisch oder der wieder einmal nicht ausgeräumten Fußballtasche mitten im Wohnzimmer. Ich glaube es ist dann gut, wenn alle jederzeit nachhause zurückkommen können. Nicht nur die rote Katze.

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25MAI2022
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Seit einigen Monaten kümmere ich mich um den ehemaligen Pfarrer meiner Heimatgemeinde. Ich kenne ihn schon sehr lange, er hat unsere Kinder getauft und uns viele Jahre begleitet. Mittlerweile ist er fast 90 Jahre alt. Er ist gebrechlich, hört schlecht und hat so Manches vergessen. Das ist nun mal so in diesem Alter. Was allerdings seine Beerdigung angeht, weiß er ganz genau was er will. Sein Grab hat er bereits reservieren lassen, in welcher Kirche das Requiem gefeiert wird, und an welchem Ort der Leichenschmaus stattfinden soll, steht fest. Auch wer in der Kirche die Orgel spielen soll, hat er notiert. Das Wichtigste aber ist für ihn etwas ganz Anderes. Jedes Mal, wenn ich bei ihm bin, wiederholt er diesen Wunsch: „Ich möchte nicht von einem Priester beerdigt werden. Ich möchte, dass eine Frau die Trauerfeier leitet. Weil die Frauen das so gut machen.“

Das macht seinen Wunsch und seinen letzten Willen so besonders: Der Mann ist eben kein gewöhnlicher Katholik, er ist selbst Priester. Und das seit über 60 Jahren. Er ist damals Priester geworden, um in der katholischen Kirche etwas zu verändern. Zeit seines Lebens hat er sich deshalb dafür eingesetzt, dass Frauen Priesterinnen werden dürfen und dass die Pflicht zum Zölibat abgeschafft wird. Er hat gegen kirchliche Sanktionen gepredigt und wer zu ihm kam, hat immer am Abendmahl teilnehmen dürfen, egal ob er evangelisch war oder zum zweiten Mal verheiratet. Seine Maxime war: Das eigene Gewissen zählt und nicht starre Vorschriften. Er hat sein Leben lang gestritten, Protestbriefe geschrieben und sich mit Bischöfen angelegt.

Gleichzeitig hat er in seiner eigenen Gemeinde schon sehr bald dafür gesorgt, dass es anders läuft: Frauen waren für ihn weit mehr als Kuchenbäckerinnen oder Köchinnen beim Gemeindefest. Schon vor vielen Jahrzehnten sind sie in seiner Kirche am Altar gestanden und haben Wortgottesdienste geleitet und gepredigt. Frauen im Altarraum haben deshalb mein Bild von Kirche geprägt. Ihn selbst habe ich oft erlebt, wie er als ganz gewöhnliches Gemeindemitglied am Sonntag in der Kirchenbank gesessen ist. Und begeistert war, mit wieviel „Herzblut und Kompetenz“ Frauen Gottesdienst feiern, so hat er es formuliert.

Sein letzter Wunsch und Wille ist deshalb jetzt logisch und konsequent. Aber er ist noch mehr: Es ist entscheidend, dass solche Konsequenzen aus den eigenen Reihen der katholischen Kirche kommen, denn nur so ist es überhaupt möglich, ein Zeichen zu setzen. Denn nur dann kann die Männer-Kirche aufgebrochen werden.

„Ich möchte, dass eine Frau mich beerdigt.“ Auch wenn ich den Priester schon lange kenne und mir seine Gedanken vertraut sind, hat mich dieser letzte Wunsch sehr berührt, als Frau und als Katholikin. Ich habe ihm versprochen, dass es genau so kommen wird.

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24MAI2022
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Bei solchen Bildern bekomme ich Gänsehaut: Hunderte Einwohner der ukrainischen Stadt Cherson stellen sich russischen Militärfahrzeugen entgegen. Sie rufen: „Dreht um, fahrt nach Hause“. Die Frauen und Männer haben dabei die ukrainische Flagge um ihre Schulter gelegt. Und sie tragen keine Waffen. Die Militärfahrzeuge legen den Rückwärtsgang ein und verlassen die Stadt.

Was die Bürger von Cherson in dieser Situation getan haben, wird als „ziviler Widerstand“ bezeichnet. Widerstand ohne Waffen und ohne Gewalt. Von diesen Bildern geht eine große Kraft aus. Sie machen Mut und Hoffnung. Dass es einen anderen Weg gibt, sich gegen die russische Invasion zu wehren. Nach solchen Bildern muss ich in der Presse und im Internet allerdings regelrecht suchen. Andere Bilder hingegen drängen sich mir auf, jeden Tag, auf allen Kanälen: Bilder, die brennende Panzer und Häuser zeigen und Städte, von denen nur noch Schutt und Trümmer übriggeblieben sind. Es sind schreckliche Bilder, die die Nachrichten beherrschen.

Wir sind uns schon im Kleinen, in unserer Familie, nicht einig, was richtig ist: Sollen Menschen ihr Land mit Waffen verteidigen oder ist es besser, ohne Gewalt Widerstand zu leisten? Welches ist der bessere Weg zum Frieden? Es gibt gute Argumente für den einen Weg und gute für den anderen. Mir ist klar, es gibt keine einfache und schon gar keine eindeutige Lösung. Trotzdem halte ich es für ganz und gar nicht naiv zu glauben, dass Gewalt auf lange Sicht keinen Frieden möglich macht. Forschungen bestätigen das: Gewaltfreie Bewegungen waren in den letzten 100 Jahren doppelt so erfolgreich wie solche, die Waffen eingesetzt haben[1]. Damit das gelingt, braucht es allerdings eine ganze Menge: Es müssen Viele mitmachen, der Gegner muss gleichzeitig geschwächt werden, mit Sanktionen zum Beispiel. Oder weil Teile des Gegners nach und nach kooperieren. In jedem Fall braucht auch gewaltfreier Widerstand eine Strategie und einen Plan.

Und es braucht Bilder und Geschichten, die von diesem Widerstand ohne Waffen erzählen: vom jungen russischen Soldaten zum Beispiel, der übergelaufen ist und mit Tee und Kuchen von den Ukrainern empfangen wird. Von den Bürgern, die Straßenschilder austauschen, um Angreifer zu verwirren. Von den vielen hundert Menschen, die die Zufahrtsstraße zu einem ukrainischen Atomkraftwerk blockieren. Diese Form des Widerstands muss sichtbar werden! Weil er Mut macht und weil er an kleinen Beispielen zeigt: Widerstand heißt nicht automatisch Gewalt und Zerstörung.

[1] Why Civil Resistance Works | Erica Chenoweth

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23MAI2022
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Die Stuttgarter Domkirche St. Eberhard steht auf der Königstraße. Mitten zwischen Geschäften und Banken. Man muss genau hinschauen, um zu sehen, dass die Fassade der Kirche an einer Stelle durchbrochen ist. Von einer Glasscheibe. Dahinter: ein Gesicht. Die Büste von Eugen Bolz.

Bolz war württembergischer Staatspräsident bis 1933. Weil er sich offen gegen die Nationalsozialisten gestellt hat und später Verbindungen zum Widerstand im Dritten Reich hatte, wurde er 1945 hingerichtet. Eugen Bolz war nicht nur Politiker, sondern auch engagierter Katholik. Er saß für die katholische Zentrumspartei im Landtag. Und in dieser Zeit war St. Eberhard seine Stuttgarter Pfarrkirche.

Der kleine Bolz-Gedenkort in der Kirchenfassade ist an diesem Wochenende eingeweiht worden. Das ist ein guter Zeitpunkt. Denn am Donnerstag beginnt in Stuttgart der Katholikentag. Mehrere Zehntausend Christinnen und Christen werden in diesen Tagen in der Stadt unterwegs sein und genau hier vorbeilaufen. An dieser aufgebrochenen Kirchenmauer.  Für mich ist das ein starkes Symbol: Kirche muss sich öffnen, zur Straße hin, zur Welt. Denn die Kirche ist nicht für sich selbst da ist. Eine Kirche, die in ihren Mauern bleibt, ist keine Kirche im Sinne von Jesus. Das bedeutet im Umkehrschluss: Kirche muss hinausgehen, sie muss dort sein, wo Menschen leiden, weil sie vor Krieg und Gewalt fliehen, wo Menschen ausgebeutet werden, weil andere ihnen einen fairen Lohn verwehren. Oder dort, wo Menschen diskriminiert werden, wegen ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer Religion.

Eugen Bolz hat seine politische Arbeit als Katholik genau so verstanden. Er hat entschlossen gehandelt, wenn Andere unrecht behandelt wurden. Er selbst hat seine Haltung einmal so formuliert: „Politik ist für mich nichts anderes als praktische Religion“.

Der Katholikentag in Stuttgart in dieser Woche bietet genau diese Chance: Was Christen glauben mit dem, was in der Welt vor sich geht, zusammenzubringen. Auf Straßen und Plätzen, in Kirchen und Hallen. Eine der zentralen Veranstaltungen findet im Landtag von Baden-Württemberg statt und stellt die entscheidende Frage: „Wer braucht noch die Kirche?“ Ein Bischof und ein Politiker werden sich dort gegenübersitzen, Bischof Georg Bätzing und Kevin Kühnert; und sie werden um Antworten ringen.

Der Landtag in Stuttgart ist nur einen Steinwurf entfernt von der Domkirche St. Eberhard. Der neue Gedenkort bricht die Grenze zwischen Kirche und dem öffentlichen Raum symbolhaft auf. Für eine Zukunft der Kirche ist das wichtig: Diesen Durchbruch muss es dauerhaft geben, nicht nur beim Katholikentag.

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01MAI2022
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Wolfgang Herrmann Foto: Manuela Pfann

Heute ist der 1. Mai, der Tag der Arbeit. Deshalb treffe ich mich mit Wolfgang Herrmann; mit ihm möchte ich mich über die Bedeutung von Arbeit unterhalten. Er ist Priester und leitet die Betriebsseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sein Arbeitsplatz ist überwiegend draußen: auf Fernfahrerparkplätzen, bei Betriebsräten oder auf Podiumsdiskussionen. Priester sein und sich um Arbeitende kümmern, das gehört für ihn ganz eng zusammen. Und zwar schon seit einem Studienjahr in Mexiko.

Wir haben vormittags studiert und jeder hat während des gesamten Studiums nachmittags in einer Kirchengemeinde mitgearbeitet oder in einem Projekt oder sogar in einem Betrieb gearbeitet. Ich fand diese Verbindung zwischen Studium und dem Sich-Einlassen auf die Situation der Menschen, mit denen ich ja später arbeiten werde, ungemein spannend. Vor allem weil die Menschen einen immer wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt haben.

Das war Mitte der 80er Jahre. Und diese Erfahrung hat seinen Blick als Seelsorger bis heute geprägt:

Ich habe aus Mexiko einen Satz mitgebracht, der mich seitdem umtreibt und der heißt: Die Kirche und die Mitarbeiter müssen dort sein, wo sich das Leben der Menschen abspielt.

Und das ist in den Augen von Wolfgang Herrmann eher nicht im Gemeindehaus oder in der Kirche. Sondern dort, wo Menschen ihrer Arbeit nachgehen. Herrmann und sein Team haben beispielsweise Kontakte zu Wanderarbeiterinnen und -arbeitern aus Osteuropa; sie betreuen und beraten aber auch Menschen ohne Arbeit oder sie setzen sich an der Seite von Gewerkschaften für bessere Arbeitsbedingungen ein. Zu diesen Bedingungen zählt für den Seelsorger in jedem Fall auch der arbeitsfreie Sonntag.

Das ist ja nicht nur ein Tag, an dem wir tun und lassen können, was wir wollen, weil es kein Tag der Erwerbsarbeit ist. Sondern von der Geschichte her ist das ein Tag, der uns daran erinnert, dass der Mensch nicht nur ein Wesen ist, das man wirtschaftlich verwerten kann.

Mit Geschichte meint er die berühmte Erzählung aus dem alten Testament, in der Mose das Volk Israel aus der Gefangenschaft befreit

Und Gott hört den Schrei dieses Volkes und führt es aus der Arbeitssklaverei in ein Land, wie es dann heißt, wo Milch und Honig fließen.

In Zeiten von Homeoffice und der Möglichkeit immer online zu sein, verschwimmen die Grenzen von Arbeit und Freizeit zunehmend. Da bin ich tatsächlich froh, dass der Sonntag auch mich manchmal zwingt, innezuhalten.

Der Sonntag hat eine Dimension, die weit über die christliche Bedeutsamkeit hinausgeht. Das ist ein Tag, der für uns alle als Menschen ein Geschenk freier Zeit ist. Wo wir unverfügbar sein können. Wo wir uns Dingen widmen können, von denen niemand erwartet, dass wir sie tun.

Wolfgang Herrmann ist Priester und leitet seit 15 Jahren die katholische Betriebsseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Am Tag der Arbeit spreche ich mit ihm über den Wert von Arbeit und über seine Vision für das Jahr 2030. Und die sieht so aus: Es gibt viele genossenschaftlich geführte und regionale Betriebe, Krankenhäuser müssen keine Gewinne mehr erwirtschaften und bezahlen ihre Pflegekräfte gut, Lebensmittelproduzenten haben den Natur- und Tierschutz im Blick. Und jeder arbeitet so viel, wie es für ihn in der aktuellen Lebensphase gerade möglich ist.[1]

Im Grunde genommen braucht es ein komplettes, gesellschaftliches Umdenken. Von daher hat das Auswirkungen auf unsere Arbeit, auf unseren Lebensstil.

Gerade deshalb beeindruckt ihn das Engagement der vielen jungen Leute bei Fridays for future. Weil die klar sagen:

Leute, es geht nicht mehr so. Da braucht es Aushandlungsprozesse. Wieviel Ressourcen wollen wir eigentlich verbrauchen? Früher beim Metzger hat es immer geheißen, darf es ein bisschen mehr sein? Heute muss vielleicht die Frage lauten: Darf es ein bisschen weniger sein?

Wolfgang Herrmann ist sich sicher, dass wir weiter und ganz neu denken müssen. Auch wenn Vieles zunächst utopisch klingt.

Mit klugen Fragen, mit klugen Ideen wo wir gerne hinmöchten, gewinnt man Menschen, über diese Zukunftsperspektive miteinander ins Gespräch zu kommen und dann auch zu überlegen, wie könnten denn die ersten kleinen Schritte dahin aussehen.

Von einem solchen ersten kleinen Schritt erzählt mir Wolfgang Herrmann dann. In Aalen, im östlichen Teil von Baden-Württemberg, versucht eine ganze Stadt die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen auf ihre Weise umzusetzen. Und mit einem kleinen Projekt ist die Betriebsseelsorge da mit dabei, denn die verkauft dort besondere Tomaten – und zwar aus Süditalien

Das ist ein Projekt, wo Geflüchtete unter fairen Bedingungen Tomaten anbauen und ernten, mafia-frei, ausbeutungsfrei und damit eine Alternative anbieten für einen fairen, nachhaltigen Konsum von Lebensmitteln, die bei uns in Europa hergestellt werden.

Klar, diese Tomaten kosten deutlich mehr als andere Tomaten aus dem Süden. Es stellt sich da im Kleinen die große Frage: Was sind uns faire Arbeit und menschenwürdige Bedingungen wert? Für den Betriebsseelsorger ist das klar:

Ich kann einen Beitrag dazu leisten; die Tomate, die Lasagne oder die Pizza schmeckt plötzlich ein ganzes Stück fairer. Und das sind so die einzelnen Bausteine, wo man auf lokaler Ebene beginnen kann, eine Veränderung herbeizuführen. Es geht was! Gerecht geht anders, braucht seine Zeit; aber es geht was!

 

[1]Rastplatz Betriebsseelsorge, Sonderausgabe März 2030

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20MRZ2022
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Schwester Maria Immaculata Kieninger (OSB) Foto: Manuela Pfann

Heute ist Weltglückstag, wie immer am 20. März. So haben es die Vereinten Nationen vor zehn Jahren beschlossen. Es geht darum in den Blick zu nehmen, was Menschen brauchen, um sich wohl und glücklich zu fühlen. Allerdings: Wenn ich heute in unsere Welt schaue, sehe ich gerade viel Unglück. Wie also vom Glück erzählen? Ich fahre dazu an einen Ort von dem ich glaube, dass dort, trotz allem, viele glückliche Frauen leben.

Ich mache mich auf die Reise, ins Schwäbische Oberland. In der Nähe von Ravensburg liegt das Kloster Kellenried. Dort treffe ich Sr. Maria Immaculata. Mir kommt eine lächelnde Frau entgegen, gestützt auf einen Rollator. Sie ist 92 Jahre alt. Ihre Augen sind hellwach und nicht nur ihre Stimme hat etwas Jugendliches bewahrt. Wer ist diese Ordensfrau, die nach über 70 Jahren hinter Klostermauern sagt, ihr Leben sei unwahrscheinlich glücklich verlaufen? Sie erzählt mir von ihrem ersten Tag:

Damals, als ich eintrat, hab ich nur die eine Sorge gehabt: Was tust Du, wenn es Dir langweilig wird? Ich hatte die Vorstellung, da betet man den ganzen Tag und das hältst Du nicht aus.

Sie hat es sehr gut ausgehalten. Denn gebetet hat sie nur während der einen Hälfte des Tages. In der anderen galt es anzupacken. Und das gefiel ihr:

Wir Frauen waren schon immer emanzipiert, weil wir alles selber gemacht haben. Wir hatten Schreinerei, wir hatten Malerei, wir hatten Anstreicherei, Schusterei. Ob das im Viehstall war oder bei den Hühnern, ich hab damals noch überall gute Mitschwestern gehabt. Und was die gemacht haben, hab ich auch gemacht. So dass jede Phase meines Lebens zu meinem Glück geworden ist; das kann ich gar nicht anders sagen.

Das finde ich bemerkenswert. Denn die junge Schwester ist damals ohne jegliche Ausbildung ins Kloster eingetreten. Aber nicht ohne Talent. Wie denkt sie darüber, wenn sie heute zurückblickt?

Um das kurz zu sagen, wie ich mein Leben sehe, dann würde ich sagen - das würde ich jetzt schwäbisch sagen: Wie a Katz, die immer auf d‘ Fiaß fällt. Weil ich die Gaben mitbekommen habe, unkompliziert die Dinge, wie sie kommen, zu tun.

Und mit dem Talent kommt dann das Glück einfach so dazu?

Nein, nein. Hinsitzen und meinen, das fällt mir in den Schoß, da kannst Du lang warten.

Also hat sie geackert, nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der Kerzenwerkstatt. Und das hat ihr Kloster im Laufe der Jahrzehnte fast ein bisschen berühmt gemacht.

Sr. Maria Immaculata ist 92 Jahre alt und lebt im Kloster Kellenried bei Ravensburg. Fröhlich und bei guter Gesundheit. Die Kerzenwerkstatt im Kloster ist das Lebenswerk der Benediktinerin. Seit fast 60 Jahren ist sie die Chefin.

Als ich angetreten bin, waren wir ganz arme Leute und haben nur von Almosen gelebt. Meine Mitschwestern und ich haben dann die Erwerbszweige aufgebaut, die Krippen und die Kerzen. Von Mal zu Mal ist das gewachsen. Und die Nachfrage wird immer größer.

Sie entwirft Motive und bemalt die Kerzen. Und von Kellenried aus gehen sie ins ganze Land: Osterkerzen für die Kirchen, Kommunionkerzen, Hochzeitskerzen und so weiter. Bis heute geht jede Kerze geht durch ihre Hände. Mit den Jahren sind es wohl Hunderttausend gewesen! Was passiert mit der Kerzenwerkstatt, wenn Sr. Maria Immaculata nicht mehr da ist?

Es ist die absolute Ruhe in mir, ich kann jederzeit verschwinden, ich hab versucht, alles mitzuteilen und zu vermitteln. Das ist natürlich eine große Beruhigung. Und was dann daraus wird, das ist dann nicht mehr meine Sache.

Und trotzdem macht sie sich grundsätzliche Gedanken wie alles weitergeht. Vor allem mit Blick auf die junge Generation. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie viele Jugendliche begleitet. Und sie ist sich sicher:

Dass dieser Jesus Christus wie bei mir damals klopft, aber sie hören es nicht mehr. Weil so viele akustische und optische Eindrücke auf sie einströmen jeden Tag und sie sich keine Zeit nehmen, das zu sortieren.

Damit sie dem eigenen Weg oder gar dem Glück in ihrem Leben auf die Spur kommen, da braucht es noch mehr, sagt sie:

Vor lauter Handy und Smartphone und so weiter können die Ideen, die in ihnen liegen, und die Begabungen, gar nicht erkannt werden. Ohne Zeiten der Besinnung kann nichts erkannt werden.

Sr. Maria Immaculata ist dennoch überzeugt, dass keiner seinen Lebensweg alleine geht; weil sie es selbst so erlebt.

Ich meine, jeder, jede wird gut geführt. Das ist zwar vielleicht ein großes Wort, aber ich mein‘s trotzdem. Unser Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, der hat so viel Ideen mit dem Heiligen Geist zusammen und Fantasie.

Und was ist, wenn Dinge doch einmal anders kommen als geplant?

Das macht an meinem Glück nichts aus, wenn etwas schiefläuft. Oder nicht so genau ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber des kratzt mein Glück nicht an. Das sitzt tiefer.

Denkt jemand, der so ein gesegnetes Alter erreicht hat, der so rundum zufrieden ist, eigentlich an das Ende seiner Zeit auf der Erde?

Jeden Abend. Ich sage: Lieber Bruder Tod, ich bin parat, du kannst kommen, aber mach schnell. Und dann hoffe ich, dass du mich ins Licht führst. Und ich bilde mir sogar ein, dass ich empfangen werde.

Das ist mein kleines Glück an diesem Tag: dass ich Sr. Maria Immaculata begegnen durfte, und dass sie ihren klaren Blick auf das Leben mit mir geteilt und mich mit ihrer Freude angesteckt hat.

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