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SWR1 Begegnungen

14MAI2026
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Winfried_Kretschmann Copyright: Staatsministerium Baden-Württemberg/Dennis Williamson

Heute mit Manuela Pfann und mit Winfried Kretschmann, dem nun ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Wir haben am Rand einer Tagung miteinander gesprochen. Deshalb ist es zu Beginn unseres Gesprächs noch ein wenig unruhig. Auf dieser Tagung ging es um die Zukunft der Kirche. Von Winfried Kretschmann weiß man, dass er aktiver Christ und Katholik ist – und immer auch einen kritischen Blick auf die Kirche hat.

Die Frage nach der Zukunft der Kirche ist ein passendes Thema für den heutigen Feiertag, Christi Himmelfahrt. Denn kurz zusammengefasst ist vor über 2000 Jahren folgendes geschehen: Himmelfahrt ist den biblischen Erzählungen nach jener Moment, an dem Jesus die irdische Welt verlässt und seine Nachfolger aussendet. Sie sollen fortsetzen, was er begonnen hat. Sie sollen als Christen so leben, dass es in der Welt, in der Gesellschaft sichtbar wird.

In der Kirche, die dann nach und nach entstanden ist, da ist sicher nicht immer alles gut gelaufen.
Ich frage Winfried Kretschmann: Wie müsste denn für ihn eine Kirche aussehen, in der er gerne Christ wäre.

Ich meine, ich bin ja Mitglied der Kirche. Ich war ja ausgetreten, bin wieder eingetreten. Da muss man schon wissen, was man tut. Und ich bin gern in der Kirche, auch so, wie sie ist. Natürlich muss sie sich auch immer wieder ändern und gucken, dass sie zeitgenössisch bleibt. Also im Kern wünsche ich mir eine Kirche, die streitet. Ja, die streitet um den rechten Glauben, die streitet, wie man diesen Glauben in die Gesellschaft übersetzt.

Und streiten heißt für Winfried Kretschmann keinesfalls zerstreiten oder im Streit auseinander gehen, sondern im Gegenteil:

Dialog, Dinge durchsprechen. Und das ist der Wunsch für die Gesellschaft wie für die Kirche. Da unterscheiden sich beide nicht. In der Gesellschaft müssen wir mal durchsprechen: Was bedeutet unsere Verfassung, was ist daran wichtig, was ist unaufgebbar? Und das muss die Kirche mit ihrem Evangelium genauso machen. Was ist unaufgebbar? Was muss ich ändern? Was muss ich anpassen? Was muss eine andere Gestalt annehmen?

Für den Katholik aus Sigmaringen ist die Kirche, so wie sie ist, schon in Ordnung, sagt er. Im Grundsatz hadert er nicht, aber mit einzelnen Fragen natürlich schon, zum Beispiel:

Dass sie Frauen von Ämtern ausschließt. Das wird sie niemals durchhalten können in der Zukunft. Das halte ich für völlig ausgeschlossen.

Aber an dem Punkt möchte er sich nicht mehr abarbeiten. Da hat er jahrelang öffentlich seine Meinung geteilt. Winfried Kretschmann ordnet alles in einen größeren Zusammenhang ein. Nicht nur Glauben und Kirche, auch die Politik. Und da kann ich zwischen den Zeilen ganz deutlich seine Haltung hören. Es geht darum, dankbar und demütig zu sein für das, was ist.

Die Demokratie ist eben nicht selbstverständlich. Friede ist nicht selbstverständlich. Freiheit ist nicht selbstverständlich. Das dachten wir aber jetzt jahrzehntelang. Und erst in der Krise merken wir das. Und so ist es natürlich mit dem Glauben auch. Der ist eine große Ressource der Sinnstiftung, hat sich niedergeschlagen, in vielem.  Denken Sie nur, dass die Person im Mittelpunkt von Rechten steht. Das ist einfach ein großes Erbe des Christentums. Und das kann schnell wieder verloren gehen, wenn Diktatoren kommen, dann giltst du als Einzelner mal nichts.

Ich bin Manuela Pfann und spreche mit Winfried Kretschmann, dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Der Glaube ist für ihn essentiell, wenn es darum geht, eine Gesellschaft zu gestalten. Er hofft, dass die Menschen das erkennen. Gerade jetzt, in Zeiten, in denen der Glaube in einer Krise steckt.

Der Glaube ist nicht nur irgendwie was für irgendwelche Sonntagsreden. Der hat was mit der Wirklichkeit zu tun und daraus wird dann Dankbarkeit entstehen. So wie wir heute merken, wie dankbar wir für Freiheit und Demokratie sein müssen. So dankbar dürfen wir auch dafür sein, dass Jesus in Christus Mensch geworden ist. Das ist einfach ein grandioses Ereignis der Geschichte. Mir begegnet da etwas außerhalb meiner eigenen Wirklichkeit.

Ja, das ist richtig. Und ich merke, dass ich diesen Anfang manchmal selbst beiseiteschiebe, vor lauter Kritik, natürlich auch berechtigter Kritik an der Institution Kirche. Für Winfried Kretschmann gibt es über die Bedeutung von Glaube und Kirche gar keinen Zweifel. Weil die Kirche für ihn gefühlt immer da ist:

Da wirst du getauft bis zur Beerdigung. Die Kirche begleitet dich dein Leben lang. Ich meine, wer macht das bitte schon sonst? Also, das muss man einmal sehen. Das ist eine gewaltige Ressource, die wir da in der Kirche haben. Und die kommen auch dann, wenn andere einen Bogen um dich machen. Ja, also, wenn du krank bist, wenn du behindert bist, wenn du irgendwie aus dem Rahmen fällst, wenn du arm bist. Da kümmern sie sich wirklich darum. Das ist eine unglaubliche Ressource.

Was dann fehlt, würde man erst merken, wenn die Kirche nicht mehr da ist, meint Kretschmann. Und das macht ihm tatsächlich Sorgen.

Wenn sie verschwindet, kommt sie so schnell nicht wieder. Insofern müssen wir schon auch darum kämpfen, dass die Kirchen stark bleiben. Sie können klein sein. Deswegen kann man trotzdem stark sein, wirkmächtig und einfach relevant.

Meine Frage, ob er ganz sicher nicht nochmals aus der Kirche austreten wird, kann ich kaum bis zu Ende aussprechen.

Nein, nein, ganz sicher nicht.

Am Ende seines Vortrags auf der Tagung macht der ehemalige Ministerpräsident den Christen im Land Mut; und zwar mit einem klaren Auftrag:

Nehmen Sie sich wichtig! Ich meine persönlich sollte man sich natürlich als Christ nicht zu wichtig nehmen, aber als Christ sich wichtig zu nehmen, das ist entscheidend und das braucht die Gesellschaft.

Ja, wenn Kirche überhaupt eine Zukunft haben will, dann gilt es den christlichen Auftrag ernst nehmen. Das heißt für Winfried Kretschmann und auch für mich – sowohl hier im Südwesten wie auch weltweit – wahrnehmen, was Menschen brauchen.

Wir sind Weltkirche und wir sind für die Welt da und wir sind für die ganze Welt da!

 

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

14MAI2026
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In der Bibel wird dieses Ereignis, die Himmelfahrt Jesu, so beschrieben: 40 Tage nachdem Jesus an Ostern auferstanden ist, ist seine Zeit auf der Erde, seine irdische Zeit, also nun endgültig vorbei. Er verabschiedet sich von seinen Jüngern und wird in einer Wolke hochgehoben in den Himmel. Die Jünger schauen ihm nach, bis er verschwunden ist. Zwei Engel beobachten das alles und fordern die Jünger dann sinngemäß auf: „Was steht ihr da rum und guckt in den Himmel? Auf jetzt!“
Die Engel erinnern die Jünger damit an etwas, das Jesus ihnen schon vorher aufgetragen hatte: Geht los, raus in die Welt, erzählt von mir und von Gott. Und lebt so, wie ich es euch gezeigt habe. Redet mit den Leuten, kümmert euch um die, die ungerecht behandelt werden, und vergesst nicht, was Nächstenliebe bedeutet.
Christi Himmelfahrt ist deshalb so etwas wie ein Tag des Aufbruchs.

Ich finde, genau das ist heute überall zu spüren: An keinem anderen Tag im Jahr sind gefühlt so viele Leute draußen unterwegs, unter freiem Himmel. Und dabei vermischen sich christliche Bräuche und weltliche Traditionen: Die einen ziehen in einer Prozession mit Kreuz und Fahne über Wiesen und Felder, und bitten für eine gute Ernte und um den Segen für die Schöpfung. Die anderen haben den Bollerwagen vollgepackt, mit kühlen Getränken und Musikboxen. Sind stundenlang unterwegs, von einem Dorf zum nächsten - und feiern. Den freien Tag, die Freundschaft, was auch immer.

Ich habe Christi Himmelfahrt immer als einen friedlichen Tag erlebt. Einfach nur draußen zusammen unterwegs sein. Ohne große politische Debatten, ohne einander zu beschimpfen oder zu belehren. Das ist kein Zufall. Wenn Menschen aufbrechen und sich bewegen, auf denselben Straßen unterwegs sind, dann verändert sich was. Sie kommen einander näher. Ich denke, das hat Jesus gewusst. Und deshalb hat er seine Jünger angewiesen, sich nicht hinter Büchern zu verstecken, sondern eben rauszugehen, auf die Straße, zu den Leuten.

Ich werde heute wahrscheinlich mit dem Rad unterwegs sein. Von einem Fest, oder, wie man im Schwäbischen sagt, von einer Hocketse zur nächsten. Hier ne Rote essen, dort ein Stück Kuchen genießen. Und zwischendrin Leute treffen oder einfach auf ner Bierbank sitzen und in den Himmel gucken. Und dann wieder aufbrechen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Himmelfahrtstag, wo auch immer Sie heute unterwegs sind, und ganz egal ob mit Kreuz oder mit Bollerwagen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

13MAI2026
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Ich sitze im warmen Sand an der Ostsee, in der Nähe von Wismar. Vom Strand aus kann ich rüberschauen auf die kleine Insel Poel. Genau dort hat bis vor wenigen Tagen noch der als „Timmy“ bekanntgewordene Buckelwal gelegen. Gott sei Dank, der Wal hat jetzt endlich seine Ruhe, denk ich.

Ich habe die Bilder noch vor Augen, die sich auf der Insel abgespielt haben: Eine aufgebrachte Meute, Schaulustige oder vermeintliche Wahlretter, durchbricht Absperrungen und fordert lauthals: Rettet den Wal, Freiheit für Timmy. Ich habe deren Empörung nicht verstanden. Ich konnte eher das nachvollziehen, was die meisten Wissenschaftler gesagt und empfohlen hatten: Das Tier ist krank, lasst es in Ruhe sterben.

Ich freue mich deshalb umso mehr über die entspannte Stimmung an diesem Nachmittag am Strand. Und über das, was ich dort beobachte: Gerade findet ein Sandburgen-Wettbewerb statt und viele Kinder, und auch etliche Erwachsene, buddeln, bauen und gestalten mit großer Hingabe Sandkunstwerke. Da werden zuerst Umrisse in den Sand gezeichnet, dann feuchter Sand aufgeschüttet und mit Schaufeln festgeklopft. Anschließend wird mit Wasser geglättet und am Ende verziert. Meine zwei Favoriten sind: eine große Krake mit langen, muschelgespickten Sandarmen. Und eine Meerjungfrau mit einer wilden Haarmähne aus Stöckchen und gelben Löwenzahnblüten. 

Der Sieg an diesem Nachmittag geht aber an ein anderes Sandkunstwerk: Ein Vater und seine Tochter haben einen Wal geformt haben, samt Lastkahn. Daneben haben sie „Timmy“ in den Sand geschrieben. Oh Mann, denke ich, das Thema ist noch immer nicht vorbei. Dieser Wal beschäftigt das ganze Land. Bis an die Sandstrände.

Ich weiß natürlich nicht, warum die beiden genau dieses Motiv gewählt haben. Vielleicht, so denke ich mir, haben die beiden ja einen Sand-Timmy gestaltet, weil sie Mitleid mit dem Tier haben; oder sie haben sich auf ihre Weise, mit einem schönen Kunstwerk, von dem Wal verabschiedet. 

Wie auch immer. Vater und Tochter werden den Strand am Abend verlassen – und ihren Sand-Timmy damit sich selbst über-lassen. Es wird das passieren, was ich mir auch für den großen Buckelwal gewünscht hätte: Wind, Wasser und Sonne werden das Sandkunstwerk auflösen. Die Natur wird sich nach und nach alles zurückholen, was sie einst hervorgebracht hat. Und das zuzulassen ist gar nicht so einfach. 

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12MAI2026
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In Ellwangen ist gerade das Paradies auf Erden – zumindest kann ich mir vorstellen, dass es so aussehen könnte: Tausende Blumen blühen in wunderschön angelegten Beeten, kunstvoll gestaltete Wege, Sitzplätze am Wasser und Spielplätze für Kinder. Vor kurzem hat die Landesgartenschau in Ellwangen eröffnet, im Osten von Baden-Württemberg. Gartenschauen oder -ausstellungen ziehen traditionell immer viele Leute an; mich auch.

Aber warum ist das so, was zieht uns da an? Vielleicht steckt die Antwort genau in diesem Wort, Paradies. Das kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie: eingezäunter Garten. Ein Ort also, der umhegt ist und geschützt.

In der Bibel spielt der Garten eine wichtige Rolle. Da wird erzählt, dass die Anfänge der Menschheit in einem Garten liegen, im Garten Eden. Da, wo noch alles harmonisch ist; zwischen Gott, den Menschen und der Natur. Auch im Neuen Testament taucht der Garten immer wieder auf: Jesus wurde in einem Garten beigesetzt und ist dort auferstanden. Der Garten wird also vom Ort des Todes zu einem Ort, in dem wieder neues Leben möglich ist. Und dass Maria Magdalena den auferstandenen Jesus zunächst für den Gärtner hält, das ist kein Zufall. Das symbolisiert: Jesus ist derjenige, der Menschen von Neuem aufblühen lässt.

Einer meiner Lieblingsorte auf der Ellwanger Gartenschau ist der Kreuzgang der Basilika. Da werde ich gar nicht fertig mit schauen und staunen - über so viel Schönheit und Ästhetik: Dort gibt es alle zwei Wochen eine neue Blumenschau mit grandiosen Arrangements und Gestecken der Floristen. Zum Beispiel diese hier: Rote Orchideen schmücken ein zylinderförmiges Weidengeflecht, eine watteweiche Schale, die wie eine Wolke aussieht, birgt gelbe, orange und pinkfarbene Blüten. In der kommenden Woche heißt das Thema der Arrangements dann: „Himmelsschimmer – ein Hauch von Licht, Glauben und Leben“. Das klingt jedenfalls schon paradiesisch.

Mitten im Garten-Paradies in Ellwangen ist auch die Kirche zu finden. Genauer gesagt, der Kirchengarten. Wer danach sucht, muss nach einer großen, hölzernen Pilgermuschel Ausschau halten. In diesem Garten kann man sich ausruhen, einfach hinsetzen und innehalten. Unter einem großen Sonnenschirm. Eben wie eine Pilgerin oder ein Pilger, die unterwegs eine Pause brauchen. Bis Oktober gibt es dort jeden Tag einen Mittagsimpuls und am Wochenende ist Familienzeit im Kirchengarten. Denn das gilt es eben auch zu bedenken: Selbst im Paradies muss man zwischenrein einfach mal durchschnaufen.

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SWR4 Abendgedanken

10APR2026
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Ich war kein einziges Mal an ihrem Grab, bis heute nicht. Meine Freundin Susi ist vor über 20 Jahren gestorben. Es war für mich das erste Mal, dass ich erlebt habe, wie ein Mensch, den ich gut kannte, von heute auf morgen aus meinem Leben verschwunden ist. Einfach weg war. Wir hatten viele Jahre eine ziemlich intensive Zeit miteinander, nicht nur Susi und ich, sondern unsere ganze Gruppe: Wir haben Jugendarbeit gemacht in unserer Kirchengemeinde und haben jeden Sommer ein großes Zeltlager auf die Beine gestellt. Wir waren zusammen unterwegs auf Festen und oft mit dabei, wenn Susi gesungen hat. Mit ihrer Band und ihrem Chor. Sie hatte eine grandiose Stimme! Ich habe sie heute noch im Ohr.

Als ich geheiratet habe, hat Susi mir einen Wunsch erfüllt: In der Kirche hat sie eines meiner Lieblingslieder gesungen, „Where peaceful waters flow“, einen Song von Chris de Burgh. Der erzählt von der Suche nach jenem Ort, an dem das eigene Herz Frieden findet. Keine zwei Jahre später ist Susi gestorben.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hab ich mich gefragt: Hab ich eigentlich jemals getrauert nach Susis Tod? Weil ich eben nie am Grab war, weil ich ihren Todestag schon bald nicht mehr wusste. Weil ich mit meinem Leben einfach weitergemacht habe. Unsere Gruppe hatte sich damals nach und nach zerstreut, bei den meisten stand für die nächsten Jahre dann das Familienleben im Mittelpunkt.

Nachdem meine Kinder auf der Welt waren, hab ich dasselbe getan, wie wahrscheinlich sehr viele Mütter vor und nach mir: Ich habe versucht, die Kinder in den Schlaf zu singen. Und bei jedem Kind war es ein anderes Lied. Warum es jeweils genau dieses bestimmte Lied war, kann ich nicht mehr sagen. Dem zweiten Kind, meiner Tochter, habe ich jedenfalls den Song zum Einschlafen gesungen, den Susi damals bei der Hochzeit gesungen hat. Ich kann ihn noch immer auswendig.

Heute bin ich mir sicher, es war nicht nur die wunderbare Melodie und der schöne Text von der Liebe und vom Frieden im Herzen. Ich glaube, dieser Song hat mich jedes Mal, unbewusst, an Susi erinnert. Und daher denke ich: Ja, ich habe getrauert, aber so ganz anders, als ich mir trauern immer vorgestellt hatte. Deshalb bin ich so lange nicht draufgekommen. Aber so, wie es war, ist es für mich gut gewesen. 

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SWR4 Abendgedanken

09APR2026
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Bei uns im Wohnzimmer steht eine große Ente mit Rädern. Sie ist aus Holz, schwarz-gelb gestreift und bestimmt 10 Kilo schwer. Das ist eine Tigerente, so eine, wie sie der Künstler Janosch erfunden hat. Das besondere an meiner Ente: Sie ist ein Unikat, mein Bruder hat sie selbst gebaut und lackiert und mir zum 18. Geburtstag geschenkt. Das ist inzwischen schon eine Weile her. Seitdem ist die Tigerente mit mir unterwegs und hat schon ne Menge Umzüge mitgemacht. Sie ist für mich nicht nur ein symbolisches Stück Jugend, das ich mit meinem Bruder teile. Sie steht für ein Lebensgefühl. Und das hat viel mit Janosch zu tun, mit seinen Geschichten, die so leicht und verspielt daherkommen, fast kindlich. Und gleichzeitig eine große Tiefe haben.

Janosch ist vor kurzem 95 Jahre alt geworden. Ich mag seine Bilder, die einfachen, oft witzigen, bunten Szenen. Mit dem kleinen Bären, dem kleinen Tiger, dem Frosch und natürlich der Tigerente. Hinter all dem steckt allerdings keine leichte Lebensgeschichte. Janosch hat schlimme Dinge erlebt: Gewalt in der Familie, Demütigungen, auch durch die Kirche. Er ist gescheitert, wurde von der Kunstakademie abgelehnt. Und hatte lange Alkoholprobleme.

Wenn ich seine Bilder anschaue und die Geschichten lese, dann habe ich das Gefühl: Sie trotzen all den schlechten Erfahrungen, da gibt etwas in ihm, das nicht beschädigt wurde. Irgendeine Kraft, eine Liebe und Neugier. Wie sonst könnte er mit so viel Fantasie und mit so viel Sehnsucht vom Leben erzählen?

So wie in „Oh, wie schön ist Panama“.  Meine Lieblingsgeschichte von Janosch. Darin machen sich der kleine Bär und der kleine Tiger auf den Weg. Sie wollen das Land ihrer Träume finden; weil sie sich nach etwas sehnen, das anders und größer ist als das, was sie kennen. Unterwegs treffen sie andere, sie verlaufen sich, sie probieren Dinge aus.

Diese Art Sehnsucht, diese Unruhe aufzubrechen, die kenne ich auch. Und ich spüre dabei: da fehlt noch was. Und manchmal denke ich, dass diese Sehnsucht auch mit Gott zu tun hat. Es ist die Sehnsucht, das alles gut und heil wird, dass ich am Ende bei ihm aufgehoben bin.

Der Bär und der Tiger jedenfalls landen am Ende ihrer Reise, ohne es zu merken, wieder zuhause. Und stellen fest: Es ist gut hier, da gefällt’s uns.

Meine Tigerente wird mich weiter begleiten. Ich werde sicher noch einige Male aufbrechen und umziehen. Und dann ist es gut, wenn die Ente mich bei aller Sehnsucht daran erinnert: Ich muss gar nicht unbedingt woanders suchen. Da wo ich bin, ist es auch gut. Weil das Land meiner Träume letztlich in mir selbst liegt.

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SWR4 Abendgedanken

08APR2026
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„Wer nicht an die Auferstehung glaubt, der ist kein Christ“. Diese Aussage habe ich im Laufe meines Lebens immer wieder in der Kirche gehört. Und jedes Mal habe ich mich wieder neu daran gerieben. Weil ich das Gefühl hatte: Dieser Satz engt mich ein, der macht mir Druck. Der lässt mir keinen Raum, ihn vielleicht auch hinterfragen zu dürfen. „Wer nicht an die Auferstehung glaubt, der ist kein Christ“. Die Aussage ist mir zu radikal. Zumal sie ja auch gar nichts darüber aussagt, wie genau diese Auferstehung Jesu zu verstehen ist.

Was mich aber gleichzeitig fasziniert, sind die vielen unterschiedlichen Auferstehungserzählungen in der Bibel. Und die öffnen mir einen ganz anderen Zugang zum Glauben:
Da ist Maria Magdalena. Sie war eine enge Vertraute von Jesus, und diejenige, die bis zu seinem Tod am Kreuz an seiner Seite geblieben ist. Sie steht weinend am leeren Grab, kann nicht fassen was passiert ist und verwechselt Jesus zunächst mit dem Gärtner. Erst als er ihren Namen sagt und sie seine vertraute Stimme hört, erkennt sie ihn. Und wird zur ersten Zeugin der Auferstehung.
Ganz anders die Geschichte der zwei Männer, die in das Dorf Emmaus unterwegs sind. Total verzweifelt und traurig über den Tod Jesu, weil sie soviel Hoffnung in ihn und eine neue, bessere Zeit gesetzt hatten.  Jesus begleitet sie, hört ihnen zu, erklärt ihnen sogar, was passiert ist – aber sie erkennen ihn erst, als er zum Abendessen bleibt und mit ihnen das Brot bricht.
Und dann ist da noch Thomas, einer seiner Jünger. Er glaubt den anderen Jüngern einfach nicht, die behaupten, sie wären Jesus begegnet.  Er will ihn selbst sehen und am liebsten die Kreuzigungs-Wunden berühren. Jesus nimmt die Zweifel von Thomas ernst und zeigt sich ihm. Und dann kann auch Thomas glauben.

Die Bibel kennt insgesamt elf solcher Auferstehungserzählungen. Und jede ist wunderbar anders. Vielleicht begegnet und zeigt sich Jesus den Menschen genau so unterschiedlich, wie Menschen eben sind. Das ist das faszinierende an diesen Geschichten: Jesus kommt jedem und jeder so entgegen, wie er oder sie es braucht und versteht. Mich bestärken gerade diese Auferstehungserzählungen: dass christlicher Glaube eben nicht von einem Satz abhängt, dass er nicht auf eine einzige Deutung festgelegt ist. Die Auferstehung Jesu macht für mich den Glauben weit. Sie hat viel mehr mit Begegnungen zu tun als mit einzelnen Worten.

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SWR4 Abendgedanken

07APR2026
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Einiges, was mich im vergangenen Jahr belastet hat, hat sich in Rauch aufgelöst und ist jetzt nur noch Asche. Letzten Sommer war ich nämlich zu Gast im Kloster Arenberg in der Nähe von Koblenz. Da hatte ich auf kleinen Zetteln notiert, was ich loswerden wollte. Und nun sind diese Notizen dort vor ein paar Tagen im Osterfeuer verbrannt worden. 

Auf dem Gelände in Arenberg gibt es einen großen Klosterpark, durch den man wunderbar spazieren kann. Mit vielen alten Obstbäumen, einem Biotop, ein paar Schafe gehören dazu – und ganz am Ende des Gartens steht eine kleine Natursteinmauer, vielleicht so hüfthoch und einige Meter lang. In den Ritzen krabbeln nicht nur Spinnen und Käfer, zwischen den Steinen stecken überall kleine Zettel. Diese kleine Mauer hat das Kloster vor einigen Jahren errichtet; Vorbild dafür war die große Klagemauer in Jerusalem. Vor dieser Mauer beten jeden Tag viele Menschen und übers Jahr stecken Tausende ihre Zettel mit Bitten und Gebeten zwischen die Steine.

So viele sind es im Kloster Arenberg sicher nicht. Man findet immer noch einen Platz für den eigenen Zettel. Ein Seelsorger im Kloster hat mich ermutigt, diese kleine Klagemauer zu nutzen. Die Idee dahinter ist: Das aufzuschreiben, was einen im Moment bedrückt. Das zu notieren, was man gerne loswerden möchte, was man vielleicht auch endgültig loslassen möchte. Genau das hab ich getan. Jedes Jahr in der Osternacht werden dann alle Zettel aus der Mauer geholt und symbolisch dem Osterfeuer übergeben.

Was auf meinen Zetteln gestanden hat? Ich weiß es tatsächlich nicht mehr. Und genau so sollte es wohl auch sein. Eine Sorge formulieren und an die Mauer abgeben, bestenfalls für immer. Solche Rituale sind natürlich zuerst symbolisch, aber sie können unterstützen.

Im Übrigen weiß niemand sonst, was auf meinem Zettel stand. Denn für die kleine Klagemauer in Arenberg gilt dasselbe, wie für die große in Jerusalem. Auch dort werden die Briefe und Papierstücke regelmäßig aus den Mauerritzen geholt und dann auf dem Ölberg vergraben; verbrannt werden dürfen sie nach jüdischer Tradition nicht. Dabei ist es absolut tabu, die Zettel zu öffnen und zu lesen. Ein Rabbiner, der für die heilige Stätte in Jerusalem verantwortlich ist, sagt: „Was auf den Zetteln steht, geht nur den Menschen und seinen Schöpfer etwas an.“[1]

So ist es dann auch mit meinen Sorgen passiert. Ich habe sie anvertraut: der Mauer, dem Himmel und Gott. 

 

 

[1]https://www.herder.de/cig/cig-ausgaben/archiv/2018/9-2018/die-tempelmauer-reinigung/

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SWR1 Begegnungen

03APR2026
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Laura und Gudrun Höhn Copyright: Nadja Oberste-Lehn

Karfreitag erinnert an die Kreuzigung Jesu. An eine Geschichte von Tod, Abschiednehmen und trauern.
Über Jahrhunderte war die Kirche der Ort, an dem Menschen gelernt haben, mit solchen Situationen umzugehen. Doch das ist längst nicht mehr immer so. Heute ist nur noch jede zweite Beerdigung eine kirchliche. Die Zeiten haben sich geändert und die Rollen auch. Wenn jemand stirbt, reden Angehörige meist nicht zuerst mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer. Sie rufen beim Bestatter an.

Was dort passiert und wie Angehörigen begegnet wird – das möchte ich in Tübingen erfahren. Ich treffe Gudrun und Laura Höhn, Mutter und Tochter. Laura ist Bestattermeisterin im Familienunternehmen, ihre Mutter Gudrun hat dort ein Begegnungscafé eingerichtet.

Zunächst spreche ich mit Laura, sie ist Anfang 30 und hat zuvor einige Jahre in der Wirtschaft gearbeitet. Und jetzt: Jeden Tag Trauer, Tod und Leid. Warum hat sie sich für diesen Job entschieden?

Weil ich den Bereich sinnvoll finde, diese Übergänge zu schaffen und für Menschen da zu sein, die gerade nicht wissen wohin. Und das auch erlebe in dem Feedback.

Tatsächlich hat ihr gerade eine Frau gesagt, dass sie eigentlich etwas ganz anderes erwartet hat, als sie zu ihr ins Bestattungshaus gekommen ist.

Das war ein Musstermin und das kann ich total nachvollziehen. Es will ja eigentlich keiner da sein. Und wenn ich dann höre, dass sie völlig erleichtert wieder gegangen ist, dann ist alles erfüllt.

Laura Höhn hat zwar keine seelsorgliche Ausbildung, aber ich erlebe sie empathisch und gleichzeitig sehr reflektiert. Wie geht sie damit um, dass sie eigentlich nie vorher weiß, in welcher Situation und in welchem Zustand Menschen zu ihr kommen?

Es sind nicht meine Emotionen, die da passieren. Und trotzdem möchte ich mitfühlend sein, aber trotzdem auch zu wissen, wo die Grenze ist. Das heißt, ich bin auf vielen Ebenen, glaube ich, Begleiterin. Begleiterin im Herausfinden, was sie gerade brauchen. Weil viele das erst mal nicht wissen und wir zusammen diesen Weg gehen.

Das hört sich für mich nicht nur nach jemandem an, der die Beerdigung abwickelt. Laura Höhn ist es sehr wichtig, viel zu erklären und nicht nur rechtliche Vorgaben umzusetzen.

Warum brauche ich einen Sarg? Was soll mir die Urne bringen? Da einen roten Faden zu gestalten und auch zu erklären, was das emotional für sie bedeuten könnte.

Tote bestatten und trauernde Menschen gut zu begleiten, darin sieht Laura Höhn ihre Aufgabe. Sie selbst hat sich von der Institution Kirche zwar distanziert, aber eine Haltung zum Glauben hat sie trotzdem – und das finde ich persönlich wichtig.

Ich glaube daran, dass es mehr gibt, als wir zwischen Himmel und Erde erkennen und sehen können. Ich respektiere jedoch, und das ist glaube ich das Wichtige für meine Arbeit, wo das miteinfließt, jegliche Form von Glauben oder Nichtglauben, die mir begegnet. 

Nun treffe Gudrun Höhn, Lauras Mutter. Beide arbeiten zusammen im Familienbetrieb. Vor ein paar Jahren hat Gudrun Höhn dort ein Begegnungscafé eingerichtet.

Als ich über den Hof laufe, fällt mir sofort die Kreidetafel auf mit dem Wort „Leichenschmaus“. Ich zucke ein wenig zusammen, weil ich dachte, dieses Wort verwendet man heute nicht mehr so gern. Gudrun Höhn mag das Wort:

Weil es genau das bezeichnet, was es ist. Ich finde das Essen wichtig und ich finde den Verstorbenen wichtig. Und das ist so ein bisschen ein Begriff, der knallt. Und ich mag es gern knallen. Es ist uralt, dieses Wort und es hat eine Historie und deswegen mag ich es.

Nach einer Trauerfeier mit Familie und Gästen nochmals zusammenzusitzen, das war lange selbstverständlicher Teil einer Trauerkultur. Gudrun Höhn beobachtet, dass viele sich schwertun mit dem Thema Tod und Trauer, und am liebsten alles schnell hinter sich bringen wollen. Deshalb ermutigt sie Angehörige, nicht gleich auseinanderzugehen.

Ich würde es jedem empfehlen und einfach mal zu gucken, was passiert. Es ist etwas, was man nicht vorgreifen kann. Diese Überraschung, die ist immer sehr spürbar hier bei allen Gästen, die da gewesen sind.

Das kann ich mir jetzt schwer vorstellen, wie ein Trauer-Kaffee mit Überraschung zusammenpasst.

Dass ich mit Menschen, die ich über Jahre nicht gesehen habe, plötzlich aufgrund dieser Situation mich in einer Gemeinschaft befinde, die mir guttut. Schon das ist Überraschung. Dass was guttun kann, dass irgendwas als schön empfunden werden kann, auch zu diesem scheinbaren Paradox Tod und Verlust.

Dass ein Bestattungshaus gleichzeitig ein eigenes Café hat, das gibt es äußerst selten. Für Gudrun Höhn ist es die Antwort, auf das, was sie seit langem wahrnimmt.

Es ist eine gewisse Scham, ein gewisses Verbergen wollen. Es gibt viele Menschen, die andere Menschen nicht weinen sehen können. Ja, warum denn nicht? Weinen ist Bewegung. Weinen ist Zeigen einer Emotion. Da passiert was. Das kann entlasten. Das kann erleichtern.

Das Café ist für sie ein Plädoyer an die Angehörigen: Zeigt, wie es Euch wirklich gerade geht!  Sie selbst hat diesem Ort den Namen „Café Inspiration“ gegeben. Denn sie will inspirieren:

Für ganz viele Dinge –  Ich darf frei sein. Ich muss traurig sein nicht definieren. Ich muss hier nicht traurig sein. Ich darf lustig sein. Ich darf Schnaps trinken. Ich kann hier lachen dürfen. Es hat auch etwas Befreiendes. Und für uns gibt es hier kein Richtig und kein Falsch.

Zum Schluss spreche ich mit Gudrun Höhn noch über ihren eigenen Blick auf den Tod und erfahre dabei etwas Überraschendes. Sie ist gelernte Hebamme. Sie hat also einen professionellen Blick – sowohl auf den Anfang des Lebens und auch dann, wenn es zu Ende geht.

Bei dem Übergang Geburt weiß ich, wo ich hingehe. Dieses Mysterium „Was kommt nach dem Tod?“, das bleibt verborgen. Und das darf es. Und da eine Gelassenheit zu bekommen und auch einfach irgendwann mal zu sagen: Okay, ich genieße das, was ich habe im Augenblick und ich nehme das, was kommt, dann werd ich den Rest auch hinkriegen.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

07MRZ2026
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Von November bis März ist Jonas mit seinen Schafen unterwegs. Von der Schwäbischen Alb zieht er runter ins Donautal und weiter bis nach Oberschwaben. Denn auf der Alb ist‘s für seine Tiere im Winter einfach zu nass und zu kalt. Was er als Wanderschäfer auf seiner Tour erlebt, davon erzählt er in einem besonderen Podcast.

„Archiv der Straße – Berichte von draußen“ heißt die Podcast-Reihe und ich habe die Geschichten da mit viel Neugier und mit sehr viel Respekt gehört. Es geht um Menschen, die kein „normales“, bürgerliches Zuhause kennen wie ich und wahrscheinlich viele von ihnen. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen immer wieder auch draußen zuhause sind. Da erzählen zum Beispiel die Sinti Mano und Peter aus ihrem Leben mit dem Wohnwagen. Oder Maryam, eine junge Frau, die viele Jahre auf der Flucht vor den Taliban war; sie ist immer da zuhause, wo ihre Familie ist, egal in welchem Land. Und Angie. Sie gehört seit 30 Jahren zur Stuttgarter Junkie-Szene und tagsüber sind die Leute und das Leben unter einer Brücke ihr Zuhause.

Für mich sind ihre Stimmen wichtig und wertvoll. Weil ich Angie, Maryam und den anderen wahrscheinlich nie begegnen würde. Ihre Geschichten öffnen mir eine ganz neue Lebenswelt. Manchmal erschrecke ich darüber, was sie erleben, manchmal bin ich fasziniert, wie sie denken und auf das Leben schauen. 

Die Frage: Wie kommt man da draußen klar? Die habe ich mir nie gestellt. Aber genau dieser Blick raus aus meinem warmen Wohnzimmer, der ist wichtig. Weil er mich davor bewahrt, Menschen leichtfertig in eine Schublade zu stecken.

Jonas, der Schäfer, sagt: „Es ist hart da draußen. Man ist viel allein. Und ich habe ne riesen Verantwortung.“ In der Tat, er ist gerade mal 35 und ist mit mehreren Hundert Schafen unterwegs. Es geht immer um Leben und Tod, sagt er ganz unaufgeregt, da reicht ne kalte Nacht und ein Lamm kann sterben. Und wenn eines am Abend fehlt, dann geht er suchen, manchmal viele Stunden lang, bis er es gefunden hat.

Mit Jonas habe ich mich verabredet; für November, wenn er wieder zur nächsten Wintertour über die Alb aufbricht. Ich möchte eine Weile mitlaufen, um wenigstens eine Ahnung davon zu bekommen, wie es ist, da draußen zuhause zu sein.

https://archivderstrasse.de

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