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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

17MAI2025
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Von Dietrich Bonhoeffer stammt ein Text über den Optimismus, der mich nachdenklich macht und zugleich bestärkt. Er schreibt: „Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt. Er ist die Gesundheit des Lebens.“

 

Optimismus als Lebenskraft – das gefällt mir. Und das leuchtet mir auch ein, dass es den braucht, um mutig weiterzumachen und gesund zu bleiben. Gerade in Zeiten, die keine einfachen sind.

Was hilft mir, nicht alles schwarz zu sehen und den Kopf nicht in den Sand zu stecken? Woraus schöpfe ich Kraft, wo tanke ich auf? Wann geht es mir so richtig gut?

In einer Zeitung gibt es die Rubrik: „Was mein Leben reicher macht“. Woche für Woche schreiben darin Leserinnen und Leser einen Satz, ein kurzes Erlebnis.

Vielfältig und bunt ist, was da zusammenkommt. Vom blühenden Baum im Vorgarten, über die freundliche Begegnung mit dem Briefträger bis zur Genesung nach schwerer Krankheit.

Ich finde das eine prima Sache. Menschen teilen, was sie dankbar sein lässt und froh macht. Sie helfen, den Blick einmal von den bad news auf die good news zu lenken und dem Positiven einen Raum zu geben.

Eine Idee, die mich dazu inspiriert hat, mich hinzusetzen und einmal ohne Punkt und Komma eine ganze Seite vollzuschreiben mit dem, was mein Leben reicher macht und wofür ich dankbar bin. Und das ist eine ganze Menge:

Vogelgezwitscher, am See sitzen, mit meinem Sohn Nachtgespräche führen, Gedichte lesen, barfuß laufen, alte Freundschaften pflegen, glauben können, dass es einen Gott gibt, der mit mir unterwegs ist… und so vieles mehr.

Dass ich manches von dem, was ich glaube und versuche zu leben in den letzten 30 Jahren mit Ihnen, den Hörerinnen und Hörern teilen durfte, dafür bin ich dankbar. Heute verabschiede ich mich mit meiner letzten Sendung von Ihnen und wünsche Ihnen von Herzen: Leben sie wohl und behüt´ Sie Gott.

 

(Dietrich Bonnhoeffer, Eschbacher Textkarte 4759 „Lebenskraft“)

 

„Was mein Leben reicher macht“ – in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

16MAI2025
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„Die Grenze ist der eigentliche Ort der Erfahrung“. Über diesen Satz bin ich gestolpert und ganz unterschiedliche Bilder sind in mir aufgestiegen. Erinnerungen an ganz reale Grenzübergänge mit Ausweis vorzeigen und Kontrollen, die immer auch etwas Mulmiges an sich hatten. Orte, wo auf der anderen Seite eine andere, fremde Sprache gesprochen wird und mir bewusst ist, dass ich vertrautes Terrain verlasse.

Nicht nur zwischen zwei Ländern gibt es eine Grenze und Grenzübergänge. Auch im Leben mache ich immer wieder die Erfahrung von Grenzen und Übergängen.

An solchen Grenzen muss ich mich entscheiden, ob ich nach vorne oder zurückgehen will, denn die Grenze ist kein Ort, an dem man ständig leben kann. Deshalb stellt sich die Frage: Wage ich den Schritt, bin ich bereit, Neuland zu begehen und Altvertrautes zu verlassen? Den Beruf zu wechseln oder noch einmal an einem anderen Ort neu anzufangen? Glaub ich, dass auch dort der Boden mich trägt und es Wege gibt, die es wert sind, von mir gegangen zu werden? Glaub ich, dass da Einer ist, der mit mir geht, egal wohin?

Für mich ist diese Vorstellung von einem Gott, der mit seinem Volk und auch mit mir heute unterwegs sein will, hilfreich und tröstlich zugleich. Ein Gott, der nicht an einen Ort gebunden ist, der Grenzen sprengt, auch die, meiner eigenen Vorstellungskraft von ihm. Der immer größer und anders ist, als ich zu denken vermag. Dieser Gott macht mir Mut, mich hinauszuwagen.

Nicht nur in die weite Welt, sondern auch über die Grenzen meiner selbst. Das heißt, dass ich wage, nicht an meinem Bild von mir festzuhalten, dass ich mir zugestehe, mich auch im fortgeschrittenen Alter weiterzuentwickeln.

Ich habe mich zum Beispiel für eine Fortbildung in meditativen Leibübungen angemeldet, die zum Teil auf einer digitalen Lernplattform stattfindet. Anfangs war ich skeptisch, ob ich das hinbekomme, da ich es nicht so mit der Technik habe. Inzwischen freu ich mich, dass ich mich da eingefuchst habe und genieße es, mit diesen einfachen Übungen mehr zur Ruhe, mir selbst und Gott zu kommen. Und ich habe mir vorgenommen, das, was ich dabei erlernt habe, für andere erlebbar zu machen – ohne ständig zu fragen, bin ich schon gut genug dafür?

Dabei vertraue ich diesem Gott, der mit mir über Grenzen geht und bei Grenzerfahrungen an meiner Seite ist. Auch, wenn es immer ein Wagnis bleibt.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

15MAI2025
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Ich schaue gerne in die Gesichter von alten und hochaltrigen Menschen. Und frage mich, was sie wohl alles erlebt und erlitten haben. Wovon ihre Sorgen- und Lachfalten erzählen könnten. Wenn dann auch noch aus dem Gesicht einer über Neunzigjährigen so wache Augen blitzen, dann denke ich: so möchte ich auch alt und älter werden.

Beim Blick in den Spiegel morgens ist das allerdings nicht immer nur erfreulich mit dem Älterwerden und den Falten, die mehr und mehr werden. Gleichzeitig möchte ich sie nicht missen, auch wenn mir ein Gesichtschirurg vor einigen Jahren gesagt hat: „Da ließe sich einiges richten bei Ihnen.“ Damals war ich zunächst perplex…dann hab´ ich schallend gelacht und ihm erklärt: „Nichts da - die Falten und Fältchen sind alle ehrlich erheult und erlacht. Die gehören zu mir und meinem Leben.“ Das, was sich dahinter verbirgt, kann mir keiner nehmen – geschweige denn glattbügeln. Denn natürlich hat es auch Brüche in meinem Leben gegeben. Die will ich nicht schönreden. Manche davon hätte ich mir gern erspart, keine Frage.

Dass ich sie heute liebevoller anschauen kann liegt auch an einem Merksatz aus der Archäologie. Der lautet: „Halte die Bruchstellen heilig!“ Wenn Archäologen ein Fragment einer Statue oder eines Gefäßes finden, schleifen sie die Bruchstellen nicht glatt, damit es schöner aussieht. Schließlich könnte irgendwann das fehlende passende Stück gefunden und dann wie ein Puzzle-Teil ergänzt werden.

So stell ich mir das auch mit den Bruchstellen in meinem Leben vor. Manches kann ich nicht kitten und will es nicht zukleistern. Ich vertrau darauf, dass Gott irgendwann diese Bruchstellen heil macht, dass er ergänzt, was fehlt oder verlorenging, damit ich heil und ganz werde.

Und bis dahin halte ich ihm meine Bruchstellen und Falten hin, die ganze Geschichte, die in meinem Gesicht steht und mit dem ich freundlich auf die Menschen um mich schaue.

Ganz so wie es folgender Text beschreibt:

„Mein Gesicht soll eine Landschaft werden

mit Berg und Tal,

in der Menschen sich verlieren

und wiederfinden können.

Mit Furchen,

in denen der Schabernack lauert

und Winkeln voll Güte und Trost,

mit Ebenen, um sich auszuruhen,

und Gruben, in denen man sich geborgen fühlt.

 

Und jeder soll sagen:

das ist eine gute Landschaft,

das ist die Landschaft,

die ein Mensch ist.“

 

Quelle: Aktion Leben Österreich/Gemeinsam für das Leben – ohne Wenn und Aber

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

14MAI2025
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„Jeder hat eine Tür der Veränderung in sich, die aber nur von innen geöffnet werden kann.“

Dieser Satz stammt von der amerikanischen Familientherapeutin Virginia Satir.

Ich verstehe ihn so, dass manchmal erst in mir drin etwas passieren, etwas reifen muss, bevor ich eine Entscheidung treffen kann, die etwas in meinem Leben verändert.

Mir ist dazu eingefallen, was mir unlängst eine liebe Bekannte erzählt hat. Sie hatte vor Jahren einen heftigen Streit mit einer Freundin und den Kontakt zu ihr abgebrochen. Doch dann ist sie auf ein Bild in einem Kalender gestoßen. Darauf ist eine alte Holztür mit einem Loch zu sehen, gerade so groß, dass man mit einer Hand durchgreifen kann. Diese Tür gibt es tatsächlich; sie steht in der St. Patricks Kathedral in Dublin. Sie heißt „Tür der Versöhnung“ und erinnert an folgende Geschichte: 1492 waren zwei adlige Familien miteinander heftig in Streit geraten. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und aus Furcht ist eine der beiden Parteien in die Kathedrale geflüchtet und hat sich in einem Nebenraum hinter dieser Tür verschanzt. Die Widersacher haben diese Tür belagert und die drinnen aufgefordert, rauszukommen, um miteinander zu reden. Das haben die sich nicht getraut. Als gar nichts vorangehen wollte, hat der Adlige, der draußen war, mit der Streitaxt ein Loch in die Tür schlagen lassen. Durch dieses Loch haben sie dann miteinander gesprochen. Und dann hat einer sich ein Herz gefasst: Er hat seine ganze Hand und den Arm durch das Loch gestreckt – völlig wehrlos dem Widersacher gegenüber. Vermutlich blieb allen in dem Moment das Herz stehen. Was jetzt wohl geschehen würde?

Vermutlich ahnen Sie, was passiert ist, wenn diese Tür als „Tür der Versöhnung in die Geschichte eingegangen ist. Ja, die beiden haben sich tatsächlich die Hand gereicht und sich versöhnt.

Und meine Bekannte? Die hat doch tatsächlich, inspiriert von dieser Geschichte, die Tür in klein nachgebaut. Hinter das Loch hat sie sich selbst gemalt, mit ausgestreckter Hand. Und dies hat sie ihrer Freundin zu Weihnachten geschickt.

Sie ist über ihren Schatten gesprungen, hat ihre innere, lange verbarrikadierte Tür geöffnet… Von der Reaktion der Freundin war sie sehr berührt. Die hat sie nach vielen Jahren der Funkstille zwischen den beiden, zu ihrem Geburtstag eingeladen.

 

Die Geschichte und das Bild stammen aus: „Der Andere Advent 2024/25

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

13MAI2025
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„We stick together, when we eat together“ – wenn man zusammen isst, dann hält man zusammen.

Dieser Satz stammt aus dem Film „The old oak“. Worum geht es?

The old oak, die alte Eiche, ist ein Pub in einer ehemaligen Bergarbeiterstadt in Nordengland, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Die Zeche ist geschlossen, viele Menschen sind arbeitslos und halten sich mehr schlecht als recht über Wasser. In dieser Kleinstadt kommt ein Bus mit syrischen Flüchtlingen an. Die Begeisterung darüber hält sich in Grenzen. Doch der Wirt des Pubs hat ein großes Herz und ein Nebenzimmer, das nicht mehr genutzt wird. In diesem Zimmer entdeckt Yara, eine junge Syrerin, diesen Spruch an der Wand: We stick together, when we eat together. Der stammt von der Mutter des Wirts. Diese hat in Zeiten einer schweren Wirtschaftskrise, als alles den Bach runter ging, in diesem Raum so etwas wie eine Suppenküche für alle eingerichtet. Hier traf man sich Tag für Tag, war zusammen, teilte, was man hatte und ließ sich nicht entmutigen. Yara erinnert sich, dass sie das zu Hause in Syrien mit all den Nachbarn gerade so gemacht haben, als die Regierung versucht hat, sie auszuhungern.

Yara und der Wirt beschließen, diesen Raum zu entrümpeln und die alte Suppenküche wieder aufleben zu lassen. Einheimische und Zugereiste packen mit an, kochen und essen gemeinsam und finden zueinander.

Mich hat dieser Film sehr berührt. Vielleicht weil er zeigt, wie aus Fremden Freunde werden, wie zusammen Essen verbinden kann. Ich denke daran, wie das bei uns auch an vielen Orten geschieht. Bei den Vesperkirchen oder wie hier bei uns in Wangen beim Suppentöpfle. Einmal in der Woche treffen sich unterschiedlichste Menschen und Altersgruppen zum Eintopfessen. Keiner isst alleine und die Freude aneinander ist spürbar. Essen verbindet – auch zu Hause am Esstisch; denn da wird nicht nur gegessen, sondern meist auch besprochen, was gerade so los ist und ansteht.

Auch von Jesus wird erzählt, dass er gerne mit Menschen um einen Tisch saß und seine Jüngerinnen und Jünger aufgefordert hat, miteinander Mahl zu halten und sich dabei an ihn zu erinnern. Die ersten Christen haben sich dazu einmal in der Woche in ihren Häusern getroffen. Es waren Sättigungsmähler, vor allem für die Armen, und gleichzeitig wurde nicht nur Essen, sondern vor allem auch Leben geteilt. Daraus ist Gemeinschaft entstanden, Menschen, die sich umeinander gekümmert haben … ganz im Sinne von „we stick together, when we eat together“.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12MAI2025
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„Woran kann man erkennen, dass die menschliche Zivilisation begonnen hat? Und, welcher Gegenstand dient dafür als Beweis“? Diese Fragen haben Studentinnen und Studenten in Amerika ihrer Professorin gestellt.

Die Anthropologin Margret Mead hat ihnen nach kurzem Überlegen geantwortet: „Ein verheilter Oberschenkelknochen“.

Die jungen Menschen waren über diese Antwort vermutlich ebenso erstaunt wie ich. Ein Kochgefäß oder eine Waffe zum Jagen, wäre für mich naheliegend gewesen.

Was aber hat ein verheilter Oberschenkelknochen mit dem Beginn der Zivilisation zu tun? So einen Knochen, mehrere Tausend Jahren alt, haben Archäologen gefunden. Und sie haben festgestellt: Dieser Oberschenkelknochen muss irgendwann durch einen Sturz oder was auch immer gebrochen sein und ist wieder verheilt.

Margret Mead begründet ihre These folgendermaßen: Um so einen Bruch überleben zu können, muss jemand dagewesen sein, der sich gekümmert hat. Ein anderer Mensch, der den Bruch geschient hat und den Verletzten mit Essen und Trinken versorgt hat. Der einfach dageblieben ist, damit er in Ruhe gesund werden konnte. Jedes Tier in derselben Situation, wäre unter seinesgleichen vermutlich jämmerlich gestorben.

Diese Erklärung finde ich einleuchtend und anrührend zugleich. Denn, was damals galt, gilt auch für heute. Damit die Menschheit das Prädikat zivilisiert verdient und menschenwürdig überleben kann, braucht es mehr als „schneller, höher, weiter“, High Tech und KI. Was es mehr denn je braucht sind Menschen, die sich umeinander kümmern. Die einander nicht gleichgültig sind – gerade in einer Zeit, in der viele einsam sind

Dazu passt, worüber der österreichische Autor, Chansonnier und Schauspieler André Heller vor ein paar Jahren nachgedacht hat. In einer engagierten Rede hat er eine neue „Weltmuttersprache“ gefordert. Eine Sprache, die im Grunde jeder Mensch sprechen oder einüben kann. Und diese Weltmuttersprache sei und müsse Mitgefühl sein. Das berührt mich und spricht mich sehr an. Denn dabei geht es nicht um Gefühlsduselei. Mitgefühl meint mehr. Echtes Mitgefühl ermöglicht mir, in jedem Menschen mich selbst zu erkennen und mit ihm verbunden zu sein. Liebevoll auf ihn oder sie zu schauen – und da wo es nottut, zu helfen.

 

Geschichte vom verheilten Oberschenkelknochen stammt aus: Annabelle Hirsch, „Die Dinge. Eine Geschichte der Frauen in 100 Objekten“, 2022 Kein&Aber AG, Zürich-Berlin, gefunden in „Der Andere Advent, 2024/2025

Mahn-Rede von André Heller war zum 80. Jahrestag des „Anschlusses Österreichs an Nazi-Deutschland 2018 in Wien.

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

11MAI2025
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Bei meiner Freundin Thea hängt im Flur ein altes braunes Handtäschle am Schrank. Es hat deutliche Gebrauchsspuren: Die Henkel sind ganz abgegriffen, das Innenfutter zerschlissen. Dieses Täschle hat eine Geschichte. Die erzählt von Uroma Margarethe, die vor über 80 Jahren mit ihrer Tochter und deren Baby von Pommern nach Süddeutschland geflohen ist. Dieses Täschle und die darin versteckte Damentaschenuhr sind das einzige, was ihr geblieben war, als sie hier ankam. Manches andere musste sie auf der Flucht nach und nach zurücklassen. Aber das Wichtigste hat sie gerettet: das Leben ihrer Enkelin – Theas Mutter -, das ihrer Tochter und ihr eigenes. Das Täschle im Flur hängt da wie ein Mahnmal für das, was Uroma Margarethe alles erlebt und ertragen hat. Für meine Freundin ist das Täschle ein kostbarer Schatz. Es steht für den Mut der Uroma, ins Ungewisse aufzubrechen, durchzuhalten, dann, wenn es schwer und kaum auszuhalten ist.

Wenn ich heute am Muttertag an meine Mutter und meine beiden Großmütter denke, dann empfinde ich eine große Dankbarkeit. Jede dieser Frauen hat in meinem Leben, neben den sichtbaren Erinnerungsstücken, Spuren hinterlassen. Von Oma Monika habe ich ihr verdelltes Schöpfgefäß aus Metall - es erinnert mich daran, wie sie jahrzehntelang allen, die hungrig am Hof vorbeigekommen sind, damit Mehl in ein Tuch oder eine Tüte gefüllt hat. Sei großzügig, hat sie mir mit der Kelle mit auf den Weg gegeben, schenke gerne. Wenn ich an Oma Fine denke, schmunzle ich…weil mir bei ihr zuallererst ihr Chaiselongue, also ihr Sofa, in den Sinn kommt – sie konnte, wie man heute sagen würde, wunderbar chillen. Sie lehrte mich, dass frau auch mal fünf gerade sein lassen und es sich gemütlich machen sollte. 

Und, wenn ich an meine Mutter denke, dann schließt sich der Kreis zu Theas Uroma Margarethe. Auch sie hat mir ein kleines Täschle hinterlassen, das bis zu ihrem Tod ihr steter Begleiter war.

Ihr verdanke ich unglaublich viel. Vor allem dieses unverbrüchliche Vertrauen ins Leben. Dass es immer einen Weg gibt, egal, was passiert. Dass immer wieder a Türle aufgeht, wo ich es nicht vermute, und dass da ein Gott ist, der mitgeht – durch alle Höhen und Tiefen … das auch.

Und dafür heute zutiefst: Danke Mama.

Und danke an alle Frauen und Mütter, die uns so vieles gelehrt und hinterlassen haben.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

24AUG2024
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„Wir alle sind aus Sternenstaub“ – das ist die Textzeile eines Songs*. Astrophysiker behaupten, wir Menschen bestehen mindestens zur Hälfte aus Sternenstaub. Einem Staub, der bei Sternexplosionen entstanden ist und dann durch das Weltall geschleudert wurde, mit unvorstellbarer Wucht und mit unvorstellbarer Geschwindigkeit. Dieser Sternenstaub setzt sich, laut der Wissenschaftler, zusammen aus kleinsten Elementen, die so stabil sind, dass sie die Sternexplosionen unbeschädigt überstehen und Millionen oder gar Milliarden Jahre als Staub durch das Universum wabern. Bis sie dann zum Beispiel in unserer Galaxie und damit in unserem Körper gelandet sind.

Das finde ich faszinierend und erschreckend. Erschreckend ist für mich die Größe und Unfassbarkeit dieser wissenschaftlichen Erkenntnis. Faszinierend finde ich, dass wir damit also Teile des leuchtenden Universums in uns tragen. Denn nichts Anderes ist ein Stern, ein leuchtender Himmelskörper, der Wärme abstrahlt. Vielleicht sind wir ja auch deshalb so fasziniert vom Sternenhimmel, weil wir ihn quasi in uns tragen.

Die Dichterin Rose Ausländer beschreibt dieses Phänomen für mich wunderbar in folgenden Zeilen:

 

„Über dir

Sonne Mond und Sterne

 

Hinter ihnen

unendliche Welten

 

Hinter dem Himmel

unendliche Himmel

 

Über dir

was deine Augen sehen

 

In dir

alles Sichtbare

und

das unendlich Unsichtbare“

 

Das unendlich Unsichtbare fasziniert mich. Es weist mich auf das Göttliche in der Welt hin – und das Geheimnis, das in jedem Menschen wohnt. Vielleicht ist es dieses göttliche Fünklein, das, was nicht offensichtlich ist. Der innerste Kern.

Etwas, das uns auf das Göttliche in der Welt und in uns selbst hinweist, hin-leuchtet sozusagen. Dieses Göttliche, das in der Geschichte der Menschheit eine besondere Sternstunde erfahren hat. Nämlich damals als Jesus von Nazareth geboren wurde und in dieser Welt gelebt hat. Er lässt uns Menschen bis heute erahnen wie dieser Unsichtbare, wie Gott, ist. Und er weist uns gleichzeitig darauf hin, wie kostbar, ja gottvoll jeder Mensch ist. Dass wir eben nicht nur Sternenstaub in uns haben, sondern auch Gottesfunken. Gottesfunken, die uns über uns hinauswachsen lassen.

 

Songtext von Ich+Ich, (Adel Tawil), „Vom selben Stern“

Gedicht aus: Rose Ausländer, Mutterland Einverständnis

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

23AUG2024
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Eine Stelle im Markusevangelium ist mir in diesen Tagen besonders wichtig. Dort wird berichtet, wie Jesus seine Jünger nach getaner Arbeit auffordert: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir alleine sind und ruht ein wenig aus.“ (Mk 6,31) Sie hatten zuvor weite Wege hinter sich gebracht, geheilt, gepredigt und oft vor lauter Andrang nicht mal Zeit gehabt, etwas zu essen.

Jesus will, dass sie zur Ruhe kommen…und auch er braucht offensichtlich eine Pause. Auch wenn der eine oder die andere den Kopf geschüttelt haben mag, weil da doch noch so viel zu tun war, weil so viele Menschen darauf gewartet haben, von Jesus geheilt zu werden.

Mir gibt diese klare Ansage Jesu, eine Pause zu machen, zu denken. Ich glaube, diese bewussten Unterbrechungen sind notwendig, um danach wieder besser die Not anderer zu sehen und ihnen helfen zu können. Ich kenne solche Situationen: Wenn ich zum Beispiel völlig ausgelaugt bin, kann ich in einem seelsorgerlichen Gespräch nicht mehr gut zuhören. Das verletzt mein Gegenüber und ich hadere dann mit mir selbst.

Deshalb braucht es eine Unterbrechung. In der Geschichte aus der Bibel fahren Jesus und seine Jünger an einen einsamen Ort, sie fahren über den See an das andere Ufer. Sie wechseln die Perspektive. Sie schauen mit dem nötigen Abstand auf das, was war und wie es war…und sie schärfen so den Blick neu dafür, was dran ist, und was nicht oder nicht mehr.

Der Alltag holt sie vermutlich schneller ein, als ihnen lieb ist. Aber durch diese bewusste Unterbrechung gehen sie vermutlich anders, gestärkt weiter.

Mir gefällt es, dass Jesus seine Jünger ermutigt, diese Pause einzulegen und dass er sich selbst eine Verschnaufpause gönnt.

Wenn ich vor lauter To-do Listen kein Land sehe, dann mag ich mich an diese Bibelstelle erinnern und in Gedanken mit an dieses andere Ufer fahren. Und im Gepäck habe ich dann folgende Zeilen von Dorothee Sölle:

 

„Du sollst dich selbst

unterbrechen

zwischen arbeiten und konsumieren

soll Stille sein

und Freude

dem Gruß des Engels

zu lauschen:

Fürchte dich nicht.“

 

zitiert aus: Dorothee Sölle/Luise Schottroff: Den Himmel erden.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

22AUG2024
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Ich bin immer schon gerne an Flüssen gesessen und habe dem Wasser zugeschaut. Dabei habe ich mir vorgestellt, wie es seinen Weg nimmt, vom kleinen Fluss in den größeren – unaufhaltsam dem Meer zu. Flüsse haben eine beruhigende und zugleich belebende Wirkung auf mich, solange sie nicht über ihre Ufer treten und ihr anderes Gesicht zeigen. Sie sagen mir: Es geht immer irgendwie weiter und leben hat etwas mit In-Bewegung-Bleiben zu tun.

Vor einiger Zeit habe ich in Ulm an der Donau eine ganz eigene Flusserfahrung gemacht. Dort gibt es eine kleine handbetriebene Solarfähre, die Menschen behutsam und ruhig vom einen Ufer an das andere bringt. Ich bin mehrmals hin- und hergefahren. Fasziniert davon, wie der Fährmann, ohne groß einzugreifen, sein Boot sicher durch die Strömung steuert. Er bleibt auch dann ruhig und gelassen, wenn er einmal das Ruder gut festhalten oder dagegen steuern muss, um seinen Kurs zu halten. Vielleicht, weil er weiß, dass sein Boot von einem Seil gehalten wird, damit es nicht abtreiben kann

Als ich die Donau mit der Fähre überquert habe, hatte ich das Gefühl: so ist mein Leben. Am einen Ufer beginnt es, am anderen kommt es zum Ziel. Und mitten auf dem Fluss bin ich ausgesetzt. Der Natur und dem Lauf der Welt. Da versuche ich, mein Lebensboot gut von der einen auf die andere Seite zu bringen. Manche Passagen verlaufen ganz ruhig, so dass ich mich fast treiben lassen kann, bei anderen muss ich schauen, wie ich mit der Strömung zu Rande komme und das Ruder gut festhalte. Wie lange diese Reise dauert, ist ungewiss. Manchmal bin ich unsicher, ob es mir gelingen wird, heil anzukommen. Spätestens dann wird es Zeit, dass ich auf dieses Seil schaue. Das Seil, das die ganze Zeit über mitläuft und dafür sorgt, dass mein Lebensboot nicht ziellos umhertreibt. Und ich spüre, wenn ich diese Verbindung nicht kappe, kann ich mich getrost auf die Fahrt einlassen. Für mich ist diese Verbindung mein Vertrauen in Gott. Von ihm fühle ich mich gehalten und geführt. Und dieses Vertrauen darauf gibt mir immer wieder Kraft, die Stromschnellen in meinem Leben zu meistern und die Stürme auszuhalten. Und ich setze darauf, dass er mich irgendwann an diesem anderen Ufer ankommen lässt und dann in seine Arme nimmt.

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