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20NOV2022
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Dr. Swantje Goebel

Janine Knoop-Bauer trifft Dr. Swantje Goebel, vom Akademieteam des Hospiz-Vereins Bergstraße e.V. und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Patientenwürde e.V.“

Heute, am Ewigkeitssonntag, wird in den evangelischen Kirchen an die Menschen erinnert, die im vergangenen Jahr gestorben sind. Tod und Sterben – das sind Themen, über die viele lieber nicht nachdenken. Dabei liegt in der Beschäftigung mit dem Tod auch eine Chance, findet Dr. Swantje Goebel. Sie macht Bildungsarbeit in einem Hospizverein. Dort begleiten sie Sterbende auf ihrem letzten Weg; und sie qualifizieren Fachkräfte für einen sensiblen, achtsamen Umgang mit Schwersterkrankten. Ich habe sie gefragt, was dabei das Kernanliegen ist.

Die Hospizbewegung setzt sich ein für eine Akzeptanz des Sterbens und für eine Integration des Sterbens und der Sterbenden. Also einmal ich selber will mir gewahr sein, dass ich sterblich bin und mein Leben entsprechend bewusst gestalten. Und aber auch ich will einen solidarischen, fürsorglichen Blick auch auf meine Mitmenschen haben und sehen, wo Menschen in Not sind… und diesen wirklich herausfordernden letzten Weg an ihrer Seite sein.

Die Soziologin schöpft aus fast 20jähriger praktischer Erfahrung. Aber sie hat auch einen klaren wissenschaftlichen Blick auf die Situation von Sterbenden. Und da steht Deutschland im weltweiten Vergleich erfreulich gut da.

Grundsätzlich sind wir gesund und leben lange. Finanziell stehen wir grundsätzlich        ganz gut da. Wir leben in Sicherheit, das ist so die Sterberealität der letzten Jahrzehnte. Und wir merken aber jetzt in den letzten Jahren mit Corona und dann natürlich noch mal jetzt, seit Frühjahr, seit dem Krieg in der Ukraine, dass wir doch auch weitaus verletzlicher sind. Und dass diese Aussicht auf dieses lange Leben gar nicht so sicher ist.

Die Krisen unserer Zeit rücken auch das Sterben mehr in den Fokus. Trotzdem erlebe ich in meinem Freundeskreis nicht, dass das ein Thema wäre, über das viel gesprochen wird.

Es ist auch ganz natürlich, dass wir uns nicht die ganze Zeit damit befassen, weil wir sind dem Leben zugewandt. Aber natürlich wissen wir aus Erfahrung, dass es hilfreich ist und gut ist, wenn wir uns vorbereiten. Und das wissen auch viele Menschen.

Als Professorin in Berlin, aber auch in der Hospizakademie an der Bergstraße erlebt Swantje Goebel, dass Menschen sich neu mit dem Tod und dem Sterben auseinandersetzen. Sie meint: neben der Erschütterung durch Krieg und Corona hat das auch noch einen ganz anderen Grund: Es entspricht nämlich dem populären Zeitgeist

Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, das sind zwei ganz große Themen für uns. Es heißt, wir befassen uns also viel mit unserem Leben. Wie will ich mein Leben gestalten? Was ist mir wichtig? Wo will ich mich ausdrücken? Was ist meine Identität? Wo, wo kann ich mich einbringen? Und wie kann ich, wie kann ich mich entfalten? Und dann ist es doch fast logisch, dass wir irgendwann auch unser Lebensende in den Blick bekommen, weil das natürlich auch noch mal eine Lebensphase ist, die wir zu gestalten haben.

Swantje Goebel ist Soziologin und begleitet seit vielen Jahren Menschen im Sterbeprozess. Als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Patientenwürde setzt sie sich dafür ein, dass die Würde schwerstkranker Menschen gewahrt bleibt – so wie es in unserem Grundgesetz im ersten Artikel verbürgt ist. Aber nicht nur Artikel eins unseres Grundgesetzes ist ihr wichtig im Umgang mit Sterbenden

Artikel zwei sagt, jeder Mensch hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Und ich bin davon überzeugt und wir erleben das auch, dass Entwicklung der Persönlichkeit bis zuallerletzt möglich ist.

Was für ein tröstlicher Gedanke, dass da am Ende nicht nur Stillstand ist und Warten. Swantje Goebel betont:

Sterben ist Teil des Lebens: Sterben ist noch nicht tot. Das heißt, Sterben kann gelebt werden und sollte bestmöglich gelebt werden in bestmöglicher Lebensqualität. Was das bedeutet, bestimmt jeder und jede selbst. Und was das bedeutet, ist auch in der Regel für schwerstkranke Menschen was Anderes als für uns, die wir so mitten im Leben stehen. … Schwerstkranke Menschen haben ja diesen in der Regel langen, wirklich harten, belastungsreichen Weg hinter sich, den sie schon bewältigt haben. Die Hoffnungen und die Wünsche und die Ideen von Lebensqualität, die sind meistens viel, viel kleiner. Das ist vielleicht noch mein Lieblingsessen kosten können. … oder noch mal auf einen Balkon gefahren werden … um den Sonnenuntergang zu betrachten. Also das sind so kleine Dinge, aber natürlich auch so was wie meine Tochter kommt aus Norddeutschland angereist, und ich will das noch erleben, dass sie da ist. Und ich will noch durchhalten, bis sie kommt.

In Hospizen wird versucht, die Sterbenden so zu unterstützen, dass die äußeren Bedürfnisse bestmöglich gestillt werden. Dazu gehört auch eine gute medizinische Versorgung im Umgang mit Symptomen. Swantje Goebel weiß, diese äußere Entfaltung der Persönlichkeit ist die Voraussetzung dafür, dass auch inneres Wachstum möglich bleibt.

Wenn das Lebensende nah ist, dann kommt ja alles wie unter ein Brennglas. Dann ist ganz klar, das ist jetzt meine Zeit. Und die läuft ab. Und diese Fragen was ist noch wichtig? Worauf kommt es jetzt an? Was will ich noch erlebt haben? Was will ich noch hinkriegen? Zum Beispiel auch in Bezug auf die Menschen, die mir nahestehen oder auf Unbewältigtes? Und das wird alles ganz dringlich, und diese Dringlichkeit hat eine Intensität, die einfach ganz besonders ist … deswegen ermutigen wir auch da dazu, da hin zu gehen und das auch anzunehmen.

Das Sterben anzunehmen, das ist auch eine Aufgabe für die Lebenden. Wir sind alle endlich. Swantje Goebel meint, wenn wir uns das bewußt machen, kann ein Miteinander entstehen, dass das Leben lebenswerter macht bis zum Schluss.

Wir müssen einfach nur wachen Auges durch die Welt gehen. Und dann sehen wir, wo Not ist. Und wenn wir uns davon anrühren lassen, dann können wir auch Gutes bewirken. Und dann wirkt das auf uns selber zurück. … Wir suchen ja Sinn und meiner Überzeugung nach liegt der Sinn darin, Mitmensch zu sein, unter anderen Mitmenschen.

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19NOV2022
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Morgen werden in vielen evangelischen Kirchen die Namen der Menschen vorgelesen, die im vergangenen Jahr gestorben sind. Viele Trauernde werden dann versammelt sein. Die Autorin Caroline Kraft meint, es wäre gut, der Trauer mehr Raum zu geben. Sie schreibt:

“Wir neigen dazu, Trauer als ein Problem anzusehen, das möglichst schnell aus der Welt geschafft werden muss. Ist das nicht möglich, gelten wir als krank. (…) Wir sollten damit anfangen, Trauer, egal wie intensiv und lang sie ist, als gesunde Reaktion auf einen Verlust zu begreifen. (…) Wir sollten nicht vergessen: Dass Trauer einen guten Grund hat, nämlich den Verlust eines geliebten Menschen. Und einen Sinn – auch wenn es sich vielleicht nicht so anfühlt, wenn wir mittendrin stecken. Durch sie – wie schwer dieser Prozess auch sein mag – lernen wir, uns an eine neue Lebenssituation anzupassen. Und das kann eben dauern. Punkt.”

Caroline Kraft, zitiert nach: Caroline Kraft und Susann Brückner, endlich. Über Trauer reden

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18NOV2022
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Die Literaturprofessorin und Shoah Überlebende Ruth Klüger ist einmal gefragt worden: Was ist der Sinn des Lebens? Sie sagt:

“Ich finde, wenn man wissen will, was der Sinn des Lebens ist, muss man sich eine Katze ansehen. Eine Katze, die den ganzen Tag schläft. Da weiß man, dass der Sinn des Lebens einfach das Leben ist.

Ruth Klüger, zitiert nach: Iris Radisch, Die letzten Dinge, Lebensendgespräche

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17NOV2022
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Der gute Hirte – so wird Gott oft bezeichnet. Die Publizistin Stephanie Brall erlebt, was das heute ganz konkret heißen könnte. Sie schreibt:

“Eine Schafherde in unserer Gegend. Ich suche sie gerne auf, schaue ihr zu. Einmal verheddert sich ein Schaf im Zaun. Es zappelt und verfängt sich immer mehr. Ich stehe auf, will helfen, weiß nicht wie. Da kommt der Hütehund. Er stellt sich dicht neben das Schaf. Solange, bis der Hirte da ist. Der entheddert das Schaf. Da kann es wieder zur Herde hüpfen. (…) Ich höre die Schafe blöken, höre den Hirten nach ihnen rufen.
“Könntest Du mich entheddern?” träume ich. “Da sein. Für mich. Für diese Welt. Heute?”

Stephanie Brall, zitiert nach: Stephanie Brall und Ann Kathrin Blohmer, Lichtungen, bene!

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16NOV2022
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Die Publizistin Carolin Emcke meint: Freiheit ist ein Tu-Wort. Sie schreibt:

“Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen. Und das heißt: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt. Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen. (…) Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.”

Carolin Emcke, zitiert nach: Andere Zeiten e.V. Initiativen zum Kirchenjahr, Hamburg 2017

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15NOV2022
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Die Theologin Dorothee Sölle meint: Gott hat viele Gesichter. Woran sie das merkt erklärt sie so:

“In den letzten Jahren bin ich bestimmt über hundert Mal gefragt worden: Welches Gottesbild haben Sie eigentlich? Mal dies, mal jenes. Vater oder Mutter oder Morgenglanz der Ewigkeit oder d-Moll-Klavierkonzert. Kommt darauf an, wo ich Gott treffe.”

Dorothee Sölle, zitiert nach: Andere Zeiten e.V. Initiativen zum Kirchenjahr, Hamburg 2011

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14NOV2022
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Die Autorin Courtney Walsh findet: das mit der Liebe hat der Mensch falsch verstanden. Deswegen stellt sie im Namen Gottes einiges richtig. Sie schreibt:

“Lieber Mensch
Du bist nicht hier, damit Dir bedingungslose Liebe gelingt.
Die ist dort, woher du kamst und wohin du gehen wirst.
Du bist hier, um menschliche Liebe zu lernen.
Allumfassende Liebe. Schmuddelige Liebe. Schwitzige Liebe.
Verrückte Liebe. Gebrochene Liebe. Ungeteilte Liebe.
Durchtränkt vom Göttlichen. Lebendig durch die Anmut des Stolperns.
Offenbart durch die Schönheit des … Scheiterns. Und das oft.
Du bist nicht auf die Welt gekommen, um perfekt zu werden. Du bist es schon.
Du bist hier, um herrlich menschlich zu sein. Fehlerhaft und fantastisch.”

Courtney A. Walsh, zitiert nach: Andere Zeiten e.V. Initiativen zum Kirchenjahr, Hamburg 2015

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13NOV2022
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Die Theologin Dorothee Sölle empfiehlt: heute am Sonntag mal auszusteigen aus der Routine. Sie schreibt:

“Du sollst Dich selbst unterbrechen
zwischen Arbeiten und Konsumieren
soll Stille sein und Freude
Zwischen Aufräumen und Vorbereiten
Sollst du es in dir singen hören
Gottes altes Lied von den sechs Tagen
Und dem einen der anders ist.”  

Dorothee Sölle, zitiert nach: Stephanie Brall und Ann Kathrin Blohmer, Lichtungen, bene!

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06NOV2022
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Janine Knoop-Bauer trifft Tim Kaufmann, Pfarrer und Leiter des LabORAtoriums der evangelischen Kirche der Pfalz, wo Erprobungsräume entstehen für eine Kirche der Zukunft.

Ein Labor erwartet man wahrscheinlich nicht als Grundausstattung einer Kirche. Die Evangelische Kirche in der Pfalz beschreitet hier neue Wege und hat im Jahr 2019 ein LabORAtorium eingerichtet. Dort wird überlegt, wie die Kirche der Zukunft aussehen kann. Aber nicht als Gedankenspiel, sondern ganz konkret: Tim Kaufmann und sein Team unterstützen Gemeinden, die neue Ideen umsetzen möchten. Erprobungsräume heißen die so angestoßenen Projekte. Sie alle stehen dabei unter der gleichen Fragestellung, die Tim Kaufmann so zusammenfasst:

wie kann das gehen, dass Kirche in Zukunft Formen von Gemeinschaft entwickelt, die für die Menschen tragfähig und funktionabel sind? Dass die Menschen da wirklich das Gefühl haben, hier ist eine Gemeinschaft, da gehöre ich dazu. Da kann ich meine Fragen loswerden, meine Zweifel loswerden, meine Hoffnung austauschen und erlebe eigentlich das, was im Heidelberger Katechismus so schön in der ersten Frage heißt: was mir Trost und Halt im Leben und im Sterben gibt.

Denn Glaube braucht Gemeinschaft. Schon ganz am Anfang der Bibel heißt es: es ist nicht gut, wenn der Mensch alleine ist. Aber genau das erleben Gläubige zurzeit häufiger, wenn sie am Sonntag in die Kirche gehen. Da sitzen sie dann fast alleine. Tim Kaufmann möchte die Lebendigkeit der Kirche aber nicht allein am Gottesdienstbesuch messen:

Über schlechten Gottesdienstbesuch hat man sich auch schon vor 200 Jahren beklagt. Natürlich bei ganz anderen Zahlen. Aber es gibt zum Beispiel vom Theologen Friedrich Schleiermacher ein Zitat, der sagt: „Es kommt eigentlich niemand, um meine Predigt zu hören. Die kommen alle entweder, weil ich sie im Examen prüfe oder weil sie von zuhause aus müssen oder weil sie die jungen Männer oder jungen Frauen sehen wollen, aber nicht, um an meinem Gottesdienst teilzunehmen.“ Also, das ist so alt wie die Kirche selber, glaube ich, dass man sich beklagt, dass zu wenig kommen.

Wenn nicht im Gottesdienst – wo trifft man sie dann, die Gemeinschaft der Gläubigen, aus der die Kirche doch besteht. Für Tim Kaufmann ist klar: da, wo Menschen ins Gespräch kommen über die wirklich wichtigen Dinge. Aber das ist gar nicht so einfach:

Also ich denke, vielleicht ist das ein Abbruch, der schon viel früher passiert ist, dass wir das so ein bisschen verlernt haben, uns darüber auszutauschen, weil Glauben halt auch Privatsache ist und man da nicht öffentlich darüber redet. Manchmal hat man das Gefühl, man redet mehr über Themen von Sexualität als … über Glauben und Hoffnung.

Es geht in den Erprobungsräumen also auch darum, sich im Austausch zu üben. Und dabei muss Kirche wortwörtlich auch mal über die Kirchenbänke hinausdenken, findet Tim Kaufmann:

Oft geht es vielleicht gar nicht darum, unsere Räume zu öffnen, sondern zu entdecken, wo das Gespräch stattfindet. Also vielleicht so ein bisschen wie auch früher, bei den ersten Christen. Da war es ja auch nicht so, dass es schon eine Infrastruktur gab, sondern die Dinge erst mal da stattfanden, wo sich die Leute versammelt haben, also entweder in den jüdischen Gemeinschaften oder eben auf den Marktplätzen der antiken Städte … oder bei Leuten zu Hause, die irgendwie einflussreich waren und Leute versammelt haben, also dass man wieder in den öffentlichen Raum kommt, sozusagen und sich da anschließt, wo Gespräche entstehen.

 

Eine dieser spannenden Ideen ist in der Tat das Küchengespräch aus Finkenbach, die eben wirklich ganz einfach angefangen haben. Mit Gesprächen in der Küche: kennt man von jeder Party, dass die besten Gespräche in der Küche stattfinden. Die haben eine Einbauküche in einem leeren Pfarrhaus. Und da haben Sie angefangen, sich zu treffen mit Leuten aus dem Ort, mit Landwirten, mit Politikern, haben auch Leute eingeladen, gezielt. Und da ist einfach wirklich ein Gespräch darüber entstanden, was vor Ort passiert, was vor Ort die Themen sind und was vor Ort gebraucht wird.

Kirche in der Küche – Gemeinschaft am Küchentisch. Mich erinnert das daran: ganz am Anfang haben Christen sich auch am Tisch getroffen. Sie haben sich zum gemeinsamen Essen versammelt um sich auszutauschen über ihren Glauben. Für Tim Kaufmann zeigt sich an dem Beispiel aber noch etwas: 

Das Spannende ist, dass wir also beobachten, dass manchmal die innovativen Aufbrüche jetzt auch nicht aus den Großstädten kommen. … Finkenbach ist jetzt alles andere als urban gelegen, und es ist halt ein echtes Dorf in der Nordpfalz. Insofern, da kommen manchmal auch die Ideen her, wo Leute wirklich was anpacken, weil die eine ganz andere Wahrnehmung dafür haben, was vor Ort gebraucht wird und auch vielleicht schneller merken, dass so herkömmliche Lösungen, wie sie jetzt oft probiert werden, dass man einfach größere Einheiten bildet und so in den Regionen eben nicht funktionieren, weil es eben wirklich weit ist in den nächsten Ort.

Für Tim Kaufmann ist die Erneuerung der Kirche eine Erneuerung von innen. Das leuchtet mir ein: denn ob eine Gemeinschaft wirklich trägt, hängt ja davon ob, wie sehr sich die einzelnen dazugehörig fühlen. Das kann von außen gar nicht verordnet werden. Für Kirche heißt das:  

Es muss klar sein: Leben vor Ort und Kirchengemeinde vor Ort hängt nicht am Pfarrer, sondern hängt eigentlich an den Menschen vor Ort, die vor Ort ihren Glauben leben. … Der Apostel Paulus hat in den Gemeinden, denen er Briefe geschrieben hat, nicht als erstes ein Gemeindehaus, eine Kirche gebaut, sondern hat Leute da versammelt, die das gemeinsam gemacht haben, auch wenn er weg war, bis hin zur Gemeinde in Rom, wo die Leute sogar schon vorher da waren, bevor er überhaupt da angekommen wäre. Also das funktioniert scheinbar auch ohne hauptamtliches Personal ganz gut. Und da sollten wir wieder hinkommen, dass wir das lernen, dass jeder einzelne Gemeinde ist und diese Gemeinschaft das ist, was uns ausmacht und nicht nur Organisationsformen oder eine Struktur.

Nur zusammen bleibt der Glaube lebendig – wenn aus vielen Ichs ein Wir wird. Tim Kaufmann sieht darin das bleibende Fundament der Kirche:

… das ist eines der Kernanliegen unseres Lebens als Christ, dass wir irgendwie eine Gemeinschaft und eine Geborgenheit erleben wollen mit Gott. Und dann natürlich auch bei anderen Menschen…. Das ist im Endeffekt das, was wir, wenn wir als Kirche fortbestehen wollen, brauchen, dass die Leute eben nicht nur eine Heimat in ihrem Dorf haben, sondern eben dann auch in ihrer Kirchengemeinde.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36493
22OKT2022
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Katrin häkelt seit Neustem, Melanie näht. Und Ute kocht aus allem Marmelade, was nur annähernd nach Frucht aussieht. Fast überall wo ich hinkomme erzählen mir Freundinnen und Verwandte mit Stolz von ihren neusten Produkten: Mützen und Schals, Pullover und Brotaufstriche. Und überall klebt unsichtbar oder ganz buchstäblich das Label „Selbstgemacht!“ drauf. Das ist vor wenigen Jahren noch ganz anders gewesen. Da gehörten Handarbeit und Hausmannskost eher in das Gebiet der Großmütter.

Menschen schaffen wieder mit den eigenen Händen, weil sie sich dabei selbst als produktiv erleben. Und anders als in vielen anderen Gebieten hat man auch den gesamten Herstellungsprozess vor Augen. Das gibt einem das Gefühl von Überblick und Kontrolle. Diese Erklärungen leuchten mir ein, vor allem zur Zeit, wo die Welt so außer Kontrolle scheint. Da tut es gut wenigstens beim Nähen alles im Griff zu haben. Was ich bei all dem als große Chance wahrnehme: über das Selbermachen kommen die unterschiedlichen Generationen in Kontakt. Denn wer weiß besser wie man Socken strickt als Oma Maria, die das macht seit sie zwölf ist. Und wer kennt das beste Rezept für selbstgemachten Eierlikör? Genau, Tante Käthe! Von Gott heißt es übrigens auch, dass er gerne und viel selbstgemacht hat. Uns Menschen zum Beispiel. Wie wertvoll wir für Gott sind versteht man vielleicht auch besser, wenn man weiß, wie das ist: Liebevoll und stolz auf das Selbstgemachte zu schauen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36366