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01APR2022
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Im Museum werden den Besuchern Fragen gestellt: Was macht Heimat aus? Was kann man aus der Heimat mitnehmen? Ist Heimat etwas Inneres oder Äußeres? Wie schafft man Heimat? Die Antworten dazu sind so bunt, wie die Besucher dieser Ausstellung. Viele erzählen von einer neuen oder zweiten Heimat. Da sind die geflüchteten Menschen, die hier eine neue Heimat gefunden haben. Da sind die, die vor langer Zeit als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind. Oft haben sie sich hier eine zweite Heimat aufgebaut.

Und viele definieren Heimat auch als Erinnerung an ihr Zuhause aus Kindertagen, daran macht sich für sie ein Heimatgefühl fest: am Geruch eines Lieblingsessens, an der vertrauten Sprachmelodie, an familiären Traditionen. Alle sagen: Heimat ist da, wo ich verstanden werde, wo ich so sein kann, wie ich bin, ohne mich zu verstellen. Das ist für mich auch so.

Als Christin frage ich mich manchmal: Wo ist meine religiöse Heimat? Wo fühle ich mich zugehörig? Die Kirche empfinde ich gerade nicht als meine Heimat, zu viel ungeklärte Fragen. Zu wenig Mut, neue Schritte zu wagen.

Wenn ich in die Bibel schaue, dann stimmt mich das schon zuversichtlicher: Unsere Heimat ist im Himmel – so sagt es der Apostel Paulus. Unsere Heimat ist im Himmel – die kann uns niemand nehmen. Die ist uns zugesagt, versprochen von Jesus selbst. Und noch mehr: Jesus sagt: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ Und dann erzählt er, dass er selbst die Wohnung für uns vorbereitet hat. Und er wird uns dort erwarten. So steht es im Johannes-Evangelium.

Nicht nur eine Heimat, sondern ein Zuhause ist für uns im Himmel vorbereitet. Für mich ist das in allen Krisen und Unsicherheiten ein tröstliches Bild.

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31MRZ2022
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„Anleitung zum Unglücklichsein“ – dieses Buch gibt es wirklich. Und es ist ausgesprochen spannend zu lesen, wie einfach es ist, sich unglücklich zu fühlen. Paul Watzlawick, der heute vor 15 Jahren verstorben ist, beschreibt darin eine typische Situation:

„Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? [...] Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's mir wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie Ihren Hammer".“

Spontan denke ich: So bin ich doch nicht!  Aber wenn ich darüber nachdenke, dann fällt mir schon auf, wie oft ich mir in Gedanken die Reaktion meines Gegenübers ausmale, bevor ich etwas sage oder frage.

Wie wird der Andere darauf reagieren? Und wie stehe ich dann da, mit dieser Frage? Das sind typische Fallen, um mit dem Anderen nicht ins Gespräch zu kommen, sondern ihm aus dem Weg zu gehen.

Mir hilft es dann, tief durchzuatmen und mir vorzustellen, der Andere würden mich um etwas bitten. Ich würde darauf freundlich reagieren – so denkt auch der Mann ohne Hammer. Aber er glaubt nicht, dass der Nachbar das tut. Paul Watzlawick sagt: Man kann nicht nicht kommunizieren.

Und deshalb versuche ich, mit meinen Nachbarn, den Kolleginnen und den Menschen in meinem Umfeld ins Gespräch zu kommen, zu sagen, was ich brauche, zu fragen, wenn ich etwas nicht weiß…. Meine Erfahrung sagt: In mehr als 90 % aller Fälle ist die Antwort positiv und ich bin weniger unglücklich. Der Versuch lohnt sich!

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30MRZ2022
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Im Februar erhielt ich von Freunden eine Einladung zu einer Freuden - Challenge. „Was ist denn das?,“ war meine erste Frage. Challenge ist das englische Wort für Herausforderung. Die bestand hier darin, jeden Tag eine Freude wahrzunehmen und aufzuschreiben. Worüber habe ich mich heute gefreut: in meiner Familie, in meiner Beziehung, auf der Arbeit oder unterwegs?

Das klingt ziemlich unspektakulär und einfach. Ist es auch. Aber es verändert etwas. Es verändert meinen Blick auf die Welt, wenn ich auf die Kleinigkeiten achte, die mich freuen: Da habe ich ein gutes Buch entdeckt und - welche Freude -  ich kann es mir sofort in der Bücherei ausleihen; das Telefon klingelt und meine Freundin ruft an, einfach nur so. Das Essen hatte heute einen besonders guten Geschmack. Ich bekomme ein unerwartetes Kompliment für mein Aussehen.

Als ich angefangen hatte, habe ich wirklich für jeden Tag mindestens eine Freude gefunden. Dazu habe ich immer aufgeschrieben, wie sich das anfühlt: ich fühlte mich froh, leicht, beschwingt, energiegeladen, zufrieden, gestärkt – allein schon das Wahrnehmen der positiven Gefühle tut gut. Ein guter Abschluss war dann das Treffen mit anderen Teilnehmenden dieser Challenge: die vielen Erfahrungen von Freude waren auch ein starker Glücksmoment.

In den Briefen des Apostels Paulus findet sich der Aufruf: „Freut euch, was auch immer geschieht; freut euch darüber, dass ihr mit dem Herrn verbunden seid.“ Das ist der tiefste Grund unserer Freude: dass wir mit Gott verbunden sind. Er schaut auf uns, er hat uns im Blick. Er freut sich an uns Menschen.

Manchmal fällt es uns schwer, das zu spüren, oft ist eher das Schwere, das Traurige, das Unvollkommene im Blick. Gerade aktuell erleben wir das so deutlich. Die Sorge um die Situation in der Ukraine beschäftigt uns täglich, ebenso immer noch die Sorge um Corona.

Und gerade deshalb hilft mir so eine Übung: täglich den Blick auf die Freuden, das Frohe im Leben zu lenken. Und das verändert meine Wahrnehmung und meine Stimmung.
Heute Abend freue ich mich, dass Sie mir zwei Minuten und 40 Sekunden lang Ihre Zeit geschenkt haben.

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29MRZ2022
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„Ich muss noch etwas warten“, sagt mein Kollege, als er mir von seiner neuen Aufgabe im Beruf erzählt. Noch ist nicht alles geklärt. Da es sich um einen Wechsel im gleichen Betrieb handelt, ist das nicht so schlimm. „Ich muss noch etwas warten.“ Und dann schmunzelt er auf einmal und sagt: „Ja, vielleicht muss ich die alten Aufgaben noch etwas warten, damit ich sie gut und ordentlich hinterlassen kann.“

Auf etwas warten – oder:  etwas warten, etwas in Ordnung halten. Die Fastenzeit ist auch für viele Menschen eine Zeit der Wartung, des Check-ups. Es gibt Angebote, um die Beziehungen in Partnerschaft und Familie zu verbessern. Anregungen für das Gespräch zu zweit, für einen guten Umgang mit Konflikten in der Familie. Und es gibt Angebote, um die Beziehung zu Gott zu überprüfen und zu verbessern. Aber wie kann ich meine Beziehung zu Gott warten?

Zum Beispiel mit Exerzitien im Alltag. Exerzitien bedeuten Übung!
Ich übe mich darin, achtsamer zu werden, mir Zeit für das Gespräch mit Gott zu reservieren und aufmerksamer für meine Mitmenschen zu werden. Und dazu gibt es gute Hilfen. Die von der evangelischen Kirche heißt in diesem Jahr passenderweise: Üben! 7 Wochen ohne Stillstand.

Mir ein Ziel setzen, loslegen, dranbleiben und Knoten lösen, falls nötig. Das sind die großen Überschriften. Damit das mich nicht erschlägt, nehme ich mir kleine Übungen vor: ein bewusster Tagesbeginn mit meinem Lieblingsgebet, und ein Wort, das mich den Tag hindurch begleitet. Heute ist mein Wort „Beharrlichkeit“. Beharrlich nicht im Sinne von „ich beharre auf meiner Meinung“, sondern: ich gebe nicht so schnell auf.

In diesen Tagen bin ich beharrlich darin, mich um den Frieden zu bemühen. Auf den Weltfrieden habe ich nur wenig Einfluss, aber trotzdem kann ich mich einsetzten für politische Ziele, für Hilfe für die Flüchtenden. Vor allem aber kann ich mich dafür einsetzen, in meinem Umfeld für Frieden zu sorgen und - nicht zuletzt - für den Frieden zu beten. Das alles scheinen kleine Schritte zu sein und der Erfolg ist nicht sofort sichtbar, aber es sind wichtige Schritte. Darin übe ich mich und darin will ich beharrlich sein.

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28MRZ2022
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Ich bekomme gerne Geschenke. Wenn ich Geburtstag habe oder ein Hochzeitsjubiläum ansteht, dann freue ich mich jedes Mal auf Geschenke und Überraschungen. Mein Mann und meine Kinder sind da immer sehr kreativ und überlegen, was mir Freude macht. Ich schätze das sehr.

Und ich schätze die Geschichten, die Überlegungen hinter den Geschenken: warum hat sich der Schenker für dieses Buch entschieden und nicht für ein anderes? Wann hat sie dieses wunderschöne Tuch gesehen und dabei an mich gedacht? Und so denke ich oft an den lieben Menschen, der mir dieses Geschenk gemacht hat. Mein liebstes Geschenk ist allerdings die gemeinsame Zeit. Oft bekomme ich einen Ausflug, einen Theaterbesuch oder einen gemeinsamen Tag geschenkt. Das ist die Sprache der Liebe, die ich gut verstehe: wenn der andere da ist, Zeit für mich hat, präsent ist.

Deshalb gehören für mich auch zu jedem Geburtstag Gäste. Freunde und Freundinnen, die sich Zeit nehmen, den Tag mit mir zu verbringen, zusammen zu essen, zu lachen und vieles andere mehr. Dieses Geschenk der Zeit ist mir wertvoll. Sie nehmen sich Zeit, sie sind da. Und ihr Dasein, ihr Präsentsein ist mein Präsent – mein Geschenk.

Präsent sein! Präsent sein heißt: ich bin da, ganz da, nicht nur körperlich anwesend. „Ich bin da“ – so antwortet Gott, als Mose fragt : „Wer bist Du?“ „Ich bin da in allen Lebenslagen, ob es schwer oder schön ist, ob Du Angst hast oder Dich freust.“  

Als Mose von Gott den Auftrag bekommt, die Israeliten aus Ägypten zu befreien, bekommt er Angst und findet tausend Ausreden, um den Auftrag Gottes nicht zu erfüllen: „Ich kann nicht reden, ich weiß nichts von Dir, ich bin zu klein“. Und die Antwort Gottes heißt immer wieder: „Ich bin da.“

Gott sagt auch zu mir: ich bin da, ich bin präsent. In allen Lebenssituationen, auch dann, wenn du es nicht spürst.  „Ich bin da“. Das ist Gottes Geschenk an mich, das ist sein Geschenk an uns Menschen.  Präsent sein! Was für ein Geschenk – was für eine Aufgabe!

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12NOV2021
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„Da ist ein Sprung, ein Riss in allem, doch so kommt das Licht herein“  – so heißt es in dem Lied „Anthem“ von  Leonhard Cohen, wenn ich es übersetze.

Da ist ein Riss in allem – wenn ich das auf mich selbst beziehe, möchte ich das nicht so gerne wahrhaben. Lieber möchte ich doch ganz und heil sein, gesund an Leib und Seele und versorgt mit allem, was ich zum Leben brauche.

Doch die Erfahrung sagt, dass es so nicht ist. Krankheit gehört zum Leben, auch Schuld, Versagen, Abschiede. Wenn es einen Riss in meinem Leben gibt, möchte ich ihn gerne erst einmal verstecken. Und doch heißt meine Erfahrung: Sobald der Riss angenommen wird, hat er eine Chance zu heilen, kann er Licht hinein lassen.

Ich konnte das in den vergangenen Wochen im Freundeskreis miterleben:
Ein guter Freund fühlte sich an seiner Arbeitsstelle sehr unwohl und war unzufrieden. Er verlor seine gute Laune, nichts machte ihm mehr richtig Freude. Er überlegte, die Arbeit zu wechseln, hatte aber auch Angst vor der Arbeitslosigkeit.  Als die Entscheidung zur Kündigung endlich gefallen war, war er wie ausgewechselt: Fröhlichkeit und Kreativität kamen wieder. Die kurze Arbeitslosigkeit war ein Riss im Lebenslauf, aber dadurch wurde Neues möglich und  die Lebensfreude kam zurück.

Gute Freunde von uns haben sich nach langer Ehe getrennt. Das ist ein richtig großer Riss. Noch ist nicht sichtbar, wie das Licht dort einen Weg findet zur Heilung und zur Hoffnung. Noch hilft nur das Vertrauen darauf, dass es Licht gibt.

Im dunklen Monat November zünden wir gerne Kerzen an. Ihr Licht ist warm und tröstlich. Und es erinnert uns daran, dass es in aller Dunkelheit Licht gibt – auch wenn wir es manchmal nicht sofort sehen.

Für mich ist die Aussage „Ich bin das Licht der Welt“ von Jesus wichtig. Sie trägt mich durch schwere Zeiten, wenn es nur den Riss zu geben scheint: wenn ich mich einsam und allein fühle, wenn Projekte platzen, wenn gerade gar nichts klappt oder Beziehungen einen Riss bekommen.

Dieses Licht darf ich in mein Leben lassen, aber ich muss dafür die Tür aufmachen. Vor Gott muss ich keine Fassade wahren, sondern ich darf meine Ängste und Sorgen zulassen, mir zugestehen, dass nicht alles heil und ganz ist. Dann kommt auch den schwierigen Zeiten das Licht in mein Leben.

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11NOV2021
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Jetzt an den dunklen Novemberabenden bin ich froh, Sommererinnerungen gespeichert zu haben. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Konzert im Hof der Landesmusik-Akademie. Es ist ein warmer Sommerabend im Juli und es wird Klassik gespielt.

Rund um den Hof gibt es viel Leben, Autos fahren um die enge Kurve. Familien mit Kindern gehen spazieren, holen sich ein Eis und lachen miteinander. Kinder fahren mit dem Rad. Ehepaare spazieren zum Rhein oder kommen von dort zurück. Im Haus gegenüber wohnen junge Familien mit ganz kleinen Kindern. Manchmal hört man sie weinen oder lachen.

Dann beginnt die Musik: Geige, Viola und Klavier. Gespielt von drei begeisterten, jungen Menschen. Die Umgebungsgeräusche werden nicht weniger, sie gehören dazu.

Die Autos fahren weiter um die Kurve, die Glocken vom Kirchturm läuten im unpassenden Moment. Aber die Menschen, die vorbeikommen, verändern sich.

Ein Mädchen im Grundschulalter fährt mit einem Jungen um die Wette Rad. Sich zum Rhein runter rollen lassen, wieder hochstrampeln. Sie starten direkt neben dem Konzerthof. Die Pause, bevor sie wieder losfahren, wird immer länger, die Musik fasziniert.

Im Haus nebenan wird ganz oben das Fenster aufgerissen. Einige Köpfe schauen neugierig heraus.  Die meisten ziehen sich nach ein paar Minuten wieder zurück. Ein junges Mädchen bleibt am Fenster, lauscht den ganzen Abend.

Das Tempo der Fußgänger auf der Straße verlangsamt sich, die Lautstärke der Gespräche nimmt ab, manchmal hören sie auch ganz auf. Es scheint so, als ob alle die Schönheit der klassischen Musik genießen, die von dem begeisterten Trio vorgetragen wird.

Die Erinnerung an diesen Abend wärmt mich auch noch im Winter, mindestens ebenso sehr wie ein Kamin oder eine Tasse Tee.

„Göttliche Momente“ nenne ich sie manchmal. Es sind diese Erfahrungen, die mein Herz berühren, sie erzählen von Harmonie und Lebendigkeit und Schönheit. Und so bleiben sie in meiner Erinnerung.

Denn es sind wirklich: „Göttliche Momente“!  Sie bringen eine Ahnung von Gott in unsere Welt und sie wärmen im grauen November.

Es gibt mehr als nur den Alltag, die Routine, es gibt das, was ich nicht machen kann, aber erleben darf. Ich sammle gerne „göttliche Momente“, damit sie mir durch den Winter helfen.

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10NOV2021
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In diesen Tagen sind sie wieder zu sehen: die Martinsumzüge in vielen Orten im Land. Bei uns im Rheinland sind sie sehr beliebt. Die Geschichte von Sankt Martin ist vielen Menschen, besonders den Kindern noch sehr vertraut. Martin ist ein Offizier in der römischen Armee.

Eines Abends kommt er zurück in sein Lager und sieht einen Bettler, der keine Kleidung mehr hat und wohl erfrieren wird. Er hält kurzerhand sein Pferd an, bleibt stehen und teilt seinen Mantel mit dem Bettler. Das ist die bekannteste Geschichte.

Ich glaube, in diesem Jahr können wir hier in Rheinland-Pfalz und auch in Nordrhein-Westfalen das Heiligenlexikon locker um viele Menschen erweitern.

Ich wohne nahe am Ahrtal, wo es am 14. Juli die große Flutkatastrophe gab. Viele Menschen  waren in Lebensgefahr und viele Menschen sind in dieser Nacht  über ihre Grenzen gegangen, um anderen zu helfen.

Viele dieser Geschichten sind mittlerweile durch die Medien gegangen, aber es gibt noch so viele mehr. Jedes Mal, wenn ich als Seelsorgerin im Ahrtal bin, höre ich neue Erfahrungen und Erlebnisse.

Was mich beeindruckt und berührt: es wird erzählt, wie schnell und zerstörerisch die Flut kam, aber damit hört die Erzählung nie auf. Dann kommen die Erfahrungen von Hilfe und Lebensrettung. Da wird erzählt, dass Menschen gemeinsam von anderen aus den Fluten gezogen wurden, weil die eigene Kraft nicht mehr reichte.

Auch die unglaubliche Hilfsbereitschaft im Anschluss an dieses Unglück zeigt, dass es heute viele Heilige gibt: Menschen, die ihren gesamten Urlaub nehmen und auf der Stelle losziehen, um anderen zu helfen. „Die schnelle Hilfe hat uns am Leben gehalten, die Helfer haben uns aus der Schockstarre geholt“ – das höre ich immer wieder.

Bei der mittäglichen Essensausgabe in den betroffenen Orten treffe ich viele Helfer. Ich begegne dort auch einer Familie, die statt in Urlaub zu fahren,  mit ihrem Wohnwagen an die Ahr gekommen ist: die Frau bietet kostenlos Physioanwendungen und Massagen an, der Mann hilft beim Entkernen der Häuser. Eine Woche lang haben sie sich dafür Zeit genommen, dann geht es wieder zurück nach Dresden.

Jeder im Ahrtal kann unzählige Beispiele von Not und Hilfe ergänzen. Für mich sind das „Heiligengeschichten“. Sie haben mit „Heilen“ zu tun, mit Anpacken und Helfen, mit Unterstützen und Trösten, mit Hilfe für Leib und Seele.

Moderne Heilige – wer welche kennenlernen will, kann das zum Beispiel im Ahrtal tun!

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09NOV2021
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Ich war mit einer kleinen Gruppe aus unserer Pfarrei an der Nordsee. Endlich dürfen wir wieder reisen. Jeden Abend erzählten wir einander, was uns am Tag besonders gut getan oder berührt hat. So sagten die Teilnehmerinnen zum Beispiel:  „Es war so schön, miteinander im Teehaus zu sitzen.“ „Wir haben gestern Abend zusammen gelacht, bis uns alles weht tat.“ „Wir sind zu zweit in aller Ruhe am Strand spazieren gegangen und haben es genossen, die Füße ins Wasser zu halten.“ „Wir hatten so viel Freude, zusammen durch die kleinen Läden zu bummeln.“

Die Aussage, die sich in diesen Tagen immer wiederholt heißt: wie gut, dass wir wieder etwas gemeinsam tun dürfen. Wir haben gespürt, welche Wunden die Corona-Zeit geschlagen hat: wir haben viel Zeit allein oder sogar einsam verbracht und wir konnten Freud und Leid nicht wie gewohnt miteinander teilen. Und noch etwas haben wir vermisst: einander trösten und getröstet werden.

Eine Frau, die ihren Mann erst vor kurzem verloren hat, sagte an einem Abend: „Heute ist mein Hochzeitstag. Es war für mich leichter, ihn mit Euch gemeinsam durch zu stehen“. Auch das tut gut: in der Trauer nicht allein zu sein, sondern liebe Menschen an seiner Seite spüren.

In diesen Erfahrungen wird deutlich, wie sehr wir Menschen auf Beziehung hin angelegt sind, wie sehr wir einander brauchen. Es tut uns nicht gut allein zu sein, wir brauchen die Ergänzung und auch die Korrektur durch die anderen.

Und noch eine andere Form der Gemeinsamkeit konnten wir wieder erfahren: gemeinsam Gottesdienst feiern. Wieder mit anderen zusammen beten, bitten, klagen, loben – das haben wir lange vermisst.

Auch die Bibel erzählt davon, dass der Mensch Gemeinschaft braucht. In der Schöpfungsgeschichte heißt es: Gott schuf den Menschen - als Mann und Frau schuf er sie. Als zwei Wesen, die einander brauchen und ergänzen.

Oder die Jünger. Sie sind eine Gruppe von Menschen mit gleichen Zielen und gleichen Aufgaben – sie werden von Jesus immer mindestens zu zweit losgeschickt. So können sie einander ergänzen und unterstützen.

Der Mensch ist auf Begegnung, auf ein Miteinander hin angelegt. Das spüren wir auch: Gemeinschaft tut uns gut – und wir freuen uns in aller Vorsicht  an dem, was möglich ist.

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08NOV2021
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Ein fast vergessenes Wort erlebt wieder eine Renaissance: das Wort DANKE! Dieses Wort leuchtet mir momentan an vielen Straßenecken und Häusern entgegen: „Danke für jede helfende Hand! Danke allen Helfern! Danke Euch allen!“

Das ist die Realität im Ahrtal. Und nicht nur im Tal hängen diese Plakate, auch auf den Höhen. Wahrscheinlich auch an den anderen Orten, die vom Hochwasser betroffen waren. Die Flutnacht und die Erfahrung, existentiell bedroht zu sein, hat das Lebensgefühl verändert.

„Uns geht es gut, wir leben noch!“ ist ein häufiger Satz im Gespräch mit den Betroffenen. Das überrascht mich. Aber das ist die Erfahrung von Menschen, die an ihre existentiellen Grenzen gekommen sind.

Dieser Satz gilt aber nicht nur für diese Situation. Auch die, die Corona überlebt haben, drücken oft diese tiefe Dankbarkeit aus. Das höre ich in vielen Gesprächen.

Corona und die Unwetter haben vielen von uns die Zerbrechlichkeit und Unsicherheit des eigenen Lebens vor Augen geführt. Auf einmal spüren wir: Gesundheit ist nicht selbstverständlich, Besitz und ein Zuhause sind nicht selbstverständlich. Und das gilt nicht nur für mich, sondern auch für meine Familie und meine Freunde.

Wer einmal in Lebensgefahr war und überlebt hat, der ist dankbar. Ich erlebe in meiner Umgebung auch eine neue Dankbarkeit für die Dinge, die wir bisher für selbstverständlich gehalten haben.

Wir dürfen uns z.B. wieder treffen:  im Freundeskreis, in der Gemeinde, zu kleinen Festen. Noch vorsichtig und mit vielen Regeln.  Und trotzdem ist fast jedes Treffen begleitet von einem „Gott sei Dank, dass das jetzt wieder möglich ist.“

Und damit wird genau das ausgesagt, was meine Überzeugung ist: Gott sei Dank!
Dank dafür, dass er unser Leben in seinen Händen hält und auch dann da ist, wenn wir ihn vermeintlich nicht spüren. Er ist auch bei denen, die ihr Leben verloren haben, bei denen, die trauern. Davon bin ich überzeugt.

Und wenn es die Tage und Stunden gibt, in denen die Dankbarkeit fern zu sein scheint, dann hilft es mir am Abend, bei der Fahrt nach Hause oder im Bett nachzudenken: Was war heute gut? Eine Begegnung? Ein Wort? Ein Brief? Eine Umarmung? Ein Anruf? Es gibt keinen Tag, an dem ich nichts finde, auch wenn ich manchmal etwas suchen muss. Dann nehme ich das, was ich finde und sage: „Gott sei Dank“.

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